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Full text of "Die Geschlechtskälte der Frau. (Eine Psychopathologie des weiblichen Liebeslebens). [Störungen des Trieb- und Affektlebens. (Die parapathischen Erkrankungen) III. Band. 2. Auflage]"

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WILHELM STEKEL 



DIE GESCHLECHTSKALTE 

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STÖRUNGEN 



DES 



TRIEB- UND AFFEKTLEBENS. 

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STÖRUNGEN 



DES 






TRIEB- UND AFFEKTLEBENS 

(DIE PARAPMKKM EKKRiKUGEN). 



VON 



D R WILHELM STEKEL, 



NEBVENARZT IN WIEN. 



III. 



DIE GESCHLECHTSKÄLTE DER FR4U. 



URBAN & SCHWARZENBERG 

BERLIN WIEN 

N,, FRIEDRICHSTRASSE 166b L. MAHLERSTRASSE 4 

1921. 



DIE 

GESCHLECHTSKÄLTE 
DER FRAU. 



(EINE PSYCHOPATHOLOGIE DES WEIBLICHEN LIEBESLEBENS.) 



VON 



D E WILHELM STEKEL, 



NKRVKNAKZT IN* WIKN. 



ZWEITE, VEBBESSBBTE UND VERMEHRTE AUFLAGE. 



-*-•-•- 



URBAN & SCHWARZENBERG 

BERLIN WIEN 

N., FRIEDRICHSTRASSE 105b I., MAHLERSTRASSE 4 

1921. 



Alle Kochte, gleichfall* da» Hecht der Übersetzung in die russische Sprache 

vorbehalten. 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Copyright, 1921, by Urban & Schwarzenberg, Berlin. 



Seinem Heben Freunde, 
dem tapferen amerikanischen Vorkämpfer für Psychanalyse 

• Dr. S. A. Tannenbaum 

in New- York 

gewidmet. 



Vorwort zur zweiten Auftage. 

Die erste Auflage dieses Werkes war in kurzer Zeit vergriffen, 
so daß sich die Notwendigkeit einer Neuauflage ergab. 

Diese ist um das wichtige Kapitel „Das kritische Alter" ver- 
mehrt und berücksichtigt auch die neueste Literatur, so daß das 
Buch, in dem ich mich bemüht habe, den verschlungenen Wegen 
des weiblichen Liebeslebens nachzugehen, das Thema der Geschlechts- 
kälte der Frau nach allen Richtungen erschöpfend behandelt und 
vertieft. 

Ich möchte, obwohl das Werk für sich allein dasteht, neuer- 
lich darauf hinweisen, daß die Kenntnis der ersten beiden Bände der 
„Störungen", die kürzlich gleichfalls in neuen erweiterten Auflagen 
erschienen sind, das Verständnis und Studium des vorliegenden 
Werkes wesentlich erleichtert. Auch die „Sprache des Traumes" 
und die „Träume der Dichter" sind Werke, deren Studium in die 
Technik der Psychanalyse einführt und meine persönliche Stellung- 
nahme zu den Problemen der Neurosen und Psychosen vermittelt. 
Von dem erstangeführten Werke ist eine Neubearbeitung in Vor- 
bereitung, welche die neuesten Ergebnisse meiner Forschungen auf 
diesem Gebiete berücksichtigt und insbesonders die Übertreibungen, 
welche wie bei jeder neuen Wissenschaft auch hier Eingang fanden, 
auf das richtige Maß zurückführt. 

Einige aus der ersten Auflage des vorliegenden Buches beibe- 
haltene Anmerkungen entstammen der reichen Erfahrung Prof. Dr. 
Ferdinand Winklers, was ich nicht unerwähnt lassen möchte. 



Wien, März 1921. 



Der Verfasser. 



Inhaltsangabe. 



Die eingeklammerte« Zahlen bedeuten die Nummer der Krankengeschichte, z. H. (Nr. 1) die ernte Kranken 
Beschichte. (Die Krankengeschichten sind fortlaufend numeriert.) 



I. Allgemeine Cieniektspunkte 3 

Die Verbreitung der sexuellen Impotenz. — Wann vorliebt sich der Mensch? 

— Gibt es Menschen, die nie verliebt waren? — Was verstehen wir unter Liebes - 
bereitschaft? — Glück und Liebe. — Das Zweikammersystem: Unterhaus und 
Oberhaus. — Portschritt und Liebe. 

II. Die Liebe auf den ersten Bliek y 

Wie der Blitz der Liebe einschlägt. — Ein Beispiel von Faszination. — 
Was ist Faszination? — Jede Liebe cino Ichliebe. — Die Liebe als Resuha: 
komplizierter Fetischismen. — Beschreibung der verschiedenen Teilanziehungen. — 
Das Haar. — Augenbrauen. — Haarfarbe. — Auge. — Nase. — Spezifische 
Gerüche. — Geruch der Exkremente als Anziehungsmittel (Nr. 1). — Reiz der 
sexuellen Gorücho. — Ohren. — Der Fall eines Ohrenfetisohistcn (Nr. 2). — Mund 

— Zahnlückenfetischismus (Nr. 3). - Stimme. - Erinnerungen an Wiegenlieder 

— Musik als Kupplerin. — Gestalt. — Ein Fall von Pädophilie (Nr. 4) — Arni- 
fotischismuß - Waden. - Hände (Nr. 5). - - Wurzel des Handfetischismus. - 

t~r I kaim ein Feti8ch 6cin - - Schattenliebe. -- Kleidungsfetischisten 

— JJio Licbo wird immer differenzierter. 

111. Individuelle liiebeBbediiigimgeii 32 

Der „Zug nach oben" und der „Zug nach unten". -- Kultur und Neurose. 

— Trennung von Sinn ichkeit und Zärtlichkeit. -- Orientierung de* Kindes nach 
dem Kräfteverhältnis der Eltern. - Das Oedipus- und Elektramotiv. - Einzige 
Kinder. - Schaden der Verzärtelung. - Das kindliche TricMcben - Stärke 
der infantilen Fixationen. - Liebe zu den Dienstboten. - Nostalgie de la boue 

— Der Fall von Flournoy. - Symbolik des Selbstmordes. - Spannung zwischen 
oben und unten. — Der Traum vom Sturz in die Tiefe. — Fall einer Frau die 
nur nach unten lieben kann (Nr. 7). - Männer, dio nur bei Dienstboten potent 
sind. - Em Fall von Dienstbotenliebe (Nr. 8). - Dirne und Mutter - Fülle 
von Rettung von Dirnen (Nr. 9 und Nr. 10). - Fall eines Mädchens, dio am Zuge 
nach unten leidet (Nr. 11). - Empörung gegen die herrschende Moral. - Die 
Psychologie des Ideals. — Distanzlicbe. — Ein Fall von Distanzliebe (Nr. 12). -- 
Der Künstlerkultus. — Dio infantilen Wurzeln der Distanzlicbe. — Die 'De- 
terminierung der Liebeswahl durch infantile Ideale. — Freuds besonderer Typus 
der Liebeswahl. — Das weibliche Gegenstück dazu. — Ein Fall von Reih.'n- 
bildung. — Kettenliebe. — Psychologio der Zwangehandlungen. — Der Wunsch. 

. einer verheirateten Frau den Mann wegzunehmen. — Komplikation der infantilen 
Konstellation durch seelische Momento. — Bedeutung der inzestuösen Objekt wähl. 

— Die drei Stadien des Licboslebens. — Das Problem der Lösung von der 
Familie. — Dio Unfähigkeit, sich zu verlioben, trotz heißer Geschlechtlichkeit. -- 
Ein solcher Fall (Nr. 14). — Ein Fall von Fixierung an den Vater (Nr. 16). — 
Liebesunfähigkeit durch Verdrängung einer Paraphilie (Nr. 17). — Soziale Wurzeln 
der spezifischen Liebosbedingungon. 

Stekel, Störungen des 'I'riob- und Aflektlvbeiii. III. S. Aull. 



X Inhaltsangabe. 

IV. Das sexuelle Trauma der Erwachsenen 61 

Bedeutung der ersten Eindrücke. — Da« erste Erlebnis des Erwachsenen. 

— Die Traumenjagd der Analytiker. — Das somatische Entgegenkommen zur 
Neurose. — Die individuelle Reaktion auf Traumen. — Individuelle Tragfähig- 
keit der Neurotiker. — Das erste Erlebnis der Prüfstein der schwachen Gehirne 

Ein Fall von Katatonie nach einem sexuellen Trauma (Nr. 18). — Hingabe 
ohne Orgasmus ein schweres Trauma. — Eine hysterische Psychose nach einem 
Trauma (Nr. 19). — Erkrankung der Hypophyse nach einem Trauma (Nr. 20). — 
Ein Fall von Freud. — Weitere Beobachtung (Nr. 21). — Das Trauma der 
Brautnacht. — Eigene Beobachtungen (Nr. 22 und 23). — Ein Fall von Freud 
(Nr. 24). — Eho und Brautnacht. 

V. Psychologie der frigiden Frau SO 

Verbreitung der Frigidität. — Die verschiedenen Formen. der Frigidität. — 
Organische Grundlagen. — Das Kindweib, — Einfluß der Bisexualität. — Analyse 
einer Frigidität (Nr. 25). — Onanie und Anästhesie (Nr. 26). — Bedeutung "der 
Onanie für die Frigidität. — Ein Fall von Otto Adler (Nr. 27). — Ein Fall 
von Vaginismus (Nr. 28). — Die Bedeutung der Positionen. — Die verschiedenen 
erogenen Zonen. - Ansichten von Havelock Ellis. — Mehrere Beobach- 
tungen von Moll (Nr. 29, Nr. 36). - Es gibt keine absolut kalte Frau. - 
Eigene Hi-ul.a.-litung (Nr. 37). — Anus als erogene Zone (Nr. 38). — Zwei Fälle 
v«,n K-h"ilter Anästhesie (Nr. 38 und Nr. 39). — Sadistische und masochistische 
Einstollungen (Vergewalügungsphantasie) (Nr. 40). — Masochistische Einstellung. 

— Ein Biß löst den Orgasmus aus (Nr. 41). — Beziehungen der Dyspareunie. — 
Liobcsraseroi verhindert die Befruchtung (Nr. 49). — Orgasmus und Gravidität. 

— Vorstellungen als Hemmung der Libido (Nr. 43). — Die Dyspareunie als 
Strafe (Nr. 44). — Angst als Störung (Nr. 45). — Geheime Gelübde als Ursache 
(Nr. 45). — Angst vor der eigenen Leidenschaft (Nr. 46). — Zwei Fälle von 
Dr. Ferdinand W i n k 1 e r (Nr. 48 und 49). 

vi. Ergänzungen . .* 127 

Die Bahnung des orgastischen Reflexes. — Eine Beobachtung von Mau- 
passant. — Allzustarke Betonung der Vorlust. — Infantile Sexualtheoricn 
und ihr Einfluß (Nr. 51). — Entwertung des Mannes (Nr. 52). — Seelische Einflüsse 
und ihre Bedeutung für den Orgasmus (Nr. 53.) — Analyse und Geständnisse ednes 
frigiden Wiener s(iß<n Mädels (Nr. 54). — Wirkung der ewigen Warnung. — 
Einfluß der Liebe auf die Dyspareunie. 

VII. Infantile Fixationen ". . 168 

Die zwei Typen. — Familiensklaven. — Macht der unerfüllten Wünsche. 

— Der Blick nach rückwärts (Nr. 47). — Das Nichtverzeihenkönnen des Neu- 
rotikers. — Der Orgasmus das stärkste Band der Ehe (Nr. 48). — Einfluß in- 
zestuöser Vorstellungen. — Worin besteht die Erziehungskunst? — Liebeswahn- 
ninn alter Jungfern. — Fixierung an den Vater (Nr. 49, 50 und 51). — Nur 
normale Menschen sind sexuell reich. — Fixierung an die Schwester (Nr. 52). — 
Ein ähnlicher Fall (Nr. 53). — Glückliche Frauen sind nicht nervös. — Ein an 
die Mutter fixiertes einziges Kind (Nr. 56). — Die Bedeutung des Vaters für das 
Schicksal. — Ein strenger Vater (Nr. 64). — Die Bedeutung eines starken Vaters. 

— Psychologie der weiblichen Liebe. 

VIII. 11er Wille zur Unlust 193 

Marcinoweki über den Willen zur Lu6t. — Aktive und. passive 
Naturen. — Wille zur Unlust. — Sieg der Psyche über die Physi6. — Statt 
des Orgasmus Schmerzen (Nr. 65). — Der Fall von Tannenbaum {Nr. 66). 

— Analyse einer eigenen Beobachtung (Nr. 67). — Schmerzen als Tugendwächter 
(Nr. 68). — Menstruation und Libido. — Eigene Beobachtung (Nr. 69). 






Inhaltsangabe. 
IX. Eingebildete Liebe 

216 

Trit , 1 .7 rot ,kc I als Schauspieler. - Mechanismus der eingebildeten Liebe - 

(N 7lf-Kamrr m H^ N p 70) -r7 Ir Ein »'S*""** Fa » von Selbig 
(Wr.71). - Kampf um die Persönlichkeit. - Rollo des Irrigators im Liebesloben 

X. Der Kampf der Gesebleebter 928 

Was verstehen wir unter dem Kampf der Geschlechter? - Der Wille zur 
Macht und der Wille zur Unterwerfung. - Herrschsucht kontra Gcnußfreudgkc 

- Die lugende Frau. - Analyse der Frau von Warrens. - Die Lieb Tl , Un- 
glücklichen. • • Die Wonnen der Distanz. - Orgasmus und Xrl ge„„ it - 

S T'V ; S) ^~ Ll ^aber und Ehemann. - Eine Künstlerehe (Nr 74) - 
Flucht vor der Sexualität (Nr. 75). - Das erste Nein. - Ruche an der Lieb: - 
Dm Bedeutung der Brautnacht im Kampfe der Geschlechter (Nr. 76, 77 und 78) 

- Rache für Herabsetzung durch Anästhesie (Nr. 79). - Haß zwischen Mnn 

li\r. bi;. — Die drei Stufen der Erot k von Lnrh — rw it •=!_ . 

Geistige. - Die Legende von.der ^Äl Phats Ä- Ä 
Spaltung des Weibes in eine geistige und tierische Persönlichkeit (Nr 84) - 
Samson und Delila. - Zwei Ideale, eines fürs Herz und das zwei e tal Hi« q- 
(Nr. 85). - Liebe zu Künstlern. - Analyse einer ÄSSTÄ/« ffg. 
nehmen der polaren Spannung zwischen Mann und Weib - aSI . / 

stoßung. Die indifferente Zone zwischen Haß und Lb *£ r f I 2? **" 

Das Gesetz der Rückverwandlung in da.f alte Ich eeh8ChGS Kofa ^ ' 

Xf. IiCbcii8boicli(en . 

•. . .j-i- 

selbst £££? - d HiSl," Cim *ft ■ " °f °**™ ■* vor sich 
lyse einer Ä^^SJ? - Ä.^ ° rgaSmUS " " Die ^ 
Menstruation. - Zwei lSJSSLT Zu T Sa . n,mcnlJan 6 c • z ™chen Psyche und 
von HirschfelH a KäT? von ^x epmann. - - Eine Beobachtung 

"..scjileld. - Anästhesie der Schleimhäute. 

XII. Das kritisebe Aller 

<fem Aller. - Kampf B ,. 8 ™ < ' *»„ "'' SCl ™ J??" "»- Di « A ''s*t vor 

Neurotische Zustände. — Änderuntr der R ev.,r.n„„ v n ^nacr. — 

Weaen und veränderter QeJ^Ä^ ~ ****■ 

XIII. Psyehamilysc einen Falles von Dyspareunie 34 o 

»r Ej 8 *» Erinnenmgen. - Angst vor Schlangen. - Stereotvoe Trän,™ 
Mangelnde Trauer beim Tode der Mutter. - Trau.nainlvKo , 7 i™ 

Analerotik FixipPUllg an don Vat(>r . _ SaSSSÄT - «SS £ 

üblichen Homosexualität. - Religiöse Träume. - Vater und Gdfcbfc» 
Globus hystericus. - Wie das Primat der Genitalzone M ,ta„,leko J T- K n ~< 

- - Ä-Ä^ e Bedt " ( "" e - inf — »Ä Ä WarniS 

XIV. Die Analyse einer SfessaUina ....... 

Ihre Lebensgeschichte. - Bedeutung der jüngeren Schwester i ' 

vor dem Stier. - Ein kindlicher Eindruck und sitae Folgen - D i P üJl 
Arztes ,n der Phantasie. (! ,f iihI dcr Minderwertigkeit - D 1 . ] v* 

ahrungen mit Freiern. -- Wie sie ihren Mann erob te- Der Rat r \ 
lytikers. - Verschiedene Liebschaften. - Sanatorium - Gut . *£„«« 



h* 



j..r Inhaltsangabe. 

Sohnsucht nach dem gigantischen Phallus. - Bedeutung der Sc hwester - Globus 
und seine Bedeutung. - Spezißsche Onaniephantasie. - Wille zur Klarheit. 
Schwind! und seine'psychogenese. - Erziehungsfehler der Mutter. - ? Widerstände 
- Todeswünsche gegen die Mutter. - Arbeit als-He.lmitteL - Wie s.e ihr Kind 
behandelte. - Gelübde. - Vexierschloß der Neurose, -/räum vom Jager. ~- 
Haßgedanken gegfcn das Kind. - Traumanalysen^ - Die Folgen ihrer Fruh- 
neburten. - Ihre Schwester als Masochistim - Sehmerzen beim Schaukel«. - 
Mutterleibsphantasien. - • Psychosexueller Infantilismus. - Träume vom Gold- 
stück - Gewissensbisse verhindern den Orgasmus. - Die Hoffnung auf das 
Jenseits. — Sie läßt den Analytiker sterben. — Gute Vorsätze. - Analyse 
ihres Leidens. — Epikrise. 

YV. Fragment der Analyse eiiier Transvestitin . . ". 429 

Das Mädchen als verkleideter Knabe. — Erster Verkehr mit Mädchen. — 
Erster Koitus in der Ehe. — Heimweh nach dem Bürgertum. — Zweiteilung. — 
Phantasien. — Erster Orgasmus auf normale Weise. — Zwangsvorstellungen. — 
Rolle ihres Vaters. — Ekel vor der Menstruation. — Angst vor dem Nachtkastei 

— Streicheln als höchste Lust. — Narzissmus. — Folgen der Zweiteilung. — 
Kinderhaß. — Angst nach dem Onanieren."— Verdrängung infantiler Erlebnisse 

— Die Phantasie vom Fuchs. — Der Hinterteil der Pferde. — Eine Zwangs- 
vorstellung. — Ablenkung vom Orgasmus. — Kinderspiele. — Salonanalysen. — 
Analyse des Falles. — Epikrise. 

XVI. Rückblick und Ausblick 457 

Das Zerrbild der modernen Frau. — Der Wille zur Unterwerfung. — Die 
Revolte gegen die doppelte Moral. — Ehelotterie. — Doppelliebe. — Bedeutung 
der Einehe. — Der Kampf um freie Liebe. — Das Eheproblem in der modernen 
Literatur — Gefangenenliebe. — Französische Frauen. — Angst vor dem Kinde. 

— Zunahme und Bedeutung der Homosexualität. - Mütter, die ihre Kinder 
hassen - p p en h ei m über Misopädie. - Ungewollte Kinder. - Das Weib 
der Zukunft - Grundlinien der individuellen Moral. - Problem der Einehe. - 
Freie Liebe. - Innerliche Freiheit. - Schlußwort. 









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i 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



Es ist kein Weib so spröd Im weiten Weltenrund, 
Das nicht nach Liebe lechzt Im tiefsten Herzensgrund. 
Ob ihre Hoffart über Mond und Sterne fliege, 
Geschieht's, um den zu suchen, dem sie unterliege. 

Sjjitteler. 



\ 

Stofcel, Störungen du» Trieb- und Affektlebons. III. 2. Au«. 



I. 

Allgemeine Gesichtspunkte. 

Dieses Buch behandelt die seelischen Störungen des Liebeslebens 
die sich bei der Frau als sexuelle Frigidität (Dyspareunie), beim Manne' 
als relative oder absolute Impotenz äußern. Die Darstellung ist des- 
halb schwierig, weil seelische und körperliche Störungen einander beein- 
flussen, sich isoliert oder kombiniert vorfinden, das ■ Krankheitsbild ver- 
dunkeln, seine Psychogene unkenntlich machen und als organisches 
Leiden imponieren. 

Eine einfache Überlegung beweist uns, daß es sich um Zeit- 
krankheiten handelt, die sich auf die Einflüsse einer verfeinerten Kultur, 
zurüekiühren lassen. Wir müssen uns vorstellen, daß es einmal eine 
Zeit gegeben hat, in der es keine impotenten Männer und frigiden Frau™ 
gegeben hat, wie wir auch heute beobachten können, daß diese 
Störungen der Sexualfunktion bei einfachen Leuten viel seltener sind 
als in der kulturellen Oberschichte der Menschheit. Auch bei den Natur- 
volkern sind Impotenz und Frigidität selten. Aber sie kommen auch 
bei ihnen vor! Die Impotenz wird dann als Folge des Zornes der 
Götter, als Wirkung eines Fluches oder Zaubers angesehen, eine Auf- 
fassung, von der sich selbst der höchststehende Kulturmensch nicht 
ferne hält. 

Stellen wir die betrübende Tatsache fest- 
Ein großer Teil der kulturell höher stehenden 
Manner ist relativ impotent, ein großer Teil der 
Frauen aus der gleichen gesellschaftlichen Ob er- 
schichte ist sexuell frigid! 

Ehe wir auf die Psychogenese dieser Leiden eingehen, müssen wir 
uns mit dem Phänomen der Liebe und des VerHebens befassen 

Es ist nicht wahr, daß die N orroalm ens ch en 
sich erst nach der Pubertät verleben! Das Sexual- 
leben eines jeden Menschen - und damit auch das Lieben und Ver- 
heben - beginnt mit dem Tage der Geburt. Der Normalmensch ver- 
hebt sich schon in seiner Kindheit - meist flüchtig - oft intensiv 
Bis zur Zeit der Pubertät ist die Wahl der Liebesobjekte immer unab- 



. Die Geschlechtskälte der Frau. 

hängig vom Geschlecht {Dessoirs indifferenzierte Periode) Das Kind 
ist btaexuell und verbirgt seine Bisexualität mcht. Es wechselt seine 
Objekte sehr häufig. Aber auch der Erwachsene scheint sich periodisch 
immer aufs neue verlieben zu müssen. Möbius^ hat bei Goethe diese 
Perioden der „gesteigerten Brunst" (der neuen Pubertät) deutlich nach- 
.„ wil .son. Immer wieder trat in gleichen Intervallen eine Neigung auf, 
sich zu verlieben, und immer fand sich dann das entsprechende Objekt. 
Selbst zur Zeit der unbeschränkten Herrschaft der Christine Vulpius 
traten diese Neigungen auf. Die Ehe bildete nur -eine Hemmung, aber 
sie konnte die Entstehung eines Rausches nicht verhindern. 

Wie stark ihn als gebundenen Menschen z. B. die Leidenschaft luv 
die schöne Marianne und Bettina hinriß, das bezeugen seine Briefe und 
Gedichte -) Swoboda hat in einem sehr anregenden, durch eine Fülle 
von Material unterstützten Werke „Das Siebenjahr" (Orionverlag, Wien 
und Leipzig 1917) den Nachweis geliefert, daß jedes siebente Jahr ein 
Hochjahr ist in dem sich auch die Sexualität und Schaffenskraft auf 
einem Höhepunkte befinden. Anhänger der chemischen Hypothese des 
Verliehene mögen an eine periodisch gesteigerte Tätigkeit der Puber- 
tätsdrüsc denken, wozu sie die Arbeiten von Steinach*) zu berechtigen 
scheinen Sicherlich greifen immer somatische und psychische Faktoren 
ineinander: Wie dem auch sei, die Tatsache besteht zu recht, daß 
jeder Mensch sich mehrere Male im Leben verheben muß. * o das 

"Tu." Pathologische bei Goethe. Verlag Johann Ambrosius B a r t h-Ldp Z ig 
•-■ Der vor kurzem veröffentlichte Briefwechsel zwischen Goethe und Christine 
Mite «ilt UBB, daß beide sich ihrer polygamischen Neigungen bewußt waren und 
iTltZ offen aussprachen. Fast in jedem Brief, findet sich die Frage, ob der 

^VÄÄiTI^tle „Onanie und Homo—t" verwiesen auf^e 

Aufsehen ^„den Resultate von JJ^^^S " 5 
flÜBSe der vermehrten oder veränderten Puberta sdrus g 

rt:; ;;: v ^hr^tl^rUesen ^ «*. .* *>«««-»* 

aLTSTSL auf die Drüsensekretion. Meine Erfahrungen zogen nur, daß sich auch 
, tri ZiZ psvehisch beeinflussen lassen. Wahrscheinlich reag.eren alle Drusen 
j£3 Ä Reize. Führt doch Sooräen den durch Anfregung* >«*-*£. 
Diabetes auf die durch psychische Beize hervorgerufene Hypersekreüon der Neto« « 
zurück. Ich sah nach seelischer Beruhigung durch Zuspruch oder Hypnose bei Ang.t- 
mmrotikern. die eine Struma hatten, diese Struma in Tagen um einige *g*** 
zurückgehen und nach Erregungen wieder um einige Zentimeter zunehmen. Wer bh* 
als Weib fühlen will, wir« sicherlich auch seine Geschlechtsdrüsen in diesem Sinne be- 
oinßusscn können. Wie wäre es sonst zu erklären, daß nach einer gelungenen seelischen 
Behandtang der Homosexuelle sich zum Männlichen ändert? Daß sein Bart zu wachsen 
BQf&ngt, die 1-Yltansammlungen an den Hüften verschwinden? Es ist sicher, daß eben 
beide Faktoren, die körperlichen und seelischen, eine große Rolle spielen. 



Allgemeines. 5 

nicht der Fall ist, handelt es sich um Opfer, die einer alten bewährten 
Neigung gebracht werden. 

Nun lernen wir häufig Menschen kennen, die behaupten, daß sie 
nie verliebt waren, die wohl beim Geschlechtsverkehr Orgasmus emp- 
finden, aber das Gefühl der Liebe nie kennen gelernt haben. In solchen 
Fällen handelt es sich um Selbsttäuschungen, um pathologische Ein- 
stellungen oder Fixationen des Gefühlslebens an infantile Ideale. Es 
gibt Menschen, die sich den Zustand des Verliebtseins nicht eingestehen 
und sich darüber hinwegtäuschen. Andrerseits kann eine Angst vor dem 
Verlieben und den Folgen der Liebe infolge einer neurotischen Angst 
vor einer allzustrengen Herrschaft des Partners dazu führen, daß jede 
Liebesregung im Keime erstickt wird. Endlich bleiben manche Neuro- 
tiker ihrem ersten Ideale, den Eltern oder Geschwistern, treu — viel- 
leicht die einzigen Beispiele unerschütterlicher Treue, die ich kennen 
gelernt habe. In diesen Fällen handelt es sich um unerfüllte Wünsche, 
welche eben durch ihre Hoffnungslosigkeit die Fixation herbeiführen. 
Denn alles Unerfüllte ist ewig im Menschen. 

Trotz allen heißen Bemühens der Dichter, Philosophen und 
Psychologen ist uns das Phänomen des Verliebens noch ein Rätsel ge- 
blieben. Wir wissen, daß es sich um eine Ekstase handelt (ich vermeide 
den Ausdruck „um einen pathologischen Zustand"), um eine enorme 
Steigerung der Afl'ektivität, um eine zwangsmäßige Einstellung auf eine 
einzige Begehrungsvorstellung. Wir wissen, daß der Verliebte das 
Objekt seiner Liebe überschätzt, daß er blind ist für dessen Fehler, 
daß er taub ist gegen alle feindlichen Stimmen. Gewisse Sexualpatho- 
logen, die alles körperlich erklären wollen, stellten die Behauptung auf. 
es handle sich beim Verliebtsein um eine akute oder chronische Ver- 
giftung mit den Absonderungsstoffen der Sexualdrüsen. Dem wider- 
spricht die Tatsache, daß sich Menschen auf den ersten Blick — oder 
auf einen anderen ersten Eindruck (das Hören einer Stimme, einen 
charakteristischen Geruch, eine bestimmte Geste -usw.) — blitzartig 
verlieben und lange Zeit verliebt bleiben. So rasch kann eine Auto- 
Intoxikation nicht zustande kommen. 

Wir müssen annehmen, daß sich alle Menschen in einem Zustande 
der ..Liebesbereitschaff", in einem latenten Affekt der zärtlichen Er- 
wartung befinden, die einen mehr, die anderen weniger. Diese Liebee- 
bereitschaft, die sich als Sehnsucht ausdrückt, sistiert nur im Stadium 
des Verliebtseins. Da hat man eben sein Ideal gefunden. Das Glücks- 
gefühl des Verliebtseins entspricht auch der Aufhebung des Unlustge- 
fühles „der suchenden Erwartung". Lieben heißt: seinen Gott gefunden 
haben. Da man aber immer sich in dem anderen liebt, so heißt „Lieben": 
sich in dem anderen zur Gottheit erheben. Deshalb vergrößern wir 






6 



Die Gescblechtskälte der Frau. 



unser Ideal. Der Schatten dieses Ideals zeigt uns die Konturen unseres 
eigenen Ich. So könnten wir zur Formel kommen, daß alle Menschen 
ewig sich suchen und sich nur zeitweilig in dem geliebten Objekte 
finden. Der herrliche Satz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" . . . 
heißt eigentlich: Finde dich in dem Nächsten, dann mußt du ihn lieben. 
(Oder hassen, was nach dem Gesetze der Bipolarität auf das Gleiche 
hinauskommt.) *Und alle die ewigen Sucher, Ahasver, der fliegende Hol- 
länder, Don Juan, Faust, sie haben immer nur nach dem unerreichbaren 
Ideal gesucht, das sie sich von sich selbst errichtet haben. 

Jedes Glücksgefühl im Leben beruht auf der Liebe. Menschen, 
die sich nicht lieben, können nie glücklich sein. Alle depressiven Zu- 
stände gehen mit Haßgefühlen einher, die sich bis zum Verniclitungshaß 
gegen das eigene Ich steigern können. Der Selbstmord ist die Folge 
dieses nach innen gekehrten Hasses. Der Glücksrausch des Verliebten 
ist die Folge der Liebesekstase. Menschen, die lange an ihrer Fähigkeit 
zur Liebe gezweifelt haben, werden die demütig-dankbaren Sklaven des 
Partners, der sie zur Liebe gezwungen hat. 

Es ist ein Zeichen einer kranken Zeit, daß es so viele Menschen 
gibt, welche die Fähigkeit zur Liebe verloren haben. 1 ) Zur Tragödie 
wird dieses Leiden, wenn dem seelischen, oft brennenden Verlangen 
nach Liebe die körperliche Reaktion fehlt, Auch das Gegenteil kommt 
vor: Körperliche sexuelle Aktivität, der jede seelische Komponente 
(Erotik) mangelt. Diese Zweiteilung der Liebesbedingungen hängt 
mit unserem nervösen „Zweikammersystem" zusammen. Je tiefer das 
Individuum auf der kulturellen Stufenleiter steht, desto sicherer funk- 
tioniert sein Liebesleben. Es ist eben rein tierisch, sagen wir lieber 
vegetativ, es ist reine ,. Rückenmarksfunktion". Das Rückenmark, das 
„Unterhaus", beherbergt die Zentren der Sexualorgane. Je tiefer das 
Tier auf der Entwicklungsreihe steht, desto einfacher ist sein. Sexual- 
apparat; die Sinnesorgane stehen im Dienste des Rückemnarkes. Beim 
Kulturmenschen kommt aber noch ein Oberhaus in Betracht : das Ge- 
hirn. Das Gehirn ist der Sitz aller Hemmungen und künstlich aner- 
zogenen und erworbenen Reize, der Überlegungen und Erwägungen, 
der sexuellen Imperative. Die spezifische Form jeder Liebe wird durch 



') Ola Hause» hat als erster diesen männlichen Typus in seinem Novellenbande 
..Sensitiva amorosa" geschildert, später Paul Bourget in „Mensonges". Auch Splel- 
haoeus „Problematische Naturen" gehören zu den Unglücklichen, welche die dauernde 
Liebesfähigkeit verloren haben. Die Faust-Natur hat ebenfalls ihre Beziehungen zur 
Sexualität. Faust ist der Ewig-Unbefriedigte, der Ewig-Suchende. Folgerichtig kann ihn 
das Grctchen nicht fesseln. Im zweiten Teile der Tragödie geht Faust zu den ., Müttern". 
um das schönste Weib Helena zu erobern. Eine klassische Darstellung, daß die Mutter 
den Schlüssel zu dem Gemache besitzt, wo das Ideal tront .... 



Allgemeines. 7 

den Kampf zwischen Gehirn und Rückenmark determiniert. Das Gehirn 
birgt aber nicht nur die ethischen Hemmungen; es birgt auch Anreize 
in Form von Erinnerungen. Es ist den ersten erotischen Kinderein- 
drücken eigen, daß sie ewig nachklingen und nach Wiederholung ver- 
langen, ja daß sie den individuellen Liebesgeschmack bilden. Unser 
Ideal ist also die Summe vom Ich-Ideal mehr der geliebten Gestalten der 
Kindheit, die uns die ersten sexuellen Eindrücke vermittelt haben . . . 
alle diese Kräfte zur Potenz der Gottheit erhoben. 1 ) 

Ich möchte noch hervorheben, wie stark in der Liebe der ..Wille 
zur Unterwerfung" das Gefühlsleben gestaltet und das Denken be- 
herrsch"!;. Der jedem Menschen innewohnende „Wille zur Macht" ist ein 
Abkömmling des Hasses, den meine Untersuchungen als den grund- 
legenden primären Affekt der menschlichen Seele nachgewiesen haben. 
Der Haß will herrschen und siegen, die Liebe will gehorchen und unter- 
liegen. Im Liebesrausch triumphiert die Liebe über alle Regungen des 
Hasses und Egoismus. Der Liebende ist glücklich, freigebig, neidlos, 
freut sich der Welt und seines Lebens. Er fühlt den Hauch der Gött- 
lichkeit in sich, mit der er sein Ideal schmückt. Denn nur die Liebe ist 
unsterblich. Ihre Werke leben ewig. Der Haß ist sterblich und vergäng- 
lich. Der ganze Fortschritt des Menschengeschlechtes beruht auf der 
Fähigkeit zu lieben. Und jedes Verliebtsein ist eine Bejahung des 
Lebens, ein Bekenntnis zur Fortpflanzung, ein Überwinden des Egois- 
mus durch die Kraft des Egoismus. Daß es so viele Menschen gibt, die 
nicht lieben können, die die Fähigkeit zum Liebesrausch verloren oder 
nie besessen haben, macht das Unglück und die Schande unserer Kultur 
aus. Es beweist un6, daß sich die Menschen auf einem falschen Wege 
befinden, und daß sie eines neuen Propheten bedürfen, der sie zurück- 
ruft und einen neuen Pfad weist, der in das Reich des Glückes und der 
Liebe führt. 



l ) Wie deutlich drückt diese Vergöttlichung MultatuU in seinen „Minnebrieien" 
aus! In einem Briefe an die unsterbliche Geliebte „Fancy" sagt er: 

„Ich Dich etwas lehren? 0, ich hundertfacher Tor, der ich meinte, daß Du 
bestandest, als Jehova die Fundamente der Welt legte! Ich, der glaubte, daß Du ei* 
wüßtest, wie die Gradheit der Erde mit einer Schnur gemessen werde und wie die 
Melodie des Liedes klang, das die Sterne am Tage, nach dem sie gemacht waren, vor 
Freude sangen! Ich dachte, daß Du Gewalt hättest über die Nacht und der Morgen- 
stunde ihren Platz angewiesen! 

Bist Du es nicht, die dorn Pferde Kraft gibt und die den ßehemoth teilt mit 
ihrem Finger? Weißt Du nicht, wie sich die Strahlen des Lichtes zerteilen und 
kannst Du die Zahl der Himmelskörper, die im Orkan kreisen, nicht aussprechen? 
Faltest Du nicht Blitze zusammen, wie Halme und führst Du nicht Herrschaft über 
die Wetter, die leuchtenden, die sich zu Deinem Fuße versammeln, demütig geknickt, 
sprechend: hier sind wir!?" 



J 



8 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



IL 

Die Liebe auf den ersten Blick. 

Ehe wir die Erscheinung der Dyspareunie besprechen, der Krank- 
heit, die sich als Geschlechtskälte der Frau äußert, müssen wir uns mit 
dem' Problem der physischen und psychischen Liebe befassen. Wie 
kommt es, daß zwei Menschen eine so starke sexuelle Affinität zu 
einander zeigen, daß sie über alle sozialen und moralischen Hindernisse 
hinweg nach der Vereinigung streben? Wie ist es möglich, daß diese 
Affinität sich schon durch den ersten Blick entwickelt? 

Zu den interessantesten Problemen des Geschlechtslebens gehört 
sicherlich da6 Problem des individuellen Geschmackes. Besonders bei 
der „Liebe auf den ersten Blick" müßten sich die Bedingungen finden 
lassen, welche zu dem Entstehen des Liebesbrandes beigetragen haben. 
Bei dieser Liebe zeigt sich eine „Liebesbereitschaft", die vielleicht 
keinem Menschen fehlt, aber nur selten zur Geltung kommt. Nur des- 
halb möchte ich meine Untersuchungen von diesem Phänomen ausgehen 
lassen. 

1 laß es eine Liebe auf den ersten Blick gibt, darüber besteht kein 
Zweifel. Nicht nur die Dichter haben uns davon herrliche Schilderungen 
gegeben, auch die Wissenschaft weiß darüber die merkwürdigsten Be 
gebnisse zu berichten. Es ist eigentlich falsch, von der „Liebe auf den 
ersten Blick" zu berichten, denn es gibt eine Liebe auf das erste Hören 
und eine Liebe auf das .erste Riechen. 

Wie sie zustande kommt, das kann ich in der trefflichen Schil- 
derung eines Dichters erzählen: „Man ist scheinbar gar nicht vor- 
bereitet, etwas Besonderes zu erleben. Da begegnen wir einem Mädchen, 
das uns von der Seite anblickt. Wir glauben prüfend oder etwas heraus- 
fordernd. Der Blick des Mädchens mag zufällig auf uns oder auf einen 
anderen gerichtet gewesen sein. Aber es dauert nur eine Sekunde, und 
wir wissen: Wir sind verliebt, es hat wie ein Blitz eingeschlagen. Es 
ist tatsächlich ein „coup de foudre", es kommt mit unwiderstehlicher 
Gewalt, es gibt keine Überlegung dabei, keine Vorbereitung. Und ich 
wußte es: Ich liebe und brannte sofort und war darüber glücklich. Diese 
Liebe währte einige Jahre, obwohl ich keine Gegenliebe fand und den 
Gegenstand meiner Liebe nicht einmal sprechen konnte. Ich hätte mich 
kränken sollen. Sie ließ mir sagen, ich solle sie in Ruhe lassen, ich wäre 
ein unausstehlicher Kerl, ich belästige sie mit meinen Blicken usw. . . . 
Das hinderte mich gar nicht, sie weiter zu lieben. Im Gegenteil Ich 
fühlte erst recht den Triumph, unglücklich zu sein und konnte als 
jugendlicher Lyriker die Wonnen der unglücklichen Liebe auskosten." 



Die Liebe auf den ersten Blick. 9 

..Wenn ich nun dieses Phänomen der Liebe auf den ersten Blick 
näher analysiere, so muß ich gestehen, daß der Blick nur der zündende 
Funke war, der ein Pulverfaß zur Explosion gebracht hat. Das ganze 
Ereignis lag vorbereitet in meiner Seele. Ich wartete nur darauf. Seit 
zwei Jahren machte ich bereits Gedichte und hatte lauter kleine 
Schwärmereien, die meinen lyrischen Bedürfnissen nicht mehr ge- 
nügten." 

Er befand sich im Zustande der Liebesbereitschaft. 
Eigentlich befinden sich alle Menschen latent in diesem Zustande. Ein 
jeder sucht immer die Liebe. Verliebt sein heißt, seine Liebesbereit- 
schaft zu Gunsten eines Menschen aufgeben, der dem geheimen Ideal 
entspricht. Wir wollen später untersuchen, wie dies Ideal zustande 
kommt. Aber Tatsache ist, daß jeder Mensch sein geheimes Ideal und 
seine spezifische Liebesbedingung hat, So erzählt der Dichter über sein 
Ideal: „Ein sehr schönes blondes Mädchen, mit tiefblauen Augen, von 
vielen Männern umworben, das mir lange widersteht, Meine spezifische 
Liebesbedingung war offenbar damals das Unerreichbare des Ideals, 
denn ich war noch jung und wollte mich nicht binden und mir nicht alle 
Möglichkeiten der Zukunft rauben lassen." 

Das Leben erzählt uns eine Menge yon Fällen von Liebe auf den 
ersten Blick. Wir kennen die berühmte Szene aus Romeo und Julia. 
Wir kennen den mächtigen sofortigen Eindruck, den Faust vom Bilde 
Gretchens empfängt. Ich sah einmal ein Lustspiel von Bauernfeld. in 
dessen erster Szene ein Mann einem Mädchen nachgeht, das in einem 
Hause verschwindet. ,, Diese werde ich heiraten!" ruft der Held des 
Stückes und läuft ihr ins Haus nach. 

Ein wunderbares Beispiel von Liebe auf den ersten Blick hat uns 
Kleist im Käthchen von Heilbronn geliefert. Naeh der Schilderung des 
Vaters trug sich der Vorfall folgendermaßen zu: 

„Und während draußen noch der Streithengst wiehert und mit den 
Pferden der Knechte den Grund zerstampft, daß der Staub, als war ein 
Cherub vom Himmel niedergefahren, emporquoll: öffnet langsam, ein 
großes, flaches Silbergeschirr auf dem Kopf tragend, auf welchem Flaschen, 
Gläser und der Imbiß gestellt waren, das Mädchen die Türe und tritt ein. 
Nun seht, wenn mir Gott dor Herr aus Wolken er- 
schiene, so w ü r d ich mich ungefähr so fassen, wie 
s i e. Geschirr und Becher und Imbiß, da sie den Ritter erblickt, läßt 
sie fallen; und leichenbleich, mit Händen wie zur Anbetung verschränkt, 
den Boden mit Brust und Scheitel küssend, stürzt sie vor ihm nieder, als 
ob sie ein Blitz niedergeschmettert hätte! Und da ich sage: „Herr meines 
Lebens! Was »fehlt dem Kind.?" und sie aufhebe: schlingt sie. wie ein, 
Taschenmesser zusammenfallend, den Arm um mich, das Antlitz flammend 
auf ihn gerichtet, als ob sie eine Erscheinung hätte. Der Graf vom Strahl, 
indem er ihre Hand nimmt, fragt: „Wess ist das Kind?" Gesellen und 



]Q Die Geschlechtskälte der Frau. 

Mägde strömen herbei und jammern: „Hilf Himmel! was ist dem Jüngfer- 
lein widerfahren"; doch da sie sich, mit einigen schüchternen Blicken auf 
sein Antlitz, erholt, so denk' ich, der Anfall ist wohl auch vorüber, und 
gehe, mit Pfriemen und Nadeln, an mein Geschäft, Darauf sag ich: „Wohl- 
auf, Herr Ritter! Nun mögt Ihr den Pfalzgrafen treffen; die Schiene ist 
eingerenkt, das Herz wird sie Euch nicht mehr zersprengen." Der Graf 
steht auf; er schaut das Mädchen, das ihm bis an die Brusthöhle ragt, 
vom Wirbel zur Sohle, gedankenvoll an, und beugt sich und küßt ihr die 
Stirn und spricht: „Der Herr segne dich, und behüte dich, und schenke 
dir seinen Frieden, Amen!" Und da wir an das Fenster treten: schmeißt 
sich das Mädchen, in dem Augenblick, da er den Streithengst besteigt, 
dreißig Fuß hoch, mit aufgehobenen Händen, auf das Pflaster der Straße 
nieder: gleich einer Verlorenen, die ihrer fünf Sinne beraubt ist! Und 
bricht sich beide Lenden, ihr heiligen Herren, beide zarten Lendchen dicht 
über des Knierunds elfenbeinernem Bau; und ich alter bejammernswürdiger 
Narr» der mein versinkendes Leben auf sie stützen wollte, muß sie auf 
meinen Schultern, wie zu Grabe tragen; indessen er dort, den Gott ver- 
damme! zu Pferd, unter dem Volk, das herbeiströmt, herüberruft von 
hinten, was vorgefallen sei? — Hier liegt sie nun, auf dem Todbett, in 
der Glut hitzigen Fiebers, sechs endlose Wochen, ohne sich zu regen. 
Keinen Laut bringt sie hervor; auch nicht der Wahnsinn, dieser Dietrich 
aller Herzen, eröffnet das ihrige; kein Mensch vermag- das Geheimnis, 
das in ihr waltet, ihr zu entlocken. Und prüft, da sie sich ein wenig 
erholt hat, den Schritt, und schnürt ihr Bündel, und tritt, beim Strahl 
der Morgensonne, in die Tür: „wohin?" fragt sie die Magd: „zum Grafen 
Wetter vom Strahl", antwortet sie und verschwindet. 

Hier haben wir ein Beispiel von Faszination, wie man es nicht 
schöner schildern kann. Krafft-Ebing hat dem Käthchen von Heilbronn 
eine eigene Studie gewidmet. Die Liebe auf den ersten Blick ist immer 
Faszination. 1 ) Wir verwechseln damit eine Menge von Erscheinungen, 
die scheinbar mit der Liebe nichts zu tun haben und auch nicht Fas- 
zination sind. Es ist falsch, von Faszination zu sprechen, wenn der 
Vogel vor der Schlange gelähmt dasteht, wenn die Henne sich nicht 
wegrührt, weil man einen weißen Strich auf der Diele gezogen hat. 
In diesen Fällen handelt es sich um einen durch Schreck hervorgerufenen 



') Faszination ist meistens ein Aufflammen infantiler Einstellungen, die Erfüllung 
eines Kinderwunsehes. „Wie aus der Ferne längst vergangener Zeiten 
spricht dieses Mädchens Bild zu mi r." Einen ganz besonderen Eindruck 
macht auf dem Theater die Szene, da der fliegende Holländer unter die spinnenden 
Mädchen tritt und auf den ersten Blick die Liebe der spröden, Senta erringt. Daß hier 
die Liebesbereitschaft durch die vorhergehende Hoffnung Sentas. den zur Irrfahrt Ver- 
dammten erlösen zu dürfen, unterstützt wird, gehört zu den besten — vielleicht aus 
dem unbewußten künstlerischen Empfinden Richard Wagners stammenden — psycho- 
logischen Leistungen der Dichtung. Es wäre hier wohl einseitig, nur von einer Faszi- 
nation zu sprechen, weil eben das ganze Sinnen Sentas auf die Erlösung eingestellt ist; 
aber das Aufflammen des Liebesbrandes ist so charakteristisch, daß man die betreffende 
Szene als Schulbeispiel anführen kann. Dr. F. W. 



Die Liebe auf den ersten Blick. n 

Lähmungszustand, um einen Zustand, welcher der kataleptischen Starre 
am ähnlichsten ist. 

Faszination ist vollständige Unterwerfung aus Liebe. Fercnczi 
hat in „lntrojcktion und Übertragung" (Jahrbuch für Psychoanalyse, 
Bd. I) jede Suggestion und sogar die Hypnose als einen Akt der Liebe 
aufgefaßt, die sich unterwirft. Er sagt: „Das Suggerieren und Hypnoti- 
sieren wäre nach dieser Auffassung die absichtliche Herstellung von 
Bedingungen, unter denen die in jedem Menschen vorhandene, aber für 
gewöhnlich durch die Zensur verdrängt gehaltene Neigung zu blindem 
Glauben und kritiklosem Gehorsam — ein Rest des infantil-erotischen 
Liebens und Fürchtens der Eltern — auf die Person des Hypnotisieren- 
den oder Suggerierenden unbewußt übertragen wird." 

Der Faszinierte verliebt sich blitzschnell in das faszinierende 
Objekt, weil es seinem Ideal entspricht. Bei einer solchen Liebe, die 
einen ungeheuren Affektwert hat, schwindet sofort jede Kritik. 

Ein Bäuerlein trifft in der Stadt ein. Auf dem Bahnhof begegnet 
ihm ein vornehmer Herr. Er sagt zu ilim: Sie gehen sofort mit mir! Der 
Bauer glotzt ihn mit großen Augen an, geht mit, er läßt sich in eine 
Wohnung führen, wo er seiner Barschaft, entledigt wird, er läßt sich 
wieder auf die Straße führen,, durch endlose Winkclgassen und Plätze 
zerren, erhält den Auftrag, an einer Ecke zu warten, bis der Herr wieder 
kommt, Es vergehen Stunden, der Herr erscheint nicht. Der Bauer er- 
wacht langsam aus seinem willenlosen Zustand und begibt sich auf die 
Polizei. Es handelt sich nicht um einen dummen, einfältigen Bauer, 
sondern um einen sehr schlauen Menschen, der sich vor den gewöhn- 
lichen Bauernfängern wohl zu schützen weiß. Wehrlos hat ihn die 
Liebe auf den ersten Blick gemacht, die vermittelst der nie fehlenden 
homosexuellen Komponente zustande kam. Der Bauer befand sich, wie 
verschiedene seiner Symptome zeigen, in einer homosexuellen Liebes- 
bereitschaft. Er hatte schon Wochen vor der Reise Träume, die sich 
auf Wien bezogen und mit einer Rauferei endeten, in der er von rück- 
wärts gestochen wurde. Man bedenke auch, daß jede Reise eine Fahrt 
in das Verbotene und Unerreichte darstellt. 1 ) Er kam auch nach Wien, 
um einen Spezialisten wegen eines unerträglichen Juckens im After zu 
konsultieren. Er fühlte sich von einem Nachbarn verfolgt, den er im 
Prozesse belangen wollte. Solche Verfolgungen sindi, wie Freud 2 ) 
trefflich nachgewiesen hat, Projektionen homosexueller Ideen nach 

') Vergleiche das Kapitel: „Weshalb sie reisen" in meinem Buche „Was im 
Grund der Seele ruht". II. Auflage. Verlag der Buchhandlung Paul Kneplor. Wien 1920. 

2 ) Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen 
Fall von Paranoia. Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Dritte Folge. Franz 
Deuticke, Leipzig und Wien 1913. 



nrniMTKiürw i i" ' ' " ' 



, 9 Die Üeschlechtskälte der Frau. 

außen. In dem IL Bande der „Störungen des Trieb- und Affektlebens" 
(Onanie und Homosexualität) habe ich zahlreiche instruktive Beispiele 
für diese Projektionen angeführt. Unser Bauer war ein „latent Homo- 
sexueller", er befand sich im kritischen Alter, in dem die Homosexua- 
lität den Versuch eines Durchbruches im Bewußtsein vorbereitet. Kurz 
- er war in homosexueller Liebesbereitschaft, Sein Ideal war der vor- 
nehme Herr, der sich «u ihm herabläßt. So konnte die Faszination als 
Erfüllung eines geheimen Wunsches zustande kommen. 

\us der Geschichte einer homosexuellen Verführung kann ich 
etwas Ähnliches berichten. Ein Patient erzählt mir, wie er als Knabo 
von einem Studenten verführt wurde. Der Student brauchte ihn nur an- 
zusehen, und er mußte alles machen, was der Student verlangte. Auch 
dieser Patient befand sich als Knabe im Stadium einer gesteigerten 
Liebesbercitschaft. 1 ) 

Wir wissen heute, daß unser Liebesleben in gewissen Perioden 
verläuft, die sich am besten der tierischen Brunst vergleichen lassen. 
In solchen Stadien kann die Liebe auf den ersten Blick, aber auch die 
Liebe auf den längeren Eindruck viel leichter zustande kommen als in 
den Wellentälern unserer sexuellen Erregung. 

Jedermann hat seine spezifische Liebeskurve. Auch die Menschen 
sind dem Gesetze der Periodizität unterworfen. Auf der Höhe der Kurve 
ist die Liebesbereitschaft gesteigert. Sie hat ihre größte Kraft erreicht. 
Treffen Mann und Weib in diesem Stadium erhöhter Bereitschaft zu- 
sammen so kann durch bestimmte Assoziationen und Eindrücke die 
Liebesbereitschaft sich zum Zustande des Verliebtseins entwickeln. 
Diese Entwicklung kann in Minuten, j» Sekunden toi sich gehen, so daß 
man in der Tat von einem „Einschlagen des Blitzes" sprechen kann. 
Aber der Blitz schlägt in ein volles Pulverfaß und die Explosion ist 

vorbereitet. 

Damit diese Faszination zustande kommt, muß die spezifische 
Liebesbedingung oder eine der Liebesbedingungen erfüllt werden. 



M Ein junger Mann erschien bei mir mit der Erzählung, daß er e.ne homosexuelle 
Nacht verbracht habe und daß er wissen möchte, ob er seine Verlobung mit einem 
UebfflWWerten jungen Mädchen lösen müsse; er sei diese Nacht zum ersten Male homo- 
sexuell tätig gewesen und er hätte sich sicherlich nicht verlobt, wenn er von seinen 
homosexuellen Neigungen etwas gewußt hätte. Seinen Partner, den er früher nicht ge- 
kannt habe, hätte er in einem Kaffeehause ersten Ranges gestern nachmittags zum 
ersten Male gesehen; er habe gefühlt, wie dessen Augen auf ihm geruht haben, und 
als dieser sich erhob, um fortzugehen, habe er - ohne ein Zeichen empfangen zu 
haben - die Empfindung gehabt, er müsse nun auch fortgehen. Vor dem Kaffeehaus 
habe ihn der Herr angesprochen, sie seien zusammen ins Theater und zum Abendessen 
gegangen, und dann sei er ihm - willenlos - in die Wohnung gefolgt. Dr. F. W. 



Die Liebe auf den ersten Blick. 13 

Diese Liebesbedingungen können mannigfacher Art sein. Sie 
können sich auf eine körperliche Eigenschaft beziehen, was wir gewöhn- 
lich Fetischismus oder mit Hirschfeld ..Teilanziehung" nennen. Sie 
können aber auch eine geistige Eigenschaft betreffen. So sieht man. daß 
sich Männer oder Frauen in einen Redner blitzartig verheben, wenn 
seine Ideen bei ihnen einschlagen. Ich spreche nicht davon, daß der 
Klang der Stimme diese Unterwerfung hervorrufen kann. Ich betone 
liier absichtlich das rein Psychische, weil die Wege zur Faszination 
körperliche und seelische sein können. 

Eine genaue Untersuchung des Ideals zeigt, daß es sich aus zwei 
Komponenten zusammensetzt: aus den wichtigen ersten infantilen Ein- 
drücken, auf die wir später zurückkommen wollen, und aut der Ent- 
deckung einer Identität mit der eigenen Person. Man liebt eigent- 
lich immer nur sich. Die Ähnlichkeit der Liebespaare, die auf 
langes Zusammenleben zurückgeführt wird, beruht auf der Liebeswahl 
eines ähnlichen Partners. 

Die Liebe auf den ersten Blick beruht zum Teil darauf, daß man 
sich in dem anderen erkennt. Dieser Vorgang kann auf psychischen oder 
physischen Faktoren beruhen. Je einfacher die seelische \ erfassung des 
Individuums ist, desto wuchtiger wirken die physischen Triebkräfte. 

Dabei ist das Gesetz der Bipolarität zu beachten. Das Ich besteht 
aus zwei Gegensätzen. Man wählt nach dem Grundsatze der Identi- 
fizierung oder nach dem der Differenzierung. Die Ähnlichkeit kann 
auch durch den Gegensatz ersetzt werden. Die Liebe zu "\ erwandten 
bezeigt außer den infantilen Wurzeln auch Beziehungen zur Ichliebe, 
zum Narzissmus. Die Verwandten sind Blut von unserem Blute, Fleisch 
von unserem Fleische. Mancher Inzest geht auf übermächtigen Nar- 

zissmus zurück. ' 

Narzissmus ist die Liebe zu sich selbst. Nach der bekannten 
griechischen Sage sah Narziss sein Bild im Spiegel der Wellen und ver- 
liebte sich in sich selbst. Von der Bedeutung des Narzissmus für das 
Lieoesleben der Menschen gibt noch heute der Gebrauch des Spiegels 
Kunde. Lieben heißt wirklich nur: sich in dem anderen finden. Man 
unterwirft sich nur dem eigenen Ich oder seinem bipolaren Gegenteil. 
Unser Ideal ist unser gegengeschlechtliches eigenes Ich. Es ist so, wie 
wir gerne sein möchten. Es kann aber bei Homosexuellen unser eigenes 
-leichgeschlechtliches Ich sein, das Ziel unserer eigenen Sehnsucht. 
Eine kleine Beobachtung erweist die Richtigkeit dieser Behauptung. 
Jeder Fetischist liebt die fetischisten Teile an sich. Ein F u ß f e 1 1- 
schist ist in seinen eigenen Fuß verliebt und kann 

aus dem Anblick dieses eigenen Fußes Lust ge- 
winnen; ein Handfetischist ist auf seine Hand 



14 



Die Geschlechtskiilte der Frau. 



stolz oder träumt, daß er eine schöne Hand be : 
sitzt, und legt großes Gewicht auf die Pflege 
der Hand. Das werden wir in den ausgesprochenen Fällen von Feti- 
schismus, auf die wir. in dem sechsten Bande der „Störungen des Trieb- 
und Affektlebens" noch ausführlich zurückkommen werden, besser be- 
weisen können. Aber noch ein Beweismoment: Jeder sucht die erogenen 
Zonen bei dem weiblichen Partner, die ihm selbst eigen sind. Hat 
ein Mann Lustgefühle beim Küssen des Ohres, so wird er seinem Partner 
gerne das Ohr küssen und dabei eine ebenso starke Libido empfinden, 
als wenn er der passive Teil wäre. 

Der Fetisch ist der Träger der Liebesbereitschaft. Er vermittelt 
die Übertragung vom Ich auf da6 Objekt. Bekannt ist der Ausspruch 
von Binet: ..Die Liebe ist das Resultat komplizierter Fetischismen." 
Tarde (zitiert nach Havelock Ellis, „Die krankhaften Geschlechtsemp- 
findungen", Würzburg, Stubers Verlag, 1907) meint sogar, daß es lange 
dauere, bis man sich in eine Frau verliebe, man müsse erst eine Ent- 
deckungsreise um die geliebte Person machen. „Der treueste Liebhaber 
liebt dasselbe Weib nicht zwei Tage hintereinander gleichmäßig." Das 
stimmt mit meinen Erfahrungen nicht. Auch möchte ich mich Kr äff t- 
Ebing nicht anschließen, der die gesamte sexuelle Selektion als eine Art 
von Fetischismus betrachtet. Allerdings spielt der „kleine Fetischis- 
mus" bei der Objektwahl eine große Rolle und führt zu den merkwürdig- 
sten Liebesbedürfnissen und Geschmacksrichtungen. Wir können 
Havelock Ellis recht geben, wenn er ausführt : „Unter den unbegrenzten 
Möglichkeiten der Symbolismen kann sich das Individuum ein Ideal 
schaffen, welches oft, soweit es ihm bewußt wird, und vielleicht tat- 
sächlich nicht selten ein absolutes Unikum in der Geschichte der 
menschlichen Seelenzustände bildet," 

Wir werden bei der Analyse der komplizierten Fälle von Feti- 
schismus (Band VI) sehen, wie der Wunsch nach Originalität beim 
echten Fetischismus sich bemüht, dieses Unikum zu schaffen. Jetzt 
wollen wir nur festhalten, daß die Wahl der eigenen erogenen Zone 
bei der Liebe auf den ersten Blick und auch bei der langsam entstehen- 
den Liebe eine große Rolle spielen kann. 

Wir wollen nun jene Reihe der physischen Momente besprechen, 
welche bei der Liebeswahl in physischer Hinsicht in Betracht kommen. 

Fangen wir mit dem Haare an. Männer verlieben sich oft blitz- 
artig in eine Frau, welche eine besondere Haarfarbe oder ein sehr 
reiches Haar aufweist. Die Farbe des Haares, sein Duft, die Art der 
Haartracht kommen da in Betracht. Oft ist die Vorliebe für reiches 
Haar mit einem Pelzfetischismus verknüpft. Die Anklänge an Zoophilie 
ließen sieh leicht nachweisen, ebenso die infantile Wurzel dieser Eigen- 



Die Liebe auf den ersten Blick. 15 

heiten. Für viele macht das Krauen und Wühlen im Haare den höchsten 
Genuß aus. (Offenbar eine Reminiszenz an die Kinderzeit, in der die 
Erwachsenen so gerne mit den Haaren der Kinder spielen. . . .) Aber 
auch das Fehlen des Haares kann eine Liebesbedingung sein. 1 ) Bekannt 
sind die Fälle von Glatzenfetischismus. Gewisse Frauen können nur 
Männer Hellen, die eine Glatze haben. In einem solchen Falle konnte 
ich neben der Erinnerung an den geliebten Oheim, der glatzköpfig war, . 
noch die Vorstellung nachweisen, daß die Glatzen durch intensiven 
Liebesgenuß entstünden. Die Frauen werten solche Männer als erfahrene 
Routiniers, oder sie halten dafür, daß das Feuer schon ausgebrannt 
sei. . . . Daß der Bart und der Schnurrbart eine große Rolle spielen, 
weiß jeder Kenner dieser Materie. Oft sind gewisse Barttrachten, 
z. B. der „Es iet erreicht-Schnurrbart" mit Ekel belegt. (HirschfeUh 
„Antifetischismus") . Dieser Ekel stammt au6 der Vorstellung von der 
großen Sinnlichkeit dieser Männer und pflegt bald zu verschwinden, 
wenn die Frauen sich gerade in einen solchen Mann verlieben. Er diente 
nur als Sicherung gegen die eigene Sexualität. Daß rasierte Männer 
und bärtige Frauen der homosexuellen Komponente sehr entgegen- 
kommen und eine bestimmte Liebesbedingung darstellen, habe ich 
wiederholt beobachten können. Dieselben Momente dienen auch als 
Antifetisch. Männer, welche die homosexuelle Triebrichtung gänzlich 
verdrängt haben, können sich vor Frauen ekeln, die behaart sind. So 
kenne ich einen Mann mit starkem homosexuellen Einschlag, der un- 
glücklich war, als er in der Brautnacht auf dem Bauche seiner Frau eine 
leichte Behaarung entdeckte. Er weinte viele Monate darüber und 
konnte den Ekel vor dieser Stelle nie überwinden.-) 

Ähnliche Beziehungen können bezüglich der Augenbrauen 
herrschen. Starke zusammengewachsene Augenbrauen können für 
Frauen als Fetisch oder Antifetisch dienen, je nachdem der sexuelle 
oder antisexuelle Instinkt in Frage kommt. Affektbetonte Erinnerungs- 
bilder aus der Jugend spielen hierbei eine große Rolle, während sie 



i ) Es gibt eine große Gruppe von Prostituierten, welche sich sorgfältig alle Haare 
am Körper ausziehen, um haarlos zu erscheinen; das Abrasieren iet für ihre Zwecke 
unbrauchbar, da die nachschiebenden Ilaarbälge eine harte Empfindung dem darüber 
fahrenden Finger verursachen. Und es ißt sicherlich kein kleines, dem Liebesbedürfnis 
der Männer gebrachtes Opfer, die reiche Behaarung am Venusberg durch Epilation oder 
gar durch Elektrolyse zu entfernen. Übrigens gibt es in Wien gutgestellt« Aphroditen- 
priesterinnen, welche auf dem Wege der Röntgenbestrahlung sich einerseits die Sicher- 
heit vor der Empfängnis (durch Bestrahlung der Eierstöcke) und andrerseits die Vor- 
täuschung der Jugendlichkeit durch Elimination der Behaarung am Unterkörper herbei- 
führen .ließen. Dr. F. W. 

2 ) Vgl. das Kapitel „Masken der Homosexualität". Band II der „Störungen". 
II. Auflage, Seite 170, Fall Nr. 28. 



l6 Die Geschlechtskälte der Frau. 

beim echten Fetischismus überschätzt werden. Oft wird die eigene 
Minderwertigkeit durch die Wahl eines glücklicheren Partners abge- 
glichen Wie häßliche Männer gerne auffallend schöne Frauen wall en, 
die schönen Frauen die häßlichen Männer vorziehen, weil sie dem 
Tierischen, der rohen Sexualität näher zu stehen scheinen, so kann ein 
Mann mit spärlichem Haarwuchs eine Frau bevorzugen, die reiches 
Haar hat, also, sein eigenes Ideal darstellt, den Zustand, wie er gerne 

sein möchte. ,. , 

i )ic Farbe der Haare steht unter den Liebesbedingungen in vorder- 
ster Linie Eine Statistik soll nachgewiesen haben, daß der Durchschnitt 
die Blonden bevorzugt. Das hängt gewiß nur mit den Schutzmaßregeln 
zusammen, welche die Kulturmenschen anwenden, um sich gegen ihre 
eigene Sexualität zu sichern. Man hört oft von Frauen, daß sie diesen 
oder jenen Mann nicht geheiratet haben, weil er auf sie einen zu sinn- 
lichen Eindruck gemacht habe. Diese Flucht vor der Sexualität laßt 
in den Statistiken die Liebe für blond mehr hervortreten. In Wirklich- 
keit scheint mir die schwarze Farbe bevorzugt zu werden. Der Schwarze 
gut als feurig und sehr sinnlich. Je dunkler die Farbe, desto hoher 
schätzt man seine sexuelle Begehrlichkeit ein. In bezug auf die 1 arbe 
,i dien sich dann dje wunderlichsten Liebesbedingungen ein, die gerade 
bei der Liebe auf den ersten Blick eine große Triebkraft entfalten. 

,,„„. wil .i lt ipe «olle, vielleicht die wichtige bei der Liebeswahl. 
spielt das Auge. Hier kommen die Farbe, die Form, der Glanz der Blick 
in Betracht Augen können einen verbuhlten Blick haben : die Lider halb 
geschlossen, der Glanz matt schimmernd. Daß die haloni er ten Augen, 
der bekannte blaue Rand, als Zeichen der Sinnlichkeit und der Onanie, 
des übermäßigen Geschlechtsgenusses gelten, ist im \olksmunde sehr 
,.,,„,.,„., Al)( , aueb kranke Augen, kürißtiiehe Au.en ^elende 
Aug n können eine Liebesbedingung sein. Bekannt ist der Fall des be- 
Hhnten Philosophen Descartes, der nur für schielende Frauen 
hwi mte Der Glaube an den bösen Blick zeigt von der Allmach . 
1 man dem luge zumutet. Die Faszination kommt hauptsächlich 
n io Art de: Blickes zustande. Die Art des Blickes kann als 
^ sb ingung eine große Rolle spielen. So erinnert sich der Dichte, 
dem vir die Schilderung seiner ersten Liebe verdanken, daß er sich in 
seine erste Liebe blitzartig verliebte, als sie schelmisch aur beite sah 
Jahrzehnte nachher konnte er den gleichen Blick bei seiner Mutter 

"-FZn wollen gerne aus den Augen lesen und lehnen Männer 
wegen ihrer Augen ab, wenn sie sich vor ihnen ttr cMen W 
lugen fliehen sie, weil sie „durchdringend"' sind. Die Sexual^ mbolik 
Zk Auges ist den Ärzten viel zu wenig bekannt. Das Auge «rt -ine 
erogene Zone allerersten Ranges und kann in bestimmten Fallen die 



Die Liehe auf den ersten Blick. {~ 

Funktion eines Genitales erfüllen. Küsse auf die Augen spielen in diesen 
Verschiebungen von unten nach oben (Freud) eine große Rolle l ) und 
können sogar bis zum Orgasmus führen. Manche Menschen können in i t 
den Augen geschlechtlich verkehren. Bei der Liebeswahl entscheidet 
häufig der erste Eindruck, und dieser wird doch von dem Auge ver- 
mittelt. Das Auge prüft jeden Menschen auf seine sexuellen Qualitäten. 
Diese Prüfung geht ganz nebenbewußt vor sich. Frauen äußern sich 
dann gewöhnlich: „Diesem Manne könnte ich um keinen Preis der Welt 
einen Kuß geben.'' Männer entkleiden oft mit den Augen den Partner 
auf den ersten Blick. 

Nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung der Nase. Die Be- 
ziehungen zwischen der Geschlechtsfunktion und der Nase sind von 
Fließ in überzeugender Weise klargestellt worden. Der Volksglaube 
hat diese Ansicht längst vertreten. Aus der Größe der Nase wurde auf 
die Größe des Gliedes geschlossen. Männer mit großer Nase sollen 
sinnlich sein. Ich kenne einige Fälle, in denen die Form der Nase bei 
der Liebeswahl eine ausschlaggebende Bedeutung hatte. 2 ) Wir sehen 
auch, daß bedeutende Maler fast immer die gleiche Nase malen. Bei 
Rubens (Helene Fourment!) und bei Rembrandt (Saskia) ist das be- 
sonders deutlich. Menschen verlieben sich in Stumpfnäschen, in 
griechische Nasen, in kleine und große Nasen. In pathologischen Fällen 
wird die Nase zum Genitale. Krafft-Ebing beschreibt den Fall eines 
Mannes, der in die Nase ejakulieren mußte, um den höchsten Orgasmus 
zu erzielen. Ich kenne einen Studenten, den das Vibrieren der Nasen- 
flügel sofort in Erregung bringt und dessen Orgasmus am schnellsten 
ausgelöst wird, wenn er eine Frau auf die Nase küßt. Auch hier haben 
„Verschiebungen von unten nach oben" und infantile Fixierungen eine 
große Bedeutung. Auch die Größe der Nasenlöcher wird als Liebes- 
bedingung gefordert, mehr als man es ahnen würde. Ihre wichtigste 
Bedeutung hat die Nase als Träger des Geruchssinnes. Es ist ja be- 
kannt, daß die Mehrzahl der Völker nicht den Lippenkuß, sondern den 



x ) Unter den Tribaden gehören Augenküsse zu den nieislgetihtui Liebkosungen, 
Während der Kunnilingus nicht, wie gewöhnlich angenommen wird, als Hauptziel der 
geschlechtlichen Vereinigung gilt. Die lesbische Liebe sucht viejmehr die Liebe : .in 
artiste", und nur jene homosexuellen Beziehungen zwischen Frauen haben Bestand, bei 
denen sich eine ästhetische Empfindung über die beiderseitige KörperbeschatTcnheit eincicllt. 

Dr. F. If. 

-') Das Aufsetzen von großen Nasen während der Narrenfeste, die im Mittelalter 
nichts anderes als große von dem Staate und der Kirche gebilligte Orgien waren, und 
die ihren schwachen Nachklang in unseren Faschingsumzügon und Maskeraden haben, 
hatte zweifellos einen sexualsymbolisehen Sinn; das Exhibicren der Nasenvergrößcriing 
war an Stelle des Phallusdienst.es bei den Dionysischen Festen und den Sntomalien 
getreten. Dr. F. II'. 

StekeJ, Stijrnngim des Trii-b- und Affektlebens. III. 2. Aul!. ■) 










18 



Die (Jcschlechtskälte der Frau. 



Nasenkuß der Hunde verwendet. Bei ihnen dient der Kuß dazu, um 
den Geruch des Partners festzustellen. Seinerzeit hat die Seelentheorie 
von Gustav Jäger einiges Aufsehen gemacht, der alle Neigung auf 
den Geruch zurückführen wollte. Wenn unsere Zeit auch den Geruchs- 
sina größtenteils geopfert hat, so läßt . sich leicht nachweisen, daß 
eine der wichtigsten Liebesbedingungen des Menschen der Geruch 
des Partners ist. Schon die Redewendungen „Ich kann den Kerl nicht 
riechen oder nicht schmecken", spricht dafür. Frauen, welche ihre 
Männer nicht lieben, finden meist, daß er aus dem Munde riecht. . . . 
Andrerseits betonen Liebende immer wieder, daß der Gegenstand der 
Liebe „so gut rieche". 

Es ist gar keine Frage, daß auch der 'schlechte Geruch, der Ge- 
stank, ein bedeutsames sexuelles Stimulans darstellt. Der Schweißgeruch 
ist für viele Menschen ein Aphrodisiacum allerersten Ranges. Tiroler 
Burschen pflegen sich beim Tanzen ein Taschentuch in die Achselhöhle 
zu legen und es" dann der Tänzerin, die sie begehren und die den Be- 
werbungen bisher Widerstand geleistet hat, unter die Nase zu halten. 
Der Widerstand soll dann gebrochen • sein und sie soll in eine hoch- 
gradige sexuelle Erregung geraten, so daß der Bursche mit ihr machen 
kann, was er will. 

Auf dem doppelten Vermählungsfest des Königs von Navara mit 
Margarete von Valois betrat der Herzog von Anjou, der nachmalige 
König Heinrich III., ein abgelegenes Gemach, um sich vom Tanze zu 
erholen. In demselben hatte die schöne Maria von Cleve, die Braut des 
Prinzen von Conde, ihr vom Tanzen durchnäßtes schweißiges Hemd mit 
einem frischen ausgewechselt. Heinrich III. soll sich mit diesem Hemde 
den Schweiß von der Stirne getrocknet haben und sofort von leiden- 
schaftlichster Liebe zur Trägerin des Hemdes ergriffen worden sein. 
Diese Beobachtung könnte man heute noch an manchem Beispiele aus 
der Sprechstunde bestätigen. Ich kenne einen Herrn, der von großer 
Leidenschaft zu seiner Magd ergriffen wurde, weil ihr Schweißgeruch 
ihn so erregte. Schweißfüße sind ein abstoßendes und bei vielen die 
Liebe ertötendes Merkmal. Die Kultur hat in erster Linie die üblen 
Gerüche bekämpft und hier Gegenwerte gegen die einstigen sexuellen 
Anziehungskräfte geschaffen. Nichtsdestoweniger bildet dieser Geruch 
für manche Leute einen starken Reiz. Freud und Abraham führen den 
Fußfetischismus auf die Verdrängung dieses Partialtriebes zurück, was 
ich aber keineswegs bestätigen möchte. 

Daß es eine Liebe auf den ersten Geruch geben kann, mindestens 
eine starke sexuelle Erregung beim Ausschluß aller anderen Sinnesreize, 
beweist der klassische Fall von Binet. 



% Die Liebe auf den ersten Blick. 19 

Ein Student saß in ein Werk über pathologische Anatomie ver- 
tieft auf einer Bank in einem öffentlichen Garten. Plötzlich störte ihn 
eine von einer Erektion begleitete sexuelle Erregung. Er blickte auf 
und bemerkte, daß neben ihm eine rothaarige Dame saß, die einen 
starken Geruch verbreitete, der auf ihn spezifisch wirkte. 

Weniger bekannt dürfte sein, daß es viele Menschen gibt, welche 
die Gerüche der Exkremente bevorzugen und sie immer wieder auf- 
suchen. Der Ekel, der diese Ausscheidungen umgibt, scheint mir auch 
nur ein Schutzwall gegen die verschiedenen koprophilen Und misophilen 
Triebregungen zu sein. Besonders bei jener Erscheinung des Seelen- 
lebens, die wir Infantilismus nennen — wir werden im fünften Bande 
auf einige solche Fälle noch zurückkommen — spielt der Geruch der 
Sekrete und Exkrete immer in die Liebeswahl hinein. Einen diesbezüg- 
lichen Fall kann ich hier mitteilen. 

Fall Nr. 1. Ein Herr verliebte sich auf einem Balle in ein Mädchen, mit 
dem er ein sehr anregendes Gespräch über die letzte Novität im Burgtheater 
führte. Schon am nächsten Tage suchte er ihre Eltern auf und teilte ihnen 
mit, daß er ernste Absichten habe. Das Mädchen habe so vernünftige Ansichten 
geäußert und ein so heiteres Temperament, daß er die Überzeugung habe, er 
werde mit, ihr glücklich sein können. Er suchte mich mit der Braut -auf und 
konsultierte mich wegen schwerer Depressionszustände seiner Braut, die er sich 
nicht erklären könne. Die Braut aber teilte mir mit, als der Bräutigam über 
ihren Wunsch das Ordinationszimmer verließ, daß sie sehr unglücklich sei, 
weil sie die unangenehme Eigenschaft habe, beim Lachen etwas Urin zu ver- 
lieren. Ebenso gehe es ihr beim Husten oder anderen Erschütterungen des 
Bauches, wie Niesen oder krampfhaftem Gähnen. Sie rieche dann nach Urin und 
das habe ihr den Abend verdorben, an dem sie ihren Bräutigam kennen lernte. 
Ob es dagegen kein Mittel gebe? Leider konnte ich ihr nicht viel Tröstliches 
sagen. Einige Wochen später suchte mich der Bräutigam auf und gestand mir. 
daß er an einer Perversion leide. Er könne nur dann geschlechtlich erregt 
werden, wenn er ein Mädchen urinieren lasse, oder durch einen starken pene- 
tranten Uringeruch. Es habe ihn unendlich gefreut, daß seine Braut auf ihn 
so gewirkt habe, ohne daß sie diese Eigenschaft erfüllte. Er sehe darin eine 
Besserung dieses Zustandes. Jetzt aber komme es ihm vor, als wenn er in 
ihrer Nähe Urin rieche, er bekomme sofort schmerzhafte Erektionen und glaube, 
daß es sich nur um Halluzinationen handeln könne. So war es gerade die 
Schwäche seiner Braut, die ihn angelockt hatte, und die Behebung ihres Leidens 
hätte gewiß seine Zuneigung vermindert. 

Ich kenne eine ganze Reihe von Menschen, die sich auf irgend eine 
Weise den Genuß des Geruches von Sekreten oder Exkreten verschaffen. 
Fere beschreibt den Fall eines Mannes, der seine Hand in die Achsel- 
höhle von Feldarbeiterinnen steckte, um dann immer wieder daran zu 
riechen. Ich kenne einen Mann^der den Kunnilingus nur deshalb ausführt, 
um einige Stunden den Vaginalgeruch an seinem buschigen Schnurrbarte 

2* 






20 



Die Geschlecbtskälte der Frau. 



zu genießen. 1 ) Ich erinnere mich an einen anderen Zwangsneurotiker, 
der sich absichtlich seinen Havelock beim Urinieren benäßte und diesen 
kostbaren Hock um keinen Preis der Welt putzen oder gegen einen 
anderen Winterrock vertauschen lassen würde. Ferner habe ich Leute 
behandelt, die mir eingestanden, daß der Geruch des Lokus für sie 
ein großes sexuelles Stimulans und eine Quelle der Lustgefühle wäre 2 ) , 
andere, welche die Papiere, mit welchen sie sich gereinigt haben, längere 
Zeit sammeln. Das Interesse dieser Menschen für den Stuhl ist ganz 
außerordentlich. Die Bedeutung der . Analerotik ist noch immer nicht 
ganz gewürdigt, wenn sie auch von der engeren Freudschule maßlos 
übertrieben wird. Wir werden noch eine ganze Reihe von Fällen kennen 
lernen, in denen die Analerotik und die ganze Skatologie eine große 

Rolle spielt. 

Kein Teil des Körpers ist von der Beziehung zu der Liebeswahl 
ausgeschlossen. So gibt es Menschen, bei denen die Form des Ohres 
eine große Rolle spielt. Ich erwähne den Fall von Ftre, bei dem 
knorpelige Verhärtungen im Ohr, resp. das Spielen mit demselben am 
eigenen Körper Orgasmus auslösen -konnte, ähnlich wie bei dem Mann, 
dem das Reiben einer Warze denselben Effekt erzielte. Daß aber kleine, 
wohlgestaltete Ohren eine große Anziehungskraft haben, weiß ich aus 
zahlreichen Beobachtungen. Ebenso die Form des Ohrläppchens. Küssen 
und Saugen des Ohrläppchens haben in der Ars amandi eine nicht zu 
unterschätzende Bedeutung. Auch das Lecken der Ohren, besonders der 
inneren Teile, soweit sie erreichbar sind, wird geübt, und viele Menschen 
blicken zuerst auf die Ohren des sexuellen Partners. Gewiß ist das 
Tragen der Ohrringe nur ein Mittel, um die Aufmerksariikeit des 
Mannes auf die* Ohren zu lenken. Andrerseits spielt die Mode mit den 
Ohren wie mit den anderen sekundären Geschlechtsmerkmalen. Manche 
Mode versteckt die Ohren unter der Frisur, eine andere läßt sie hervor- 
treten. 3 ) 

Durch das Phänomen, das Freud entdeckt und ,.die Verlegung von 
unten nach oben" genannt hat, bekommt das Ohr auch die vollkommene 
Bedeutung eines Genitales. So erklärt sich der folgende Fall: 

*) Ich kenne einen Mann, der ein regelmäßiger Besucher eines Freudenhauses 
ist und für den stets einige feine Taschentücher mit eingetrocknetem Vaginalschleiih 
worbereKel sind, weil er nur durch das Riechen an diesen Tüchern zu der gewünschten 
Erregung kommt. Dt. r . W . 

") Von vielen Männern wird die Position des Kunnilingus eingenommen, um mit 
ihrer Nase in der Nähe der Urethralöffnung zu sein, wobei es ihnen gar nicht einfällt, 
den Akt des Kunnilingus auszuführen. Dr. F. W. 

'■') Das Küssen hinter dem Ohre und das Saugen an den „rosigen" Ohrläppchen 
ist nicht bloß in der Heterosexualiliit eine vielgewürdigte Liebeshandlung; auch bei den 
Homosexuellen beiderlei Geschlechts steht es als vornehme Gunstbezeigung hoch im Wert'?. 

Dr. F. W. 



I>ic Liebe auf den ersten Blick. 



23 



[•'all Nr. 2. Ein 45jä liriger -Mann konsultierte mich wegen einer sexuellen 
Anomalie, die ihn unglücklich macht. Er hat den Wunsch, in das Ohr der 
Partnerin zu ejakuliercn, nachdem er längere Zeit dieselbe Zone geleckt hat. 
Seine Frau wies ihn entrüstet ab, so daß er gezwungen ist, von Zeit zu Zeit 
eine Dirne aufzusuchen. Er führt erst etwas Watta in den Gehörgang ein. Es 
wäre aber sein Ideal, ein so weites Ohr zu finden, daß die Spitze des Penis 
eindringen könnte, ohne daß er sich der Watta dabei bedienen müßte. Ihn 
reizen Frauen mit ausgesprochen großen breiten Ohren. Er bedauert lebhaft, 
daß er nicht Medizin studiert habe, er wäre sonst Ohrenspezialist geworden. 
Bis vor einigen Monaten konnte er noch mit seiner Frau auf normale Weise 
verkehren. Jetzt sei er vollkommen impotent, während die Vorstellung eines 
Ohres ihn mächtig errege und sofort eine Erektion hervorrufe. Er habe mit 
dieser Hilfsvorstellung eine Zeitlang seinen ehelichen Pflichten nachkommen 
können, jetzt versage aber auch dieses Mittel, da der erigierte Penis bei der 
Berührung der Vagina sofort klein und weich werde. Es war leider nicht zu 
ermitteln, auf welchen infantilen Eindruck diese Fixierung zurückzuführen war, 
da der Patient aus Kroatien nur für einen Tag nach Wien gekommen war, um 
mich zu konsultieren. Er kennt alle Formen der Ohren sehr genau und tadelt an 
einem Bilde sofort einen Fehler in der Zeichnung des Ohres. Er meint, daß 
wenige Meister dem Ohre Aufmerksamkeit schenken und findet, daß die 
modernen Meister in dieser Hinsicht den alten überlegen seien. (?) 

Welche Bedeutung spielt erst der Mund bei der Liebeswahl! Dicke 
fleischige, aufgeworfene Lippen gelten als Zeichen starker Sinnlichkeit. 
Ick habe viele Ausnahmen von dieser Regel gesehen. Frauen und 
Männer mit schmalen Lippen, die exzessiv sinnlich waren, und als 
Gegensatz Frauen mit großen, wulstigen Lippen, die kalt schienen und 
denen der Kuß kein Vergnügen machte. Der kleine und auch der große. 
weit gespaltene Mund kommen bei der sexuellen Selektion in Betracht 1 ) 
Die Zunge, die Art, die Zunge zu bewegen, sie herauszust rocken, über 
die Lippen zu führen, die Zähne usw. . . Daß viele Menschen ihre ganze 
Sexualität auf den Mund konzentriert haben, ist eine Erfahrung, welche 
Analytiker immer wieder machen können. Hier wirkt die Verlegung von 
unten nach oben, die besonders bei den hysterischen Symptomen der 
Anorexie, des Brechens und des Heißhungers zum Vorschein kommt. 
Die Größe der Zähne, Prognathie und ihr Gegensatz, selbst Fehlen der 
Zähne, das Tragen eines künstlichen Gebisses dienen als Teilanziehung 
bis zum vollkommenen Fetischismus, der das ganze Sexualobjekt über- 
flüssig macht. So erzählt Iwan Bloch den Fall eines Mannes, der immer 



') Die Rolle de6 Mundes, welche ihm beim Liebesspiel zukommt, wird auch bei 
dessen Vorbereitung deutlich. Wie weit bei vielen .Männern die Vorstellung des Penis 
captivus im Munde mit einer Vorstellung des Festgehaltenwerdens durch den Constrictor 
eunni zusammenhängt, ist kaum sicherzustellen. Zweifellos suchen viele Männer nach 
Frauen mit der Fähigkeit, den Constrictor eunni zu kontrahieren, und begnügen sich 
eventuell mit dem Ersatz durch die Lippenmuskeln. Dr. F. W. 






99 



Die" Geschlechtskälte der Frau. 



nur eine Dirne suchte, welche ein künstliches Gebiß trug. Dieses mußte 
sie ihm übergeben. Er saugte solange daran, bis der Orgasmus eintrat. 

Fall Nr 3. Mich suchte einmal ein Mann auf, der sich nur in Damen ver- 
lieben konnte, welche auf der linken Seite des Mundes eine kleine Zahnlücke 
aufwiesen. Er kämpfte gegen diesen Zwang mit Erfolg an und verliebte sich 
in ein sehr schönes Mädchen, das allen seinen hohen Forderungen entepi ach. 
Während des Brautstandes kamen ihm doch Zweifel, ob er seiner Frau werde 
treu bleiben können, wenn sie keine Zahnlücke hatte. Er bat mich, dies seiner 
Braut zu erklären und sie zu ersuchen, sie möge sich den- linken ersten r/ra- 
molar ziehen lassen. Auf mein Befragen erinnerte er sich daran, daß sein erstes 
Kindermädchen eine solche Zahnlücke zeigte, eine Tatsache, an die er ganz 
vergessen hatte. 

Wir sehen, es hat eine große Bedeutung, daß viele Menschen so 
gerne lachen, um ihre Zähne zu zeigen. Auch in den Dienst der anti- 
sexuellen Tendenzen stellen sich die Zähne. Ich kenne eine ganze Menge 
von Männern und Frauen, die unter den besonderen Objekten ihres Ekels 
Partner mit schlechten Zähnen nennen. In vielen dieser Fälle dient der 
Ekel nur dazu, um die Tyrannis einer infantilen Einstellung zu über- 
winden. Bald hatte die Mutter, bald der Vater dieser Menschen auf- 
fallend schlechte Zähne. Daß diese Dinge noch viel komplizierter sein 
können, weiß jeder erfahrene Psychanalytiker. 1 ) 

Die Klangfarbe der Stimme, ihr Timbre, ihre Stärke, ihre Höhe 
oder Tiefe, ihre Reinheit oder Rauheit entscheiden oft mit unheimlicher 
Schnelligkeit bei der Liebe auf den ersten Eindruck. 

Alexander Dumas der Jüngere erzählt von einer eigenen Beob- 
achtung, die er auch in seinem Romane „La maison du vent' ver- 
wendete. Eine junge Schauspielerin war bei ihm auf Besuch und horte 
aus dem Nebenzimmer die Stimme eines seiner Freunde. Was ist das 
lür eine herrliche Stimme?' 1 sagt sie, nachdem sie die Unterhaltung 
sofort abgebrochen und eine Zeitlang schweigend und entzückt gehorcht 
hatte. Sie verlangt, daß Dumas ihr den Freund vorstelle, und verliebt 
sich sofort in ihn. das heißt sie war es schon vorher. Auch der Freund 
erwidert diese Liebe, und es entsteht „blitzartig" eine Liebe, die lange 
Zeit gedauert haben soll. 

Ich erwähne den Fall, daß eine zwei Jahre durch Korrespondenz 
entstandene Distanzliebe in dem Momente erlosch, als das Mädchen die 



«) Bei Männern, die masochistiseh veranlagt sind, spielt die Beschaffenheit der 
Zähne eine ganz eigene Rolle; sie stellen sich die Empfindung vor, welche BN hatten 
wmv die kleinen Zähne auf ihre Haut zubeißen möchten, und sm verbinden m t dem 
£k auf die „perlende Zahnreihe" eine Vorlust des Wohlgefühl, Bei vxelen der bisher- 
gehörigen Männer kommt sogar die Vorstellung eines Bisses d.eser Zahne m d,e P - 
haut zur Wirkung und sie empfinden den dabei vorgestellten Schmerz -^W** 



Die Liebe auf den ersten Blick. ag 

Stimme des Erwählten hört©. Sexuelle Antipathien übertragen sich leicht 
auf die Stimme. Ich kenne Frauen, welche behaupten, die Stimme ihres 
Mannes erzeuge ihnen Ohrenschmerzen, er spreche zu laut und zu roh, 
seine Stimme hätte ein schnarrendes Timbre usw. Wie groß die Be- 
deutung der Stimme ist, ersehen wir aus der großen Menge von Frauen, 
die sich in Sänger verlieben. Nicht ohne Grund singt man noch heute in 
südlichen Ländern eine Serenade, wenn man das Herz der Schönen er- 
obern will. Zahllos sind die Mädchen und Frauen, welche sich auf den 
ersten Eindruck in einen Sänger, besonders aber in einen berühmten 
Tenor verlieben. Ebenso fliegen den Primadonnen unzählige Herzen zu. 
Hier mengen sich viele Motive. Man denke an die Tendenz, sich in be- 
rühmte Menschen zu verlieben. Unterwerfen wir uns schon, so muß es 
irgend ein König sein. Ein König des Geldes oder ein wirklicher König 
oder ein König in seiner Kunst. ,Je höher der geschlechtliche Partner 
steht, um so leichter wird die eigene Unterwerfung und um so heftiger 
tobt dann der Kampf der Geschlechter zwischen beiden Partnern. Denn 
wir unterwerfen uns nur, damit der andere sich uns unterwirft. Und 
von einem Könige geliebt zu werden, zu erleben, daß er sich vor uns 
beugt,, das ist ein altes infantiles Ideal. Dagegen sieht man oft, daß die 
Ehen mit diesen Königen der Kunst unglücklich werden, weil der eigene 
Stolz sich auf die Dauer nicht zurückdrängen läßt und der Wille zur 
Macht sich später gewaltig durchsetzt. 

Auch ein infantiles Moment spielt bei der Liebeswahl des Sängere 
und der Sängerinnen eine große Rolle: der Umstand, daß wir in der 
Kindheit von geliebten Personen in den Schlaf gesungen wurden, was 
gewiß eine der süßesten Erinnerungen der Kindheit ist. Wir liebten 
diese holden Stimmen, die uns so sanft in den Traum sangen, und suchen 
sie immer wieder. 

„Träume und Erinnerungen 
Nahen aus der Kinderzeit, 
Flüstern mit den Geisterzungen 
Von vergang'ner Seligkeit, 
Und zu Jugondlust-Genossen 
Kehren wir in6 Vaterhaus; 
Arme, die uns einst umschlossen. 
Breiten neu sich nach uns au6" 

singt Graf Schack. 

Aber auch andere Töne vermögen sexuell erregend zu wirken. Ich 
lernte einen Mann kennen, den sanfte Cellotöne sexuell so erregen, daß 
er sofort schmerzhafte Erektionen erleidet. Musik ist die gefährlichste 
aller Kupplerinnen. Tolstoi hat dies Motiv in der Kreutzersonate dich- 
terisch verwertet. Ein Patient erzählt mir: 



■24 



Die Geschleehtskäitc der Frau. 



„Ich spielte .als Student mit einer sehr erotischen Dame wiederholt 
diese Sonate. Sie war immer sehr erregt, wenn wir musizierten, nach 
dieser Sonate nicht mehr als nach einer anderen. Nach der Lektüre 
der erwähnten Novelle von Tolstoi wurde sie nach dem dritten Satze 
rasend wie eine Bacchantin." In diesem Falle spielt sicher die Auto- 
suggestion eine Rolle. Aber ich kenne Melodien, welche bestimmte 
Menschen so aufregen, daß es bei ihnen zum Orgasmus kommt. Dies 
gilt nicht nur für Wagner (Tristan und Isolde!), sondern auch für ge- 
wöhnliche Gassenhauer. So erzählte mir ein intelligenter verheirateter 
Mann, daß ihn die Melodie des Gassenhauers 1 ) „Sei nicht bös" so erregt, 
daß er eine Polhition bekomme. So mag es auch kommen, daß Violin- 
cipieler und Klaviervirtuosen sich mühelos die Herzen erobern. Eine ge- 
heime Assoziation bei allen Frauen, die ich immer wieder konstatieren 
konnte, ist die folgende: Sie schließen aus der großen Kunstfertigkeit 
im Spiele, daß der Virtuose auch ein Virtuose in der Liebe sein werde. 
Manche fragen direkt: „Sind Sie auch in der Liebe so ein Künstler?" 
In den Träumen dieser Menschen kommt immer wieder der Doppelsinn 
dos Wortes „Spielen" vor. Klavierspielen, Violinspielen, Flöteblasen, 
Singen, sind immer im Traume und im Volksmunde Symbole für ge- 
-rhlerhtlichen Verkehr. Die Frauen und Männer erwarten von den 
Künstlern besondere sexuelle Ekstasen und sind dann meistens von der 
Realität sehr enttäuscht. Denn die großen Künstler sind sehr kleine 
Liebhaber. Sie lieben zu sehr sich selbst und ihre Kunst. Ferner hindert 
sie eine immer vorhandene stark betonte Bisexualität an der vollen Ent- 
faltung der erotischen Fähigkeiten. Sie sind häufig impotent, leiden an 
Ejaculatio praecox, die Frauen sind oft frigide und ziehen lesbische Be- 
friedigungen vor. Doch es gibt gewiß Ausnahmen . und man darf in 
diesem Punkte auch nicht allzuviel verallgemeinern. Meine Erfahrung 
hat mir aber bisher die obigen Ausführungen in den meisten Fällen be- 
stätigt. 2 ) 



'l Vgl. das Kapitel ., Prostitution und Musik' - im „Erotodaimon" (Beiträge zum 
BekueUcn Problem) von Dr. J. B. Schneider. Verlag Dr. Schönheil, Berlin -Leipzig- 
Wien 1913. 

-) Die Tatsache, daß Tenoristen, denen eine weibliche Gestaltung der Stimmbänder 
zukommt, auf dem Licbrsmarkte so gesucht sind, stimmt mit der Erfahrung überein, 
daß die Altistinnen mehr Glück in clor Liebe haben als die Sopranistinnen , daß also 
auch hier die Sängerinnen mit männlichem Einschlag von den Männern bevorzugt 
werden. Es hängt dies wohl mit den homosexuellen Regungen zusammen, die jeder 
HeteroSexualität zuzurechnen sind. Das liebesbedürftige Weib sucht im Tenoristen nicht 
den SexualatbJeten, sondern den in der hohen Schule der Ars amandi bewanderten 
Künstler, und der durch alle Liebesmühen verwöhnte Mann hofft von der nicht zu den 
gewöhnlichen Frauen gehörenden Altistin ganz besondere und außergewöhnliche Genüsse. 

Dr. F. W. 



Die Liebe airf den ersten Blick. 25 

Die Größe kann bei der Liebeswahl ebenfalls von einschneidender 
Bedeutung sein. Liebe auf den ersten Blick wird oft durch die Gestall. 
durch den Gang, durch eine gewisse Bewegung, die ein infantiles Er- 
innerungsbild lebendig macht, geweckt. Die Liebe zu Kleinen ist eben- 
so häufig wie die zu Großen. 

Die Liebe zu kleinen Personen dient nur dazu, um eine sehr ver- 
breitete Variation des Geschlechtslebens zu decken, die Paraphilie der 
Kinderliebe. Sie kommt sowohl bei Männern wie bei Frauen vor. 

Fall Nr. 4. Ein 32jähriger Kaufmann konsultierte mich wegen einer 
Leidenschaft, von der er fürchtete, sie werde ihn mit dem Strafgesetze in Kon- 
flikt bringen. Kr könne nur kleine Kinder lieben und begehren. Er habe den 
Koitus schon einige Male bei Dirnen und auch bei anderen Frauen versucht. 
Es habe immer wieder mit einer vollständigen Niederlage geendet. Schon 
diese Wertung der Impotenz als Niederlage zeigt uns die seelische Wurzel 
dieser Erscheinung als Angst vor dem ausgewachsenen Weibe. Er gibt an, daß 
er schon in der Kindheit mit einem kleinen Mädchen sexuelle Spiele aufgeführt 
hat. Dies ist wohl die zweite Wurzel. Er wiederholt immer wieder die eine 
lustbetonte Szene aus seiner Vergangenheit. 

Er ist ein interessanter Beitrag zum Thema „Berufswahl und Neurose". 
Denn er hat sich in der Nähe einer Schule für Mädchen eine Papierhandlung 
errichtet. In dem Momente, als ein Mädchen den Laden betritt, überfällt ihn 
eine Erektion und das Verlangen, das Mädchen ins Nebenzimmer zu locken 
und mit ihm zu spielen. Er hat bisher noch jedesmal Widerstand geleistet, 
fühlt aber, daß es einmal dazu kommen werde, und fürchtet Konflikte mit dem 
Strafgesetze. Ich empfehle ihm, eine Gasse aufzusuchen, in der viele Dirnen 
herumstreichen. Unter diesen befinden sich immer einige, welche das junge 
Mädchen markieren, obwohl sie schon längst über das jugendliche Alier hinaus 
sind. (Eine, die 42 Jahre alt ist, trägt eine Musikmappe und einen Zopf und 
rühmt sich des größten Zuspruches.) Er findet ein solches Objekt und teilt 
mir freudestrahlend am nächsten Tage mit, daß der Koitus vollkommen ge- 
lungen ist und mit starkem Orgasmus verbunden war. Nicht so stark wie bei 
den onanistischen Akten, die er immer nach dem Besuche der kleinen Mädchen 
im Nebenzimmer beim Anblick von Kinderbildern vollzog, aber befriedigend 
genug. Ich gab ihm den Rat, sich nach einer kleinen Frau umzusehen. Ein 
Vermittler übernahm diese delikate Mission und fand ein auffallend kleines 
20jähriges Mädchen, das au ausgesprochenem Infantilismus nichts zu wimsehen 
übrig ließ, überdies noch eine stattliche Mitgift brachte, weil niemand das 
kleine Mädchen heiraten wollte. Er verliebte sich in sie und war ihr gegenüber 
immer potent. Allerdings mußte sie im Hause immer als Mädchen kostümiert 
herumgehen, einen Zopf tragen. ... Er nahm ihr verschiedene Lehrerinnen, 
die sie unterrichten sollten, so daß die Fiktion einer Schülerin noch mehr reale 
Anhaltspunkte aufweisen konnte. 

Auch gewisse Merkmale der Gestalt, schlanke Beine und kurze 
Beine, schöne Arme spielen mit in die Wahlmomente hinein. So be- 
richtet Moll (Die konträre Sexualempfindung, 2. Aufl., Fischers med. 
Buchhandlung, Berlin 1899) über einen Arzt, den nur der Obera r in 
weiblicher Personen erregen konnte. Er beschreibt auch einen Fall von 



2i ; 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



homosexuellem Armfetischismus. Das Muskelspiel des Armes ist ihm 
das Wichtigste beim sexuellen Liebesspiele. Er selbst kann, wenn er 
mit einem Jüngling spricht, kaum dem Triebe widerstehen, den Ärmel 
vom Arme zurückzustreifen. (Wir sehen hier wieder einen Beweis für 
die Tatsache, daß jedermann die eigenen erogenen Zonen am Partner 
sucht.) Beim Geschlechtsverkehre führt er den nackten Arm des 
Freundes zwischen seine Schenkel. Er beobachtet währenddessen das 
Muskelspiel der Arme und schwelgt dabei in einem gewissen Kunst- 
genüsse. 

Wir sehen hier eine merkwürdige Erscheinung, die uns noch be- 
schäftigen wird. Es wird eine Teilanziehung gesucht; die ausgesprochen 
bisexuellen Charakter hat. Denn Arme haben sowohl Männer als Frauen. 
Dieser Patient interessiert sich nicht für das Membrum virile. Im 
Gegenteil! Es ist ihm ekelhaft, wie der Anus, der ihm sogar am ekel- 
haftesten ist. . . . Hier schimmert eine Tendenz durch, dem Manne 
auszuweichen. Freilich hat er auch Ekel vor der Vagina. Wie ja über- 
haupt vor den Geschlechtsorganen. Aber der merkwürdige Charakter 
des anziehenden Organes zeigt uns, daß sich hinter diesem Symbol 
etwas „Bisexuelles" verbirgt. 

Ich kenne einen Mann, der nur für die Waden der Männer und 
viel weniger für die der Frauen schwärmt. In diesem Falle ließen sich 
deutlich die infantilen Einflüsse nachweisen, wenngleich ich betonen 
möchte, daß diese infantilen Einflüsse noch nicht alles beweisen und 
in vielen Fällen nachträglich herangezogen werden. Ich sehe in solchen 
Fällen eine Flucht vor der. Sexualität. Dies gilt natürlich nicht für 
jene Fälle, in denen der Anblick des Armes nur der auslösende Faktor 
des Verlangens ist, den Coitus in vaginam zu vollziehen. Da spielen 
Arme und Waden eine große Rolle. Es gibt Menschen, die Bälle auf- 
suchen, um schöne Arme zu sehen, andere, welche im Regenwetter 
durch die Straßen streifen, um die Waden zu beobachten, die sichtbar 
Börden, wenn die Frauen sich die Röcke hochheben. Ein von mir be- 
obachteter Fall betrifft einen Familienvater, der ein Muster von 
Solidität ist. Er hat nur die eine Leidenschaft, im Regenwetter durch 
die Straßen zu streichen und die verschiedenen Waden zu beobachten. 
Es kommt zu einem Zustande von Priapismus, der manchesmal mehrere 
Orgasmen zur Folge hat. Nach einer solchen „Regenorgie" fühlt er 
eich wie neugeboren und ist viel ruhiger und arbeitslustiger als in 
iangen, trockenen Perioden, in denen er seinem Triebe nicht frönen kann. 

Auch die Hand entscheidet oft über Sympathie oder Antipathie. 
Der italienische Dichter Gabriele D'Annunzio widmet seine Giaconda 
den schönen Händen der Düse. Ich kenne manchen Mann, der Frauen 



Die Liebe auf den ersten Blick. 21 

zuerst auf die Hände sieht, und habe oft von Frauen gehört, daß sie 
den oder jenen Mann lieben, weil er so schöne Hände hat. 

Fall Nr. 5. Fräulein N. M. kommt mit 22 Jahren zu einem Meister des 
Klavierspieles, zu dem sie eine Anempfehlung hat. Sie hat schon vorher einige 
sehr vorteilhafte Anträge abgewiesen und war noch nicht verliebt. Der Meist er 
spielt ihr einige Stücke am Klaviere vor. Sie blickt wie hypnotisiert auf seine 
schönen Hände und verliebt sich auf den ersten Blick in ihn. Er ebenso in 
sie, und es entspinnt sieh ein Verhältnis, das sein und ihr ganzes Leben aus- 
füllt. Dieser Mann widmet seinen Händen eine besondere Pflege. Er hat ein 
eigenes System erfunden, die Hände zu waschen und pflegt sie sehr sorgfältig. 

Die große Bedeutung der Manicure stammt von der erotischen 
Überschätzung der Hände. Bekannt sind ja jene Formen des Sexual- 
verkehres, in denen der Mann der Frau den Phallus in die Hand gibt. 
Viele verzichten dann auf die Immissio in vaginam, weil der Orgasmus 
intor manus größer ist. Wenn wir auch diese Formen als Masken der 
Homosexualität ansprechen müssen (Bevorzugung aller bisexuellen 
erogenen Zonen!), so müssen wir zugestehen, daß eine große Majorität 
der Männer die Berührung des Membrum mit der Hand der Partnerin als 
Bedingung ihrer Lust verlangen. Ja, es gibt Männer, die nur auf diese 
Weise eine Erektion erzielen können, worauf erst die Immissio in 
vaginam möglich wird. Es wird die Hand als erogene Zone noch in 
mancherlei anderen Variationen benützt. Zum Teile rühren diese Para- 
philien, wenn man sie so benennen darf, da sie ja last zum normalen 
Liebesspiel gehören, von infantilen Eindrücken her. Die Kinderpflege 
bringt die Hand fremder Personen mit den verschiedenen Teilen unseres 
Körpers in Berührung. Man denke an den kleinen Hans, der der Mutter 
sagt, sie möge noch einmal mit der Hand zum „Wiwimacher" langen. 
Auf ihre Frage, warum er das wolle, antwortet er: „Weil das so 
gut ist '") 

Fall Nr. 6. Ein vierzigjähriger, großer Künstler ist ein leidenschaftlicher 
Verehrer der Frauen. Er ist leicht verliebt und wechselt seine Objekte alle 
Monate. Er kann ohne Liebe nicht leben. Er bewirbt sich um die Frauen nur 
platonisch und hat mit keiner ein intimes Verhältnis. Er gesteht mir dann, 
daß er sich nur in Hände verliebt. Er küßt den Frauen leidenschaftlich die 
Hände und kommt dabei bald zu Orgasmus. Er onaniert immer mit Phan- 
tasien, daß er einer schönen Frau oder einem Mädchen die weißen, feinen 
Hände küßt. . 

Noch verbreiteter ist die Schätzung des Fußes. Die Literatur 
über den Fußfetischismus umfaßt viele Bände. Die einschlägigen Werke 
sind voll von diesbezüglichen Beobachtungen. Meiner Erfahrung nach 
nimmt der Fußfetischismus eher zu als ab. Die zahllosen neuen Schuh- 



') Freud. Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. Jahrbuch für Psycho- 
analyse. I. Bd., Verlag Franz Dcuticke, 1909. 



28 



Die Gesclileehtskülte der Frau. 



Lc.-;li;it)(\ die Überschätzung einer tadellosen Schuhbekleidung gibt uns 
don Beweis. Ich erinnere mich, wie wir in früherer Zeit uns nicht 
schämten, die Schuhe mit Flecken zu besetzen -und sie zu benützen, 
bis sie tatsächlich unbrauchbar wurden. Heute müssen die Schuhe 
tadellos sein und keine Falten zeigen. Ein Mann mit geflickten Schuhen 
wäre in der Gesellschaft unmöglich. Diese Beobachtung wurde Hin- 
durch den Krieg bestätigt. Die ärmsten Menschen hungerten lieber, 
zahlten unverschämte Wucherpreise für neue Schuhe, ehe sie in ge- 
flickten Schuhen ausgegangen wären. Je teurer die Schuhe wurden, 
desto größeren Stolz setzten die Mielchen darein, ihr tadelloses Schuh- 
werk aufzuweisen .... 

Die Bedeutung des Fußes im Liebesleben der Menschheit ist noch 
immer nicht richtig erkannt. 'Wir besitzen eine Reihe einschlägiger 
Werke, die das hervorheben. Ich mache besonders auf das interessante 
Buch von Aigrcmont: „Die Symbolik des Fußes in Sitte und Glauben 
der Völker" aufmerksam. Gibt es einen Körperteil, der unter Um- 
ständen nicht Fetisch sein und seine Teilanziehung entfalten kann? 
llai'dovk Ullis sagt, mit Recht: 

„Daß der. Busen, der Podex, die Hüften, die Beine von Bedeutung 
sind, möchte ich nur flüchtig erwähnen. Es gibt eben keinen Körperteil, 
iU'v nicht die Funktion einer erogenen Zone zu spielen hätte. Sagt 
doch Stanley Hall: Es gibt keinen physiognomischen Ausdruck, kein 
Detail der Kleidung, -der Haltung, der Handlungsweise, nicht einmal 
irgend ein lebendes Wesen, vielleicht selbst gar nichts in der Welt, 
das nicht bei krankhafter seelischer Verfassung einmal erotogen wirken 
könnte." . . . Ich kann diesen Satz nur bestätigen, möchte aber nur 
den Ausdruck bei „krankhafter Verfassung" bemängeln. 'Es gibt eigent- 
lich in erotischen Angelegenheiten keine normalen Menschen. Man lernt 
Individuen kennen, die in jeder Hinsicht den idealen Ansprüchen an. 
den Normalmenschen entsprechen. Sie tragen aber irgend einen ab- 
sonderlichen erotischen Geschmack mit sich herum, der, einmal erzählt, 
Sie zu kranken Menschen stempelt. Es gibt vielleicht überhaupt keinen 
normalen Menschen. Jeder weicht in irgend einer Hinsicht vom Kanon 
des Normalen ab. Aber in bezug auf das Geschlechtsleben hat man 
eigentlich kein Recht, von Krankheit zu sprechen, sonst müßte man 
gut Dreiviertel der Menschheit als krank erklären. Und wir sehen bei 
dvn Naturvölkern, wie wir es den emsigen Forschungen von Bloch 
verdanken, daß alle unsere Perversionen bei ihnen vorkommen und gar 
nicht als krankhaft aufgefaßt werden. ... Wir werden später bei 
der ausführlichen Besprechung des eigentlichen (großen) Fetischismus 
die seelischen Mechanismen näher kennen lernen und werden das Wort 
von Schopenhauer begreifen lernen, daß alle diese Dinge irgendwie mit 



Die Liebe auf den ersten Blick. -n) 

der Psyche zusammenhängen müssen und sich auch ohne krankhafte 
Veranlagung erklären lassen. Sicherlich wird bei bestehender krank- 
hafter Veranlagung mancherlei von diesen seelischen Absonderlichkeiten 
zu finden sein. Dann müssen wir eben gesteben, daß diese Absonder- 
lichkeiten nicht die Folge der Krankheit sind, sondern daß sie infolge 
der Krankheit deutlicher hervortreten. Wir wissen ja heute dank der 
letzten psychologischen Forschungen, daß bei den Psyehosen dieselben 
seelischen Mechanismen im Spiele sind wie bei den Neurosen. Und 
Neurose heißt nichts anderes als ein Konflikt zwischen Trieb und 
; Icmmung, der sich in einem Symptom äußert. Oft kann der Trieb nicht 
anders bewältigt werden als durch eine Überwältigung des Bewußt- 
seins. Dann hat sich die Neurose in eine Psychose verwandelt. Der 
verborgone seelische Konflikt bricht durch die Hüllen der Hemmungen 
und wird bewußt und durch eine Phantasie gelöst, Welche die Realität 
vollkommen ersetzt. 

Wie sonderbar muten die Fälle von Schattenliebe an und wie 
einfach haben die sich erklären lassen! Goron berichtet über folgenden 
merkwürdigen Fall. Ein Familienvater, der in glücklichster Ehe lebte, 
kehrte nach einer Billardpartie in guter Stimmung heim. Auf dem 
Heimwege sah er auf einem erleuchteten Fenster einen Schatten, in 
'den er sich blitzartig verliebte. Er kehrte monatelang zu diesem 
Fenster zurück, um den Schatten zu bewundern, wenn er seiner teil- 
haftig werden konnte. Er machte nie einen Versuch, die Dame kennen 
zu lernen. Er begnügte sich mit dem Schatten, in den er leidenschaft- 
lich verliebt .war. 

Diese Liebe auf Distanz ist in allen jenen Fällen häufig, wo ein 
starker Wunsch besteht, die Treue nicht zu brechen und doch lieben 
zu können. Auch die Angst vor dem Partner kann eine solche Distanz- 
liebe durchsetzen. Deshalb lieben verheiratete Frauen so gerne Dichter, 
Sänger, Schauspieler* die sie nie kennen lernen wollen. Oder sie lassen 
sich in eine Korrespondenz ein und verhindern jede Gelegenheit, ihr 
Ideal näher kennen zu lernen. Es genügt ihnen die seelische Liebe und 
die ferne Gestalt des Geliebten, welche ihren Phantasien, die sonst 
im Nebelhaften verschwimmen, eine bestimmte Form gibt. Die Phan- 
tasie ist ihnen aber wertvoller als alle Realität. Ja, man erlebt oft, 
daß sie dann enttäuscht werden, wenn sie ein Zufall oder das un- 
gestüme Drängen des Triebes der Ideal gestalt näher bringt. 

Die Schattenliebe scheint auf gewisse infantile Eindrücke zurück- 
zugehen. Freud erzählte mir von einer Hysterischen, die im Beginne 
der analytischen Kur verschiedene Schatten an den Wänden mit Inter- 
esse verfolgte. Es stellte sich heraus, daß diese Halluzinationen auf 
ein Avichtiges Erlebnis der Kindheit zurückzuführen waren. Diese Er- 



30 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



klärung kam erst einige Monate später im Laufe der Behandlung zu- 
tage. Diese Kranke hatte als Kind eine Gouvernante, deren Bett von 
dem ihren durch eine spanische Wand getrennt war. Jeden Abend 
wollte nun das Mädchen die vor ihm geheim gehaltene Szene der Ent- 
kleidung beobachten. Das war nur an den Schatten möglich, welche 
die einzelnen Phasen deutlich verrieten. Auch nach vielen Jahren im 
Kloster setzte sie diese Beobachtung mit Hilfe der Schatten fort. 1 ) 

Ich habe an einem ähnlichen Falle konstatieren können, daß die 
Liebe zu einem Toten sich als Interesse für den Schatten äußerte. Die 
Toten heißen Schatten, man ist im Reiche der Schatten. Das Interesse 
für die Schatten entsprach einem Interesse für einen teueren Toten 
und einer unausgesprochenen Nekrophilie, die in der Liebeswahl auch 
eine nicht zu unterschätzende Bedeutung hat und sich als Interesse 
an Sterbenden, Schwerkranken, Geretteten äußert. Wir werden bei Be- 
sprechung der seelischen Liebesbedingungen noch auf diese interessante 
Erscheinung zurückkommen. 

Wir möchten diese Ausführungen nicht schließen, ohne nochmals 
zu betonen, daß nicht nur Schönheit, sondern auch Häßlichkeit eine 
große Anziehungskraft entfalten kann. Blatternarben, Schielen, Hinken, 
übler Geruch, eine schiefe Nase, ein amputiertes Bein, Brandwunden, 
alle Deformitäten können als stimulierende Faktoren in Betracht 
kommen. 

Zahllos sind aber die Details der Kleidung und der Bewegung, 
des Berufes, des Temperamentes. So liebt der eine nur Frauen, die 
ein Reitkleid tragen, der andere Damen in Reformkleidern. 

Die eine Dame liebt nur Männer im Frack und es macht ihr nur 
ein Vergnügen, mit Männern im Frack zu plaudern; die andere be- 
trachtet Männer im Frack als „Antifetisch" und schwärmt nur für ein- 
fache Kleidung. Das Sportkostüm, die Unterhose, das Mieder, der 
Unterrock, der kleine Hut, der große Hut, die Schnurrbartbinde, der 
große Kragen, der kleine Kragen, der enge Kragen, der schwarze Rock, 
das schwarze Kleid, das kurze Kleid, das Schleppkleid, der Schleier, 
das Pelzwerk, die Eleganz, die Nachlässigkeit, die Reinheit der Kleidung, 



') Bruno Frank schildert in einer reizenden Novelle „Der Schatten", wie sich 
ein Mann in eine Kinoschauspiclerin verliebt, die er nur aus den Schattenbildern kennt. 
Die schwärmerische Liebe der Kinobesucher für gewisse Helden und Heldinnen (Psy- 
lander, Asta Nielsen . . . usw.) ist ja bekannt. Und die griechische Sage, daß sich der 
große Zeus seiner irdischen Geliebten in Form einer Wolke nähert, ist der Ausdruck 
der bei den Südländern stark verbreiteten „Schattenliebe", wie denn auch die Schatten- 
spiele bei den Völkern des Orients außerordentlich beliebt sind. Im Evangelium heißt 
es: „Der heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich 
überschatte n." 



Die Liebe auf den ersten Blick. fi\ 

das schmutzige Kleid, der Handschuh, der Schuh in allen Variationen, 
der Schmuck, die Schmucklosigkeit, der Regenschirm, der Stock, die 
Uhr, das Sacktuch, die Börse, das Retieule, der Muff und die Fäust- 
linge .... alles kann zum Zünder werden, durch den sich die ero- 
tische Energie entladen läßt. 

Das Problem der Liebe auf den ersten Eindruck wird dadurch 
komplizierter, daß sich die meisten Menschen ihrer Fetiscliismen nicht 
bewußt sind. Das macht für viele Liebende das Rätselhafte dieser 
plötzlichen Liebe aus. Sie wissen es nicht, daß sie durch einen be- 
stimmten Geruch, durch die Form eines Körperteiles, durch eine 
charakteristische Geste oder Bewegung an ihr Objekt gebunden sind, 
und rationalisieren diese Bindung durch seelische Kräfte (gleicher 
Geschmack, gegenseitiges Verständnis, gleiche Ansichten usw.). Oft 
klärt irgend ein Zufall die Grundlage der Liebe auf oder die Macht der 
Teilanziohung verstärkt sich im Laufe der Bekanntschaft, so daß sie 
offen zutage tritt. 

Je differenzierter die Menschen sind, desto mehr Schwierigkeiten 
ergeben sich für das Zustandekommen des Verliebens. Wir können uns 
leicht überzeugen, wie rasch bei den unteren Kulturschichten die Nei- 
gungen zustande kommen. Es genügt das Weibchen, nicht ein be- 
stimmtes Weib! Das Männchen, nicht ein bestimmter Mann! 

Die soziale Entwicklung der Liebe äußert sich aber in einer 
immerwährend fortschreitenden Differenzierung der Menschen, in einer 
Erschwerung der Liebesbedingungen. Zu den körperlichen Forderungen 
gesellen sich die seelischen; sie überdecken die primitiven Ein- 
stellungen, sie komplizieren sie, verwandeln sie ins Gegenteil, schaffen 
aus Fetischismen Antifetischismen, aus anziehenden Kräften ab- 
stoßende. Die moderne Liebe muß erst allerlei Hemmungen. 
Schranken, Gegenkräfte überwinden, sie muß sich erst mit dem Intel- 
lekte auseinandersetzen. 

Das Ich des nach Unabhängigkit lechzenden — weil tausendfach 
durch die Forderungen der Ethik gebundenen — Kulturmenschen unter- 
wirft sich nur Aviderwillig, nur gezwungen. Nur überwältigt 
liefert sich der Kulturmensch seinem geschlecht- 
lichen Partner aus. Der Kampf gegen die Fetischismen wird 
immer heftiger. Er spielt sich aber meistens ferne von den Zonen des 
klaren Denkens in „nebenbewußten Sphären" ab. 



;{■_> 



Die (it's.hli-.-htskalto der Frau. 



III. 



Individuelle Liebesbedingungen. 

Die Teilanziehung erklärt sich aus einer Fixierung infantiler 
Eindrücke. Wie alle infantilen Einstellungen wird auch die fetischisti- 
sche dag Opfer der früh einsetzenden Verdrängung. Die ästhetischen und 
ethischen Forderungen der Kultur dissonieren zu grell mit den 
infantilen Begehrungsvorstellungen. Der Kulturmensch kämpft per- 
manent gegen die Herrschaft seiner Triebe, insbesondere gegen die 
Tyrannis der infantilen Sexualität. Er schiebt die seelischen Bedürfnisse 
in den Vordergrund des Bewußtseins und sieht über die Forderungen 
seiner Physis hinweg. Das hängt mit mehreren Momenten zusammen. 
Einerseits -erscheint die jeder Paraphilie geneigte Triebrichtung der 
Kindheit mit den Forderungen der Kultur unvereinbar, andrerseits 
verbirgt die Kindheit die bedeutsame, keinem Menschen fehlende in- 
zestuöse Einstellung. 

Jedes Kind sieht in seinen Eltern zuerst die Gottheit und formt 
sein sexuelles Ideal nach ihrem Bilde. Die Entwicklung des Kindes bringt 
es dann mit sich, daß das Kind sein Ideal als Identifizierung mit den 
Eltern sucht; oder es trachtet die Inzestschranke zu verstärken, indem 
es sein Ideal von den Eltern differenziert. Die doppelte Einstellung des 
Kindes zu den Forderungen der Kultur mit Anerkennung, Unter- 
werfung, Gehorsam oder Auflehnung, Verneinung und Trotz bringt es 
mit sich, daß sich in dem Suchen nach dem Partner, in dem Bedürfnis 
nach Liebe entweder der „Z u g nach o b e n" oder der „Zugna c h 
ii n t eil"' geltend macht. Das Bedürfnis, alle Hemmungen der Kultur 
zu überwinden, führt zum Zug nach unten; macht sich aber das Indi- 
viduum die hochgespannten Forderungen der obersten Kulturschichte 
gänzlich zu eigen, unterwirft es sich ihnen und erkennt es ihre Be- 
rechtigung an, so wird die Liebe den „Zug nach oben" zeigen, die 
seelischen Momente werden die stärkeren sein, die Erotik siegt über 
die Sexualität. Allein die infantilen Einstellungen bleiben ja trotz 
der Vordrängung bestehen. Sie sind beiseite geschoben, aber nicht 
überwunden. Das führt zu schweren Konflikten, welche sich als Liebes- 
krankheiten äußern. 

Um die Liebeskrankheiten zu verstehen, müssen wir uns mit der 
infantilen Sexualität beschäftigen und die Kluft ermessen, die sich 
zwischen den Forderungen der Kindheit und denen des Erwachsenen 
dehnt. Diese Distanz entspricht dem permanenten Spannungsgefühl 
zwischen Urmenschen und Kulturmenschen. Deshalb sind die Liehos- 



• 



Individuelle LiebesbedJDgcmgen. 53 

krankheiten soziale Krankheiten. Der Mensch erkrankt, weil 
er die Forderungen der Kultur mit denen seiner 
Physis nicht in Einklang bringen kann. 

Wir haben gesehen, daß jedes Individuum seine spezifische Liebes- 
bedingung hat. Das heißt, daß seine Sexualität von gewissen Zonen 
und körperlichen Eigenschaften ausgelöst wird. Wäre die Liebe nur ein 
rein physisches Phänomen, so wäre unsere Aufgabe, die spezifischen 
Liebesbedingungen in groben Umrissen darzustellen, erledigt. Aber 
wir möchten es gleich eingangs unserer Untersuchungen betonen, daß 
die Liebe sich aus zwei Komponenten, der physischen und psychischen, 
zusammensetzt. Die Grenzlinie zu finden, ist oft unmöglich. Es gibt 
psycho-physische Symptome, deren Differenzierung nach der einen oder 
anderen Seite unmöglich ist. Wenn ich jetzt die seelischen Bedingungen 
der Liebe bespreche, so werden wiederholt körperliche Eigenschaften 
vorkommen, die gewisse seelische Einstellungen hervorrufen. Die 
Trennung der Liebe in die seelische und körperliche fülirt zu den ab- 
sonderlichsten Erscheinungen im menschlichen Seelenleben. Freud be- 
zeichnet diese Erscheinung als Trennung von Zärtlichkeit und Sinn- 
lichkeit und trifft damit nur eine Erscheinung des Problems. Er 
erschöpft damit nur jene Seite der Frage, welche sich als inzestuöse 
Fixiorung an die Eltern benennen läßt. Nach seinen eigenen Worten 
stellt sich die Trennung zwischen Sinnlichkeit und Zärtlichkeit fol- 
gendermaßen ein: 

„Von diesen beiden Strömungen ist die zärtliche die ältere. Sie 
stammt aus den frühesten Kinderjahren, hat sich auf Grund der Interessen 
des Selbsterhaltungstriebes gebildet und richtet sich auf die Personen 
der Familie und die Vollzieher der Kinderpflege. Sie hat von Anfang an 
Beiträge von den Sexualtrieben, Komponenten von erotischem Interesse 
mitgenommen, die schon in der Kindheit mehr oder minder deutlich sind, 
beim Neu'rotiker in allen Fällen durch die spätere Psychoanalyse aufge- 
deckt werden. Sie entspricht der primären kindlichen Objektwahl. Wir 
sehen aus ihr, daß die Sexualtriebe ihre ersten Objekte in der Anlehnung 
an die Schätzungen der Ichtriebe finden, gerade so, wie die ersten Sexual- 
befriedigungen in Anlehnung an die zur Lebenserhaltung notwendigen 
Körperfunktionen erfahren worden. Die „Zärtlichkeit" der Eltern und 
Pflegepersonen, die ihren erotischen Charakter selten verleugnet („das 
Kind ein erotisches Spielzeug"), tut sehr viel dazu, die Beiträge der Erotik 
zu den Besetzungen der Ichtriebe beim Kinde zu erhöhen und sie auf ein 
Maß zu bringen, welches in der späteren Entwicklung in Betracht kommen 
muß, besonders wenn gewisse andere Verhältnisse dazu ihren Beistand 
leihen." 

„Diese zärtlichen Fixierungen des Kindes setzen sich durch die 
Kindheit fort und nehmen immer wieder Erotik mit sich, welche da- 
durch von ihren sexuellen Zielen abgelenkt wird. Im Lebensalter der 

Stokol, Störungon des Trieb- und Afft-kiU-bons. Tu. 2. Aufl. 3 



34 Die Geschleclitskiüte der Frau. 

Pubertät tritt nun die mächtige „sinnliche" Strömung hinzu, die ihre 
Ziele nicht mehr verkennt. Sie versäumt es anscheinend niemals, die 
früheren Wege zu gehen und mit weit stärkeren Libidobeträgen die 
Objekte der primären infantilen Wahl zu besetzen. Aber da sie dort 
auf die unterdessen aufgerichteten Hindernisse der Inzestschranke stößt, 
wird sie das Bestreben äußern, von diesen real ungeeigneten Objekten 
möglichst bald den Übergang zu anderen, fremden Objekten zu finden, 
mit denen sich ein reales Sexualleben durchführen läßt. Diese fremden 
Objekte worden immer noch nach dem infantilen Vorbild (der Imago) 
gewählt werden, aber sie werden mit der Zeit die Zärtlichkeit an sich 
ziehen, die an die früheren gekettet war. Der Mann wird Vater und 
Mutter verlassen — nach der biblischen Vorschrift — und seinem Weibe 
nachgehen, Zärtlichkeit und Sinnlichkeit sind beisammen. Die höchsten 
Grade von sinnlicher Verliebtheit werden die höchste psychische Wert- 
schätzung mit sich bringen. (Die normale Überschätzung des Sexual- 
. objoktes von Seiten des Mannes.)" 

Ist also die Liebe des Kulturmenschen, wenn wir der Darstellung 
von Freud Glauben schenken, nur ein Kampf zwischen Sinnlichkeit und 
Zärtlichkeit? Das wäre sie, wenn nicht andere Momente von größter 
Bedeutung sich geltend machen würden. Neben dem „Willen zur 
sexuellen Lust" machen sich auch der „Wille zur Macht", der Ehrgeiz, 
die Herrschsucht geltend. Jene Erscheinung, die wir den „Kampf der 
Geschlechter" bezeichnen, kompliziert die Beziehungen der Geschlechter. 
Mann und Weib begehren zwar einander und Bind aufeinander an- 
gewiesen; aber schon in der Kindheit merkt der Mensch, daß zwischen 
Vater und Mutter ein Kampf um die Herrschaft stattfindet. Er wertet 
die Eltern nach ihrer Stärke und teilt sie in den „Stärkeren" und 
„Schwächeren", was für seine spätere Einstellung von größter Be- 
deutung wird. Der sexuelle Partner wird nicht nur das Objekt der 
Lust, er wird auch das Objekt der Herrschsucht. Liebe ist der „Wille 
zur Unterwerfung". „Lieben heißt, sein infantiles Ideal, seinen Gott 
gefunden haben." Doch alle Einstellungen der Menschen sind bipolar. 
Jeder Kraft entspricht eine Gegenkraft. Ist Liebe die Überschätzung 
des Sexualobjektes? Gewiß! Aber in diese Momente mischt sich der 
Kampf der Geschlechter. Der Mann trachtet das Weib zu entwerten. 
Es ist dies seine Rettung vor einer übergroßen Schätzung. Das gleiche 
gilt für das Weib. Es ist daher unrichtig, wenn Freud in der er- 
wähnton Arbeit ausführt: „Von einem Bedürfnis nach Erniedrigung 
des Sexualobjektes ist bei der Frau wenig zu bemerken; im Zusammen- 
hange damit steht es gewiß, wenn sie auch etwas der Sexualüber- 
schätzung beim Manne ähnliches in der Regel nicht zustande bringt." 
Ich weiß nicht, wie Freud zu diesen Schlußfolgerungen kommt. Ich 
konnte bei vielen Frauen ein eminentes Bedürfnis nach Erniedrigung 
des Mannes konstatieren, ja ich möchte dies als die Regel in der Ehe 



Individuelle Liebesbediugungen. 35 

ansehen, freilich in bipolarer Einstellung und mit einem Bedürfnis 
nach Überwertung kombiniert und durch diese gedeckt. 1 ) 

Deshalb erscheint eine Darstellung dieser Probleme so schwierig, 
ja faßt unmöglich, weil sich in verwirrender Fülle verschiedene Kräfte 
ausdrücken: Das Infantile und der Kampf gegen dieses Infantile, das 
Sexuelle und das Antisexuelle, das Körperliche und seine Überwindung 
im Seelischen, „Der Wille zur Unterwerfung" und „Der Wille zur 
Macht". Wir können aus der reichen Auswahl von Möglichkeiten, die 
das Leben bietet, nur einige schematische Darstellungen, nur einige 
markantere Typen hervorheben. Wir werden didaktisch am besten ver- 
fahren, wenn wir diese Fälle in der allgemeinen Darstellung simplifi- 
zieren und uns die kompliziertere Darstellung für einzelne ausgewählte 
Fälle reservieren. 

Wir haben in erster Linie die inzestuöse Einstellung des Kindes 
zu seinen Eltern zu berücksichtigen. Die Psychanalytiker nennen die 
Liebe des Sohnes zur Mutter gerne das Ödipusmotiv und die der 
Tochter zum Vater das Elektramotiv. Der Inzest ist in vielen Fällen 
nur eine Maske des Narzissmus, der Selbstliebe. In den Eltern, in den 
Geschwistern liebt der Neurotiker sich selbst oder ein Stück von sich. 
Eltern und Geschwister sind ihm der Spiegel, in dem er sich selbst 
erblicken kann. 

Eine Quelle des Inzestes erblicke ich in der maßlosen Zärtlich- 
keit 2 ), welche die Eltern der kulturellen Oberschichte ihren Kindern 
angedeihen lassen. Deshalb sind die „einzigen Kinder" vom Hause 
aus prädestiniert zur Neurose. Aus Lieblingskindern werden leicht 
kranke Menschen. . . 3 ) 

*) Das Verhältnis in der Ehe weist nur allzuhäufig du Janusgesicht auf; nach 
außen sucht die Trau ihren Mann zu erhöhen, oftmals freilich nur um bei ihren Üe- 
schlechtsgenossinnen einen gewissen Neid zu erregen und sich in dessen Strahlen zu 
sonnen; nach innen aber führt sie einen systematischen Kampf gegen den Mann, 6ucht 
ihn zu unterdrücken und ihre Herrschaft im Hause zu befestigen. Oar mancher Dienst- 
bote weiß von der entwürdigenden Stellung dos Ehemannes in einer anscheinend muster- 
gültigen Ehe zu erzählen, und Strindberfi hat vielleicht nicht unrecht, wenn er den 
Vergleich der Ehefrau mit dem Vampyr näher ausführt. Dr. F. W. 

s ) Vgl. das Kapitel „Zärtliche Eltern" in „Was im Grund der Seele ruht". 

3 ) Mit den jüngsten Kindern in kinderreichen Familien verhält C6 sich nicht 
anders; man hat früher die Spätlinge deshalb für neurosedisponiert gehalten, weil sie 
einem erschöpften Vater oder einer abgearbeiteten Mutter entstammen, und man hat 
die häufigen Erziehungsmißerfolge bei solchen Benjamins für natürliche Folgen der 
Spätzeugung gehalten; indes spielt auch hier die übergroße Zärtlichkeit, welcho sowohl 
von Seiten der Eltern wie auch von Seiten der älteren Geschwister dem jüngsten Faniilien- 
genossen entgegengebracht wird, eine große Rollo. Die Liebe, welche die ältere Schwester 
dem jüngsten Kinde entgegenbringt, wird von dem Kinde reichlich erwidert, aber nur 
von seinem exzentrischen Standpunkt aus; wehe der Schwester, wenn sie sich einem 
Wunsche des Nesthäkchens einmal entgegenstellt ! Dr. F. W. 

1 3* 



36 Die Geschlechtskälte der Frau. 

Die Liebe des Kindes zu den Eltern ist ein natürlicher Vorgang. 
Die Familie ist die Liebesschule des Kulturmenschen. Er muß trachten, 
daß er nicht ewig in der Volksschule bleibt und muß diese Liebe über- 
winden. Mehr oder weniger ist jeder Knabe in seine Mutter verliebt, 
jedes Mädchen in seinen Vater. Denn es gibt in den ersten Kinder- 
jahren nur eine Liebe, die rein sexuelle, die auf physischer Zärtlichkeit 
beruhendo. Sie ist die gemeinsame Wurzel, aus der sich dann der 
Stamm, die Blätter und die herrlichste Blüte, die seelische Liebe, ent- 
wickeln. Wir wissen heute, daß das Sexualleben des Menschen schon 
mit dem Tage der Geburt beginnt. (Wollen ja einige Psychanalytiker 
sogar das Fötalleben heranziehen und Ferenczi führt allen Ernstes 
den Glauben des Neurotikers an die Allmacht seiner Gedanken auf den 
Aufenthalt im Mutterleibe zurück! . . .) Das kleine Kind, das mit 
allen Trieben des Urmenschen in sexueller und in krimineller Hinsicht 
ausgestattet ist, lernt die Menschen lieben, die ihm Gutes erweisen, 
d. h. irgend ein Lustgefühl erwecken. Die Liebe des Kindes ist absolut 
egoistisch. Es liebt, weil es dafür belohnt wird. So liebt auch der 
Neurotiker, dessen Leiden ja ein potenzierter Infantilismus ist. Er ist 
egoistisch, verlangt für sein Lieben Bezahlung und nähert sich so dem 
Typus der Dirne. Das Kind liebt waldlos, ohne die Sprache des Blutes 
zu berücksichtigen. Es liebt die Amme mehr als die Mutter, das Kinder- 
mädchen mehr als den Vater, wenn sie sich mehr mit ihm beschäftigen 
und ihm mehr Lustempfindungen zuführen. 

Die maßlose Verhätschelung der Kinder erzeugt ein unstillbares 
Bedürfnis nach Zärtlichkeiten, verursacht ein unzerstörbares Haften 
an der Jugend. Der Neurotiker hat den Blick nach rückwärts gekehrt: 

„0 wüßt' ich doch den Weg zurück, den Weg zurück ins Jugend- 
land! Ach, warum sucht ich nach dem Glück und ließ der Mutter 
Hand! . . ." Das Kind ist jedoch nach dem vielzitierten Worte von 
Freud „polyrnorph-pervers". Ich habe hinzugefügt: „universell-kri- 
minell". Natürlich ist das Kind weder pervers noch kriminell, es ist 
eben ein Kind, dem alle unsere Begriffe von gut und böse fehlen müssen. 
Wir bekämpfen nur die Anschauung, daß das Kind blütenrein geboren 
wird und erst die böse Welt es befleckt: Das Gegenteil ist richtig. 
Das Kind ist mit allen Trieben ausgestattet, welche die Menschen beim 
Erwachsenen als Laster bezeichnen. Seine Sexualität liegt vollkommen 
ausgebildet da. Erektionen bei Neugeborenen und bei Säuglingen kann 
jeder beobachten, der es nur sehen will. Und wo der Trieb sich zeigt, 
da fehlen auch nicht die begleitenden Vorstellungen. Das Kind ist ein 
scharfer Beobachter aller sexuellen Vorgänge. Das wissen die Eltern 
zu wenig! Ich verweise, um mich nicht zu wiederholen, auf das Kapitel 
„Die Angstneurose der Kinder" in dem ersten Bande dieses Werkes. 






ludividuelle^I-iobesbedinguugen. 37 

So richtet das Kind seine ersten Begehrungsvorstellungen auf 
seine engere Umgebung. Die Mutter ist die erste Liebe des Knaben, 
sein erstes begehrtes Sexualobjekt, der Vater das Sexualziel der kleinen 
Tochter. Es ist gewiß nicht richtig, wenn Alfred Adler behauptet, 
der Inzest sei vom Neürotiker nur arrangiert, um sich zu schrecken 
und sich die eigene Schlechtigkeit vor Augen zu führen. Das Gegenteil 
beweist uns die unvoreingenommene tägliche Erfalirung der Analyse. 
Der Inzest spielt deshalb eine große Rolle, weil er ein lang gehegter, 
unerfüllter Wunsch ist. Jeder Wiuisch, der seine Erfüllung nicht ge- 
funden hat, gleicht einem Geiste, der immer wieder kommt, weil er 
nicht erlöst wurde. 

Aber nicht nur die heterosexuelle Fixierung an die Eltern kommt 
als determinierende Kraft für das spätere Liebesleben in Betracht. 
Leider übersehen auch erfahrene Analytiker die ebenso wichtige homo- 
sexuelle Einstellung! Der Knabe verliebt sich homosexuell in den 
Vater, das Mädchen in die Mutter. Nur der erfahrene Kenner dieser 
(das ganze Leben hindurch festgehaltenen) Einstellung vermag dann 
die späteren neurotischen Umkehrungen dieser Liebe in Haß und 
Trotz zu begreifen. Diese Einstellungen sind wie alles Infantile ewig 
und unzerstörbar. Die homosexuellen sind noch schwerer zu über- 
winden als die heterosexuellen! Wenn Nietzsche das schöne Wort 
geprägt hat, „Jede Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit", bo 
kann er nur an die Kinderlust gedacht haben, die sich durch den 
Charakter der Unzerstörbarkeit auszeichnet. Sie erliegt nicht der Usur 
der Zeit. Infantile Fixationen können gelockert, 
aber nie vollkommen aufgehoben werden! 

Wir sehen ja die gleichen Fixationen an die Dienstboten und 
an andere Erziehungspersonen! Wir sehen sonderbare Anhänglich- 
keiten an Ammen und an Kindermädchen. Ja, wir können eine ganz 
bestimmte Geschmacksrichtung der Männer und auch der Frauen au6 
solchen infantilen Eindrücken erklären. 

Ich keime Männer, welche nur Dienstboten lieben können und 
nur bei ihnen erotisch empfinden. Zahllos sind die Männer, die bei 
Dienstboten besser potent sind als bei vornehmen Damen. Wir werden 
diese Typen bei der Besprechung der psychischen Impotenz noch ein- 
gehender vornehmen. Neben dem Gefühle der Überlegenheit, neben der 
Flucht vor Assoziationen, welche zur Mutter führen, spielt die infantile 
Fixierung eine große Rolle. Wie viele Mütter überlassen die ganze 
Sorge um die Kleinen den Dienstboten! Wir haben von den Schäden 
der übertriebenen Zärtlichkeit der Eltern gesprochen. Aber die Extreme 
nach der anderen Richtung sind auch nicht ohne jegliche Bedeutung. 
Viele Kinder kommen zu ihren Eltern nie in das richtige Verhältnis, 



38 Die Geschlechtskälte der Frau. 

weil die Eltern sich nie recht um sie gekümmert haben. Solche Kinder 
werden als Erwachsene die infantile Dankbarkeit für die Dienstboten, 
die mit ihnen zärtlich waren, neu beleben. Die Liebe vieler hoch- 
stehender Menschen zu Kammermädchen, Köchinnen, Gouvernanten, 
die Liebe der Frauen zu Chauffeuren, Kutschern, Kammerdienern hat 
diese Wurzel. Für viele Menschen ist das Dienen der betreffenden 
Person die spezifische Liebesbedingung. Dieser Zug nach unten 
verrät sich auch in der Liebe zu Dirnen und anrüchigen Frauen, in 
der Liebe reiner Mädchen zu Wüstlingen, minderwertigen Männern, 
selbst zu Verbrechern. Oft ist es ein geheimer Drang, an der Gesell- 
schaft Rache zu nehmen, der die Menschen zu solcher Wahl treibt,. 
Die Neurotiker befinden sich in einem stetigen Kampfe gegen die 
Autorität. Die Trias Eltern, Staat, Religion wird als lästige Bevor- 
mundung gewertet. Es kommt zu einer Umwertung aller Werte, f n 
der Wahl niedrigstehender Personen bricht die Tendenz durch, der 
Gesellschaft einen Schabernack zu spielen, ihr ins Gesicht zu lachen, 
was der Franzose so treffend bezeichnet: Später le bourgeois! 

„Die Sehnsucht nach der Tiefe", der „Zug nach unten", von den 
Franzosen treffend als „nostalgie de la boue" ausgedrückt, ist eigent- 
lich ein Rückfall in die infantilen Forderungen, eine bacchantische 
Lust, die immer aus der Überwindung der von der Kultur auferlegten 
Hemmungen entsteht. Es ißt für unsere Betrachtungen notwendig, 
diesen „Zug nach unten" psychologisch näher zu erläutern. Wir ver- 
stehen ihn auch als eine Empörung gegen die Eltern, als Vertreter 
der kulturellen Forderungen, als Verneiner, Beherrscher und Unter- 
drücker der infantilen Triebrichtungen. Mit dem Sturz in die Tiefe 
rächt sich der Neurotiker für die starren Negationen seiner Eltern. 

Zu dem bekannten Schweizer Psychiater und Psychologen 
Flournoy kam ein junger Mann und bat um Abhilfe von einer Zwangs- 
vorstellung, die ihm das Leben zur Qual mache. Er sehe immer einen 
furchtbaren Abgrund vor sich, in den er sich gegen seinen Willen 
hinabstürzen müsse. Er werde die Angst nicht los, daß er auf diese 
Weise sterben werde. Dieser Gedanke verfolge ihn Tag und Nacht, 
er dringe in seine Träume, in denen er immer wieder den plötzlichen 
Sturz in die Tiefe vollziehe, er mache ihm das Arbeiten schwer. In 
Freud und Leid beherrsche ihn immer das eine Bild: ein Abgrund 
und er, hinunterstürzend. 

Vergebens versuchte ihn Flournoy mit logischen Erwägungen zu 
beruhigen-. Es könne doch niemand in die Tiefe stürzen, der auf keine 
Höhe steige. Er nahm schließlich nach allerlei Heilversuchen dem 
Kranken das Versprechen ab, auf keinen Berg zu steigen, und der 
Patient seinen nun beruhigt. Wenigstens hörte Flournoy längere Zeit 












Individuelle Liebesbedingungeii. 39 

nichts mehr von ihm. Nach vielen Jahren jedoch las er in der Zeitung, 
ein Mann in mittleren Jahren sei während einer Bergpartie am Rande 
eines Abgrundes eingeschlafen und während des Schlafes in die Tiefe 
gestürzt. Es war der Kranke, der ihn vor vielen Jahren konsultiert 
hatte. Wie Flournoy erfuhr, hatte dieser Mann seine Zwangsvorstellung 
anscheinend vollkommen überwunden und glaubte sich schon so sicher, 
so gesund, so gefestigt, daß er sich ruhig auf die höchsten Berge traute. 

Nun könnte man an Ahnungen, an einen Blick in die Zukunft 
glauben. Das wäre in diesem Falle gar nicht zutreffend. Es handelt 
sich um einen immer wieder zurückgedrängten Impuls, sich in die Tiefe 
zu stürzen: dieser Impuls schien überwunden, wäre auch im wachen 
Zustand nie zur Tat geworden. Nur im Traum gelang es diesem Im- 
puls, das eingeschläferte Bewußtsein zu vergewaltigen, den alten Wunsch 
durchzusetzen und die Traumhandlung auszulösen. Der innere, un- 
bewußte Mensch hatte seinen lange gehegten Plan ausgeführt. Die 
Angs t, zu stürzen, war schon der Ausdruck eines zurückgestauten 
Wunsches, zu stürzen. 

Es wird dem Normalmenschen, der nicht die Urgründe einer 
nervösen Seele keimt, schwer sein, zu begreifen, daß sich jemand, dem 
es im Leben sehr gut geht, der keine Sorgen, kein unheilbares or- 
ganisches Leiden hat, das „Vergnügen eines Sausens in die Tiefe*' 
leisten will, ein Vergnügen, das er mit dem Leben bezahlt. Man kann 
ja diesen Fall nur als eine besondere Form eines Triebes zum Selbst- 
mord auffassen. 

Der Selbstmord benützt eine eigene Symbolik. Die Walü der 
Todesart läßt wichtige verräterische Schlüsse zu. Frauen, die gefallen 
sind oder mit Versuchungsgedanken kämpfen, werfen sich aus dem 
Fenster in die Tiefe. Wer mit geheimen kriminellen Vergiftungsgedanken 
spielte, wird sich vergiften; die sich nach dem Feuer der Liebe sehnen, 
werden sich anzünden; die sich von giftigen Gedanken umgeben 
glauben, werden Gas ausströmen lassen. Das ist die Symbolik, die 
Sprache des Selbstmordes, die auf unseren Fall angewendet besagt, daß 
dieser Mensch Zeit seines Lebens mit dem Wunsche gekämpft hat, in 
die Tiefen des Lebens zu versinken . . . Was er werden wollte? Ein 
Dieb, ein Trinker, ein Perverser, ein Wollüstling, ein Mörder, ein 
Spieler, kurz, ein Wanderer der Tiefe und der menschlichen Niederungen. 

Was dieser Fall uns in so erschütternder Weise vor Augen führt, 
ist aber keineswegs eine Ausnalune. Es ist nur ein extremes Beispiel 
jener Störungen, die in bipolarer Schichtung immerdar in unserer Seele 
um die Vorherrschaft kämpfen: der Zug in die Höhe und der Wunsch 
nach der Tiefe. Alle Menschen treibt es hinauf in die Höhenwege: 



40 Die Geschlechtskälte der Frau. 

Sich auszeichnen, vor den anderen hervorragen, sich emporheben, sich 
verbessern, sich veredeln, aufwärts zu streben, Engel zu sein, immer 
höher zur Gottheit zu gelangen, in ein Wunderland zu fliegen, das wir 
nur ahnen und mehr mit dem Gefühle als mit der Vernunft begreifen 
können. Daneben aber drängt es den Menschen in die Tiefe: in der 
Menge zu verschwinden, die Wonnen der Niedrigkeit auszukosten. Tier 
zu sein, sich auszuleben, dem Wilden und Gemeinen in sich nach- 
zugeben, teuflische Gelüste zu durchkosten. Satan und Dämonen zu 
befriedigen, den Becher des Lebens mit allen schmutzigen Bodensätzen 
bis zum Grund zu leeren. Zwei Ideale beherrschen uns: Gott und Satan. 

Und das menschliche Fühlen ist so geartet, daß sich die Spannung 
zwischen oben und unten immer mehr verstärkt, daß mit jedem Schritt 
in die Höhe die Kraft größer zu sein scheint, die uns in die Tiefe 
zieht. Es ist ein Kampf zwischen Trieb und Hemmung, zwischen zwei 
ganz verschiedenen Formen der Lust: der stillen gedämpften Freude 
an der Höhe und den stürmischen und kräftigen Lustgefühlen ver- 
drängter Urtriebe. 

Ich habe viele Frauen kennen gelernt, die unglücklich wurden, 
weil sie der „Sehnsucht nach der Tiefe" erlegen sind. Zwischen Madonna 
und Dirne pendelt das Gefühlsleben einer jeden Frau. Es hängt von 
vielen Äußerlichkeiten in der Erscheinung, von den inneren Anlagen, 
vom Milieu, vom Zufall und von der Gelegenheit ab, auf welcher Stufe 
sie stehen bleiben. Ich kenne aber Frauen, die zwischen den beiden 
Extremen pendeln. 

Die Sehnsucht nach der Tiefe ist ein nach innen gerichteter Zer- 
störungstrieb. Schaffenstrieb und Zerstörungstrieb wechseln in der 
Seele des Menschen, und fast jedem Menschen kommt ein Moment, in 
dem es ihn gelüstet, das bisher Gebaute niederzureißen, als wenn es 
ein Kartenhaus wäre. Manche plötzliche Charakteränderungen, un- 
vermutete Verbrechen bei hochanständigen Menschen („Von dem Manne 
hätte ich das nicht geglaubt") sind nur eine Krise des Schaffenstriebes, 
der sich zum Zerstörungstrieb wandelt. Kipling erzählt die Geschichte 
eines indischen Vizekönigs, der alle Würden niederlegte und sich als 
Bettler am Straßenrande niederließ; Jacobson hat in „Maria Grubbe" 
die Wandlung einer hochgestellten Dame (Ministersfrau) zur Schiffers- 
gattin geschildert; Zola läßt in „Le travail" die vornehme Gattin 
eines Fabriksdirektors durch einen Arbeiter in der schmutzigen Ecke 
eines Kellers auf ölgetränkten Lappen als Liebeslager die unvergeß- 
lichsten Wonnen empfinden. 

Alle Neurotiker träumen von diesem Sturz in die Tiefe. Sie 
wachen aus dem Traum mit Herzklopfen auf, oft mit einem fürchter- 



Individuelle Ltdbesbedingungen. 4J 

liehen Schrei, in höchster Erregung. Dieser Traum enthüllt uns Angst 
und Wunsch zu gleicher Zeit. Er beweist uns, daß wir zeitlebens am 
Abgrund gehen und ihn nicht sehen. Für den Erkennenden gilt das 
Wort von Nietzsche: „Das Fürchterlichste! — mit einem Blick den 
Abgrund und die Höhe zu ermessen!" Unser Leben ist eine ständige 
Angst vor der Tiefe. Wie dem Fischer in dem Gedichte Goethes wächst 
uns allen vor den Tiefen des Wassers das Herz so sehnsuchtsvoll wie 
bei der Liebsten Gruß. Es sind die Stimmen längst überwundener 
Zeiten, die uns locken und rufen, die Stimmen der Kindheit .... 

Wenden wir uns nun einigen Krankengeschichten zu, welche uns 
diesen „Zug nach unten" illustrieren werden. Sie zeigen alle die Abkehr 
von dem infantilen elterlichen Ideale. Sie zeigen alle eine hartnäckig 
festgehaltene Trotzeinstellung gegen die Eltern. 

Fall Nr. 7. Frau W. T. ist in einem vornehmen, reichen Hause aufge- 
wachsen. Sie war immer der Obhut der Dienstboten anvertraut, weil ihre 
Mutter sich gar nicht um sie kümmerte. Sie begann mit 11 Jahren zu ona- 
nieren und verliebte sich mit 14 Jahren in den .verheirateten Kutscher ihrer 
Eltern. In allen ihren Träumen der Jugend spielte dieser Kutscher eine große 
Bolle. Es machte ihr ein eigenartiges Vergnügen, sich von ihm auf das Pferd 
heben zu lassen und ihm beim Putzen der Pferde zuzusehen. Mit 18 Jahren 
wurde sie die Geliebte eines Beamten, der sie dann heiratete. Bald darauf be- 
gann sie ein Verhältnis mit einem Kammerdiener und ein zweites mit einem 
Chauffeur. Sie wurde von ihrem Manne in seinen Armen überrascht und aus 
dem Hause gejagt. Obwohl sie eine ziemlich wohlhabende Frau war, suchte 
sie nur einen einfachen Mann und wurde die Geliebte eines Tramwaykutschers. 
mit dem sie lange Jahre glücklich im gemeinsamen Haushalte lebte. 

Wie stand diese Frau zu ihrer Mütter? Sie haßte sie und wollte von 
ihr nichts wissen. Ihr Vater War früh gestorben, die Mutter unterhielt allerlei 
Liebesverhältnisse, die aber alle einen „Zug nach oben" aufwiesen. Sie lebte 
während der letzten Zeit im Konkubinate mit einem hohen Aristokraten. 

Bei Männern ist diese Erscheinung viel häufiger. Es gibt eine 
Menge Männer, die nur bei Dienstboten und Dirnen potent sind. Das 
rührt von einer Angst vqr dem vornehmen Weibe her, die auf eine starke 
Mutter zurückgeht, deren Bild in der Seele des Mannes unzerstörbar 
lebt. Aber auch eine Überschätzung und eine Oberwertung des Weibes, 
welche durch das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit noch höher ge- 
stellt wird, spielt eine große Rolle. Bei Männern, welche diese Über- 
schätzung der vornehmen Frau nicht zeigen, welche bei jeder Frau 
potent sind, kann man diese deutliche Vorliebe für Dienstboten beob- 
achten, die immer wieder durchdringt und den Mann in der Ehe in 
die schwersten Konflikte bringt. Es gibt Männer, die ihre schöne Frau 
vernachlässigen und mit dem häßlichen, schmutzigen Dienstmädchen 
ein intimes Verhältnis eingehen, darunter auch solche, welche ihre Frau 
seelisch sehr lieben und sich über diese Eigenschaft ihrer sexuellen 



42 Die Gesehlechtskälte der Frau. 

Triebrichtung sehr kränken. Wir werden bei der Besprechung der 
Impotenz mehrere solcher Typen kennen lernen. 1 ) 

Ich möchte in Kürze über einen Fall berichten, der eine deutliche 
Einstellung zu niedrig stehenden Personen verrät, ohne daß der Be- 
treffende bei vornehmen Frauen impotent war. Es handelt sich nur um 
eine bestimmte Geschmacksrichtung. 



Fall Nr. 8. Herr U. H. teilt mir folgende Tatsachen mit: Ich komme zu 
Ihnen, um Abhilfe für einen Zustand zu suchen, der mich in die schwersten 
Konflikte gebracht hat und der mir wahrscheinlich das Leben kosten wird. 

Mein Sexualleben ist sehr interessant. Ich habe schon mit vier Jahren 
zu onanieren begonnen und dies bis zum vierzehnten Jahre fortgesetzt. In 
diesem Alter begann ich zu Dirnen zu gehen und versuchte immer wieder 
Dienstboten zu erobern. In diesem Fache brachte ich es zu einer großen Vir- 
tuosität. Ich war kaum 18 Jahre alt und schlug einmal den Rekord, alle 
Mädchen, die in unserem Zinshause gerade dienten, der Reihe nach zu be- 
sitzen. Ich glaube, es waren 13 oder 14! Obwohl ich bis zum 14. Lebensjahre 
täglich und manchmal mehrmals täglich onaniert habe, war ich immer sehr 
potent Ich soll eine Amme gehabt haben, die dabei erwischt wurde, wie sie 
mit meinem Gliede spielte. Auch kümmerte sich meine Mutter wenig um mich, 
da sie tagsüber in einem Geschäfte tätig und ich den ganzen Tag den Dienst- 
boten überlassen war. 

Schon nach den ersten Versuchen bei den Dirnen trat bei mir ein großes 
Liebesbedürfnis ein und ich begann zu schwärmen -und lyrische Gedichte zu 
machen, welche Leidenschaft mir bis heute geblieben ist und mir auch einen 
schönen Namen als Lyriker gemacht hat. Ich verliebte mich der Reihe nach 
in sehr schöne Mädchen, die ich nach kurzer Zeit der Liebe verließ. Ich 
liebte sie alle nur seelisch und es fiel mir nie ein, daran zu gehen, diese Mäd- 
chen zu verführen oder sexuell (wenn auch nur in den Phantasien!) zu be- 
sitzen. Ich heiratete sehr jung mit 22 Jahren, und da es eine Liebesheirat 
war, war ich in den ersten Jahren meiner Ehe außerordentlich glücklich. Ich 
verkehrte täglich mit meiner Frau, manchmal auch mehrere Male im Tage. 
Dirnen und Dienstmädchen vergaß ich vollkommen und wähnte mich von 
meiner Leidenschaft vollkommen geheilt. Da wurde meine Frau schwanger und 
kam mit einem Knaben in die Wochen. Wir hatten bis zu dem Tage der Ge- 
burt täglich verkehrt. . . . Allein das Wochenbett war für mich eine schwere 
Prüfung. Nach einer Woche der Abstinenz ereignete sich folgender Vorfall. 
Ich saß abends, in meinem Zimmer und arbeitete. Da kam das Stubenmädchen 



l ) In „Pot-bouille" von Zola ist ein solcher Männertypus sehr ausdrucksvoll 
geschildert. Ein ähnliches Motiv behandelt die „Griseldis" von Hauptmann. Der 
Markgraf kann nur Dienstboten lieben und ist vornehmen Frauen gegenüber impotent. 
Aber seine Eifersucht seinem ungeborenen Kinde gegenüber verrät eine alte infautile 
Einstellung. Er sieht in dem Kinde einen Rivalen, weil er selbst einmal der Rivale 
seines Vaters war. So führt der Dichter den „Zug nach unten" auf die infantile Kon- 
stellation zurück. Die Kuhmagd ist das Weib, das sich am weitesten von dem Mutter- 
ideal entfernt. Auf derselben Linie liegt die Entwicklung zur Homosexualität. 






Individuelle Liebesbedingangen, 43 

herein und richtete mir irgend einen Auftrag aus. Ich blickte sie an und sie er- 
rötete. Ohne ein Wort zu sagen, stand ich auf, wurde mit ihr zärtlich und 
konnte sie ohne Widerstreben besitzen. So entstand ein Verhältnis, über das 
ich mir die unangenehmsten Gewissensbisse machte. Ich nahm mir vor, die 
Sache müsse ein Ende haben, aber es ging nicht, das Mädchen faßte eine 
leidenschaftliche Liebe zu mir. Ich verkehrte dann mit meiner Frau und mit 
dem Dienstmädchen, muß aber gestehen, daß das Verlangen nach dem Mädchen 
immer größer, der Genuß bei ihr stärker war. Nach einigen Jahren kam meine 
keusche Frau auf dieses Verhältnis und wollte sich von mir scheiden lassen. 
Sie ließ sich aber durch meine aufrichtige Reue davon abhalten. Das Mädchen 
kam aus dem Hause. Doch schon die nächste Kamraerjungfer sah ich mit den- 
selben begehrlichen Augen an. Ich wurde vorsichtiger und wußte mich besser 
vor meiner Frau zu verstecken. Aber ich merkte bald, daß ich mit meiner 
Frau nur vorkehren konnte, wenn icli mir eines unserer dienenden Mädchen 
vorstellte. Trotz meiner guten Vorsätze fiel ich immer wieder. Ich war der 
Geliebte fast aller meiner Dienstmädchen und Köchinnen und kam immer 
wieder in die schwersten Konflikte und unangenehmsten Situationen. Ich ver- 
suchte mich durch Verkehr mit öffentlichen Dirnen abzulenken. So kam es 
allmählich, daß ich, der Mann, der eine angesehene Stellung im öffentlichen 
Leben einnimmt, ein Doppelleben führen mußte, von dem meine Frau, die ich 
noch immer verehre und aubete, keine Ahnung hat. Wenn ein Mädchen längere 
Zeit bei uns dient und ich mich an ihren Anblick gewöhnt habe, so geht es 
mir besser und sie regt mich nicht mehr so auf, ja ich kann gegen sie voll- 
kommen gleichgültig werden. Am Anfange ist es am schwersten. Sehr merk- 
würdig ist es, daß ich mich nicht, erinnere, bei irgend einem Dienstmädchen 
einen ernstlichen Widerstand gefunden zu haben. Ich erkläre mir das daraus, 
daß meine Frau sehr strenge ist und sich die Mädchen auf diese Weise an 
ihr rächen wollen. Nun bin ich Vater von mehreren Kindern und möchte 
gerne mein Leben von Grund aus ändern. Ich weiß mir keinen Ausweg und 
komme zu Ihnen, da ich hoffe, daß man diesem Zustand durch eine Hypnose 
ein Ende bereiten kann. 

Hier unterbreche ich die Krankengeschichte. Ich möchte nur be- 
merken, daß die Mehrzahl dieser Menschen von einer Hypnose ihr Heil 
erwarten, welche in allen diesen Fällen vollkommen machtlos ist. Eine 
Analyse dieses Mannes ergab eine starke Haßeinstellung gegen seine 
Frau, an der er sich durch diese Verhältnisse mit seinen Dienstmädchen 
rächte. Seine Frau spottete oft über seine dichterische Tätigkeit und 
das konnte er ihr offenbar nicht verzeihen. Dazu kam die früher be- 
tonte infantile Einstellung. Nach einer mehrwöchentlichen Behandlung 
■ besserte sich der Zustand insoferne, als der Mann sich besser beherrschen 
lernte. Das Begehren war immer vorhanden, er war aber imstande, 
den Versuchungen aus dem Wege zu gehen. Über die psychischen Me- 
chanismen, welche hier mitspielen, wird noch an anderer Stelle zu reden 
sein. Eine außerordentlich verbreitete Erscheinung ist die Liebe zur 
Dirne. Es passiert mir jedes Jahr ein paar Mal, daß ich zu Rate 
gezogen werde, weil junge Leute eine Dirne heiraten wollen. Der Fall 
spielt sich immer typisch in der gleichen Weise ab. Ein junger Mensch 



44 D'e Gescblcchtskälte der Frau. 

geht zu einer Dirne, meist das erste Mal. Er ist entzückt und verliebt 
sich sofort in sie. Er findet es als seine Pflicht, das arme Wesen zu 
retten. Er erfährt ihre rührende Leidensgeschichte und überrascht 
seine Mutter oder seinen Vater mit der Nachricht, daß er sein Ideal 
gefunden habe. Es dauert einige Zeit, bis er zur Vernunft gebracht 
wird. Manchmal gibt es Tragödien, meistens aber geht die Sache 
gut aus. 

Die Tendenz geht dahin, die Eltern zu bestrafen und sich an 
ihnen wegen vermeintlicher Lieblosigkeit zu rächen. Oft wird damit 
die Moral der Eltern ad absurdum geführt. Dirne und Mutter haben 
im Seelenleben gewisse merkwürdige Beziehungen, welche schon 
Wcininyer intuitiv gealint hat, als er sein berühmtes Kapitel „Dirne 
und Mutter" in „Geschlecht und Charakter" schrieb. Die Dirne ist 
der bipolare Gegensatz zur Mutter. Andrerseits kommt der „Familien- 
roman" (Freud) der Neurotiker in Betracht. Jeder Mensch, aber ins- 
besondere der Neurotiker, hat eine bestimmte Phantasie: Er ist nicht 
der Sohn seines Vaters, sondern von irgend einer sehr hohen Persön- 
lichkeit. Er ist überhaupt nicht der Sohn seiner Eltern, sondern ein 
unterschobenes oder vertauschtes Kind. Durch diese Phantasie wird 
aber die Mutter entwertet und gewissermaßen zur Dirne gemacht. Der 
Yuter ist dann nur ein Rivale, und man ist ilim keine Dankbarkeit 
schuldig. Würde man ihm das Leben retten, so wäre die Rechnung dann 
beglichen. Diese Phantasien von einer hohen, geheimen Abstammimg 
verbinden sich mit dem Traum von der eigenen großen, historischen 
Mission, dem geheimen Größenwahn des Normalmenschen. Dazu ge- 
sellen sich Phantasien von einer Mission der Erlösung und Rettung 
der Niedrigen. Bei der Dirne wird dann der Anfang gemacht. Wie 
Christus milde gegen die Ehebrecherin war und auch Maria von Magdala 
erhöhte, so will der Neurotiker der Welt ein Beispiel seiner alles ver- 
st ehern h-n und verzeihenden Milde geben. Er will wenigstens einen 
Menschen erlösen, wenn er nicht alle erlösen kann. 

Fall Nr. 9. Herr I. N., der Sohn sehr reicher Eltern, ließ sich schon mit 
22 Jahren großjährig erklären. Sein Vater war sehr früh gestorben und die 
Mutter bereits Witwe, als er 5 Jahre alt war. Die Liebhaber der Mutter wech- 
selten im Hause in sehr rascher Folge ab. Er hatte schon sehr früh verstanden, 
daß hier „Sachen" vor sich gingen, die sich „nicht gehörten". Er kam bald aus 
dem Hause in ein Pensionat in die Schweiz und sah seine Mutter erst als Er- 
wachsener mit 20 Jahren wieder. Sie war mittlerweile alt geworden und galt 
als sehr fromm und gottesfürchtig. Sie hatte die bekannte Metamorphose von 
der Dirne zur Betschwester durchgemacht. Mit 22 Jahren, nicht lange nach 
seiner Großjährigkeit, lernte er in einem Lupanar eine Dirne kennen, die er 
aus dem verrufenen Hause nahm und aushielt. Bald darauf heiratete er das 
Mädchen, das sehr gute Anlagen zeigte. Kurze Zeit darauf starb seine Mutter, 



Individuelle Liebesbedibgungen. 



45 



wie er glaubte, aus Gram darüber, daß ihr Sohn eine solche Wahl getroffen. 
Nach ihrem Tode wurde die vorher sehr glückliche Ehe sehr unglücklich. Die 
Frau war in jeder Hinsicht tadellos, aber er konnte ihre Vergangenheit nicht 
vergessen. Er wurde sehr eifersüchtig und bezichtigte sie, daß sie mit seinem 
Bruder ein Verhältnis habe. Kurze Zeit darnach erschoß er sich. 

Fall Nr. 10. Herr A. B. überrascht seine Eltern mit der Nachricht, daß er 
ein „seltenes" Mädchen im Lupanar gefunden habe, das er heiraten wolle, um 
es zu retten. Er habe es ihr versprochen. Die Eltern traf diese Nachricht wie 
ein Schlag aus heiterem Himmel. Nichte in der Psyche dieses jungen Mannes 
hatte vorher auf irgend eine Abnormität schließen lassen. Als er Widerstand 
fand, drohte er sich umzubringen oder vorher noch etwas Schreckliches an- 
zurichten. Er wurde in einem Sanatorium interniert und das Mädchen mittler- 
weile nach Amerika geschickt. Nach 4 Monaten verließ er die Heilanstalt und 
hatte die ganz© Affäre scheinbar überwunden. Aber nach einiger Zeit hatte 
er eine Liebschaft mit einer älteren Köchin, der er auch die Heirat versprochen 
hatte. Auf meinen Rat kümmerten sich die Eltern um die Liebessache nicht 
und stellten sich auf den Standpunkt, er könne sein Mädchen heiraten, wenn 
er auch imstande sei, es zu erhalten. Er wollte aber mit dem Gelde seiner 
Eltern heiraten. Als ihm das abgeschlagen wurde und auch alle seine Drohungen 
nutzlos waren, suchte er eine Stelle und fing energisch zu arbeiten an. Aber 
nur einige Monate, dann suchte er einen Vorwand, um mit der Köchin zu 
brechen. Bald darauf hatte er eine andere Geliebte, immer aus den unteren 
Schichten, und immer mit der Absicht, sie zu heiraten. Nach dem Tode seiner 
Mutter änderte 6ich sein Charakter und er wurde viel stiller und ruhiger. Er 
verlobte sich mit einem einfachen, aber sehr charaktervollen Mädchen, der 
Tochter seines Hausbesorgers. 

Fall Nr. 11. Herr I. W., ein mehrfacher Millionär, erbittet meinen Rat in 
einer Liebesaffäre seiner zwanzigjährigen Tochter. Sie habe bisher alle Be- 
werber, darunter sehr vornehme und gut 6ituierte, zurückgewiesen. Plötzlich 
habe sie ihm die Eröffnung gemacht, daß sie sich in einen jungen Geiger 
verliebt habe, den sie in einem Kino, wo er täglich 6piele, zuerst gesehen 
und dessen Bekanntschaft sie bald gemacht habe. Sie droht mit Selbstmord 
und Skandal, wenn der Vater nicht nachgebe. Sie wäre immer ein liebe- 
volles, folgsames Kind gewesen. Der ganze Vorgang sei ihm unbegreiflich. Das 
Mädchen war nicht zu bewegen, mich aufzusuchen. Die Versuche des Vaters, 
die Heirat zu verhindern, waren vergeblich. Selbst die Drohung mit Verstoßung 
und Enterbung wirkte nicht. Sie war das einzige Kind und von Jugend auf 
maßlos verhätschelt. Sie setzte auch ihren Willen durch und trennte sich nach 
einer zweijährigen sehr unglücklichen Ehe, um einen Chauffeur zu heiraten . . . 

Bekannt ist ja die Liebesgeschichte der Prinzessin Ghiraay, Üie 
ebensoviel Staub aufwirbelte wie die Liebesaffären der sächsischen 
Kronprinzessin. Die Liebe mancher Frauen zu bekannten Wollüst- 
lingen und Don Juans möge auch an dieser Stelle erwähnt werden, 
ebenso wie die bekannte Skandalgeschichte in New York, bei der ent- 
deckt wurde, daß viele vornehme Mädchen der besten Gesellschaft die 
schmutzigen' Chinesenviertel aufsuchten, um sich dort wahllos Chinesen 
und Negern hinzugeben. 



46 



Die Geschlechtskalte der Frau. 



In vielen Fällen liegt eine offene Empörung gegen die herrschende 
Moral zugrunde. 1 ) Die Neurotiker sind ja alle in gewissem Sinne Anar- 
chisten, welche gegen jede Autorität, gegen jedes Gesetz ankämpfen. 
Sie sind in dieser Hinsicht entschieden bipolar. Sie wehren sich eigent- 
lich gegen eine übertriebene Befolgung der landläufigen moralischen 
Anschauungen, die ihnen von den Eltern in guter Absicht eingeflößt 
wurden. Diese moralischen Anschauungen sind unzerstörbar und stärker 
•als die nur scheinbaren antimoralischen Tendenzen. Nach einer Periode, 
in der sie sich gegen die öffentliche Moral auflehnen, werden sie die 
größten Moralphilister, welche sich zur Ansicht der Eltern bekehren 
und sie sogar übertreiben. So kannte ich einen an Platzangst leidenden 
Millionär, dem es ein ungeheures Vergnügen machte, mit einer Dirne 
über den Korso zu spazieren, Arm in Arm, wenn er sicher war, seine 
Bekannten zu treffen. Er behauptete dann immer, es sei kein Unter- 
schied zwischen den verschiedenen Frauen und es gäbe unter den Dirnen 
viel anständigere Charaktere als unter den sogenannten anständigen 
Frauen. Dann aber schlug er in das Gegenteil um und heiratete eine 
feine Dame, die er mit seinen moralischen Forderungen derartig be- 
lästigte, daß 6ie sich von ihm scheiden lassen wollte. Ein anderer 
Jüngling, dessen größtes Vergnügen es war, über die Esplanade in 
Ischl mit einem leichten Dämchen zu promenieren, änderte sein Be- 
nehmen, als seine Schwester älter wurde. Er machte ihr die strengsten 
moralischen Vorschriften, war unglücklich, wenn sie einmal einige 
Schritte allein gehen sollte, machte seiner Mutter die größten Vor- 
würfe, daß man die Schwester nicht genügend überwache . . ,. 

Dem Zug nach unten entspricht der bekannte Zug nach oben. 
Männer, welche sich nur in hochstehende Persönlichkeiten verlieben 
können, Frauen, welche nur berühmte Männer oder Männer von be- 
sonderem Ansehen lieben können. Es 6ind meistens Verhältnisse „aus 
der Ferne". 

Es sind Menschen, welche immer ein „Ideal" brauchen, ewig nach 
ihrem „Ideal" suchen und sich nur in ein „Ideal" verlieben. 

Unser Ideal ist die Projektion unseres inneren Ideal-Ichs auf einen 
anderen. Je höher wir das Objekt unserer Liebe stellen, desto mehr 
erhöhen wir unsere eigene Persönlichkeit. Dieses Ideal kann bis hart 
an die Grenze der Vergöttlichung gehen. Der Masochist erniedrigt 



') Manchmal sucht der in der Ehewahl hinabsteigende Mann nicht die Gesell- 
1 schaft, sondern eine bestimmte Person zu treffen; so schickte ein berühmter, älterer 
Universitätsprofessor, dessen junge Frau mit einem Liebhaber durchgegangen war, die 
Tochter seines Dieners zunächst ein Jahr in ein Pensionat und heiratete sia dann: er 
wollte seiner ilurcliKegangcnen Frau zeigen, daß ihr Platz auch von einer minder- 
wertigen Person leicht, auszufüllen sei. Dr. F. W. 



Individuelle Liebesbedingongen. 47 

sich, um die Distanz zwischen sich und dem Ideal'. zu vergrößern und 
schöpft seine Lust aus dieser Hingabe an ein Wesen, dem er die Rechte 
eines absoluten Herrschers einräumt. Allerdings strömt das reichste 
Lustgefühl aus den Momenten, in denen diese Distanz überwunden wird 
und das Ideal sich ihm so nähert, daß er sich in göttliche Nähe er- 
hoben fühlt. 

Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß die Liebesbedingung vieler 
Menschen das Einhalten einer großen Distanz zwischen sich und dem 
Objekt der Liebe und die Unerreichbarkeit des Ideals ist. Alle diese 
Menschen sind eigentlich einer wirklich erdständigen Liebe unfähig. 
Sie benötigen nur das Ideal als jenes Stückchen Realität, das der Aus- 
gangspunkt endloser idealer Phantasien wird. 

Fall Nr. 12. Sehen wir uns eine solche Distanzliebe näher an. Es handelt 
sich um eine „hochanständige Frau" aus besseren Kreisen, die angeblich aus 
Liebe geheiratet hat und sehr glücklich lebt, trotzdem aber über „nervöse Zu- 
stände" klagt und zu Depressionen neigt. Glückliche Menschen haben weder 
nervöse Zustände noch Depressionen. Es scheint etwas in dieser Ehe, die nach 
außen das Bild einer glücklichen Ehe darbietet, nicht zu stimmen. Das Liebes- 
bedürfnis der jungen Frau scheint offenbar nicht vollkommen befriedigt zu 
sein. Denn eines Abends in einer Wagneroper fühlt sie, daß sie sich in den 
Tenor (Siegfried) verliebt hat. Es durchströmt sie heiß, wenn er singt, sie be- 
wundert seine Bewegungen, seine schlanke Gestalt, den Wohllaut seiner Stimme. 
Sie wird eine fanatische Verehrerin des Sängers. Sie fehlt in keiner Vorstellung. 
Sie erwirbt sein Bild, sie träumt von ihm, sie schickt ihm sogar einmal einen 
herrlichen Rosenstrauß mit der Widmung „Von einer dankbaren Unbekannten", 
6ie schwingt sich sogar zu einem Briefe auf, in dem sie ihm für die unver- 
geßlichen Kunstgenüsse dankt (der Brief wird gleichfalls von „einer Unbe- 
kannten" unterschrieben), aber sie bleibt in Distanz. Unvermutet ergibt 6ich 
die Gelegenheit, den Sänger in einer Gesellschaft kennen zu lernen. Sie weiß 
sofort, daß sie nicht hingehen wird. Sie will ihn nicht näher kennen lernen. 
Wozu soll sie eine Enttäuschung erleben? Sie will auch ihrem Gatten nicht 
die Treue brechen. (Wenn man noch von Treue sprechen kann bei einer Frau, 
,| u . hcj il.'ii Tönen des gelieblen Sängers die- süßesten und heißesten Ekstasen 
der Liebe empfinden konnte.) Sie benötigt seine Nähe nicht. Sie begnügt 6ich 
mit dem Idealbilde, dem sie so viele Wonnen verdankt. Sie ist glücklich, daß 
sie begeistert lieben kann und trotzdem die treue Frau bleibt. 

Ein großer Teil von Frauen und Mädchen, welche sich in Sänger, 
Schauspieler, Klavierlöwen verlieben, huldigen dieser Distanzliebe und 
vermeiden ängstlich die Gelegenheit, sich diesem Liebesobjekte zu 
nähern. In den meisten Fällen handelt es sich um eine rein seelische 
Liebe, der ein solches Maß von Überschätzung beigemengt ist, daß 
die Angst vor der Enttäuschung begreiflich wird. Wie weit diese Liebe 
bei jungen Mädchen gehen kann, das ist ja bekannt. Das Harmlose 
dieser Liebe, das Spielen mit der großen Leidenschaft, treibt diese 
Mädchen und Frauen zu maßloser Exaltation. 



48 Di"' Geschlechtskiilte der Frau. 

Es gibt aber Menschen, die ewig in der Distanzliebe stecken bleiben 
und gar keinen Versuch machen, die wirkliche Liebe kennen zu lernen. 
Es sind Menschen, die sich eigentlich auf der Flucht vor der Liebe 
befinden. Sie lieben immer, können ohne eine Liebe, nicht leben, aber 
immer ist diese Liebe etwas Unerreichbares und Ungefährliches. Sie 
sind Ewig-Liebende, die sich trotzdem auf der Flucht vor der Liebe 
befinden. Denn sie werden nie einen Versuch machen, sich ihrem Ideale 
zu nähern. Das Ideal ist meist ein großer Künstler. Auch Prinzen, 
Könige, andere hohe Persönlichkeiten, Politiker, berühmte Männer 
aller Berufe werden zu Objekten der Liebe. 

Dieser Kultus kann sonderbare Formen annehmen. So hatte ich Gelegen- 
heit, eine Dame kennen zu lernen, die den merkwürdigsten Kainzkultus trieb, 
den ich beobachten konnte. Und das will in Wien, in der Stadt des Kainz- 
kultus, schon viel heißen. Sie hatte sich ein eigenes Kainzzimmer eingerichtet, 
das mit zahllosen Bildern des großen Künstlers geschmückt war. In einer Ecke 
befand sich eine Kainzbibliothek. Was sie an Büchern, Broschüren, Zeitungen 
sammeln konnte, in denen von ihrem Helden die Rede war, fand sich hier 
liebevoll vereint. Auch eine Sammlung von Theaterzetteln, selbstredend mit 
Kainzjubiläen und Kainzpremieren, war vorhanden. Als Heiligtum eine Photo- 
graphie mit dem Namenszuge des großen Künstlers. Diese Frau trug nach 
dem Tode ihres Idols ein Jahr lang Trauer. Sie machte weite Reisen, um 
einen Vortrag über Kainz anzuhören. Kurz, ihr ganzes Leben ging im Kainz- 
kultus auf, der sich nach dem Tode des gefeierten Schauspielers nicht ver- 
ringert, sondern sogar gesteigert hatte. Auch die Analyse dieses Zustandes 
ergab die erwähnten Resultate: Dieser Kainzkultus ermöglichte der Dame die 
physische Keuschheit, bewahrte sie vor allen Versuchungen und ließ keinen 
Raum für andere erotische Gedanken. Sie war über alle anderen Gefahren der 
Liebe, über alle anderen Versuchungen erhaben. Der Kainzkultus hatte ihre 
Erotik und Sexualität immunisiert. 

Einen ähnlichen Zustand konnte ich bei einer hysterischen Fran- 
zösin beobachten, die sich gegen die Gefahren der Welt durch eine 
schwärmerische „Maupassantliebe" gesichert hatte. 

In allen diesen Fällen von Distanzliebe lassen sich deutlich die 
infantilen Wurzeln aufweisen. Die kleinen Mädchen sehen meist in 
ihrem Vater das Gottähnliche, Unerreichbare, das in weite Distanz 
gerückte, nur der geistigen Liebe zugängliche Ideal; Söhne, die in 
ilu-er Mutter eine angebetete Gottheit gefunden haben, werden sich 
leicht zu einer Distanzliebe hinziehen lassen. Aber auch alle Menschen, 
bei denen der Kampf zwischen Trieb und Hemmung unentschieden ist, 
die eine innere Frömmigkeit und ein antisexueller Instinkt in eine 
asketische Richtung drängt. Diese Askese läßt sich aber bei einem 
starken Triebleben nur durch eine entsprechend distanzierte Erotik 
durchsetzen. Um diesen Preis der Distanzliebe können diese Menschen 
wenigstens physisch unberührt bleiben, sich eine gewisse Keuschheit 



Individuelle Liobesliediiiguugeu. 49 

* 

bewahren, die vor allen Versuchungen der bösen Welt geschützt er- 
scheint. Wie die Indianer einem Präriebrand dadurch entgehen, daß 
sie um sich herum daß dürre Gras anzünden und eine Feuerzone schaffen, 
so umgeben sich diese Menschen mit einem Feuerkreis von Zärtlichkeit 
und Vergötterung, um sich gegen den verzehrenden unwiderstehlichen 
Brand der wilden Liebesleidenschaften zu schützen. Es ist eine Flucht 
vor der Realität in das blühende Reich der Phantasie. In wonnigen 
Träumen wird die Kluft zwischen dem Ich und dem Ideeal überbrückt, 
das eigene Minderwertigkeitsgefühl wandelt sich in diesen Träumen zu 
einem hypertrophischen Größenwahn, die Grenzen zwischen Ich und 
Ideal verschwimmen. Es ist ein Erleben jenseits des Lebens, ein Er- 
träumen jenseits des Traumes. Es ist eine zweite Welt, in der diese 
Schöpfer eines eigenen Reiches der Liebe die Erfüllungen ihrer Sehn- 
sucht finden, eine Welt, zu der sie allein den Schlüssel besitzen .... 

Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zum Elternideai 
zurück. Es gibt einige Formen, in denen sich dies Ideal nur wenig 
verschleiert offenbart. Da ist der Jüngling, der nur ältere Frauen 
lieben kann. Schon in der Gesellschaft meidet er die jungen Mädchen, 
er rationalisiert dies damit, daß sie zu unerfahren und ungebildet seien 
oder aus anderen Motiven, und sucht am liebsten die Gesellschaft 
reiferer Frauen auf. Er heiratet auch eine ältere Frau, der er sich voll- 
kommen unterwirft und in der er einen Ersatz seiner Mutter gefunden 
hat. Diese Liebe zu älteren Frauen ist sehr verbreitet und kann sich 
bis zur Greisenliebe, Gerontophilie, steigern, bei der auch die Fixierung 
an die Großeltern in Betracht kommen kann. 

Von großer (meist übersehener) Bedeutung ist für den Mann auch 
das Bild des Vaters, das die Wahl determinieren kann. Doch davon 
später. 

Sehr häufig wird aber das Ideal nicht älter gewählt, sondern im 
normalen Alter und mit ausgesprochener Ähnlichkeit zur Mutter. Dies 
Ideal kommt entweder auf dem Wege der Identifizierung oder dem der 
Differenzierung zustande. War die Mutter klein, dick und schwär/:, 
so kann das Ideal dieselben Eigenschaften zeigen oder den direkten 
Gegensatz: blond, mager und groß . . . Auch der gleiche Vorname, 
die gleichen Bewegungen, die gleichen Eigenschaften spielen eine große 
Rolle. Manchmal wird die Ähnlichkeit konstruiert, um die Liebe durch 
infantile Momente zu 6tärken und dem Gegenstand der Wahl die Re- 
sonanz infantiler Affekte zu geben. Auch gleiche Gebrechen, der gleiche 
Tonfall der Stimme, eine Ähnlichkeit der Anschauungen können von 
Bedeutung sein. 

Doch nicht immer ist die Liebeswahl so einfach. Demi es kommt 
noch ein anderes infantiles Moment in Frage: Das Vorbild der Schwester 

Stehet, Störungen dos Trieb- und Affoktloben». III. S.Anfl. < 



50 Pie «ieschleohtskälte der Frau. 

oder des Bruders. Diese Momente mengen sich untereinander und er- 
geben manchmal eine verwirrende Fülle von Details, die sich erst in 
einer längeren Analyse klären lassen. Oft verbindet ein Ideal mehrere 
Züge der Mutter mit denen der Schwester und mit anderen infantilen 
Idealen. 

Wie kompliziert das Problem der Liebeswahl sein kann, das hat 
Freud 1 ) in einem sehr interessanten Aufsatze nachgewiesen. Er machte 
auf einen ganz bestimmten, gar nicht seltenen Typus von Männern 
aufmerksam, welche folgende Liebesbedingungen erfüllen: 

1. Die erste Bedingung nennt er die des „Geschädigten Dritten". 
Der Betreffende nimmt nie ein Weib, welches frei ist, sondern iminer 
eine, die einem anderen gehört, sei es als Weib, oder als Braut, oder 
als Geliebte. Diese Bedingung ist so unerbittlich, daß ihn ein Weib 
gleichgültig läßt, so lange es frei ist und erst einen Wert für den 
Menschen von diesem Typus erhält, wenn es sich vergeben hat. 

2. Die zweite Bedingung ist, daß diese Frau nicht tadellos, 
sondern moralisch etwas anrüchig sei. 

3. Die dritte merkwürdige Erscheinung ist, daß der so geartete 
Mann nicht bei dem einen Erlebnis bleibt, sondern eine lange Reihe 
bildet; Es wird dies sein typisches Erlebnis. 

4. Er hat immer wieder die typische- Phantasie, diese Person zu 
retten. Er überwacht eifersüchtig ihre Tugend, wobei sich die Eifersucht 
nie gegen den rechtmäßigen Besitzer, etwa den Gatten, sondern immer 
gegen einen anderen Liebhaber richtet. 

Freud führt alle diese Erscheinungen auf die Liebe zu der Mutter 
zurück. Der Ehegatte spielt die Rolle des besitzenden Vaters, die 
Mutter wird wie im Familienroman zur Dirne entwertet; diese infantile 
Konstellation wird immer wieder gesucht, .was zur Bildung der langen 
Reihe führe; die Rettungsphantasie heiße aber nichts anderes als eine 
Besitznahme. Retten ist nach Freud eine sexuelle Besitznahme. (Diese 
Bedeutung hat er auch an vielen Traumanalysen nachgewiesen, und sie 
wurde besonders von Rank durch eine größere Reihe von Arbeiten 
gestützt.) 

Ähnliche Verhältnisse finden wir in der Liebeswahl der Frauen. 
Da sind die Mädchen, die an ihren Vater fixiert sind. Sie heiraten nie 
und widmen ihr ganzes Leben der Pflege des Vaters. Beispiele sieht man 
im Leben mehr, als man bei oberflächlicher Betrachtung vermuten 
möchte. Wo die Loslösung vom Vater teilweise gelungen ist, bleibt die 



') Freud, Beiträge zur Psychologie des Liebesleben6. I. über einen besondere« 
Typus in der Objektwahl beim Manne. (Jahrbuch für psychoanalytische Forschungen 
II Band. 1910 Franz Deuticke. Leipzig und Wien.) 



Individuelle Liebesbedingungen. 51 

Neigung zu älteren Herren, bei denen man ein väterliches Gefühl vor- 
aussetzen kann. Diese Liebesbedingung kann sich noch dadurch 
komplizieren, daß dieser ältere Mann verheiratet sein muß, also einer 
anderen gehört. Das alte Rivalitätsverhältnis zur Mutter flammt da 
wieder aufs neue auf. Aber auch die durchsichtige Tendenz, die eigenen 
Kräfte an einer Rivalin zu messen und sie zu besiegen. Man sieht 
häufig, daß Mädchen sich in einen Mann verlieben, wenn er anfängt, der 
Freundin den Hof zu machen. Ebenso kann man erfahrungsgemäß 
Frauen am leichtesten erobern, wenn man einer Freundin lange den 
Hof macht, so daß die Eifersucht auf den fremden Erfolg geweckt wird. 
Diese Liebesbedingung kann so stark sein, daß ohne sie keine Liebe 
zustande kommen kann. Es zeigt sich ein Typus, der das weibliche 
Gegenstück von dem Typus ist, den Freud beschrieben hat 

1. Der geliebte Mann muß verheiratet sein. Oder er ist der Ver- 
lobte, Bräutigam oder Geliebte einer andeyen Frau. Die Eifersuchl 
richtet sich dann selten gegen. die Frau, meist gegen andere Rivalinnen. 
Die Frau wird als ungefährliche Konkurrentin entwertet und lächerlich 
gemacht. In einzelnen Fällen sah ich auch eine heftige Eifersucht, gegen 
die Frau und es wurde vom Geliebten verlangt, daß er die Frau ver- 
lassen oder alle Beziehungen intimer Natur zu ihr aufgeben soll. 
Darin unterscheiden sich die Frauen von den Männern des korrespon- 
dierenden Typus. 

2. Dieser Mann soll womöglich ein Don Juan sein. Seine Krsch.i- 
nung soll ein großes Verständnis für die Ars amandi voiausset/.-n 
lassen. Es reizt ja jede Frau, ihre Kräfte mil einen. Don Juan zu 
messen. Erstens setzt sie bei ihm Raffinement voraus, er soll ein 
Künstler der Liebe sein. Dann will sie ihn binden und ihre Geschlerht.- 
ijenossinnen rächen. Was keiner gelungen ist, wird ihr bestimm! 
gelingen. Sie wird ihn festhalten und in ihren Armen wird er emp- 
finden, was er. noch nie empfunden hat. 

3. Dies Erlebnis wiederholt sich ebenfalls in einer Reihe, die aller- 
dings selten so lange wird wie beim Manne. 

4. Wenn diese Frauen den Gegenstand der Liebe heiraten, so 
schwindet die Liebe. Die Ehe ist für viele Frauen der Tod der Liebe. 
Was Pflicht ist, hört auf, für sie Vergnügen zu sein. Der antisoziale 
Instinkt überwindet den sozialen und die vorher erwähnten Momente 
des Kampfes um die Macht treten wieder in den Vordergrund. Da diese 



l ) Eine bekannte Wiener Schauspielerin hatte es wirklich soweit gebracht, . daß 
der Geliebte seine Frau verließ und zu ihr zog; er fiel im Kriege, und nun trat dio 
Schauspielerin mit der Witwe in Verbindung und beide beweinten gemeinsam den Mann. 

Dr. W. F. 



4* 



r,i> Die Gopchlechtskältc der Frau. 

Frauen ohne Liebe nicht leben können, so suchen sie immer wieder, bis 
sie einen Mann gefunden haben, der einer anderen gehört. 

Fall Nr. 13. Frau H. K. hat folgende Lebensgeschichte. Mit 18 Jahren 
vorliebte sie sich in den Verlobten ihrer Freundin. Ihr Erwählter löste die erste 
A'erlobung auf und verlobte sich mit ihr. Es kam aber zu Streitigkeiten und 
Differenzen, die das Glück trübten, so daß die Verlobung nach 2 Jahren auf- 
gelöst wurde. Mit 20 Jahren verliebte sie sich in den verheirateten Arzt. 
der sie behandelte. Diese Liebe dauerte ein Jahr und führte zu keinen Kon- 
sequenzen, obgleich sie vom Arzte wiedergeliebt wurde. Nach weiteren 2 Jahren 
hatte sie ein Engagement in einer kleinen Stadt. Sie wohnte mit einem jungen 
B&epaaro in der gleichen Pension und wurde . . . die Geliebte des Mannes 
ihrer Freundin. Das Verhältnis nahm ein jähes Ende, als die Frau dahinter 
kam. Nun kam eine Pause von drei Jahren. Dann verliebte sie sich in einen 
Dichter, der ihretwegen die Frau und drei Kinder verließ. Sie heirateten, und 
die Reihe hat vorläufig ihren Abschluß. 

Die Analyse dieses Falles ergab eine starke Einstellung zum Vater, 
die sie noch immer nicht überwunden hat, Sie liebte als Kind den Vater 
abgöttisch. Sie war sechzehn Jahre alt, als sie auf dem Lande einen Koitus 
der Eltern belauschte. Sie war sehr empört und fand den Vorgang abscheu- 
lich. In diesem Alter sollten die Eltern doch schon längst keusch leben! 
(Eine fcypisebe Forderung der Kinder, welche eifersüchtig sind.) Sie ruhte 
nicht elier, als bis sie wegen eines nervösen Leidens mit der Mutter in einem 
Zimmer schlief und auf diese Weise das eheliche Zusammenleben der Eltern 
störfe. 

Ob sie ihrem Manne treu bleiben wird ? Ich glaube, daß diese Frau 
über kurz oder lang dem Bedürfnis nach Reihenbildung erliegen wird. 
Sie neigt zur „K e 1 1 e n 1 i e b e". 

Ich verstehe unter Kettenliebe nicht' die masochistische Neigung, 
sich fesseln zu lassen, Ketten zu tragen, 'sondern eine Liebe, welche eine 
„Reihenbildung" erfordert, so daß es sich bei jeder neuen Liebe«- 
geschiente um ein Kettenglied handelt, das dem alten angegliedert wird 
und wir die Geschichte dieser Liebe nur aus der Summe der einzelnen 
Geschichten begreifen können. Die Erkenntnis, daß es sich nicht um 
eine gewöhnliche Untreue handelt, sondern um eine Zwangshandlung, 
dämmert erst dem Beobachter, der aus der Höhe weitblickender Er- 
kenntnis die Summe der Einzelerlebnisse auf ein bestimmtes Schema 
reduziert. 

Als ein einfaches Beispiel dieser „Kettenliebo" will ich die eben ■ 
geschilderte Form der Frau anführen, die eine Liebschaft nach der 
andern eingeht, die immer wieder über „Liebesenttäuschungen" klagt 
und die ein unstillbares Bedürfnis nach Liebe trotz dieser Ent- 
täuschungen zu neuen Erlebnissen und neuen Schmerzen drängt. Forscht 
man aber genauer nach, so merkt man bald, daß sie sich diese Ent- 
täuschungen arrangiert hat, daß sie es in raffinierter Weise verstanden 
hat, dem Partner die Schuld an dem Bruche zuzuschieben, die eigentlich 



Individuell!» Liebcsbodinguiigeu. 53 

last immer allein auf sie zurückfällt. Sit- hat absolut kein Talent zur 
Treue, wenngleich sie fortwährend von ihrer Treue spricht und jammert. 
daß sie bisher noch keinen treuen Mann gefunden habe. S i e aber ist es. 
die einer ernsten dauernden Fixierung an ein Liebesobjekt aus dem 
Wege geht. Sie ist die Sklavin der „Reibenbildung". Sie benötigt 
offenbar immer neue Erlebnisse und neue Enttäuschungen. 

Überblickt man die Liste der bisher verbrauchten Liebhaber, 60 
merkt man, daß es sich immer um verheiratete ältere Männer und mei- 
stens um den Mann einer Freundin gehandelt hat. Sie kann nur Männer 
lieben, deren Frauen ihr selbst gefallen. Ein anderer Sieg macht ihr 
keine Freude. Damit verrät diese Frau eine maskierte Homosexualität. 
Sie liebt die Freundin und besitzt sie dann durch ihren Mann; sie 
triumphiert auch über die Freundin, wenn sie ihr den Mann — ■ wenn 
auch nur zeitweise — raubt. 

Jede Zwangshandlung beruht auf dem von mir schon oft geschil- 
derten Mechanismus der „Verschiebung". Es handelt sich um Ersatz- 
handlungen, die nie völlige Befriedigung auslösen, weil sie eben nur 
Ersatz und nicht das eigentliche Ziel darstellen. 

Hinter allen diesen Ersatzhandtungen steht immer ein unerfüllter 
Wunsch. Das Unerfüllte ist das Stärkste im Menschen. Das Unerledigte, 
das Einzig-Ewige und Unzerstörbare. Welcher Wunsch ist in der Seele 
dieser Frauen unerfüllt und unerfüllbar? Die Beantwortung dieser Frage 
führte uns weit in die Kindheit dieser Frauen zurück, in jene Zeit, in 
der die erotischen Einstellungen des Menschen entschieden werden. Wa- 
che spätere Zeit dazu bringt, ist nur der Überbau. Ziel und Art des 
Geschlechtslebens entscheiden sich eigentlich in den ersten Eindrücken. 
..Alles Erste ist ewig im Kinde!" — sagt Jean Paul mit Recht. 

Nun gibt es nur eine Art von Liebe : die sexuelle. Was wir 
später als die Ausstrahlungen dieser Liebe kennen lernen, ist Folge der 
Sublimierung. Das Kind kennt die Sublimierung noch nicht, es kennt 
keine geistige Liebe, keine Erotik. Kinder, deren Sexualempiindiingen 
schon am Tage der Geburt einsetzen, könnennieht anders als körperlich 
lieben. Bald kommt auch die seeliche Liebe dazu. Aber jetzt gerät das 
Kind schon in Konflikt mit seiner Mutter. Denn der Vater gehört ja der 
Mutter. Es hat dann den Wunsch, den Vater der Mutter wegzunehmen. 
Oder es beginnt mit Todesgedanken zu spielen: Die Mutter möge krank 
werden und 'sterben, was dann die Quelle schwerer Schuldgefühle und 
neurotischer Abhängigkeit von der Mutter wird. 

Aus dieser infantilen Einstellung heraus stannnt der Wunsch, 
einer verheirateten Frau den Mann wegzunehmen. Da es aber immer 
ein anderer Mann als der Vater ist, so bleibt der Wunsch unerfüllt, die 
treibende Kraft löst eine neue Handlung aus, die Frau wird ihres Lieb- 



54 Die Geschlecbtskälte der Frau. 

habers. bald überdrüssig, suchi einen anderen und so fort, bis sie end- 
lich von einem starken Vaterbild erlöst wird. Es ist dann meistens 
<>in bedeutend älterer Mann, der ihr Vater sein könnte, ihrem Vater in 
manchen Stücken gleicht, so daß sie dann schließlich ihre Kette ab- 
schließt. Aber nicht immer! Manchmal geht das Suchen weiter, bis die 
-rausamo Zeit dorn Spiel ein Ende macht oder sie zum früheren Ideal 
zurückkehrt. 

Diese Frauen gleichen Finhrecherinnen. deren Spezialität der 
Kassenschein der ehelichen Liebe darstellt. Der schönste Mann kann 
ihnen nicht gefährlich werden, wenn sie ihn nicht einer andern weg- 
nehmen, wodurch auch ihr Porsönlichkeitsgefühl außerordentlich ge- 
' steigert wird. 

Erwähnen möchte ich noch, daß die Kettenliebe den von ihr Er- 
griffenen kein Vergnügen bereitet. Die ewigen Enttäuschungen, das un- 
aufhörliche Spiel von Hoffen und Verzweifeln schafft eine deprimierte 
Siiinmungslage und manche dieser Frauen endet durch Selbstmord, be- 
sonders wenn sie in Skandalaffären verwickelt wird oder sich eine sexu- 
elle Infektion zuzieht. Es sind ja arme Kranke, die unser tiefes Mitleid 
verdienen. Gehetzt von den Dämonen eines kräftigen, unerfüllbaren 
Wunsches, verbringen sie ihr Leben mit einem Kultus der Vergangen- 
heit, der ihnen jode Gegenwart entwertet. Nur der Mensch, der die 
Wirklichkeit der Stunde und des Tages ausnützen kann, der nicht 
Gespenstern der Vergangenheit neues Blut einflößen will, der sein? 
Wünschö aus dem reichen Strom des jetzigen Lebens hebt und erfüllt, 
kann sein Leben glücklich gestalten. ... 

Die Frage der Liebeswahl wird noch komplizierter, wenn zu der 
typischen infantilen Konstellation das seelische Moment hinzutritt. 
Demi alle Menschen befinden sich im Kampfe der Tyrannei der Infan- 
tilismen und trachten darnach, jene innere Freiheit zu erlangen, welche 
die Liebeswahl ans höheren intellektuellen Momenten ermöglicht. Es 
ist der Kampf der Forderungen der Gegenwart mit den Eindrücken der 
eigenen Vergangenheit, So kommt es, daß intellektuelle Menschen die 
seelischen \h.mente in den Vordergrund stellen und sich bei der Liebes- 
wahl davon bestimmen lassen (Gleichheit der Interessen, Ähnlichkeil 
der Charaktere usw.). 

Bei Frauen spielen noch viele Kräfte herein, welche ich nicht aus- 
I iilu 011 konnte. Die Liebe zu Schwachen, zu Kranken, zu Hilflosen, 
welche auf sie angewiesen sind, bei denen sie unbewußt das Gefühl der 
■Überlegenheit und das herrliche Gefühl der Mütterlichkeit auskosten 
können. Da alle Menschen sich im Kampfe gegen ihr Liebesbedürfnis 
befinden, da sie auch die Tyrannei der Triebe überwinden wollen, bilden 
sich asketische Tendenzen aus, welche auch in der Liebeswahl ent- 



Individuelle Liebesbedingungen. 



55 



scheidend sein können. Die Liebe zu Impotenten ist so ein Moment, das 
in unserer Zeit immer mehr in den Vordergrund tritt. 1 ) Die Askeße ist 
ja der Wille zur Macht über sich selbst. Die Liebe der Wille zur Unter- 
werfung. So kombiniert sich in der Liebe zum Impotenten der Wille zur 
Macht über sich selbst mit dem Willen zur Unterwerfung. 

Im Sadismus tritt eine andere Kombination zutage. Der Haß zeigt 
-Uli immer als Wille zur Macht und kombiniert sich mit sexuellen 
Momenten. 

"Doch davon später. Ich wollte in diesen Kapiteln nur eine flüchtige 
Obersicht über das wichtige Problem der Liebeswahl geben. 

Dabei mußten wir das Problem der Liebe überhaupt streiten. Es 
sind einleitende Worte zu den komplizierten Krankenbildern, die wir 
entrollen werden. Sie werden uns das soziale Problem der Liebe und 
der Sexualität zeigen. Denn jede Zeit hat ihre Liebe. 

Man müßte — wollte man die Liebesbeziehungen eines Menschen 
erschöpfen — sein ganzes Leben durchleuchten und eine fortlaufende 
Entwicklung der Liebesstadien, ihre Metamorphosen, ihre Veränderung 
in das Geistige und im hohen Alter ihre Rückkehr in das Infantile auf- 
zeigend Das wäre ein Buch für sich. Jeder Mensch macht in der Liebe 
die verschiedensten Entwicklungsstadien durch. Er beginnt immer mit 
der Liebe zu den nächsten Objekten, mit der Liebe zu Dienstboten und 
der Familie. Die erste Liebe ist eigentlich eine Inzestliebe. Die weitere 
Entwicklung muß so vor sich gehen, daß sich das Individuum von der 
Familie löst und seine Wahl außerhalb des engen Kreises trifft. Diese 
Loslösung mißlingt den Neurotikern in der Regel. Sie bleiben auf einem 
Punkte der Entwicklung stehen. Hier zeigen sich wichtige Ausblicke auf 
die Störungen des Liebeslebens. Es gibt nämlich viele Menschen, welche 
scheinbar nicht lieben können. Eine nähere Untersuchung ergibt, eine 
Fixierung an die Eltern, welche den Kranken gar nicht bewußt ist. 2 ) 
Freud, der diese Zusammenhänge mit genialem Scharfsinn aufgestöbert 
hat, sagt darüber: 

Je mehr matt sich den tieferen Störungen der psychoscxuelleu Ent- 
wicklung nähert, desto unverkennbarer tritt die Bedeutung der inzestuösen 
Objektwahl hervor. Bei den Psychoneurotikem verbleibt infolge von 
Sexualablehmmg ein großes Stück oder das Ganze der psych osexucllen 
Tätigkeit zur Objektfindung im Unbewußten. Für die Mädchen mit ühci- 
• großem Zärtlichkeitsbedürfnis und eben solchem Grausen vor den realen 
Anforderungen des Sexuallebens, wird es zu einer unwiderstehlichen Ver- 



J ) In den „Memoiren einer Sozialistin" schildert Lilly Braun die Liebe einer 
l'ia« zu einem impotenten Menschen nach dem Schiffbruch einer großen Leidenschaft. 

■) Auch unbewußte, unterdrückte Paraphilicn können das merkwürdige Bild der 
Liebesunfähigkeit erzeugen. 



f )( ; Die Gescblcchtskülte der Frau. 

Buchung, sich einerseits das Ideal der asexuellen Liebe im Leben zu ver- 
wirkliehen und andrerseits ihre Libido hinter einer Zärtlichkeit, die sie 
>>hno Selbstvorwurf äußern dürfen, zu verbergen, indem sie die infantile, 
in der Pubertät aufgefrischte Neigimg zu Eltern oder Geschwistern fürs 
Leben festhalten. Die Psychoanalyse kann solchen Personen mühelos nach- 
weisen, daß sie in diese ihre Blutsverwandten im gemeinverständlichen 
.Sinne des Wortes verliebt sind, indem sie mit Hilfe der Symptome und 
anderen Krankheitsäußerungen ihre unbewußten Gedanken aufspürt und 
in bewußte übersetzt. Auch wo ein vorerst Gesunder nach einer unglück- 
lichen Liebeserfahrung erkrankt' ist, kann man als den Mechanismus 
solcher Erkrankung die Rückwendung seiner Libido auf die infantil be- 
vorzugten Personen mit Sicherheit aufdecken. (Drei Abhandlungen zur 
Sexualtheorie. Seite 67, 68.) 

Die Schilderungen der Störungen des Liebeslebens müßten also bei 
den Beziehungen zu der Familie beginnen, und wir hätten drei Stadien 
zu unterscheiden: 

1. Die Lösung von den. Eltern und den Geschwistern gelingt 
gar nicht. 

2. Sie gelingt nur teilweise in Anlehnung an das infantile Ideal. 

:i. Sie gelingt vorübergehend; nach einer gewissen Periode der 
scheinbaren Loslößung tritt die Regression zu der Familie und dem infan- 
tilen Ideal ein. 

Alle diese Formen können wir in der Praxis sehen und sie sollen 
alle besprochen werden. Die Zeit der Loslösung ist verschieden. Freud 
verlegt sie in die Pubertät, und der Gedanke hat etwas Bestechendes, 
er wird durch viele Erfahrungen der Analyse- bestätigt. Allein es 
kommen auch hier sehr viel Ausnahmen vor und wir werden auch solche 
kennen lernen. Vielleicht sind all die Stürme der Pubertät, die Flegel- 
jahre nur die Revolution des Individuums, das um seine persönlichr- 
innere Freiheit auch in Sachen der Liebeswahl kämpft. 

„Die Objektwahl wird aber zunächst in der Vorstellung vollzogen, und 
das Geschlechtsleben der eben reifenden Jugend hat kaum einen anderen Spiel- 
raum, als eich in Phantasien, d.h. in nicht zur Ausführung bestimmten Vor- 
stellungen zu ergehen. In diesen Phantasien treten bei allen Menschen die 
infantilen Neigungen, nun durch den somatischen Nachdruck verstärkt, wieder 
auf, und unter ihnen in gesetzmäßiger Häufigkeit und an erster Stelle die 
meist bereits durch die Geschlechtsanziehung differenzierte Sexualregung des 
Kindes für die Eltern, des Sohnes für die Mutter und der Tochter für den 
Vater. Gleichzeitig mit der Überwindung und Verwerfung dieser deutlich 
inzestuösen Phantasien wird eine der bedeutsamsten, aber auch schmerzhaf- 
testen psychischen Leistungen der Pubertätszeit vollzogen, die Ablösung von 
der Autorität der Eltern, durch welche erst der für den Kulturfortechritt so 
wichtige Gegensatz der neuen Generation zur alten geschaffen wird. Auf jeder 
der Stationen des Entwicklungsganges, den die Individuen durchmachen sollen, 
wird eine Anzahl derselben zurückgehalten, und so gibt es auch Personen, welche 
die Autorität der Eltern nie überwunden und ihre Zärtlichkeit von denselben 



Individuelle Licbcsbcdiuguiiircn. 5T 

nicht oder nur. sehr unvollständig zurückgezogen haben. Ee sind zumeist 
Mädchen, die so zur Freude der Eltem weit über die Pubertät hinaus bei der 
vollen Kinderliebe verbleiben, und da wird es dann sehr lehrreich, zu linden, 
daß es diesen Mädchen in ihrer späteren Ehe an dem Vermögen gebricht, ihren 
Männern das Gebührende zu schenken. Sie werden k ü h 1 e Ehefrauen und 
bleiben sexuell anästhetisch. Man lernt daraus, daß die anscheinend nichl 
sexuelle Liebe zu den Eltern und die geschlechtliche Liebe aus denselben Quel- 
len gespeist werden, d. h. daß die erstere nur einer infantilen Fixierung der 
Libido entspricht." (Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Seite 66, 67:) 

Nicht immer vollzieht sich — 'wie ich schon angedeutet habe — 
diese Loslösung in der Pubertät. Ich kenne Menschen, denen ilie.se Be- 
freiung erst mit vierzig Jahren gelungen ist 1 ), manchen noch später, 
anderen früher. Aber die Bedeutung der infantilen Fixierung für das 
Problem der Liebeswahl läßt sich vorläufig nur andeuten, noch gar nicht 
übersehen. Die gebräuchliche oberflächliche Durchforschung ohne- 
genaue Analyse gibt höchst unsichere und gar nicht verwendbare- 
Resultate. 

Ich wüßte kein Gebiet, auf dem sich die Überlegenheit der Analyse 
und der genauen psychologischen Durchforschung besser erweisen würde 
als gerade bei jenen Formen der Liebesstörung, welche man als voll- 
kommene Liebesunfähigkeit bezeichnet. Es gibt noch immer Forscher, 
welche von vollkommener sexueller Anästhesie reden, von einem Asexu- 
aliemus, der aber nur in der Einbildung der Kranken bestellt. Es sind 
Menschen, welche ihre eigene Sexualität nicht kennen und die Masken 
ihrer Sexualität nicht erkennen wollen, weil ihnen die Rolle der Asketen 
und Heiligen besser zusagt. 

Ganz besonders interessant sind aber die Falle, in denen das Vor- 
handensein eines Geschlechtstriebes zugestanden, aber zugleich die Un- 
fähigkeit betont wird, sich zu v e r 1 i e b e n. Wir haben von der Liehe- 
auf den ersten Eindruck gesprochen. Wir müßten auch von der all- 
mählich entstehenden Liebe reden. Wir sind auch verpflichtet, die Mono- 
sexualisten, die nur einmal lieben können, und die Panscxualisten VOrZU 
führen. Der. Don Juan und der Asket erhalten im Lichte der Analyst 
ganz neue Aspekte. Der Don Juan, mit seiner Fähigkeil, sofort zu lieber» 
und sofort zu entbrennen, der latent Homosexuelle, und der Gegensatz, 
der Mann, der nicht lieben und nicht begehren kann. Allein diese Fragen 
lassen sich nicht isoliert darstellen. Im Rahmen der Krankengeschichten 
werden wir allmählich die verschiedenen Typen und Formen studieren 
können. Ich will an dieser Stelle nur einige Typen von Menschen vor- 
führen, welche noch nie geliebt haben und sich für unfähig halten, zu 
lieben. Wir werden — das will ich gleich vorausnehmen — in allen 



i ) Ein typisches Beispiel: Der Dichter Konrad Ferdinand Mri/cr. 



5g Die (loschlcehtskälte der Frau. 

fliesen Fällen eine inzestuöse Fixierung oder eine unterdrückte Para- 
philie konstatieren können. 

Fall Nr. 14. Herr J. S., ein Kassier von 34 Jahren, der an Platzangst 
leidet, war in seinem Leben nie verliebt. Er weiß gar nicht, wie dies Gefühl 
sein mag, und hat sich schon oft gewünscht, sich zu verlieben. Ja, er hat sieh 
sogar angestrengt, und wollte sich mit Gewalt verlieben, um zu sehen, wie 
dieses erhabene Gefühl ist, von dem die Dichter so viel singen und das den 
Höhepunkt dos Lebens darstelle. 

Die Mädchen erscheinen ihm alle als dumme Gänse. Ältere Frauen kann 
BV gut leiden und unterhält sich mit ihnen gerne. Er würde aber nie ein Ver- 
hältnis mit einer vorheirateten Frau eingehen, weil das seinen Grundsätzen 
widerspricht. Er kann auch kein anständiges Mädchen verführen. Infolgedessen 
ist er auf den sexuellen Verkehr mit Dirnen angewiesen, den er jede Woche 
mit mathematischer Präzision vollzieht. Er tue das mehr aus Verpflichtung, 
weil es der Hausarzt verlangt habe. Aber er könnte auch leicht darauf ver- 
zichten und sein Verlangen ist nicht so groß, daß die Erfüllung ihn befriedigen 
könnte. Es fehlt das Begehren und der Genuß. Er schließt sich auch keinen 
Kameraden an. Er lebt mit seiner Mutter und seiner Schwester im friedlichen 
Haushalte und ist ganz zufrieden, so daß er keine Sehnsucht nach der Ehe hat. 

Da trat ein Ereignis in seinem Leben auf, das er nicht erwartet hatte'. 
I)i»> Schwester fand einen Bewerber und verliebte sich in diesen Bewerber. 
Vergebens suchte er nach Gründen, welche gegen diese Verbindung sprächen. 
i »er Bewerber war ein ehrenvoller Mann, sehr gut gestellt, wenn nicht reich, 
SO doch wohlhabend, hatte einen sehr schönen Ruf, guten Charakter, eine 
feine Familie. Er beauftragte einen Detektiv mit der Durchforschung der Ver- 
gangenheit, wie er glaubte, aus Pflichtgefühl, weil man wissen müsse, wen 
man der Schwester gebe. Es fand sich kein belastendes Moment vor. Trotz- 
•iem war er gegen die Verbindung, weil die Schwester ihm versprochen hatte, 
mit ihm immer zusammenzubleiben. Der Schwester jedoch, einer gesunden, 
sinnlichen Natur, war die Lo6lösung aus dem sterilen Familienbund gelungen, 
gegen den Willen der Mutter und des Bruders. Sie wußten sich schließlich 
60 zu beherrschen, daß sie den Widerstand gegen den Bräutigam nicht offen 
geigten; Aber sie konnten zu ihm in kein rechtes Verhältnis kommen. Nach 
der Hochzeit brach bei dem Bruder eine schwere Depression mit Verstim- 
mungen und Selbst mordideen auf, die erst allmählich abklang. Zwischen ihm 
lind dem Schwager kam es au6 geringfügigen Anlässen zu einem Streite, in- 
folgedessen s'n- den Verkehr vollkommen abbrachen. Seine Unfähigkeit zu lieben 
\ar also nur eine scheinbare. Er liebte seine Schwester und widmete ihr alles, 
was er an Zärtlichkeit geben konnte. Ihr und der Mutter. Nach dem „Treu- 
liruch der Schwester" erwachte in ihm das Bedürfnis, sich zu verlieben und 
rieh eine Frau zu suchen. Er tat es aber nicht, weil er jetzt die Mutter nicht 
.lloin lassen konnte. Er stellte sich dann gerne als Märtyrer der Kindes- 
liebe dar. 

Eine Liebe einer Tochter zu ihrem Vater schildert der nächste 
all Wollte ich alle mir bekannten hierher gehörigen Fälle anfuhren, 
jeh hätte keinen Raum, die anderen Störungen des Liebeslebens auszu- 
führen Jeder Praktiker kennt ähnliche Fälle, wenn er sich auch nicht 
immer über die An der Beziehungen klar ist. 



Individuelle Ciebeabedingangeo. f>*> 

Fall Nr. 15. Frl. V. A. leidet an einer Störung ihres Liobeslebens, welche 
sie zur Verzweiflung bringt. Ihre Mutter starb, als sie 18 Jahre alt war. Seil 
dieser Zeit führte sie die Wirtschaft und war immer gesund. Sic ist jetzt 
34 Jahre und hat noch nicht geliebt. Jedesmal, wenn sich ein Mann ihr nähert. 
der sich um sie bemüht — denn sie ist reich und noch immer sehr schö] 
— fängt sie zu zweifeln und zu fragen an: Liehst du diesen Menschen wirk- 
lich? Täuschest du dich nicht über die Stärke der Gefühle? Liebt er dich? 
Interessant ist der Umstand, daß sie bis vor einem Jahre pur nicht ilamii 
«lachte, daß man lieben könne und daß diese Frage jemals für sie in Be- 
tracht käme. Sie lebte mit dem Vater und dem Bruder Friedlich und zufrieden 
und konnte nicht begreifen, daß es Menschen gäbe, bei denen die Sexualität 
eine solche Rolle spiele. Ihr sexuelles Bedürfnis sei Null gewesen. Erst seit 
einem Jahre melde sich ein Begehren, das sich nicht unterdrücken lasse. Und 
zwar seit der Verlobung ihres einzigen Bruders, der in den nächsten Monaten 
heiraten werde. Bis dahin sei sie gesund gewesen wie ein Fisch im Wasser. 
Jetzt fingen nächtliche Störungen an. Sie erwachte mit Angstgefühl und kam 
in das Zimmer des Vaters und schrie: Hilf mir, Vater I Ich habe eine solche 
Angst! Der Vater mußte sie dann beruhigen, sich an ihr Bett setzen, worauf 
.sie einschlief. 

So ihre erste Angabe. Bald aber ergibt sich, daß sie nach dem Tode 
•der Mutter einen schworen Zustand ähnlicher Art wie jetzt durchgemacht hatte. 
Damals machte sie sich Vorwürfe, sie hätte die Mutter nicht ordentlich gepflegt, 
die Mutter würde heute noch leben, wenn man sie rechtzeitig operiert hätte, usv 
Die Analyse erweist, daß diese Vorwürfe die Folge von Todeswünschen gegei 
die Mutter sind (Talion). Schon damals wünschte sie an die Stelle der Mutter 
zu treten und dem Vater die Mutter zu ersetzen. Und alle diese komplizierten 
Vorgänge spielten sich unter der Maske eines geschlechtskaltcn Mädchens ab, 
das keine Fähigkeit zur Liebe hatte. 

Die Loslösung des Bruders aus dem Kreise der Familie hatte zu dieser 
Krise geführt, welche ihre eigene Loslösung anbahnen sollte. Allein der Zweifel 
an sich und den Bewerber zerstörto jede Möglichkeit, zu einem Gefühle zu 
kommen. Dabei veränderte sich ihr Wesen. Das fleißige lebenslustige Mädchen 
wurde träge, träumte gerne vor sich hin, war zur Arbeit unfähig. Sie begann 
sich vorzuwerfen, daß sie ihre Pflichten nicht erfüllen könne. Sie war unter- 
lehrerin in Klavier bei einem berühmten Meister, dem sie ein großes Ein- 
kommen verdankte. Sie hörte nicht mehr, was die Schülerinnen spielten, und 
machte sich Skrupel aus dieser Art des Unterrichtes. Sie wollte um I'rlauh 
bitten, um auszuruhen, d. h. um ihren Träumen nachzuhangen. 

Am meisten aber bedrückte sie, daß sich jetzt ein Manu gefunden hatte, 
der sehr gut zu ihr paßte und von dem sie merkte, daß sie ihm sehr gut 
gefiel. Er bevorzugte sie sowohl in der Gesellschaft als auch bei Ausflügen 
und beim Tennisspiel. Wüßte sie bestimmt, daß sie ihn liebe, sie würde glück- 
lich sein .... 

Nun ergibt die Analyse, daß diese Veränderung mit ihr vorgefallen, seit 
sie von der Tante erfahren hatte, der alte Vater habe noch ein Verhältnis, 
und zwar seit dem Tode der Mutter. Diese Tatsache sowie die Verlobung des 
Bruders waren für sie ein schweror Schlag und sie versuchte nun ihrerseits 
auch vom Hause loszukommen. Es wollte, ihr aber nicht gelingen. Sie hatte 
etwas Kaltes und Abweisendes in ihrem Wesen, das alle Männer abschreckte. 
Diesmal — so nahm sie sich vor — müßtees anders sein. Sie arrangierte 



00 Die Geschlechtskälte der Krau. 

oincn Ausflug und wußte es so einzurichten, daß sie mit dem letzten ihr so 
sympathischen Bewerber ganz allein blieb. Im Walde wurde er zärtlich, führte- 
sie am Anne. Sie ließ es sich gefallen. Er faßte ihre Passivität als Entgegen- 
kommen auf, umarmte sie und gab ihr einen Kuß. Sie aber versetzte ihm 
eino . . . Ohrfeige und brach alle Beziehungen zu ihm ab. Er habe ihre Ehre 
beleidigt und sie für ein unanständiges Mädchen gehalten. 

Sie ist derart an den Vater fixiert, daß sie überhaupt die Trennung von 
ihm nicht überleben würde. Die kläglichen Versuche, sich in andere Männer 
zu verlieben, waren immer nach der Vaterimago gebildet worden. (Ihr alter 
Klaviorprofessor, der alto Hausarzt, ein Freund des Vaters.) Sie hatte über- 
haupt kein Interesse für junge Leute. Freilich hatte vorher das grob sexuelle 
Bedürfnis hinter einer Eisdecke geschlummert, während es jetzt mächtig her- 
vorbrach. In der Analyse übertrug sie ihre Neigung auf mich und setzte mich 
in Stelle ihres Vaters. Das ermöglichte die Aufklärung und Bewußtniachuu.tr 
ihrer Konflikte. Die nervösen Beschwerden besserten sich, aber ein leichter 
Schlaganfall, des Vaters machte sie zu seiner Wärterin und entzog sie ganz 
dem öffentlichen Leben. Nun gehörte der Vater nur ihr ganz allein. Sie widmete 
Sich mit einer solchen Sorgfalt und Leidenschaft seiner Pflege, daß alle anderen 
Interessen untergingen. Und ihre Sinnlichkeit? 

„Ich habe keine Zeit, daran zu denken" — sagte sie. „Der Vater gibt 
mir so viel Arbeit, daß ich todmüde ins Bett sinke." .... 

Andere Formen von scheinbarer Liebesunfähigkeit kommen durch 
die Verdrängung einer Paraphilie zustande. Besonders nach Maso- 
c.hisnms ist zu fahnden, wenn Patienten angeben, daß sie nicht lieben 
können. 

Fall Nr. 16. Frau E. IL, 34 Jahre alt, gibt au. daß sie noch nie im Leben 
geliebt habe. Sie habe ihren Mann aus Berechnung geheiratet, sei in der Ehe 
ganz kalt geblieben. Bloß hie und da sei es zu einer flüchtigen Empfindung 
beim Koitus gekommen. Sie ist nie im Leben verliebt gewesen. Sie leugnet 
jode abnorme Geschlechtsrichtung. Sie wäre eine „kalte Natur" und mache sich 
aus der Liebe gar nichts. Die Analyse ergibt aber das Vorhandensein über- 
mächtiger musochistischer Phantasien. Sie wurde als kleines Mädchen von den 
Eltern geschlagen. Sie wünscht sich einen starken Mann, der sie energisch 
bestraft. Trotz ihrer Launen und der Sekkaturen, mit denen sie ihren Mann 
verfolg!, ist der feingesinnte, zartfühlende Mann lange nicht auf die er- 
lösende Idee gokommen, seine Frau zu prügeln. Einmal riß ihm die Geduld. 
er konnte sich nicht anders helfen und gab ihr eine tüchtige Tracht Prügel. 
Sie verliebto sich in diesem Moment in ihn und blieb verliebt 1 ), obwohl er 
sie nie mehr prügelte. 

Eß war mir nicht möglich, den Reichtum der „spezifischen Liebe- 
bedingungen" in diesem Kapitel zu erschöpfen. Ich konnte ihn bloß an- 
deuten. Die einzelnen Analysen werden uns die erwähnten Momente 
wieder an ausführlichen Beispielen vor Augen führen. Daß sich dies e 

') Ähnlich in Oskar Wildes „Eine florentinische Tragödie". Der Gatte, ein Kauf- 
mann, tötet den Geliebten, einen Prinzen, im Zweikampf. Das Weibchen fällt dem 
Mumie bewundernd um den Hals: „Ich habe nicht gewußt, daß du so stark bist!" . . . 



Das sexuelle Trauma des Erwachsenen. 6 t 



«• 



Liebesbedingungen mit dem Fortschreiten der Kultur komplizieren, habe 
ich schon betont. Besonders das „Ein- und Zweikindersystem", das zu 
einer maßlosen Verzärtelung der Kinder führt, scheint mir die Haupt- 
quelle des Zunehmens der Liebesstörungen zu sein. Die merkwürdige 
soziale Erscheinung der „Angst vor dem Kindersegen" äußert ßioh in 
einer erschreckenden Zunahme der Neurosen und der damit verbundenen 
Liebesstörungen. Unter meist fadenscheinigen ökonomischen Vorwänden 
entziehen sich die Mütter der wichtigen Aufgabe der fruchtbaren Mütter- 
lichkeit. 

Es scheint, daß hier eine Art Automatismus vorwaltet, durch den 
eine Überbevölkerung verhindert wird. Schwierige soziale Verhältnisse 
führen zum Einkindersystem. Das Einkindersystem wird die Ursache 
von Liebesstörungen, die betreffende Oberschichte der Generation stirbt 
bald aus, wie sich statistisch mühelos nachweisen lassen würde. Es 
handelt sich um einen chronischen Selbstmord der Kulturmenschheit, der 
*ich im Weltkriege in der abschreckendsten Form ausgedrückt hat. 
Deshalb halte ich alle gutgemeinten Vorschläge der Eugeniker zur 
Verbesserung der Rasse und Regeneration der ausgebluteten Menschheit 
für Utopien. Die Liebes^törungen der Menschen sind eine soziale Er- 
scheinung. Die Fruchtbarkeit eines Volkes folgt geheimen Gesetzen, die 
Avir nicht kennen. Eine Zeit, die viele Liebespaare benötigt, schafft sich 
eigene Formen der Liebe, läßt die Störungen verschwinden und erzeugt 
neue Formen der Liebesbereitschaft. 



IV. 
Das sexuelle Trauma des Erwachsenen. 

Die ersten Erlebnisse formen in uns ein Bild des Lebens, von dem 
wir uns nur schwer befreien können. Langsam können wir das Vergan- 
gene überwinden, wenn uns eine reiche Gegenwart neue Werte zuführt 
Aber das erste Erlebnis im Liebesleben bestimmt meist Form und 
Charakter der Liebe für das ganze Leben. Führt doch Binct mit einiger 
Berechtigung die sonderbarste Liebeskrankheit, die „Teilanziehung", 
auf die Fixation eines ersten Erlebnisses zurück. Ein Kind sieht seiner 
Gouvernante zu, wie sie die Strümpfe wechselt. Es empfindet beim An- 
blick der nackten Füße ein merkwürdiges Gefühl, gemischt aus Neu- 
gierde, Angst und Erregung. Sein Sexualtrieb geht mit diesem ersten 
Erlebnis eine Verlötung ein. Fuß und Sexualität werden Assoziations- 
hrücken, über die jede neue Liebesregung schreiten muß. Es wird ein 
fanatischer Fußfetischist. Dies nur ein kleines Beispiel, das uns aber 
die Macht der ersten Eindrücke deutlich vor Augen führt. 



*"»"'"" 



6'2 



Die • Geschlechtskälte der Frau. 



Doch nicht von diesen ersten Erlebnissen will ich hier sprechen,, 
die uns zum Thema „Das Sexualleben des Kindes" führen. Auch nicht • 
von den Erlebnissen der späteren Kinderjahre. All diese Erlebnisse sind 
ja noch Vorbereitungen. Ahnungen des Werdenden, Ralbempfundeneß- 
•ünd Halb erfundenes. Ich will vom ersten Erlebnis des Jünglings und des? 
Mädchens nach der Pubertät sprechen. 

Es ist für Frauen von der allergrößten Bedeutung für die Sympho- 
nie der Liebe, ob die ersten Takte mit einer Dissonanz oder mit einem 
vollen harmonischen Akkord einsetzen. Aber auch für Männer kann das 
erste Erlebnis im erwachsenen Alter entscheidend sein. Wir überzeugen 
uns, daß die Männer sich zu den Frauen mit einer bestimmten unab- 
änderlichen Beziehung und Wertschätzung eingestellt haben. Diese 
Einstellung rührt oft von dem ersten Erlebnisse her. 1 ) 

Ein junger Mann, der eben die Matura absolviert hatte, erhält von 
seinen Eltern die Erlaubnis, eine kleine Heise zu machen. Er ist noch 
vollkommen unerfahren, hat sich trotz der lockenden Beispiele seiner 
Mitschüler seine Ideale bewahrt, ist keusch geblieben, weil ihm die 
käufliche Liebe ekelhaft erschien und er sich den Auftakt der Liebe in 
vollen harmonischen Akkorden erträumte. In' sein Coupe steigt eine 
junge Dame ein, die ihn sehr interessiert betrachtet. Es wird Nacht. Sie 
legen sich beide zum Schlummer hin, nachdem sie ein paar höfliche 
Worte gewechselt haben. Bald jedoch bemerkt er scheinbar zufällige Be- 
rührungen dieser entzückend schönen Frau. Sie stößt mit ihrem kleinen 



J ) CatuUe Mendte schildert in seinem meisterhaften Roman „Sa premiere- 
maitresse", wie ein Jüngling, von einer Frau verleitet, als erstes Erlebnis eine Fellatio- 
kennen lernt. Trotz aller Vorsätze und heftiger Kämpfe kann er sich nie jnehr von • 
dieser Form der Liebe frei machen. Er wird der „sexuelle Hörige" dieser Frau, begeht 
ihr zu Liebe ein Verbrechen, versucht sich zu befreien, heiratet eine andere, um bei 
der ersten Gelegenheit wieder schwach, gebrochen, widerstandslos zur ersten Maitresse 
zurückzukehren . . . 

Gefährlich wird das erste Erlebnis, wenn es Beziehungen zu den Eltern hat, 
wenn der blutrote Schimmer eines Inzestes den Himmel der Liebe beleuchtet. Wie fein 
zeigt uns Turgenjew in seiner zarten Novelle „Erste Liebe" den tragischen Konflikt 
eines Sohnes, der eines Tages entdecken muß, daß die von ihm vergötterte Schöne 
intime Beziehungen zu seinem Vater hat, ja, daß der Vater die Stolze, Unnahbare, 
die mit allen Männern gespielt hat, mit der Reitpeitsche schlägt, ohne daß sie sich 
dagegen wehrt. Muß sich dieses Bild des schlagenden Vaters nicht ewig in sein Hirn 
eingegraben haben? ^ , 

Noch grauenhafter schildert Geijerstamm in seinem düsteren Roman „Nils 
Tuffeson und seine Mutter" die sexuellen Beziehungen zwischen einer Mutter und 
ihrem Sohne und betont mit Recht, daß der Sohn, der einmal seine Mutter „erkannt" 
hat, nie mehr eine andere Frau lieben könne. Ein junges, blühendes Geschöpf wird als 
Frau ins Haus genommen, um dem Gerede im Dorfe ein Ende zu machen. Sie erleidet 
ein schweres Martyrium und wird schließlich von dem entmenschten Paare ermordet. 






Das sexuello Trauma des Erwachseneu. (5& 

Fuße nach seiner Genitalgegend. Nach kurzer Zeit hat sie ihn erobert. 
Es kommt zu mehreren Kohabitationen — der junge Mann lernt zum 
ersten Male die Wonnen der physischen Liebe kennen. Des Morgens 
nimmt sie von ihm Abschied. Am Bahnsteig stehen ihr Gatte und zwei 
reizende Kinder. Sie stürzt sich in die weitgeöffneten Arme, küßt ihn 
und die Kinder stürmisch, hat noch Zeit, dem fassungslosen Jüngling 
einen koketten Blick und eine verstohlene Kußhand zuzuwerfen und 
verschwindet . . . 

Was für ein Bild von der Welt und den Frauen hat sie bei dem 
., idealen" Jüngling zurückgelassen! In welche Verwirrung hat sie sehn 
Seele versetzt! Wie soll er je in seinem Leben einer Frau vertrauen 
können ? . . . 

Die Bedeutung solcher Erlebnisse für das Sexualleben kann nicht 
genug hoch eingeschätzt werden. Es gibt eben auch ein sexuelles Trauma 
des Erwachsenen!" 

Die Frage des sexuellen Traumas wird uns in diesem Werke noch 
wiederholt beschäftigen. 

Die Bedeutung der sexuellen Traumen der Kinder ist lange Zeil 
von der Freudschule maßlos überschätzt worden. Es gab viele Jahre, in 
denen die Psychanalyse nichts anderes war als eine Jagd nach den ..ver- 
drängten Traumen" der Kindheit. Fiel dem unglücklichen Patienten 
nichts ein, so wurde diese passive Resistenz als böser Wille des Unbe- 
wußten gedeutet, das seinen sicheren Besitz an lustbetonten Kindheit- 
erinnerungen nicht hergeben wolle. Monate vergingen und der Patient 
bemühte sich, Erinnerungen an solche Ereignisse zu heben. Der Arzt 
versicherte, das Material lasse auf ein bestimmtes Trauma schließen. 
Manchmal wurde der Kranke des Widerstandes müde und brachte 
mehrere erlösende Traumen, deren Bewußtmachung nun die Genesung 
einleiten sollte. Objektive Ärzte kamen bald darauf, daß diese Fülle von 
Traumen, welche manche Patienten produzierten, nicht Erlebtes, sondern 
nur Erträumtes sein konnte. In der Tat! Der Analysierte konnte Beine 
Phantasien nicht mehr von seinen Erlebnissen trennen. Freud belehrt < 
uns, für die Analyse wäre das ganz gleichgültig! Auch die Traumen 
der Phantasie' hätten ihre Bedeutung in der Psychogenese der Neurose. 
Es gäbe eigentlich keine Lügen in der Psychanalyse . . . 

Andrerseits kam man über die Tatsache nicht hinweg, daß die- 
Kinder unterer Schichten die Traumen im gehäuften Maße erleben und 
doch nicht erkranken. Man konnte dies freilich mit der „milderen Moral 
des Milieus" motivieren. Aber es gab auch Neurotiker aus den unteren 
Schichten, welche angeblich auf solche Traumen mit einer Neurose rea- 
gierten; und noeh auffallender war der Umstand, daß sehr schwere •Neu- 
rotiker überhaupt nie ein Trauma erlebt hatten. Endlich ergab die- 



#4 Die Geschlechtskälte der Frau. 

.genaue Durchforschung von sogenannten Normalmenschen, daß auch 
-sie ihre Traumen durchgemacht hatten, ohne irgendeinen nennenswerten 
Schaden erlitten zu haben. Freud half sich nun mit der Formulierung 
der „konstitutionellen Komponente" der Neurose. Das Trauma wirke nur 
■auf den dazu Disponierten. Freilich war damit die rein psychische 
•Grundlage der Neurose erschüttert. Die somatische Seite der neu- 
rotischen Disposition, ergab neben dem psychischen Mechanismus noch 
ein Zweites, ebenso Wichtiges: das Körperliche. Ich habe schon in „Ner- 
vöse Anstzustände und ihre Behandlung" auf die große Bedeutung der 
Vorgänge der inneren Sekretion für das Zustandekommen der Neurose 
hingewiesen. Die neurotische Disposition scheint mir eine Störung des 
sexuellen Chemismus zu sein. Zu erwähnen ist, daß die meisten Angst- 
neurotik'er solche Störungen zeigen. Frauen mit Strumen, einem Base- 
dowoid, Männer von myxödematösem Typus oder mit Andeutung von 
akromegalen Erscheinungen sind sehr häufig. Wir sehen aber auch, daß 
diese Störungen durch psychischen Einfluß verschwinden können. Ich 
kannte Frauen, deren Struma kleiner wurde, wenn man sie auf psychi- 
schem Wege angstfrei machte, Mädchen, die nach längerer psychischer 
Behandlung wieder die Menstruation erlangten, die vorher ausgeblieben 
war. Ich will'- auch nicht übersehen, daß ich Angstneurotiker sah, die 
ihre Angst verloren haben, nachdem sie sich physikalisch oder chemisch 
hatten behandeln lassen. Es handelt sich um Wechselwirkungen, deren 
genaue Kenntnis der Zukunft vorbehalten ist. Man hüte sich nur vor 
Einseitigkeit. Die Neurose läßt sich weder von der biologischen, noch 
von der psychologischen, noch von der anthropologischen Forschung 
monopolisieren. Nur durch das gleichzeitige Zusammenarbeiten aller 
dieser Wissenschaften werden wir einmal imstande sein, die bisher noch 
immer hypothetischen Erkenntnisse zu Wahrheiten umzubilden und dem 
Wesen der Neurose gerecht zu werden. 

Ich werde in diesem Buche gerade den Beweis hefern, wie seelische 
Ereignisse Psychosen auslösen können, welche wir bisher immer als kon- 
stitutionelle Krankheiten bezeichnet haben. Mit anderen Worten: 
Nicht das Trau ma als solches ist schädlich, sondern 
die Art, wie das Individuum darauf reagiert. Es 
handelt sich sozusagen um die geistige Elastizität des Betroffenen. Die 
Psyche des einen ist wie ein Gummiball; Eindrücke werden durch den 
Druck von innen leicht ausgeglichen und die Psj^che behält ihre alte 
Form. Die Seele des anderen ist wie eine halbelastische Masse, die bald 
erstarrt. Eindrücke werden durch Erstarrung der neuen Form fest- 
gehalten und sind gar nicht mehr zu korrigieren. Diese Ela- 
stizität und Plastizität der Psyche spricht das 
entscheidende Wort in der Prognose des Falles. 



Das sexuelle Trauma des Erwachsenen. 65 

Junge Mensehen sind leichter heilbar als alte; bewegliche, anpassungs- 
fähige leichter als träge und konservative. 

Ich habe in den letzten Jahren wiederholt die Erfahrung gemacht, 
daß schwere Psychosen und unheilbare Störungen der Sekretion nach 
einem sexuellen Trauma aufgetreten sind. 

Ich bitte mich nicht mißzuverstehen. Ein anderer schwerer psy- 
chischer Konflikt hätte die Psychose ebenso auslösen können. Jede 
Psyche hat ein bestimmtes Maß von Tragfähigkeit. -Sie hat ihr indi- 
viduelles Höchstmaß von seelischer Belastung, wie eine jede Brücke, die 
•nach behördlicher Vorschrift genaue Mitteilungen ihrer Tragfähigkeit 
an sichtbarer Stelle kundgibt. Leider ist das bei Menschen nicht möglich. 
Ja, man kann bei keinem Menschen die Reaktion vorher bestimmen. 
Sonst würde manches "Unglück nicht geschehen. 

Es gibt offenbar viele Individuen, die mit einem labilen seelischen 
Gleichgewicht lange (scheinbar) gesund durchs Leben gehen; der erste 
kräftige Stoß wirft sie zu Boden, so daß sie sich nicht erheben können. 
Ich habe den Neurotiker mit einem Menschen verglichen, der über einem 
Abgrund auf einem schmalen Stege balanciert. Hütet ihn vor Gewittern, 
vor feindlichen Einflüssen, vor brutaler Vergewaltigung, vor Kräften, dio 
sich ihm entgegenstellen und er wird schließlich ruhig seinen Weg gehen 
können. Im stärkeren Maße gilt das für die Menschen, welche die Dis- 
position zur Dementia praecox, zur Zyklothymie und Paranoia belastet. 
Sie werden schon durch ein geringfügiges Trauma aus dem Lichte der 
Gesundheit in die Nacht des Wahnsinns gestürzt. 

Ja, ich kannte Menschen, welche das infantile Trauma sehr gut 
ertragen haben und auf das erste sexuelle Erlebnis in den Jahren 
zwischen 17 und 24 mit Erkrankung reagierten. Manche Kinder er- 
tragen meiner Erfahrung nach die Traumen viel leichter als die Kr 
wachsenen. Dabei gibt es die verschiedensten Übergänge und Zusammen- 
hänge. Es erkranken ja die Menschen eigentlich 
seltener am Erlebten als am Nicht erleb ton. („Die 
schwersten Traumen sind die, welche sich nie ereignet haben.") Der 
Normale erkrankt, wenn er nichts erlebt, und wird dadurch neurotisch. 
Der zur Geisteskrankheit Stigmatisierte erkrankt, wenn ihn sein erstes 
•Erlebnis aus der ruhigen Bahn des Lebens wirft und ihm seelische Kon- 
flikte aufbürdet, deren Lösung und psychische Verdauung seine Kräfte 
übersteigen. 

.Für Erwachsene gilt mein Satz : Das e,rste. sexuelle Er- 
lebnis i s t- d e r Prüfstein der schwachen Gehirne. 
Er ist dem bekannten Gesetze von Guyon nachgebildet: Die Gonorrhöe 
ist der Prüfstein der schwachen Gehirne. 

Stekol, Störungen dos Trieb- und AftVklli-bunii. 1U. 2 Anll 5 



6ß Die Geschlechtskälte der Frau. 

Dio Erkenntnis : Du bist infiziert ! ist tatsächlich imstande, ein» 
schwere Neurose auszulösen, eine bestehende zu verschlimmern und oft 
sogar unheilbar zu machen. Eine Infektion, die am Beginne des Sexual- 
lebens steht, beeinflußt das individuelle Geschlechtsleben in bemerkens- 
werter Weise. Der eine wird zum Asketen gemacht, der zweite flüchtet 
in den Infantilismus, der dritte invertiert seine. Sexualität, der vierte 
verbirgt sie in fetischistischen Formen usw. . . . 

Ich habe wiederholt die Erfahrung gemacht, daß eine latente De- 
mentia praecox nach dem ersten Erlebnis manifest wird. Und darüber 
möchte ich — das Gebiet allgemeiner Betrachtungen verlassend — 
zuerst einige Erfahrungen mitteilen. 

Fall Nr. 17. Fräulein M. G. erkrankte in ihrem 19. Lebensjahre plötzlich 
an einem akut einsetzenden Deljr. Ich traf sie schreiend im Zimmer, immer die 
Worte wiederholend: „Ich will nicht! Nein! Ich will nicht!" Sie riß 6ich die 
Kleider vom Leibo und wollte nackt auf den Gang hinaus. Sie verweigerte 
jede Nahrungsaufnahme, war auch durch Narkotica nicht zu beruhigen. Die 
Schreie wurden immer gellender, so daß sie auf die Beobachtungsstation der 
psychiatrischen Klinik gebracht werden mußte. Dort klang das Delir langsam 
ah und ging in einen katatonischen Zustand über. Die Prognose wurde anfangs 
von den Ärzten günstig gestellt. Die klinische Diagnose lautete: Dementia 
praecox (Katatonie). 

' Leider sollte die Hoffnung der Ärzte, es werde zu einer Remission 
kommen, nicht in Erfüllung gehen. Der Zustand wurde immer schlimmer. Die 
Kranke kehrte sich ganz von der Welt ab und versank immer mehr in ihre 
Innerl chkeit. Sie wurde still und schweigsam und galt als gute, gefügige 
Kranke. Sie wurde dann als unheilbar in. die Provinz transportiert, wo sie sicli 
noch heute befindet. 

Es handelt sich um ein Mädchen, das ich seit ihrer Kindheit beob- 
achten konnte. Sie stammt, aus einer gesunden Familie. Die Großeltern beider- 
seits waren vollkommen gesund, ihre Eltern leben und zeigen gar keine neu- 
rotischen Züge. Ihr Onkel starb an Pemphigus. Sie war immer eine gute 
Schülerin, nicht von auffallender Intelligenz, aber guter Durchschnitt. Sie ab- 
solvierte ihre Schulen mit gutem Erfolge, besuchte auch nach dem Lyzeum 
eine Handelsschule, wo sie zu den guten Schülerinnen zählte. Sie mußte gleich 
ans Verdienen gehen, nahm eine Stelle als Kontoristin an, der sie zur vollsten 
Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten gerecht wurde. Sie avancierte rasch, bekam 
verantwortungsvolle Aufgaben und ein schönes Gehalt, so daß sie ihre Mutter, 
die vom Manne getrennt lebte, ausreichend unterstützen konnte. Sie zeigte 
gar keine Besonderheiten und keine neurotischen Züge, hie und da trat 
eine Migräne auf. Nichts ließ darauf schließen, daß sie den Keim eines so 
schweren Leidens in sich trug. Ich ließ es mir angelegen 6ein, die Entstehung 
des „Anfalls", wie die Mutter ihre Erkrankung bezeichnete, auszuforschen. 
Ich hörte, sie wäre mit einer Kollegin für 3 Tage aufs Land gefahren, um 
sich ein wenig von der Arbeit der Bilanz zu erholen. Sie hätte mit der 
Kollegin in einem Hotel Quartier genommen und sei dann nach Ablauf dieser 
Frist spät am Abend etwas gedrückt zurückgekommen. Auf die Frage der 
Mutter, was ihr fehle, antwortete sie: „Ich habe starke Migräne und möchte 
schlafen gehen." Da sie schon vorher mitunter über Kopfschmerzen geklagt 



Das sexuelle Trauma des Erwachsenen. £57 

hätte, fiel dies der Muttor nicht auf. Von der Kollegin, die ich mir sofort 
kommen ließ, erfuhr ich den wahren Sachverhalt. Mit ihnen waren noch zwei 
junge Leute, die ebenfalls in dem gleichen Bureau beschäftigt waren, hinaus- 
gefahren. Die Kollegin hatte schon mehrere Verhältnisse gehabt und ihrer 
Freundin geraten, sie möge sich auch einen Freund nehmen. Sie machten 
am ersten Tag einen Ausflug und tranken am Abend etwas Wein, was 
sie vorher nie getan hatte. Dann bezogen sie getrennte Zimmer. Jedes 
Mädchen zog sich mit einem Freund zurück. Die G. hätte sich wohl geweigert, 
wäre aber mit dem' Herrn X. doch ins Zimmer gegangen, weil er ihr ver- 
sprochen hatte, sie nicht anzurühren, es wäre alles nur eine „Hetz". Was im 
Zimmer vorgegangen sei, das wisse sie nicht. Sio habe geglaubt, daß die G." 
auch keine Unschuld sei, „weil es so etwas unter ihren Bekannten sehr selten 
gäbe". Am nächsten Tage mußte sie und ihr Freund in die Stadt, zurück, 
die G. sei mit dem anderen Kollegen noch 2 Tage draußen geblieben. Die 
G. sei dann nicht mehr ins Geschäft gekommen, wohl aber ihr Freund. Herr X.. 
der ihr erklärte, die G. wäre eine sehr fade Person, dio sehr viel Faxen 
mache. Sio wisse von der G. ferner, daß sio in den Prokuristen verliebt sei. 
der sie aber keines Blickes würdige. Es wäre eine aussichtslose, unglück- 
liche Liebe. 

Ich ließ auch Herrn X. zu mir kommen und machte ihm begreiflich, 
daß ich als der Arzt der G. dio vollo Wahrheit wissen müßte. Ich wollle von 
dieser Wahrheit gar keinen Gebrauch machen, er sollto auch keinerlei Unan- 
nehmlichkeiten erleiden. Auch dürfte die streng moralische Muttor nichts von 
diesen Vorfällen erfahren, weil sie es nicht überleben würde. Herr IX. ant- 
wortete sehr zögernd, aber gab mir schließlich dio ganze Wahrheit zu. Das 
ganze Bureau habe gewußt, daß die G. in den Prokuristen verliebt war, und 
machte sich über ihre Blicke und ihr ganzes Gehaben lustig. Er hätte keine 
Ahnung gehabt, daß die G. eine virgo sei und glaubte, sie brauche nur einen 
Mann, um von ihrer Leidenschaft kuriert zu werden. Er war Ober ihren 
Widerstand, als sie allein im Zimmer waren, sehr erstaunt. Sie wollte sich 
nicht entkleiden und legte sich angezogen auf das Lager. Schließlich habe 
er sio zu kleinen Zärtlichkeiten bewogen, ohne ihre Virginität zu zerstören. 
Sio küßte ihn, stieß ihn aber plötzlich zurück, wenn or zu leidenschaftlich 
wurde. Erst in der dritten Nacht gelang es ihm, sie zu bewegen, membrum 
in manum prendere et ejaculationem inter femora zu gestatten. Sie wäre abei 
„kalt wie eine Hundeschnauze" geblieben und hätte erklärt, alles wäre eine 
Schweinerei. Vorübergehend war sie einige Minuten wie verwirrt und hatte 
„Alfred! Hilf mir!" gerufen. (Alfred war der Vorname des Prokuristen, Aul 
der Beobachtung stieß sie wiederholt den gleichen Ruf aus.) Sio hätte sich 
dann Vorwürfe gemacht, daß sie mit ihm in einem Zimmer geschlafen und 
ihm die Zärtlichkeiten erlaubt habe. (Was dio Mutter sagen würde, wenn sie 
das wüßte.) Er beruhigte sie immer wieder mit dem Hinweise auf ihre unver- 
letzte Virginität und durch die Versicherung, daß sie das wahre Leben nicht 
kenne' und daß alle Mädchen im Bureau schon wiederholt mit Kollegen im 
Hotel gewesen wären, ohne sich so zimperlich zu benehmen. 

Seine Angaben schienen mir richtig zu sein bis auf den Punkt der 
unverletzten Virginität. Ich ließ sie auf der Beobachtung frauenärztlich unter- 
suchen. Es wurde eine leichte Verletzung des sonst erhaltenen Hymen kon- 
statiert. 

ö* 



gg Die Geschlechtskälte der Frau. 

Überblicken wir die Fülle der Konflikte, der dieses arme Mädchen 
ausgesetzt war. Sie stammt aus einem bürgerlichen Milieu. Ihre Mutter 
predigte ihr immer als wichtigste Regel des Lebens: Reinheit und Hoch- 
halten der sexuellen Ehre. Ihre Mutter hätte ihr den leichtsinnigen 
Schritt nie verziehen. Schon diese Tatsache allein hätte ihr schwaches 
Hirn verwirren können. Nun aber kam noch der Umstand dazu, daß 
sie" einen anderen Mann liebte und sich einem Ungeliebten hingegeben 
hatte. Es ist möglich, daß sie eine Hingabe an Alfred als großes Glück 
.gewertet und ohne Schaden für ihre Gesundheit ertragen hätte. So 
aber rächte sie sich an ihm durch die völlige Hingabe an einen Un- 
geliebten. Es ist, als ob sie dem angebeteten Alfred zeigen wollte: 
„Siehst du! Das alles hätte dein sein können, wenn du es nur verlangt 

hättest*" 

Irgend eine dunkle Kraft trieb sie aber, sich hinzugeben, um das 

•große Glück der Liebe kennen- zu lernen. Das innere Nein verhinderte 

den Durchbruch der Libido. Ihre sexuelle Ziel vor Stellung beharrte bei 

Alfred, die moralischen Hemmungen konnten mühelos das Eintreten eines 

Orgasmus, sogar das Zustandekommen der „Vorlust" verhüten. 

X i c h t, s vertragen die Frauen schwerer als 
eine Hingabe ohne den Preis des Orgasmus! 

Es uoten bei Frauen, die sich einem Geliebten hingeben und den 
erhofften Genuß nicht finden (entweder weil der Geliebte nicht potent 
genug oder ihre Hemmung übermächtig ist), sehr häufig schwere De- 
pressionszustände, sogar Psychosen, zumindest neurotische Erscheinun- 
gen auf. Auch die G. mußte es bedauern, daß sie ihre Virginität verloren 
hatte, ohne den Verlust durch einen großen Genuß kompensiert zu 
haben. Auch mußte sie sich sagen, daß Alfred für sie ewig verloren 
war! Alfred war ledig und sie hatte sich in Träumen gewiegt, er werde 
sich in sie verlieben und sie zu seiner Frau machen. Ein Roman von Zola 
(Au bonheur des dames) , den sie mit Leidenschaft gelesen hatte, be- 
handelte das gleiche Thema. Warum sollte ihr nicht gelingen, was der 
armen Verkäuferin in Paris gelungen war, die den Chef in sich verliebt 
gemacht hatte ? Jetzt sanken alle diese Luftschlösser in sich zusammen. 
Was konnte sie Alfred jetzt bieten, nachdem ihre Unberührtheit nicht 
mehr den Preis seiner Liebe darstellte? 

* Diese Konflikte verlangten gebieterisch eine Erledigung. Sie flüch- 
tete in die Nacht des Wahnsinnes. Sie verließ eine Realität, in der 
sie nichts mehr zu hoffen hatte, und versank in eine ewige Träumerei, 
in der sie glückliche Bilder neben den Schatten der Vergangenheit 
verfolgten. 

Wir können ruhig annehmen, daß dieses Mädchen eventuell einen 
ungeliebten Mann hätte heiraten können und trotzdem nicht erkrankt 



Das sexuelle Trauma des Erwachsenen. (J9 



i 



wäre, weil ja die moralischen Hemmungen und die Vorwürfe über die 
verlorene Ehre sie nicht belastet hätten. Wir sehen aber auch, wie 
gefährlich der Rat ist, den manche Ärzte und besonders unerfahrene 
Psychanalytiker jungen Mädchen geben: Sie müßten sich sexuell aus- 
leben, um zu gesunden. Ein solcher Rat ist ebenso überflüssig wie 
gefährlich. Denn der Trieb besorgt auch ohne den Rat des Arztes 
seine Befriedigung, wenn die Hemmungen nicht allzu stark sind. Wo 
aber starke Hemmungen vorhanden sind, kann der Rat vorübergehende 
Bewältigung der Hemmungen und Sicherungen durchsetzen, welche sich 
später empfindlich rächen müssen, wenn für den Verlust des ethischen 
Besitzstandes kein entsprechendes Äquivalent an Lust geboten wir.;. 
Meine Erfahrungen beweisen mir die Richtigkeit dieser Anschauung 
immer wieder aufs neue. Nun zu einem zweiten Fall, der glücklicher- 
weise einen viel milderen Verlauf nahm : 

Fall Nr. 18. Über den Wunsch der Familie besuchte ich Fräulein K. L. in 
einer hiesigen Heilanstalt für Nervenkranke. Es wurde mir mitgeteilt, daß 
Fräulein L. sich in dem Geschäfte überarbeitet hatte und eine Zeitlang — etwa 
zwei Wochen — sehr still und gedrückt war. Sie weinte oft und war schlaf- 
los. Auf die Frage der Mutter, warum sie denn weine, antwortete sie: Sie 
wisse nicht warum. Es verschaffe ihr eine gewisse Erleichterung. Plötzlich habe 
sie zu halluzinieren begonnen und ihre Umgebung nicht erkannt. In einem 
solchen Traumzustande sei sie auch auf das Fenster gesprungen und wollte 
sich auf das Pflaster werfen. Ein zu Rate gezogener Psychiater verordnete die 
Überführung in die Anstalt, wo sich aber der Zustand sehr verschlimmert habe. 
Sie verlange nach ihren Angehörigen, die sie dann weinend um Verzeihung 
bitte, sie flehe, man möge sie nicht einsperren und nach Hause nehmen. 
Schließlich regten sie die Besuche so auf, (laß der Arzt sie verbieten mußte. 
Nun sei die ganze Familie verzweifelt und man wisse nicht, wie es um die 
Kranke stehe und was man fernerhin mit ihr machen solle. Auch gestatteten 
die bescheidenen Mittel der Familie nicht, die Kranke länger in dem teueren 
Sanatorium zu halten. 

Ich fand das 23jährige Mädchen im Bette sitzen. Sie halluzinierte so 
heftig, daß sie meinen Eintritt und den des Anstaltsarztcs gar nicht bemerkte. 
Dio Halluzination bot ein merkwürdiges, unvergeßliches Bild. Man sali 
Schrecken und Entsetzen in dem Gesichte; die Hände wurden wie zur Abwehr 
weit vorgestreckt; die Beine waren gekreuzt und zuckten heftig. Sie schrie: 
„Rühr mich nicht an! Nein! Nein! Nein! Du gemeiner Mensch! Einsperren 
sollte man solche Leute! Es schmerzt! Es tut weh! Oh weh!" Dann folgten 
unverständliche Worte, die ich nicht enträtseln konnte. Plötzlich änderte sich 
der Gesichtsausdruck. Die Augen leuchteten auf, der Mund spitzte sich wie 
zu einem Kusse, die Beino beruhigten sich und wurden unmerklich gegrätscht, 
sie stieß Laute aus, die mehr Wonne, Entzücken und Liebe verrieten. Aus dem 
Wortsalat konnte man einzelne Kosenamen Wie „süße Mau.-". ..Melles Kind" 
entnehmen. Schließlich ging der Anfall in ein leises beharrliches Weinen iil.er. 

Ich war mir klar, daß sie 'eine Szene spielte. Ich konnte leicht kombi- 
nieren, daß es sich um eine Verführungsszene handelte. Ich betone, daß die 
Darstellung mit bewunderungswürdiger schauspielerischer Kunst vor sich ging 



70 Die Geschlechtsküitc der Frau.; 

und ich nicht begreifen konnte, daß dio anderen Ärzte nicht sofort den Zu- 
sammenhang erkannt hatten. Aber die Schulpsychiater sind häufig blind für 
allo seelischen Zusammenhänge, interessieren sich nicht für das Benehmen der 
Kranken, sofern es nicht für die klinische Diagnose in Betracht kommt. So 
kommt es, daß diese Zusammenhängo so oft übersehen werden, obwohl sie 
sich dem aufmerksamen Beobachter geradezu aufdrängen. 

Ich möchte bei dieser Gelegenheit erwähnen, daß diese Halluzinationen 
allmählich einer völligen Veränderung anheimfallen, sozusagen degenerieren. 
Deshalb ist es so schwer, den psychischen Ursprung eines Tiks oder einer 
Halluzination kennen zu lernen, weil schließlich von der ganzen Szene nur 
irgend eine Bewegung fixiert wird und nun als katatonisches starres Bild im- 
poniert. Je früher man derartige Halluzinationen beobachten kann, desto 
leichter wird es, den Sinn im Wahnsinn zu erkennen. 

Dio Nachforschungen ergaben in der Tat die von mir angenommenen 
Zusammenhänge. Sie hatte eine sehr intelligente Schwester, die mit einem 
jungen Arzte verlobt war. Der Kollege ging mit Eifer den Spuren der Er- 
krankung nach und förderte folgende Tatsachen zutage. 

Sie war an dem Tage, an dem die Depression eingesetzt hatte, mit einem 
Kollegen ihres Bureaus, wo sie eine Typmamsell war, zur Besichtigung eines 
neu gebauten Hauses weggefahren. An diesem Tage war sie längere Zeit mit 
diesem Kollegen allein. Beide befanden sich am Nachmittage nicht im Bureau. 
Sofort am nächsten Tage hatte sie sich schon krank gemeldet, so daß sie den 
Kollogon nicht mehr sah. Er kam nach einigen Tagen zu ihnen auf Besuch. Sie 
wollte ihn erst nicht empfangen, „weil sie sich in einem fürchterlich vernach- 
lässigten Zustande befand", ließ ihn aber schließlich ein und war nachher für 
eino kurzo Zeit viel besserer Laune, so daß die Mutter den Kollegen bat, sie 
recht häufig zu besuchen. Nach dem dritten Besuch traten dann die Hallu- 
zinationen auf. Sie machte damals den mißglückten Selbstmordversuch. . 

Der verheiratete Kollege verweigerte dem Schwager erst jede Auskunft 
und versicherte, es wäro zwischen ihm und dem Mädchen nichts vorgefallen. 
Schließlich aber gab er zu, daß er sie in den leeren Zimmern des Neubaues ge- 
küßt hätte. 

Bei einem zweiten Besuche in der Anstalt fiel mir auf, daß die Kranke 
das Hemd immer herunterstreifte, als wenn sie ein Kleid an hätte, und daß sie 
immer wieder „Nicht" wiederholte. Auch verständigte mich die Familie, daJ 
die Menstruation schon seit zwei Monaten fehle. (Man sieht bei Hysterischen 
sehr häufig dio Erscheinung, daß nach einem- sexuellen Erlebnis die Men- 
struation aussetzt, ohne daß sie gravid sind. Sehr häufig ist die Angst vor dem 
Ausbleiben der Menstruation die Ursache des Ausbleibens. Wer diese 
psychischen Wirkungen auf das Somatische nicht kennt, der wird solche Zu- 
sammenhänge gerne übersehen und die Amenorrhoe auf Anämie und andere 
organische Ursachen zurückführen.) Ich konnte in diesem Falle, gestützt auf 
meino Erfahrung, die Hoffnung aussprechen, daß der Zustand sich nach dem 
Eintreten der Menstruation bessern würde. Ich suchte den seelischen Rapport 
mit der Kranken zu gewinnen und es gelang mir, sie zu beruhigen, ohne daß 
ich auf dio Ureachen der Krankheit einging. Als sie anfing, sich zu beruhigen 
und dio Halluzinationen seltener wurden, riet ich Entfernung aus der Anstalt. 
Solche Kranke müssen in ihrer gewohnten Umgebung zum Leben erwachen,, 
eventuell am Lande in Privatpflege, nie aber in einer Irrenanstalt. Die Vor- 
stellung: „Du bist geisteskrank!" „Du bist interniert!" oder „Du warst inter- 



Das sexuelle Trauma des Erwachsenen. 71 

nlert!" wirken sehr schädlich. Es gelingt in vielen Fällen, die Genesung herbei- 
zuführen,' ohne daß dio Kranken es erfahren, daß sie interniert gewesen waren. 

So war es auch in diesem Falle. Das Mädchen kam nach Hause, be- 
ruhigte sich bald. Sie ging dann mit ihrer Schwester für oinige Monate aufs 
Land und genas dort zur- Freude ihrer Familie vollkommen. Sie ist jetzt wieder 
in einem anderen Geschäfte angestellt und sehr fleißig. Sie spricht nie von 
ihrer Vergangenheit. Es macht den Eindruck, als wollte sie alles vergessen. 
Charakteristisch ist, daß sie keine vertrauliche Annäherung der Männer duldet 
und auch einen ernstgemeinten Antrag zurückgewiesen hat. 

Sollte sie wissen, daß sie ihre Virginität verloren hatte? Ich habe sie 
darüber nicht befragt und sie auch nicht untersuchen lassen. Ich kann nur 
aus Erfahrung sagen, daß viele Mädchen, die sitzen bleiben, obwohl sie häufig 
( iolegenheit zur Heirat hatten, ein solches Erlebnis in der Vergangenheit hatten. 
welches sie die Prüfung der Brautnacht scheuen läßt. Doch davon später! 

Auch in diesem Falle konnte ich aus Träumen feststellen, daß die Vor- 
gänge beim Mädchen keinen sexuellen Orgasmus ausgelöst hatten. Auf der 
einen Seite wirkton die moralischen Hemmungsvorstellungen, die Vorwürfe, auf 
der anderen Seite bohrte der Gedanke: Was hast du für deine Unschuld einge- 
tauscht? Hast du einen Genuß gehabt? Für Nichts hast du deine Unschuld 
und deine Zukunft geopfert. 

Wir haben wieder einen Fall kennen gelernt, in dein das erste 
Erlebnis eine Psychose auslösen konnte. Waren die Verhältnisse gün- 
stiger, oder bot die Konstitution des Mädchens größere Hoilungsmöglich- 
»keiten V Ich weiß es nicht, ich registriere nur die Tatsache als solche, 
welche mir geeignet erscheint, einiges Licht auf die Psychogenes^ akuter 
Verwirrungszustände zu werfen. 

Der nächste Fall ist deshalb von besonderem Interesse, weil sich 
an das sexuelle Trauma eine schwere Psychose anschloß, deren soma- 
lische Ursache in einer Störung der Hypophysenfunktion klar erkannt, 
wurde. Nun wissen wir, daß die Hypophyse wichtige Beziehungen zun» 
Sexualleben aufweist. Oft sind die ersten Zeichen einer Hypophysen- 
ertirankung, Impotenz, Amenorrhoe, sexuelle Frigidität oder Reizung* 
zustände des Sexuallebens. Ich wage auch nicht zu entscheiden, welchen 
Anteil das sexuelle Trauma an der Entstehung des Leidens genom- 
men hat. 

Fall Nr.- 19. Fräulein I. W., ein 27jähriges, auffallend korpulentes 
Mädchen, leidet seit l 1 /» Jahren an verschiedenen paranoiden Zuständen. Sie 
wähnt, daß sie alle Leute auf der Gasse ansehen und sich über sie luslii: 
machen; einige Menschen hätten sogar geflüstert: Da geht 6ie. die ordinäre 
Hiire! ... Sie habe eine Nachbarin belauscht, die zu ihrem Dienstmädchen 
geäußert hätte, sie wäre eine gemeine, unverschämte Person, nicht besser als 
eine hergelaufene Dirne. Sie höre den ganzen Tag Stimmen. Unter anderem 
Ausrufe: „Du bist eine gemeine homosexuelle Chonte! (Jüdischer Jargonaus- 
druck für Dirne.) Du niederträchtige Onanistin! Alle Menschen wissen, daß du 
onaniert hast!". 



72 T)ie Geschk'rhtskiilto der Frau. 

Sie leidet zeitweilig an heftigen Wutanfällen, in denen sie die Eltern be- 
schuldigt, sie hätten sie krank gemacht, sie hätten sie zur Hure gemacht, sie 
hätten ihr keine sorgfältige Erziehung angedeihen lassen. Sie ließ sich einige 
Male hinreißen, die Mutter zu schlagen. Der Valer ist imstande, sie zu besänf- 
tigen. Sie bleibt nie allein in der Wohnung. Entweder der Vater oder die 
Mutter müssen zu ihrem Schutze anwesend sein, sonst wird sie von Angstge- 
fühlen überfallen, die nach ihrer Schilderung unerträglich sind. 

Sie gibt auch an, daß sie sich in einen Mann verwandelt habe; diese 
Verwandlung gehe langsam, aber sicher vor sich. Obwohl sie an Körperumfang 
zugenommen habe, hätten die Brüste ihren einstigen Umfang verloren. (Diese 
Beobachtung wird von der Mutter bestätigt.) 

Sie zeigt auffallend starke Behaarung im Gesichte. Die Periode ist schon 
seit Beginn der Erkrankung ausgeblieben. Die Röntgenuntersuchung ergibt eine 
ziemlich auffällige Vergrößerung der Hypophyse. 

Die psychologische Erforschung dieses Falles bringt viele, sehr inter- 
essante neue Momente. Sie beschuldigt zuerst eine Nachbarin als Urheberin 
verschiedener Komplotte. Diese Nachbarin, die einen guten, braven Mann habe, 
empfange in seiner Abwesenheit einen Geliebten. Weil sie sich aber von ihr 
durchschaut wisse, so verfolge sie sie in unbeschreiblicher Weise, mache ihr 
Gesten, klopfe an die Wand usw. . . . Die nie fehlende homosexuelle Kompo- 
nente der Paranoia (das Bild war sehr typisch) kommt sehr deutlich zutage. 
Die Nachbarin gefällt ihr sehr und ist eine „auffallend schöne" Frau. Sie 
findet es selbstverständlich, daß man diese Frau lieben müsse. Sie habe sie vor 
einigen Tagen nackt gesehen. (Halluzination.) Sie hätte einen herrlich schönen, 
marmorweißen Körper. Wenn sie wirklich ein Mann wäre, so würde sie es 
sich nicht überlegen. 

Es folgen dann Beschuldigungen gegen die Mutter, weil sie ihre Er- 
ziehung arg vernachlässigt habe. (Entspricht keineswegs der Wahrheit.) Aber 
schließlich kommt sie auf eine Begebenheit, welche ihre Erkrankung einleitete. 
Sie lernte einen verheirateten Mann kennen, der sie öfters auf der Gasse traf 
und mit ihr spazieren ging. Nach längerem Zaudern ging sie auf seinen Vor- 
schlag ein} in seine Wohnung zu kommen. Das erstemal hätten sie nur 
♦geküßt; auch habe sie nur den Oberkörper entblößt und sich auf den Busen 
küssen lassen. Das zweitemal jedoch hätte er gebeten, sie möge sich ganz ent- 
kleiden, ©r werde ihr gar nichts machen. Sie tat das unter einigem Sträuben, 
ließ aber an sich den Kunnilingus vollziehen. Sie habe aber noch etwas erlebt,, 
was sie mir unmöglich mitteilen könne. Es wäre zu abscheulich und ich würde 
dann mit ihr nie mehr reden. Erst nach einigen Sitzungen gesteht sie mir, daß 
der Mann sie gezwungen hätte, eine Fellatio zu vollziehen. 

Nach drei Tagen hätte sie wieder zu ihm kommen sollen. Da bemerkte 
sie auf dem Wege, daß die Leute sie so sonderbar anblickten und sich über 
sie lustig machten. Auch glaubte sie die Worte zu vernehmen: „Da geht die 
heuchlerische Hure zu ihrem Geliebten." Sie versuchte diese Menschen zu 
ignorieren und ihnen ins Gesicht zu lachen. Es war über ihre Kraft. Sie be- 
herrschte sich, um nicht zu weinen, und lief nach Hause. Das wäre der An- 
fang ihrer Erkrankung gewesen. Sie traute sich seit damals nicht aus dem 
Hause, sie bemerkte bald den Bartwuchs, sie bekam die plumpen Finger. . . . 

Ich hielt das ganze Erlebnis für eine Halluzination. Aber das Datum 
stimmte mit den mir von ihrem Vater gegebenen Daten. Sie hatte mich be- 
schworen, ihren Eltern keine Mitteilung zu machen. Sie fühle sich viel ruhiger, 






Das sexuelle Trauma des Erwachsenen. ~;\ 

seit sie mir dieses Erlebnis gebeichtet hätte. Sir habe ea total vergessen 
und erst während unserer Gespräche sei ihr die Erinnerung an diese.- Erlebnis 
gekommen. Ihre Mutter sei schuld, denn man lasse kein Mädchen allein aus- 
gehen. Hätte sie eine Gouvernante gehabt, so wäre das Unglück nicht ge- 
schehen und sie wäre heute ein anständiges Mädchen. Alle Welt wüßte von 
ihrem Erlebnis. Denn der Geliebte hätte es sofort seiner Win in erzählt ""<! 
nun wisse es die ganze Stadt. Sie hätte überall auf der Straße davon irden 
hören. Wenn nur die Eltern das nie erfahren würden! Der Tater könnte das 
nicht überleben! Die Mutter würde sich das Leben nehmen! Ich mußte ihr 
das Wort geben, den Eltern nichts zu erzählen. 

Am nächsten Tage besuchte mich der Vater. Seine Tochter hätte ihm 
weihend alles erzählt. Er sei sehr erschüttert und könne es nicht glauben. 
Allein die Angaben seiner Tochter seien .so präzis, daß er beschlossen habe, 
nach X. zu fahren und den Herrn zur Rede zu stellen. Vielleicht sei alles 
erfunden. Sonst aber müsse er trachten zu erfahren, wie weil es mit Beiner 
Tochter gekommen sei. 

Ich warnte ihn vor diesem Schritte. Er könnte sieh leicht lächerlich 
machen. Er ließ sich nicht abhalten. 

Wer beschreibt mein Erstaunen, als der Vater mir nach einigen Tagen 
bestätigt, daß der Herr es zugegeben habe, daß er seine Tochter liebe, daß 
sie mehrere Male bei ihm zu Besuch gewesen sei, daß es zu verschiedenen 
Zärtlichkeiten gekommen sei, daß er aber ihre Jungfräulichkeit nicht ange- 
tastet habe. Im übrigen sei er jetzt von seiner Frau geschieden und sei bereit, 
das Mädchen, das er liebe, sofort zu heiraten. 

Der Vater verlangte zu wissen, ob sie in ihrem jetzigen Zustande 
heiraten dürfe. Ich verneinte diese Frage. Trotzdem teilte er der Tochter den 
Heiratsantrag mit, den sie mit der Motivierung ablehnte: Sie könne ein solches 
Schwein nicht heiraten. 

Ich gab dann die Behandlung auf, weil die Patientin nicht zu bewegen 
war, zu mir zu kommen und ich dem Vater mitteilte, daß ich mir keinen Er- 
folg erhoffen könne. 

Nichtsdestoweniger hörte ich nach einem halben Jahre, «laß die Kranke 
viel ruhiger wäre und schon begonnen habe, hie und da das Zimmer zu ver- 
lassen. Der körperliche Zustand sei der gleiche, aber er habe sich wenigstens 
nicht verschlimmert. 

Der Fall ist von ganz besonderem Interesse. Es wirft sich die 
Frage auf, ob die schwere Störung der inneren Sekretion auch zustande 
gekommen wäre, wenn das beschriebene Erlebnis nicht ihre ganze Psyche 
erschüttert hätte. Nach dem Erlebnis erkrankte sie auch an hartnäckigem 
Erbrechen (Ausdruck unbewußter Ekclvorst eilungen). 

Den Ausbruch einer Paranoia nach dem ersten Erlebnis Bebildert 
auch Freud in seiner „Mitteilung eines der psychoanalytischen Theorie 
widersprechenden Falles von Paranoia" (Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre, IV. Folge, Heller & Cie., 1918) . 

Eine Angestellte eines großen Institutes, die für ihre Vorsteherin 
eine große Neigung zeigte, suchte einen älteren Beamten in seiner 
Wohnung auf, nachdem er ihr versprochen hatte, ihre Virginität zu 






74 Die Geschlechtskälte der Frau. 

schonen. Es kam zu Entblößungen und Umarmungen, aber nicht zum 
Koitus. Ein Geräusch einer Stehuhr und der Anblick zweier Männer, die 
sie beim Verlassen des Hauses auf der Stiege traf und die einen Apparat 
trugen, brachte sie auf den Gedanken, sie wäre belauscht und die Liebes- 
szene sei photographisch aufgenommen worden. So war ihre erste Mit- 
teilung. Erst beim zweiten Besuche teilte sie Freud mit. sie habe den 
Beamten schon einmal vor diesem peinlichen Erlebnis besucht, damals 
sei nichts Verdächtiges vorgefallen. Aber am nächsten Tage habe der 
betreffende Beamte mit der Vorsteherin, die „weiße Haare wie ihre 
Muttor" hat, leise gesprochen. Sie habe die Gewißheit gehabt, er teile 
ihr das Liebesabenteuer mit, ja, er habe mit der Vorsteherin ein intimes 
Verhältnis. 

Auch bei dieser Patientin brach die Neurose aus, als sie sich das 
■erste „unmoralische" Erlebnis leistete. Da 6ie offenbar, wie aus der 
kurzen Krankengeschichte hervorgeht, homosexuell an die Mutter (oder 
an deren imago, die Vorsteherin) fixiert ist, verfolgt sie das Bild der ge- 
liebten Frau bei dem Liebesabenteuer, wird als Verfolgung nach außen 
projiziert. Sie entzündet sich, wie viele Urlinden an der Phantasie, 
daß ein Mann (hier der Beamte) ihr Liebesobjekt (hier Vorsteherin — 
Mutier) besitzt. Sie möchte ein Mann sein und mit ihrer Mutter ein Ver- 
hältnis haben. Die fehlende Libido und das Ausbleiben eines Orgasmus 
scheinen durch die Fixation an die Mutter erklärt. Ohne dieses Erlebnis 
wäre wahrscheinlich die Paranoia nicht zum Vorschein gekommen. 

Die Wechselwirkung zwischen Psyche und Physis ist uns noch zu 
unbekannt, um sichere Schlüsse ziehen zu können. Wir wissen, daß 
Kummer und Sorgen, drückende Aufregungen Leberkrankheiten, be- 
sonders aber Ikterus hervorrufen können. Man wird in der Tat gelb 
vor Neid. Noorden hat auf die Zusammenhänge zwischen Gemüts- 
erschütterungen und Diabetes aufmerksam gemacht. Nach seiner An- 
sicht wirkt die Gemütserregung auf die Nebennieren und beeinflußt auf 
diese Weise die Funktion der Leber. Während der Einfluß von Auf- 
regungen auf die Psyche der Nervösen sehr überschätzt wird, im gewissen 
Sinne Aufregungen für Nervöse notwendige Anregungen 
sind, kann nicht geleugnet werden, daß schwere Depressionen, besonders 
lange dauernder Kummer, latente Erregungszustände den Organismus 
mächtig beeinflussen. Ich verweise nur auf die von Boas bestätigte Tat- 
sache, daß in den Kriegszeiten sehr häufig Abmagerungen beobachtet 
wurden, für die sich keine somatische Ursache finden ließ. 

Besonders deutlich trat der Zusammenhang zwischen dem sexuellen 
Erlebnis und einer Depression im Falle zutage, den ich im nachfolgenden 
beschreibe. 



Das sexuelle Trauma des Erwachsenen. 75 

' Fall Nr. 20. Ich fand das 20jährige Fräulein H.H. im April 1915 in 
ziemlich verwahrlostem Zustande in ihrem Zimmer, ablehnend, teilnahmslos, 
negativistisch. Als Vorgeschichte wurde mir mitgeteilt, sie hätte mit einer 
Freundin eine Reise nach Italien unternommen und sei dann „verändert, aber 
begeistert" heimgekommen. Allmählich habe sich jedoch eine schwere Depres- 
sion ausgebildet. Sie habe sich geweigert, das Zimmer zu verlassen und habe 
dann durch Tage kein Wort gesprochen. Auf den Rat eines berühmten 
Psychiaters kam sie dann auf die Beobachtungsstation, wo die Diagnose 
„Dementia praecox" gestellt wurde. Sic wurde bald in ein Sanatorium für 
Geisteskranke transportiert, wo sich ihr Zustand arg verschlimmerte. Sir 
liörto Stimmen, die sie beschimpften, alles machte sich über sie lustig, die 
Kranken trieben unglaubliche Dinge, sprachen die rohesten Worte. Sie Bat 
ihre Eltern flehentlich, sie aus dieser Hölle zu befreien. Sie kam dann zu Ver- 
wandten aufs Land, wo sie teilnahmslos in einer Ecke saß und die Wohnung 
nicht verlassen wollte. Wieder glaubte sie, daß alle Welt nur von ihr spräche 
und sich über sie lustig mache. 

Ich wußte bald ihr Vertrauen zu gewinnen und sie begann einige Sätze 
mit mir zu sprechen. Warum ich nicht früher gekommen wäre, ehe das Ver- 
brechen (die Internierung auf der Beobachtung) an ihr geschehen wäre? Sie 
sei tot. Ich solle mir keine. Mühe geben. Alles sei erloschen. Alles sei Bärstört. 
Sie wäre schmutzig. Sie könne keinen Ton mehr hervorbringen. (Sie war 
Sängerin.) Sie habe die Brücke zur AVeit verloren. 

Der einzige, mit dem sie außer mir noch sprach, war ihr Bräutigam. 
Ich hatte gleich den Verdacht, daß in ihren Beziehungen der Keim des Leidens 
gesucht werden müsse. Ich ersuchte daher den Bräutigam, ihren Klavierlehrer 
(einen berühmten Künstler), mir reinen Wein einzuschenken. Er gestand mir 
dann, daß er heimlich in Italien gewesen wäre, um seine Braut zu sehen. Die 
Freundin sei in Florenz geblieben und sie hätten dann zusammen die Heise 
nach Rom fortgesetzt. In Rom hätte sie sich ihm nach langem Sträuben er- 
geben, nachdem er ihr versprochen habe, sie zu heiraten und sie ab seine 
Braut betrachtete. 

Nun war mir vieles von ihren dunklen Aussprüchen verständlich. Sie 
hatte ihre Virginität verloren und fühlte sich zerstört, befleckt., erniedrigt, sie 
glaubte, daß allo Welt von ihren Beziehungen Kenntnis habe. Der Bräutigam 
vertraute mir auch an, daß sie in Rom sehr häufig an Weinkrämpfen gelitten 
habe, für die sie keine Erklärung wußte. Sie meinte damals, es wären Tränen 
<tes Glückes. Besonders stark wäre ein solcher Weinkrampf gewesen, als sie 
in Rom zufällig ihren alten Lehrer N. getroffen habe, für den sie einmal eine 
leichte Schwärmerei gezeigt hätte. 

Vorübergehend kam ich auf die Idee, die Kränke wäre zu heilen, wenn 
sie den Mann heiraten würde, dem sie sich hingegeben hatte. Ich verfügte 
Über einige ähnliche Erfahrungen, die mir dieso Maßregel zu empfehlen 
schienen. Der Bräutigam war auch sofort einvorstanden, meinte, er hätte 
diesen Schritt längst getan, wenn seine Braut nicht, die Hochzeit hinausge- 
schoben hätte. 

Sie schien auch dieser Idee keine besondere Aufmerksamkeit schenken 
zu wollen. Sie sagte nicht „Nein", aber es fohlte die freudige Zustimmung, 
welche die Erfüllung eines geheimen Wunsches begleitet. 



t|t -.u.,,...». 



-q Die Geschlechtskälte der Frau. 

I 

Mit der fortschreitenden Aussprache trat eine große Veränderung in 
ihrem Wesen ein. Sie versuchte bald kleine Spaziergänge. Es gelang mir, sie 
zu überzeugen, daß sie die Stimmen höre, die ihr ihr inneres Ich diktierte. 
Sie begann wieder zu singen und Klavier zu spielen. Schließlich vertraute sie 
mir alles an, was ich schon von ihrem Bräutigam wußte. Sie zeigte jetzt ihm 
gegenüber offene Abneigung und Haß. (Es fehlten auch in diesem Falle nicht 
die Vorwürfe gegen die Eltern, daß sie sie nicht verständen und schlecht er- 
zogen hätten, Vorwürfe, hinter denen sich der eine Vorwurf verbarg, daß sie 
sie hatten allein nach Italien reisen lassen.) Bald gestand sie mir, daß sie in 
den \rmen des Bräutigams nie die Erfüllung ihrer Sehnsucht empfunden habe, 
daß sie nur erregt wurde, ohne befriedigt zu werden. (Er litt an Ejaculatio 
praecox wie so viele Künstler. Die Erotomanie vieler Künstler steckt mehr 
im Seelischen als im Physischen.) Sie hatte nur ihren ersten Lehrer N. geliebt, 
der sio zu ihrem Schmerze nicht beachtete. Aus Trotz hatte sie sich von ihm 
abgewandt und sich in die Liebe zu ihrem Bräutigam „hineingeredet". 

Vielleicht wäre die Liebe dann dauernd geworden, wenn er sie 
hätte zum Orgasmus bringen können. So aber hatte auch sie das Opfer 
ihrer Virginität dargebracht, ohne die Kompensation der Lust zu er- 
halten. Über das wichtige Problem der „eingebildeten Liebe" will ich 
in einem spateren Kapitel ausführlich sprechen. 

Daß es nicht an ihrer Konstitution gelegen war, bewiesen ihre 
weiteren Schicksale. Sie fand bald einen Geliebten, in dessen Armen sie 
glücklich war und der vorurteilslos genug war, sie zu heiraten, obwohl 
sie ihm alles wahrheitsgetreu erzählt hatte. Sie ist vollkommen genesen. 
Die Diagnose „Dementia praecox" war nicht richtig. Es hatte sich um 
eine der zahllosen Affektpsychosen gehandelt, die nach ähnlichen 
sexuellen Traumen mitunter auftreten. 

Ich könnte noch einige Beispiele aus meiner Erfahrung anführen, 
welche diese Zusammenhänge stützen könnten. Ich begnüge mich mit 
dem Hinweise und fordere meine Kollegen auf, in ähnlichen Fällen nach 
ähnlichen Ursachen zu forschen. 

In allen diesen Fällen hat e6 sich um einen außerehelichen, also als 
unmoralisch gewerteten Verkehr gehandelt. Der psychische Konflikt 
zwischen Trieb und Hemmung war außerordentlich groß. Wir kommen 
nun zur Besprechung der Traumen, die sich trotz des Fehlens mo- 
ralischer Hemmungen als sehr folgenschwer erweisen. Ein solches 
Trauma ist die Brautnacht, besonders wenn sie 
ohne Orgasmus verläuft. 

Ich habe es wiederholt beobachtet, daß auch die Brautnacht ein 
schweres Trauma sein kann, an das sich eine komplizierte Neurose oder 
sogar eine Psychose anschließt. Oft bricht die Psychose sogar in der 
Brautnacht aus, ein Vorgang, der allen erfahrenen Psychiatern wohl- 
bekannt ist. Besonders wenn es sich um Ehen handelt, bei denen die 



Das sexuelle Trauma des Erwachsenen. 77 

Vernunft entschieden hat und nicht der Trieb. 1 ) Die Enttäuschung über 
die Anästhesie, ein hartnäckiger Vaginismus als Ausdruck eines inneren 
Nein, oder das ungeschickte Benehmen des Mannes können schwere 
Folgen haben. Selbst gesunde Frauen können durch das Vorgehen neuro- 
tischer Männer aus dem Gleichgewichte gebracht werden. . 

Fast typisch ist bei Zwangsneurotikern, die alle unter Zweifel 
leiden, die Vorstellung, ihre Braut wäre keine Virgo. Viele verschweigen 
ihren Zweifel, manche aber lassen sich verleiten, diesem Zweifel Ans 
druck zu geben, obwohl alle objektiven Momente dagegen sprechen. Aber 
diese Kranken stehen unter der Herrschaft eines mächtigen Affektes und 
Affekte unterjochen immer den Intellekt. Es tritt dann jener Zustand auf, 
den ich „äffektative Verblödung im kritischen Momente" bezeichnet habe. 

Ich wiederhole in diesem Zusammenhange hier den interessanten 
Fall, den ich in meinem Werke „Nervöse Angstzustände und ihre Be- 
handlung" (3. Auflage, S. 217) publiziert habe. 

Fall Nr. 21. Eine 36jiihrigo Dame leidet seit 14 Jahren an Kreuz- 
schmerzen, die so unerträglich sind, daß sie wochenlang das Hott hüten muß. 
Der Schmerz strahlt im letzten Jahre in den Band) aus. Bin berühmter Frauen- 
arzt erklärt, es handle sich um „Adhäsion" und schlägt eine Operation vor. 
(Laparotomie.) Sio holt meinen Rat ein. Ich informiere mich, nachdem ich 
objektiv keino somatische Erkrankung konstatieren konnte, nach der I sycho- 
geneso dieses Schmerzes. Es stellt sich eine denkwürdige Tatsache heraus. >.e 
lebte eine unglückliche Ehe mit einem Neurotiker, der sie nicht aus Liehe, 
sondern aus Berechnung geheiratet hatte und sie nun aus un he wußten Motiven 
dafür büßen läßt, daß er nicht das Mädchen seiner Neigung hatte heimfahren 
können. Das erstemal hat sie diesen heftigen Schmerz in der Hrautnacht emp- 
funden Damals hatte ihr ihr Mann hei der Defloration, die ihr so viel 



') Schon die Verlobung kann auf schwache Gehirne wie ein schweres Trai 
wirken und löst die Psychose infolge der ErwartungOTO«^Ungcn dor tfrautnMhl BUB. 
Dieser Tage wurdo mir ein Fall zur Begutachtung von einem Kollegen zulvu >•-..,. Kr- 
handelt sich um ein 28jähriges, von gesunden Eltern stammend« Midehon, 
geistig etwas langsamer entwickelte, einsilbig, scheu, leicht verstimmt war, WM I 
ein tadelloses Benehmen, Folgsamkeit, Arbeitswilligkeit, Zärtlichkeit zeigte. Sie Ist auo 
einer einfachen jüdischen Familie, in der ein Vermittler („Schadehen") eine Partie ver- 
mittelt. Mit 21 Jahren wurde der erste Versuch gemacht, der noch vor der Verlobung 
den Ausbruch einer Manio zur Folge hatte. Jedesmal, wenn nur von ..Heiraten" die 
Rede war. änderte sich ihr Benehmen, sie wurde erregt, schlaflos und zeigte manischen 
lledciluß. 4 Jahre vollkommene Ruhe. Verlobung und wieder Ausbruch der Uaniel 

Mit 28 Jahren wieder ein Versuch, der zu einer Verlobung führte, acht Tage BBC* 

der Verlobung ist das Mädchen wieder manisch erregt, schlaflos, die Erregunqszusi 
wechseln mit tiefer Verstimmung. Ich konnte der Mutter nur raten, die Verlobung 
aufzulösen. In der Brautnacht wäre wahrscheinlich der Zustand viel schlimmer ge- 
worden, es hätte 6ieh ein „nuptiales Irresein" angeschlossen. Nur wenn das MAdchen 
aus Liebo geheiratet hätte, wären vielleicht dio inneren Widerstand*, die ich hier zu 
entschleiern nicht Gelegenheit hatte, überwunden worden. 



78 Die Geschlechtskälte der Frau. 

Schmerzen verursacht hatte, zugerufen : „Du hast mich betrogen ! Du bist 
keine. Jungfrau mehr!" Diese peinliche Szene ist fast gänzlich vergessen. Sie 
spricht nie davon. Aber der Kreuzschmerz ist die Fixierung dieser unange- 
nehmen Szene. Die Krankheit ist die Strafe für den Mann, dem sie infolge' 
der zahllosen Kuren große Kosten verursacht hat. 

Nach Aufdeckung der psychogenen Wurzel (nach sieben Tagen!) ver- 
schwindet der Schmerz vollkommen. Nach einer heftigen Szene mit ihrem 
Manne ein neuer Rückfall. Der Schmerz ist nicht mehr so intensiv und ver- 
schwindet nach zwei Tagen, um nie wiederzukehren. 

Diese Frau war in der Brautnacht anästhetisch und ist 
es in der ganzen Ehe geblieben. Sie ist glücklich, wenn 
ihr Mann sie in Ruhe läßt. Sie hat ihm noch immer nicht verziehen, daß 
6r ihre Jungfräulichkeit bezweifelt hat, und wird es ihm nie verzeihen. 
Di© Brautnacht war für sie ein furchtbares Trauma, das ihr ganzes 
Loben determiniert. Einige spätere Erlebnisse mit andern Männern 
sind nur Rachehandlungen wegen der unvergessenen Schmach. 

Fall Nr. 22. Eine Frau konsultiert mich wegen verschiedener nervöser 
Beschwerden und besonders wegen vollkommener Geschlechtskälte. Sie wäre 
vor der Hochzeit ein vollkommen normales Wesen gewesen. In der Brautnacht 
hätte ,der Mann, nachdem er sie aufgedeckt hatte, ausgerufen: „Ach! Was 
hast du für kurze dicke Beine." Dann versuchte er den Koitus, bei dem sie ' 
nur Schmerzen empfand und vollkommen unempfindlich blieb. Auch die fol- 
genden Versuche konnten ihre Unempfindlichkeit nicht beheben. Ihr Mann 
hätte sich aus diesem Grunde von ihr abgewendet und sie hätten auf die 
sexuellen Beziehungen verzichtet. Sie wisse es ganz gut, daß nur die schwere 
Beleidigung in der Brautnach't an ihrer Gefühlskälte die Schuld trage. 

Freud berichtet über einen sehr interessanten Fall von Zwangs- 
neurose, der uns die Bedeutung einer verunglückten Brautnacht sehr 
schön illustriert. („Zwangshandlung und Rcligionsübung" in Sammlung 
zur Neurosenlehre, zweite Folge. Franz Deuticke, Wien und Leipzig 
1909.) 

Fall Nr. 23. Eine Kranke pflegte aus einem Zimmer in ein anderes zu 
laufen, in dessen Mitte ein Tisch stand. Sie rückte dann die auf ihm liegende 
Tischdecke in gewisser Art zurecht, schellte dem Stubenmädchen, das an den 
Tisch herantreten mußte, und entließ sie wieder mit einem gleichgültigen Auf- 
trage. Bei den Bemühungen, diesen Zwang aufzuklären, fiel ihr ein, daß die 
betreffende Tischdecke an einer Stelle einen mißfarbigen Fleck hatte und daß 
sie jedesmal die Decke so legte, daß der Fleck dem Stubenmädchen in die 
Augen fallen mußte. Das ganze war eine Reproduktion ihrer Brautnacht, in 
der der Mann sich als impotent erwiesen hat. Er kam viele Male aus seinem ' 
Zimmer in ihres gerannt, um den Versuch zu wiederholen. Er schämte sich 
vor dem Stubenmädchen, das die Betten in Ordnung bringen mußte, und über- 
schüttete das Leintuch mit roter Tinte, um eine Blutung vorzutäuschen. Sie 
spielte in ihrer Zwangsneurose diese Szene. „Tisch und Bett" machen die 
Ehe aus; der Tisch ersetzte ihr symbolisch das Bett, die Bettdecke wurde 
durch das Tischtuch ersetzt, der Fleck erinnerte an die roten Flecken. 



Das sexuelle Trauma des Erwachsenen. 



71* 



Beweist uns dieser Fall nicht die Bedeutung der rezenten Traumen? 
Zeigt er uns nicht die Wichtigkeit der Brautnacht für die Entstehung 
der Neurosen? Wie leicht hätte bei schwächerer Disposition eine 
Psychose ausbrechen können? 1 ) 

Man kann ruhig den Satz aufstellen: Das Schicksal der 
Ehe entscheidet sich in der Brautnacht. Die -\r; 
und Weise, wie der Mann seine Frau behandelt, wie er sie in die 
Mysterien der Liebe einführt, wie er ihren anfänglichen Widerstand 
überwindet, wird von der Frau nie vergessen. Wiederholt habe ich von 
Frauen Worte des Dankes gehört. Sie könnten ihrem Manne niemals 
sein schönes Benehmen in der Brautnacht vergessen und blieben ihm 
dankbar, auch nachdem er sie später „enttäuscht hatte. 

Die erste Hingabe einer Frau ist für sie ein 
gewaltiges Ereignis. Eine Frau vergißt nie den 
ersten Mann, dem sie sich hingegeben hat. 

Hat sie dabei Lustgefühle empfunden, s ,> 
bleibt sie ihm ewig dankbar. Die erste Lust ist 
ihr dann unvergeßlich. Eine Spur dieser Liebe 
wird in ihrem Herzen nie auszulöschen sein. Sie 
wird sich erhalten, auch wenn der Mann sie später 
e n 1 1 ä u s c'h t und unglücklich macht, au c h w e n n 

sie längst einen anderen liebt. 

Andrerseits wird eine Frau das ungeschickte Benehmen <l>v 
Lehrers in der Brautnacht nie vergessen. Ist der Mann impotent, 
wird sie stets eine gewisse Verachtung für ihn haben. War er un- 
geschickt, so hat er sich ihre Achtung verscherzt. War er roh, so hat 
er sich um ihre Liebe gebracht, sich den Weg zu ihrem Herzen für 
immer versperrt. 

Es ist allen Fällen, die ich in diesem Kapitel geschildert habe, 
eigen, daß die Mädchen sich eigentlich ohne Liebe hingegeben haben, 
daß sie ohne Liebe geheiratet haben, daß auch die Männer ohne 
seelische Liebe in die Verbindung getreten sind. Immer handclto es 
sieh um körperliche Anziehungskräfte, wobei die seelischen Momente 
fehlten. 



- *) In der Literatur finde ich über diesen Gegenstand Dosl: „Zwei Fälle von 
nuptialem Irresein." Zeitschr. f . Psych., Bd. 59, 1902. Ohersteintr: „Übir Ps.whosin im 
unmittelbaren Anschluß an die Verheiratung" (nuptiales Irresein). Festschrift. Zeitschr. 
f Psych., 1907, Bd. 22. „Zwei Fälle von Irresein im unmittelbaren Anschluß an die 
Verheiratung." Zeitschr. f. Psych., Bd. 59. Mendel: „Geisteskrankheiten und Ehe ." 
(Krankheit und Ehe. Lehmann, München 1916.) Außerdem erwähnen KrtiptUn, 8wugt , 
Esguirol, Schule, Skae (Pc-6t-Connubial Insanity) und Ziehen das Leiden. 



$0 Die Geschlechtsk'itlte der Frau. 

Aber die vergewaltigte Seele rächte sich und der ganze Mensch 
wurde krank oder er fand nicht die Belohnung des Orgasmus, den die 
Natur als Belohnung für die Liebe geschaffen hat. Auch von der anderen 
Seite betrachtet, entscheidet sich das Schicksal der Ehe in der Braut- 
nacht. Es kann der Fall eintreten, daß der Mann es nicht an . Rücksicht 
und Liebeskunst fehlen läßt, daß er sehr potent ist, aber daß die Frau 
es gar nicht zum Koitus kommen läßt. Sie zeigt eine ungeheure Angst, 
ist nicht zu bewegen, die Schenkel auseinanderzugeben; überwindet der 
Mann diesen Widerstand, so kann es ihm passieren, daß ein heftiger 
Vaginismus, über den wir im nächsten Kapitel sprechen werden, sein 
kategorisches „Nein" („Ich will nicht!") entgegensetzt. Auch für den 
Mann wird die Brautnacht unter Umständen ein schweres Trauma. 
Aber nie so schwer wie für die Frau, deren Phantasie sich unzählige 
Male mit dieser Nacht beschäftigt hat und die die höchsten Erwar- 
tungen daran knüpft. , 

Es wäre noch so viel über dieses Thema zu sagen. Viel Trauriges 
und Unangenehmes. Wo lernen die Mädchen und Jünglinge die Liebe 
kennen? Wie lernen sie sie kennen? Wie selten lösen sich diese ersten 
Dissonanzen, welche die Leitmotive des Lebens enthalten, in reine 
Harmonien auf! Wie wenigen Glücklichen gelingt es, sich die echte, 
die starke, die wahre Liebe zu erobern, die aus Geist und Körper eine 
unzertrennliche Einheit macht! 



V. 
Die Psychologie der frigiden Frau. 

Ein müßiger Streit vieler Autoren geht immer wieder um die 
Frage, ob die Voluptas des Mannes beim Kongressus größer ist als 
die der Frau. Selbst ernste Autoren schenken dieser Frage eine große 
Beachtung, die sie gar nicht verdient. Es sei nur erwähnt, daß die 
Mehrzahl der Forscher den Streit zu Gunsten der Frau entscheidet. 
So glaubt auch der Volksmund, wie zahlreiche . Sprichwörter besagen. 
Schon Teiresias entschied in dem Streite zwischen Zeus und Hera, daß 
letztere neunmal mehr empfinde als ihr Gatte, wofür ihn die erzürnte 
Göttin blenden ließ, wohl um damit auszudrücken, daß er die Wahr- 
heit nicht sehe . . Die leidenschaftliche Frau spielt in der wissenschaft- 
lichen und künstlerischen Literatur eine große Rolle. Dagegen ist es 
auffallend, wie spärlich die Literatur über die geschleehtskalte Frau 



Die Psychologie der frigiden Kran. o, 

ist.*) Wir verdanken Otto Adler 2 ) die beste Darstellung dieser Materie. 
Er versucht auch eine Statistik der Anaesthesia sexualis foniinarimi 
zu geben. Guttceit*) meint: „Von 10 Weibern empfindend nichts in 
eoitu und üben denselben ohne alles angenehme Gefühl bei dor Friktion 
und ohne eine Ahnung vom Hochgenuß der Ejakulation zu haben." 
Debrunner 1 ) gibt sogar 50% anästhetischer Frauen zu- „Bei über 
b0% ( !) unserer Frauen der Ostschweiz ist von einer eigentlichen Libido 
nicht zu sprechen. Häufig habe ich nach dieser Richtung hin Gelegen- 
heit gehabt, Angaben zu sammeln und ich kann versichern, daß Ober 
die Hälfte unserer Frauen eine Libido sexualis nicht kennen." Adler 
hält diese Zahlen für die seltenste und höchste Außengröße und will 
die Wahrheit in der Mitte sehen. Er meint: „Ich bin der Ansicht, 
daß die Anaesthesia sexualis feminarum totalis et partialis prozentual 
. nach Dekaden zählt. Sie beträgt nicht unter 10%, ist höchstwahr- 
scheinlich jedoch bedeutend höher: 20, 30, ja vielleicht gar bis 40' , ' 
Diese wenigen Angaben mögen genügen, um uns von der Be- 
deutung 5 ) und von der enormen Verbreitung der weiblichen Anästhesie 



*) Rohleder (Archiv für Frauenkundo, 2. Heft, 1914) machte strenge Uotcrwhied.« 
zwischen Anästhesie, Frigidität und Dyspareunie. Anästhesie sei der fohlende Gcschlc-ht* 
trieb, Frigidität sei mangelhafter, schwacher Geschlechtstrieb und Dyspareunie sei 
fehlendes Wollustgefühl bei erhaltenem Geschlechtstrieb. Die Einteilung fällt in sich 
zusammen, da es Icein Wesen gibt, dem der Geschlechtstrieb vollkommen fehlt. Die 
Anästhesie Ilokleders ist eine trügerische Erscheinung, die den Erfahrungen einer 
genauen Psychanalysc nicht standhält und nur auf fehlerhafte Angaben der Patientinnen 
-zurückzuführen ist. Auch die Frigidität ist nur ein Produkt der Verdrängung BcruVk- 
sichtigt man die verborgenen, den Frauen nicht bewußten Krärte. so kommt man ;:■. 
ganz anderen Resultaten. Deshalb können wir dio drei Ausdrücke als Synonyme ge- 
brauchen, wie es auch Otto Adler, der beste Kenner auf diesem Gebiete, getan hat. 

2 ) Dio mangelhafte Geschlechtsompfindung des Weibes Berlin, Madien med. 
Bachhandlung, 3. Auflage, 1919. 

3 ) „Dreißig Jahre Praxis." Wilhelm Braumüller, Wien. 

4 ) Berichte und Erfahrungen aus dem Gebiete der Gynaekologie und Geburts- 
hilfe. (Zitiert nach Dr. Otto Adler.) 

*) Kisch (Das Geschlechtsleben des Weibes. Verlag Urban & Schwarzenherg 1904 
S.363) sagt: „Die Dyspareunie ist ein Zustand, welcher das Weib tief in seinem ganzen 
Wesen affiziort, sein Seelenleben machtvoll beeinflußt und so eine noch mehr psychisch.' 
:,ls somatische Schädigung bewirkt. Das Bewußtsein, des höchsten Genusses der phy- 
sischen Liebe beraubt zu sein, drückt die auch noch so wenig sinnlieh angelegte Frau 
seelisch nieder und gibt den Anlaß zu hypochondrischer Stimmung, zuweilen sogar zu 
melancholischen Zuständen. In anderen Fällen wirkt der Gedanke, welcher nicht selten 
.von glücklicheren Freundinnen angeregt wird, daß an diesem Zustande die Frau nicht 
schuldtragend sei, auf diese demoralisierend ein, und zerstört das Glück der Ehe (Es 
wurde mir auch schon gebeichtet, daß die Dyspareunie sich nur als eine relative 
erwies.) Außerdem verursacht die sexuelle Nichtbefriedigung eine Reihe von Nerven- 
leiden, welche unter dem wechselvollen Bilde der Hysterie verlaufen oder den Charakter 
•der Neurasthenie an sich tragen." 

Stekol, Störungen dos Trieb- und AfTcktlebenn. III. 2. Aufl. 



^ 



by Die Gcsclilechtskältc der Frau. 

zu überzeugen. Allerdings möchte ich hier darauf aufmerksam mach».-«, 
wie schwer es ist, über diesen Punkt eine verläßliche Statistik zu ge- 
winnen. Denn in sexualibus lügen alle Frauen und glauben es ihrer 
Keuschheit Schuldig zu sein, ihre Libido zu leugnen. Seit ich mich 
gewöhnt habe, nach diesen Verhältnissen zu fragen,' höre ich zuerst 
immer die stereotype Antwort: „Nein . . . ich bin keine solche Frau. 
Bei mir spielt „das" überhaupt gar keine Rolle Ich bin froh, wenn mich 
mein Mann in Ruhe .läßt." Andere Frauen bezeichnen sich gerne als 
kalte Naturen usw. . . Erst die nähere Nachforschung zeigt uns, d&ft 
diese Frauen aus einem gewissen Schamgefühl heraus gelogen haben 
Hat man Zeit, ihr Vertrauen zu gewinnen, wie das in der Psychanaly ^ 
der Fa.ll ist, so erfährt man, daß gerade das Gegenteil der Fall ist. Vieh- 
Frauen, die sich als kalt und als gleichgiltig für Liebesgenuß geschildert 
haben; bekennen sich dann als leidenschaftliche hitzige Naturen. Frauen 
sagen erst die Wahrheit, wenn sie den Arzt längere Zeit kennen, wenn 
er ihnen sympathisch ist, ihr Vertrauen gewonnen hat und wenn sie - 
und das ist das Wichtigste! — sicher sind, daß er s.ie dafür nicht 
verachtet. Denn noch immer gilt es als eine Schande, sich zu einer 
gesunden Sinnlichkeit zu bekennen. Deshalb sind die Aussagen de> 
ersten Ordinationsstunden nicht maßgebend. 

Diese Unmöglichkeit, ohne genaue länger dauernde Nach- 
forschungen die Wahrheit zu erfahren, erklärt die Verschiedenheiten der 
Statistik. Würde ich mich an die ersten Äußerungen der Patientinnen 
halten, kämen 80% anästhetischer Frauen heraus. Halte ich mich aber 
an meine wirklichen Erfahrungen, so sinkt diese Ziffer gewaltig. Dabei 
kommt die Art des Materiales in Betracht. Von gesunden Frauen ist eine 
geringere Zahl anästhetisch, bei neurotischen Frauen die Mehrzahl. Da 
ich jetzt aber fast nur neurotische Frauen zu Gesicht bekomme, so muß 
ich die Menge der anästhetischen Frauen sein- hoch einschätzen. D- 
Ziffern unter meinen weiblichen Patientinnen übersteigen 50% ! Ja, ich 
möchte behaupten: die Anaesthesia sexualis spiele bei der Neurose 
die wichtigste Rolle. Die Fälle werden immer häufiger, daß Frauen 
zu mir kommen und über ihre Anästhesie klagen. Sie hätten gehört, 
der Geschlechtsverkehr wäre ein solcher Genuß. Sie kö J nnen das nidu 
verstellen. Sie blieben kalt dabei, hätten höchstens ein' leises an- 
genehmes Gefühl; oder sie klagen über Schmerzen, Unbehagen und 
Ekel. Dabei kommen die verschiedensten Stufen und "Übergänge Vor. 

,Es. kann jede Geschlechtsempfindung fehlen. Die Frau empfinde' 
weder die Vorlust noch einen Orgasmus. Oder es kann die Vorlusi 
ziemlich groß sein und es kommt nicht zum Orgasmus. (Die häufigste 
Form, die wir Nervenärzte sehen.) Die Frauen geben an, daß sie vor 
Begierde glühen und daß sie nach dem Orgasmus lechzen und ihn doch 



Die Psychologie dor frigidem Frau. 



BÖ 



nicht erzwingen können. Hie und da hätten sie einen Orgasnuft er- 
zwungen, aber erst nach unendlicher Mühe. Manche gehen nur ein ganz 
schwaches Gefühl wie aus ganz weiter Ferne zu. Für viele ist zu br- 
ächten, daß sicli der ganze Orgasmus in der Vorlust sozusagen zer- 
splittert. Ihre Vorlust besteht aus lauter kleinen Orgasmen, so daß die 
Anästhesie nur eine scheinbare ist. Sie ist für die Frauen nur deshall 
eine Enttäuschung, weil sie mehr erwarten, weil sie eine Steigerung 
erzielen wollen, die nicht mehr zu erzielen ist. Sie foppen sich um den 
Orgasmus, indem sie sich ihm nicht hingeben und denken: „Noch nicht! 
Es muß noch stärker kommen." 

Andere Frauen bleiben ganz kalt. Kaum daß ein feiner Kitzel sich 
einstellt, ein unsagbarer, zarter Schauer sie überrieselt, ein Verlang» i: 
zu erwachen scheint. Leise, kaum angedeutet, erwartungsvoll. Das ist 
alles, was sie mit vieler Mühe erzielen können. Wir hallen also zu 
unterscheiden: 

1. Die absolut kalte Frau. Es kommt hei ihr weder zw 
Erscheinungen der .Vorlust noch zu rudimentären Sensationen de- 
< »rgasmus. 

2. Die relativ kalte Frau. Der Orgasmus tritt sehr seilen 
auf oder ist nur schwach angedeutet. Das Verlangen ist gering. 

3. D i e 1 e i d e n s c h a f 1 1 i c h k a 1 t e Frau. 1 )as ist die 
Frau, die trotz heißen Verlangens bei stark betonter Vortust keinen 
Orgasmus erzielen kann. 

Gehen wir nun auf die Besprechung der einzelnen Formen ein. ,, 
müssen wir zuerst ein Geständnis machen: Eine einheitliche Durch 
führung der Besprechung der Ursachen dieses Leidens ist nicht möglich, 
Das Problem ist so kompliziert, daß wir es von verschiedenen Seiten an 
besprechen müssen und dabei auf die drei Formen keine Rücksicht 
nehmen dürfen. Es ist schon nicht möglich, weil der Typus Weil) nie lr 
einheitlich gefaßt werden kann. Dies ist der erste Grundsatz, den ich 
besonders betonen möchte. Die vielen interessanten Aussprüche und 
Arbeiten über die Frauen leiden alle daran, daß sie den ..T y n u b 
W e i b". als Einheit auffassen. Wir stehen aber gänzlich au! 
dem Boden der Bisoxualität. Alle Menschen sind bisexuell. Alle ein. 
Mischung aus Mann und Weib. Schon dieses Prinzip zeigt uns, daß von 
dem Vollweibe, das den höchsten Perzentsatz an „Gynäein" enthält, um 
mit Magnus Hirschfeld zu sprechen, der das Problem der Bisexualität 
nur chemisch als Störung der inneren Sekretion angeht, bis zum Mann 
weibe, das sich durch ein Höchstmaß von „Andrin" als solches bewährt, 
eine ganz unendliche Menge von Übergängen und Variationen liegt, liier 
fülirt eine Brücke in das Organische, in jene uns noch unbekannten An- 
lagen, die wir mit dem mysteriösen Namen Disposition zusammen- 



^4 Die Geschlechtskälte der Frau. 

fassen. In diesem Zusammenhange ist der organische Infantilismus zu 
erwähnen, das „Kindweih" von Witteis y ) , der diesen Typus in der 
„sexuellen Not." glänzend beschrieben hat. Alle diese organisch be- 
dingten Formen kombinieren sich mit psychischen Einflüssen. Dem 
organischen Hermaphroditismus entspricht der seelische; dem Infantilis- 
mus körperlicher Art, der sich in einer mangelhaften Entwicklung der 
Genitalien ausdrückt (die Frauen bleiben meist steril, die Menstruation 
ist kümmerlich und bleibt bald aus, der Uterus ist verkleinert, wie der 
eines Kindes usw.), entspricht auch ein seelischer Infantilismus, der 
solche extreme Grade annehmen kann, wie ich sie als „ewigen Säugling" 
in meinem Bucho „Die Sprache des Traumes" beschrieben habe. Diese 
Formen der weiblichen Frigidität werden in dem fünften Bande dieses 
Werkes („Der psychosexuelle Infantilismus") eingehend besprochen 
werden. 

Ich habe ja betont, daß für mich die Disposition zur Neurose sich 
aus zwei Faktoren mischt: Aus einem sehr starken Triebleben und einer 
stark betonten Bi6exualität. 

Die Tatsache, der Bisexualität. erklärt uns schon vieles von dem 
Problem der Anästhesie. Aber lange noch nicht alles. Nichts wäre ge- 
fährlicher als der Versuch, dieses komplizierte Problem mit einem 
Schlüssel lösen zu wollen. Sonst wäre eine einfache Lösung gefunden: 
Man könnte sagen, anästhetischc Frauen sind eigentlich homosexuelle 
Frauen; die durch einen Mann überhaupt nicht befriedigt werden können. 

Das gilt für einzelne, nicht übermäßig häufige Fälle. Obwohl auch 
hier mit Kompromißbildungen zu rechnen ist und auch die männlichste 
Frau genügend „Gynäcin" besitzt oder „W", um mit Weininger zu 
sprechen, um auch bei entsprechendem Entgegenkommen des Mannes 
seelischer und körperlicher Art auf heterosexuellem Wege einen Orgas- 
mus zu erzielen. Sicher ist, daß eine stark ausgeprägte Bisexualität den 
normalen Verlauf de6 Liebeslebens stört. Die Bedingungen für den Ein- 
tritt, des Orgasmus sind viel schwierigere. Der höchsteOrgasmus 
wird nur ausgelöst, wenn das geheime. Sexualzicl 
des Individuums erroiehtwird. Ist nun für eine Frau, die 
sich ihrer Homosexualität nicht bewußt ist, die eine Tribade ist, ohne es 
zu wissen, das Weib das am meisten begehrte Sexualobjekt, so wird nur 
ein Mann mit ausgesprochenen weiblichen Eigenschaften diesen Orgasmus 
erzielen können. Hirschfeld beschreibt z. B. in seinem Buche „Die Trans- 
vestiten" eine Frau, die den höchsten Genuß dabei empfand, wenn ihr 
Geliebter Frauenkleider anlegte. Eß ist dies eine der Masken der Homo- 



') Fritz Witteis. Die sexuelle Not. Verlag Rosner. Wien. 



Die Psychologie der frigiden Frau. gr y 

Sexualität, wie ich sie bereits im II. Bande dieses Werkes eingehend be- 
schrieben habe. 

Die Tatsache der unbewußten Homosexualität erklärt ums viele 
Fälle von Anaestheäia sexualis fcminarum. Doch zuvor eine kleine Ent- 
scheidung. Ich spreche immer von „unbewußt" und folge dabei einem 
Brauche der Freudächen Schule. Sind diese homosexuellen Tendenzen den 
Frauen wirklich unbewußt ? Haben sie wirklich keine Ahnung, daß ihr 
Sehnen nur nach einem Weibe geht und daß sie gerne ein Mann sein 
möehten ? Das ist keineswegs wörtlich zu nehmen. Viele von ihnen 
geben zu, daß ihnen homosexuelle Tendenzen bewußt gewesen sind. Bio 
hätten sie aber nicht sehen wollen. Ich lasse eben die Verdrängung nicht 
als ein „Nichtsohcnkönnen", sondern als ein „Nichtsehenwollen" auf. Es 
handelt sich, um mit Klage s zu reden, nicht um ein „Nicht ge- 
wußtes", sondern um ein „Nichtgedachtes". Diese Frauen 
haben irgend einmal die Erkenntnis ihrer großen Liebe zu den Frauen 
gehabt. Sie wollten es aber nicht sehen und sich gewaltsam zum Manne 
hindrängen. Diesen Typus der Frauen, die sich gewaltsam beim Marine 
befriedigen wollen und nicht können, werden wir in einer ausführlichen 
Analyse kennen lernen. Es ist dies die Messalma, die Dirne, die immer 
in den Armen des Mannes kalt bleibt und ihn deshalb so vollständig be- 
herrscht. Ihr entspricht als männliches Gegenstück der bereif« ge- 
schilderte Don Juan. 1 ) Aber es gibt auch bei Frauen eine Flucht vor dem 
Weibe, che sich in den sonderbarsten Formen äußern kann. Diese Flucht 
vor der Homosexualität illustriert uns vortrefflich die nachfolgende 
Beobachtung: 

Fall Nr. 24. Fräulein Luise K. suchte mich in ihrem 30. Lebensjahre 
wegen eines merkwürdigen Leidens auf. Sie konnte sich in die Näho keines 
Menschen begeben, ohne sofort von den unangenehmsten Sensationen im Dann, 
betroffen zu worden. Es meldete sich ein heftiges Gurren und Glucksen, 
welches oft hörbar wurde. Wenn aber diese Geräusche nicht auftraten, so 
mußte sie wider Willen einen Flatus von sich geben, der sie in Gesellschart 
unmöglich machte. Was sie aber noch mehr verzweifelt machte, w;ir der 
Umstand, daß diese sonderbaren Dannerscheinungen mit einem anderen ebenso 
■malenden Leiden kombiniert waren: sie konnte ohne diese Erregungen keinen 
Stuhl mehr haben. Ihr Tag war infolgedessen angefüllt mit Vorstellungen 
über Stuhl, Flatus, Darmbewegungen. Ein Tag verlief in folgender Weise- 
Sie erwachte morgens und begann von den verschiedenen Herren ihrer Bekannt- 
schaft zu phantasieren. Sie nannto das „Backen", Sie stellte sicli vor, wie 
sie sich mit den Herren ungestört von ihren Darmbewegungen unterhaltet) 
konnte. Sie ging oft bis zum Äußersten, phantasierte Koitus und Ehe, Qt 
burten und allerlei seltsame Abenteuer. Nie aber konnte sie mit einem Frauen 
zimmer backen. Das war ihr unmöglich und kam ihr angeblich gar nicht in 
den Sinn. Dann stand sie auf und begann ein umständliches Wasehzeroinoniell. 

*) II. Band, „Onanie und Homosexualität". 



Ü(j Die Gcschlechtskälte der Frau.' 

das fast 'zwei Stunden dauert«. Sie war nur von der einen Vorstellung beseelt : 
Du bist schmutzig und mußt dich rein waschen. Auch die Funktion der De- 
fiicatio erschien ihr symbolisch wie eine Reinigung. Wenn sie ordentlichen ' 
Stuhl hatte, so fühlte sie sieh gereinigt. Eine Zeitlang hatte sie massenhaft 
Abführmittel genommen. Besonders wenn sie in Gesellschaft gehen wollte. 
Da fürchtete sie als „Stinktier" erkannt zu werden und reinigte sich sc» 
drastisch,. idaß sie dann vor der Gesellschaft große Dosen Opium zu sich 
nehmen mußte, um nicht durch Dian-höen gestört zu werden. Diese Unarten 
— nämlich das Einnehmen von Abführmitteln und Opium — wurden ihr in 
töttem Sanatorium abgewöhnt. Statt dessen trat aber folgende merkwürdige 
Situation ein. Sie konnte ohne Hilfe von Angst keinen Stuhl mehr bekommen. 
Ihr erster Godanke war dann jeden Morgen: „Wen benützt du heute als Ab- 
führmittel?" Es konnte ein Herr oder eine Dame sein. Bedingung war nur, 
daß man ihr nicht gleichgültig war. Sic ging dann spannungsvoll zum Früh- 
stück, wenn sie in einer Pension, einem Sanatorium oder einem Hotel lebte, 
und setzte sich in die Nähe des Angstobjektes. Es durfte aber nicht allzu 
nahe sein, sonst litt sie Höllenqualen und mußte schon im Beginne des Früh- 
stückes fortlaufen. Lebte sie zu Hause, so benützte sie einen der Brüder oder 
eine Schwester, selbst die Mutter oder den Vater als Abführmittel. Schon in 
der Mitte des Frühstückes traten die heftigsten Darmbewegungen auf (ohne 
Geräusche), die sich zur unerträglichen Qual steigerten. Sie wurde unruhig, 
bekam einen roten Kopf und hörte auf, am Gespräche teilzunehmen. Sie be- 
herrschte sich nun so lange, bis die Qualen schier unerträglich waren. Dann 
war sie ihres Erfolges sicher. Sie verschwand plötzlich und lief auf die Toilette, 
wo sie je nach der Größe der Erregung ihre „Reinigung" ausgiebig oder un- 
zureichend vollziehen konnte. Diese Reinigung war wie das Waschen ein 
symbolischer Akt und sollte 6ie wieder rein machen. Hatte sie unten beim 
ifibühstüek gesündigt, so konnte sie sich sofort reinigen, nachdem sie sich durch 
die Schmerzen für ihre Gedankensünden empfindlich bestraft hatte. Denn in 
ihr kämpften zwei Tendenzen: Der Wunsch nach Reinheit und ein glühendes 
Verlangen nach Sinncnlust. Wir werden an einigen Beispielen sehen, daß die 
kalten Frauen meist dieso Kombination von Dirne und Nonne zeigen. Immer 
wieder spielt das Problem der Askese in die sexuelle Anästhesie hinein. 

Doch kehren wir zu unserer Patientin zurück. Sie hat sich also gewöhnt, 
ihren Stuhl durch eine Art sexueller Erregung zu erzielen. Es ist schon be- 
zeichnend, daß diese Erregung durch beide Geschlechter ausgelöst werden 
kann. Wenn sich das Hausfräulein oder eine Bekannte zu ihrem Frühstück- 
tieche setzt, hat sie die gleiche Erregung, wie wenn Herr X oder Herr Y 
im Zimmer sitzen. Immer spielt dabei die Angst, daß sie stinkt, eine Rolle, 
Leidet Herr X an Schnupfen, so tritt die Erregung nicht auf, denn er kann 
öie ja nicht riechen. Fräulein N. pomadisiert sich sehr stark. Im Sanatorium 
spricht man davon, das sie das täte, weil sie sonst einen üblen Geruch ver- 
breitet. Unsere Kranke verliert sofort vor Fräulein N. jede Angst, so daß sie 
uicht mein- als Abführmittel funktionieren kann. Sie selbst parfümiert eich 
nicht, weil sie sonst auch in den Verdacht kommen könnte zu stinken. Doch 
diese' Motivierung ist fadqnscheinig. Wir haben schon betont, daß diese Dann- 
erregungen erotischer Natur sind. Das ist die Art ihrer Sexualbefriedigung. 
Kein Mensch denkt den ganzen Tag an den Stuhl, der nicht an der „analen 
Funktion" seine geheime Lust hätte. Dieses Stinken muß auf dem Wege des 
Kompromisses neben der Lustprämie und selbstdiktierten Strafe auch einen 
andern Sinn als Schutzmaßregel haben. Die Strafe ließ sich auf psychanaly- 



Die Psychologie der frigiden Frau. H? 

Machern Weg« leicht erklären. Sie hatte einmal in der Schule laut aufgelacht, 
als eine Schülerin das Malheur hatte, durch einen Flatus die allgemeine Auf- 
merksamkeit in peinlicher Weise auf sich zu ziehen. Sie hatte aber auch ihren 
Vater verlacht, welcher den Stuhlfunktionen eine übertriebene Sorgfalt wid- 
mete. Die Schutzmaßregel entstand aber aus folgender Erwägung; Sie hatte 
in einem Lehrbuch gelesen, daß das Moschustier sich durch einen durchdringen- 
den Gestank vor seinen grimmigen Feinden retten könnte. Sie sah in jedem 
Menschen, der sie sexuell erregte, ihren bösen Feind, der ihr heiligstes Gut, 
ihre Keuschheit antasten wollte oder zu mindestens autasten könnte. Sie 
schützte sich gegen sich selbst und gegen alle Gefahr, des intimen Zusammen- 
seins durch die peinliche Funktion ihres Darmes. Denn nun war es ihr un- 
möglich, ohne Gefahr für ihre Unschuld, mit einem Herrn allein zu bleiben. 
War sie einige Minuten mit ihm beisammen, so trat die Moschusfunktion sofort 
in Aktion. 

Nun kam aber das merkwürdigo Erlebnis. In einer Pension lebte ein 
Arzt, der sie auch behandelte. Er küßte sie eines Tages. Bei diesem ersten 
Kusse hatte sie eino starke Empfindung. Es war die Erfüllung einer lang ge- 
hegten Sehnsucht Bei den nächsten Küssen war sie vollkommen unästhetisch, 
blieb es auch, als er von ihr ganz Besitz nahm. Sie liebte aber diesen 
Menschen ganz außerordentlich. Um ihn nicht zu verlieren, gab sie,sich hin. 
so- oft er wollte, jedesmal ohne die geringste Spur von Empfindung. Sie 
heuchelte Empfindung, um nicht als kalte Frau zu gelten. Nur noch ein 
einziges Mal trat eine leichte Libido auf, als sie neben ihm im Bette lag und 
er ihr den Kücken zukehrte. Er las in einem Bucho und sie durfte ruhig liegen 
und sollte ihm den Rücken sanft streicheln. Da hatte sie ein kindliches Gefühl 
und eine Spur von Libido. Das Darmleiden aber verschlimmerte sieh von 
Monat zu Monat. Als sie bemerkte, daß ihr Geliebter unentwegt mit anderen 
Damen flirtete und ihr sichtlich untreu ward, verließ sie schweren Herzens 
die Pension und begab sich in meine Behandlung. 

Die Anamnese ergab ein sehr interessantes Moment. Sie war in der 
.lugend ein lebhaftes, zu allen Streichen aufgelegtes, übermütiges, kerngesundes 
Mädchen. In dem Pensionat stellte sie allerlei tolle Streiche an. Die Direktrice 
kam auf einen solchen Streich und drohte ihr mit der Entlassung aus der 
Schule. Das ging ihr sehr nahe, und nach einer schlaflosen Nacht kam sie 
zu der Lehrerin und flehte sie an, sie doch zu behalten und noch einen letzten 
Versuch mit ihr zu machen. Sie werde sich vom Grunde aus ändern. Das ge- 
-ihah auch. Sie wurde lammfromm, fleißig, gehorsam, tugendhart. Kurz, sie 
wurde das Mustermädchen der ganzen Anstalt. Die Lehrerin war nicht wenig 
stolz auf diesen Erfolg. Und doch hatte dieser Erfolg die 
Krankheit zur Folge. Denn o s wurde auf g e. w a 1 t s a m 8 
Weise die Individualität des Kindes gebrochen. I«li 
habe als Folge solcher Gewaltkuren immer eine schwere Neurose gesellen.') 
Nur sehr starke Individualitäten sind imstande, solche Umbiegungen des 
Charakters ohne Schaden durchzumachen. Oder sehr schwache können sie er- 
tragen, wenn ßio sich wirklich in dio neue Richtung biegen lassen. Unser 
Mädchen aber war ein mittelstarker Charakter. Nacli außen hin wurde sie die 



L ) Vgl. du? Kapitel „Gebrochene Menschen" in meinem Buche „Nervöse Lwto" 
(Vorlag Paul Knepler, Wien.) 



88 l>ic (iosciilcchtskältc- der Frau." 

Fromme und Gefügige, mit allen Tugenden Ausgestattete, nach innen wuchs 
ihr Unabhängigkeitsgefühl und verlangt© innere Freiheit und vollkommenes 
Ausleben. Aus dem Konflikte erfolgte dann die Flucht in die Krankheit als» 
provisorische Lösung, in der Tendenz, die großen Entscheidungen in diesem 
Kampfe hinauszuschieben. 

Aber, warum ließ sie sich gerade von dieser Lehrerin so leicht verge- 
waltigen, nachdem dieser Versuch bei allen anderen Erzieherinnen gründlich 
mißglückte? Das verrät uns die Abschiedsszene von der Direktrice. Nachdem 
sie einige Jahre die Wonnen einer bevorzugten Musterschülerin genossen hatte, 
kam der Tag des Abschiedes von der Anstalt. Die Lehrerin gab ihr ein Ge- 
schenk und den ersten und einzigen Kuß. Bei diesem Kuß empfand 
sie ei n Wonnegefühl, wie siees nie vorher und auch nie 
nachher empfunden hatte. Da ging ihr der erschreckende Gedanke 
durch den Kopf: „Um Himmels willen! du bist doch nicht 
homoBex uell!" 

Wir verstehen jetzt ihr Benehmen. Sie war in die Lehrerin verliebt und 
versuchte, erst ihre Beachtung durch Trotz zu erzielen. Was wir geliebten 
Menschen gegenüber empfinden, ist meist ein 60 komplizierter Vorgang, daß 
er sich nur schwer analysieren läßt. Eines steht aber fest: Wir vertragen 
bei geliebten Personen keine affektlose Lage. Kindei- 
bringen ihre Eltern und 'Erzieher gerne in Zorn, wenn sie die Affekte der Liebe 
nicht bemerken. Wüßten die Erzieher diese Tatsachen, es wäre manchmal mit 
der Erziehung besser bestellt! Denn die einzige Waffe gegen diese Attacken 
auf unsere Ruhe ist die Unerschütterlichkeit unserer Seele. Gleichmut ent- 
waffnet den Trotz. Auch unsere Kranke versuchte die Aufmerksamkeit der 
Lehrerin durch tolle Streiche auf sich zu lenken. Sie war offenbar eifersüchtig, 
weil die Lehrerin andere Schülerinnen bevorzugte, lobte, auszeichnete, als 
Muster der ganzen Klasse vorstellte. Als die Gefahr auftrat, die Lehrerin 
ganz zu verlieren, mußte sie den anderen Weg beschreiten. Sonst hätte ihr 
das Verlassen der Schule keinen solchen Eindruck gemacht. Nur weil sie die 
Lehrerin liebte, dachte sie mit Schrecken an die Strafe, die Anstalt zu ver- 
lassen, und die bloße Drohung genügte, aus ihr einen anderen Menschen zu 
machen. Nun war für sie nur noch ein Weg da, uni die Aufmerksamkeit der 
geliebten Lehrerin zu erringen. Sie mußte eine der besten Schülerinnen werden, 
was sie auch erreichte. 

Die erste physische Berührung mit einem Wejbe. 
der Kuß der Lehrerin erfüllte sie mit einer nie ge- 
ahnton Wonne. Die lange vorbereitete Homosexualität 
konnte plötzlich ihre angestaute Libido entladen. 

Nun sollte man- glauben, daß diese einmal erwachte Homosexualität das 
Verlangen nach Wiederholung in sich trägt. Das war auch der Fall. Aber mit 
diesom Verlangen trat auch die Angst auf, sie könnte sich zu anderen homo- 
sexuellen Akten hinreißen lassen und die Schutzmaßregeln wurden noch inten- 
siver verstärkt. Dieser Fall wirkte wie eine Warnung auf ihre Seele. Als wollte 
er sagen: Du mußt dich vor deiner Sexualität und besonders vor deiner Homo- 
sexualität in acht nehmen. Seit jenem. Kusse wich sie den Gelegenheiten, mit 
Frauen intim zu verkehren, im weiten Bogen aus. In Paris, wo sie eine Zeit- 
lang weilte, wurde sie von einer französischen Freundin aufgefordert, mit ihr 
in einem Bette zu schlafen. Sie lehnte kühl und entschieden ab. Gegen iafe 
eigene Mutier, mit der sie sich früher verschiedene kleine handgreifliche Zart- 



Die Psychologie der frigiden Frau. s'.> 

liciikeiten erlaubt hatte, wurde sie auch merklich kälter. Alle die Klapse, mit 
denen sie ihre Mutter gemo regaliert hatte, die kleinen, sanften Backenstreiche» 
das Küssen und Kneifen hörte plötzlich auf. Sie fand, „daß es sich nicht 
schickto". Die Analyse förderte eine leidenschaftliche Liebe zur Mutter zutage. 
Aus Eifersucht auf ihre Brüder hatte sie das Elternhaus verlassen. . . . 

Ihre Befriedigung sucht© und erzielte sie in der Masturbation, bei der 
*ie zum höchsten Orgasmus kam. Aber bald hörte sie, daß F r ;i u c n 
dann unempfindlich werden, wenn sie onanierten, 
und gab aus Angst vor der Anästhesie die Onanie auf. 
Als sie nun in dem zweijährigen Verhältnis mit dem Arzb? vollkommen an- 
ästhetisch war, wollte sie wieder onanieren und konnte keinen Orgasmus mehr 
erzielen. Das beobachtet man bei weiblichen und auch bei männlichen < »ministen 
sehr häufig. Wenn sie nach langer Pause wieder onanieren, so empfinden Bio 
keinen Orgasmus mehr. Meist ist es die Angst, daß sie sich schädigen, die 
keinen Orgasmus aufkommen läßt. 

Sie glaubte nun, die Schuld an dem Ausbleiben der Libido trage der 
Mann. Dieser war ein sehr potentor, auffallend schöner Mann. Sie hoffte aber 
bei anderen Männern eine Libido zu erzielen. Sie kokettierte mit allen Männern 
und hätte gerne alle geprüft. Wenigstens hätte sie gerne alle geküßt. Die 
einzelnen Versuche ergaben wechselnde Resultate. Meist war die Libido nur 
gering und sehr launisch. Allerdings gab es immer störende Eintlüssc. Sio 
machte sich schon während dos Kusses Vorwürfe und konnte schon deshalb, 
zu keinem ungestörten Orgasmus kommen. 

Sehr interessant war die Liebe, mit der sie an dein Doktor Nr. hing, 
obgleich er bei ihr keinen Orgasmus erzielen konnte und sie in seinen Armen 
ganz kalt blieb. Dieser Fall beweist, daß die Frauen keineswegs immer Hin- 
auf die Libido Rücksicht nehmen, wenn sie lieben. In diesem Falle gestand 
die Kranke zu, daß es ihr eine große Freudo machte, wenn sio beobachten 
konnte, daß der Geliebte bei ihr Genuß hatte und daß sie damit vollkommen 
zufrieden war. Sie spielte sogar die Heiße, um ihm die Illusion nicht zu zer- 
stören. Solcher Aufopferung sind Frauen fähig, wenn sie lieben! Sie ertrug 
seine Launen und seine Eskapaden mit rührender übermenschlicher Geduld. 
Ihre Eitelkeit blähte sich bei dem Gedanken, daß der schöne vielbegehrte 
Doktor ihr Geliebter war. (Denn Eitelkeit spielt im Liebcsleben der Frauen 
eine große Rolle. Deshalb fliegen sie auf die Sänger und Schauspieler, die 
Künstler usw.) Und noch merkwürdiger war, daß alle Darmbewegungen nach 
der Onanie aufhörten und sie einen Tag Ruho hatte. Wohl ein Leweis, daß 
die sexuelle Befriedigung diese ausgesprochen erotischen Muskolerregungon 
überflüssig machte. Ebenso hörten diese Dannbewegungen auf, wenn der 
Doktor oder ein anderer Mann sio küßte. Im Gegenteil! Manchmal halte sie 
nach einem Kusso einige Tage eine köstliche Ruhe und konnte auf normale 
Weise Stuhl erzielen, d.h. ohne Hilfe der menschlichen Abführmittel. (Der 
Angstobjekte 

Noch ein Moment ist zu erwähnen, wenn wir die PsychOgenese dieser 
Anästhesie besprechen. Wie kommt es, daß sie bei dem Mann, den sie so un- 
ermeßlich liebte, daß sie ihm jedes Opfer brachte, nicht empfinden konnte? 
Was war die Ursache dieser Störung? Die Wahrheit war, daß sie eigentlich 
nicht liebte. Ich habe schon betont, daß ihre Eitelkeit bei dieser Liebe auf 
ihre Rechnung kam. Ebenso die Möglichkeit, sich zu verschenken. Aber die 
Liebe war nur eine große Fopperei, ein Spiel, mit dem sich die Kranke selbel 



flu !>ic «eseblechtskälte der Frau. 

betrog. Wir werden solche Selbsttäuschungen noch des öfteren kennen lernen. 
Hier erlag sie der ersten Versuchung. Sie war allein mit dem Doktor im 
Zimmer, er küßte sie und nahm sie ohne Widerstand. Das. war ihr Schicksal. 
Das war ja eben ihre Schwäche, der sie sich so gut bewußt war und gegen die 
sie die Moschusfunktion schützen sollte. Doch sie vergaß es dem Manne nie. 
daß er sie genommen. Ja, wenn er sie wirklich geliebt hätte, da hätte sie eine 
Art heimlicher. Ehe. Diese Fiktion mußte sie aufrecht halten. Sie ■• mußte 
hellen und sich geliebt fühlen, wenn sie nicht alle Selbstachtung verlieren sollte 
und sich nicht als Dirne fühlen wollte. Deshalb klammerte sie sich mit blinder 
Zähigkeit an diese Liebe, deshalb wollte sie erst seine Untreue nicht sehen. 
Sie wollte diesem Manne ihr Leben widmen und hätte er sie und die Größe 
ihrer Aufopferung verstanden, er hätte an ihr einen ewigen Sklaven besessen, 
der imstande gewesen wäre, für ihn ohne mit der Wimper zu zucken in den 
Tod zu gehen. Aber innerlich haßte sie diesen Mann und verachtete ihn. Denn 
er nützte sie auß. Einmal ließ er sich von ihr das Abendbrot im Restaurant 
befahlen und borgte sich noch eine kleine Summe., Sie mußte dann unzählige 
Male ein Wort vor sich hinsagen: Schmutzian! Ob sie wollte oder nicht, das 
Wert kam immer, immer wieder. Bei diesem Manne konnte sie und wollte sie 
nicht empfinden. Er nahm sie, und sie war doch nie sein. Das war ihr heim- 
licher Triumph. Kr hatte sie eigentlich nie besessen! Ähnliche psychische» 
Mechanismen werden wir noch ausführlich besprechen, wenn von dem Kampfe 
der Geschlechter in der Liebe die Rede sein wird. 

Sie war innerlich fromm und hochmoralisch. Der Gedanke: „Eigent- 
lich begehst du eine Sünde!" und der zweite Gedanke: „Was 
würde deine Mutter dazu 6a gen!" ließen einen Orgasmus nicht 
aufkommen. Sie hoffte im stillen, daß der verheiratete Arzt sich von seiner 
Frau werde scheiden lassen, um sie zum Altare zu führen. Vielleicht hätte 
sie als Frau bei ihm empfunden. 

Daß sie keine „natura frigida" war, bewies der Orgasmus bei der 
Lehrerin, bewies auch der Orgasmus bei der Onanie, die wahrscheinlich mit 
homosexuellen Phantasien durchsetzt war. Die Lehrerin war eine.Imago der 
Mutter. Bei dem Kusse flammte eine infantile Libido auf. Eine heterosexuelle 
Neigung hätte sich erst entwickeln können, wenn alle moralischen Heminungs- 
Yorstcllungen beseitigt worden wären. Bei einem geliebten Mann in der Ehe 
hätte sie sicherlich empfunden. Diesen Beweis konnte sie nicht erbringen. Denn 
die zerstörte Jungfernschaft hatte sie in ihren Augen der Möglichkeit einer Eh» 
beraubt und auf die „verbotenen Verhältnisse" beschränkt. Sie fürchtete mm. 
zur Dirne zu werden. Sie mußte daher die Sicherungen verstärken. Die Neurose 
wurde noch schwerer; ihre Heilung war fast unmöglich. 

Ihre Anästhesie hatte also drei Wurzeln: 

1. Die Homosexualität. 

2. Die moralischen Hemmungen. 

3. Pen Haß gegen den Verführer. 

i. Die infantile Fixierung an die Mutter. 

Interessante Zusammenhänge zwischen Masturbation und An- 
ästhesie bietet folgender Fall: 

Fall Nr. 25. Frau I.V., 34 Jahre alt, die Frau eines Arztes, ist schon 
10 Jahre verheiratet. Sie war in der Ehe immer vollkommen anästhetisch. Hie 



. 



Die Psychologie der frigiden Fran. 91 

und da, wenn der Situs inversus in coitu angewendet wurde, kam es zu einer 
kaum angedeuteten sehr schwachen Libido. In solchen Fällen, mußte sie nach 
dem Koitus noch mit Önanio nachhelfen, bis ein starker Orgasmus erzielt 
wurde. Sio onanierte meist durch ein krampfhafte Zusammenpressen der 
beiden Schenkel. So war es ihr möglich, neben ihrem Manne zu onanieren, ohne 
daß er es merkte. Sio onanierte schon seit ihrem zehnten Lebensjahre und 
fühlte sich dabei vollkommen gesund. Sie war eino auffallend kräftige, blühend 
aussehende Frau mit energischen, männlichen Zügen und einem Anllug eines 
Schnurrbärtchens. Sio onanierte sehr häufig, fast jeden Tag. manchmal einige 
Male im Tage, auch in der Ehe, da sio ja von dem Verkehre gar keim- Be- 
friedigung hatte. Sie ertrug ihre ehelichen Pflichten und da sie ihren Mann 
■sehr liebte, war sie zufrieden, wenn er an ihr seine Freude hatte . . . Sie zeigte 
trotz der täglichen Onanie gar keine- nervösen Störungen. „Da las sie eines 
Tages in einem Werke, das ihr Mann studierte, einen Aufsatz über Onanie, 
der die Folgen dieses „Lasters" in grellen Farben schilderte. Rückenmaiks- 
leiden, Verblödung, frühzeitiges Altern, Abnahme des Gedächtnisses, schlaffe 
Züge, Welken der Schönheit wurden dort als Folgen der Onanie angegeben. 
Sie erschrak heftig und suchte sich noch in anderen Büchern über die Onanie 
zu informieren und fand immer einige Stellen, die von den verderblichen 
Folgen sprachen. Sie nahm sich nun fest vor, nicht mehr zu onanieren, erlag 
aber immer wieder der Versuchung. In dieser Not wandte sie sich an ihren 
Mann und gestand ihm unter Tränen das heimliche Laster. Der Mann tröstete 
sie ein wenig, meinte aber, sie müsse die Oüanie aufgellen, sonst wäre sie 
nie imstande, zu einem Orgasmus zu kommen. Sie versprach es ihm hoch und 
heilig und hielt auch ihr Versprechen. Nun trat das ein, was man so oft nach 
dem Aufgeben der Onanie sieht. Sie wurde schwer neurotisch und begann 
an fürchterlichen Depressionen zu leiden. Sie kämpfte mit Selbstmonlahsichten 
und mußte sogar einige Sanatorien aufsuchen, dio nur geringe Besserung 
brachten. Ihrem Manne gegenüber änderte sich gar niohts. Sie blieb ebenso 
anästhetisch, als sio vorher gewesen. 

Die Neurose aber, die einen ausgesprochen melancholischen Charakter 
zeigte, wurde als Folge der Onanie aufgefaßt. Immer der gleiche Trugschluß, 
über den ich schon gesprochen habe. 1 ) Die Frau war ja ganz gesund, solange 
Sie onanierte. Erst durch die Abstinenz wurde sie krank! Kein Mensch Kann 
ohne Libido leben,' besonders wenn er sie schon kennen gelernt hat. Das 
Leben verlor für sie jeden Wert und der Selbstmord wäre für sie «ine Er- 
lösung gewesen. Vielleicht hätte sie aus Verzweiflung wieder onaniert, aber 
sie hatte ihrem Manne geschworen, es nie wieder zu tun. und der Schwur war 
ihr, einer frommen Frau, heilig. Die Anästhesie stammte hier nicht aus einer 
nicht bewußten psychischen Spannung mit ihrem Manne. Sie liebte und \. : 
ehrte ihn und war ihm dankbar. Nun könnte man sagen, sie war anästhetisch, 
weil sie durch die Onanie an eine besondere Form der Befriedigung gewöhn! 
war. oben an die auto-erotische. Die allcrotische konnte sie nicht mehr reisen, 
da die anderen Bahnen schon ausgefahren waren und ihre Libido innen nicht 
zu erregen war, nur von der Klitoris. Allein die Friktionen, die ihr Mann an 
der .Klitoris versuchte, ließen sie auch kalt. Nur der eigene Finger könnt«' 
Libido und Orgasmus hervorrufen. Otto Adler beschuldigt in einem Bolchen 
Falle dio Onanie, wie der nächste seinem Buche entnommene Fall besagt, I ' 



') Sicht: Band 11. 



• 



92 Die Geschlechtak&lte der Frau. 

ist aber aucli ein Trugschluß. Denn es gibt viele Frauen, welche onanieren 
und trotzdem beim Manne zum vollen Orgasmus kommen, ja noch höheren 
Orgaißlftue erzielen älß auf dein auto-orotischen Wege. 

Die N'ot-Onanisten phantasieren immer die Situation, die .sie auch 
im Leben erreichen können. Zum Beispiel : eine Frau onaniert mit der 
Phantasie eines Koitus. Sie wird auf die Onanie leicht verzichten können, 
wenn sie Gelegenheit hat, den Koitus auszuüben. Eine andere Frau 
onaniert mit masochistischen Phantasien, ihre Gedanken sind: Sie wird 
überfallen und vergewaltigt, man steckt ihr einen Knebel in den Mund, 
bindet ihr die Hände. Die Frau wird immer wieder in dar Onanie die 
höchste Befriedigung finden. Die Onanie ist dann die ein- 
zige adäquate F orin ihrer S e x u a 1 b e 1 : r i e d i g u n g. Sie 
könnte höchstens von der Perversion abgelöst werden, was in den seiten- 
ston Fällen vorkommt. ') Dann aber hört auch die Onanie auf und es 
tritt der volle Orgasmus beim allerotischen Verkehre auf . . . Unsere 
Patientin aber war eine ausgesprochene Urlinde. Sie onanierte mit der 
(ihr nicht deutlich bewußten) Phantasie, ein .Mann zu sein. Sie legte 
sich auf den Hauch und manchmal preßte sie auch ein Polster zwischen 
die Beine. Sie war in der Phantasie ein Mann. Sie konnte die Onanie 
nicht aufgeben, weil sie keinen Ersatz dafür finden konnte. • 

Diese Anästhesie war also nicht die Folge der Onanie, sondern die 
Folge ihrer ausgesprochenen homosexuellen Neurose. 

Ihre Heterosexualität war durch eine infantile Fixierung an den 
Vater und durch verschiedene traumatische Erlebnisse ihrer Kindheit 
versperrt und hätte erst durch eine längere Analyse freigemacht werden 
können. 

Sie begann wieder mäßig zu onanieren. Die Depressionen ver- 
schwanden vollkommen, ebenso die Schlaflosigkeit und viele andere 
neurotische Symptome. ' ' 

Aber wir finden keinen Anlaß, die Dyspareunie auf die Onanie zu 
schieben. Denn unsere Patientin erzählt, daß ihr eine Umarmung einer 
Freundin mehr Lust bereitet als der Koitus ihres Mannes. Auch wirkt 
die Friktion des Mannes nicht lusterregend und das ist geradezu be- 
weisend. Finden wir also in der Anamnese einer anästhetischen Frau 
Onanie, so dürfen wir nicht die Onanie als letzte Ursache der Störung 
ansprechen. Adler sagt: „Es hat sich in vielen Fällen von Masturbation 



') Wie falsch faßt Kisch (Das üeschlcch täleben des Weibes, Verlag TJrbaii & 
Schwarzonb«rg, 19U4, $• 364) diese Zusammenhänge auf: „Zuweilen ist dann auch 
mit Dyspareunie porvorso Geachlochtscmpfindung verbunden. Solche 
Frauon, denen der geschlechtliche Umgang mit dem Manne keinen Genuß gewährt, 
mastorbleren, fröhnen dem Amor lesbicus, halten sieb an ihre Freundinnen usw." Er 
merk! nicht, daß diese Perversionen die Ursache der Dyspareunie sind. 






Die Psychologie der frigiden Frau 93 

der' weibliche Organismus an die orsprunglich Ereigewfihlte periphere 
Stelle des Kitzlers "der der Sehamlippe, an Tempo, Rhythmus und Vor- 
Btellüngswelt gewöKnt" . . . Das stimmt nicht mit meinen Erfahrungen 
Es gibt keine l'ieigewüldte Stelle. Die erogene Zone Lei entweder durch 
Vererbung oder durch die ersten ..Eindrücke vorgeschrieben. Qnd an 
zählige Frauen überwinden diese Gewohnheit und Fühlen oormaL Adler 
zieht seine Schlüsse ans einem interessanten Balle 1 ), den ich Iiiit 
wörtlich anführe: 

Fall Kr. -26. B.F, ist 31Jahre alt und stammt aus gesunder Kamill'-. 
Sii seihst hat keine besonderen Krankheiten durchgemacht, bn 9. Lebensjahre 
wnnl« sie von einem zirka 50jährigen Manne an den Qenil dien berührt 8cfaun 
damals hatte sie eine angenehme Empfindung und fühlte ein Naßwerden. Di« 
Manipulationen wiederholten sich etwa 2— 3 Jahre. Dann' fing das etwa 
l2jahrigo Mädchen mit eigenen Versuchen an, •besondere da dir der VerlDl 

zuwider war. Sie gewöhnte sich damals liereits an die Reibung der linken 
Seite der Vulva, etwa im oberen Drittel der linken kleinen Schamill')*- 
Patientin glaulit, daß die Ilevorzugung der linken Seite eine TofleiBaheinung 

ist, da sie überhaupt links voranlagt ist, jedenfalls viele Verrichtungen mit 
der linken 1 html vollzieht, z. B". das Schneiden mit der Schere. Die Masturbation 

führte bei ihr bald zur vollen Befriedigung und war stets mit '•• 

verbunden. Öiee bind schon vor der Geschlechtsreife statt Sie ha1 dann weitei 
johr häufig mafiturbiert. Sie bewegte die linke obere Schamlippe mit einem 

(dritten) Finger en masso hin und her. ESs ist nicht etwa ein Darfibel 
streichen, sondern eine Bewegung des ganzen EauÜEppOOS. Mci-t -it/t sie 
dabei, weniger zum Ziel kommt sie beim Uegon, Die Beine sind GXti 
Heim Höhepunkt senkt sieh der Finger in die Scheide, BUglojch mit dem I 
danken an männlichen Verkehr. Der Pinger fuhrt die Zuckungen in der 
Scheide. Die Berührung des Kitzlers selb I vorn raucht 
ihr durchaus kein angenehmes Gefühl und ist nicht 
imstande, den Orgasmus zu erreichen: es i>t. „als wenn 
jemand an einer Stelle kitzelt, WO es nicht angenehm 
ist". Die Einsenkung iU'^ Fingers wird erst seit ca. "/• Jahre vollzogen. 

üio Menses traten ca. mit 14 Jahren ein und waren Ins tum 22. Jahre 
ziemlich regelmäßig, aber stets stark schmerzhaft. I'atieutin wurde leicht 
ohnmächtig, sogar auf offener Straße. Nachts will sie krampfartige Zu-tand« 
erleiden und im Schlafe geschrien haben. . Vom '22. Jahre ab begann sie den 

Geschlechtsverkehr. Seitdem haben diese Anfalle langsam nachgelassen und 

immer größere Pausen gemacht. Die Periode ist viel schmerzfreier geworden. 
Es stellte sich Neigung zum Ausfluß ein. 

Der erste Geschlechtsverkehr mit einem Manne im 22. üobensiahre war 
eine richtige, blutige Delloratio mit Schmerzen; Schwierigkeiten verloren sich 
jedoch bald, Verkehr ging mühelos von statten, allein 6h D e .i eg 1 i c h B 
Gefühl. Zu ihrer größten Verwunderung stellte sich 
ein solches auch bei ferneren Versuchen nieht ««in 
obgleich die Patientin in hohem Grade geschlechtlich 

*) O.Adler (Die mangelhafte ('i.'sclilr, hlsrinpfindung g M Weibe*, ;j ^ull |ma 
Fischers med.BuchhandlunR II. Kornfeld, [ Fall XV. EJg. no Beobaobfettngj); 



94 We Cioschleohtskälte der Frau. 

r rogt w a r und d i o U m a r in uugcn und L i e b k ö s uug e n 
i h r o ö Mannes leiden. sc haftlich begehrte. Die ersten Be- 
ziehungen galten einem gebildeten Manne, einem höheren Offizier, den sie auf- 
richtig liebte. Ale sich das Verhältnis löste, hoffte sie beim Wechsel eine 
Änderung ihrer Gefühllosigkeit zu finden. Jedoch vergeblich. Eine solche 
stellte sich niemals ein, obgleich sie nunmehr mit etwa 10 ver- 
schiedenen Männern der Reihe nach in intimen Verkehr getreten ist. Hierbei 
sei bemerkt, daß sie nicht etwa als eine gewöhnliche Lustdime erscheint. 
• sondern stets ihrem augenblicklichen Verehrer aufrichtig ergeben ist und nichts 
von Raffinement besitzt, um ihre Freunde irgendwie pekuniär auszubeuten. 
Sie wird stets durch die Liebkosungen des Mannes stark erregt, be- 
sonders wenn derselbo sie küßt und ihre Brüste, streichelt. Sie fühlt dann 
sofort eine Nässe an den Genitalien, erlangt aber Befriedigung nur, wenn 
die- bewußte Stelle der Vulva manuell entweder von ihr selbst oder 
dem Liebhaber gereizt wird. In c o i t u n o r m a 1 i hat sie nicht 
d i o 1 o i s o s t o W o 1 1 u s t e m p f i n d u n g, auch nicht bei protra- 
hierten Versuchen. 

Ihr geschlechtlicher Verkehr besteht demnach entweder in der manuellen 
Selbstbefriedigung unmittelbar post actum oder in der Befriedigung per digi- 
tum viri ante coituin. Auf diese Weise befriedigt, gibt sie sich als Opfer 
des Mannes hin. Bisweilen beginnt noch einmal eine zweite geschlechtliche 
Erregung und in seltenen Fällen erfolgt noch eine zweite manuelle Befriedi- 
gung post coitum. 

Der geschlechtliche, normalo Verkehr hat ihr demnach trotz mannig- 
facher und abwechslungsreicher Versuche noch nicht ein einziges 
M a 1 direkto Befriedigung gewährt. In einigen Fällen ist es zum Orgasmus 
gekommen, wenn daß erigierte Membrum virile die Masturbation besorgte 
und gewissermaßen die Stelle des Fingers vertrat. Selbstverständlich war 
dabei von keiner Immissio penis und von keinem Koitus die Rede. 

In einigen, ganz seltenen Fällen ist es zu einer gleichzeitigen Ejakulation 
bei ihr und dem Manne gekommen. Das geschah beim Coitus a posteriori. 
wobei Patientin Hand und Terrain frei hatte, um zu gleicher Zeit während 
der Immissio penis zu masturbieren. Auch in dieser Situation also nur Be- 
friedigung auf dem gewohnten Wege. Sonderbarer Weise schiebt sie diesem 
durchaus selten geübten Modus ihre zweimalige Konzeption zu. Sie. glaubt 
absolut fest an die Konzeptionsgefahr bei Koinzidenz der Befriedigung, selbst 
wenn dieselben, wie beschrieben, auf diesem doppelt indirekten Wege von- 
slatlen gehen. Sie hat beide Male im dritten Monat (artifiziell) abortiert. Da 
Sie bisweilen, besonders nach den kriminellen Aborten, an Ausfluß leidet, war 
sie wiederholt in ärztlicher Behandlung und hat auch ihre sexuelle Anomalie 
dabei zur Sprache gebracht. Anfangs sehr unglücklich, daß ihr niemand 
helfen konnte, „auf daß sie auch beim natürlichen Ver- 
kehr wieder fühlte wie andere Mädche n", ist sie jetzt resi- 
gniert geworden und faßt ihren Zustand beinahe, als etwas normales auf, nach- 
dem sie mindestens „6— 8 Frauen kennen gelernt hat, denen 
es genau ebenso geht wio.ih r". 

Allmählich hat sie auch gelernt, die falsche Konzession ihrer vollen 
Empfindung an den Mann zu machen, da derselbe sie aufrichtig liebt und in 
dem Ausbleiben ihres gleichzeitigen Wollustempfindens einen Mangel an Liebe 
zu sehen glaubt. 



Die Psychologie der frigiden Krau. "I:> 

Was beweist dieser Fall, dorn die Analyse der ersten Eindrücke, 
(lio Durchforschung der Vergangenheit fehlt? Der Versuch, sich 
durch eine Reihe von Männern durclizulieben, um zu einem normalen 
(Orgasmus zu kommen, ist nicht beweisend. Wir finden einen ein- 
schlägigen Fall in „Onanie und Homosexualität" 1 ) ausführlieh analysiorl 
Auch diese Patientin scheint mir eigentlich durch ihr inlantflöe Erlebnis 
in die Homosexualität getrieben worden zu sein. Der Ekel vor dem 
älteren Manne übertrug sich offenbar „unbewußt' auf alle linderen 
Männer, während die homosexuelle Komponente dadurch verstärkt 
wurde. Ihre Sehnsucht geht wahrscheinlich nach der „moralischen fa 

Erledigung". 

Allein es kommen plötzliche Änderungen und Cl.enaschungen bei 
unästhetischen Frauen vor, obwohl sie den Mann nicht wechseln. Dir 
Prognose der Dyspareunie ist nie infaust. 

Man macht häufig die Beobachtung, daß eine untauglich bestehende 
Anästhesie sich nach einer 'Geburt vollkommen verliert und die früher 
kalte Frau dann sehr leidenschaftlich wird. Ein diesbezüglicher Fall 
möge hier referiert werden. 

Fall Nr. 27. Frau J.G., 2. r >,lahro alt, kommt wegen nervöser Öeschwordeö 
in meine Behandlung. Ich erfahre in der Anamnese folgende Daten: Sir 
heiratete vor 5 Jahren einen Mann, den sio schon mehrere .Jahre kannte und 
zu dem sie eine große Zuneigung gefaßt hatte. Nach allen Hindernissen kam 
es zur Verlobung und bald darauf zur Ehe. Sie war vollkommen unaufgeklärt 
und in der Brautnacht nicht wenig erschrocken, als der Mann die lnuni-si" 
penis vollziehen wollte. Sie war so streng erzogen, daß sio außer ihrer El 
/.ieherin, einer alten bigotten Dame, nio eine Freundin halte, welche Bio 
hätte aufklären können. Bedauerlicher Weise — ihre Mutter war längs! 
gestorben — halte auch eino Tante, welche Mutterstelle vertrat, nicht daran 
gedacht, sie auf die Eventualität der Brautnacht aufmerksam zu machen. Dato 
Vorgehen ihres Mannes schien ihr wie eine Roheit und Bio reagierte daraul 
prottpt" mit einem starken Vaginismus, der jeden Beischlaf unmüglich macht.-. 
Sic empfand einen furchtbaren Ekel vor den rauhen Formen der Sexualität 
Da sie aber ihren Mann sehr liebte, versuchte sie immer wieder ihm zu Willen 
ZU sein, was aber in jeglicher Nacht negativ ausfiel. Sie kam schließlich zu 
einem Gynäkologen, welcher dorn Vaginismus erst mit unblutiger Erweiterung 
und schließlich mit einer Operation herzukommen suchte. Auch diese Maß- 
nahmen hatten nicht den gewünschten Erfolg. Daran schloß sich eine Badekur 
in Franzensbad. Bei einem Besuche in Franzensbad beschwor sie ihren Galton. 
er möge ihrer Schmerzen nicht achten. Er versuchte mit Gewalt zu seinem 
Ziele zu gelangen. Schließlich gelang eine halbe Emission und kurz.« Zeit 
datetuf wurde sie gravid. Wie bei allen Frauen, die mit inneren Hemmungen 
kämpfen, verlief auch bei ihr dio Gravidität sehr schwor. Sio litt unter 
häufigem Erbrechen und magerte erschreckend ah.») Die Geburt war sehr 

') Band II, 11. Auflage, S. 219, Fall Nr. 31. 

») Vgl. Band I, S. 89—91 : „tias Erbrechen der Schwangeren." 




D6 Die Geschlechtskältc der Frau. 

schwer und es setzte einen Dammriß ab, bei dem sie operiert wurde. 3 Monate 
darauf versuchte der Mann wieder einen Beischlaf, er gelang vollkommen, vom 
Vaginismus keine Spur, sie hatte häufig Libido und starken Orgasmus, der 
ihr bis heute geblieben ist. Der Ekel ist gänzlich geschwunden. Im ganzen 
war sie seit der Verheiratung bis zum Auftreten des Orgasmusgefühles 2 Jahro 
verheiratet. In diesem Falle war es sicherlich der Einfluß der mütterlichen 
^Gefühle, welche den Umschwung herbeigeführt hatten. Während der Vaginis- 
mus hieß: Ich will kein Weib sein, sozusagen im Dienste des Willens zur 
flacht stand, bedeutet der Eintritt des Orgasmus den Willen zur Unter- 
werfung und hieß: Ich will ein Weib sein. Die Geburt hatte die homosexuellen 
Regungen in ihr ganzlich niedergerungen und der Weiblichkeit zum Siege ver- 
holten. 

Vielleicht ist es hier am Platze, einige Worte über den Eintritt des 

Orgasmus in den Beziehungen zwischen Mann und Weib zu sprechen. 

Während der Mann gleich beim ersten Koitus einen vollen Orgasmus 

erzielt, stellt sich der Orgasmus bei der Frau in den seltensten Fällen 

bei der ersten Kohabitation ein. Ich habe einige hunderte, nicht neuro- 

t-Kche Frauen über diesen Punkt gefragt. Bloß ein geringer Bruchteil 

(etwa 4%) empfand den ersten Koitus als lustbetonten Vorgang. Meist 

wurde über Schmerzen geklagt, viele waren enttäuscht. In einer größeren 

Zahl der Fälle kam es schon in der ersten Woche zu Orgasmus. Über 

■50% gelangen erst nach einigen Wochen zu einem Genuß. Auch nach 

Monaten kann es nach einer Zeit der sexuellen Anästhesie zu plötzlichem 

(oft durch eine besondere Variation der Position ausgelösten) Orgasmus 

kommen. Ein Patient erzählte mir, daß seine Frau erst nach sieben 

Monaten, den ersten Orgasmus fühlend, ausrief: „Gott, ich habe nicht 

gewußt, daß die 'Liebe so etwas Herrliches sein kann!" 

Fall Nr. 28. Frau H. R. ist bereits 4 Jahre verheiratet und hat noch 
keinen Orgasmus empfunden. Eines Tages kommt ihr Mann früher nach Hause 
und sio legen sich vor dem Mittagessen auf die Chaise longe. Sie spielen mit- 
einander und plötzlich vollzieht ihr Mann einen Coitus a posteriori. Sie emp- 
fcndet einen heftigen Orgasmus, so daß sie glaubt, ihr Mann habe ihr etwas 
hineingegeben oder ein besonderes Reizmittel gebraucht. Ihr Mann leugnet 
das und meint, es wäre wie jedesmal gewesen. Der Orgasmus dauert 
drei bis vier Stunden. Es ist ein so intensives Ge- 
fühl, daß sie an nichts anderes denken kann. (Das be- 
stätigt die Angäben von Otto Adler, daß der Orgasmus beim Manne lawinen- 
artig abstürzt, während er beim Weibe langsam abklingt.) Seit damals habe 
sie immer wieder Orgasmus empfunden und jedesmal in solcher Intensität. 
Dieser Verkehr habe in ihr die Leidenschaftlichkeit geweckt. Nach dem Tode 
des Mannes wird sio keusch und zurückhaltend, leidet an Angstzuständen und 
geht nie allein aus. Sio muß ihre Tugend gegen die Gefahren der Straße 
schützen ... 

Wir sehen schon aus diesen Beispielen, daß es keine absolut an- 
ästhetische Frau gibt. Die anästheti6che Frau ist nur die Frau, welche 



Die Psychologie der frigiden Frau. p,- 

die ihr adäquate Form der Befriedigung nicht gefunden hat. Solu häufig 
bezieht eich die Anästhesie nur auf den Koitus und gilt für andere 
Formen des Liebeslebens nicht. In einem solchen Falle hat man nicht 
das Recht, von einer Anaeßthesia sexualis zu sprechen. Man kann 
höchstens von einer Anaesthesia vaginalis sprechen. Jeder erfahrene 
Frauenkenner wird über solche Fälle aus seinem Leben berichten können. 
Hier streift die Anästhesie das Gebiet der Sexualpathologie. Hier ver- 
bergen sich hinter dem Probleme der Dyspareunie die wichtigsten 
Probleme des Geschlechtslebens. 

Die einfachsten Formen sind wohl die. bei denen einzelne emgene 
Zonen die Rolle des „sexuellen Primats!' übernommen haben. (Freud. ) 
„Die leitende erogene Zone ist beim Weibe an der Klitoris 1 ) gelegen." 
Von der Klitoris und den anderen erogenen Zonen muß sich die Libido 
dann auf die eigentliche Genitalzone, den Scheideneingang und die 
Portio verlegen lassen. Bei Onanistinnen kommt diese Übertragung 
nicht mehr zustande und die Erregung ist dauernd an die Klitoris 
fixiert. Aber nicht nur an die Klitoris allein. Es wäre eine sehr ein- 
seitige Darstellung, wollten wir nur die Klitoris berücksichtigen und 
die anderen erogenen Zonen vernachlässigen. Freud sagt : 

„Die orogeno Eigenschaft kann einzelnen Körperstellen in ausge- 
zeichneter Weise anhaften. Es gibt prädestinierte erogene Zonen, wie das 
Beispiel des Ludeins zeigt. Dasselbe Beispiel lehrt aber auch, daß jede 
beliebige andere Haut- oder Schleimhautstelle die Dienste einer erogenen 
Zone auf sich nehmen kann, also eine gewisse Eignung dazu mitbringen 
muß. Die Qualität des Reizc6 hat also mit der Erzeugung der Lust- 
empfindung mehr zu tun als die Beschaffenheit der Körperstelle. Das 
hidelndo Kind sucht an seinem Körper herum und wählt sich irgend eine 
. Stelle zum Wonnesaugen aue, die ihm dann durch Gewöhnung die Levor- 



') Bei Bernhard Stern: „Medizin, Aberglaube und Geschlechtsleben in der Türkei" 

(H. Barsdorf, Berlin 1903), Bd. 2, S. 195 f. heißt ob von den Dri'w.n: ..Omtr Ilakfai 

empfahl ein zartes Vorgehen beim Koitus: „ . . . . Wenn ihre (der Frau) N'.itur eine 

kalte ist, wenn ihr sehet, daß ihre Aufregung mit der eueren nicht übercin-timmt, so 

legt euere Hand auf ihre Klitoris, und wenn es unbedingt nötig ist, so erregt sie rlafi 

leicht oder energisch, nber ohno bis zur Onanie zu gthen"; „wenn alles bereit i>-( für 

das Kindringen", wenn die Frau auf solche Weise erregt wurde und „durch sclmilhre 

Atemzüge und leise Ausrufe" zeigt, daß sio sich in der Lage befindet, um mit Vorteil 

den „S'amenliqmur" zu empfangen, dann — sagt Omer Hnlthxi — „lege sieh dir M um 

auf sio . . ." „Ebenso hoißt es bei Ovid: Im Bette sollen die Liebenden ihre 1 linde 

nicht unbeweglich halten; ihre Finger sollen sich üben in dem mystischen Asyle, wohin 

die Liebe geheim cinzudringm liebt. Wenn ihr diese Gegenden gefunden habt, die 

eine Frau gern berührt fühlt, 60 soll euch törichte Scham nicht hindern, euere Hand 

dort verweilen zu lassen. Ihr werdet in den Augen der Geliebten eine bewegte ILllig- 

keit aufblitzen sehen, eine Helligkeit, wie jeno, wenn sich die Strahlt n der Sonne in 

den Wasserwellen erfrischen. Sio wird angenehme Worte reden. Liebcsseur/.or, Äeh/. n 

und zartes Girren ausstoßen." 

Siekal. Störungen du Trieb unil ÄffaktUtaa«. III. 1. Aiifl 

7 



98 Die GeBCblocbtekälte der Frau. 

zugte wird; wenn es zufällig dabei auf eine der prädestinierten Stellen 
. stößt (Brustwarze, Genitalien), so verbleibt freilich dieser der Vorzug. 
Die ganze analoge Verschiebbarkeit kehrt dann in der Symptomatologie 
der Hysterie wieder. Bei dieser Neurose betrifft die Verdrängung die 
eigentlichen Genitalzonen am allermeisten, und diese geben ihre Reiz- 
barkeit an die übrigen, sonst im reifen Leben zurückgesetzten, erogenen 
Zonen ab, die sich dann ganz wie Genitalien gebärden. Aber außerdem 
kann ganz wie beim Ludein jedo beliebige andere Körperstelle mit der 
Erregbarkeit der Genitalien ausgestattet und zur erogenen Zone erhoben 
werden. Brdgene und hysterogene Zonen zeigen die nämlichen Charak- 
tere." (Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, S. 39.) 

Freud ist zum Teile ähnlicher Ansicht wie Adler und schreibt auch 
der Gewohnheit, eine große Rolle zu. Wie dem auch sei, die Bedeutung 
der erogenen Zonen, die Bedeutung der Positionen, der psychischen Mo 
mente wird von der Mehrzahl der Ärzte bei der Behandlung dieses 
Leidens nicht gewürdigt, Nicht ohne Grund sehnen sich kalte Frauen 
nach einem Liebeskünstler. Mir ist mancher Fall bekannt, in dem eine 
raffinierte Ars amandi über die Frigidität der Frau gesiegt hat. Die 
Technik der Liebe wäre ein Kapitel für sich.. 

Die Heilung der Dyspareunie ist eine Entdeckungsreise ins Reich 
der erogenen Zonen. 

Sehr treffend sagt Havelock Ellis über die anästhetische Frau: . 

„Die Tatsache, daß ein Weib bei einem, ja daß sie bei mehreren 
Männern nacheinander kühl geblieben ist, beweist keineswegs, daß sio 
nicht imstande wäre, stark sexuell zu fühlen; es beweist nur, daß diese 
Männer nicht imstande gewesen sind, dieses geschlechtliche Gefühl zu 
erwecken. Der Bostoner Gynäkologe Engelmann hat mir zwei Fälle 
mitgeteilt, wo zwei junge anziehende Frauen absolut kalt gegen ihre 
Männer waren und nicht einmal an die Möglichkeit des Geschleehtsgenusses 
überhaupt glaubten; und doch haben beide Frauen im Verkehr mit 
anderen Männern glühendo Leidenschaft entwickelt, die vielleicht um so 
heftiger war, weil sie so spät kam. In diesen Fällen braucht man nicht 
Me Otto Adler eine krankhafte Hemmung oder „einen Fremdkörper 
im Bewußtsein" anzunehmen, die beiseite geschoben weiden müßten. 
Es handelt sich vielmehr um die durch die ganze Natur gehende Tatsache, 
daß das Weibchen viel Werbung braucht .und gern die Wahl zwischen 
verschiedenen Freiern hat. Beim Menschen ist diese Tatsache oft ver- 
deckt oder pervertiert. Frauen können nicht immer den Freier wählen, 
den sie bevorzugen, ja sie können nicht einmal ermitteln, ob der ihnen 
zusagende Freier auch in geschlechtlicher Hinsicht zu ihnen paßt; ferner 
sind sie oft dem ganzen Geschlechtsleben gegenüber völlig unwissend 
und den Vorurteilen und den Konventionen unterworfen, unter denen sie ., 
erzogen worden sind. Auf der einen Seite treibt sie alles in eine un- 
natürliche Prüderie und Strenge, auf der anderen Seite zeigt sich ihnen 
in der Welt eine ebenso unnatürliche Leichtfertigkeit, ja Promiskuität. 
, . So kommen denn Männer, die gefunden haben, daß viele Frauen nicht so 
leichtfertig sind, wie sie selbst, und auch nicht so leichtfertig, Avie sie 



Die Psychologie der frigid«*» Frau. og 

zahlreiche andere Frauen gefunden haben; voreilig zu dem Schlüsse, es 
gäbe beim Weibe eine Tendenz zur Frigidität. Will man genau ver- 
fall ren, so ist es sehr schwer, festzustellen, ob ein Weib absolut ohtfe 
sexuelle Wünsche ist. Es kann bei ihr gewiß eine bewußto Aufgolegthei! 
zu eigentlichem Koitus fehlen; aber das Weib ist in großer Ausdehnung 
ein sexueller Organismus, der Geschlechtstrieb kann ganz unbewußt sein, 
und deshalb kann es sehr schwer werden, zu behaupten, ein Weib hfitle 
nie Spuren von Geschlechtstrieb gezeigt. Alles, was wir in einigen Fällen 
mit einiger Sicherheit sagen können, ist, daß sie keine geschlechtliche 
Befriedigung zum Ausdruck gebracht hat, aber wir können in einem 
solchen Fall durchaus nicht sagen, daß sie nie Befriedigung linden wird, 
und noch weniger, daß sio dazu organisch außerstande ist." 

„Wenn wir die Frage nach dem Fehlen des Geschlechtstriebes er- 
. örtem,'" schreibt ein wohlunterrichteter medizinischer Korrespondent, ,;ao 
, müssen wir den Behauptungen über sein Felden großes Mißtrauen' ent- 
gegenbringen, denn viele Frauen scheuen sich, sein Vorhandensein zuzu- 
geben, weil sio fürchten, deshalb zu einer tieferen .unreinen' Kategorie 
gerechnet zu werden. Ich bin auch überzeugt, daß der Zudrang der weib- 
lichen Studenten an die Universitäten J ) im Grunde auf das sexuelle Leben 
zurückzuführen ist, das die Frauen ruhelos macht. Auch, die unerhörte 
Prüderie, die die Frauen manchmal bei gemeinsamem önterrichl an den 
Tag legen, ist auf diese Ursache zurückzuführen." (Havelock Ellis: 
G eschlechtsgef tihl . ) 

Auch Moll (Die konträre Sexualempfindimg) führt eine Reihe von 

Fällen an, in denen sich die Anästhesie nur fakultativ erweist, Das heißt , 
es tritt der Orgasmus nur ein, wenn die- adäquate Form der Sexual 
Befriedigung ausgeführt wird. Wir wollen- aus seiner Kasuistik einige 
charakteristische Fälle anführen: 



Fall Nr. 29. Die 26jährige kluge und fcingebildele Frau X besitzt aus- 
gesprochenen hysterischen Charakter. Trotzdem sio verheiratet und Mutter 
eines Kindes ist, hat sie niemals Verlangen nach dem Koitus, sondern Abscheu 
vor ihm. Den Geschlechtsakt duldet Patientin von ihrem Gatten nur. da 
er diesem Vergnügen bereitet und sieht es lieber, daß er Puellas aufsucht. 
venu — und darauf legt sie großen Wort — er sie nur weiter liebe. Denn 
Koitus und Liebe trennt Patientin streng, sio liebt ihren Mann sehr, jedoch 
hat sio vielleicht bei passender Gelegenheit schon selbst einem anderen ihre 
Liebe geschenkt. Beim Küssen ihres Mannes empfindet sie entschieden Genuß 
und doch leuchtet es ihr nicht ein, daß die Genitalien etwas mit der Liebe zu 
tun haben. Der höchste "Genuß würde für sie sein, den Gatten zu beißen 
und von ihm gebissen zu werden. 

Fall Nr. 30. Die 23jährige launenhafte Frau X glaubt, den Gedanken, 
daß sie einen Mann schlagen oder sonst quälen müsse, bis ins 14. Jahr zurück- 
verfolgen zu können. Bis dato hat sio aber ihre Gedanken kaum je ins Prak- 
tische übersetzen können, auch in der Ehe hat sie nur schwache Ansätze dazu 

') Sehr treffend sagt Nietzsche: Wenn ein Weib gelehrte Neigungen hat, bo iel 
gewöhnlich etwas von ihrer CWhlechtlie.hkcit nicht in Ordnung. Schon die ünfrucht 
barkeit disponiert zu einer gewisson Männlichkeit des Gc6chmack|}6. 

7* 



100 



Die SescblechtekUte der Frau. 



gemacht, indem sie den Gatten biß, bis Blut kam. Sie bedauert das sehr 
und unterließ es aus Schamgefühl und durch die modernen sozialen Ein- 
schränkungen behindert. Sie würde aber ein geeignetes Objekt in besonderer 
Toilette empfangen, z.B. hohe, statt der gewohnten breiten Absätze tragen. 
Der Koitus, den sie öfter mit ihrem Mann ausgeführt, ist ihr ein fast ekelhafter 
Akt und befriedigt sie nicht. Nur einige Male, nach Genuß von Alkohol, kam 
es zu einer stärkeren Empfindung in den Genitalien. Ihrer sadistischen Neigung 
wegen würde sie sich niemals einer ärztlichen Behandlung unterziehen, da 
ihr die Phantasiegebilde viel zu lieb geworden sind. 

Fall Nr. 31. Das 29jährige Fräulein X wurde mit 9 Jahren schon einmal 
von einer Freundin lingua lamabatur. Damals war ihr der Gedanke schon 
unsympathisch, daß der Mann dazu dienen sollte, den Kitzel in den Genitalien 
zu 'befriedigen. Vom 17. bis 19. Jahre hatte sie ein Verhältnis mit einem 
Mann, der sio überhaupt nicht anrühren durfte, höchstens nur, wenn sie ihm 
gelegentlich mal die Hand reichte. Später ließ sie sich mehrere Male koitieren 
aus dem unbestimmten Drango heraus, ob denn der Koitus wirklich so schön 
sei, wie andere Mädchen den Akt schilderten. Liebe hat Patientin niemals zu 
einem Manne empfunden. Libido wurde nur beim Verkehr mit dein Weibe 
empfunden 1 . Der Akt als solcher war der Patientin mit einem Manne direkt 
widerlich und verlief ohne jede Libido. Nur einmal kam es zu einem Flussig- 
keitserguß, doch war sie nach ihrer Schilderung damals sehr sexuell empfind- 
lieh, so daß der geringste Reiz den Erguß auslöste. Wirkliche Wollust hat 
sio nie gehabt. In dem Verhältnis mit der Freundin, in dem Patientin Mutter- 
relle spielt, hat sie bei aktiver Betätigung nur gelegentlich oder gar kerne Be- 
friedigung. 

Fall Nr. 32. Mit 9 Jahren. hat dio geschiedene 31jährige Frau X in der 
Pension vielfach inutuelle Masturbation getrieben und mit einer Freundin 
5 Jahre hindurch ein Verhältnis unterhalten. Später legte die Freundin 
nur ihren Kopf inter femora alterius. Im Alter von 9-10 Jahren wurde 
der Koitus mit Jungen nachgeahmt. Dann sah sie gelegentlich im Chaussee- 
Kraben den Vollzug eines Koitus zwischen Mann und Weib. Mit 19 Jahren 
verlobte l'Mt'entin sich und masturbierte weiter mit dem Gedanken bald an die 
Freundin, bald au den Verlobten. Diesem war sie sehr zugetan doch schloß 
sio nach Trennung von ihm bald eine neue Mädchenbekanntechart, zu welcher 
Familie sio zog und hier im gemeinsamen Schlafzimmer mit der Freundin 
inulurll masturbierte. Nach längerer Zeit heiratete sie und empfand, trotz- 
dem sio ihren Gatten gut leiden konnte, beim Koitus nur Ekel und nicht Be- 
friedigung. Jetzt pflegt sie den Kunnilingus mit einer Freundin, bei dem sie 
nur bei hochgradiger sexueller Erregung aktiv sein kann und fühlt, sich in 
dieser Situation ganz wohl. Patientin hat eine auffallend tiefe Stimme, ist 
gutmütig, aber sehr heftig und hat große Sehnsucht nach einem Kinde. 

Fall Nr 33 Frau X, 31 Jahre, auffallend korpulent, ist geschieden. Die 
ersten sexuellen Akte nahm sie mit Hunden vor, von denen sie sich minuten- 
lang dio Genitalien lambere ließ. Mit 9— 10 Jahren kam es beim Baden mit 
einer Freundin zu geschlechtlichen Akten, später zu Kunnilingus ohne jeden 
F.M l'i.-e Jugendfreundin lebt Jetzt noch mit ihr zusammen. Eine Lösung 
dieses Bündnisses trat durch eine Geldheirat mit 17 Jahren vorübergehend ein. 
Der Ehe entsprossen bei unbefriedigtem Koitus 3 Kinder. Patientin glaubt, 
obwohl sio es nio versucht, von einem anderen Manne mehr befriedigt zu 
werden und dies sogar ohne besondere Neigung durch Kunnilingus, da nach 









Die Psychologie der frigiden Frau. 10| 

ihrer Meinung beim Akt die Klitoris nicht genügend berührt wird. KV sei eine 
Befriedigung nur möglich, wenn der Koitus so eingerichtel würde, daß Mem* 

brum an Klitoris gedrückt würde. Nach Scheidung, Tod der Kinder, orfolgl 
Vorzug in eine audero Stadt und Befriedigung mit anderer Freundin durch 
gegenseitigen rlunnilingus. Patientin verhält sich dabei lieber passiv und 
müßte ein Mädchen schon sehr Hoben, wenn Bio aktiv werden sollte. Nach 
4jähriger Dauer dieses Verhältnisses kehrt Patientin wieder in die Heimat 

zurück und netzt die- Jugend!' reundschafl fori, sie halt es für wahrsch ein l i ch, 
daß sie. auch heute noch durch Kuunilingus von selten eines Mannes befriedigt 
würde. Sie bevorzugt Jetzt weibliche schöne Figur mit groben Brüsten, tn 
früherer Zeit hat sio zwar Handarbeiten, jedoch nur gezwungen angefertigt. 
Als Kind Hebte sie weder Mädchen- noch Knabenspiele, da ihr sexuelles Leben 
in der Kindheit schon so stark war, daß alles dadurch zuxückgodrängl wurde 

Patientin pfeift auffallend gut und trinkt durchschnittlich 10 litos Hier 
pro Tag. 

Fall Nr. 34. Fräulein X, 26 Jahre alt, nahm mit 5 Jahren sexuelle Hand- 
lungen mit kleinen Knaben vor und hatte mit solchem geraden ein Verhältnis, 
dessen sexuelle Betätigung in niutuellcm Kuunilingus bestand. Mit l> DU 
7 Jahren pflegte sie intimen Verkehr mit kleinen Mädchen, mit mehreren i >n 

ihnen l'ührte sie den Kunnilingus ans. \ od ii er an schwand die höh 
Neigung. Mit 10—11 Jahren hatte sie währen. 1 9 Monaten ein festes V '■•rhäHnis 
mit einem 8jährigen Miidchen. Mit 12 Jahren nahm sie auf Veranlassung det 
Erzieherin bei dieser den Kunnilingus vor. Bei du - im Verkehr wurde I' atientin 

/.um erstenmal geschlechtlich befriedigt, er währte ein Jahr lang. Mit 
17 Jahren trat Patientin in Beziehungen zu einem Mädchen, mit der sie sehi 
häufig stets aktiv den Kunnilingus vollzog, beide fühlten sich befriedigt, lau 
neues Verhältnis dauerte 7 Jahre hindurch, seil l / a Jahr unterhielt sie wii 

ein neues Verhältnis, dabei Ist der X das Liebste, wenn sie Lingua lambit ©t 
lambilur. Auch anum feminariim amataruin lamhehal, urinain feminae delictae 
in os proprium immittere iussit. Vor einer Itciho von Jahren faeces amirac 
in os proprium sunt Iniertae; großen Boia gewähri os, wonn is Banguin 
menstruationis amatae lambit et devorat. JedooS sind Patientin die Hand 

iungen nur möglich bei längerer Bekannte« hall und vollständigem • 

seitigen Vertrauen. Auch durch Schlagen mit einer Rute (nur hiunit) wird 
dio X sexuell erregt. Die Schläge müssen dabei unbedingt von einem Wl 
herrühren, wenn sie sexuell erregen sollen. His zum Organum isl I - auf di< 
Wogo noch nicht gekommen, doch nur, weil Patientin es oichl sollte, sobald 
sio ihn heranziehen verspürte, bat sie die Freundin um Einsteilung der Schläge, 
weil sio dio Befriedigung selbst lieber durch Kunnilingus zu erzielen wünschte. 
Hei Schlägen hat Patientin angeblich keine Phante tellungan, die 

schlagcndo Freundin darf nichl allzu klein und Boll möglich I n.ieki -ein, da 
tue Schlüge sonst keinerlei Heiz ausüben. Sie liebt es ferner, beim K . 
Sich beißen zu lassen, am liebsten ins Ohrläppchen. Jemals wahre Zuneigung 
zu einem Manne gehabt zu haben, kann die X sich nicht erinnern. Sie wurde 
einmal nach einem längeren Weingelage zum Koitus verleitet, der ihr jedoch 
keinerlei Vergnügen bereitete. Um zu versuchen, ob nicht doch eine Zunei 
zum Mann möglich sei, ließ sie sich von einem anderen Heim mehrmals 
koitieren, doch ohne eine Spur von Erregung. Als dieser auf iluv Veranlassung 
den Kunnilingus ausführte, wurde sie erregt und befriedigt, dabei i^t jedoch 
unbedingt dio Phantasie notwendig, daß der den Kunnilingus machende Mann 



1(12 l>i<- Gcschlcchtslcfil«© der Fnui. 

«■in Weil) sei. Die anderen Handlungen mit Männern vorzunehmen) wäre ihr 
in höchstem Grade widerlich. Patientin trägt schon von Kindheit auf kurze« 
Haar und war damals mit Vorliebe in einer Brauerei tätig, die Brüste sind 
auffallend schwach entwickelt. Sie raucht viel, trinkt sehr viel Bier und 
ißt in ihren Neigungen vollkommen glücklich. 

Fall Nr. 85. Die X, 39 Jahre, wurde im Alter von 15 Jahren durch 
einen Mann defloriert, den sie nie wieder gesehen; er und die Defloration 

haben nur unangenehmo Eindrücke zurückgelassen. Der später mit einem 
jungen "Mann geübte Koitus gewährte vollen Genuß. Nachdem sie inzwischen 

mehrere Herrenbekanntschaftcn gemacht, lernte sie mit 18 Jahren ein Weib 

kennen, das sich ihr vertraulich näherte und an den Brüsten betastete. Dieses 
erregte ihr sofort großes Wohlgefallen, kurze Zeit darauf fand Kunnilingu« 

statt Von jetzt ab fand die X nie mehr Befriedigung durch den Verkehr 
mit dem Mann, sondern lediglich nur noch durch homosexuellen Akt. Seit 
8 Jahren lebt sie mit ihrer Freundin zusammen und sie befriedigen sich 
gegenseitig. 

Fall Nr. ,36. Das jetzt 23jährige Fräulein X hat mit 15 Jahren den 
Zipfel ihres Kopfkissens in vaginam inmittebat, wobei sie (angeblich) damals 
noch viel zu dumm war sich ein Membrum vorzustellen, obwohl sie von anderem 
Mädchen davon schwärmen hörte, wie nett es doch sein müsse, einen Bräutigam 
zu haben. Zum ersten Mal koitierte sie mit 17 Jahren und küßte und koitieriu 
sie sodann- mit. ihrem Verlobten gern und mit Genuß. Trennung erfolgt" 
»regen Streitigkeiten. Im 20. Jahro trat Neigung zum eigenen Geschlecht auf 
und Bio befriedigte sich daher mit Freundinnen, wobei fennes amicac appressum 
0.81 ad genltalia X, quaftdohaec cunnilingnm facit. Zum Mann verspürt, sie 
gar keino Neigung mehr, glaubt auch nicht, von ihm durch Kunnilingus be- 
friedigt werden zu können, wäre auch gar nicht dazu imstande. Als Kind zog 
sie Knabenspielo vor und hatte besonders gern dio Rolle des Schutzmannes 
inne, der arretierte. Jedoch verschmähte sie auch Puppen und Handarbeiten 
nicht, für dio sie sich heute noch interessiert. Die X ist sehr heftig. Beim 
Zanken kribbelt cs ihr in allen Fingern. Raucht viel, am liebsten Zigarren. 
geht gern in Männerkleidung. Manchmal 6teigt der Wunsch auf, ein Man» 
geworden zu sein, dann würde sie alle Weiber zum Narren gehalten, ange- 
führt und betrogen haben. Ihre Stimme ist auffallend tief. 

Dio Anästhesie aller dieser Frauen ist ja nur eine scheinbare. Es 
gibt in Wirklichkeit keine kalte Frau. Viel ist ja auch 
an der Anästhesie die Unerfahrenhcit und Ungeschicklichkeit der Männer 
schuld. Wenn wir uns einmal die Mühe nehmen, das indische Buch der 
l.iebeskunst, das zum Teile in einer lateinischen Übereetzung vorliegt, zu 
durchblättern, so staunen wir über die Fülle von Variationen und Mannig- 
faltigkeiten, die der Inder anwendet, um die Frau zu erregen. Auch bei 
den Naturvölkern ist die Erregung der Frau ein wichtiges Prinzip. 
Diverse Reizmittel stehen da in Gebrauch. An der Erregung der Frau 
entziindel -ich wieder der Mann. In unserer Zeit ist die ars amandi im 
Niedergang begriffen. Die seelische Komponente der Liebe, auf die wir 
noch zu sprechen kommen werden, wird immer reicher ausgestaltet, und 
die physische oft nur als lästige unentbehrliche Begleiterscheinung mit- 



Die Psychologie der frigiden Frau, infe 

genommen. Don höchsten Grad dieser Erscheinung bemerken wir in 

Amerika, wo der Mann so mit dem Geldverdiener, beschäftigt ist, daß die 
' Liebe eine Nebensache ist. In Amerika- ist, wie ich mündlichen Mit 
teilungen von Kollegen entnommen habe, die Anästhesie der Frau Stil 
weitverbreitetes Übel. Man kennt auch die doppelte Moral der neuen 
Welt. Eine übertrichene Keuschheit nach außen und unter der Derke 
ein Austoben aller Leidenschaften in Formen, die wir gar nicht he- 
greifen können (Negerkultus, Chinesenliebe usw.). 

Doch zurück zu unserem Thema. Es gjbi Männer, die Im utal stumpf 
und egoistisch, sich gar nicht die Mühe nehmen, ihre Krau /.u studieren 
und die wichtige Entdeckungsreise nach den erogenen Zonen und dm 
speziellen Wünschen der Frauen anzutreten. So haben wir in einem Falle 
gehört, daß die Frau in Erregung kam, als sio hinter ihm Mann eine 
Zeitlang liegen konnte. Das ist offenbar ihre spezifische Licliesbedmgung. 
Mit Hilfe der Erfüllung dieser Licbesbodingung ist hei ihm sonst an- 
ästhetischen Wesen ein voller Orgasmus zu erzielen. Ich will mm einige 
Beispiele aus meiner Erfahrung mitteilen, die natürlich nur einen geringen 
Bruchteil aller Möglichkeiten enthalten . 

Als Gegensalz zu diesem Falle sei der nächste hier angeführt: 

Fall Nr. 37. Frau N.M., eine cngelschöno Frau mit einem «reichen Ihr 
donneiigesicht, 28 Jahre all, .Mutter zweier Kinder, konsultiert midi wegen 
eines sonderbaren Konlliktes. Ihr Mann mußte, um den Kinde, ogen lu vei 
hüten, Coitus mterrüptuä ausführen. Als <>r härte, dafl -li.se Proiedor das 
Mann und die Frau nervös mache, wollte er ein Condom benUtsen, N kam 
al.er nie au einer Erektion. (Eine Erscheinung, die viele Männer beHchta 
In dem Momente, in dem das Kondom angelegt wird, verschwindet die Erek- 
tion.) In diesem Falle war sogar das Anziehen unmöglich, weil die Erektion 
sofort, verschwand, ehe noch die Hülle angelegt Werden tonnte. I >< r Mann 
verlangte nun von der Frau einen analen Vorkehr, wie er beispielsweise in 
Italien sehr verbreitet ist. (Die Frauen altern sehr rasch, und der Mann wählt 
den letzteren Weg, weil er weniger gefährlich in beiUg auf Kindertagen tjuri — 
für manche genußreicher ist. „Cazzn in cnlo »- nun face faiteiullo — gagl 
ein italienisches Sprichwort. Überdies ist diese Art. des Verkehres oine durch- 
sichtige Maske der Homosexualität.) Die Frau weigerte sich, worüber der 
Mann wütend wurde. Er drohte sogar mit Scheidung und «'eu.iltm, .Hierein 
ließ sich einmal hinreißen, die Frau zu BChlagSQ- Die Frau gestand daß Sic 
heim Koitus nio etwas gefühlt lmhe. In der Hraut/eit habe sie boim Küssen 
einen heftigen Orgasmus empfunden. Sio glaubte, das werd. nch lieim ehe- 
lichen Verkehre steigern. Das war nicht der Fall. Sie ampfindel den Koi 
als eino schmutzige Sache. Er sei unappetitlich, ekelhaft und Bberflüasig Wi 
die Spannungen mit ihrem Manne begannen, hörte sie auf Lei Beinen 
•zu empfinden. Sie lernte einen jungen, idealen Dichter kennen, der <j,.' 
schmachtete und ihr die „schönsten" Gedichte widmet«.. Sie begonnen 
zu küssen. Sio liiitto ihn tot küssen können. Sie hatte öftere während *n 
Kusses mehrere Male den Orgasmus. Don Vorkehr verweigerte sie als ,m'i . "-rT 
lieh und öhtweihpnd, für die große Liehe erniedrigend. Der Dichter mnßti i h 

\ 



104 Die Gcschlochtskälte der Frau. 

ihren Wünschen fügen und sie besorgte die Ejakulation mit der Hand. Dies 
Verhältnis dauerte mehrere Jahre und befriedigt« sie vollkommen. Sie kam 
zu mir, um zu fragen, ob die Verweigerung des analen Koitus ein Scheidungs- 
grund wäre. Denn obwohl sie ihren Mann nicht liebte, wollte sie sich doch 
wegen der beiden Kinder und aus materiellen Gründen nicht scheiden lassen. 
Sio war sonst am ganzen Körper, selbst an der Klitoris unempfindlich. Damit 
der Kuß zum Orgasmus führen sollte, mußte sio seelisch lieben. Deshalb war 
der Dichter ihr unerreichtes Ideal. Sio lebte schließlich neben ihrem Manne, 
der sich seine Befriedigung außer dem Hause suchte. 

Als Gegensatz zu diesem Falle sei der nächste hier angeführt: 
Fall Nr. 38. Frau I. K. ist in den ersten Jahren ihrer Ehe nur sehr 
schwach potent Das heißt, es kommt bei ihr zu keinem rechten Orgasmus, 
nur zu einer Art Vorlust, die aber nie ein Gefühl des Sattseins, der Befriedi- 
gung auslöst. Orgasmus erzielt sie durch anale Onanie. Sie benützt dazu den 
Finger und glaubt, daß diese Form der Befriedigung bis auf die Kindheit 
zurückgeht. Sie wirft selbst die Frage auf, ob die häufigen Klysmen, welche 
ihre Mutter anwandte, nicht die Ursache dieser Anomalie sein könnten. Sie 
hat das größte Vergnügen, wenn der Mann sie a posteriori koiüert. Einmal 
war es Zufall oder von ihr durch entsprechende Bewegungen unbewußt 
herbeigeführt? — kam der Mann dazu, den Kongressus in anum zu vollziehen. 
Sio rcagierto mit einem so heftigen Orgasmus, daß der Mann, der bisher über 
seine kalte Frau gespöttelt hatte, ganz erstaunt und freudig überrascht war. 
Seit damals wird nur der anale Koitus vollzogen und beide Teile behaupten, 
dabei besser auf ihre Rechnung zu kommen. 

Ober den Anus als „erogene Zone'' sagt Freud: 

„Die Afterzone ist ähnlich wie die Lippenzone durch ihre Luge 
geeignet, eine Anlehnung der Sexualität an andere Körperfunktionen zu 
vermitteln. Man muß sich die erogene Bedeutung dieser Körperstelle als 
ursprünglich sehr groß vorstellen. Durch die Psychoanalyse erfahrt 
man dann nicht ohne Verwunderung, welche Umwandlungen mit den von 
hier ausgehenden sexuellen Erregungen normalerweise vorgenommen 
werden, und wio 'häufig der Zone noch ein beträchtliches Stück genitaler 
Reizbarkeit fürs Leben verbleibt. Die so häufigen Darmkatarrhe der 
Kinderjahre sorgen dafür, daß es der Zone an intensiven Erregungen nicht 
fehle. Darmkatarrho im zartesten Alter machen „nervös", wie man sich 
ausdrückt; bei späterer neurotischer Erkrankung nehmen sie einen be- 
stimmenden Einfluß auf den symptomatischen Ausdruck der Neurose, 
welcher sie die ganze Summe von Darmstörungen zur Verfügung stellen. 
Mit Hinblick auf die wenigstens in Umwandlung erhalten gebliebene 
erogono Bedeutung der Darmausgangszone darf man auch die hämor- 
rhoidalen Einflüsse nicht verlachen, denen die ältere Medizin für die Er- 
klärung neurotischer Zustände soviel Gewicht beigelegt hat." 

„Kinder, welche die erogene Reizbarkeit der Afterzone ausnützon, 
verraten sich dadurch, daß sie die Stuhlmassen zurückhalten, bi6 die- 
selben durch ihre Anhäufung heftige Muskelkontraktionen anregen und 
beim Durchgang durch den After einen starken Reiz auf die Schleimhaut 
ausüben können. Dabei muß wohl neben der schmerzhaften die Wollust- 
ompfindung zustande kommen. Es ist eines der besten Vorzeichen späterer 
Absonderlichkeit oder Nervosität, wenn ein Säugling sich hartnäckig 




l>ic Psychologie der frigiden l'ian ]!);'> 

weigert, den Darm zu entleeren, wenn er auf den Topf gesettt wird, also 
wenn es dem Pllegcr beliebt, sondern dies© Funktion seinem eigenen B« 
Heben vorbehält. Es kommt ihm natürlich nicht darauf an, sein La 
schmutzig zu machen; er sorgt nur, daß ihm der LostoebengewiBJ) bei 
ddr Defäkation nicht entgehe. Die Erzieher ahnen wiederum das Riebt 
wenn sie .solche Kinder, dio sich ihre Vorrichtungen ,nuf|iel>en\ schlimm 
nennen." 

Eigentlich hätte .jeder Mann, der das Unglück hat. eine an.'isthe- 
tisciie Frau zu finden, die Pflicht, die oft erwähnte Entdecknn 
ins Gebiet der exogenen Zonen anzutreten, bis er auf die Stollen oder die 
Art des Verkehrs kommt, die bei der Frau die Libido erregt und <\m 
Orgasmus auslöst. 1 ) Es ist dios nämlich zweierlei und diese Können sind 
streng zu scheiden. Die schweren Formen sind eigentlich die, bei denen 
ein brennendes Verlangen besieht und es trotzdem nicht zum Orgasmus 
kommt. Sie verzehren sich in Sehnsucht nach Liebe, sie suchen ewig die 
Liebe und linden die Befriedigung nicht. Wir werden von soleheu Lallen 
bald sprechen. Der Fall Nr. 17 (Orgasmus bei dem Kusse der Lehrerin) 
zoigt uns eine solche Liebc3sucherin. Andere Fälle und diese sind die 
leichteren — , die suchen und begehren scheinbar nicht. Denn in Wahr 
heit sucht jedermann sein Leben lang immer wieder Liebe und Hofriedi 
gung, ist immer auf der Jagd nach der Lust, Aber es gibt Frau n. die 
gar nichts fühlen — und wenn man ihren Aussagen trauen darf auch 
gar nichts verlangen. Plötzlich kommt es bei ihnen zu einem Orga Htm 
Oder sie verlieben sich mit einer Leidenschaft, dio sie alles \ , 
läßt und alle ethischen Hemmungen niederreißt. 

Fall Nr. 39. Frau W. N. ist seit 7 Jahren verheiratet und relativ an- 
ästlietisch. Sio war in der Vorlobungszeit sehr oft heftig erotisch geroisf üro- 



') Dali die moderne Kultur . in dor nrs amundi viel VOB dtt Alten und !x>- 
sonders von den ludern lornon könnte, beweint die Lektüre der nun bekannten Wi 
vorminkenor Lioboskunst. So findet sich bi'i Kalt/anamalla : Anangaranga, V.n Saiukrit- 
lehrbuch der Liebe (16. Jahrhundert) (unter Ausschluß der OBenUfdÜMtf dir »iie-u 11 
Kreis von Subskribenten herausgegeben von Dr. med. (iastnn Vorbrrg) S. .V| eine «.dir 
bezeichnende Stelle, welche fundamentale W.-ihrheii. <n enili.lt. ,.'/.» f..lc. nden zwölf 
Zeiten ersehnt die Frau am meisten den Heisehlaf und ist am leichtesten zu befriedigen i 
L Wenn sie Vom (Jehen ennüdot oder von einer Leibestlbung erschöpft ist; J „,,,-!, \ , nK „ r 
Entbehrung des ehelichen lleischlafs. . .; 3. einen Monat na. h der Ni. 
4. während dor ersten Monate dor Schwangerschaft; 5. w e n n s i e traurig, in a l t 
und schläfrig ist; 6. nach cinom üborstandenon PMbftnafSÜ; 7. wenn sie f ril i, 
gestimmt oder schämig ist; 8, wenn sie außergewöhnlich freudig orregl und üb 
ist; 9. u n m i 1 1 o 1 b a r v o r und nach dor Menstruation; 10. ( |j„ ^ 
Mädchen nach der ersten Begattung; IL während der glOSfta K r u h | , „, 
zeit; 12. wenn ob blitzt, donnert und regnet, dann ist r« fü r ,j 0I> y, 
loieht, sich das Woib gefügig zu machen." Eine ähnliche Ueoba.htung i„ \juna ^i 
dio Wirkung des Gewitters auf die Sexualität der Krauen find. 1 .,,,■], )„, | Ir i 
boi Casanova. 



106 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



armungcn und kloine Zärtlichkeiten, besonders Streicheln und .Schmeicheln 
tun ihr sehr wohl. Beim Koitus ist sie vollkommen unempfindlich; Der Mann, 
offenbar eine psychopathische Minderwertigkeit, war vom Beginne seiner Ehe 
sehr spärlich mit seinen Liebkosungen. Sie hat drei Kinder, welche sie den 
in Pausen von einem Jahre vor sich gehenden Geschlechtsakten verdankt. Sie 
würde auf die Akte verzichten, wenn ihr Mann mit ihr zärtlich wäre und 
sio streicheln würde. Diese infantile Form der Lustgewinnung gilt ihr unter 
allen Formen der Liebeskunst am höchsten. Sie trifft auf einen Freund ihres 
Mannes, der mit ihr sehr zärtlich ist. Das Streicheln, das sie von ihm verlangt, 
versetzt sie in förmliche Ekstasen. Den Koitus macht sie dem Geliebten zu- 
liebe mit- Sio kann ihm gar nichts abschlagen, wenn er mit ihr lieb ist. 
Einmal verlangt er einen analen Koitus, wogegen sie sich erst sträubt, dann 
aber nachgibt.. Trotz ihres Widerstandes- und eines geheimen Ekels kommt 
sie in hochgradigo Erregung und der Orgasmus ist der höchste, den sie je 
empfunden. Von dieser Zeit an pflegen beide nur den analen Koitus, der nael) 
einer längeren Stroichelprozedur ausgeführt wird. Auch diese Frau gesteht, 
■daß sio schon in der Kindheit durch Hineinstecken des Fingers in den Anus 
onaniert habe. 

Die vorher nervöse, an Platzangst leidende Frau verliert nach einigen 
Monaten allo Beschwerden. Der Mann scheint das Verhältnis zu billigen, denn 
■er legt seiner Frau nie ein Hindernis in den Weg und zeigt gar keine Spuren 
von Eifersucht, Sie hebt als Vorzüge des analen Verkehres hervor, daß man sich 
nicht vor Kindersegen fürchten müsse und der Genuß ein ungleich höherer 
wäre. Man müsse sich nur an das zuerst Abstoßende gewöhnen ..... 

Fall' Nr. 40. Ein interessanter Fall von Anästhesie ist der folgende': 
Eine 25jährigo Frau erzählt, daß 6ie in der Ehe vollkommen unempfindlich 
sei. Sie liebe ihren Mann und sie lebten in glücklicher Ehe. E6 habe zwischen 
ihnen noch keinen nennenswerten Streit gegeben. Der Mann beklage sich nur, 
daß sie kalt sei — „wie eine Hundeschnauze". 

Auf die Frage, ob sie nie Orgasmus gehabt habe, gesteht sie, daß sie 
mit dem Chef, wo sio früher angestellt war, ein Verhältnis hatte. Er hätte sie 
nie angerührt, nur heftig an sich gedrückt und ihr das Membrum in die Haud 
gegeben. Dabei hätte sie immer heftigen Orgasmus empfunden, weil die Vor- 
stellung, daß sie zu etwas gezwungen sei, sie immer heftig errege. Sie habe 
sich gedacht, wenn sie dem Chef nicht zu willen sei, so werde sie sicher sofort 
entlassen und werde dann brotlos dastehen. Die Vorstellung, daß sie zu etwas 
gezwungen wird, löst den größten Orgasmus aus. Sie onaniert mit der 
Phantasie, daß sie vergewaltigt wird, und gelangt dann zum Orgasmus. (Nach 
dem Prinzipe: Lust ohne Schuld.) Sio wünscht sich auch, daß ihr Mann sie 
nicht fragt, nicht so sanft mit ihr ist, sondern sie mit Gewalt nimmt, Sie 
kann während des Verkehres mit ihrem Manne einen leichten Orgasmus er- 
zielen, wenn sie sich dabei vorstellt, daß sie ein starker älterer Mensch nimmt, 
ohne sie zu fragen, so daß sie sich nicht wehren kann. Sie erzählt als deter- 
minierendes Erlebnis, daß ihr älterer Bruder einmal versucht habe, sie zu 
vergewaltigen. Sie zählte 16 Jahre, und er war mit ihr allein zu Hause. Sie 
konnte sich nicht wehren, aber er war so erregt, daß er nur inter femora 
ejakulierte. Die Erinnerung an diesen Vorfall und das Verlangen nach dessen 
Wiederholung bestimmten die spezifische Form ihres Lusterwerbes. Da in den 
letzton Jahren immer ältero Männer als die Vergewaltiger in ihren Phantasien 
auftreten und sie sich regelmäßig in alle Chefs verliebt, liegt die Vermutung 



• i 



/ 



Die Psychologie der frigiden Frau. i/y? 

nahe, daß eine inzestuöse Verankerung an den Vater aus der Jugendzeit noch 
m irage kommt. Sio erinnert sich an solche „Phantasien", die nach Lektüre 
dos Kapitels Loth und seine Töchter auftraten. Sie bedauert auch, daß ihr 
Mann so jung ist. Sie hätte einen älteren Herrn heiraten sollen. Es komme 
ihr gar nicht auf den Koitus an. Schon das Drücken allein könne bei ihr 
den Orgasmus auslösen. 

Hier steht das erste Erlebnis mit dem Bruder, das offenbar einer 
alten „Vergewaltigungsphantasie" entspricht, als Einleitung ihres reifen 
Sexuallebens. Also wieder ein sexuelles Trauma des Erwachsenen! 

Daß männliche Gewalt, Schläge, Befehle, Jähzorn auf das Weib 
sexuell erregend wirken, ja sogar eine Liebesbedingung sinllißt eine alte 
Erfahrung. Manche Anästhesie ist auf den Alangel der Gewalt zurückzu- 
führen. Diese Frauen hatten meistens jähzornige, sehr strenge Väter und 
wurden in der Kindheit verprügelt. 

Einen interessanten Beitrag zur Psychologie der weiblichen An 
ästhesie entnehme ich dem bekannten Buche von Krafft-Ebing. Er zitiert 
aus dem „Flagellum salutis" von Paullinis (1. Aufl. 1698. Neudruck 
Stuttgart 1847) folgende sehr charakteristische Stelle: 

„Es sind einige Nationen, namentlich dio Persianer und Russen, 
so (vorab dio Weiber) Schläge für ein sonderbares Liebes- und Gnaden- 
zeichen annehmen. Sonderlich sind dio russischen Weiber fast nicht ver- 
gnügter und fröhlicher, als wenn sie gute Schläge von ihren Männern 
empfangen, wie es Johann Bardame mit einer merkwürdigen Historie 
erläutert. Es kam ein Teutscher, namens Jordan, in Muscovien, und weil 
ihm das Land gefiel, ließ er sich häuslich daselbst nieder und nahm «in 
russisch Weib, so er hertzlich liebte und in allem freundlich mit ihr war, 
Sie aber sah immer runtzlicht aus, warft" die Augen nieder und ließ ach 
und wehe von sich hören. Der Mann wollte wissen, warum? denn er ja 
nicht entsinnen konnte, was ihr fehlen mochte. EY, sprach sie, Was wollt 
ihr mich doch lieb haben, massen ihr dessen noch kein Zeichen habt 
spüren lassen. Er umhälsete sie und bat, wo er sio etwa phnversehenB 
und unwissend beleidigt hätte, solches ihm zu verziehen, er wollte OJ 
ja nimmer tun. Mir fehlt nichts, war dio Antwort, als nach meines Landes 
Manier, die Geißel, das eigentliche Merkmahl der Liebe. Jordan merekte 
sich diese Mode, und gewohnte sich dran, da fing das Weib an, den Mann 
hertzinniglich zu lieben. Eben solche Geschichte erzählt auch Peter Petr.ns 
von Erlesund mit dem Zusatz, wie die Männer gleich nach der Hochzeit 
unter anderen unentbehrlichem Handgerät ihnen auch Peitschen zulegten." 

Man kennt ja den berühmten Ausspruch von Nietzsche; Wenn M 
zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht! . . . Ich habe von einem 
Landgeistlichen ähnliche Berichte gehört. In slavischen Ländern ge- 
hören die Schläge des Mannes zum Inventar der Liebe. Auch Benvenuto 
Cellini erzählt in seinen berühmten Memoiren einen hierher gehörenden 
Fall. Er schlug seine widerspenstige untreue Geliebte wie einen Hund 
und sie wurde ihm von dieser Stunde unhänglich, wußte aber seinen Zorn 
so .'zu reizen, daß er sie wieder schlagen mußte. 



-.Qg . Die Gescblecbtskälte der Frau. 

Wir müssen annehmen, daß neben der masoehisüschen Einstellung 
die Nates offenbar als erogene Zone eine große Rolle spielen und die 
Hautreize des Schiagens den Orgasmus erleichtern. Ein anderer Fall 
meiner Beobachtung: 

Fall Nr. 41. Eine bisher vollkommen kalte, zehn Jähre verheiratete Frau 
versuchte es mit mehreren Liebhabern und war unglücklich, daß sie keinen 
Orgasmus erzielen konnte. Da traf sie auf einen sehr wilden, feurigen Mann, 
der die Gewohnheit hatte, die Frauen in das Ohrläppchen zu beißen. Er ver- 
fuhr mit ihr wie mit allen Vorgängerinnen. Aber während die anderen Frauen 
darüber empört waren und den Verkehr abzubrechen drohten, durchzuckte sie 
beim Schmerze ein nie gefühltes Lustgefühl und sio empfand ihren ersten Or- 
gasmus. Auch das Küssen des Ohrläppchens löste eine starke Befriedigung 
aus, allein nie so intensiv wie der Biß. 

Ich will nicht durch Häufung ähnlicher Fälle ermüden. Tatsache 
ist, daß wir immer wieder hören, daß die anästhetischen Frauen erogene 
Zonen aufweisen, durch deren Reizung sie den ersten Orgasmus erzielen, 
der sich oft später auf den „normalen" Verkehr überträgt, aber in den 
meisten Fällen nur an eine bestimmte erogene Zone gebunden bleibt. Be- 
sonders die Mammillen kommen hier in Betracht, und jedem Frauen- 
kenner sind diese Fälle bekannt. Aber auch ganz-andere Körperstellen : 
Anne, Hände, Füße, die Augen, die Nase, die Ohren usw. Hier kommen 
alle Momente in Betracht, wie ich sie in den vorhergehenden Kapiteln 
ausführlich besprochen habe. Auch in physischer Hinsicht müssen die 
Liebenden (Penis und Vagina) ein gutes Paar geben, wenngleich ich den 
Eindruck habe, daß viele Forscher (z. B. Rohleder) diese Faktoren über- 
schätzen. Bei bestehender seelischer Anziehungskraft kommt das Liebes- 
paar über diese Differenzen leicht hinweg. 

Nun kommen wir zu der großen Gruppe der Fälle von Dyspareunie, 
bei denen psychische Einflüsse das Zustandekommen des Orgasmus ver- 
hindern. Die Frage, ob es eine angeboren asexuelle Frau gibt, kommt 
hier gar nicht in Betracht. Ich habe keinen solchen Fall gesehen und die 
Autoren, die ihn beschreiben, sind auf die nähere analytische Durch- 
forschung des Falles nicht eingegangen. Kommt ein solcher Fall vor, so 
mag er als eine anatomisch-pathologische Monstrosität gelten. Wir 
sprechen hier aber nicht von Ausnahmsfällen. Daß wir Frauen und 
Mädchen begegnen, die scheinbar auch nicht einmal den Trieb zeigen, will 
ich gar nicht bestreiten. Aber meine Erfahrungen belehren mich, daß es 
sich nur um eine maskierte Libido handelt, daß der Trieb immer vor- 
handen ist, daß er an irgend eine Person fixiert ist (Vater, Bruder, Oheim. 
Lehrer, Mutter, Schwester) und sich nur sublimiert oder in einer anderen 
dem Bewußtsein nicht peinlichen, maskierten Form äußert. Wir sprechen 
jetzt aber von den Fällen, bei denen der Trieb zugegeben und das Aus- 
bleiben des Orgasmus als Mangel empfunden wird. Die einfachsten 



Die Psychologie der frigiden Frau. 109 

Fälle sind wohl die, bei denen irgend eine ängstliche Erwartung das 
Eintreten des Orgasmus verhindert. 

Am häufigsten hört man von den Frauen, die Angst vor der 
Gravidität sei so stark, daß sie sieh immer wieder zwischen die Libido 
und die reflektorisch zu erfolgende Auslösung dos Orgasmus einschiebe. 
Diese Angst kann vollkommen bewußt sein und sich in Äußerungen dar- 
tnn, wie „daß nur nichts passiert" oder „wenn es nur keine Folgen hat", 
kann aber auch ähnlich wie bei der psychischen Impotenz des Mannes, im 
Hintergründe des Bewußtseins lauern. Ich sage mit Absicht nicht, daß sie 
unbewußt ist, weil meine Anschauungen über die Häufigkeit und den 
, psychischen Mechanismus unbewußter Vorgänge sich sehr geändert 
haben. Aber sie sind sicher „nebenbewußt"' oder lauern im Hintergründe 
des Bewußtseins. Dazu kommt, daß viele Frauen und Mädchen glauben. 
Orgasmus und Gravidität hingen zusammen. Wenn auch viele Er- 
fahrungen dafür sprechen, so zeigt die Erfahrung auch das (legenteil. 
Kisch sagt darüber : 

(S. 364 I.e.) „Von großer Wichtigkeit scheint mir die Beziehung der 
Dyspareunie zur Sterilität des Weibes. Die Dyspareunie kommt, wie 
bereits erwähnt, zumeist dem Arzte dann zur Beobachtung, wenn damit Sterili- 
tät verbunden ist. Der Mann klagt über die Kulte Keiner weiblichen Ehehälfte 
als schuldtragende Ursache, oder die Frau erklärt, daß sie sexuell nicht bc- 
friedigt werdo und darum nicht konzipiere. In dor Tat erscheint die 
Dyspareunie und Sterilität in so auffälliger Koinzidenz, daß ich auf Grundlage 
meiner diesbezüglichen Beobachtungen einen ätiologischen Zusammenhang 
wenigstens in einer bestimmten Zahl von Fällen entschieden annehmen möchte. 
Unter 69 sterilen Frauen, bei denen ich auf Dyspareunie examinierte, war 
dieser Zustand 26mal, al60 38 Prozent der Fälle, nachweislich. 
Duncan erwähnt, daß unter 191 sterilen Frauen 62 ohne Geschlcrhtsgenuß 
waren. Die scxucllo Erregung des Weibes bei der Kohahitation scheint auch 
für das Resultat der Befruchtung nicht irrelevant, da, wie wir wissen, durch 
dio Wollustempfindung reflektorische Aktionen im Genitalscilla uche ausgelöst 
werden, welche die Retention des Sperma in diesem und die Weiterbeförderung 
desselben an den Muttermund und in den Uterus begünstigen, vielleicht 
auch Veränderungen des Zervikalsekretes bewirkon, welcho das Eindringen 
der Spermatozoon in den Uterus fördern." Ferner S. 364 — 365: „Bei rela- 
tiver Dyspareunie zeigt sich der Einfluß auf die Sterilität, indem die treu- 
lose Frau von dem Liebhaber konzipiert und nicht von dem ihr gleich- 
gültigen Gatten. Auf dieso Dyspareunie (durch sexuelle Disharmonie) könnte 
man auch die Sterilität von zwei Ehegatten zurückführen, welche miteinander 
in unfruchtbarer Ehe leben, während, wenn sie getrennt und wieder ver- 
heiratet wurden, jeder Teil sich nun der Fruchtbarkeit der neuen Ehe erfreut. 
Solche Fälle sind mir bekannt und ähnliche Fälle haben schon die Aufmerk- 
samkeit der Naturforscher des Altertums, wie Aristoteles, erregt. Die Be- 
deutung des Wollusfgefühles zur Herbeiführung der Konzeption ergibt eich 
auch aus dem Umstände, daß bei der Mehrzahl der Frauen anschließend an 
dio Schmerzen der Defloration in der ersten Zeit der Ehe Dyspareunie vor- 
kommt und dementep rechend auch die erste Konzeption erst einige Zeit nach 



1 10 Di* Gcsclilechtskälte der Frau. 

der Hochzeit in einer Epoche eintritt, welche mit dem Erwachen des Ejaku- 
lationsgefiihles zusammenfällt. Courty erzählt einen diesbezüglichen Fall von 
einer Dame, welche trotz blühender Gesundheit nach einer 15jährigen un- 
fruchtbaren Eho zum ersten Male ein Kind von ihrem Liebhaber hatte, dessen 
Vaterschaft nicht zweifelhaft sein konnte, und hierauf folgten zwei andere 
Kinder, deren Erzeuger in der Tat derjenige war, quem nuptiae demonstrant. 
Das Wollustgofühl war bei dieser Frau nie früher wach geworden, als zur 
Zeit ihrer Befruchtung. Analogo Verhältnisse weit deutlicherer Art 6ind hei 
Tieren wiederholt festgestellt worden und Darwin teilt mehrere einschlägige 
Beobachtungen mit. Alles in allem muß die Dyspareunie unter die Momente 
gezählt werden, welche Sterilität des Weibes veranlassen können, wenn auch 
nicht absolut notwendig zur Folge haben." 

Ich kann nach meinen Erfahrungen bestätigen, daß Frauen genau 
zu wissen glauben, wann die Kinder gezeugt wurden. Besonders Frauen, 
die Liebhaber neben ihren Männern besitzen, glauben bestimmen zu 
können, daß die Kinder an diesem oder jenem Tage eines Rendezvous 
entstanden seien. Daß sich diese Dinge nicht beweisen lassen, ist klar. 
Ich habe aber auch gegenteilige Erfahrungen. 

Kall Nr. 42. Eine 34jährige Frau ist während der ganzen Ehe voll- 
kommen anästhetisch gewesen. Zwei Jahre nach der Brautnacht stand sie noch 
im Zeichen des Vaginismus. Ihr Mann, ein sehr potenter, kräftiger Mensch, 
konnte nie dio Immissio penis vollziehen. Ihre Abneigung gegen den Mann, 
dio sehr geschickt maskiert war, äußerte sich in dieser Weise. Ich habe als 
erster auf diese psychische Wurzel des Vaginisinus aufmerksam gemacht. 1 ) 
Der Körper sagt viel ehrlicher sein „ich will nicht", während der vergewaltigte 
Intellekt die Rollo der liebenden Hingebung spielt. Nach zwei Jahren gelang 
es dem Manne, durch einen brutalen Gewaltakt die Immissio zu erzwingen, 
welche seit damals immer leichter wurde. Jedesmal war der Koitus mit 
Schmerzen verbünden, nie war eine Spur von Libido vorhanden. Trotzdem 
kam dio Frau dreimal in die Hoffnung und gebar ihm drei kräftige Kinder. 
Nach zehnjähriger Eho lernte sie einen verheirateten, viel weniger potenten 
Mann kennen, der auch Vater von drei Kindern war, obwohl er für seine Frau 
nie viel übrig gehabt hatte und seine Ehe eine reine Vernunftehe war. Sie 
verliebten sich leidenschaftlich ineinander und bald kam es zu häufigem Ver- 
kehre, der bei beiden den höchsten Orgasmus auslöste. Trotzdem war der 
Koitus, bei dem keinerlei Schutzmaß regeln gebraucht wurden, weil sie sich, 
ein Kind von dem geliebten Manne wünschte, ohne jede Folge. Die Frau mußte 
das Verhältnis abbrechen, weil der Mann es entdeckte und sie zwang, für 
längere Zeit zu Verwandten nach England zu verreisen. Kurze Zeit darauf 
deflorierte dor untröstliche Geliebte seine Kontoristin, wclcho-jjrompt gravid 
wurde. Er entschuldigte sich vor mir folgendermaßen: Als meine Geliebte 
mich verlassen mußte, hatte ich ein intensives Bedürfnis nach Liebe und Zärt- 
lichkeit. Ich konnte ohne Zärtlichkeit und ohn<^ die Hingebung eines Weib- 
lichen Wesens nicht leben. Die Kontoristin liebte mich schon seit langer Zeit. 
Aber die Liebo zu jener einzigen Frau, die mir noch heute das höchste Ideal 
ist. ließ mich alle Anfechtungen siegreich überstehen. Ich hätte ihr gar nicht 
untreu sein können. Kaum war sie fort, so dachte ich nur an ein gewaltsames 



') Nervöse Angstzustände. 3. Auflage, S. 215. 



Diö Psychologie der frigiden Frau. | j . 

Ki.dc>. Zugleich trat ein Zustand von förmlichem Lifbtthunger bei mir au! 
Ich mußte Irauen besitzen, soviel als möglich. Es war, als wollte ich vor ,1,-n. 
Tode mich nochmals ausleben. In dieser Verfassung fiel mein Ulk* eine- 
Pages auf die kleino Kontoristin und nach einem kurzen Gespräche von einigen 
Minuten war sie meine Geliebte. Sie hatte mir gestanden, daß .-><• schon zwei 
Jahre auf diesen Moment gewartet habe. 

Hier sollen wir Unfruchtbarkeit bei höchster Liebeeraeerei, ia bei 
stärkstem Orgasmus, während die lustlosen Umarmungen des (i alten 
prompt, eine Gravidität herbeiführten. Die Kontoristin aber gab an. daU 
sie nur Schmerzen, große Aufregung und ein angenehmes Gefühl der 
Reibung empfunden habe. Zum Orgasmus kam es erst, als sie schon 
gravid war. Hier fiel dann die Angst vor den Folgen weg. Sie wußte 
schon, daß der Geliebte für sio sorgen werde. Sie konnte ungestört 
genießen. 

Der Umstand, daß der höchste Orgasmus oft keine Konzeption her- 
beiführt, mag mit folgenden Umständen zusammenhängen. Berührt die 
Glans peius das Orificium externum des Uterus, so wird der Samen dur.h 
aspirierend schnappende Bewegungen der Portio gegen das CaVum uteri 
hin aspiriert. Findet dieser direkte Kontakt nicht statt, weil der Penis ZU 
klein oder der Uterus verlagert ist, so kann ein starker Orgasmus dazu 
führen, daß der Samen aus der Vagina herausgeschleudert wird. Kisrb 
glaubt das Gegenteil. Er führt das Abfließen des Samens auf mangelnden 
Orgasmus zurück. 1 ) 

Ich kenne andere Fälle. Ich kenne eine Frau, die auf der Höhe dee 
Orgasmus den Samen so herausschleudert, daß der Mann ganz naß wird. 
Sie wollte Kinder haben und führte ihre Unfruchtbarkeit mit Recht auf 
diesen Krampf der ganzen Vaginalmuskulatur zurück. Nach diesem 
Krampf umklammerte der Constrictor eunnei den Penis, als ob sie ihn zu 
weiterem Verbleiben zwingen wollte. Diese Frau versuchte durch Aus- 
bleibon des Orgasmus die Gravidität zu erzwingen. Sie sollte auf Befehl 
ihres Mannes beim Koitus ganz ruhig liegen bleiben, ohne sich zu rühren. 
Sie schrie aber immer dazwischen : „Ich kann nicht! Ich kann nicht ! 1.1, 
bin auch ein Mensch von Fleisch und Blut!" Und sofort setzten die 
Beckenbewegungen ein, die mit dem Orgasmus und dem krampfhaften 
flinausschleudern endeten. Der Mann versuchte es. auf meinen Rat mit 



l ) Auch liohleder führt das auffallend rasche Abfließen des SiuncnR auf 



einen 



— - •■•' »»wuiwvu u« ■Lünen* ;iiii einen 

Mangel an Orgasmus zurück, da die Kontraktionen der Schoidenmuskulntur ausfallen 
Der hier mitgetollto Fall und andere meiner Beobachtungen bestätigen diese Erklärung 
nicht. Im Gegenteil! Wo der Samen zu rasch abfließt, da wird er durch krampfhafte 
Kontraktionen herausgeschleudert, während er bei kalten Frauen liegen bleibt Ich 
kann mehrere Fälle mitteilen, in denen Frauen konzipierten, während sie fri K id bliol.en' 
indfcsson- sie trotz • stärkstem Orgasmus beim Liebhaber oder bei dorn /.weilen <W ,,1,I- 
gcineikt gesunden!) Gatten nicht gravid wurden. 



112 ^' c Geschlechtskälte der Frau. 

einem zweiten Koitus: Es kam immer das gleiche Spiel. Diebe Frau 
onanierte überdies noch täglich und manchmal mehrere Male ohne 
Schaden. Sie hatte zahlreiche Liebhaber, weil sie durchaus ein Kind 
haben wollte und ihr Zustand schon an Nymphomanie grenzte. Sie ona- 
nierte auch knapp vor dem Verkehre mit ihrem Liebhaber (vor dem 
Manne genierte sie sich), der diesen onanistischen Akt von ihr verlangte. 
Es war dies eine spezifische Art der Sexualbefriedigung. Er konnte nur 
koitieren, wenn die Frau vor ihm einen onanistischen Akt mit Orgasmus 
vollzogen hatte. 

Unscro Patientin onanierte einmal viermal vor dem Koitus. 
Trotzdem konnte sie bei dem Koitus nicht ruhig bleiben. Diese Frau 
kam bei einem potenten Manne drei- bis viermal zum Orgasmus jedes- 
mal, wenn der Orgasmus des Mannes erfolgte. Dann aber spritzte sie 
das Sperma mit großer Gewalt hinaus.» 

Es sind eben die Verhältnisse nie so einfach. Gewiß gibt es Fälle, 
in denen Orgasmus und Gravidität Zusammenhänge zeigen, wie ja die 
Publikationen zahlreicher Gynäkologen beweisen. Ich wollte nur be- 
tonen, daß auch das Gegenteil vorkommen kann, daß der starke Orgas- 
mus das Zustandekommen der Konzeption verhindert. Die Natur ist 
nicht immer so einfach, wie man sich vorstellt. 

Ich habe erwähnt, daß alle psychischen Hemmungen, die sich 
während der Kohabitation einstellen, ein Hindernis für den Orgasmus 
werden können. In erster Linie steht die Angst vor der Konzeption. Adler 
führt einige hierhergehörige Fälle an. Aber auch andere ängstliche 
Vorstellungen können hemmend wirken. So zum Beispiel die Be- 
fürchtung, daß jemand etwas hören könnte, daß es bekannt würde, 
„daß man darauf kommen könnte". Interessant ist, daß die Frauen 
auch im Orgasmus Rufe ausstoßen, welche diese Angst verraten. So ein 
Mädchen, das immer rief: „Wenn nur nichts geschieht, wenn nur nichts 
geschieht!" Diese Formen kommen als Angst vor der Gravidität auch 
sehr häufig im ehelichen Kongressus vor. (Die Angst vor dem Kinder- 
haben ist heute eine weit verbreitete soziale Erscheinung und hängt 
gewiß nicht nur mit ökonomischen Faktoren zusammen. Denn gerade 
in sehr reichen Familien finden wir häufig das Ein- und Zweikinder- 
system. Meiner Ansicht nach handelt es 6ich hier um ein typisches 
Symptom im Kampfe der Geschlechter. Das Weib weigert sich, seine 
ihm gebührende Geschlechterolle zu spielen.) Die anderen Formen, die 
Angst vor dem "Überraschtwerden usw. kommen bei außerehelichem 
Kongressus vor, wenngleich ich auch solche Fälle in der Ehe beobachtet 
habe, welche aber einen komplizierten psychischen Mechanismus zeigen. 

Fall Nr. 43. Mich konsultiert ein 45jähriger Mann wegen Schlaflosigkeit. 
Er erzählt auf mein Befragen, daß er schon seit vielen Monaten mit seiner 



Die Psychologie der frigiden Frau. j j^ 

Frau nicht verkehren könne. Der Grund sei sehr merkwürdig. Sie hat ton eine 
kleine Wohnung, so daß das Dienstmädchen im Vorzimmer, das neben ihrem 
Schlafzimmer liege, schlafen müsse. Er und seine Frau fürchteten, daß das 
Mädchen etwas hören könnte. Diese übertriebene Rücksicht auf ein Mädchen, 
das noch dazu den Eindruck eines leichtsinnigen Geschöpfes machte und einen' 
Liebhaber hatte, stammte aus einer anderen Quelle. Der Mann hatte auf diese« 
junge Mädchen ein Auge geworfen; sie fiel ihm immer ein, wenn er zu Beiner 
alten Frau gehen wollte. Das Bild der schönen drallen Magd drängte sich ihm 
auf, und so kam verschleiert der Imperativ zustande: Du kannst zu deiner 
Frau nicht gehen, das Mädchen könnte es hören. Der verdrängte und be- 
kämpfte Gedanke aber lautete: Du darfst nicht zu dem Mädchen gehen, denn 
deine Frau könnte es hören. 

Seine Frau aber schämte sich vor dem Mädchen und gestand dem 
Manne, daß sie jetzt gar kein Gefühl habe, weil sie i in in er an 
das Mädchen denken müsse. Obwohl das betreffende 
Mädchen ein „leichtsinniger Strick" war, konnten sie sie beide nicht 
entbehren. Sie behielten sie aus Mitleid. In Wirklichkeit liebten sie sie 
beide, der Mann heterosexuell, die Frau homosexuell. Beide hatten, 
wenn sie in das Bett stiegen, nur eine Assoziation: das Mädchen, Ich 
riet, das Mädchen in einem anderen Zimmer schlafen zu lassen, die 
Wohnung wäre groß genug. Aber da kam ich schön an. Ee gäbe keinen 
anderen Raum, sie hätten sich schon den Kopf zerbrochen usw. . . Bei 
dieser Frau gab es immer einen sehr schwachen Orgasmus Jetäl setzte 
er aber vollkommen aus. Das Verlangen des Mannes nach seiner Frau 
war auch sehr gering. Sie kamen also stillschweigend Oberem, aus 
Rücksicht auf das nebenanliegende Mädchen nicht zu verkehren. Sei 
täuschten sie sich gegenseitig über ihre Motive. Der Mann und die Krau 
kamen in meine Behandlung, weil sie schlaflos wurden und beide nicht 
einschlafen konnten. Meinem wiederholten Kate, das Mädchen zu ein 
lassen und die neue Magd in einem anderen Räume schlafen zu lassen. 
wurde endlich Folge geleistet. Rasche Heilung der Schlaflosigkeit! 

Hinter diesen Angstvorstellungen, jemand könnte hören usw 

verbergen sich auch moralisch asketische Tendenzen. Die I ' y s- 
pareunie kann auch eine selbst diktierte Strafe 
sein, eine Buße für irgend ein Vergehen; auch ein 
geheimes Gelöbnis kann diese Empfindungslosig- 
keit hervorrufen. Selbst die bloße Vorstellung von der 
Schädlichkeit und Gefährlichkeit des Orgasmus kann die Ursache einer 
Dyspareunie sein. Der nächste Fall ist in dieser Hinsicht sehr lehrreich 

Fall Nr. 44. -Eine einfache Frau aus dem Volke, 36 Jahr© alt, klagt über 
zahlreiche nervöse Störungen. Es kribbelt im ganzen Körper, das Kribbeln 
steigert sich zu einem unerträglichen Jucken; zoitweise unangenehm.- Kr 
scheinungen von Seiten des Darmes. Sie müsse bei Nacht aufstehen und hinius- 
laufen. Angstanfälle bei Nacht und häufiges Aufschrecken aus dem Sehlafe. 

St ekel. Störungen des Trioh- und Afrokllobmm. III. ) An II. 



114 



Die Geschlechtskälte der Frau. 






Ferner eine Müdigkeit bei Tag, .die ihr jede schwere Arbeit unmöglich mache. 
Ohne einen Grund dafür zu wissen, sei sie oft so traurig, daß sie weinen 
müsse. Sie gibt an, sehr glücklich verheiratet zu sein. Um den Verkehr stehe 
sie nicht, „weil 6 i e kein. Gefühl hab e". Nach näherer Erforschung 
ergibt 6ich folgender merkwürdiger Zusammenhang. Schon in der Jugend 
habe sio geglaubt, daß man nicht emplinden dürfe: das sei eben die 
Sündo und das Gemeine, wofür Gott einen strafe. Ihre 
Leidenschaft sei aber in der Ehe sehr groß gewesen und sie habe immer starken 
Orgasmus empfunden. Nach dem Tode eines lieben Kindes habe sie sich ge- 
dacht, es sei eine Strafo Gottes, weil sie unkeusch sei und sich zuviel der 
irdischen Sinnenlust hingebe. Trotzdem habe sie nicht die Kraft gefunden, 
der Lust zu entsagen. Da habe ihr oine Nachbarin gesagt, daß diese sinnliche 
Aufregung sehr schädlich sei, und daß man davon früh altere und bald sterbe. 
Und nun habe sie den Kampf gegen die Lust mit Erfolg 
aufgenommen und während des Koitus immer gebetet 
oder an etwas anderes gedacht. Sie habe es dann dahin gebracht, 
daß die Lust nicht kam. Manchmal mußte der Mann aufhören, damit sie dem 
Orgasmus ausweichen konnte. Ich belehre sie entsprechend und befreie sie 
auch von dem Gedanken, daß der Orgasmus eine Sünde sei. Gott Habe uns 
dies Geschenk gegeben, damit wir uns weise desselben bedienen. Ich verweise 
sie auf die herrlichen Worte des Scheik Neffzawi, der in seinem berühmten 
Buche „Der düftereiche Garten" ausführt: „Preis sei Gott, der die größte 
Wonne des Mannes in die natürlichen Teile des Weibe6 gelegt und die natür- 
lichen Teile des Mannes dazu bestimmt hat, der Frau die größte Wonne zu 
gewähren." Ich sehe sie nach einigen Wochen wieder. Sie ist vollkommen ge- 
nesen, und der Orgasmus kommt mit großer Intensität wieder. Da ihr Mann 
sehr bedürftig ist, verkehren sie fast jeden Tag . . . Die Nachbarn staunen über 
ihr blühendes Aussehen und fragen, was sie für eine Wunderkur gemacht 
hätte. Doch würde man fehl gehen, wenn man die Ursache dieser Dyspareunie 
nur in der Vorstellung sehen würde: Der Koitus ist schädlich! Solche Dinge 
hören die Frauen und die wenigsten lassen sich zu dieser Lehre bekehren. Es 
muß also ein anderes Motiv dahinter stecken, so daß uns die Annahme dieser 
Schädlichkeit begreiflich wird. Mit anderen Worten: Sie griff nach diesem 
Argument, um sich den Koitus zu versagen. 

Da* konnte nur aus moralisch-asketischen Tendenzen geschehen. Wir 
haben aber einen Anhaltspunkt, der uns vielleicht auf den richtigen Zusam- 
menhang bringen kann. Die Frau erkrankte nach dem Tode eines Kinde6. 
Sollte dieser Tod ihr Schuldgefühl hervorgerufen haben? Wir erkundigen uns 
nach dem Leiden des Kindes. Wir hören, es hätte an einer Karies der Wirbel- 
säule gelitten und schrecklich viel mitgemacht. Die Mutter litt mit dem Kinde. 

„Dachten Sie daran, daß der Tod des Kindes für Sie eine Erlösung 

wäre?" Tr '.■ •- ; 

Ja ... mir kamen solche Gedanken, und als das Kind wirklich starb, 

konnte" ich eigentlich nicht trauern und fühlte mich wie erlöst. Es war auch 

unmenschlich, was ich mitmachen mußte. Ich wurde nachts zehnmal gerufen 

und sogar öfters aus den Armen meines Mannes ..... Und das Kind litt 

doch unsäglich ... der arme Wurm." 

»Machten Sie sich nach dem Tode dann Vorwürfe, Sie wären eine 

schlechte Mutter gewesen? ..." .._, c.- * ^ , • ,. . 

Freilich machte ich mir diese Vorwurfe. Sie verfolgten mich immer. 
Ich konnte nämlich auf dem Friedhof und zu Hause nicht weinen. Ich schämte 



Die Psychologie der frigiden I'r.ui. 



llf> 



inicli vor don Nachbarn, welche sagten: Der größte Schinerz hat keine Tränen. 
Ich wußte es besser.*' 

Jetzt wird uns die Dyspareunie erst psychologisch verständlich. Dio 
Frau wurde oft gestört, das Kind rief, ehe der Orgasmus vorüber war, und ihr 
war der Gedanke gekommen : 0, möge das Kind 6 c h o n sterben! 
Dann starb das Kind und das Gewissen meldete sich und forderte streng* Be- 
strafung. Sie strafte sich mit dem Verzicht, den das lebende Kind so oft 
— schon wegen der Anwesenheit im Schlafzimmer — herbeigeführt hatte. 
Der moralische Imperativ lautete: Du sollst aus meinem Tode keine Fnmlo 
ziehen. Jetzt war sie bereit, das Märchen von der Schädlichkeit des Koitus 
zu glauben. Da aber sich das Verlangen stürmisch meldete, konnte meto* 
Aufklärung, dio sich mit der moralischen Entschuldung kombinierte, leiehl 
wirken . . . Man muß solchen einfachen Menschen das allgemein Mens. bliche 
dieser Todeswünsche begreiflich machen und ihr Gewissen entlasten.') 

Der letzte Fall war lehrreich. Er zeigte uns die Angst als Maske 
des bösen Gewissens. Jede Angst z e r s t i. r t die Libido 
und hindert das Eintreten des Orgasmu s. 2 ) D i e B m 
Dfl-e.i 6 1 e n verbreiteteAngst ist die vor Infektionen. 
Ich habe von zahlreichen Frauen gehört, daß dieser Gedanke den Hin- 
tritt des Orgasmus verhindert. Doch lasse man sich nicht TOB dieser 
Motivierung täuschen. Es stecken immer liefere moralische Hcinintin 
hinter der vorgeschobenen, die als Barriere für die gefährlichen Wünsche 
funktionieren. Die Angst vor den Infektionen ist ein Kunstgriff, um eine 
moralische Schwäche zu bemänteln. Dieser Mechanismus ist bei der 
Dyspareunie sehr oft anzutreffen und erfordert eine tiefer,' p.-ycho 
logische Analyse. Ich will gleich einige hiehergehörige Fälle vorführen. 

Fall Nr. 45. Frau I. K. schildert sich als hocherotischo leidenschaftliche 
Person. Sie sei von ihrem Manne geschieden, lebe mit einer zwanzigjährigen 
Tochter allein in Wien und leide nun seit sechs Jahren die fürchterlichsten 
Qualen der Abstinenz. Sie habe wohl ein Verhältnis mit einem Kenn*, der 
sie erhalte. Aber vor diesem Menschen, den sie moralisch und als Mensch BO 
hoch schätze, habo sie einen fürchterlichen Ekel. Sie glaube zu wissen, daß 
er eine Lues überstanden habe. Er habe manchmal Exantheme im Gesicht, 
die ihr verdächtig wären. Dieser Mann begnüge sich mit ihrer idealen Freund- 
schaft. Er habe ihr wohl schon einige Andeutungen gemacht, sie habe aber 



') Die Liebe der Mütter zu ihren Kindern weicht oft einem aufholenden Haue. 
kann auch fehlon oder sich nur in geringstem Maßo üußorn. //. Oppenhrlm hat Btel|C 
Fälle von solcher „M y s o p ä d i o" in der Zeitschr. f. Neur. u. Psych.". IÄ19 bCfOhriebW 
Und selbst zugegeben, es müßten Freurfschc Mechanismen bei dieser G.'fHhlsumUhruiwJ 
eine Rolle spielen. Ich habe wiederholt Todeswün6cho von Kitern gegen ihre Kinder 
als Ursachen einer Neurose und Melancholie gesehen. Auch eine tlborstarke NZQ«Ufl 
Anziehungskraft kann eine Konversion in Haß als Abwehr und Soautuftfirflgtl 
hervorrufen. 

») Richard Schmidt: „Liebe und Ehe im alten und modernen luden " (E Hm* 

Nil n 1<J ° 4 ;\ S - 279 " " Vrnda S - 521ff - ™™t ^s Gründe für Impotenz zunächst 
N. dergeschlagenhe.t durch gewisse unfreundliche Zustände (Furcht, Mangel an Zu- 
trauen, Angst, den Anblick von Gebrechen bei der Frau ) " 



in; 



Die ücschleclitskiilti! der Frau. 



sich so gestellt, als wüßte 6ie nicht, was er meinte. Sie spiele vor ihm die 
kalte keusche Frau; seit längerer Zeit gebe er sich mit den geistigen Be- 
ziehungen vollkommen zufrieden. Sie verzehre sich jedoch in Sehnsucht nach 
einem Manne. Doch fürchte sie, er könnte infiziert sein. Und wenn sie schon 
die Angst vor der Infektion überwinden würde, dann käme noch die Angst 
vor Erpressungen. Sie kenne einen solchen Fall, in dem der Mann gewissenlos 
genug war, von der Dame unter Drohungen Geld zu verlangen. Und schließ- 
lich fürchte sie das Gerede. Wie leicht komme eine Frau in einen bösen Ruf 
und das wäre ihr schon wegen ihrer Tochter sehr unangenehm. Ja — wenn 
sie einen feinen und gesunden Mann wüßte — , so würde sie sofort mit beiden 
Händen zugreifen. 

In solchen Fällen muß der erfahrene Seelenkenner sofort wissen, daß 
die Angst nur vorgeschoben wird, um die Tugend zu sichern. Die Dame hat 
sich einmal entschlossen, tugendhaft zu bleiben und allen Versuchungen aus 
dem Wege zu gehen. Allein sie fühlt sich ohne Stütze zu schwach, um ihren 
anstürmenden Trieben Widerstand zu leisten. Sie benützt alle diese Möglich- 
keiten, um ihro Tugend zu schützen. Die Angst funktioniert hier als Tugend- 
wächter. 1 ) 

Der weitere Vorlauf der Begebenheiten war folgender: Die Dame suchte 
mit Hilfe einer Annonce einen uneigennützigen Freund. Aus dreißig Zuschriften 
wählte 6ie sich einen stillen, feinen höheren Beamten, der ihr ein Zeug- 
nis seines Arzte6 brachte, daß er vollkommen gesund 
W ;i r o ( !). Die Umstände waren solche, daß keine ihrer Befürchtungen ge- 
rechtfertigt war. Und nun kam sie zu mir und klagte: Denken Sie, was mir 
passiert ist. Ich war vollkommen unempfindlich. Ich hatte ein glühendes 
Verlangen, und es kam nicht zum Genüsse. Ich war ganz müde, denn der 
Mann war sehr potent und wollte durchaus meine Befriedigung erzwingen . . ." 

Und wie war diese Anästhesie zustande gekommen? Sie mußte fort- 
während an eine andere Angstvorstellung denken. Und zwar hauptsächlich: 
Was würde dci.ne Tochter sagen, wenn sie das wüßte? 
Und plötzlich sei ihr auch ihr Mann eingefallen. ...Sie 
war unglücklich über diese Hemmungen, der neue Geliebte würde ihr so passen. 
Sie versuchte noch zwei Zusammenkünfte . . . immer mit demselben Resultate. 
Sie wurde schwer deprimiert und kam in meine Behandlung. Ich hatte vor 
diesen Experimenten gewarnt. Ich sagte ihr ungefähr: Sie sind in einem 
schweren psychischen Konflikte. Auf der einen Seite drängt Ihr Sexualtrieb 
und verlangt nach Befriedigung. Auf der anderen aber gibt es zahlreiche 
Hemmungen. Ihre Angstzustände sind nur Ausdrucksformen innerer Hem- 
mungen. Sio werden nie leichtsinnig sein können. Es liegt Ihnen nicht. Eine 
andere Frau hätte trotz aller dieser Befürchtungen sich schon ihren Liebhaber 
gefunden, wenn sio ihn wirklich gesucht hätte. Sie wollen sich nicht einge- 
stehen, daß Sie keusch bleiben wollen. Geben Sie alle diese Versuche auf. Siß 
sind noch schön und begehrenswert, Sie gefallen und machen Eroberungen. 
Begnügen Sie eich mit dieser Tatsache und ziehen Sie daraus keine weiteren 
Konsequenzen Sie glaubte mir nicht und stürzte sich m das Abenteuer, 
uim mir zu beweisen, daß ich unrecht hatte. Nun kam sie reuig zurück und 
eestand ihren Fehler. In der Behandlung aber, die nur eme Woche währte, 
Trit zutage daß sie ihren Mann noch liebte und einen geheimen Glauben hatte, 



M Vgl. ..Ursachen der Nervosität", S. 32 (Verlag Paul Knepler). 



l)i<> l'svdiol"i.'ir der frigiden Fmu. 117 

sie würde es noch erleben, daß ihr Mann zu ihr reuig zurückkäme und dann 
würde sie alle Fehler wieder gut machen. Ihr Mann hatte dich von ihr scheiden 
lassen, weil er auf eine Untreue gokommeu war. Nun korrigiert© sio nnch- 
i Täglich ihre einstige Flatterhaftigkeit. Sio hatte Bich «in < ii-lnl»«l<- gegeben, 
keusch zu sein und verriet einen geheimen Aberglauben :So lange ich 
k e u 6 c h bin, hält mir m o i n Mann auch die Treue. 

Das war der Sinn ihrer Kmiiiindimgsloeigknit. Sie durfte ttichl empfind«« 
und .sie wußte, daß sie verloren war, wenn sie wieder Ihm einem Manne empfand 
Warum aber hatte sie ihr Gelübde nicht gehalten? Sie hatte in Erfahrung 
gebracht, daß ihr Mann eine Geliebte habe. Sofort wollte sie m.Ii rächen OKI 
fühlte sich auch frei und nicht mehr gebunden kbat die moraüaobeo Citfte In 

ihr waren stärker, als sie es selbst wußte. Kine innere Stimme sagte ÖU I 1 Klfub 
diese schnöde Sinnenlust hast du .leinen Manu verloren und deiner Tochter den 
Vater geraubt. Du darfst nie wieder empfinden. Das Bei dem. Strafe ... So > 
erkrankte sie nach dem Gesetze der Talion an der Dyspareunie. Au. Ii der I 
danke: Du hast eine erwachsene Tochter, spielte eine Rolle. Sie zitterte für die 
Unschuld des Kindes. Sie wollte ihr ein Beispiel geben, daß sin heiltet Mut UM jfa 

keusch leben könne . . . Die Depression ging bald voiüIht. Sie erhielt \.'ii einer 
guten Freundin den Rat, sich einen llienfaiteur aniUBOhaffen, d.h. einen künst- 
lichen Phallus. Sie war bald mit dein Erfolge so zufrieden, daß IUI auf jeden 
Mann verzichten und ihre Keuschheit bewahren konnte. 

Es kommt gar nicht selten vor. daß W itwen und geschiedene 
Frauen beim Versuche eines unehelichen Koitus unästhetisch bleiben 
Neben den moralischen Ilemmungsvorstelliingcn leonimt auch «las heim- 
liche Gelübde, keusch zu bleiben, in Betracht. Oft besteht ein Junktim, 
wie in dem erwähnten Falle: „So Lange ich treu bleibe, wird auch er 
mir treu bleiben". Besonders kompliziert werden die Fälle, w.-un die 
Frauen sich täuschen und angeblich von einem solchen Gelübde nicht! 
wissen. So kannte ich eine Frau, die sich von einem Munno hatte 
scheiden lassen, weil er ein „unmöglicher Mann" war. Fr verführte de IQ 
allen möglichen Ferversitälen (sie war lT.lahre alt, ein unschuldig. 
naive.« Kind, als sie in seine Bände fielt), er koitierta sie in Oregonwart 

seiner Freunde, nahm Bich eine Dirne ins Haus, die er v.»r ihren A.ngen 
beschlief. Außerdem war er ein Spieler und vergeudete ihre an-ebnle he 
Mitgift. vSie ließ sich auf den Hat ihrer Familie scheiden. \m Tage 
der Scheidung weinte, sie viele Stunden. Sie wurde schwer neurotisch 
und kam in meine Behandlung. Sie behauptete, daß sie ihren Mann 
nicht liebe, glücklich sei, ihn los geworden zu sein. Angeblich v 
auf der Suche nach einem Geliebten und konnte keinen finden, obwohl 
6ie eine liebreizende junge Frau war. In Wirklichkeit machte sie alle 
Annäherungen unmöglich, sperrte sich von der Welt ab, vi« alle An- 
trägo zurück. In ihrer Seele lebte die Vorstellung, er werde reuig und 
gebessert zu ihr zurückkehren. Sie wollte sich für ihn rein bewahren 
und wartete auf den Moment seiner \\ lederkehr. Sogar Dach seiner 
neuerlichen Heirat hielt sie an der Phantasie fest und konnte steh 



118 



Die Gcschlcchtskälte «1er Frau. 



keinem anderen Manne ergeben. Als sie endlich einen Versuch machte, 
blieb sie vollkommen kalt. 

Ich kann noch über zwei Fülle berichten, in denen ein Gelübde die 
Ur6acho der Anästhesie war. Die Empfindungslosigkeit erweist sich in 
diesen Fällen als ein hysterisches Symptom, als eine Konversion im 
Sinne Freuds und ist der Ausdruck eines moralischen Imperativs, der 
da lautet: Du darfst nicht empfinden! Die merkwürdigste Entstehungs- 
geschichte hat wohl der nächste Fall: 

Fall Nr. -Mi. Eine 45jährige Dame konsultiert mich wegen periodisch auf- 
tretender Aufrcgungszustände, während der sie auch den Appetit verliert. Sehr 
häufig treten diese Erregungszustände nach der Periode auf. Sie verliert den 
Schlaf und möchte am liebsten herumreisen und fortwährend den Aufenthalt 
wechseln. Sie möchte aus ihrer Haut fahren. In solchen Zuständen ist sie 
sexuell •ehr erregt. Die Erregung aber habe hei ihr keinen Sinn. Obwohl sie 
hi-lir leidenschaftlich sei, habe sie doch nie eine Befriedigung ge- 
funden. Doch nicht wegen der Empfindungslosigkeit suche sie mich auf. Ihr 
Solm habe sieh vor einem Jahre erschossen. Seit damals mache sie sich die 
heftigsten Vorwürfe. Sie sei an dem Tode ihres Sohnes schuld, Sie hätte den 
Selbstmord verhindern können. Er habe sich geistig überanstrengt und über- 
arbeitet. Er halte zuviel zu den Prüfungen studiert und außerdem noch eine 
Menge geistiger Interessen gehabt. Sie hätte ihm das verbieten müssen. Sie 
betrachte sich als die Mörderin ihres Sohnes. Sie würde 
Belbst aus dem Leben scheiden, wenn sie nicht so feige wäre. Schließlich 
habe sie auch ihrem Manne gegenüber Verpflichtungen. Sie müsse jetzt immer 
wieder grübeln: Bättest du deinen Sohn nicht retten können?! Ich soll 
sie von dieser Grübelei befreien. 

So heftige Vorwürfe kennen unmöglich rezent sein und haben meist ihre 
Affekte durch I; - iimiiz der Vergangenheit verstärkt. Zwei Möglichkeiten 
kamen hier in Betracht : Sie hatte den Tod ihres Sohnes gewünscht. Die Er- 
füllung dieses Wunsches erzeug! dann das Schuldbewußtsein. Denn fast alle 
Neurotiker haben den geheimen Glauben an die Allmacht ihrer Gedanken. 
Oder sio hat schon eine ähnliche Schuld in der Vergangenheit, Es muß schon 
vor Jahren ein Mensch gestorben sein, dessen Tod für sie mit Schuldgefühlen 
assoziiert wur. In diesem Falle kamen beide Faktoren in Betracht. Die erste 
Belastung stammte aus folgender Quelle. Der Sohn liebte ein Mädchen und die 
Mutter war eifersüchtig. Sie hatte davon geträumt, daß dieser Sohn die Stütze 
ihres Alters sein werde. Er sollte sehr reich heiraten und dadurch die ganze 
Familie materiell heben, gewissermaßen den verblichenen Schimmer des einst 
glänzenden Namens wieder herstellen. Er liebte aber ein armes Mädchen und 
der Mut tei war einmal der Gedanke gekommen : Ehe ich ihn diesem 
Made hon gönne, möchte ich lieber, daß er stirbt. Übet 
diesen Gedanken war sie so entsetzt, daß sie dafür Buße tun wollte und sich ver- 
sprach, der Verbindung keinerlei Hindernisse in den Weg zu legen. Die 
Verbindung loste sich aber automatisch. Das Mädchen wurde ihrem Bräutigam 
untreu und ging ein Verhältnis mit einem reichen Manne ein. Diese Schmach 
und Enttäuschung ertrug der Sohn nicht und das war die Ursache seines Selbst- 
mordes. lOrst konnte die Mutter ihrem Sohne nicht verzeihen, daß er ihr das 
antun konnte und daß ihm die Liebe zum Mädchen höher war als alle Rück- 



I»i.' I'svi'liiilnirii' ili-r friu'i.lon Krau. Il'.l 

sichtauf sie. Sie konnte nicht w.-inm. -i«- hheb gefühllos und sc heinb a r gleich- 
gültig. Die ganze Neurose liraeh erst nach einigen Wochen BIM. 

l>och zur Entstehung des Schuldbewußtseins and der Dyspareunie kommt 
noch ein Erlebnis in Betracht) das In ihrer Jugend spielte. Sie wai noch oin 
M;i(lcli.-n von 18 Jahren, als sio etwas Furchtbares misrnaehen mußte. Das 
Hingtheator brannte und sie vermutete, j;i sie wußte bestimmt, dafi ihr einsiger 

Bruder drinnen war. Sie stand vor dein Theater und betete -m liott und Bebte, 

er möge ihren liebe Bruder erretten. Sie war nahe daran, ein Gelübde ab- 
zulegen, sie wollte «eiuiieii. daß sie ewig keusch bleiben werde 
und sieh nur der Krankenpflege widmen welle, wenn (Sott 
dio Gnade hätte, ihren Bruder vor dem Verbrennen ra • Wie *io 

dns (ielühde ablegen wollte, schoß es ihr durch den Copf: r*ielleichi macl 

du «las (ieliibde iiherlliissigerw eise. Vielleicht ist dein Ihuder g.ir niidit in 
dieses Theater gegangen, vielleieht i~t er BChOU ZU Hause Sie Bflhob das 
(udiil)de auf Und eilte atemlos nach Hause. Der liruder war nicht .mwvseud. 
Er wird bei einer Freundin sein, dachte sie, und hetzte sieh m S& DMI 

H./.iik. Aindi da warder liruder nicht, Nun lief .-de zum EUngtheetsr I 

Die Menge staute sich und es hieß, die meisten waren gerettet, I 
verbrannt, .letzt sei schon kein [jobendar mehr im Theater. Nun hatte 
das (ieliibde keinen Sinn. Dar Bruder aber kam nein naeh Banse und wurde 
am nächsten Tage unter den verkohlten Leichen an einem Rings agnosziert, 

Nun machte sie sieh die heftigsten Vorwurfe, nie wlre seliuhl an dem 
furchtbaren Tode dea Bruders. Matte sie das Gelübde getat der 

Bruder sicherlich nicht verbrannt So quälte sie sieh einige Jahre, 

schließlich ihren jetzigen \l.nm ohne große Liel liste. Jedesmal, wenn 

ihr Mann mit ihr zärtlich war. Bei ihr die Sinne VOf dem EUngthest und 

es kam zu keinem Orgasmus. So hielt « ieliil.de ; Sie war Nonne. ,i h 

durfte uichi em]. linden, sie durfte keinen Qenttfl haben. 

[CO erinnere inieli. ein lustiges Stück gesehen ZU lltlben, II, ,| 

einem jungen Ehemanne gerade in dein Momente, als er • 

eheliche Pflicht erfüllen wollte, ein Heamter ins Kupee rief Ilaben 

sie nichts zu verzollen? Nun wurde er psychisch Impotent Jedesmal 

wenn er die Kniiabitntinti vollziehen wollte, fiel ihm ,i.t schreckliche Kut 

ein. Die Sache könnte wahr sein und >« heim mir dem Leben entnommen 

sie charakterisiert trefflich den Mechanismus der psychischen Impotenz 
Die Frag«' kann auch symbolisch genommen werden und heißl Bist 
du auch frei von jeder Schuld ? 

Daß viele Frauen freiwillig der L US t c n t - 
Migen, um damit für vermeintliche Sfindso ein 
Opfer zu bringen, k ö n n t o i c h noch mit z a h 1 r <> i c |, e „ 
Beispielen belegen. Kr gibt auch Frauen, die die 
Lust f ü r C b I 6 n. w e i 1 sio z u 8 c h w a c h w e r tl e n u n d n u n 
zu erliegen fürchten. Es fürchten viele Freuen 
gerade ihre eigene Leidenschaft. So kommt ©8, 
d aß die leidenschaftlichsten Fr a n. 6 D I n 1 1 t h e t i | Q \ x 
.werden und gerade d i e ß o. Wird die \ D g , | D ,. , | ,. ,, r 



120 



Die Geßchlechtsk&lte der Frau. 



hoben, so kann ein Temperament zum Vorschein 
kommen, das niemanden mehr überrascht oder zu 
überraschen scheint, wie seinen Träger. 

Bei genauem Forschen kommt man aber auf die Wahrheit. Die 
Frauen sagen dann : Ich habe es immer gewußt. Wenn es einmal bei mir 
losbricht, so wird es stärker sein wie bei allen anderen Frauen und wird 
alle Dämme niederreißen! 1 ) Die Angst vor der eigenen Leidenschaft 
kommt auch als Motiv für die Dyspareunie in Betracht, Der nächste 
Fall bringt alle diese Motive vereint zum Ausdruck: 

Fall Nr. 47. Fräulein G. M., 32 Jahre alt, die Maitresse eines vornehmen 
Mannes, leidet an Angstzuständen und Depressionen. Ihr ist so traurig zu Mute, 
daß sie stundenlange weinen muß. Das Leben hätte keinen Zweck. Wozu plage 
man sich denn? Wäre es nicht besser, gleich und schnell ein Ende zu machen 9 
bie sperrt sich oft Wochen in ihr einsames Zimmer und läßt keinen Menschen 
vor Heim Verkehre sei sie vollkommen kalt „wie ein Stück Eis". Sie komme 
nicht einmal in Erregung. Ich lasse mir ihre Lebensgeschichte erzählen. Diese 
Historie ist das Bunteste, das ich je gehört habe. Sie war armer Eltern Kind 
in der Großstadt und lernte früh alle Formen der Sexualität kennen. Als 
Kind trieb sie sich in den abgelegenen Wegen eines Waldberges herum, wo 
altere Herren anwesend waren, die immer dafür zahlten, daß die Kinder mit 
sich spielen ließen oder das Glied der Herren in die Hand nahmen. Manchmal 
hatten die Herren, die oft den feinsten Ständen angehörten, Bonbons oder 
andere kleinero Geschenke in Vorbereitung. Es kam nie zum Versuche 
eines Kongressus. Meistens wurde verlangt, das Membrum in die Hand zu 
nehmen und damit zu spielen. Doch gab es auch Herren, welche die Fellatio 
oder ähnliche Manipulationen verlangten und mitunter sehr gut bezahlten K s 
gab ungefähr 8—10 Mädchen, welche auf den Waldberg gingen und sie kannten 
schon alle Herren, die hinkamen. Mit 13 Jahren gab sie sich einem Offizier hin 
dessen Geliebte sie durch drei Jahre blieb. Er war roh mit ihr und fing zu 
trinken an, so daß sie ihn zum Schlüsse nicht sehen wollte. Sic empfand schon. 
Libido, wenn auch nicht so stark wie später. Da sie im Elternhause Not litt, 
kam sie bald auf die Idee, sich auf diese Weise Geld zu verdienen. Sie trat 
mit einer Frau in Verbindung, die in ihrer Wohnung Rendezvous mit ver- 
schiedenen Lebemännern veranstaltete. Sie sank aber immer tiefer und kam 
mit 18 Jahren in ein Bordell. Dort hielt sie sich ungefähr ein ganzes Jahr auf. 
Sie empfand nur Libido, wenn ihr der Herr sympathisch war und sie nicht 
wie eine Dirne, sondern wie eine Dame behandelte. Einmal aber kamen zwei 
Herren in das Bordell, die Freunde waren. Sie waren vornehme Kavaliere 
und fanden beide Gefallen an ihr. Sie ließen sich mit ihr in ein Gespräch ein. 
Da machte ihr der eine den Vorschlag, sie solle mit ihm ziehen und seine 
Maitressc werden. Er wolle sie ausbilden lassen. Sie nahm den Vorschlag mit 
Begeisterung auf. Er kaufte sie von der Kupplerin los, die behauptete, das 
Madchen wäre ihre größte Attraktion und sei ihr für Kleider eine große Summe 
Geldes schuldig. Bei diesem Kavalier stellte sich sofort beim Kongressus ein 
außerordentlich starker Orgasmus ein. Der Kavalier, ein Batfon X. hielt 

l ) In meinem Buche „Das liebe Ich" (Verlag Otto Salle, Berlin) findet sich fol- 
gender Aphorismus: „Ängstliche Menschen gleichen Lokomotiven, die zu wenig heizen, 
um rechtzeitig bremsen zu können. Sie fahren mit halbem Dampf" (S. 217). 



Die Psychologie der frigiden Frau. i->j 

auch sein Wort. Sie bekam eine feine Wohnung, wurde von Lehrern und 
Lehrerinnen unterrichtet und lernte besonders Gesang, da sie glaubte, großes 
Talent zu haben. Sie kam auch bald zur Bühne, zuerst in den Chor und dann 
trat sie bald in kleineren Solopartien auf. Da sie eine sehr schöne Gestalt 
hatte und sein- schön tanzen konnte, so wurde sie gerne in schönen Kostümen 
zur Schau gestellt. Ihr Bräutigam aber — er hatte sich heimlich mit ihr 
verlobt — war entsetzlich eifersüchtig, so daß er sie mit seiner Eifersucht zu 
Tode quälte. Sie nahm das Kreuz gerne auf sich, obwohl er auch ein arger 
Trinker und roher Mensch war. Sie liebte ihn und ihm zuliebe machte sie in 
der Kunst große Fortschritte, begann größere Partien zu singen, erregte durch 
ihre Grazie ein gewisses Aufsehen, so daß sie am Anfange einer schönen 
Bühnenkarriere stand. Aus der Karriere sollte nichts werden. Das kam so. 
Sie liebte „ihren Robert" trotz und vielleicht auch wegen seiner Gewalt- 
tätigkeit. Sie mußte sich sagen, daß sie erst in seinen Armen lernte, was 
Orgasmus war. Dabei erlebte sie die furchtbarsten Szenen. Einmal kam er 
mit einem Revolver und erklärte, er schieße sie nieder, sie müßten beide 
sterben. Er war auf irgend einen Schauspieler, den sie in der Komödie küssen 
mußte, eifersüchtig: Mit Not erwehrte sie sich seines Ansturmes und konnte 
ihn beruhigen. Ihr Leben war nun ein fortwährendes Bangen und Zittern. 
Aber sie fühlte, daß sie von diesem unter Kuratel stehenden Millionärssohnc 
wahnsinnig geliebt wurde. Eines Tages kam seine Mutter zu ihr und versprach 
ihr eine große Summe, wenn sie ihn verlassen würde. Sie wies alle Anträge 
mit Entrüstung zurück. Sie mieteten eine gemeinsame Wohnung und machten 
alle Vorbereitungen zur Hochzeit. Eines Tages kam sie nach Hause und fand 
den Geliebten nicht, der sie sonst immer von dem Theater abgeholt, hatte oder 
sie in ihrer Wohnung erwartete. Ihr ahnte etwas Schlimmes. Sie fand auch 
einen Brief, der ihr mitteilte, daß ihr Bräutigam wogen Geisteskrankheit 
von seiner Familie in eine geschlossene Nervenheilanstalt gebracht wurde 
Ihr wurde wieder eine Abfertigung angeboten, die sie ausschlug. Sie honte 
ihr Geliebter werde Mittel und Wege finden, sich mit ihr zu verständigen 
Es folgte aber ein großes Schweigen und sie mußte sieh mit dem Gedanken 
abfinden, daß es Jahre dauern würde, bis er wieder zurückkäme. Sie begann 
wieder das alte leichtsinnige Leben. Sie fühlte aber nie mehr in den Annen 
eines anderen und heuchelte nur die Ekstasen. Schließlich fand sich ein filterer 
vornehmer Herr, der für sie sorgen wollte, wenn 6ie nur für ihn leben würder- 
Sie nahm das Anerbieten an. Nach ein paar Monaten hörte sie. daß ihr 
Geliebter aus der Anstalt gekommen sei und sich mit einem reichen Mädchen 
verlobt habe. Eines Tages fiel sie auf der Bühne in Ohnmacht, Sie hatte 
ihn mit der Braut im Theater in einer Loge gesehen. Seit diesem Tage halle 
sie Angst vor der Bühne und konnte sie nicht mehr betreten. Ihre künstlerische 
Karriere war zu Ende. Sie machte dann mit einer Freundin eine Wallfahrt 
nach Rom . . . Nach ein paar Jahren kam ein junger Mann in ihren Bannkreis, 
der sie heiraten wollte und den sie liebte. Wenn er sie küssen wollte. >«■ mußte 
sie ihn wegstoßen. Schließlich überwand sie sich und orgab sich ihm, von 
der Leidenschaft getrieben, hin. Es folgte aber kein Orgasmus, sie war eine 
anästhetische Frau geworden. Sie erzählt, daß sie sich immer während de.-. 
Koitus gewaltsam ablenken müsse. Und zwar spreche sie immer ein Wort vor 
sich hin, dessen Sinn ihr dunkel sei. Sie sagte „Santa Maria Kapellan. r 
Dann wiederholte sie immer wieder das sinnlose Kapellana . . . Im La nie der 
Behandlung trat nun zutage, daß die sehr fromme Patientin auf der Wallfahr! 
der Santa Maria in einer Kapelle ein Gelübde geleistet hatte. Das „Kapel- 



122 Die Geschlechtskälte der Frau. 

lana" ersetzte den Namen der Kapelle. Sie hörte in Koni, in dieser Kapelle 
•werde das Gebet sündiger Frauen erhört und sie 
würden der Keuschheit zugeführt. Dort warf sie sich in- 
brünstig zu Boden und gelobte, ewig keusch zu bleiben, wenn ihr ihre 
Vergangenheit verziehen würde . . .Mit diesem Gelübde hatte sie 
das Recht auf den Orgasmus freiwillig aufgegeben. 
Sie ahnte nicht, daß sie so bald wieder lieben würde .... Ihr Verhältnis mit 
dem reichen Manne betrachtete sie auch als Sünde. Aber sie hatte für ihn 
nie empfunden und so konnten die einzelnen Akte, die sehr selten vor sich 
gingen, weil der Mann meistens auf Reisen war, als etwas nebensächliches 
betrachtet werden. Es war keine Sünde, weil sie nichts empfand und ja auf 
keine andere Weise leben konnte. Sie war auf seine Unterstützungen an- 
gewiesen. Aber von dem Gelde wurde immer ein Teil für wohltätige Werke 
und selbst für Kirchenbau verwendet. 

Zur Ergänzung dieser Geschichte, die uns beweist, wie Keuschheits- 
tendenzen das Entstehen des Orgasmus verhindern können und die auch die 
Wichtigkeit eines Gelübdes illustriert, ist noch ein sehr interessantes De- 
tail nachzutragen. Die Patientin, die auch an Angstzuständen litt, hatte 
Angst, wenn sie einem Geistlichen begegnete, sie könnte dann etwas Böses 
denken. Deshalb traute sie sich nie in die Kirche und suchte nur stille, abge- 
legene einsame Kapellen auf. Sie gestand mir dann, daß ihre größte Lust 
Geistliche gewesen seien. Überhaupt Männer mit rasiertem Gesichte. Ihr 
Bräutigam war ganz rasiert und der junge Mann, in den sie sich verliebte, 
ebenfalls. Wir kennen diese Maske der Homosexualität, die auch aus anderen 
ihrer Handlungen hervorgeht. Im Lupanar hatte sie homosexuelle Akte mit 
höchstem Orgasmus ausgeführt und dann plötzlich damit aufgehört, weil es 
eine Sünde und nicht natürlich sei . . Aber sie erzählt plötzlich eine Reihe 
von Abenteuern mit Geistlichen. Sie war einige Male wegen ihrer Nerven in 
Wörrishofen gewesen, und zwar, wie sie glaubte, weil dort so viele Priester 
zur Kur hinkämen; Hier sehen wir ein wunderschönes Beispiel der Bipolarität 
aller Erscheinungen. Auf der einen Seite eine sklavische Frömmigkeit, die 
sich in Rosenkranzbeten, Gelübden und Wallfahrten äußert — hatte sie sich 
doch auch eine kleine Hauskapelle eingerichtet — und auf der anderen das 
brennende Verlangen, sich gegen Gott zu empören. Sie hatte als Kind und 
auch später im Rausche wiederholt blasphemische Ausdrücke gebracht. Ihr 
größter Triumph war es aber, einen Priester zu verführen. Das wäre stets ein 
Orgasmus gewesen, der selbst den beim Geliebten übertroffen hätte. Sie 
erzählt eine Reihe unglaublicher Abenteuer und belegt sie mit Briefen und 
Photographien. Ihr Stolz sei es gewesen, daß ihr ein ausländischer Geistlicher 
nach Verabredung während einer heiligen Handlung ein Zeichen, das nur sie 
verstand, machte. Damals fühlte sie sich als eine außergewöhnliche Sünderin, 
als ein Mensch, der den Mut hatte, dem höchsten Wesen einen Streich zu spielen. 

Erst später sei ihr die Erkenntnis dieser Sünden gekommen und sie habe 
alles verstanden: Gott habe ihr den geliebten Mann genommen, weil sie so 
viele Geistliche in raffinierter Weise verführt hatte. Sie war auch nicht 
würdig, die höchste Lust zu empfinden ... Sie sprach die Absicht aus, in ein 
Kloster zu gehen und ihre Vergangenheit zu büßen. Sie schrieb ihrem ver- 
zweifelten Geliebten definitiv ab, löste den Haushalt auf und verschwand aus 
meinem Gesichtskreis. Ich habe mich nach ihr erkundigt, weil mich ihr weiteres 
Schicksal interessierte. Ich erhielt die Auskunft, sie wäre nach Verkauf aller 
Möbel eines Tages weggefahren und man wisse nicht, wo sie sich befände . . . 



. • Die Psychologie der frigiden Frau. 123 

Wir sehen, wie verschieden die Formen der Dyspareunie sind. Ich 
habe hier Fälle geschildert, in denen die Dyspareunie nur eine relative 
war. Ich stehe aber ganz auf dem Standpunkte von Otto Adler, der be- 
hauptet, daß es eigentlich keine anästhetische Frau gebe. Irgend eine 
Hemmung verhindere das Eintreten des Orgasmus. Doch glaube ich, daß 
ich bisher noch immer nicht das tiefste Wesen der Dyspareunie erklärt 
habe und daß wir noch tiefer in das Verhältnis zwischen Mann und Weib 
eindringen müssen. 

Wir haben bisher die Dyspareunie als ein „Ich kann nicht!'' auf- 
gefaßt. Wir sind auch auf Fälle gekommen, wo uns ein „Ich darf nicht!" 
entgegentrat. Die arme Frau, welche ihrem kranken Kinde den Tod 
wünschte, um in der Nachtruhe und im Genüsse der Liebe nicht gestört 
zu werden, war so ein Beispiel. Die Prostituierte, welche sich aus 
Schlamm und Schmutz zu einer Heiligen emporgerungen hat. war ein 
ähnliches, wenngleich schon ein vernehmliches „Ich will nicht!" mit- 
schwingen mußte. 

Freilich, wenn wir den Angaben der Frauen trauen, so kommen 
wir nie zu klaren sicheren Erkenntnissen. Wir müssen stets mit der 
Schau spielernatur des Neurotikers rechnen. Wir dürfen seinen Worten 
nur insoferne trauen, als sie eine, aber wohlgemerkt nur eine Seelen- 
strömung seines Innern vertreten. Aber es gibt noch andere Kräfte in 
ihm, die er uns nicht verraten will, die seine geheime Seligkeit aus- 
machen, die er selbst nicht sehen will oder nicht sehen kann. 

In vielen Fällen liegt die Hemmung so klar zutage, daß man das 
„Ich will nicht!" auf einem Präsentierteller erhält und daß nur der 
böse AVille dazu gehört, um es nicht zu sehen. 

Wir wollen diese komplizierten Probleme in den nächsten Kapiteln, 
in denen auch ausführliche Analysen folgen werden, behandeln. Hier 
möchte ich nur den Fall einer Frau erwähnen, der das „Ich will nicht "• 
besonders klar imd drastisch zum Ausdruck bringt. 

Fall Nr. 48. Eine 28jährige Frau konsultiert mich wegen vollkommene! 
Gefühlskälte während des Verkehres. Im Laufe der Behandlung, der sie einen 
großen Widerstand entgegensetzt, erkenno ich, daß es sich um eine selbst 
herbeigeführte Anästhesie handelt. Die Kranke hat Gründe, um nicht zu 
empfinden, mit anderen Worten: Sie will nicht empfinden. Wir wissen, daß 
Männer imstande sind, durch Ablenkung den Orgasmus aufzuheben und hinaus- 
zuschieben. Daß die Anästhesie der Frauen ein Willensakt ist und ähnlich 
zustande kommt wie der verlängerte Orgasmus des .Mannes, das beweist der 
folgende Traum unserer kalten Frau: 

Ich war noch Schwester. Eino Frau sollte ein Kind bekommen und 
ich hätte bei der Pflege gerne assistiert. Aber der Doktor hatte schon 
zwei andere Schwestern genommen, die ich vor dem Schlafzimmer der 
Frau auf dem Gange in H. stehen sehe. Die Frau sollte rufen, sobald 
sie die Schwestern braucht. Sie tut e6 nicht und als endlich die Ober- 



^24 D' e Geschlechtskiilte der Frau. 

Schwester nachschaut, ob die Frau das Kind noch nicht zur Welt bringen 
kann, sehe auch ich die Frau im Bette sitzen, aschfahl, mit einem Tuch 
um den Kopf gebunden. Sie hat das Kind aus irgend einem Grunde nicht 
zur Welt bringen wollen, hat es zurückgehalten und jetzt sagt man, daß 
das Kind vereist sei . . . Der Doktor kommt, um es mit Gewalt zur 
Welt zu bringen, aber es heißt immer: Das Kind sei vereist . . . 

Wir sehen hier im Traume ein zu Eis erstarrtes Kind, aber nur erstarrt, 
weil die Frau es nicht gebären wollte. Die Oberschwester symbolisiert das 
Bewußtsein, welches sie streng kontrolliert. Die beiden Schwestern drücken 
ihre starke homosexuelle Einstellung aus und ihre Liebe zu den beiden Brüdern. 
Sie ist in der Ehe immer anästhetisch, träumt aber oft lustbetont von einem ' 
Kongressus mit den Brüdern. Der eine von ihnen hatte einmal ein Attentat 
auf sie ausgeübt, das ihr als Warnung noch immer in Erinnerung ist. Sie 
wird von einem Doktor umworben, dem sie aber ebenfalls das Kind nicht zur 
Welt bringen will. Zum Kind fiel ihr ein Amor ein. Ihr Amor ist erfroren. 
Aber nur, weil sie nicht empfinden will. Denn sie gesteht, daß ihr jede Lust 
wie eine Sünde vorkommt, seit sie von dem Bruder sexuell geträumt hat. Jeder 
Mann hat ein Stückchen vom Bruder an sich. Sie würde am liebsten gar keinen 
Verkehr haben und wie Bruder und Schwester mit ihrem Manne leben. S i e 
verhindert das Eintreten eines Orgasmus dadurch, 
daß sie sich einerecht komische Szene vorstellt. In- 
zwischen gehe der Akt vorüber ... Sie will nicht empfinden und der Traum 
bestätigt, was sie mir lange nicht zugeben wollte. 

Der verräterische Traum sagtr: Ich will kein Kind haben, ich will von 
meinem Manne kein Kind haben . . . Was kann das für ein Kind sein, das 
ohne Liebe gezeugt wurde? Das Kind wird ein Kind aus Eis sein, denn für 
meinen Mann bin ich eiskalt . . . 

Sie proponiert ihrem Manne eine Seelenehe, in der sie wie Bruder und 
Schwester leben könnten. Das würde in ihnen neue Kräfte wecken und aus 
ihnen Adelsmenschen machen.- Als er nicht einwilligt und ihr erklärt, er könne 
auf den Beischlaf nicht verzichten, wird sie krank. Nach einem Koitus hat sie 
alle möglichen und unmöglichen Beschwerden. „Ein Koitus ohne Gefühl ist 
ekelhaft!" — sagt sie mit Recht. Wie sie sich aber die Liebe denkt, das 
beweist ein anderer Traum: 

Ich bin in uralter Zeit in einer Höhle, heiße Sieglinde und warte 
auf den Helden, der mich erlöst. Siegmund erscheint und stößt sein langes 
Schwert in die Mauer, daß es bis auf das Heft hineindringt. Ich jauchze 
ihm vor Wonne entgegen und umfange ihn, küsse ihn mit solcher Inbrunst, 
wie ich im Leben nie geküßt habe. Da tönt Wotans Stimme gewaltig 
durch den Himmel: Halt ein! Halt ein! Die Nornen haben es ver- 
boten! . . . 

Sie will angeblich' nicht wissen und glauben, daß Sieglinde und Sieg- 
mund in der Darstellung von Wagner Geschwister sind. Sie war unzählige 
Male in der Oper gewesen, es hätte ihr auffallen müssen. Ein Textbuch aber 
überzeugt sie, daß sie eine wichtige Tatsache nicht hatte sehen wollen. Sie 
begreift auch die Symbolik des Schwertes! Es ist der brüderliche Phallus, der 
diese Wunder vollzieht. Wotan repräsentiert die Warnung der Gottheit und 
das kategorische: Du darfst nicht! 






Die Psychologie der frigiden Frau. ]2, r > 

Interessant ist der Umstand, daß mir das Geständnis, daß sie sich eine 
komische Stelle vorstellen müsse, erst in den letzten Tagen und unter großem 
Widerstreben mitgeteilt wurde. Es war ihr Geheimnis, und der Kunstgriff ver- 
riet das Beabsichtigte der Anästhesie, um deretwillen sie zu mir in Behandlung 
gekommen war. Ihre Physis drohte den Reizungen des ungeliebten Mannes 
zu erliegen. Das aber wollte sie nicht. Sie half sich, indem sie das Komische 
zu Hilfe rief, den größten Feind des Pathos. 

Der Orgasmus ist Pathos, ist Leidenschaft. Nichts kann eine Leiden- 
schaft so zerstören, als der Fluch der Lächerlichkeit. Leider wollte sie mir 
nicht mitteilen, an welche komische Szene sie dachte» Sie meinte: „Sie müssen 
sich schon mit der nackten Tatsache zufrieden 'geben. Ich wollte es Ihnen 
niemals verraten. Sie haben mir das Geheimnis entrissen. Nun sehe ich, daß 
jede weitere Behandlung überflüssig ist. Ich verstehe nun, daß ich nicht 
empfinden will, und begreife, daß ich ein Doppelspiel aufgeführt habe . . . Und 
was am schlimmsten ist: Vor mir nicht minder als vor Ihnen und vor aller 
Welt!" 

Wir begegnen hier einem Motiv, das in der Psychogenese der An- 
ästhesie von Bedeutung ist: Der Liebe zum Schwager. Der Schwager 
bezieht seine Wertigkeit aus dein Umstände, daß er ein Bruder ist und 
verrät, daß die Liebende an den eigenen Bruder fixiert ist. Wenigstens 
in vielen Fällen. Ich kannte eine Dame, die sich der Reihe nach in 
ihre drei Schwäger verliebte. Ich möchte auch den Fall einer jungen 
Frau erwähnen, die bei ihrem Manne anästhetisch war und bei dem viel 
schwächeren Schwager, der keineswegs ein Liebesheld war, außerordent- 
lich empfinden konnte. Alle diese Patientinnen hatten Brüder, an denen 
sie mit großer Liebe hingen. Die Gefährlichkeit des Schwagers und 
der Schwägerin ist allen Kennern des Liebeslebens woldbekannt. 

m Ich füge meiner Kasuistik noch zwei Fälle aus der reichen Er- 
fahrung von Dr. Ferdinand Winkler hinzu, die deutlich einen inneren 
Widerstand gegen den Orgasmus, Ekel, Angst und Ablehnung infolge 
mangelnder Liebe ausdrücken. 

Fall Nr. 49. Eine Frau von etwa dreißig Jahren klagt über ein quälendes 
Erbrechen, das schon während des Schluckaktes auftritt und das s*e hindert, 
an den Familienmahlzeiten teilzunehmen; sie kann nur ,, versteckt", ohne 
Beisein ihres Mannes, Kleinigkeiten zu sich nehmen. Sie hat zwar mehrmals 
geboren, ist aber stets sexuell anästhetisch gewesen und meidet seit mehreren 
Jahren den Geschlechtsverkehr vollständig, weil sie ja nichts fühle und trotz- 
dem dabei die Angst vor neuerlicher Schwangerschaft habe. Sie hat also das 
Band zwischen sich und ihrem Manne, mit dem sie übrigens sehr lieb ist und 
dessen großes Haus sie tadellos führt, sowohl dem Tische wie dem Bette nach 
gelöst; wie sie den Geschlechtsverkehr mit ihrem Manne aufgegeben hat, so 
sträubt sie sich auch, etwas an seinem Tische zu genießen; versteckt, ohne 
sein Beisein, kann sie ungestraft essen. 

Die sexuelle Anästhesie hat sich also in eigentümlicher Weise ins 
Körperliche des Schluckaktes konvertiert; die Analogie zwischen dem Hinaus- 
drängenwollen des ihr Angst einflößenden Gliedes aus der Vagina und zwischen 
dem Hinausdrücken der in Gegenwart des Mannes genossenen Speisen ist klar. 



126 Die Geschlechtskältc der Frau. 

Interessant ist, daß die junge Dame sich den Liebeswerbungen anderer Männer 
gegenüber sehr abweisend verhält und daß sie, auch in Abwesenheit ihres 
Gatten, in Gegenwart anderer Personen die Speisen erbricht. Sie kann nur 
allein essen, ebenso wie sie sich sexuell allein befriedigt, indem sie die Schenkel 
aufeinanderpreßt. Wie man sieht, gibt es auch hier eine Autarchic, eine Selbst- 
versorgung im eigentlichen Sinne. 

Fall Nr. 50. Ein jung verheirateter Ehemann kommt von der Hochzeits- 
reise mit der Klage zurück, daß seine Frau bei jeder Annäherung einen der- 
artigen Krampf der 0ber6chenkclmuskulatur erleide, daß er jeden Versuch auf- 
geben müsse; die ihm von Seiten eines Arztes auf der Reise empfohlene Kokain- 
salbe habe keinerlei Nutzen gebracht; er bat mich auf Grund seiner Lektüre 
um Einleitung einer elektrischen Behandlung. Die Einführung der Vaginal- 
elektrode erwies sich aber, solange ich sie in der Hand hielt, als unmöglich, 
da auch bei der Annäherung meiner Hand der Krampf der Adduktoren beider 
Oberschenkel auftrat und diese Muskelgruppen wirklich die alte Bezeichnung 
als Tutores virginitatis zu verdienen schienen. Da die Dame die Selbst- 
einführung der Elektrode ablehnte, wurde der Versuch der elektrischen Be- 
handlung aufgegeben. Nach etlichen Wochen erschien der Ehemann neuerdings 
mit der Mitteilung, die tristen Verhältnisse beim Koitus seien nicht geändert, 
aber die Menstruation sei ausgeblieben, und eine Schwangerschaft sei doch 
in diesem Falle unmöglich; er bitte um Feststellung, ob nicht eine andere 
Erkrankung vorliege. Die Untersuchung erwies sich wieder als unmöglich, 
und auch ein zu Rate gezogener Spezialarzt, ein durch seine große Erfahrung 
bekannter Professor der Gynäkologie, mußte sein Unvermögen, eine Unter- 
suchung durchzuführen, zu seinem großen Erstaunen zugeben. Wir beschlossen 
— ein wohl selten vorkommender Fall! — die Einleitung einer Narkose. Nun 
zeigte sich, daß trotz unverletzten Hymens eine Gravidität vorhanden war; 
die Kontraktion der Adduktorenmuskulatur hatte zwar die Virginität ge- 
schützt, aber die Gravidität nicht verhindert. Das Hymen wurde operativ 
durchschnitten, ohne daß während des weiteren Fortschrittes der Schwanger- 
schaft die Koitusverhältnisse sich änderten. Die Geburt erfolgte in Narkose, 
da sich die Notwendigkeit einer Zangengeburt erwies. Bald nach der Geburt 
erklärte die junge Mutter ihrem Manne, daß sie sieh den Gefahren und der 
Unannehmlichkeit von Schwangerschaft und Geburt nicht wieder aussetzen 
wolle; sie verzichte auf jede sexuelle Gemeinschaft mit ihm, gebe ihn in 
sexueller -Beziehung „bis auf Widerruf" frei, bleibe aber seine Kameradin 
und Gefährtin und müsse über seine Liebesaffären getreuen Bericht erhalten; 
denn eine Geschmacklosigkeit würde sie auch in dieser Hinsicht nicht dulden. 
Nach fünf Jahren zog sie ihre Zustimmung zu dem außerehelichen Verkehr 
zurück und seither erfolgt der Koitus ganz normal. 

Dio psychologische Analyse ergab, daß die junge Frau aus äußeren 
Gründen in die Heirat einwilligte und dabei den Gedanken nicht los werden 
konnte, sie habe sich durch die Heirat deklassiert; aus diesem Grunde wehrte 
sie dem Ehemann den Eintritt in ihr Heiligtum; und erst als sie durch die 
Zärtlichkeit des Mannes und durch seine Erfolge im praktischen Leben davon 
überzeugt war, daß sie sich auf der Sonnenseite des Lebens befinde, schwand 
die Kontraktur der Muskulatur von selbst. Dabei ist zu bemerken, daß sich die 
junge Frau in dem ersten Jahre der Ehe nach dem Zeugnisse des Ehemannes 
bemüht hat, sich den Wünschen ihres Mannes willfährig zu erweisen, daß aber 
dio Muskelkontraktur stärker war als der Wille zum Koitus. Der Wächter. 



Ergänzungen. [27 

den die Meinung von dem Heruntersteigen au6 ihrer Kaste vor ihr Hymen 
gesetzt hatte, machte auch vor dem Willen zum Koitus nicht Platz, sondern 
behauptete ihn durch lange Zeit hindurch, indem die Bemühungen des Mannes, 
durch Liebkosungen in den ersten Zeiten nach der Geburt des Kindes den 
Widerstand zu brechen, ganz erfolglos blieben; die Liebkosungen wurden er- 
widert, der Eingang zum Tempel blieb aber verschlossen. 

Aus allen diesen Beispielen ersehen wir die große Bedeutung 
seelischer Mechanismen beim Zustandekommen der weiblichen Frigi- 
dität. Die geschilderten geheimen (nebenbewußten) Imperative ..Du 
darfst nicht!" . . . „Du sollst nicht!" . . . und das übermächtige, trotzige 
„Ich will nicht!" überwältigen den Geschlechtstrieb und hindern seinen 
natürlichen Ablauf. Wie mächtig äußert sich gerade bei der frigiden 
Frau der „Kampf der Geschlechter" in diesem hartnäckig festgehaltenen: 
„Ich will nicht!" Das Problem der Liebe ist ein kompliziertes Rätsel 
mit vielen Unbekannten. Eine Dyspareunie heilen kann nur der Arzt, 
der in der Gleichung der Neurose die verschiedenen unbekannten Größen 
ausfindig macht. 

In allen-F allen handelt es sich um ein..lnneres 
Nein!" Dieses Nein kann organisch ausgedrückt 
werden. Die Kranken, verbergen dann das „Ich will 
nicht!" oder „Ich darf nicht!" durch ein „Ich kann 
nicht!" Die Enthüllung des „Inneren N e i n" i e t die 
Aufgabe der Psychanalyse bei der Behandlung 
dieser Störungen. Dieses Nein kann aber auch 
heißen: „Ich will kein Weib sein!" - oder: „Ich will 
dir kein W r eib sein!" Die Dyspareunie zeigt uns 
die fortschreitende Dissoziation des Kultur- 
menschen, seine Spaltung in einen „W o 1 1 e n d e n" 
und „Nie h t-W o 1 1 e n d e n", seine innere Zerrissenheit, 
sein Spiel vor sich selbst und seinen Kampf mit 
sich selbst! 



VI. 
Ergänzungen. 



Es i6t sehr interessant, bei Frauen nachzuforschen, wann sie den 
ersten und wann sie den stärksten Orgasmus empfunden haben. Die 
Mittel, zu einem Orgasmus zu kommen, sind sehr verschieden. Manche 
Frau benützt eine Phantasie, stellt sieh während des Koitus eine be- 
stimmte Szene vor. Andere können nur mit Hilfe von Angst Orgasni'u 
erzielen. Sie stellen sich vor, daß sie plötzlich ertappt werden, daß sie 



128 Die Geschlechtskälte der Frau. 

ermordet werden könnten usw. Das erklärt den seltsamen Umstand, daß 
sie bei einem Geliebten, der ihnen viel weniger gefällt als ihr eigener 
Mann, sehr stark empfinden, wenn sie fürchten ertappt zu werden. Dazu 
kommt der Reiz des Verbotenen, die Freude, dem Manne etwas anzutun. 
Ferner der Umstand, daß sie sich beim Geliebten gehen lassen, jede 
Scham abwerfen, sich jede Paraphilie erlauben können, die sie dem Manne 
in keuscher Unnahbarkeit versagen, aus Angst, er könnte sie weniger 
achten. Bei sehr vielen Frauen spielt die Vergewaltigungsphantasie 
eine große Rolle. Sie lassen sich gerne vergewaltigen, weil das die 
einzige Möglichkeit für sie ist, zum Orgasmus zu kommen. Oder siö 
müssen mit dem Manne vor dem Koitus raufen. 

Die Vorstellung, daß sie belauscht werden, daß jemand zuhört, daß 
sich in dem Zimmer schon vieles zugetragen hat (Absteigquartier) kann 
die Libido außerordentlich steigern. Oft kann man es beobachten, daß 
nach dem ersten Orgasmus, der bei einer besonderen Gelegenheit auftritt, 
der Orgasmus regelmäßig bleibt. Es handelt sich um die 
Bahnung des orgastischen Reflexes. Solche Bahnungen 
können in der Schwangerschaft auftreten, bei der die Libido mitunter 
außerordentlich erhöht ist und sich zur „Erotomanie" steigern kann. 
Schwangere Frauen verlieben sich oft mehrere Male während einer 
Schwangerschaft, machen allerlei Dummheiten, lassen sich zu Schritten 
hinreißen, welche sie ohne den Einfluß der Gravidität nie unternommen 
hätten. Sie sind durch die Steigerung der inneren Sekretion erotisiert. 
Diese Erotisierung kann aber auch auf rein seelischem Wege zustande 
kommen. Irgend ein infantiler Eindruck, der Zuschuß aus einer ver- 
drängten Triebregung, der Wegfall einer Hemmung genügt, um den 
ersten Orgasmus auszulösen. Mitunter kommt der Orgasmus bei einer 
sonderbaren unerwarteten Gelegenheit. 

In Maupassants feinstem Romane „Une vie" findet sich eine Stelle, 
welche das Eintreten des Orgasmus schildert. Das junge Paar befindet 
sich auf der Hochzeitsreise. Es sind schon einige Wochen vergangen, die 
Frau hat. trotz der Leidenschaft des Mannes noch nicht den Genuß der 
Liebe gefunden. Sie kommen an einen Brunnen, dessen klarer Quell aus 
einer Röhre sprudelt. Jeanne und ihr Mann sind beide durstig. Jedes 
will zuerst trinken. Sie haben kein Gefäß und wollen aus der Röhre 
Irinken. 

„Und wie sie die Frische des Wassers genoß, umfaßte er sie um 
die Taille, trachtete ihr den Platz am Ende des Holzrohres zu rauben. 
Sie widerstand, ihre Lippen trafen sich und stießen sich weg. In den 
einzelnen Phasen des Kampfes ergriffen sie abwechselnd das schmale 
Ende des Rohres und bissen es, um es nicht loslassen zu müssen, und 
der Strahl des kalten Wassers unaufhörlich wiedergewonnen und losge- 
lassen, brach sich und erneuerte sich, bespritzte die Gesichter, die Hände, 







Ergänzungen. ioö 

die Kleider, die Hälse. Tropfen gleich Perlen glänzten in ihren Hanren. 
Ihre Küsse mengten sich mit dem Strahl des Wassers. 

Plötzlich gab die Liebe Jeanne einen Gedanken ein. Sie füllte 
ihren Mund mit der klaren Flüssigkeit und mit Wangen, aufgeblasen wie 
ein Hamster, machte sie Julien verständlich, daß 6ie Lippe an Lippe ihm 
den Durst stillen wollte. Er hielt ihr lächelnd den Mund entgegen, mit 
geöffneten Armen den Kopf nach rückwärts, trank er in einem Zug aus 
dieser Quelle lebenden Fleisches, welche ihm ein brennendes Begehren in 
die Eingeweide goß. Jeanne stützte sich mit ungewohnter Zärtlichkeit 
auf ihn, ihr Herz schlug, ihr Busen hob sich, ihre Augen schienen weich 
geworden, von Wasser voll zu sein. Sie flüsterte ganz leise: ..Julien, 
ich liebe dich!" — und ihn an sich ziehend bog 6ie sich zurück und 
barg ihr vor Schani errötendes Gesicht in den Händen. Er warf sich 
auf sie, umarmte sie mit Leidenschaft. Sie atmete stoßweise in einer 
nervösen Erwartung und plötzlich stieß sie einen Schrei aus. wie von 
einem Blitzschlag getroffen, durch das Gefühl, welches sie empfand." 

Diese Beobachtung scheint Maupa6sant dem Leben entnommen zu 
haben. Die Frau empfindet, nachdem sie ihrem Manne ein.- Flüssigkeit 
in den Mund gespritzt hat. Es scheint, daß der homosexuelle Anteil ihrer 
Libido den plötzlichen Zuschuß an Sexualität geliefert hat. so daÜ der 
Orgasmus eingetreten ist. Einmal gebahnt, bricht er sieh ohne homo- 
sexuelle Mithilfe durch. 

Der Orgasmus kann aber ausbleiben, weil die Vorlust immer mehr 
betont wird, so daß es zu keiner eigentlichen Endlust kommen kann 
Bei phantasiereichen Frauen wird so viel vorgenossen, daß sie v<m der 
Endlust enttäuscht sind. 

Freud bemerkt sehr treffend: 

Der Zusammenhang der Vorlust aber mit dem infantilen Sexual- 
leben wird durch die pathogene Holle, die ihr zufallen kann, bekräftigt. 
Aus dem Mechanismus, in den die Vorlust aufgenommen ist, ergibt sich 
für die Erreichung des normalen Sexualzielos offenbar eine Gefahr, die 
dann eintritt, wenn an irgend einer Stelle der vorbereitenden Sexualvor- 
gänge die Vorlust zu groß, ihr Spannungsanteil zu gering ausfallen sollte. 
Dann entfällt die Triebkraft, um den Sexualfortgang weiter fortzusetzen, 
der ganze Weg verkürzt sich, die betreffende vorbereitende Aktion tritt 
an Stelle des normalen Sexualzieles. Dieser schädliche Fall hat erfahrungs- 
gemäß zur Bedingung, daß die betreffende erogene Zono oder der ent- 
sprechende Partialtrieb 6chon im infantilen Leben in ungewöhnlichem 
Maße zur LuKtpewinnung beigetragen hat. Kommen noch Momente hinzu, 
welche auf die Fixierung hinwirken, so entsteht leicht füre spätere Leben 
ein Zwang, welcher sich der Einordnung dieser einen Vorlust in einen 
neuen Zusammenhang widersetzt. Solcher Art ist in der Tat der Mechanis- 
mus vieler Perversionen, die ein Verweilen bei vorbereitenden Akten des 
Sexualvorganges darstellen. 

Das Fehlschlagen der Funktion des Sexualmechanismus durch die 
Schuld der Vorlust wird am ehesten vermieden, wenn das Primat der 
Genitalzonen gleichfalls bereits im infantilen Loben vorgezeichnet ist 

SioUi.l, StOlUdgra <!<•» Tiieli- und AflVktM>i-ni III - Aul!. n 



130 Die Geschlechtskälte der Frau. 

Dazu scheinen die Anstalten wirklich in der zweiten Hälfte der Kinderzeit 
(von 8 Jahren bis zur Pubertät) getroffen, zu sein. Die Genitalzonen- be- 
nehmen sich in diesen Jahren bereits in ähnlicher Weise wie zur Zeit der 
Reife, sie werden der Sitz von Erregungssensationen und Bereitschafts- 
veränderungen, wenn irgend welche Lust durch Befriedigung anderer 
erogener Zonen empfunden wird, obwohl dieser Effekt noch zwecklos 
bleibt, d. h. nichts dazu beiträgt, den Sexualvorgang fortzusetzen. Es ent- 
steht also bereits in den Kinderjahren neben der Befriedigungslust ein 

. gewisser Beitrag von Sexualspannung, obwohl minder konstant und 
weniger ausgiebig, und nun können wir verstehen, warum wir bei der 
Erörterung der Quellen der Sexualität mit ebenso gutem Recht sagen 
konnten, der betreffende Vorgang wirke sexuell befriedigend, wie er sexuell 
erregend wirke. Wir merken, daß wir auf dem Wege zur Erkenntnis 
uns die Unterschiede des infantilen und des reifen Sexuallebens zunächst 
übertrieben groß vorgestellt haben, und tragen nun die Korrektur nach. 
Nicht nur die Abweichungen vom normalen Sexualleben, sondern auch 

. die normale Gestaltung desselben wird durch die infantilen Äußerungen 
der Sexualität bestimmt. (Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, S. 56 
bis 58.) ■ 

Die Vorlust setzt sich dann oft aus infantilen Lustquellen zusam 
men. Eine große Rolle spielt das Streicheln, das die Erinnerung an die 
Zärtlichkeit der Erziehungspersonen wachruft. Andrerseits setzt eine 
infantile Form der Sexualbefriedigung den höchsten Orgasmus durch. 
Oft sind es die Realisierungen ., infantiler Sexualtheorien" (Freud). 
Eine solche infantile Sexualtheorie nimmt an, daß die Kinder dadurch 
entstehen, daß der Mann der Frau in die Scheide hineinuriniert. Diese 
Theorie ist bei Kindern sehr verbreitet. Die nachfolgende Beobachtung 
ist ein interessanter Beitrag zu dieser Frage: 

Fall Nr. 51. Frau P. K., 30 Jahre alt, ließ sich von ihrem Manne 
scheiden, weil er ihr geistig nicht genügte und sie seine Umarmungen als lästig 
empfand. In sechsjähriger Ehe kein Orgasmus. Erster Orgasmus bei einem 
Arzte, der sie in ihrer Wohnung bei offenen Türen besaß. Das Ganze dauerte 
kaum eine Minute und trotzdem empfand sie sehr starken Orgasmus. Sie suchte 
dann den Arzt wiederholt auf. Sie betonte immer, daß sie keine Zeit hätte, 
ließ sich wie das erste Mal nur in den Kleidern umarmen. Je schneller der 
Akt vorüber war, desto größer der Orgasmus. Die Schnelligkeit der Aus- 
führung wirkte als erhöhter Reiz. Der nächste Geliebte war ein stadtbekannter 
Don Juan, der sie in alle Variationen und Perversitäten einweihte. Da ver- 
langte sie eines Tages von ihm, daß er in ihre Vagina urinieren sollte. Er 
brachte das Kunststück mit halberigiertem Penis zustande, dabei erzielte sie 
den höchsten Orgasmus, so daß die anderen Arten der Befriedigung sie kalt 
ließen. Sie versuchte dann andere Männer zu dieser Art des Verkehres anzu- 
regen, hie und da mit Erfolg. Unter den vielen Männern traf sie einen, den 
sie leidenschaftlich liebte. Sie verlangte bald von ihm, er solle ihre Freundin 
verführen und sie zusehen lassen. Er sträubte sich gegen diese Zumutung, 
weil er sie aufrichtig liebte. Darauf reizte ihn die Frau mit der Bemerkung, 
er fürchte sich vor einer Niederlage. Er brachte es bald dazu, die Freundin 
zu besitzen, die sich aber sträubte, sich bei ihren Liebesszenen belauschen zu 



Ergänzungen. ' j •> i 

lassen. Das Ende dieser Affäre kam der Frau unerwartet: Ihr Liebhaber vor- 
ließ sie, um der Freundin treu zu bleiben . . . 

Erfahrenen Frauenkennern ist es bekannt, daß sich Frauen vor der 
Liebe durch Entwertung des Mannes schützen. Die nächste Mitteilung 
eines Mädchens bringt uns diese Neigung zur Entwertung deutlich zum 
Ausdruck. Solche Frauen bleiben kalt, weil sie während der Umarmungen 
nach Ablenkungen suchen, um dem Manne nicht den Triumph des Orgas- 
mus zu verschaffen. 

Frau J. L. schreibt mir : 

Fall Nr. 52. Sie verlangten von mir einen Bericht über meinen Zustand 
und will ich mich daher bemühen, ihn in großen Zügen zu schildern : 

Meine früheste Erinnerung ist Angst und Unbefriedigung. Was ich 
immer tat, erschien mir unvollkommen und trotz heftigster, nervös-überreizter 
Anstrengung erreichte ich nicht den in meiner Einbildung existierenden Grad 
der Vollkommenheit. 

Beispiele : 

Ich räumte als Kind meine Spielsachen ein; stundenlang mühte ich mich, 
dies „gut" zu machen, ohne daß es mir gelang. (In meiner Einbildung natür- 
lich!) Die Folge war ein Gefühl der Unruhe, der Niedergeschlagenheit, der 
Zerrissenheit anstatt der Befriedigung nach getaner Arbeit. 

Oder ich wollte mich zu Hause oder auf der Straße recht behaglich 
fühlen, kam jedoch nicht über das entsetzlich beängstigende Gefühl hinweg, 
daß die Häuser umfallen, die Möbel hin- und herschwingen etc. Dieses letztere 
Gefühl, daß mich Gegenstände, die nicht ganz ruhig stehen, ängstigen, habe 
ich überdies noch heute. 

Wenn ich etwas recht gut leinen wollte, so mußte ich mich tagelang mit 
derselben Sache abmühen, ohne zu glauben, ich konnte es, obwohl ich eigentlich 
sehr rasch auffaßte. 

Besonders zu schaffen machte mir der Glaube. Obwohl ich sehr fromm 
war, fielen mir Gotteslästerungen oder nach Kinderbegriffen sündige Gedanken 
ein, gegen die ich vergeblich ankämpfte. Besonders nach der Beichte und vor 
der Kommunion fielen mir diese, die Religion verunehrenden Gedanken ein. 
Natürlich hatte ich dadurch wieder große Angst und war auch sehr unglück- 
lich, da die Religion, die Frömmigkeit, mein höchstes Glück in meiner Kind- 
heit bedeutete. 

Ob durch all diese Quälereien oder auch durch andere Umstände ver- 
anlaßt (letzteres kann ich nicht beurteilen) befand ich mich fast ständig in 
einem Zustande innerer Unruhe. 

Dieser Zustand wich jedoch in meinen späteren Jahren (14—15 Jahren) 
einer leisen Glückshoffnung (Liebessehnsucht?), die mich aber nicht besser, 
sondern eher noch reizbarer und unerträglicher machte. 

Wie alles in meinem Leben steigerte sich diese natürliche Sehnsucht 
jedoch wieder zu einer unglaublichen Angst, das Leben zu versäumen und 
nicht selten wurde ich in furchtbare Erregung (Zorn, fast Böswilligkeit) 
gegen meine Mutter versetzt. 

Überhaupt war ich dem mich umgebenden praktischen Leben recht ab- 
gekehrt und lebte nur in Träumen und Phantasien, wobei ich das tägliche 
Leben als schmerzend und roh empfand. 

9* 



1"32 : • Die Geschlechtskälte der Frau. 

Nun fing ich mit 16 Jahren an, mich für die Welt, das Leben, die 
Wissenschaften zu interessieren. Und hier folgte wieder dieselbe Erscheinung. 
Das, was jetzt mein ganzes Glück war, meine Kenntnisse, die ich mir schwer 
errangen hatte, schmolzen zu einem Nichts, zu einem Unwert zusammen. Ob- 
wohl ich in Wirklichkeit und wie mir andere bewiesen, die einzelnen philo- 
sophischen und wissenschaftlichen Gedanken sofort und rasch erfaßte, oft 
ganze Vorträge darüber hielt, quälte mich doch immer der Gedanke, ich hätte 
nichts verstanden. Ich wäre deshalb beinahe arbeitsunfähig geworden, da ich 
vollkommen ruhelos und geängstigt, nicht in der Lage war, das Einfachste 
(wie z. B. addieren etc.) zu vollführen. 

Hier muß ich noch etwas einfügen: 

In der Schule ergriff mich eine leidenschaftliche Verehrung für einen 
Professor, so daß ich an fast nichts anderes als an ihn dachte. Und hier kommt 
es wieder. Zuerst in meinem halb kindischen Gefühl wunschlos glücklich, über- 
kamen mich ungefähr in einem Jahr Zwangsgedanken, die ihn entwürdigten 
und mich daher rasend unglücklich machten. (Ich mußte mir ihn stets in un- 
würdigen Situationen, jedoch nicht sexueller Art, vorstellen.) 

Dies Erlebnis sollte leider nicht vereinzelt bleiben. So zerfahren ich war, 
60 ruhelos ich mich umtrieb. war ich doch Unterhaltungen (Tanzen) sehr ge- 
neigt, lernte einen jungen Mann kennen und lieben. Diese Liebe, das glück- 
liche Zusammensein mit ihm, der ein unendlich reiner und guter Mensch war 
und ist, beruhigte mich und meine Angstgedanken setzten für die paar Augen- 
blicke, da ich mit ihm beisammen war, aus; wie überhaupt leidenschaftliche 
Gefühle (wenn die geliebte Person nahe ist), interessante Beschäftigungen mich 
vollkommen ruhig machen können. Überhaupt richtete sich meine Angst noch 
immer auf das Wissenwollen und nicht auf meine Liebe. 

Doch ich mußte ja arbeiten lernen. 

Vorausschicken muß ich noch, daß mein Freund fortfahren mußte und 
wir durch Mißverständnisse auseinanderkamen. Dies war ein großer, fast un- 
überwindlicher Schmerz für mich, aber sonderbarerweise war dieser Schmerz, 
die Sehnsucht nach ihm, doch der einzige Ruhepunkt in meinem geängstigten 
Leben. Und noch eines: Meine ganze Freude war jetzt unser Heim. Mama und 
ich waren jetzt in der Lage, unsere ärmliche Wohnung zu verschönern und 
jetzt war die Wohnung meine neue fixe Idee. Nur daß mich die nicht so sehr 
quälte, weil ich an allem so lange richten konnte, bis es meinem nervösen 
Gefühl einigermaßen entsprach. Auch das Büro fing an, mich zu interessieren. 

Da ich sah, daß es mit meiner Angst in bezug auf die Bücher und das 
Lernen nicht mehr weiter ging, faßte ich einen schweren Entschluß : Ich dachte: 
Ich verzichte auf alles Lernen und Wissen, mir wird alles ganz gleichgültig 
sein. Dies war allerdings wieder eine Fiktion; mir war ja das Wissen noch 
immer sehr wert, aber mein Geist hatte jetzt Ruhe; was ich früher nicht zu 
verstehen glaubte, war mir jetzt selbstverständlich. Unsere Wohnung, die. 
Natur, meine gleichmäßige Beschäftigung im Büro, die, obwohl sie mich nicht 
freute, doch erfüllte Pflicht war. beruhigten mich allmählich; ich gewann 
Selbstvertrauen, hielt mich nicht mehr wie früher für wertlos und nahm durch 
diese größere Ruhe auch körperlich zu. 

Die Angst jedoch war keineswegs ganz verschwunden. Sie richtete sich 
auf dies und jenes, jedoch sie hielt nicht immerwährend an und ließ sich 
bannen. Mein seelisches Gleichgewicht bekam die Oberhand. Ich hatte an 
Sommernachmittagen oft so glückliche angstfreie, wunschlose Stunden: doch 
da kam wieder hernach, gerade wenn es am schönsten war, die Todesangst. 



Ergänzungen. ^oa 

doch diese übermannte mich nicht, nahm meiner Seele nicht die Kraft, zu 
fühlen, wie die anderen Angstzustände. (Denn diese Angst oder Furcht war 
wieder ein. großes Gefühl.) Nur die kleinlichen Ängste (ich möchte sie pedan- 
tische nennen) machen mich nämlich so elend. 

Da kam der Krieg. Daß diesem alle unsere Werte nicht standhielten, 

daß sie zum Nichts wurden, ist bekannt. So auch meine kleine Welt (Arbeit, 

Natur, Freude am Weltfortschritt). Ich war so wie alle entsetzt, entwurzelt! 

a Doch, um mich nicht zu verlieren, mußte ich wieder halbwegs zu meiner Welt 

zurückkehren. 

Da kam das gewaltigste Erlebnis meines Lebens, mein Schicksal. 

Mein Freund, der Halbvergessene, Verlorengeglaubte kam zurück. Ich 
war selig. Nichts, so dachte ich, kann mir mehr etwas anhaben, nie fühlte 
ich so das wahre Wesen der reinen, ganzen Liebe, der seelisch-körperlichen 
Liebe, die man nicht beschreiben, nur fühlen kann. Nie fühlte ich mich 60 
rein und gut, alles versank um mich, ich konnte nur in ihm lohen. 

Und dieser Umstand, daß alles für mich jetzt — außer ihm — wertlos 
war, stürzte mich wieder in das größte Elend. (Er mußte selbstverständlich 
wieder ins Feld ziehen.) 

Zuerst konnte ich nur mit ganz unglaublicher Selbstbeherrschung 
arbeiten. Der Gedanke an ihn ließ mich nicht los. Ohne ihn konnte ich einfach 
nicht leben. Man wird dies verstehen, wenn man bedenkt, daß seine Rückkehr 
die nio geahnte Erfüllung meines Lebenswunsches war. 

Aber jetzt kam erst das richtige Elend. Auf einmal schoß mir. olme 
daß ich es glauben wollte, ein Gedanke durch den Kopf, der ihn herunterzog, 
und jetzt ließ es mich nimmer locker. Je mehr ich mich vor diesen entsetz- 
lichen Gedanken ängstigte, desto mehr überfielen sie mich, so daß ich keine 
Minute mehr Ruhe hatte. Ich war tatsächlich dem Wahnsinn oder Selbstmord 
nahe. Und dies wegen solch kleinlicher dummer Gedanken ! (Es handelte sich 
meistens hiebei um Stoffwechsel. Verdauung, nötige menschliche Dinge, an 
die man aber gewöhnlich nicht denkt.) Auf einmal jedoch, als es tatsächlich 
schon zum Verrücktwerden war, schlugen diese Gedanken in andere mehr sexu- 
eller Natur um, und sowie meine Angstgedanken ihn früher herunterzogen, 
ziehen diese mich herunter, machen mich in meinem Gefühl schlecht und für 
ihn unwürdig. Es handelt sich hier um das Gefühl der Unreinhell der weib- 
lichen Organe, eingebildete Berührungen etc., lauter Dinge, die mir im ver- 
nünftigen Zustand ferneliegen. 

Und nun kommt mein größter Schmerz. Ich heiratete endlich den Mann 
meiner Sehnsucht und Liebe. Während der ganzen Brautzeit quäln-n mich die 
lästigen Zwangsgedanken. Hatte ich meinen Geliebten zum Gott erhoben, so 
konnte ich in der nächsten Viertelstunde ihn in der peinlichen Situation eines 
von Leibesschmcrzon geplagten Menschen sehen, der sich die Hosen beschmutzt! 
Oder es fiel mir eine andere Szene aus den Endstadien der Verdauung ein. — 
Endlich kam die Hochzeit. In der Brautnacht hatte ich keine Empfin- 
dung. Ich mußte stets an die vorher beschriebenen Szenen denken, so daß kein 
Lustgefühl eintreten konnte. Und bis heute habe ich das Schöne und Süße der 
Liebe nicht kennen gelernt. Gibt es noch eine Hilfe für mich? Kann mich 
die ärztliche Kunst von meiner Qual befreien? Werde ich je wie eine normale 
Frau empfinden können? 

Eine Analyse dieses interessanten Krankheitsbildes war nicht 
möglich. Wir sehen nur. daß die Herabsetzung des Mannes, die Vor- 



134 Die Geschlechtskälte der Frau. 

Stellung skatologischer Vorgänge als Hemmungskraft gegen die Libido 
dient, Einen ähnlichen Fall konnte ich bei einem sehr hochstehenden 
Manne beobachten. Er war ein bekannter Don Juan und gestand mir, 
daß ihm kein Weib gefährlich werden könne. Melde sich bei ihm eine 
tiefere Liebesregung, so brauche er sich die Frau nur auf dem Aborte 
vorzustellen, und mit der Liebe sei es vorbei. Offenbar benützen diese 
Menschen die in Ekel konvertierte Analerotik als Schutz gegen die 
seelische Liebe. Die Erotik wird durch die Vorstellung der Defäkation 
zerstört, es bleibt nur die sexuelle Komponente, die aber bei der oben 
geschilderten Frau zu schwach ist; um einen Orgasmus durchzusetzen 
Sie gibt übrigens an, nur ein einziges Mal in ihrem neunten Lebensjahre 
im Halbschlafe bei einer Berührung der Genitalien ein Lustgefühl 
empfunden zu haben. 

Interessante Einblicke in das Liebesleben einer emanzipierten 
schöngeistigen Dame gewährt die nächste Lebensbeichte. Es handelt 
sich um eine 35jährige Dame, die sich in einen 33jährigen Mann verliebte, 
mit dem sie die gleichen geistigen Interessen hatte. Er war sehr sinnlich 
und machte ihr den Antrag, seine Geliebte zu werden, nachdem sie ihm 
wiederholt Geld geborgt hatte. Sie wies diesen Antrag mit Entrüstung 
zurück. Sie wollte nur die seelischen Bande pflegen, reine Freundschaft, 
sie habe die sinnliche Liebe nie ausstehen können usw. . . . Da erfuhr 
sie eines Tages, daß er eine Geliebte habe. Sie lauerte ihm auf und 
schlug mit einem Schirm auf ihn los . . . 

Der nachfolgende Brief teilte die interessante Tatsache mit. daß in 
der Gemeinschaft mit einem einfachen Manne bei Fehlen eines geistigen 
Bandes der Orgasmus, der vorher vorhanden gewesen war, plötzlich aus- 
setzte, daß sie aber unfähig war, sich einem seelisch geliebten Manne 
hinzugeben. 

Fall Nr. 53. Nachdem ich bewußt an seelischen „Hemmungen" leide, die 
es mir unmöglich machen, zusammenhängend alles zu erklären, ich auch dem 
Arzt gegenüber stets zum Manne spreche, greife ich zur Feder. 

Kurze Zeit, ehe ich meinen Mann kennen lernte, verbrachte ich den 
Sommer in einer reizenden kleinen Sommerfrische des Böhmerwaldes, wo ich 
sehr nette Gesellschaft fand. Unter vielen interessanten Menschen war auch 
ein Beamter. Dieser letztere aber, ein ganz bescheidener, unscheinbarer Durch- 
schnittsmensch, hat in mir eine sonderbare stille, aber tiefe Neigung wach- 
gerufen. Das kam so : Als junges, lebenslustiges, ja übermütiges Mädel, äußer- 
lich auch ganz passabel, ließ ich mir selbstverständlich gern den Hof machen, 
hatte aber „aparten Geschmack". Den Hof machten mir alle! 

„Heinrich" jedoch (auch blond — ich hatte von jeher Vorliebe für 
schwarze Männer, besonders schwarze Augen) war Schwager des dortigen Ober- 
försters, selbst ein Försterssohn und daher die Jagd gewohnt. .Er erzählte mir. 
nun einmal, er habe auf ein Eichhörnchen geschossen, die ja Waldschädlinge 
sind. Das Tier fiel vom Baume herab und richtete sterbend einen so flehenden, 
angsterfüllten Blick auf seinen Mörder, während es zugleich die beiden Vorder- 



Ergänzungen. 1« 

pfötchen quasi bittend hob, daß H. seither kein Tier mehr töten konnte. 
Außerdem zog er ein aufgefundenes junges Reh, das ich in seiner Gesellschaft 
oft besuchte, mit der Milchflasche groß. Das Gemüt war es, das ich an diesem 
Menschen liebte, ohne daß ich es je verraten hatte. Er hatte keine Ahnung 
von meinen Gefühlen, oder aber er machte keinen Gebrauch davon, trotzdem 
er gern in meiner Gesellschaft war. Der Abschied wurde mir schwer. 

Nach Hause zurückgekehrt, litt ich an tiefer Melancholie. Alle meine 
Gedanken waren in dem kleinen Nest. Ich pflegte mit der Lehrerin rege 
Korrespondenz, teils weil sie gescheit, teils weil sie seine Bekannte war. Ich 
vermute, daß sie nieine Neigung erriet. 

Der Zustand war meinem heutigen sehr ähnlich. Dennoch strebte ich 
aus eigener Kraft ihm zu entrinnen. Ich setzte es bei meinen Eltern durch, daß 
ich eine Sprachschule besuchen durfte, um mich zur Staatsprüfung vorzu- 
bereiten. Gern hätte ich die akademische Laufbahn eingeschlagen (Ärztin), da 
war aber mit meinen Eltern nicht zu reden. 

Damals schrieb ich viel, verfaßte Gedichte, stürzte mich förmlich auf alle 
Künste; im Winter lernte ich meinen Manu kennen. Er war ein sehr unschöner 
Mensch, blond, blaue Augen, der mich physisch anfangs beinahe abstieß. Nicht 
unedle Züge, aber absolut nicht mein Typ. Daß er jedoch ein Mann von ganz 
außerordentlicher Intelligenz war, fesselte mich ungemein, Intelligenz schätze 
ich am höchsten. Wir schlössen eine „freie Ehe". Denn er war ein ver- 
heirateter Mann. 

, Das Zusammenleben mit einem geistig bedeutenden Mann war mein Ideal 
in Kindertagen schon. Alles andere scheint mir dagegen nebensächlich. 

Nun habe ich Ihnen einen immer wiederkehrenden Reisetraum gestanden. 
Jahrelang, während der ruhigsten, besten und glücklichsten Jahre meiner „Ehe" 
fuhr ich im Traume stets in jene Sommerfrische mit dem doutlichen Wunsche: 
„zu Ihm". Ausgeführt habe ich diesen Reisetraum in Wirklichkeit nie, trotz 
einer im Traume gefühlten Sehnsucht, die auch im Wachen noch wirkte, und 
trotzdem es ein Leichtes gewesen wäre und kein Hindernis oblag. 

Diesen Traum träumte ich, solange mein Mann lebte, seither nie wieder. 
Ich wurde mir erst im Laufe der Jahre bewußt, aber dann ganz deutlich und 
zielbewußt, daß ich meinen Mann nie geliebt habe. Anfangs, Gott, wir „gut 
erzogenen" Mädchen sind eben auch nur Menschen, da war mir der Geschlechts- 
verkehr an sich Genuß, weil ich den Unterschied nicht kannte. Trotzdem er- 
innere ich mich, daß ich nach dem ersten Koitus enttäuscht mich fragte: So 
also ist es? Das ist alles? Und darum machen Menschen eine so große Sache 
daraus? In den letzten 6 — 7 Jahren meiner Ehe entzog ich mich dem Akte 
so oft ich nur irgend konnte und atmete beinahe auf, als ich meine „Freiheit" 
hatte. Ich habe meine Pflichten stets sehr ernst genommen, glaube aber, daß, 
wenn ich V. damals kennen gelernt hätte, es zu einer „Katastrophe" gekommen 
wäre. Ich wäre durchgegangen. Nachdem ich aber pflichtgetreu war, kam es 
ja zu gar keiner Zusammenkunft zwischen mir und anderen Männern. Außer- 
dem war mein Mann furchtbar eifersüchtig, ohne Grund, und quälte mich damit 
6ehr oft. Und nun berichtige ich etwas, das ich Ihnen verheimlichte. 

Etwa ein halbes Jahr nachdem ich Witwe wurde, lernte ich den Mann 
kennen, der sich später erschoß. Gleich zu Anfang hatte ich die feste Absicht 
den Menschen nie zu heiraten. Ich wurde aber seine Geliebte. Der Mann wirkte 
ungeheuer sinnlich auf mich, grob sinnlich, nichts als sinnlich. Er war mein 
Typ: gesund, schwarz, ein „fescher Mann". Ich war mir dessen wohl bewußt. 
Ich tat es, um die „Liebe" kennen zu lernen und weil ich unter Entbehrung 






136 Die Geschlechtskälte der Frau. 

litt, aus Gesundheitsrücksichten, weckte auch in ihm eine verzehrende Leiden- 
schaft, wie ich Ihnen schon erzählte. Geistig aber war er mir geradezu odios. 
Nicht ohne Bildung, aber ohne Kultur, ohne innere Kultur. 

3 Wochen war ich „glücklich", kostete alle Wonnen der Sinne in end- 
losen Nächten aus. Dann war ich satt. Der Mensch ging mir an die Nerven 
durch sein ganzes Wesen, seine Ansichten, kurz er war mir geistig nicht im 
entferntesten gewachsen; sympathisch war mir an ihm nur seine Freude an 
der Natur. Trotzdem zog sich dieses Verhältnis über ein Jahr hin. Heiraten 
wollte ich absolut nicht — das ist doch klar. Er jedoch strebte es an, um so 
mehr, als er fühlte, daß ich ihm entglitt; er hat sich stets als sehr inferior 
gefühlt und hat mir diese Schwäche nie verziehen — später. Aber ich hatte 
Mitleid; wagt© es nicht, ihn energisch zu Verlassen — außerdem war mir der 
geschlechtliche Verkehr noch immer erwünscht, allerdings so, daß ich am 
liebsten nur zu diesem Zwecke mit ihm zusammengekommen wäre. Unmittel- 
bar nach diesem wurde er mir lästig. Gesellschaftlich blieb dieses Verhältnis 
ein strenges Geheimnis. 

Nach und nach aber empfand ich Ekel, Widerwillen vor jeder Berüh- 
rung. Ich sah aber, daß ich durch die Lockerung unserer Beziehungen den 
Menschen tief unglücklich machte und wurde ungeduldig, gereizt, beherrschte 
mich aber, weil ich seine Leidenschaft fürchtete. Es war wie eine Erlösung, 
als er einrücken mußte. Täglich erhielt ich Briefe des zärtlichsten, ja ver- 
zweifeltsten Inhaltes, denn er fühlte trotz meiner Verstellung die Wahrheit 
heraus. Kaum habe ich geantwortet; d.h. ich schrieb wohl, auch nicht häufig 
zwar — aber ich hatte ihm nichts zu sagen. Dann fing er mich an zu hassen. 
Wenigstens setze ich verschiedene anonyme Briefe auf sein Konto. Die sahen 
ihm zu ähnlich. 

l l /s Jahre nach erfolgtem Bruche erschoß er sich, weil ihm das Dienen 
unerträglich wurde. 

Inzwischen lernte ich einen Dr. K., einen Philosophen, kennen, leider 
einen ebenfalls geschiedenen Mann. Dieser Umstand brachte es mit sich, daß 
ich mich mit Erfolg gegen den großen geistigen Einfluß stemmte, den dieser 
auf mich ausübte und dieser Umstand ließ auch ihn „resignieren", da er ein 
„Konkubinat" perhorreszierte, mich aber zur Geliebten zu „gut" fand. Er war 
ein selten charakterfester, beinahe stahlharter Mensch — dabei gütig, völlig 
selbstlos und von einer wunderbaren Genügsamkeit und Freude an Pflicht- 
erfüllung; auch war er ein ziemlich guter Schriftsteller. Diesen Menschen hätte 
ich lieben können, habe auch nie mit Sicherheit sagen können, daß ich ihm 
widerstehen würde. Vielleicht war er zu anständig oder es war einmal in einem 
sehr kritischen Augenblick eine „Hemmung" von mir da, kurz, wir blieben oder 
vielmehr wurden Freunde; rein platonische, ideale Beziehungen waren es. das 
Schönste, Reinste, was ich je erlebte. Es ist ein Verhängnis, daß es stets 
jüngere und hübsche Männer sind, die mich verehren. Dr. K. war sogar ein 
schöner Mann. Aber ich hatte genug .an den 15 Jahren „wilder- Ehe". 

■ Wir „resignierten", verkehrten weniger, bis er schließlich ins Feld 
mußte. Ich ertrug seine Abwesenheit schwerer, als ich mir's vorgestellt habe. 
Aber die Wiederholung des Schicksals machte mich ganz krank. Ich sah darin 
eine Tragik, wurde ängstlich. Zudem erfuhr ich auch von dem Selbstmord 
joues Menschen in dieser Zeit, Ich begann, mir heftige Gewissensbisse darüber 
zu machen, daß -ich einer Frau ihren Gatten nahm, sah Schicksalstücke. Ver- 
geltung darin. 



Ergänzungen. 137 

F.s Frau hat mich übrigens darüber seither sehr beruhigt; sie war 
nicht unglücklich und hat mir nie Übles gewollt oder gewünscht. Aber es 
machte mich die Trennung von Dr. K. kränker, als ich dachte. 

l 1 /» Jahre brauchte ich, um darüber halbweg6 hinwegzukommen und war 
sehr froh, daß es zwischen uns zu keinen Intimitäten kam. Erst allmählich 
verblaßte sein Bild. Diese platonische Liebe war das Schönste, was ich bisher 
erlebt habe. Sie war von beiden Seiten rein, ohne Schuld, ohne Verbitterung, 
ohne Haß. Sie löste sich infolge der gewaltsamen Trennung und des von uns 
beiden gewollten Vergessens in achtungsvolles Erinnern auf. Auch war die 
Zeit unserer Beziehungen zu kurz. Heute ist er kriegsinvalider Offizier und 
seine Verwandten bemühen sich, ihn mit seiner reichen Frau wieder zu ver- 
söhnen. Er hat einen Knaben, an dem er sehr hängt. Es wäre für ihn das beste. 

Als ich V. kennen lernte, war ich bereite vollkommen geheilt, ruhig, 
sogar heiter und lebensfroh, war aber keusch geworden, denn der Ekel steckte 
mir noch im Blute. Nur eine ungestillte Sehnsucht lebte in mir. Warum kannst 
Du den Richtigen nicht finden? Männer, die mich heiraten wollten und konnten 
— es war dies ein langjähriger Freund meines Mannes, um den es mir heute 
beinahe leid tut nach meinen trüben Erfahrungen mit V. — und dann ein 
Witwer mit 2 Kindern, ein sehr anständiger Mensch, Beamter in guten Mittel- 
standsverhältnissen — , die vermochte ich einfach nicht zu heiraten, letzteren 
schon gar nicht. 

Gern hätte ich seine Kinder erzogen, aber den Mann — um keinen Preis 
der Welt! 

V. ist zwar nicht schön, aber sehr sympathisch. Er hat eine lange, spitze 
Nase (die der Habgierigen sagt man) und ein entschieden infantiles Kinn, ist 
jähzornig und sehr grausam, pervers grausam, glaube ich. 

Beim ersten Gespräch verriet er mir diese Eigenschaft, Er ist passio- 
nierter Jäger und schwärmte von dem Genuß, den es bereite, das Wild 60 
lautlos an der versickernden Wunde verenden zu sehen. (Welcher Gegensatz 
zu meiner ersten Liebe!) Damals empfand ich eine heftige Abneigung BOg&r. 
Der Jäger ist für mich Distanzschlächter. Auch als Mann liebt er es, Frauen 
zu „erlegen", die lautlos „verenden". Daher sein Haß gegen mich, ich „kreische" 
ihm zu sehr. Meine heftigen Vorwürfe wegen seines Unrechtes nannte er 
„kreischen". 

Aber er erweckte mein Interesse. „Gemüt" konnte man „erziehen". 
Reisen, Berge, Natur, Musik insbesondere machen viel au6. Auch lebt in jedem 
Menschen Gutes. Und es lebte auch in ihm Gutes. 

Nun kommt ein merkwürdiges Moment hinzu, das ich erklären muß. 

Wie bekannt, kannte ich etwa 10 Jahre vorher V.s Vater. Es war zwar 
bloß eine Gasthausbekanntschaft, wie sie in der Provinz häufig sind. Aber er 
spielte eine gewisse Rolle in meinem Leben. 

Mein „Mann" war Beamter, der einigen Gewinn aus theoretisch-musikali- 
schen Arbeiten zog, dagegen in Veranstaltung von ihn fördernden Konzerten 
viel Geld einbüßte. Meine Mama war hart und unerbittlich; Not begann ihren 
Einfluß zu üben. Wir waren beide das Entbehren nicht gewohnt und sannen 
auf Abhilfe. 

In ein Büro mochte ich nicht. Ich wollte daheim bleiben. Es war ako 
nur ein Geschäft möglich, da meine Studien durch Papas Tod unterbrochen 
wurden. Zudem war eine legitime Ehe unmöglich, ich war also unversorgt, 
mein Mann leidend. 



138 Die Geschlechtskälte der Frau. 

Aber „Schneiderin" schien mir lange nicht „standesgemäß", denn ich 
war noch jung und unerfahren; auch vielleicht falsch erzogen worden. 

Nun war V.s Vater Offizier; dessen Frau hatte einen Kleidersalon und er 
sang ihrem Fleiße, ihrer Tüchtigkeit wahre Loblieder. Ihr machte ich es 
nach und es blieb in meinem Inneren eine gewisse Dankbarkeit gegen den Rat- 
geber, auch eine Verehrung für die mir ganz unbekannte brave Frau zurück, 
deren ich mich sofort entsann, als ich erfuhr, wessen Sohn ich in V. vor 
mir habe. 

So, daß, als V. mir damals aufgeregt von seinen materiellen Verpflich- 
tungen einem Wucherer gegenüber erzählte, um damit sein Fernbleiben von 
Ausflügen zu motivieren und nicht den Schein auf sich zu laden, als hätte er 
kein Interesse, die Dankbarkeit gegen seinen Vater mitbestimmend war, daß 
ich trotz des erwachten heftigen Mißtrauens ihm zu helfen beschloß. Ich lebte 
und lebe noch immer, insbesondere als ich von seinen Beziehungen zu Frau 
E. erfuhr, stets in dem etwas merkwürdigen Empfinden, daß mich der „Geist" 
des Vaters ihm in den Weg führte, ihn zu retten, aus Gefahr zu retten. Daher 
mein übertriebenes Bestreben, ihn dort loszubekommen. 

Oder ist es Selbsttäuschung? 

Ich bin absolut nicht abergläubisch. Spiritismus und anderes sind mir 
„Schwindel" ; daß 'ich die Telepathie gelten lasse, sofern sie auf wissenschaft- 
licher Grundlage beruht, daß ich an Hypnose glaube, ist klar, das sind Wahr- 
heiten, die ich an mir zwar nicht erprobt habe, aber denen sich heute kein 
Mensch verschließen kann. An „Geister" aber glaube ich nicht. Trotzdem 
dieser immer deutlich wiederkehrende Glaube! 

Ich liebe V. eigentlich erst, seit ich an ihm Gemüt entdeckte, seit ich 
weiß, daß er gegen jene Frau irgendwie pflicht- oder gefühlsbewußt handelt. 
Früher sah ich in ihm nur den leichtsinnigen, grausamen, frivolen Lebe- 
menschen, unbeständig, genußsüchtig und leicht pervers, welche Eigenschaften 
er selbst zugibt. (Er will das Leben leichthin nehmen.) 

Der „Andere" in ihm ist der Weise, der ernste Philosoph und Denker, 
der Anhänger Schopenhauers, der Pessimist, Fatalist und sein „Glaube" ist 
eine Art selbst zurechtgelegten Buddhismus (glaubt an Seelenwanderung in 
eigener moderner Auffassung). Ich dagegen bin die „Kämpfernatur", die an 
den Willen glaubt, der das „Schicksal" unter Umständen besiegen kann. Schon 
als junges Mädel habe ich Nietzsche verschlungen; ganz zur Unzeit, denn ich 
war weder reif noch vorgebildet dafür. 

Aber dieser Gegensatz unserer Weltanschauung zieht sich wie ein roter 
Faden durch unsere „Freundschaft". 

Heute bin ich besiegt, ich habe das Heft aus der Hand verloren und 
brauche Hilfe. Ich kämpfte mit Bewußtsein, nicht aus bloßem Instinkt, aber 
kämpfte ungeschickt, ohne weibliche Sehlauheit, die mir übrigens ganz zu 
fehlen scheint, wenn nicht manchmal ein vager Gedanke meinen Entschluß 
leitete: dieses Geld wird einst über den „toten Punkt" hinaus ihn an dich 
fesseln, als solche gedeutet werden könnte. 

Aber es wurde eher das „Verhängnis". 

Sie sehen, Herr Doktor, daß ich in mir wühle, genau so, wie ich in ihm 
gewühlt habe, rücksichtslos. Ich will heute nicht als gütig erscheinen. Wa6 
ich ihm Böses tat im „dunklen Drange" — nie mit Absicht — , es' tat mir immer 
mehr weh als wohl. Ich liebe V. mehr, als ich jemals einen Menschen liebte, 
liebe ihn so, daß ich ganz genau wußte und weiß, daß' er das stärkere „Schick- 



Ergänzungen. i;-J9 

sal" bedeutet. Ich bereue heute nicht nur alle Heftigkeiten, weil sie nur Schaden 
brachten, sondern weil ich ihn damit irgendwie verletzte. 

Einmal, einmal im Leben möchte ich nichts als reines Weib sein, gütig 
hingebend, schrankenlos — — — 

In meinem Gefühl für V. ist 6ehr viel Mütterlichkeit enthalten. 

Es gibt nichts, was ich V. abschlagen könnte, alle seine Wünsche zu er- 
füllen, wäre mir Gebot der Notwendigkeit, kein Opfer! Demütig, wie er es 
von der Frau verlangt, unbedingt verlangt, möchte ich ihm zu Füßen liegen — 
nur dadurch könnte ich glücklich werden — ob auch glücklich machen? V. 
erwiderte oft auf meine Äußerung: „ich möchte für Dich leben" — — „ich 
wäre glücklich? darüber, wenn Du eben anders wärest". Und doch ist in meinem 
Innersten eine zarte, aber heiße Sehnsucht nach Weichheit, nach Willenlosig- 
keit, nach völliger Auflösung in ihm, die aber die Verhältnisse unmöglich 
machten. War ich im Unrecht? War es egoistisch von mir? Er hat allen 
Widerstand, den ich gegen das „Männchen" aufbrachte, total zerbrochen. 

Ich bin am Ende meiner Kraft Und Ihr Einfluß kann mich vorübergehend 
wohl beruhigen — mein Schicksal verhindern kann er nicht. Hilfe muß mir 
von V. und Ihnen kommen — wie? Das weiß ich nicht. 

Tage, die ich ohne Ihren Zuspruch verbringe, sind Tage der Nieder- 
geschlagenheit. Äußerlich ruhig, mich meisternd, dem Realen des Lebens, den 
Pflichten nachgehend, lebe ich der Stunde entgegen, die mir V. in irgendeiner 
Form wiederbringt. 

Von einem Extrem ins andere komme ich bei Beurteilung seines Cha- 
rakters. 

In bösen Stunden kommt mir die ganze Familie falsch, interessiert, gleiß- 
nerisch freundlich (grinsend, feixend), nannte ich es, vor; eine stereotype 
Liebenswürdigkeit, die ich an allen wahrnehme und daher ableite: die Mutter 
ist die Tochter eines Hofbediensteten, Lakaien oder ähnl., hat auch das prüde, 
steife, sozial Höheren gegenüber devote Wesen der Kammerfrauen in aristokra- 
tischen Häusern, etwas eckig, kalt, hart, bigott, korrekt — aber von einer 
naiven Gemeinheit, ehrgeizig. V. setzt sich aus beiden Eltern zusammen.. Die 
„naive Gemeinheit" hat er von der Mutter und die stereotype Liebenswürdig- 
keit, den Leichtsinn und die „noblen Passionen" vom Vater. Aber es fehlt ihm 
keineswegs an nobler Gesinnung, er ist sehr gewissenhaft, übt Selbstbeherr- 
schung, strebt sich zu bessern, an sich zu feilen, zu arbeiten, um der Voll- 
kommenheit näher zu kommen, wie ich sie anstrebe. Ein Gemisch der hetero- 
gensten Eigenschaften. Wie alle Menschen? 

Ich will nur mehr gütig sein! 

Ich habe diesen Brief — dies Kapitel enthält, meist Geständnisse 
von Flauen selbst erzählt — absichtlich so ausführlich wiedergegeben. 
Er zeigt uns eine neurotische Individualität, die sich immer wieder von 
intellektuellen Erwägungen leiten läßt, deren Gehirn stets über ihr 
Rückenmark siegt, bis sie sich endlich in einen schweren Konflikt bringt, 
der ihr ganzes Leben zu erschüttern droht. Sie gibt, sich erst einem 
verheirateten Mann hin. empfindet Orgasmus, entwertet ihn. entzieht 
sich immer mehr den „sexuellen Verpflichtungen". Der zweite Mann 
•steigert ihre Libido, verschafft ihr den höchsten Orgasmus, trotz- 
dem bricht sie mit ihm, weil er ihr nicht „gebildet" genug ist. Ihr über- 



140 •' Die Geschlechtskitlte der Frau. 

spanntes Persönlichkeitsgefühl wertet diesen Orgasmus bei einem ge- 
wöhnlichen Männchen als eine Niederlage und Schmach. Der letzt- 
geliebte Mann verlangt sie zur Geliebten. Sie will ihn nur zu einem 
„Seelenbündnis" verleiten, gerät aber in Raserei, wie sie erfährt, daß 
der Seelenfreund eine andere „Körpergeliebte" aushält, vielleicht mit 
dem Gelde, das sie ihm geborgt hatte. Ihr tiefstes Motiv für die Seelen- 
freundschaft war doch der Umstand, daß sie, die ..Eheverächterin", ge- 
heiratet werden wollte, um die Erniedrigung der „wilden Ehe" gutzu- 
machen. Ihr zurückgestauter (auch nach innen gerichteter) . aus ihrem 
Briefe deutlich erkennbarer Sadismus (Schilderung der Jagden) bricht, 
schließlich durch und führt zu der wüsten öffentlichen Prügelszene, der 
ihre bisherige geistige Pose als Vergewaltigung ihrer ursprünglichen 
Persönlichkeit entlarvt. 

Der nächste Fall ist ein frigides Wiener „süßes 
Made 1". 

Der Typus des Wiener ..süßen Mädels", von Arthur Schnitzler 
zuerst literarisch verwendet, dann in zahllosen Liedern, Chansons. 
Operettenschlagern verwertet, scheint einer psychologischen Analyse 
würdig zu sein. Unter meinen zahlreichen Patientinnen, die mich wegen 
ihrer Dyspareunie konsultierten, fand sich auch ein sehr intelligentes, 
vives Mädchen, das sich, darüber beklagte, sie hätte trotz aller Verhält- 
nisse noch nie den Reiz der Liebe kennen gelernt. Sie hätte wohl Orgas- 
mus beim Onanieren, bei einem Koitus jedoch hätte sie ihn nie empfunden. 

Sie erzählte mir eine sehr interessante und bezeichnende Lebens- 
geschichte, die ein wahrhaftes „document humaine" darstellt. Ich bat 
sie, diese Beichte eines „süßen Mädels" aufzuschreiben. Leider kann ich 
sie nicht in ihrer ursprünglichen Xaivität und drastischen Ausdrucks- 
weise belassen. Hie und da muß ich mildernd über die Zeilen fahren, 
einzelnes wohl ganz unterdrücken, da die Offenheit dieses Mädchens das 
Schicksal meines Buches gefährden könnte. : 

Und nun lasse ich dem 21jährigen Fräulein Anna das Wort 1 ) : 

Fall Nr. 54. Meine .Lebensgeschichte : 

Vorerst schicke ich noch einiges voraus, das mir aus der mündlichen 
Überlieferung meiner nächsten Umgebung bekannt ist. 

Als Achtmonatkind erblickte ich das Licht der Welt, häßlich und noch 
nicht ganz entwickelt. In der Taufe erhielt ich einen Mädchennamen, obwohl 
mich einer der behandelnden Ärzte unbedingt für einen Jungen hielt und mir 
täglich das Leben absprach. Meine erste Gesellschaft im ersten Lebensjahre 
war ein großer Kollihund, dem ich in unbewachten Momenten die Augenlider 

1 ) Wie bei allen Selbstbiographien und Briefen, die ich publizierte, wurde auch 
bei dieser Lebensbeichte nichts am Stil, Ausdruck und Orthographie geändert. Nur 
allzu drastische Schilderungen wurden unterdrückt. Die lateinischen Ausdrücke hat 
ßich Anna im Verkehre mit einem jungen Doktor erworben. 



Ergänzungen. 141 

umdrehte, bis meine Mutter einmal durch das Gewin6el des armen Tieres auf- 
merksam wurde und mir die Hände klopfte. Ich war ein großer Schrei- 
hals und machte mich speziell in der Nacht bemerkbar, ich wollte immer 
hemmgetragen werden; mein „Gequitsche" veranlaßte meinen Vater, mir jede 
Nacht ein sogenanntes „Mohnsaftel" einzugeben. Als Kind bekam ich viele 
Händeklopfer, weil ich stets meine Pratzeln unter dem Kleidchen vergrub und 
unten spielte. Auch hiß ich meine Mutter einmal in die Brust, obwohl ich 
nie von derselben gesäugt wurde, was mir eine tüchtige Maulschelle eintrug. 
Mit Vorliebe riß ich Männern die Bart- und Kopfhaare aus, meine größte 
Wut brachte ich zum Ausdruck, wenn ich nach Teelum (Tee mit Rum) begehrte, 
was soviel wie „ich gehe jetzt schlafen" hieß. Die ersten Schimpfworte, die 
ich gebrauchte, waren: Du bist ein Kikrihahn, Du bist eine Manna! (?) Mit 
20 Monaten erlernte ich erst das Gehen, während mir mein Mundwerk schon 
viel früher ging. Einmal soll ich meiner Mutter zugesehen haben, wie sie sich 
wusch, plötzlich ließ ich meine Stimme vernehmen: „Anna hat auch Haarli, 
aber am Kopfi!", wobei ich mir auf meinen Kopf griff. Das erste, was ich 
sagen konnte war : „Uh-je". Einmal küßte eich ein Liebespaar im Verstohlenen, 
ohne auf meine Gegenwart zu achten, ich platzte hervor „Uh-je!", worauf 
die beiden erschreckt auseinanderfuhren, da 6ie nicht ahnten, daß ich dieses 
Enfant terrible war. Bis zu 2 1 /* Jahren mußte ich mit meinen Eltern in den 
Ehebetten schlafen. Und einmal gab ich vor unseren ganzen Verwandten zum 
Besten, daß mein Vater zu meiner Mutter sagte: „Wenn die Anna schläft, 
komme ich zu Dir." 

Meinen ersten Spielkameraden wählte ich als 5jahriges Mädel, und 
zwar einen Buben „Richard" mit 6 oder 7 Jahren. Wir waren sehr viel 
beisammen. Meine Eltern bewohnten Zimmer, Kabinett und Küche. Ich war 
sehr viel der Aufsicht meiner Großtante überlassen, die gerade um 50 Jahre 
älter war als ich. Einmal spielte ich mit Richard; meine Tante hatte die 
Gewohnheit, immer zu schlafen, wenn Bie mit uns beisammen war. Und wir 
mußten in der Küche spielen, damit wir sie nicht aufweckten, sonst war 6ie 
sehr böse. Von jeher wollte ich wissen, wie man es erkennt, ob ein Kind 
ein Mäderl oder ein Buberl sei. Man sagte mir an den Ohrgehängen, aber 
wenn ein Kind zur Welt kommt, hat es doch keine Ohrringe. Da erwiderte 
man mir: An der Nase. Ich begnügte mich damit, aber eigentlich hatte ich 
das Empfinden, daß man mir etwas verheimlichte. Ich lauerte beim Spiel 
auf die Enthüllungen. Plötzlich äußerte Richard den Wunsch zu urinieren. 
Der bewußte Schlüssel hing für uns Kinder viel zu hoch und wir trauten uns 
nicht, die Tante in ihrem Schlaf zu stören. Da kam ich auf die Idee, ihm 
meinen Nachttopf zu leihen. Ich blieb mit gut gespielter kühler Gemüts- 
ruhe neben ihm auf einem Schemel sitzen und harrte der Dinge, die da 
kommen werden. Er schaute zwar trotz seiner 7 Jahre sehr verlegen d.nvin, 
aber Not bricht Eisen und auf mein vieles Zureden entschloß er sich endlich, 
von meinem Anerbieten Gebrauch zu machen. Als ich sein Glied gewählte, 
was mir doch ein ganz neuer Anblick war, da ich glaubte, Buben seien so 
beschaffen wie Mädchen, entfuhr mir im höchsten Entzücken: „Wafl hast 
Du denn da? Du, das ist lieb! Gott, so was möchte ich auch haben!" 
Dabei griff ich ganz beherzt darnach, bis er mir weinerlich eingestand, daß 
er den Urin nicht mehr halten könne, wenn ich ihn nicht frei gebe. Anstands- 
halber drehte ich ihm sogar den Rücken, während er urinierte. Hoffte aber 
nachträglich meinen Anschauungsunterricht fortsetzen zu können. Ein Husten 
meiner Großtante weckte uns aus dem traumhaften Spiele. Ich ahnte sofort, 



142 Die Geschlechtskälte der Frau. 

daß ich jetzt eine gehörige Lektion bekommen werde. Sie erschien im Tür- 
rahmen und ein Blick, der Feuer sprühte, verriet mir, daß sie uns belauscht 
hatte. Richard wurde der Boden zu heiß, er empfahl sich so bald als möglich 
und überließ mich meinem Schicksal, das auch gleich über mich hereinbrach, 
sobald er die Gangtüre hinter sich geschlossen hatte. Meine Großtante 
schrie: „Du nichtsnutziges Ding, Du Dirne, was habt Ihr denn gemacht? 
Wart, das sag ich allen Leuten, damit sie wissen, was Du für ein schlechtes 
Ding bist! Du fängst zeitlich an. Pfui Teufel, wer so was erfährt, gibt 
Dir nie mehr die Hand, wenn Du zur Schule kommst, Öeine Lehrer und 
erst der Katechet, die spucken Dich nicht einmal an. Das mußt Du auch 
beichten, wenn Du in die Schule kommst. Keine von Deinen Mitschülerinnen 
würde neben Dir sitzen bleiben, wenn sie wüßten, was Du in der Hand ge- 
halten hast." 

Ich bat weinend um Verzeihung und verteidigte mich nur damit, daß 
ich ihm ja nur „Wi-wi machen" 1 ) lassen wollte und das wäre doch nichts 
Schlechtes. Richard und ich wichen uns einige Tage aus und das Freund- 
schaftsverhältnis lockerte sich bedeutend, weil ich ihm eigentlich nicht ver- 
zeihen konnte, daß er gerade bei mir Not bekam und ich mir wegen meiner 
Gutherzigkeit so häßliche Dinge sagen lassen mußte. Heute noch, wenn 
ich ihm hie und da begegne, sprechen zwei Stimmen in meiner Brust, wovon 
die eine sagt: Schau weg und schäme Dich, daß Du damals vor zwanzig 
Jahren so intim mit ihm warst! Die zweite: Worin mag der Grund zu 
suchen sein, daß wir uns so entfremdeten auf alles herauf und heute, resp. 
seit Jahren wie Salzstöcke aneinander vorübergehen, eines dem anderen einen 
verstohlenen Blick zuwerfen, um die Lider im nächsten Moment zu Boden 
zu Senken. Auch wurde unser Treiben und Spielen von dem Tage an viel 
zu viel beobachtet. 

Mein Großvater war Geschäftsmann und wohnte in dem Hintertrakt 
eines großen Hauses, verfügte über zwei große Schupfen, einen kleinen Garten 
und ein allerliebstes Lusthaus, das uns Kindern, seinen zwei jüngsten Buben, 
8 und 10 Jahre, und mir als 9jähriges Mäderl als Wohnung diente, wenn 
wir. Mann und Frau spielten, wobei ich täglich einem anderen Buben, einmal 
dem Artur und dann dem Alfred, das Heiraten versprach, wenn wir einmal 
groß sein werden. Unser (besonders aber mein) Lieblingsspiel war: Doktor 
spielen. Ich . war natürlich die Patientin und ließ mir meine Kleider auf- 
knöpfen, um allerlei Untersuchungen anzustellen, die meist auf die Genitalien 
gerichtet waren. Einmal waren wir wieder im Lusthaus, darin stand nichts 
als ein Tischchen und ein Ledersofa. Das Rouleaux war heruntergelassen 
und es war recht düster, obwohl es ein Sommernachmittag war. Wir waren 
uns allein überlassen, da mein Großvater meine Großtante immer verhinderte, 
wenn sie mir nachspüren wollte. Ich spielte mit Artur, meinem Lieblings- 
onkel, dann mit Alfred und einem gewissen Rudolf, der damals mindestens 
14 Jahre alt war. Ich schlug vor: „Wir spielen heute Doktor!" Ich legte 
mich wie immer auf das Sofa, man knöpfte mir wieder das Kleid am Rücken 
auf, dann hob man mir die Röcke auf, griff mir mit den Händen. an den 
Geschlechtsteil. Ich ließ mir alles ruhig gefallen; aber ich schaute nie einen 
der Buben an. Ich starrte immer ins Blaue. Da knöpfte sich plötzlich der 
Älteste (Rudolf) die Hose auf und wollte sich auf mich legen oder über 
mich beugen — ich weiß es nicht mehr genau. Mir versagte momentan der 



') Wienerischer Ausdruck, bei Kindern gebraucht: Wi-wi machen = Urinieren. 



Ergänzungen. 143 

Atem, ich bekam eine wahnsinnige Angst, begann zu bitten und zu weinen, 
er solle mir nichts tun, ich mag nicht mehr liegen, ich will sitzen, ich gebe 
ihm ein „Busserl", aber er soll mir nichts tun und mich aufsetzen lassen. 
Vergebens! Man hielt mich fest. Ich glaube, unsere Geschlechtsteile be- 
rührten sich und ich wurde erst dadurch aufmerksam. Er gab mich endlich 
frei, unterzog mich aber einem Verhör, ich solle ihm sagen, was meine Eltern 
gemacht haben, als sie heirateten. Ich begann in meiner Angst alles Er- 
denkliche aufzuzählen, ganz zum Schlüsse sagte ich, sie haben sich auch 
geküßt. Er lachte mich aus und sagte: „Die Hauptsache hast Uu vergessen. 
Sie haben es genau so gemacht, wie ich jetzt mit Dir." Ich war bis ins 
Innerste empört. „Oh nein, so etwas Häßliches haben Sie nicht gemacht, 
das ist eine Sünde und der liebe Gott sieht alles! So schlecht waren meine 
Eltern nicht!" Aber mein Reden half nichts, sie lachten mich BUB. Die beiden 
kleinen Buben öffneten sich gleichfalls die Beinkleider und sagten: „Wenn 
Du mich nicht auch mit meinem Wi-wi dorthin läßt, sage ich es der Tante 
und Du kriegst Schläge." So ergab ich mich halt stillschweigend meinem 
Schicksal, setzte mich ganz vorne auf das Sofa, spreizte die Beine aus- 
einander, hielt die Röcke krampfhaft hinauf und bemühte mich aber dabei 
zuzusehen wie zuerst Artur und dann Alfred mit ihren Gliedern immer 
näher rückten, aber zu meinem Bedauern sich viel zu wenig lang in meiner 
Nähe aufhielten, da ich bei jeder Berührung etwas Angenehmes, ein süßes 
Gefühl fühlte. Zum Schluß gelang es mir, mich durcli Küsse zu erretten. 1 ) 
Aber während der ganzen Szene, die sehr lang gedauert haben muß, da wir 
Stunden in dem Lusthaus verbrachten, sah ich immer ängstlich auf die Tür. 
ob nicht meine Großtante hereinkommt. Von dem Tag an saß ich oft mit 
Artur hinter einigen Brettern in dem Schupfen und wir kauerten auf der 
Erde, versprachen uns, Mann und Weib zu werden, er werde viel Geld ver- 
dienen, ich bekomme eine große Wohnung, Dienstboten, schöne Kleider usw. 
und wir umarmten und küßten uns, bis wir un6 immer näher kamen. Ich 
war immer froh, wenn er sich mit mir beschäftigte, hörte ich das geringste 
Geräusch, schwups waren die Röcke herunten und wir sprachen von der 
Schule. Oft schickten wir Alfred, der immer unser Kind sein mußte, snazinvn, 
damit wir ungestörter waren. War Artur einmal nicht dalu'im. wenn leb 
kam, so spielte ich mit dem jüngeren Alfred, der sich dann immer bitter 
beklagte, daß ich Artur vorziehe, er habe mich auch lieb; er will mich 
heiraten, wenn ich groß bin. Artur darf mit mir alles machen, er habe uns 
schon öfter erwischt, wenn wir glaubten, er sei spazieren gegangen; wenn 
ich so grauslich mit ihm hin, sagt er es* einmal dem Großvater. „Ich habt' 
Dich ja auch lieb, Alfred (leider hatte er blaue Augen, Artur als Bruder 
meiner Mutter so schwarze große Augen), heute spielst Du mit nur.' In 
seiner Glückseligkeit, daß ich ihm alles gewährte, gab er mir beim Fortgehen 
sein ganzes Spielzeug mit; ich nahm alles mit mir und schleppte mich oft 
ab, obwohl meine Leute immer sagten, ich bin häßlich, daß ich dem armen 
Kerl immer die Spielerei forttrage, er weine immer darum, wenn ich fort 



') Zu der Affäre im Lusthaus fällt mir noch ein: ich schlug vor. muh durch 
Küsse loszukaufen, einer der Buben sagte: „Wir sind einverstanden, aber Du mußt 
den Artur auf soin Wi-wi küssen." Dagegen sträubte sich mein ganzes Anstandsgefühl. 
„Mama sagt immer: dort greift man nicht hin, wie kann man dann dort jemand 
küssen! Nein, das tue ich nicht!" Glücklich zog ich mich mit einem Kuß nuf den 
Mund aus der Schlinge. 



144 l>ie Geschlechtskälte der Frau. 

bin und bekomme von seinem Vater Prügel. Von Artur nahm ich nie etwas 
an, ich hatte ihn ja riesig gerne und noch als 15jähriges Mädel weinte ich 
bittere Tränen, ich glaube meine ersten, als er zur Marine kam und zu 
meiner Mutter altklug sagte: „Wenn ich schon in der Schule nichts gelernt 
habe, so schau, daß die Anna ein braves Mädel wird." Aber von Alfred etwae 
zu nehmen, fand ich selbstverständlich. Allerdings erwischte er mich mit 
Artur in einem töte ä tete, kostete es mich meine Lieblingsspielsachen, die 
ich ihm als Schweigegeld brachte und die ich hinter dem Rücken meiner 
Mutter zur Türe hinausschwindelte. Meist waren es Hasen und Katzen aus 
Stoff, mit welchen ich schon al6 ziemlich großes Mädel immer schlafen ging, 
die Spielsachen um den Hals nahm und absolut nicht anders einschlief; in 
der Frühe lag ich dann meistens auf den armen Spielsachen. Durch Monate 
ging alles gut, man bemerkte nichts und wir konnten ungestört unserer Liebe 
fröhnen. Einmal zerstritt ich mich mit Artur. Ich wußte, daß er heimlich 
Zigaretten rauchte. Aus Wut verklagte ich ihn bei seinem Vater, meinem 
Großvater. Meine Großtante übernahm die Anklage in meinem Namen. Er 
bekam tüchtige Prügel, aber als Revanche erzählte er einiges von den Spielen 
im Lusthaus. Ich ging ahnungslos mit meiner Großtante nach Hause. Sie 
sah mich drohend an und sprach kein Wort. Ich fühlte, es liegt etwas in 
der Luft. Allerdings sagte Artur zu mir: .,Du, ich hab's dem Vater gesagt, 
Du kriegst es von der Tante Laura." Endlich brach sie das Schweigen : „Jetzt 
wirst Du mir -sagen, was Du mit Rudi gemacht hast, von den anderen rede 
ich nicht, die sind noch viel kleiner." „Gar nichts", ' leugnete ich. . . . „Ich 
habe ihm ein Busserl gegeben" ... Es folgte eine bo ähnliche Szene wie vor 
4 Jahren. „Nichtsnutziges Ding, wenn Du mir jetzt nicht gleich sagst, was 
Du getan hast, so gib ich Dich dem nächsten Wachmann." Ich fing zu 
heulen an und stotternd brachte ich hervor: „Er wollte sein Wi-wi in meines 
stecken. Bitte, liebe Tante, sei nicht böse, ich werde es nie mehr tun, gib 
mir ein Busserl." Ich wollte ihr um den Hals fallen. Aber sie stieß mich 
von sich. „Pfui Teufel, so einer Dirne gib ich kein Busserl, bleib mir vom 
Leib, geh allein!" (Dabei gab sie meine Hand frei.) „So ,ein schlechtes 
Mensch' kann allein gehen, da bist du immer unter Aufsicht. So eine Schande, 
der Rudi erzählt das weiter, dann wissen es alle Leute im Haus beim Groß- 
vater. Na, wenn das Dein Vater hört, der spuckt Dich nicht mehr an. Wenn 
das die Frau Oberlehrerin erfährt, bekommst Du einen Sittenzweier, wirst 
aus der Schule ausgestoßen, kommst in eine Besserungsanstalt und später 
ins Zuchthaus." Ich war vernichtet. Das war zuviel; ich weinte und bettelte 
den ganzen, weiten Weg um Gnade. „Nichts erzählen! Bitte, nicht erzählen!" 
Sie sagte weder nein noch ja. 

„Bitte, liebe Tante Laura, sag niemandem was." 

„Oh ja, Deinem Vater sage ich nichts, aber Deiner Mutter sage ich es." 

Zähneklappernd kam ich nach Hause und kuEchte mich ins Bett, die 
Bravheit in persona, da ich Butter am Kopf hatte. Am nächsten Nachmittag 
war ich mit meiner Mutter und Tante in einem Gasthaus. Die Tante benützte 
•die Gelegenheit und sagte: „Ich habe es ja lange geahnt, was ich immer 
gesagt habe, wenn sie mit den Buben allein ist, aber wenn ich etwas 6agte, 
hat mich der R. (mein Großvater) immer zurückgehalten, dann hat man die 
Bescherung." Mir entging aber nicht, daß meine Mutter, anstatt mich zu 
strafen, sich von mir abwandte und ein Lachen verbiß. Sie 6agte nur, ich 
dürfe es nie wieder machen, was ich heilig versprach. Auf Artur wurde 



Ergänzungen. , , - 

ich böse und unsere Freundschaf. serschlug sich. - Die vierte Klasse rückte 

naher und damit auch die erste Beichte. Ich war ,,,„. Märtyrerin. ,,,, ,„, 
Hollenoualen! Wie sollte ich alles erzähl,,,? ße ging auch dal FOrQber 
ich gestand stotternd: Ich habe Unke,, seh heil getrieben allein and mit andern. 
Ls war heraußen und ich erhielt nach einer milden Verwarnung die Los- 

sprechung. — 

Ob man uns Kindern etwas Gutes tat, daß man unser Liebeslebah zer- 
störte, lasse ich dahingestellt. Es herrschte Feindschaft zwiechen dea Familien. 
Nicht nur wir Kinder wichen uns aus, auch die Angehörigen, Rudolf auf 
1000 Schritte, Artur ging mir aus den, Weg und behauptete, Mädels sind 
„Klapperin", die alles tratschen müssen, er spiele mit linl-n viel lieber. Kr 
war bis zur 5. Klasse Vorzugsschüler, höjte zu lernen auf, trotz doa Zu- 
redens seines Lehrers. Tat absolut nicht mehr gut, fing allerlei an and 
kam mit 15 Jahren als Matrose nach I'ola. Im Anfang war BB nur nicht 
gleichgültig, wenn ich auf Besuch kam und fragte, wo ist denn Artur, Ja 
der spielt nicht mehr mit Dir. So mußt, ich mich mit Alfred begnügen, <\<v 
glücklich war, nun mich allein zu beben, er gab mir jedesmal Bilder und 
derlei Kram mit, an dem sich nur ein Kinderherz erfreuen kann. Oft versprach 
ich ihm, ich werde ihn heiraten, aber ich dachte doch immer wieder ~u\ Artur. 
- Auch mich kostete die Affäre so manches. Ee dürft« steh in den V, neu \..n 
der 2. auf die 3. Klasse abgespielt haben. Als das Schuljahr begann, entsetzte 
sich meine Lehrerin über meine scheußliche Schrift, weil der ganze achöno, 
feste Zug dahin war. Ich konnte mich noch so bemühen, sc -tand ein Buch- 
stabe nach links, der andere nach rechts, einer war groß, der andere klein. 
Als erste Schülerin der Klasse mußte ich sehen, wie sie das Heft im Zun, 
zerriß und es mir vor die Füße warf. Dann schickte aie um meine Mai irr. 
sie solle mich strafen oder zu einem Arzt gehen, ich schiel,, zeitweise SO 
erbärmlich. Meine Gesangslehrerin mußte um mein.' Mutter senden, aie kann 
mir trotz der Hinsei-, die id, frühe,- i,„ Singen haiie. wenn ne beide tagen 
zudrückt, jetzt nur eine 3 geben, ich wußte, daß es rata* ist. aber ich sang 
die größten Dissonanzen und konnte absolut den richtigen T..n nicht Bndon 
„Vielleicht gibt sich dies wieder, wenn m groß und. sie kann vi, dl.« 
noch Opernsängern, werden." Diese Worte machten auf mich einen tiefen 
Kindnick, da ich so gerne zur Huhne gegangen wäre, Das Schielen respektive 
ich sah alles aufeinander, so daß ich nicht recht wußte, welches der n ihre 
Gegenstand sei, trug mir eine Menge Ohrfeigen ein. Der \,-.i i,,,. ,,',-...,,.. 

Mutter geraton, wenn ich darauf vergesse, und.- „I, nicht „, .,,, , , 
„as Schielen gab sieh wieder, aber wohl .,„- ,„,,,„ , |. • , "J "'V' 

W6 «en der Ohrfeigen, ich erzähle weiter . . i { ' r "", l JÜ™ 

«5« '-' ^^w ",i,,„ Onkeln *uf lÄTSTKiÄ^ 

Hause zwei Buben. Wal. er. um 3 Jahre alter als Ch ,n,i ' ", "" 

ich, ZU meinen Spielgenossen. In der zweiten Kl, ' ' , '"""V » ^ "* 

„viiii eine fremde Lehrpersou eintrat, die intelligenteste Schülerin ihrer k' 
U WUtar fühlte ich mich sei, hingezogen , r Z KJj^ 
großer als ich. Er konnte nur über alles Auskam, geben, er lehrte mir ■ 
Rondschreiben. Aber mit der Zeil fing ich auch ein Verhältnia mit ihm 
Walter war mein ganzes Sehnen und Fühlen, ich ließ mir gan: rubifi vo 
ihm unter die Kleider greifen, saß oder stand meistens vor ihm bei einem 
Tisch und machte eine Schreibübung; in dem rtugenbiiek, wo meine Muttor 
an das Fenster klopfte (es war ein Grangkabinett) oder Beine Mutter oder 

Stekol, Störungen des Trieb- und Affektlebent. in, •j.Anil. jq 



146 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



große Schwester die Tür aufmachte, zog er die Hand zurück und ich war 
ja fleißig, die Alten ließen sich betrügen, belobten uns über unseren Fleiß, 
und wir lachten uns in. die Faust, wenn -die Tür zu war. Hörte jedes Geräusch 
auf, fingen wir von neuem an. Etwas mißfiel mir aber schon damals; wenn 
sich Walter nicht beobachtet glaubte, roch er zu seinen Händen, und das 
war mir schrecklich. Mit der Zeit verkehrten wir auch wie Mann und Weib, 
aber ich ließ ihn nie viel in meine Nähe, wenn er glaubt, er ist mit seinem 
Glied in der Scheide, so riß ich mich los und sagte, es kommt jemand. Auch 
seinen jüngeren Bruder Franzi, der so alt wie ich war, mußte ich in Kauf 
nehmen, damit er uns nicht verrät, obwohl es mich ein Opfer kostete. Aber 
immer hübsch einer nach dem andern. Ich dachte nicht, daß es eine „Sünde" 
wäre. Bei der ersten Beichte fragte mich der Katechet nicht aus, und den 
lieben Gott dachte ich mir viel zu großzügig, als daß er mir nicht ver- 
zeihen würde. 

An eine Szene erinnere ich mich lebhaft. Es war in der Dämmerung, 
Walter lag auf einem Diwan, weil ihm angeblich schlecht war, Franz spielte 
allein und ich stand vor Walter, plauderte von der Schule, um jede Auf- 
merksamkeit der andern abzulenken. Wir waren allein im Zimmer. Walter 
griff mir unter die Kleider und nachdem er einige Male mit der Hand über 
die bewußte Stelle gestrichen hatte, flüsterte er mir ins Ohr, daß ihm ein 
Bub gesagt habe, er kenne ein Mädel, das habe drunten ganz feine Haare, 
und bei mir fühle er nichts dergleichen. Das war mir riesig peinlich, daß 
eine andere schöner und begehrenswerter sein sollte als ich, ich vertröstete 
ihn, wenn ich älter werden werde, bekomme ich sicher auch unten Haare, 
er solle nur Geduld haben, gleichzeitig eiferte ich mit der andern, da ich 
dachte, er werde dem andern Mädel dorthin greifen. — Seine Eltern zogen 
aus, und wir mußten uns trennen. Hie und da besuchten wir uns, ich ging 
noch zur Schule, war er schon lange in der Gewerbeschule und starb als 
junger Bursch an Tuberkulose. Oft fragte er um mich, aber man erlaubte 
mir nicht ihn zu besuchen, da man fürchtete, ich kriege ein paar Tuberkeln 
ab. Manchesmal frug er mich, ob ich auch mit anderen Buben solche Sachen 
treibe, oder nur mit ihm allein. Ich belog ihn zwar immer, er wäre der 
Einzige, resp. der Erste. Aber das ganze Blut stieg mir bei einer solchen 
Notlüge in die Wangen. 

Nun war es aus mit den Knabenfreundschaften. Jetzt blieben mir nur 
Mädchenfreundschaften übrig. Ich schloß mich an ein sehr feines, gebildetes 
Mädchen Emmy an. Wir tauschten vergoldete Herzchen mit eingravierten 
Namen einmal zu Weihnachten, ich glaube mit 12 Jahren, und betrachteten 
dies als eine Art Verlobung, schwuren uns ewige Treue bis in den Tod. 
Ich verdanke Emmy einen Teil meiner Bildung. Auch über sexuelle Dinge 
klärte sie mich ein wenig auf. In der 5. Klasse fing ich schon an, sehr stark 
an der Storchgeschichte zu zweifeln. Ich glaubte, die Kinder kämen aus dem 
Bauche und der muß eben aufgeschnitten werden, damit das Kind heraus 
leann. Einen besonderen Schrecken jagte sie mir vor der Selbstbefleckung 
ein. In der 1. Bürgerschule trugen die verschiedenen Evangelien dazu bei, 
uns über sexuelle Dinge die Augen zu öffnen. Z. B. als Maria zu Elisabeth 
kam, hüpfte das Kind freudig in ihrem Leibe auf, dann die anderen merk- 
würdigen Stellen in der Bibel. Wir unterstrichen diese Worte und mit knapper 
Mühe entrann die ganze Klasse einer „Sittenzwei", weil es aufkaim Auch 
erzählte sie mir von dem 9monatlichen Denkzettel, von welchem in Sch.llers 
Räuber die Rede war. Ich kramte mir das Buch daheim vom Kasten her- 



Ergänzungen. 147 

unter, stieg auf einen Sessel und üel so unglücklich herunter, daß icli mich 
fast erschlagen hätte. Emmys Vater wurde versetzt und ich war wieder 
allein, wir korrespondierten zwar in einer Geheimschrift, die wir uns selbst 
entwarfen, aber mir war doch langweilig, ich schloß mich an ein Juden- 
mädchen fledl. Einmal überraschte mich Emmy, als icli mit Hedl aus der 
Schule ging, es war in der ersten Bür'gerklasBe, machte mir eino große Eifer- 
suchtsszene, wobei sie mir absolut nicht verzeihen wollte, daß icli eino Jüdin 
zu ihrer Nachfolgerin gewählt habe. Bis zur Handelsschule verkehrte ich 
mit Hedl und wir waren dicke Freundinnen, im Geiste schmiedeten wir 
'Zukunftspläne und wir träumten beide davon, daß wir noch einmal Schwäge- 
rinnen werden, weil mir der eine ihrer, Brüder so gut gefiel; er war Student; 
sprach er mich an, so wurde ich derart verlegen, daß ich eino ganz kontrare 
Antwort gab. Saßen wir aber in der Dämmerung im Klavierzimmer, und 
ließ ich ihn durch Hedl bitten, zu phantasieren, und wir beiden Mädchen 
saßen aneinander geschmiegt auf einem kleinen Diwan, dann rollten mir oft 
die Tränen über die Wangen, ohne daß ich eigentlich den Grund dazu wußte. 
Bevor ich mich mit Hedl befreundete, ging ich durch Wochen mit einer 
gewissen Ella aus der Schule, Kind armer Leute. Einmal erwischte sie ihre 
Eltern bei einem tete ä fcSte, das Geräusch der Betten hatte sie aufgeweckt 
Sie beschloß nun täglich aufzupassen und sich schlafend zu stellen. Ich 
konnte den nächsten Tag nie erwarten, was sie mir Neues erzählen werde. 
Endlich kam sie und berichtete mir, ihr Vater halx? sich auf die Mutter 
gelegt, und die Mutter habe furchtbar geschrien, und der Vater sagte /.ur 
Mutter, gehe geschwind „wischerin", daß nichts daraus wird. Ich war empört 
über ihren Vater, wich ihm auf der (lasse aus, bemitleidete ihre Mutter von 
ganzem Herzen. (Er muß ihr doch schrecklich weh getan haben, wenn sie 
so geschrien hat.) Mit einer anderen Kollegin besprach ich wieder, wie lang 
die männlichen Glieder sein können, ich hörte einmal 12 bis I.'mm, in der 
Handarbeitsstunde nahmen wir die Zentimetermaße und legten dieselben über 
die Kleider an der bewußten Stelle und maßen über den Hauch herauf zu, 
wo wir natürlich mindestens bis zum Nabel kamen. Wir waren entsetzt, 
wenn wir eiftmal heiraten sollten, dann werden wir ja buchstäblich .111: 
gespießt. Noch etwas fällt mir ein. Wir hatten einen Katthi resp. eilMn 
Bastard zwischen Rattler und Dackel, wenn ich meine Aufgaben machte, 
lag er zu meinen Füßen. Ich war immer allem im Kabinett, wenn ich /u 
lernen hatte, damit, mich niemand stört. Oft kam eine andere Tante mit 
einem I »ackelwoiberl zu uns. War die nun fort, roch oder leckte der Hund 

oft an der Stolle, wo die Kundin gesessen war und er ließ seinem Trieb 

freien Lauf. Das war etwas für mich. Sachte ließ ich mich \on dem Seeaal 
herunter und hockte mich am Hoden und hielt den Atem an und Behaute 

ihm zu, wie er sich auf und ab bewegte und kemhtc. am meisten interessierte 
mich aber die Verlängerung des Gliedes. Horte ich meine Mutier kommen, 

so sprang ich auf und schrieb schnell weiter. Ich wüßte, der Hund und 
ich bekämen Schläge. Auch glaube ich etwas in meinem Hauch gespürl zu 
haben, wenn ich ihm zusah, und dann setzte ich mich Immer am Rand des 
Sessels oder ballte die Röcke und Unterrocke zusammen, BO daß ein Bausch 
entstand, damit ich mich fest mit dem Genitale daraufsetzen w.am und sich 
etwas hineindrückt. Ging ich auf der Gasse und Bah einen Hengsten urinieren 
oder unmittelbar nachher, blieben mir immer die Augen stecken, ich glaube 
die Länge imponierte mir. Sah ich zwei Fliegen aufeinander sitzen, schlich 
ich mich hin, ich hätte so gerne gesehen, wo die sich berühren und warum 

in 



148 



Die Geschlechtskalte der Frau. 



sie nicht auseinander können. In den Sommermonaten war ich fast inimu 
auf dm Lande und schlich mich auf den Weiden herum m der Hoffnung, 
daß man einen Stier (den ich ja doch mit der Zeit von emem Ochsen ante - 
sei eidn lernte) zu einer Kuh lassen .-erde. Einmal war es mir gegönnt 
einen Stier aufspringen zu sehen, der Halter zog den Strick an damit er 
nich mehr zurüde kann, der Stier glitt ab verrenkte to^J.Lm 
und ich sah erst einen Schmarrn, ich glaube, damals war ach 13 Jahre. Sehi 
vel Weisheit in sexueller Beziehung schöpfte ich auf dem Lande von den 
} aue nki de n, die zusahen, wenn die jungen Hundert und Katzerl heraus- 
kröche" Einmal kam ich ungerufen in den Kuhstall, knapp nachdem eine 
Kuh Beworfen hatte, ich sah nur etwas Langes aus ihrer Scheide heraus- 
Sngenic glaubte es wären die Eingeweide, das Muttertier zitterte am 
Ganzen' Kö per, das Kalb war patschnaß und in der Aufregung übersah man 
r und ich bedauerte herzlich, daß ich nicht früher gekommen bin, we 

ein Bauernmädel erzählte, die Kuh überkreuzt die Beine und das Kalb 
kommt beim A . . . . heraus. Mit der Erklärung war ich natürlich nicht ein- 
vorstanden weil die Kuh von dort den Urin läßt. 

Ae,8tan A t 'irriges Mädel bekam ich eine schwere Mandelentzündung, es 
wurde ein befreundeter Arzt zu Rate gezogen, er saß an meinem ■?$***: 
fuhr plötzlich mit der Hand unter die Decke, wobei er mich ast a, n Gm fad 
erwischte, ich machte einen Satz und sehne ihn an: sf™**"™™^ 
verschämt!" Meine Mutter stürzte aus der Küche herein. ££ Doktor ^war 
die Verlegenheit selbst und behauptete, ich wäre ein ganz keckei liatz, er 
habe n nur in die Wade zwicken wollen. Ich mußte ihn um VerÄ 
bitten, was mir bei meiner gekränkten Mädchenohre sehr schwer he 1 Na chsten 
Tag kam ein anderer Arzt, den ich sehr liebte. Damals hatte ich oit den 
Wunsch wenn er nur immer an meinem Bett sitzen möchte und mir de 
ganze Nacht die Hand in seinen Händen halten möchte. fa"""£***» ' 
ich daran denken, wie das schön sein müßte, die ganze Nacht jemand bei 
SfcÄÄ Mit 13 Jahren entwickelte ich mich, unmit^^rherh^ 
ich an den linken Fuß nachzuziehen und bekam einen „Weißfluß mcin< 
Mutter' ging zu dem ersterwähnten Arzt, der behauptete, ich wetze Das 
konnte ich Ihm absolut nicht verzeihen. Ich und wetzen, so eine Zumutung! 
Ich bekam lange Zeit hindurch Sitzbäder, mein Vater intcressete »ich so ort . 
wVnmTfch so etwas machen muß, und es gab viel StrOitigkevten deshal 
daheun bis ihm einmal meine Mutter erklärte: „Du bist ein Saumagen, Du 
ScS Du' Du glaubst, weil Du stundenlang am Klosett sitzt und man 
KA der Wäsche findet, daß alle so eine Sau sein müssen!" As i h 
endlich die Periode bekam und mein Vater die blutigen Binden einmal ^au- 
snürte gab es wieder einen furchtbaren Verdruß. Wie er dazu käme, er 
fn so Ser Mensch, unter lauter so stinkige Frauenzimmer, die wie ±j 
Äse?' riechen, leben zu müssen. Jedes Frauenzimmer sei eine Sau und 
geSn-e ver tilgt Meine Mutter sagte: „Von dem reinen Mädel kann Du 
nicht kmnk "werden, wenn Du ein anständiger Vater ™^ ™« * 
darüber gar keine Worte verlieren, Du Sauker 1, Du »:-•« Uu an 
ees eckter Schuft Du bist ohnehin schuld, daß ich so krank bin. 
^th habe mich damals riesig gekränkt. Wenn Hed unwohl, rar ma chte 
ihr Vater mit ihr Geschichten, die Brüder sprachen kein lautes Woit «eil 
1 i^rner an furchtbaren Krämpfen litt. Es wurde der Arzt geholt und 
Tan tet für sie was man nur konnte, und ich mußte mich furchten, wenn 
"ein VatoT das Geringste bemerkte, ich fühlte ordentlich den lauernden 



Ergänzungen. l_j',i 

Blick auf mir ruhen und ich glaubte, alle Welt müsse es mir ankennen, es 
kam mir wie ein Unrecht vor, unwohl zu werden. Ich mochte noch immer 
ein wenig den Fuß nachziehen, denn in der Schule sagte mir eine Kollegin 
nach, die Anna hatscht nur so, daß die Leute glauben, sie kriegt ein Kind. 
Mit 15 Jahren kam ich in die Handelsschule. Ich schloß mich wieder an eine 
andere Jüdin an, die ich schon von der Volksschule her kannte, aber immer 
gemieden habe, weil sie in Sitten 2 hatte. Wir wurden die dicksten Freun- 
dinnen. Sie verbrachte im Sommer die Zeit mit ihren Leuton in Baden, wir 
schrieben uns sehr fleißig in Stenographie, damit es niemand daheim ent- 
ziffern konnte. Es gab ja so viel über Eroberungen zu Betreiben. Auch teilte 
sie mir eine Unmasse von Versen mit, die sie auf Klosetts angeschrieben 
fand, einen davon merkte ich mir, in meinen Augen wurde die Liebe so in 
den Kot gezerrt, die Liebe, die in meiner Phantasie so hoch stand. Er 
lautete: „Was ist der Liebe höchstes Ziel? Wenn vier A . . . . backen hängen 
an einem Stiel." Ich beschloß, es nie so weit ankommen zu lassen. Ein Mann, 
der ein Mädel liebt, kann unmöglich von ihr so etwas verlangen! Als einzige 
Reinwaschung für diese Sünde, glaubte ich, sei es, ein Kind zu gebären, weil 
dies eben nicht anders zustande kommen kann, als daß man sich hingibt. 
Als ich 15*-/» Jahre alt war. bekam ich einen Binder; ich war riesig 
eifersüchtig, ich war bisher immer die Einzige, meine Mutier bereitete mich 
vor, aber ich lachte immer und meinte, sie mache nur einen schlechten Witz. 
Einmal sperrte ich den Kasten auf und fand ein Pakel Kinderwäsche, d i 
setzte ich mich in ein Winkerl und weinte bitterlich. Dann bekam ich Angst, 
ich werde meine Mutter verlieren. Als sich bei ihr Geburtswehen einstellten, 
ließ man mich um die Hebamme gehen, mich, die bis dato an den Storch 
glauben mußte; mein Vater konnte nicht gehen, da er keine geputzten 
Stiefel hatte, und mit schmutzigen Schuhen gelte er nicht auf die Straße . . . 
Ich lief, was ich konnte. Dann schickte mich meine Mutter mit meinem 
Vater weg. Wir machten eine Landpartie, ich war den ganzen Tag traurig. 
Ob sie wohl noch leben wird, wenn ich heimkomme? Endlieh wir es Abend, 
ich schlich zum Bett, aber erst als man mich aufforderte; als ich das Kind 
sah, blieb ich in Ehrfurcht stehen und sagte: „Das ist ein Wunder Gottes!" 
Ich durfte das Kind aufziehen helfen und fühlte mich völlig als Mutter, trug 
mit Vorliebe lange Kleider. Nur manchesmal kam mir die Idee, wenn ich 
schlecht werden würde und den Buben an mich fesseln und ihn in (irund 
und Boden verderben würde? Seiraten werde ich ja ohnehin nicht I Wer 
nimmt mich denn arm? Dann müßte ich doch iiuincm Mann beichten, daß 

mir schon vor ihm Buben dorthin gegriffen haben und da nimmt er mich 
gewiß nicht oder hält es mir vor. Meine Freundin ermahnte midi immer, 

ich solle doch schauen, wie der Muh aussieht, aber ich konnte ihr beim 
besten Willen die erwünschte Auskunft nicht geben. Zu dieser Zeil brachte 
mir eine Freundin auch eine Beschreibung einer I baut nacht. 

Ich hörte diese Beschreibung nur einmal und konnte sie faai auswendig 
Ich glaube, damals kam ich aber doch auf die Idee, zu heiraten, denn ich 
war ja so neugierig, nur das Keuchen wie ein Pferd, von dem in der Be- 
schreibung dio Rede war, beleidigte meinen Schönheitssinn. Wir gaben uns zu 
Dritt (drei Mädchen) das feierliche Versprechen, wer zuerst von uns heiratet, 
muß den andern beiden die Geheimnisse ihrer Braulnncht enthüllen. Alle 
waren der Ansicht, daß ich zuerst heiraten werde. Auch andere Gedichte und 
Verse, dio sich auf die Liebe bezogen, suchten wir und sammelten sie. eines 
davon lautete: . . . „Hämischer Mond, die Liebste verscheuchst Du mir immer, 



1.50 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



warte, das ändert sich bald, da in stiller Kammer leuchtest Du mir dann zu 
schönerer Feier". Wer von uns Mädeln hätte damals nicht gerne geheiratet, 
sich von seinem geliebten Mann auskleiden und ins Bett tragen lassen? Es 
war ja so verlockend. Ich sehnte mich auch nach der Schwangerschaft, Ich 
stellte es mir so schön vor, von einem Mann, dem man ein Kind schenkt, 
geliebt und gehätschelt zu werden und sich mit allerlei Aufmerksamkeiten er- 
freuen zu lassen. Einem geliebten Mann sagen können: ich bin arm, ich 
habo nichts als meine Ehre und die gehört Dir, nimm sie Dir und mich. 
Mutter sein, war mein Ideal. 

Ich onanierte offenbar sehr früh. Als 3jähriges Kind saß ich mit Vor- 
liebe auf der Stange eines Fahrrades, das einem 13jährigen Buben gehörte, 
der mich anband und mit mir spazieren fuhr. Ich bettelte es ihm immer ab, 
daß er mich jeden Tag mitnahm, es war in R. bei bekannten Leuten, wo ich 
ohne meine Angehörigen den Sommer verbrachte. Als ich nach Wien kam, 
ließ ich oft den Mund offen und starrte ins Blaue. Dies wurde sprichwörtlich: 
„A., bist Du in R. ein Trotterl geworden?" Auch Schaukeln war in den spä- 
teren Jahren mein liebstes "Vergnügen, ich bekam immer eine Gänsehaut auf 
dem Rücken, wenn mir ein Mann, der mir sympathisch war, einen Stoß in den 
Rücken gab und ich wieder höher flog, daß ich jeden Moment zu fallen 
glaubte . . . Meine Mutter befaßte sich viel mit mir, sie wusch mich täglich, 
plagte mich mit allen erdenklichen Kaltwasserbehandlungen, trug mich ins 
Bett, in der Früh stand ich absolut nicht auf, wenn sie mir nicht einen Kuß 
gab. Als der Bub zur Welt kam, hatte niemand für mich Zeit, Und oft sehnte 
ich mich nach einem Kuß in der Früh. Und heute noch vermisse ich am Morgen 
am meisten den warmen Kuß der Mutter. Da heißt es oft schnell aufstehen, 
wenn ich nicht einen Weinkrampf bekommen will. Mit Vorliebe raufte ich mit 
meiner Mutter herum, bis sie sich niederkniete und mich um Verzeihung bat. 
Im Spaß. Als kleines Kind schrie ich jede Nacht durch Wochen hindurch, 
weil ich überall Schlangen sah in allen Größen und Längen, die auf mich 
zukamen; wenn man Licht mächte und fragte, wo sie waren, zeigte ich auf 
die Decke und Mauer, versprach, still zu sein, und wenn das Licht verlosch, 
war dasselbe. Auch schlief ich als Kind sehr lange, fast täglich von 7 bis 
12 Uhr. Ich aß nie allein, man mußte mich lange Jahre füttern und mir eine 
Geschichte erzählen. Am meisten rührte mich die Bibel und die diversen Er- 
zählungen von Josef. Am meisten war ich über die Potiphar empört. Einmal 
hörte ich, als ich eine Puppe wiegte, meine Mutter sagen, das wäre Instinkt, 
daß ich sie so halte. Nie mehr spielte ich vor meinen Eltern auf diese Weise. 
Mit ca. 8 Jahren sah ich zum ersten Mal ein Kind säugen; ich riß den Mund 
auf und blieb wie angewurzelt stehen, ich schnappte die Bemerkung auf: sie 
weiß nicht, daß es so etwas gibt, als ich mich ertappt sah, drehte ich mich 
um. Frauenleiden interessierten mich riesig, ich dachte immer, die mit Luna 
bezeichneten Packerin in den Auslagen der Drogerien seien damit in Verbin- 
dung zu bringen. Wenn ich sagte, ich möchte Kinder haben, lachte man mich 
daheim aus und meinte, ich bekomme höchstens Laubfrösche, weil ich zu zart 
bin. Ich glaubte, wenn ich einen starken Mann heirate, der genug Geld hat, 
werde ich meine Kinder doch fortbringen und bei der Niederkunft nicht 
sterben. Ich glaubte immer, ich müsse einmal den Kaiserschnitt bekommen, 
wenn ich nicht vielleicht ein totes Kind zur Welt bringe, oder ich werde nach 
der Niederkunft als Weib unbrauchbar und mein Mann muß sich anderswo 
befriedigen und wird mich nicht mehr lieb haben. Vielleicht waren die Ver- 
hältnisse daheim Schuld daran, weil ich meinen Vater immer jammern hörte, 






Ergänzungen. 151 

er habe ein krankes Weib, er weiß nicht, warum er geheiratet habe, und sie 
ihm antwortete: „Dazu wäre ich Dir gut, aber Deiner Frau Schuhe oder Kleider 
kaufen, das fällt Dir nicht ein, auf das Andere pfeif ich Dir auch." 

Aber nicht nur ich spielte gerne Doktor. Einmal spielte ich mit einem 
Geschwisterpaar aus einer angesehenen Familie, es waren weitschichtige Ver- 
wandte von mir. Das Mädel schlug vor, wir spielen Doktor. Wir waren allein 
im Salon bei meiner Großtante. Der Bruder legte sich auf den Boden. Sie 
knöpfte ihm das Hoserl auf und spielte mit seinem Glied. Ich wurde verlegen 
und sah weg. Sie lachte mich aus und sagte: „Du bist recht dumm, das 
spielen wir alle Tage, da brauchst Du Dich nicht zu schämen. So, und jetzt 
kommst Du daran, Du mußt es ihm auch' so machen/' Ich weigerte mich. Zu 
diesem Talent habe ich es nie gebracht, ich mußte ja meinen Erstlings- 
versuch mit so einem häßlichen Verdruß büßen. Und so gut gefiel mir diese 
Spielerei als Egoistin. Mir war es ja auch so erwünscht, wenn mich die Buben 
am Genital so herzhaft und doch so zart angriffen, aber ich habe nie einem 
die Freude. oder das Vergnügen bereitet . . . 

. Kindermund: Mein Bruder bemerkte mit 3 Jahren, daß sein Glied größer 
werde, klatschte sich in die Hände und erzählte meiner Mutter freudestrahlend: 
„Das Pipsi wird größer." Er war sehr stolz darauf. Er sah täglich nach, ob 
es schon wieder länger geworden ist. 

Mit 16 1 /« Jahren kam ich in ein Büro. Unverdorben, in der guten 
Meinung, daß nur jener Mann auf ein. Mädel ein Anrecht hat, wenn er es heim- 
führt, und hat er die Absicht, dann braucht er es nicht um das Bewußtsein 
bringen, daß es unverdienterweise den Myrthenkranz trägt. Im Büro sollte ich 
bald anderer Ansicht werden. Mit 17'/» Jahren bekam ich den ersten Urlaub, 
ich verbrachte ihn in Gänserndorf bei einer Tante. Es war für mich eine schöne 
Zeit, Man schwärmte mich von allen Seiten an, ein Balmbeamtor interessierte 
sich für mich und ich rechnete mir schon im Stillen aus, wie ich wirtschaften 
müßte, um mit seinem Gehalt auszukommen, falls ich seine Frau würde. Auch 
ging ich öfter stundenlang mit einem 18jährigen Studenten spazieren, ohne 
auch nur die geringste Furcht zu empfinden, wenn ich mit ihm ganz allein war 
auf weiter Flur. Nur die Erwachsenen fanden es unpassend und wir gingen 
nur Hand in Hand, wie Kinder, nur einmal erinnere ich mich, machte er 
einen Versuch, mir einen Kuß zu stehlen, ich bemerkte eß aber früher und 
wich geschickt aus, so daß er sich den Korb ersparte. Ks war zu dieser Zeit 
ein Tanzmeister draußen, der den Dorfschönen in dieser Kunst Unterricht or- 
teilte. Von mir als Wienerin setzte man voraus, daß ich tanzen könnte und 
ich blamierte mich durch meine Unkenntnis entsetzlich. Ich probierte aber die 
Polka francaise, verlor jedoch plötzlich den Halt unter den Füßen und tiel um 
wie ein Mehlsack, mitten im Saal, zum Entsetzen aller. Ich war nicht schwind- 
lich. aber ich fühlte nur, daß ich fallen werde und da lag ich auch schon da 
meinen Tänzer mit mir herunterreißend. Allerdings trug ich einen geschwol- 
lenen Knöchel davon, der mir noch ca. 3 Wochen nachher weh tut. Im darauf- 
folgenden Winter lernte Ich endlich tanzen. Mit einem Lampen lieber und ver- 
tagt betrat, ich die Tanzschule. Aber bald war ich in dieser Kunst Meisterin. 
Aber auch meine erste Liobosgcschichte fing dort an. Ich vernarrte mich in 
einen Postbeamten, der einige Jahre Gymnasium hatte und mir immer die 
Hand küßte; das imponierte mir natürlich. Ich fing wieder an. Luftschlösser zu 
bauen. Richtete mir im Geist eine Wohnung ein und behauptete, zu warten, 
bis er Postmeister wäre. Gleichzeitig schwärmte ich aber für einen jungen 
Hürokollegen, der sich pekunär besser stand. Ich durfte nicht zum Kränz- 



152 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



cheu gehen und mein A. nahm sich eine andere Komiteedame. Mich fraß die 
Eifersucht auf, er küßte nun einer Anderen die Hand, brachte ihr als Komitee? 
herr immer Bonbons und Blumen in die Tanzstunde, manchesmal traten mir 
die Tränen in die Augen, wenn ich dies mitansehen mußte. Wochen waren 
verstrichen, der liebe A. zerstritt sich aber mit seiner Komiteedame. Er war 
totunglücklich, ich ging in die englische Stunde und begegnete ihn auf dem 
Wege. Er war traurig und sagte, er wolle sich erschießen. Vergessen war die 
ganze Eifersucht, ich stürzte zum ersten Mal in meinem Leben eine Lehr- 
stunde, ging mit ihm spazieren und tröstete ihn, so gut es ging. Da wir beide 
gleich arm waren, so langte unser Taschengeld gerade so weit, um in ein 
Automatenbuffet zu gehen. Es war das erste Mal, daß ich von einem Herrn 
eine Einladung annahm. Wir aßen einige Brötchen und tranken 2 Gläschen 
Malaga. Es war in der Kärntnerstraße, dann gingen wir selbstbewußt oder 
benebelt, ich weiß es nicht mehr, in den Park vor der Technik. Es war 
ca. 9 Uhr abends im Frühjahr. Es war der 5. April 1909. Er lud mich ein, 
mich mit ihm auf eine Bank zu setzen. Er gab mir einen Kuß, er bat mich: 
öffne Deine Lippen, aber ich biß sie krampfhaft aufeinander. Dann fing er 
an, mir meine Winterjacke aufzuknöpfen, ich hätte es mir herzlich gern ge- 
fallen lassen, aber da fiel mir ein, daß ich keinen Busen habe, und wie be- 
neidete ich in jenem Augenblick alle Mädel, die von der Mutter Natur in 
dieser Beziehung nicht so stiefmütterlich behandelt waren wie ich. Die Bluse 
ließ ich mir auch noch aufknöpfen, aber bevor ich mir die Blöße gegeben 
hätte, daß ich so wenig Busen hatte, da verzichtete ich lieber auf das Wonne- 
gefühl, das ich eventuell gehabt hätte, wenn er mir mit den Händen näher 
gekommen wäre. Am 7. April lud mich ein verheirateter Kollege ein, mit ihm 
eine Ausstellung zu besuchen. Ich erhielt von daheim die Erlaubnis und wir 
gingen in die Gartenbau. Wir nachtmahlten zusammen und tranken Wein und 
ich wurde zutraulicher, erzählte einige zweideutige Witze, die ich noch aus der 
Handelsschule wußte. Er nahm trotz meines Bittens einen Wagen, drängte mich 
hinein und kaum zogen die Pferde an, gab er mir einen Kuß. Er wurde immer 
vertraulicher, fing an meine Beine zu bewundern, was mich in großes Staunen 
versetzte, da ich als Kind anerkannt „Spatzenwadel" hatte. Immer weiter und 
weiter kam er mit seiner Hand, ich trug immer Reformbeinkleider. Ich wehrte 
mich mit aller Kraft und ich weiß nicht, ob es ihm gelungen ist, sein Ziel 
zu erreichen. Am nächsten Tag ging ich mit sehr gemischten Gefühlen ins 
Büro. Er zeigte mir seine Hände, die ganz zerkrallt waren, und behauptete, 
ich wäre die Missetäterin gewesen. Das war der Anfang vom Ende. Ich kam 
mit der vorgeschriebenen Arbeit nicht nach und meine Mutter meinte, ich 
solle früher ins Büro gehen. Er war auch immer früher da. Ich machte mir 
allerlei zu schaffen. Er bat mich dann, öfter zu ihm zu kommen und ihm 
etwas zu erklären. Nur ungern folgte ich seiner Bitte und teils wieder mit 
Neugier, weil ich ahnte, daß er wieder unter die Kleider greifen werde. Ich 
spielte sozusagen mit dem Feuer. Wenn er meinem Genital in die Nähe kam, 
riß ich mich los und setzte mich auf meinen Platz. Da half alles Bitten seiner- 
seits nichts. Einmal war er aber schlauer als ich, er übervorteilte mich und 
drang wahrscheinlich mit einem Finger in die Scheide ein. Mir liefen vor 
Schmerz die Tränen über die Wangen, unwillig und zornig riß ich mich von 
ihm los, empört, daß ich mir so etwas bieten lassen muß. Er merkte meinen 
Unwillen und bat mich um Verzeihung, ich behauptete, ich wäre jetzt bestimmt 
keine Jungfrau mehr, worüber er mich auslachte und mich kindisch hieß. Aber 
ich glaube, schon einige Wochen vorher in einer Weinlaune einmal den Ver- 



Krgiinzuugcu. 153 

such gemacht zu haben, mir ein Sacktuch in die Scheide zu stecken. Da ich aber 
ein heftiges Brennen verspürte, ließ ich von dem Vorhaben ab. Als mich mein 
Kollego zum ersten Mal mit der bloßen Hand an der Scheide berührte, dürfte 
er offenbar den Kitzler berührt haben, ich erinnere mich eines unbeschreib- 
lichen Wonnegefühls und den unausgesprochenen Wunsch von mir, daß ei 
nur dort mit der Hand bleiben solle. Es war im Juni 1909. Ich ging damals 
zum zweitenmal auf Urlaub. Ich schrieb dies brühwarm meiner Freundin, 
und der Brief liel unglücklicherweise in die Hände ihres Bruders, der Ingenieur 
war und sich für mich lebhaft interessierte. Im Juli 1909 machte ich mit meiner 
Freundin einen Ausflug. Wir trafen die Gesellschaft, nicht und fuhren allein 
nach Muckendorf und wollten von dort zum Türkenloch gehen. Wir wann. 
resp. ich war sehr übermütig, wir wußten den Weg nicht und fragten einige 
Bauern um Bescheid, als sich zwei Touristen dareinmischten. Ich ließ sofort 
die Landleute stehen und schloß mich an die beiden Männer an. Meine 
Freundin wollte zwar nicht, aber ich meinte, es könne uns doch nichts ge-. 
schehon. Sie luden uns ein, mit ihnen auf das Kieneck zu gehen. Ich war 
Anfängerin in Touristik und als die Nebel an den Bergen hängen blieben, 
ging ich traurig und ängstlich neben dem einen her. Er erzählte viel von 
seinem Jagdgebiet und log, was er nur konnte, ich nahm alles für bare Münze. 
Als wir ein Stück des Weges gegangen waren, wollte er meiner Freundin einen 
Kuß geben. Sie schlug ihm mit der Faust eine auf die Nase, daß ihm das 
Wasser aus den Augen rann. Er kam zu mir. packte mich von rückwärts, bog 
mich zu ihm und gab mir einen Kuß. Ich widersetzte mich nicht. Meine 
Freundin war wütend auf mich und fand, daß ich mich dirnenhaft benehme. 
Auf der Enzianhütte wollten sie uns einladen, zu Mittag zu .speisen, WBS meine 
Freundin ablehnte, und ich getraute mich nicht zu widersprechen. leb Freute 
mich riesig über den Enzian, welchen ich zum erstenmal in meinem Lehen 
sah, er sagte, ich solle mit ihm ein Stück in den Wahl gehen, Enzian pflücken. 
Meine Freundin und sein Freund blieben zurück. Ich reichte ihm die Hand 
und wir gingen beigab, waldcinwärts. Kr setzte sich ins Gras und ich mich 
auch, obwohl mich etwas wie Furcht besohl ich. Er gab mir einen Kuß lind 
ich legte mich am Rücken und starrte ins Blaue. Ich ließ mir widerstandslos 
meine Reformhoso aufknöpfen, er küßte mich auf die Scheide zu meinem 
größten Entsetzen. Ich sagte: Wie können Sie so etwas machen, das ist doch 
eine Schweinerei. Er lachte mich aus und meinte, so ein reine- Mädel wie mich 
könne man schon dorthin küssen. Dann ließ er den Latz seiner Kedoih 
herunter und gab mir in ungestümer Weiss -einen Penis in die Hand. Ith 
fuhr mit der Hand auf und ab und konnte mich nicht genug wundern und 
entsetzen, weil er so unartikulierte Laute ausstieß und öfter rief: .letzt kommt-. 
Ich war schrecklich neugierig, was da komme und leider riß er mir plötzlich 
die Hand weg und warf ein Taschentuch darüber, so daß ich nicht sehen 
konnte, was sich da abspielte. Nur fluchte er riesig, weil ein Tropfen auf 
seine Hose gekommen wäre, und ich fragte ganz dumm: Ob das Flecke macht. 
Er verbot mir, meiner Freundin etwas zu erzählen, abor ich konnte nicht 
schweigen, es war ja für mich ein Erlebnis. Ich war sicher, daß alle Mädel, 
die sich verloben, nicht warten, bis sie verheirate! wären, er bestärkte mich 
in dem Glauben. 2 Tago darauf hatte ich ein Rendezvous mit ihm. Wir fuhren 
zusammen nach Liesing, zuerst fragte er mich, ob ich mit ihm in ein Hotel 
gehen wolle. Aber was fällt ihnen ein, meinte ich. gehen wir Bpaziercn. Kr 
führte mich gegen Rodaun. Ich plauderte munter fort, er wurde immer stiller 
und stiller und spähte immer um sich. Auf einer einsamen Wiese, es hat ge- 



^m 



154 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



rade 8 Uhr geläutet, rieß er seinen Überrock herunter und legte ihn ins Gras. 
Ich sah ihm zu, konnte aber keinen Schritt weiter machen. Er herrschte mich 
an, mich zu ihm zu setzen, ich wollte nicht. Ich weiß noch, wie er ein kleines 
Papiersäckehen aus der Tasche nahm und etwas Weißes herausnahm, ich 
glaube, es war eine Spezialität. Er riß mich zu Boden, warf mich so, daß er 
mit einem Bein zwischen meine Füße zu liegen kam. Ich glaubte noch immer 
nicht an den Ernst der Dinge, ich meinte noch immer ihn in meiner Gewalt zu 
haben. Ich verlegte mich aufs Bitten und meinte, er solle mich lieber um- 
bringen, als mich meines schönsten Schmuckes berauben. Er war sehr grob, 
beschimpfte mich abscheulich, drohte mir mit der Polizei, hielt mir den Mund 
zu und dabei führte er mir seinen Penis ein, ich glaubte, es wäre meine letzte 
Stunde, ich hatte das Gefühl, daß es mir den Magen umdrehe. Als er endlich 
aufhörte, wäre es mir erst erträglich gewesen. Ich war noch immer in der 
Meinung, daß ich jetzt mit ihm verlobt wäre, denn jetzt kann er mich ja 
nicht mehr im Stich lassen. Als er aufstand, mußte er mich aufheben, weil 
ich liegen blieb. Er bedeckte meine Augen und mein Gesicht mit Küssen Ich 
dachte an gar nichts, als daß ich jetzt ein Kind bekommen müsse. Ich frag 
ihn auch gleich, was soll ich machen, wenn ich schwanger bin. Er tröstete 
mich, es könne nichts geschehen, er habe gute Ware verwendet. Ich sah und 
horte nichts, hätte er mich nicht weggerissen, so wäre ich blindlings in die 
Autoverbindung zwischen Breitenfurt und Liesing hineingerannt, Wir fuhren 
zweiter Klasse ganz allein im Waggon. Er öffnete wieder das Beinkleid und 
wollte auf mich losgehen, ich stieß einen Schrei aus und lief durch den ganzen 
leeren Waggon hinaus bis auf das unterste Trittbrett, er lachte hell und roh 
auf, welches Lachen ich nie vergessen werde, und ließ von der Verfolgung 
ab, nannte mich aber eine dumme Gans, die nicht wisse, was gut wäre. Er 
begleitete mich zu meinem Befremden nur bis Meidling und ließ mich allein 
weiter fahren. In Wien angelangt, lief ich sofort in eine Bedürfnisanstalt und 
wollte meine Wäsche ansehen, weil ich einmal etwas so siedend heiß über die 
Schenkel rinnen spürte. Ich sah zu meinem nicht geringen Entsetzen die Blut- 
spuren in der Wäsche. Wie daheim verbergen? Ich kam nach Hause, log 
meiner Mutter vor, ich habe so herrlich zu Nacht gegessen und trachtete so 
rasch als möglich ins Bett zu kommen, ich weinte viele Stunden. Am nächsten 
Morgen konnte ich keinen Bissen essen noch etwas trinken, ich verspürte 
immer den Druck im Magen, als er mir mit seinem Glied eindrang. Als ich 
ins Büro kam, war ich ganz verstört, mein Kollege fragte mich, was ich 
eigentlich habe, statt jeder Antwort legte ich mich mit dem Kopf auf den 
Tisch und fing zu weinen an. Er nahm mich ins Gebet und fragte mich, ob 
etwas passiert sei. Ich nickte mit dem Kopf, er flucht« dem andern nach, 
nannte ihn einen gemeinen Schuft und mich ein armes Mädel. Er werde mit 
nur ins Hotel gehen, die Blutspuren aus der Wäsche waschen, damit meine 
Mutter nichts merke. 

Wir gingen auch zusammen ins Hotel, mir war furchtbar zu Mute. Er 
rauchte eine Zigarette und überließ mir meine Wäsche zu reinigen. Nur einen 
Kuß gab er mir und ich ließ es mir gerne gefallen, ich brauchte jemanden, 
bei dem icli Schutz suchen durfte. Durch mein dummes Benehmen und nicht 
Essen kam mir meine Mutter doch darauf,- daß etwas passiert sein müsse. Ich 
gestand es ihr bei ihrer Frage. Ich fand es nicht so furchtbar, schließlich mit 
fast 19 Jahren kann es ja einmal sein. Ich schloß mich von allen Menschen 
ab, war unfähig, ein weißes Kleid zu tragen und ging immer in Schwarz. Ich 
konnte keine Kinderstimmen hören, es waren ja alle unschuldige Geschöpfe 



Ergänzungen. 155 

und ich verdiene ja nicht mehr den Myrthenkranz. Mein Kollege gab sich alle 
Mühe, mich zu trösten. Es vergingen wieder Wochen und nach und nach kam 
der Herbst, mein Kollege benützte die dunklen Abende, mit mir in einer Park- 
anlage spazieren zu gehen und mir unter die Kleider zu greifen, ich ließ es 
mir sehr gerne gefallen, nur wenn ich fühlte, daß die Scheide feucht werde, 
riß icli mich los, weil ich mich wahnsinnig schämte. Bis er mir endlich sagte, 
das müßte so sein. Einmal behauptete er, jetzt ist's dir gekommen, ich wußte 
nicht, was er meinte, ich fühlte nichts, als daß ich ziemlich naß war. So ver- 
strichen wieder Wochen, so lange es noch warm war, konnten wir ja im. Park 
ausgelassen sein. Er bemühte sich oft, mir sein Glied in die Hand zu drücken, 
aber dagegen wehrte ich mich immer heftig, wenn er auch noch so bat. Als 
es kalt wurde, gingen wir wieder einmal zusammen in ein Hotel. Er zog mir 
die Kleider aus und trug mich ins Bett, Er spielte sich mit mir, aber er 
verkehrte auf mein Bitten nicht mit mir, weil ich mich vor Kindern riesig 
fürchtete. Manchesmal wollte er mich mit der Zunge befriedigen, ich^ ließ es 
mir ihm zuliebe einmal gefallen, aber empfand außer einem großen Ekel vor 
ihm nichts und wehrte ihm immer ab. So gingen wir fast jede Woche einmal ins 
Hotel, aber leider immer viel, viel zu kurze Zeit, ich hatte immer französische 
Stunde und nur eine Viertelstunde Zeit. Ich erholte mich wieder ganz schön 
und wog 60fc<7. Da machte ich die Bekanntschaft eines jungen Mannes, der 
immens reich war, ich sah mich wieder einmal als Frau. Er verliebte sich 
auch in mich. Er wollte ein Verhältnis anfangen, wäre ich noch unberührt 
gewesen, hätte ich es mir nicht so lange überlegt. Er fragte mich einmal, 
ob ich noch Jungfrau bin: lügen konnte ich nicht, so sagte ich nein. Er 
meinte, da könne er ja mit mir ein Verhältnis anfangen. Wir zerstritten uns, 
söhnten uns aber auf mein Bitten wieder aus und ich gab ihm das Versprechen, 
mit ihm in ein Hotel zu gehen. Ich war farblos, als wir über die Stiege gingen, 
ich glaube wie der Tod ausgesehen zu haben. Als wir auf einem Zimmer 
waren, riß er sich die Kleider vom Leib, ich ließ mir riesig Zeit, er wurde 
ungeduldig und nestelte an meiner Wäsche herum. Er fing an zu stottern 
und war für mich ein Bild des Jammers. Am liebsten wäre ich davongerannt, 
aber ich hatte das Versprechen gegeben. Endlich lagen wir im Bett, Weh tat 
er mir nicht. Ich war leider Augenzeuge, wie er sich den Penis resp. den 
Gummi mit Vaselin einfettete, ich hatte nur den Wunsch, ist er noch nicht 
bald fertig (ich spreche vom Verkehr), ich empfand nichts. Er fragte mich 
ganz glücklich: „Fühlst Du etwas?" Ich antwortete ja, nein, ich weiß es 
nicht, Als er beendet hatte, rief er mich an, ich schlug die Augen auf und 
er hielt mir den Gummi samt Inhalt hin, um mich davon zu überzeugen, daß 
er mich nicht geschwängert habe. Ich hatte noch so viel Hirn, ihm zu sagen, 
es in den Kübel zu werfen. Ich wickelte mich in eino Decke ein und fror 
erbärmlich; wenn er wenigstens zu mir gekrochen wäre und mir einen Kuß 
gegeben hätte, aber er fror auch, es war eine Situation, die sich nicht schildern 
läßt. Endlich stand ich auf und zog mich an. Ich war geradezu schön. Meine 
Augen funkelten und mein Gesicht war wie das eines Blasengels. Als ich 
das elektrische Licht aufdrehen wollte, drehte er es wieder ab und meinte, 
nein, es stehe nicht dafür, sonst muß ich das auch noch begleichen. Ich war 
wütend und hätte ich über mehr Taschengeld verfügt, so hätte ich das Hotel- 
zimmer bezahlt. Wir gingen auseinander, ohne ein Rendezvous auszumachen. 
Am nächsten Tag weinte ich wieder einmal im Büro, mein Kollege fragte mich, 
ob er nicht imstande wäre, mir den Anderen zu ersetzen, ich ging mit ihm ins 
Hotel, dachte an den Anderen und ließ mir von ihm schön tun, er war über- 



156 



Die üeschlechtskälte der Frau. 



glücklich, daß mein Genitale so viel Nässe absonderte. Die Wut auf den 
Anderen verging, mich packte eine Sehnsucht und ich lief ihm nach und paßte 
ihn überall ab, meine freien Stunden benützte ich dazu, auf Friedhöfen zu sitzen 
und mir die Augen herauszüwcinen. Das war im August, im November fing ich 
an zu schielen und alles doppelt zu sehen, was mir beim Schreiben sehr pein- 
lich war, weil ich nicht wußte, wo die richtige Zeile sei. Ich ging zu einem 
Dozenten und dieser wollte mir die Augen operieren, aber ich war zu feig und 
begnügte mich mit Prismen. Ich fing an, Klavierspielen zu lernen. Von meinem 
Kollegen entfremdete ich mich ganz. Ich wurde schrecklich mager und sah 
aus wie die / teuren Zeiten. Dann bekam ich Influenza, war sehr schwach 
und kam nach Meran. Dort verliebte ich mich in den behandelnden Arzt der 
zu allem Elend auch noch verheiratet, war. Ich bekam dort einen Puls' von 
140 Schlagen und war der Gesprächsstoff des ganzen Sanatoriums, weil sich 
niemand den Puls erklären konnte.') Wenn ich den ganzen Tag nicht Herz- 
klopfen hatte, so bekam ich es bestimmt, wenn ich die Stimme des Arztes 

nZ % rT * - fft 8h f tG ich ^^Pt* 68 stoßt mir das Herz ab 
und lc h mußte aus Rucksicht auf mein schwaches Herz jedes unnütze Getränk 

* t! 3"; "p t? ,f 8h t deD Herzkühle '- ™* durfte keinen Schritt 
gehen und nur im Rolls uhl ausfahren. Mit einem Wort, ich kam mir sterbens- 
krank vor und ließ mich von allen Seiten verwöhnen und bedauern. Es war 
a ch ein Russe ,n der Pension, der mir sehr gut gefiel, es war ganz zu Be- 
ginn meiner Behandlung, er war bettlägerig und ich leistete ihm Gesellschaft 
einmal nach dem Soupe. Ich saß an seinem Bette und wir plauderten. Ich 
Heß mir aber wieder einmal die Hose ausziehen, wobei ich mir noch ein biß- 
S™ machte > d * ß ich m^nen Kollegen betrüge, aber er weiß es ja' 
nicht Der Russe zog mich zu sich ins Bett, onanierte mich offenbar mit der 

Mn TT 1C n m i ai ? Ginmal daV ° n - V0I ' her S3gte er Mir: " Aber DU Wst 

keine Unschuld mehr'-, was ich bejahte, aber ich wäre eigentlich so gerne 
bei ihm geblieben. Ich lief in mein Zimmer, legte mich nieder und bekam 
des haclits einen fürchterlichen Brechdurchfall, am nächsten Morgen hatte 
Ich 140 Puls und von dem Tag an nahm der Puls nicht wieder ab. Auch war 
ein junger Bosmak m der Pension, dem imponierte ich mit meinen Beinen, 
ich verdrehte ihm fleißig den Kopf und ließ mir oft von ihm Gesellschaft 
leisten fing an, mit ihm seine Muttersprache, serbisch, zu lernen. Wenn ich 
unwohl war, mußte ich vom Arzte aus immer liegen; einmal wieder mußte ich 
das Bett hüten der 18jährige Bosniake kam zu mir, ich erlaubte ihm, nach 
dem Soupe zu kommen, machte mich recht hübsch und wartete, bis er kam. 
Ich dachte an den Arzt, der Junge setzte sich auf mein Bett und ich schloß 
halb die Augen, um im nächsten Moment wieder auf ihn zu blitzen. Das Spiel 
gefiel recht gut und es verfehlte auch seine Wirkung nicht, er bat mich, zu 
schlafen ich hatte beim besten Willen nicht schlafen können. Immer näher 
White ich seinen Hauch. Ich hätte es noch verhüten können, ein strenges Wort 
und er hatte sich nicht getraut, mich zu küssen, aber wozu. Ich würde ja den 
Arzt auch küssen, wenn ich könnte, er solle mich nur küssen, dachte ich mir 
ümdlich fühlte ich seine Lippen auf den meinen, erst schüchtern, dann inten- 
siver. Aber er wahr nicht so harmlos, wie ich dachte, er drehte rasch die elek- 
trische Lampo auf meinem Nachtkästchen ab und warf sich unter Stöhnen auf 



•*) Ein schönes Beispiel einer Herzneurose auf erotischer Grundlage, wie ich sie 
in meiner Broschüre „Das nervöse Herz" eingehend beschrieben habe. 



Ergänzungen. lf>" 

midi, versuchte mir meine Wäsche aufzuknöpfen und mir die Decke weg- 
zureißen, im Notfall hatte 'ich ja die Binde, aber mit einem jungen Menschen, 
der in der Leidenschaft einem wilden Tier gleicht, ist nicht zu spassen; ich 
bekam furchtbares Herzklopfen und setzte mich im Bett auf, es entspann sich 
ein Ringkampf zwischen uns, ich sagte, er wäre schuld, wenn ich stürbe, mich 
wird der Scldag treffen, erschrocken machte er Licht und es gelang mir, ihn 
per guten Wind aus dem Zimmer zu bringen. Vergessen werde ich den An- 
blick nie, wie ein gehetztes Wild sah der Arme aus. Eine blaugebissene Lippe 
verriet das Ganze und es kam ein heftiger Verdruß und Feindschaft zwischen 
uns heraus. Schweren Herzens und lebensüberdrüssig verließ ich Meran und 
den Arzt. Aber nichtsdestoweniger verliebte ich mich bei der Nachkur in einen 
Forstadjunkten, sah mich im Geist schon als Frau Försterin und auf den Knien 
ein kleines Kind. Ich ließ mir auch von diesem, wenn die Sonne hinter den 
Bergen verschwand und wir auf der Wiese saßen, recht gerne unter die Kleider 
greifen, ich selbst erwiderte aber nie einen derartigen Freundschaftedienst. Zu 
einem Verkehr kam es trotz seiner Bitten nicht, weil ich nicht, eingestehen 
wollte, daß ich nicht mehr unberührt war. Wegen meiner Sprödigkeit zer- 
schlug sich diese Bekanntschaft. Nach einigen Monaten lernte ich wieder einen 
jungen Arzt, der mich aushilfsweise behandelte, kennen und schwärmte als- 
bald für ihn. Wir trafen uns öfter und zu Weihnachten 1913 folgte ich ihm 
in sein Spital. Er zog mich zu sich heran und wollte mit mir verkehren, aber 
ich schützte das Unwohlsein vor und entging für dieses Mal der Gefahr. Ich 
wechselte, um meine Kleider zu schonen, meine Toilette und zog einen Doktor- 
kittel an, legte mich mit ihm auf ein Sofa, als ich sicher war, daß er mich 
nicht anrührt, und ließ mich von ihm küssen, wobei er mir den Vorwurf 
machte, daß ich nicht küssen kann udor die Küsse nicht richtig zurüokpobe. 
Für Zungenküsso hatte ich überhaupt immer eino Antipathie. Als ich das 
nächste Mal kommen sollte, schrieb ich ab, weil ich wußte, daß es kein Ent- 
rinnen gäbe, aber ich war totünglücklich, daß ich nicht kommen kann und daß 
ich nicht bei ihm sein und nicht mit ihm herumspielen kann. Ich hätte bö /gerne 
ein Verhältnis angefangen, aber ich weinte fürchterlich und kämpfte mit mir 
lange, ob ich den Absagebrief und zugleich Abschiedsbrief aufgeben sollte 

oder selbst hingehen und sagen solle, ich bin Dein Ich machte noch einige 

Bekanntschaften, die nicht lange hielten, da ich, so lustig ich die ersten Male 
bin, so wortkarg werde ich, wenn ich mich für jemand ernstlich zu interessieren 
anfange. Ich glaube, wenn die Sinne sprechen, Behaltet mein Denkvermögen 
aus. Da lernte ich Ende 1914 einen Offizier kennen. «1er ganz dieselben Augen 
hatte wie der Doktor in Meran, es war Grund genug, mich in ihn zu vor- 
gaffen, ich folgte einmal seiner Einladung auf sein Zimmer, damals war ich 
diejenige, die ihm einen Kuß gab, allerdings ganz scheu auf die Stirn. Aber 
ich war glücklich, wenn ich auch fürchtete, es werde nicht lange andauern. 
Er faßte mich um die Taille und ich stieß einen unartikulierten Laut aus, so 
daß er mich erschrocken los ließ. Es entwickelte sich eine heftige Korrespon- 
denz, als er an der Front stand, und ich sehnte mich in den Abendstunden 
nach' ihm und nach einem Kinde von ihm. Ich wurde alle Tage weniger, bis 
ich endlich 20 kg abgenommen hatte. Zu allem Elend zerschlug sich die Be- 
kanntschaft, alle Luftschlösser zerstieben. Alle erträumten Hoffaungen wurden 
zu Wasser. Ich wurde seelisch krank und sah mich genötigt, Hilfe zu suchen. 

Und nun noch einige Erlebnisse, die mir nachträglich eingefallen sind. 

Meiner Freundin gegenüber konnte ich wegen des Verhältnisses mit dem 
Kollegen nicht schweigen, ich verriet ihr, daß ich mir alles gefallen lasse. 



158 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



aber um keinen Preis der Welt wirklich verkehre . aus Angst vor Babies Sie 
war entsetzt darüber und behauptete, daß mir das sehr schädlich sein wird 
entweder der Penis oder gar ■nichts. Aber neugierig war sie doch, wie das 
ist. Einmal schickte sich die Gelegenheit, ich schlief bei ihr. Wir waren allein 
im Zimmer und vorher wuschen wir uns beide, bei welcher Gelegenheit sie 
meinen Korper bewunderte. Wir legten uns nieder und ich sollte ihr es so 
machen, wie mir 'mein Kollege, da war guter Rat teuer. Ich war zu dumm 
h&kt nd J*? r „™ a8un * V»tato ich erst die Kenntnis, wo sich der Kitzler 
n cht etnE g T ^ f * S"* UnS ZU ■**■*§«■ ** ^be bestimmt 
•'hito^ ' Gr lcl ! bi ; achte sie sowit > daß sie einen Genuß hatte. Am 

wiede r tenS 2!" "2 ! ^^ UnföWg ' aufzustehen - Einmal und nie 
wieaei ,. lautete unsere Parole. 

mehr S^wT & d - age ? en ' d&ß ich jemand verrate > daß ich *** 
manche 1,1 hrT"* ""^ T mSe Prau Zur Nachbarn, bei welcher ich 

Sfnfw^Än'J 6 ^ ^T Ve,Teist War " Einraal ^ ich «M* a» 
?S JJ k T en m einer Weinlaune nach Hause. Ich schlief bei ihr. Wir 
waren beide sehr aufgeregt, sie war entschlossener wie ich und griff mir mit 

Ä-lr Geu i ta - e - ! ch t **• ** haif mh - me - ÄJ «ich 

Fuß au L lf P 2 n ° Ch , neUt l e Ä meinm Knie ' nachdem icb den rechten 
hatte TZw "Ä! U "k S1Ch b I e,r i edigGn ' ich gla,lbe ' daß sie ei »™ Genuß 
ui o in f, 1 n PU ^A; SieC l end heiß Über meinen Fuß ,innen - Sie na n»te 

ömmen tSZS^ ^ "S,^* da ? GeringBte beitru ^ in die Eksta « e «* 
mich X ,h w r 7 Bleipatzen ,ie ^ n - Sie gab dann ihre Bemühungen. 
Z ° * ' h H rei ; H T K d ^^f* u » d z » befriedigen, auf und meinte: Faules 
eolut'Ä ui \ f m + nachs t en Morgen war ich sehr traurig, hatte ab- 

solut kerne Lust zum Arbeiten und wäre am liebsten immer bei ihr gewesen 

Ihte'.Vr^ "a? 6 Mieile ' T f**? ZU k ° mmCü Und ich braute 33 

ch i h ^ ff H er r?ro\° Uegen fiel mein Ränderte* Wesen auf und 
ich gab es auf das unerlaubte Gebaren und kam nicht wieder dazu 

zählte W^Ä aUch \ daß ich f erade nich t- *» den appetitlichsten Kindern 
ÄÄ 1 -? " Nwenbohren waren meine Spezialvergnügungen. und 
ich glaube, daß ich manchesmal ganz ruhig den Nasenschmutz mit einer Ge- 
mütsruhe in den Mund gesteckt, zerbissen und dann ausgespuckt habe 

In der 6. Klasse interessierte ich mich auch lebhaft, wieso die Kinder 
zustande kommen; daß der Mann daran schuld ist, das war mir klar Nur 
dachten-wir uns (meine Kameradinnen und ich), wenn der Penis nur eingeführt 

I ' tT V " • u nd ' läßt der ?* a n n d e r P r a n Ü r in in die Scheide. 
tZ oh t Zwill '^ e - , Auch Klaubten wir, daß man sich das einteilen 
kann, ob man einen Buben oder ein Mädel haben will 

,i,.l-. In d Ta T 5 \ KW hatte " wir eine » Katecheten, ein stattlicher Mann mit 
2?1 I 3 °- 40 A Jahr(,n ' ™}f Freundin E. mit rötlichblonden gelockten Haaren 
und blauen Augen und ich mit dunklen lockigen Haaren und braunen Augen 
boten die grellsten Gegensätze. Wir saßen als Freundinnen nebeneinander 
Unser Katechet starrte uns oft die ganze Stunde an. kein Auge wandte er 
von uns Wir fürchteten schon immer die Religionsstunde, weil wir aus Ver- 
legenheit nicht wußten, wo wir hinschauen sollten. Kramten dann, um etwas 
zu tun, die ganze Stunde in der Schultasche herum, wobei mir oft alles aus 
der Hand fiel ich weiß nur, daß mir immer im Gesicht schrecklich heiß war 
Er saß so ruhig mit einem Fuß auf der Bank und den zweiten streckte er 
von sich. Lächelte uns boshaft an, und wenn sich hie und da unsere Blicke 
traten, wurden unsere Wangen noch glühender und wir schmunzelten auch 






Ergänzungen. 159 

Es "war am Ende des Schuljahres, sprengte ein Mädel aus einer tieferen Volks- 
schichte, die sich tagsüber allein überlassen war, dummerweise aus, wenn der 
Katechet N. N. auf der Bank sitzt, bewegt sich sein Nixerl (offenbar meinte 
sie den Penis) in seiner Hose. Es war in der Klasse ein öffentliches Geheimnis, 
meine Freundin war bereits schon auf dem Lande, und ich war jetzt allein das 
Opfer, von ihm beobachtet zu werden, ich hätte ja auch so gerne auf den 
Hosenschlitz geschaut, ob sich da etwas bewegt, aber für ein gesittetes Schul- 
kind paßt ja so etwas nicht. Dann war ich ja ununterbrochen beobachtet. Kr 
verfolgte jeden meiner Blicke. Einmal sollte ich eine Geschichte aus der Bibel 
erzählen, ich kam zur Treppe, obwohl ich Vorzugsschülerin war und immer 
Eins hatte, war mir mein Gehirn wie ausgelöscht, ich konnte mich absolut auf 
die Geschichte nicht erinnern, obwohl ich sie tags vorher gelernt halte. Ich 
bekam einen dicken 5 in seinem Katalog, aber ich weinte nicht, da/u war 
ich viel zu stolz, vor ihm hätte ich absolut nicht geweint, obwohl ich wußte, 
wenn ich weine, wird er mir die Note streichen. Auch verteilte er Bilder 
unter dio Kinder, aber nur solche zählten zu den Glücklichen, die die Frech- 
heit besaßen, ihm die Taschen auszusuchen; da ich leider dazu zu feig war 
und behauptete, das schicke sich nicht, einem Mann in die Taschen zu grellen. 
bekam ich keines. Im Beichtstuhl hatte ich einmal Gelegenheit, ihn als Beicht- 
vater zu haben, er holte mich selbst aus dem Betstuhle und es gab kein zu- 
rück. Gottlob, kam ich über das G.Gebot gut hinweg, aber ich regte mich 




treter Gottes _ 

wandte, ansprach. Die Affäre vom Katechet seinem Nixerl kam leider zur 
Lehrerin und ich sehe heute noch ihr empörtes Gesicht, höre noch die schallcndo 
Ohrfeige und den Wutausbruch, in welchen sie verfiel, daß die Jugend so 
verderbt sei!!! Ich dachte, die arme Kutscherstochter hat keinen Zahn mehr 
im Munde. 

In der Bürgerschule bekamen wir einen Lehrer, den ersten. Die ganze 
Klasse war ohne Unterschied in ihn verliebt. Nur fiel es mir auf. daß teil- 
weise dio Offizierskinder, andrerseits abor die Mädels, dio ßich eines Knospen- 
den Busens erfreuten, sich seiner Gunst rühmen konnten. Midi hatte die Mutter 
Natur in dieser Beziehung leider sehr stiefmütterlich behandelt. Ich hatte es 
zwar auch „sehr gut" bei ihm, aber dies verdankte ich meinem Fleiß, l'ie 
Klasse war in drei Bankreihen eingeteilt, wovon die zwei Seitenreihen nur 
zwei Plätze hatten, die mittlere für drei Kinder berechnet war. Ich sali in der 
ersten Bank am Eck Seiionreihe, ich könnt« bequem hinter den Katheder sehen, 
weil an der Seite desselben keine Wand war. Unser Lehrer saß oft die längste 
Zeit einen oder zwei Finger, Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand, im 
Hosenschlitz vergraben, und machte immer ein Bewegung, die ich mir so 
auslegte, daß es ihn dort unbedingt jucke. Ich sah ihm aber mit einer Gemüts- 
ruhe zu, ich glaube, er bemerkte es nicht, er war geistesabwesend, nur ekelte 
es mich an, daß er dann, wenn er die Hand endlich weggab, an die Nase fuhr 
und ordentlich mit einem Wohlbehagen den Duft der Finger einsog. Ich war 
dumm genug, meine Sitznachbarin darauf aufmerksam zu machen und im 
gogobonen Augenblick ihr einen Rippenstoß zu versetzen. Die fing hellauf zu 
lachen an, er wurde aufmerksam und unsere Augen trafen 6ich, ich glaubte, 
er wordo mir etwas sagen und mir einen Sittenpunkt geben. Aber er fiberging 
dies. Nur trafen sich unsere Augen dann öfter bei solchen Szenen, er mußte 
merken, daß ich eine scharfe Beobachterin war. Man erzählt»' sich allerlei von 



16Q Die Geschlechtskälte der Frau. 

M'iiiSS 6B A, auf ^ a ^* i b 5 uh 1 te 0der von den Fratzen erfanden war weiß 
TaiwfK, ' mr > n6 !? eten die 8 - Klasse dam*, daß er einmal mit eS 
Torlette eh er vom Klosett in die Klasse gekommen sein soll und von ein ■ 

^ÄSt^ r~* sich hinter der Tafe ? * sc 

M(1 , A , ber m <J er Handelsschule setzte ich meine Beobachtungen erst fort ich 

ausmalen Ich memte immer, wenn mich wirklich jemand heiratet soll er «X* 

?Ä™3 T*- TaDte ' w . as denn geschehen sei - Sie erzählte 

ie mi "ihi S 2! &??" 1 m 5? m Rund0 envischt ^rden wären, wie 

dS ü Geschlechtsteil gespielt haben; siehst du, schloß sie die Predigt 

die werden jetzt eingesperrt, so geht es allen Kindern, die solche Sachen 

ÄrÄ 35 sie r.^r nn sieht - - Ich « da -. S* SS 

fetn kann S 1?^ 1Ch mcht n auch in dem **&> nieder solche Buben 
51 E e 25l h S2° n 8 ° T 6 gG w ßt) T Sie 6 ° »«****■■ getan haben. 
«SV n n16 etWas - Wenn die keifenden Alten nur der Jugend 

Kfty;2?B£^ w r den < wann auch für diese die *S*SS 

käme .sich der Erbsunde zu erfreuen. Aber es dürfen ja nur Erwachsene den 
Vorzug genießen Kinder sind ja die Ebenbilder der Engel X haben h 
keinen Leib, deshalb können sie ja so rein sein . 3 

Mit diesen Worten schließt ihre Lebensbeichte. Ich keime außer 
der Geschichte des kleinen Hans" kein zweites Dokument, das so tiefe 
Anblicke in das wahre Leben, in die Kinderzeit, in die Konflikte eines 
einlach organisierten Menschen gewährt. Selbst das „Tagebuch einer 
v erlorenen oder die „Geständnisse" von Rousseau verblassen vor dieser 
wohltuendenAufrichtigkeit. Bevor ich auf die Analyse dieses Zustande* 
eingehe, muß ich einige Nachträge zur Krankengeschichte bringen Der 
heißgeliebte Offizier zog sich zurück, obwohl er bei Anna nur einen 



Ergänzungen. 1»; 1 

schüchternen Widerstand fand. Es scheint, daß er gesehlcchtskrank aus 
dem Felde zurückkam und anständig genug war. das Verhältnis unter 
irgend einem Vorwande aufzugeben. Anna aber hatte ein unstillbares 
Bedürfnis, seelisch zu lieben. Sie mußte lieben, wie eben nur ein „'Wiener 
süßes Mädel" lieben kann, mit der ganzen Hingabc ihrer Persönlichkeit, 
sie mußte sich unterwerfen, sie mußte den Mann ihrer Wahl verehren. 
Nachdem sich der Offizier, der ihr zuerst sehr lieb entgegengekommen 
war, zurückgezogen hatte, verfiel sie in eine tiefe Depression. Das sonst 
so übermütige (allerdings in der Stimmung leicht wechselnde) Mädchen 
wurde traurig, verlor den Appetit, nahm rapid ab. Sie war bisher immer 
die fleißigste in ihrem Büro. Sie verlor nun auch die Arbeitsfähigkeit. 
Sie wurde apathisch und schlaflos, sah sehr gealtert aus. In der l'sych- 
analyse besserte sich ihr Zustand auffallend rasch. Sie schilderte sich 
zuerst als das Opfer einer brutalen Vergewaltigung. Dann gab sie den 
Vorgang in der Weise zu. wie sie ihn später beschrieben hat. Sie gestand 
aber, daß 6ie noch mehrere Versuche mit anderen Männern gemacht 
habe. Unter anderem hatte sie ein Verhältnis mit einem Arzte, in dessen 
Armen sie — wie bei allen anderen Männern — gar nichts empfand. (Und 
der Arzt war immer ihr sexuelles Ideal!) Es lockte sie aber immer 
wieder hin, um einen Orgasmus zu erzwingen. Er kam nicht. Oft mußte 
sie noch nachher eine halbe Stunde masturbieren. bis sie endlich ein 
Orgasmus von der quälenden Erregung erlöste. 

Die Analyse ergab folgende Hemmungen, welche die Auslösung 
des Orgasmus verhinderten: 

1. Die Nachwirkung der ersten Szene mit der Großtante, die wie 
eine „ewige Warnung" vor ihren Augen stand. (Diese Nach 
Wirkung infantiler Traumen kann man sehr häufig beobachten. Wenn 
der erste Schritt zur Objektliebe mit einer von Erziehungspersonen zu- 
gefügten Unlust assoziiert ist, so kann dieser infantile Im- 
perativ aus der Vergangenheit als „ewige 11 ■ inmung" den 
Eintritt des Orgasmus verhindern. Bei der männlichen Impotenz wordvn 
wir den gleichen Mechanismus beobachten können. Ich habe diese Tat- 
sache als allgemeine Hegel für die männliche Impotenz angenommen. 
Sie kommt in der Mehrzahl der Fälle vor, spielt auch in der weiblichen 
Impotenz, wie dieser Fall beweist, eine große Rolle.) 

2. Die zweite Szene mit der Tante. 

8. Die Parkszene, welche mit der Drohung, der Wachmann \ erhalte 
„solche Missetäter", verbunden war. 

4. Ein Schamgefühl, das sie verhinderte, ihre Leidenschaft zu 
zeigen. Ihre Kälte war eine gowollte, wie sie sich srllist ausdrückte, ein 
Komödienspiel vor sich selbst, aber ein Spiel, das sie nicht mehr aus- 
schalten konnte. 

Sii'ki'l, StOrbDgftD d«» Tritt- DSdAfMctlÖDsn*. III 2. Aufl. \\ 



162 Die Geschlechtskälte der Frau. 

5. Sie hatte das Unglück, rohe Männer zu finden, die ihr Bedürfnis 
nach Erotik nicht stillten. Die Hotelszene mit dem Millionär zeigt uns 
das Zusammentreffen zweier Neurotiker. 

6. Schließlich trat eine innere Religiosität zutage, die ebenfalls 
•nicht ohne Einfluß auf die Dyspareunie geblieben ist. 

Die homosexuelle Komponente ist erstaunlich gering ausgebildet 
Eine gewisse Fixierung an den rohen Vater ließ sie das Ideal auf dem 
V\ ege der Differenzierung suchen. Sie schwärmte für feine Männer die 
ihre Frauen lieb behandeln, wollte geheiratet werden. Ich riet ihr von 
allen Experimenten ab und gestattete ihr nur einen Geschlechtsverkehr 
mit Männern, die sie heiraten wollten oder deren großer Liebe sie 
, sicher war. 

Zwei Monate nach der Behandlung erhielt ich folgenden Brief von 
der vollkommen Genesenen. 

konntp' H 2 le S t n + d L eS gerad t a ^ T ^ e > daß M* mich bei Ihnen ausplaudern 
konnte und jetzt komme ich, Ihnen schriftlich viel zu erzählen. In meinem 
^sieben ist eine kolossale Änderung vor sich gegangen. Ich kenne mich 
selbst nicht wieder. Also, daß ich es gleich rund heraussage, mit dem 
•platonischen Verhältnis mit dem Maler ist es nichts, ich habe seit Samstag 
ein richtiges sage intimes Verhältnis und bin das glücklichste Geschöpf von 
Orottes Erdboden momentan zumindestens. Eigentlich weiß ich nicht recht wie 
das so schnell gekommen ist, daß es einmal so kommen wird, -habe ich geahnt, 
wenn auch sein Äußeres nicht anziehend ist, so hat er ein sehr angenehme 
Organ und plaudert sehr nett. Vergangenen Donnerstag war er bei mir 
In seiner Wohnung hat er sich nicht an mich herangetraut, nur einmal flüsterte 
seinen'ihaR FFT T sonst In meiner Wohnung nahm er mich auf 
seinen Schoß, ich hatte schon mit Absicht einen leichten Schlafrock angezogen. 
Wir küßten uns und er strich mir liebkosend über den Körper. Ich glaube 
als ich seine warmen Hände durch die Kleider durchfühlte, erwachte in mir' 
die Kreatur oder bahnte sich die Hingabe einen Weg, kurzum, ich schmiegte 
mich noch mehr an ihn. Er hatte mich verstanden, er wurde aggressiver und 
ich hatte nur ein Wort zu sagen brauchen, ich bin sieher, 6* hätte sofort seine 
Hand zurückgezogen, aber ich schwieg, ich ließ alles mit mir machen, nur dann, 

SL™ £* i u Gli i ek g6 T Sen hatte ' überkam **«> ei ™ achtbare 

wSÄ jo^eretwi Bewußtsein, daß ich ihn viel zu tief in mein 

Innerst s schauen ließ, daß es jetzt für ewige Zeiten mit der Komödie, die 
Kalte zu spielen, vorbei ist Er bemühte sich, mir in die Augen zu sehen, aber 
ich bog immer meinen Kopf weg und versteckte mich dann in meiner ßatlosig- 
keitan seiner Brust Bevor er sich von mir empfahl, fragte er mich noch: „Bist 
Du mem Schatz? Statt jeder Antwort fanden sich unsere Lippen. Samstag 

koX^ w i W1 !i erZ l 0mra r i Ch Wußte ' daß es dann zum Äußersten 
kommen werde. Aber ich ging ohne Herzklopfen und entschlossen hinauf Wir 

Hetnat ISSPFF* *? ^ ™\ *E ° tt ° niane ' ™ P lauderten ™* *■* 
Heimat, dann stand er auf und verlöschte die Deckenbeleuchtung und drehte 

lTJuX 6 T dQV ^ ^^ Ä Mt 6inem färbigen Ball0n "-deckt war 
Icl wußte, was auf mich wartete. Er setzte sich wieder zu mir, wir herzten und 

küßten .uns und wortlos überließ ich mich meinem Schicksal. Ich weiß nur daß 

ich wahrend der ganzen Liebesszene nur an die Gegenwart dachte und das 



Ergänzungen. 1GS 

dürfte auch für uns beide ausschlaggebend gewesen sein. Zumindest war ich 
nicht abstoßend. Ob ich empfunden hatte, wußte icli nicht, aber ich glaube, 
ich bin sozusagen hungrig weggegangen, er schloß mich noch oft innig in die 
Arme, aber ich kämpfte mit Mühe mit Tränen, dio ich absolut in seiner Gegen- 
wart nicht vergießen wollte. Als ich heimkam, brach ich in heftigen Wein- 
krampf aus und da dachte ich an Sie, daß glückliche Frauen nicht weinen und 
kam auf die Idee, ich werde doch um meinen Teil reden müssen, um nicht 
hungrig von der vollen Schüssel aufstehen zu müssen. Sonntag nachmittags 
waren wir zusammen am Dreimarkstein, dann fuhren wir in seine Wohnung, 
ich habe mir schon einen Schlafrock bei ihm einquartiert, zog mich in seinem 
Schlafzimmer um und dann bat er mich, mich auf den Diwan zu legen, brachte 
mir einen Polster und er fing an, Feuer zu machen im Atelier, wärmte das 
Nachtmahl, holte nur einige Male meinen Rat ein, welchen ich wie eine 
Königin von einem Thron aus erteilte, und deckte den Tisch und ling mich zu 
füttern an. Ich meinte: „Du machst ein recht faules Mädel aus mir!" „Nein, 
mein Schatz, Du bist zu viel gegangen, ich will, daß Du dicli erholst. Du mußt 
zunehmen, mein Kind!" Soll ich Ihnen sagen, wie mir dies alles vorkommt, 
eine Musik, die mir völlig fremd ist. Sie wissen nur zu gut, auf was für rohe 
Menschen ich gestoßen bin. Glauben Sie mir, daß ich eine Minute mehr an sein 
Äußeres denke, was geht mich der äußere Mensch an, wenn der innere eine 
Perle ist. Ich erzählte ihm, daß ich vergangene Nacht geweint habe, er dürfte 
mich verstanden haben, wir leerten in einer verhältnismäßig kurzen Zeit 
dreimal den Becher der Liebe und erst gegen das dritte Mal kam ich auf 
meine Rechnung. Er behauptete, ich mache ihn mit meinen Küssen toll, es 
ist höchste Zeit, daß mir der Knopf aufgegangen ist. In seinem Schlafzimmer 
brachte ich mich dann wieder in Ordnung und verlöschte jede Spur des Vorher- 
gegangenen. Dann spielte er mir Klavier vor, ich setzte mich hinter ihm auf 
die Lehne und umhalste ihn. Er begleitete mich wieder nach Hause und als 
er mich zum Abschied in die Arme schloß, bemerkte er unter Lächeln : „Aber 
heute wirst Du nicht wieder weinen?" Verschämt und doch glücklich verneinte 
ich. Montag gingen wir zusammen spazieren und als ich ihn beim Haustür 
zurücklassen mußte, war mir schrecklich bang, oben angelangt, lehnte ich mich 
an die Wand und heulte gottserbärmlich. Gestern war er bei mir, ich stellte 
ihn meiner Mutter vor. Sie behauptet zwar, er sehe aus wie ein Schuster an 
einem Sonntag, nur sein Gespräch wäre sehr angenehm. Aber was kümmert 
mich der Ausspruch meiner Mutter. Wir waren dann wieder allein, ich saß 
wieder auf seinem Schoß und ich entwickelte ein Talent im Verkehr, das ich mir 
nie und nimmer zugetraut hätte. Mehr will ich aus meiner jungen Liebe nicht 
ausplaudern, Sie verstehen mich schon, und können auf Ihre Erfolge stolz sein. 
Ich bin Ihnen auch sehr dankbar dafür, daß Sio mich dem Leben zugeführt 
haben. Er ist entzückt von meiner Hingabe und echten Weiblichkeit. Er meint: 
„Wer Deine Liebe nicht verstanden hat, der war ein Trottel. Du bist SO leicht 
zu verstehen, bleibe immer so, wie Du jetzt bist in Deiner Liebe, so maßlos 
und einfach!" Verzeihen Sie, daß ich Sie so lange in Anspruch genommen 
habe, aber Sie nehmen gewiß innigen Anteil an meinem Seelenleben und da 
mußte ich Ihnen doch alles vorplaudern. Das Unwohlsein narrt mich glücklieb 
wieder, hoffentlich ist es nur Hysterie. Aber wenn ich bei ihm bin, bin ich 
ruhig, ich bin ihm gut. Viele herzliche Grüße von Ihrer aufrichtigen, Sie stets 
verehrenden A. R." 

Der neue Freund war anßtändig genug, sie zu heiraten. In der Ehe 
änderte sich das Bild vollkommen. Sie gab die Onanie auf, empfand 

11* 



164 Die Geschlechtskälte der Frau. 

regelmäßigen Orgasmus. Ihre Liebessehnsucht ist gestillt. Sie hat trotz 
der verschiedenen Erlebnisse einen sehr guten Mann gefunden, der auf 
sie stolz ist, sie verzärtelt, sie auf Händen trägt. Diese Zärtlichkeit be- 
deutet ihr viel mehr als die Errungenschaft des Orgasmus auf normalem 
Wege. 

Alle diese Schilderungen haben uns bei der Dyspareunie das innere 
Nein, das „Ich will nicht!" gezeigt, auf das ich so großen Wert lege. 
Eine Analyse, welche dieses innere Nein, diesen Willen zur Krankheit 
nicht gefunden hat, ist unvollkommen. Denn in jedem Menschen schlum- 
mert der Wille zur Lust. Es gibt überhaupt nur einen Urtrieb, den 
Willen zur Lust, der mit seinem bipolaren Gegenspieler, dem „Willen 
zur Unlust", alterniert. 

. Jeder Trieb repräsentiert eine Kraft, welche unser Ich unterwerfen 
will. Der Wille zur Macht, der auch als „Wille zur Macht über sich 
selbst" in Erscheinung tritt, kann aber mit dem Willen zur Unterwerfung 
in Konflikt geraten, wenn beide Gegenspieler die ausführenden Organe 
von zwei Seelenhälften sind. Auch die Dyspareunie setzt eine Spaltung 
der Persönlichkeit, eine weitgehende. Dissoziation voraus. Bewußtes 
und unbewußtes {nebenbewußtes) Ich liegen miteinander im Kampfe. 
Dem bewußten „Ich will!" setzt die unbewußte Seele ihr „Ich will nicht!" 
oder „Ich darf nicht ! " entgegen. Die Scham über die eigene Schwäche 
gebietet, dieses „Ich will nicht!" in ein resigniertes „Ich kann nicht!" 
umzuwandeln. 

Wir haben in allen vier Fällen gesehen, daß seelische Kräfte (im 
ersten Falle die Vorstellung einer infantilen Sexualtheorie), daß 
auch intellektuelle Einflüsse das Zustandekommen des Orgasmus teils 
verhindert, teils erleichtert haben. 

Das Wichtigste erscheint uns die wahre Liebe. „Amor omnia 
vincit!" Dieser Satz gilt auch für die Dyspareunie. Ich kann die Aus- 
führungen von Rohleder 1 ) nur unterstreichen, der auf die Bedeutung 

*) Monographien über die Zeugung beim Menschen. Band IV. Die libidinösou 
Funktionsstörungen der Zeugung beim Weibe. Leipzig 1914. Verlag Georg Thieme 
„Das Weib ist heute vielfach — wann und wie, darauf will ich hier nicht näher ein- 
gehen — »noch polyandrisch veranlagt, genau wie der Mann polygyn, resp. noch 
richtiger ausgedrückt, beide sind heute noch vielfach agam veranlagt. Freilich verbietet 
unsere Moral, diesen Punkt ins rechte Licht zu ßetzen, denn nicht nur, daß ein an- 
ständiges Weib vor der Verheiratung vom Geschlechtsleben nichts wissen darf und 
wissen soll, nach der Verheiratung verlangt die standesamtlich und kirchlich beglau- 
bigte und abgestempelte Li ebesgem einschalt, eben genannt Ehe, eine Monogamie auf 
beiden Seiten usquo ad mortem. Es liegt mir nichts entfernter, als die Wichtigkeit und 
Heiligkeit einer Ehe oder gar die Keuschheit in der Ehe anzuzweifeln, im Gegenteil, 
sie bleibt auch heute noch das hehrste und erhabenste Ziel jeglicher Geschlechts- 
gemeinschaft. Aber ob die Frau, das Mädchen mehr polyandrisch resp. polygam ver- 
anlagt sind, oder monogam, danach wird vor der Eheschließung nicht gefragt. Die 









Ergänzungen. •{•= 

der Liebe in der Ehe aufmerksam macht und gegen die Vernunft ehen zu 
Felde zieht. Diese seelischen Kräfte halte ich für wichtiger als das 
körperliche Zusammenpassen. Mag Leuckart gesagt' haben, „daß ein 
Mann zu einer Frau passen müsse, wie ein Schlüssel in ein Schloßt 
(Rohleder) — ich habe die Beobachtung gemacht, daß beim Vorhanden- 
sein einer wahren tiefen Neigung die physischen Differenzen leicht über- 
wunden werden. Deshalb bin ich gegen eine Beratung vor der Ehe mit 
einem Sexualarzte, wie sie Rohleder empfiehlt. 1 ) Nicht die Körperbe- 
schaffenheit, sondern die Liebe entscheidet! Viel häufiger kann der 
Analytiker entscheiden, ob eine echte oder eine eingebildete 
Liebe vorliegt. Nicht alles ist wirkliche Liebe und Neigung, was diesen 
Namen trägt . . . 



sexuelle Veranlagung ist es ja, die ebenso wie eine Erkrankung, beim Eingehen der 
Eho vernachlässigt wird. Wenn nur die Ziffern stimmen, wenn die Ehe nur ein dem- 
entsprechendes Geschärt auf einer resp. beiden Seiten ist, das genügt. Ob dann nach 
der Verheiratung so viele Ehen in Brüche gehen wegen Ehebruch, Untreue, oder von 
beiden Seiten die Ehofesseln als schweres Joch getragen werden, daß man nur vor der 
\\<lt als Ehepaar noch herumläuft, daß aber sonst in sexuellen Dingen jeder seine 
Wege geht, was kümmert das die anderen? Es v erlangt die Moral, zusam- 
men zu loben, nicht einander zuliebe n." 

„Eben weil heute noch sehr viele Menschen, männlichen wie weiblichen Ge- 
schlechts, noch agam veranlagt sind, . müßte und könnte die sexuelle Veranlagung 
ebenso wie der Gesundheitszustand beider Ehekandidaten, von den 
.Eltern des jungen Mädchens, ganz besonders aber denen des jungen Manne*, bin zu einem 
gewissen Grade doch bedacht und berücksichtigt werden Dieser Punkt der Agamic ißt 
es aber auch, dor sexuelle Kälte vortäuscht, bei mancher Frau die Diagnose „Anaestho- 
sia sexualis" geradezu herausfordert. Wenn man die Frau, die im Journal des Arztes, 
auch des fachkundigen Sexologen, unter dieser Flagge segelt, von ihrem Ehegatten 
scheiden könnte und eine Eho nach eigener Wahl, eine Noigungshoirat eingehen lassen 
konnte, glaube ich, würde in vielen Fällen die Diagnose Anaesthosia sexualis doch in 
Anaesthesia sexualis normalis umgeändert worden, d.h. einer normalen Libido und 
•iii'in normalen Scxualgenuß Platz machon müssen." 

*) „Einen solchen klassischen Fall beobachtete ich vor vielen Jahren. Eine Frau 
:n den dreißiger Jahren, dio früher an einen Mann verheiratet war, den sie außer- 
ordentlich liebte und dem sie, obwohl sio starke Schmerzen apud cohabitationom hatte, 
dieselbe doch stete aus Liebe gewährte, hatte während dieser ganzen 9jährigen 
Ehe keinen Orgasmus kennen gelernt. Sio galt als küld. Sie war selbst klein und 
schlank und ihr Gatte war groß und stark gebaut. Einige Jahre nach dem Tode ihres 
Mannes heiratete sie zum zweiten Malo einen Herrn, kleiner in Figur und SUtur, der 
weit besser im Bau zu ihr paßte, sie hatte hier keine Schmerzen beim Koitus, im 
Gegenteil, lernte hier zum erstenmal in ebenfalls wieder recht glücklicher Ehe Or- 
gasmus kennen. Dio Dyspareunie, dio hier in der ersten Ehe nur durch die Ungleich- 
heit der Genitalien vorhanden war (die Schmerzen ließen eben einen Orgasmus nicht 
aufkommen), wich bei der übrigens vollständig monnndrisch angelegten Dame. Ein« 
Beratung vor der Eheschließung, könnte in solchen und 
ähnlichen Fällen doch viel Nutzen stiften." (Rohleder loc cit 
S. 18-19.) 



■ 



166 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



VII. 
Infantile Fixationen. 

Es gibt zweierlei Menschen: Die des kleinen und die des großen 
Kreises. 

Die ersteren haben einen engen Horizont, sie schränken ihr Leben 
auf einen kleinen Kreis ein, kleben an ihrer Familie, hängen an ihren 
Jugendfreunden, sind unfähig, im reiferen Aller neue Freundschaften zu 
schließen, bleiben trotz fortschrittlicher Gesinnung immer konservativ, 
lieben das Vergangene, sind sozusagen Historiker und Altertumsforscher 
ihres eigenen Lebens, haben sich ein kostbares Museum der Erinnerung 
errichtet, leben überhaupt für die Erinnerung, sind Sklaven des „Weißt 
du noch?" oder „Erinnerst du dich, damals als ..." 

Die letzteren haben den Blick nach vorwärts gerichtet, sie trennen 
sich bald von ihrer Familie, erweitern immer wieder ihren Kreis, schaffen 
sich immer neue Freunde, verlassen die alten, suchen immer das Neue 
und Neueste, sie werfen die Vergangenheit weg, wenn sie ihnen lästig 
wird; sie sammeln keine Briefe, schreiben keine Tagebücher, treiben 
keinen Reliquienkult, sie haben die Gabe zu vergessen, was ihnen keine 
Freude macht, sie erforschen am liebsten die Zukunft, das Heute versinkt 
schon im Entstehen vor den Forderungen des Morgen. 

Zwischen diesen beiden Typen gibt es zahlreiche Übergänge. Doch 
die Extreme finden sich gar nicht selten. Im großen und ganzen sind die 
Menschen des kleinen Kreises häufiger. Fast alle Neurotiker sind fana- 
tische Bekenner des kleinen Kreises. Manchmal nur überdeckt sich diese 
Einstellung durch Uberkompensation in die polare Forderung des großen 
Kreises, vermengt sich, so daß sich Charakterzüge des kleinen mit denen 
des großen kombinieren. Scheinbar können sie dem großen Kreise ange- 
hören, werden sich aber innerlich nach dem kleinen sehnen und sich ver- 
geblich abmühen, ihre eigene Kleinlichkeit und Beschränktheit ins Große 
und Unbeschränkte umzuwandeln. 

Alle Neurotiker aber leiden an ihrer Familie, sie zeigen die Spuren 
des so verbreiteten Leidens, das ein kluger Mann einmal die „Familitis" 
genannt hat. Die „Familitis" äußert sich in zwei Formen. Da gibt es die 
sogenannten „Familiensklaven" und die „Familie n- 
gegner". Der Familiensklave schränkt seinen Kreis nur auf die Familie 
ein. Er hängt an seiner engeren Familie mit fanatischer Liebe, er beugt 
sich willig dem Gesetze der Blutsverwandtschaft, er verkehrt nur mit 
Verwandten, alle Zusammenkünfte sind Familienfeste, er feiert Geburts- 
tage, Ernennungen, Hochzeitstage, Promotionen, trauert bei Todesfällen, 
er scheint erotisch an seine engere Familie fixiert, heiratet meistens eine 






Infantile Fixationen. 



167 



Kusine (das bekannte Inzestkompromiß !), treibt den Kultus der Todes- 
tage, sorgt für alle seine Verwandten, er ist mit allen Sorgen der ganzen 
Familie überladen. Der zweite Typus trägt scheinbar abweichende Züge. 
Er zeigt uns einen Familiengegner, der immer über die Familie schimpft, 
der mit den meisten Mitgliedern in Streit lebt, gegen sie Prozesse führt, 
Intriguen einfädelt, von der Verwandtschaft angeblich nichts wissen will, 
und immer wieder von ihr spricht, sich über sie lustig macht, sich bei 
Todesfällen versöhnt und wieder als Familiensklave erscheint, dann sich 
aber bald wieder in das andere Extrem verkehrt, kurz, in negativer Ein- 
stellung ebenso an der Familie hängt, wie der erste Typus in positiver, 
sich ja unter Umständen in den ersten verwandelt und in den zweiten 
dann rückverwandelt, immer zwischen Haß und Liebe schwankend, aber 
nie gleichgültig gegen seine Familie, sie nie überwindend, immer von ihr 
positiv oder negativ abhängig. 

Für den „Familiensklaven" hat nur das Wert, was aus seiner 
Familie und besonders aus seiner Vergangenheit stammt. Die Freunde 
seiner Jugend zählen zu seiner Familie. Sie werden feierlich in den 
engen Kreis aufgenommen. Es wird ihnen immer wieder versichert, daß 
sie keine „Fremden" seien, daß sie zur Familie, zu den „Unsrigen" ge- 
hören. Die Gegenwart wird nach dem Klischee der Vergangenheit ein- 
gerichtet. Alles Gegenwärtige hat seine Vorbilder im Infant ilen. Das 
Ideal ist der Vergangenheit und meist dem engsten Kreise entnommen, 
unter den Eltern und Geschwistern zu suchen. Frauen, die an der 
„Familitis" leiden, kommen nie von ihrer Familie los. Sie gehören 
eigentlich nicht ihrem Manne, nicht ihren Kindern. Sie sind im Geiste 
immer bei ihren Eltern, bei ihren Geschwistern, werben immer noch um 
die Liebe, vertragen keinen Konflikt zwischen ihrer neuen Familie und 
der alten. Kommt es zu einem solchen Konflikte zwischen ihrem Manne 
und ihrer Familie, so bricht bei ihnen die Neurose aus, sie nehmen 
manchmal scheinbar Partei für ihren Mann, aber innerlich grollen sie 
ihm, geben sie ihrer Mutter oder ihrem Vater recht, flüchten schließ- 
lich in die Krankheit. Der Mann merkt erst nichts von der Veränderung, 
die mit seiner Frau vorgeht, bis er ihre Strafe in Form ihrer Krankheits- 
äußerungen zu fühlen bekommt, Zuerst wird die Strafe an seinem Geld- 
beutel vollzogen. Die Frau muß ins Sanatorium, sie konsultiert teuere 
Ärzte, benötigt kostspielige Kuren . . . Aber allmählich schleicht sich die 
Störung in das Liebesleben. Die Frau hört auf, bei seinen Zärtlichkeiten 
zu empfinden, sie wird kühler und kühler, bis sie sich schließlich in eine 
kalte Frau verwandelt und vollkommen anästhetisch wird. Sie spricht 
ihrem Manne gegenüber das „Innere Nein", das sie offen nicht auszu- 
sprechen, ja, sich selbst nicht zu gestehen wagt, in Form einer kompletten 
oder relativen Dyspareunie. 



168 L>ie Geschlechtskälte der Frau. 

Oft äußern sich diese infantilen Einstellungen in Beziehung zur 
Schwester oder zum Bruder nur in Eifersüchteleien, Streitigkeiten, 
Empfindlichkeiten. Sie werden zeitweilig, stärker betont, oft geschickt 
verborgen gehalten. Am deutlichsten aber brechen sie durch, wenn ein 
Ideal der Kindheit erkrankt, wenn das Leben in Gefahr ist. Da wird die 
ganze Gegenwart mit ihren Forderungen vergessen, die Familiensklavin 
lebt bei der Krankenpflege wieder in ihrer Vergangenheit, sie bewegt sich 
wieder in ihrem engen, liebgewordenen Kreise, sie macht die ..Regres- 
sion ins Infantile", den Krebsschritt zu ihrer Jugend. 

In diesem heuchlerischen Altruismus verrät sich die ganze maßlose 
Ichsucht der Jugend. Die Liebe der Kindheit war eine Ichliebe, man 
liebte die Objekte, die uns Lust brachten, liebte sie, um die. Lust wieder 
zu gewinnen. In die Krankenpflege mengt sich die Erinnerung an die 
Zeiten, da man selbst gewartet, betreut, verzärtelt wurde. Es ist das 
alte Spiel mit vertauschten Rollen. Der Narzißmus feiert seine AuÜt 
erstehung. 

Jede Liebe beginnt als eine Ichhebe. Jeder Mensch ist zuerst in 
sich selbst verliebt, ist im gewissen Sinne Narzißist. Der große Fort- 
schritt, den jedermann vollziehen muß, besteht im "Übergang von der 
Ichliebe zur Objektliebe. Nun ist die Familie nur ein Spiegel unseres 
Ichs. In unseren Verwandten finden wir unsere Züge, unser Blut, unsere 
Vergangenheit, Wir haben in jedem Verwandten eine Teilniederlassung, 
eine Filiale unseres Ichs errichtet. Jeder trägt einige Schätze au& der 
Schatzkammer der Vergangenheit. Wir identifizieren uns mit diesen 
Abspaltungen unseres Ichs, mit diesen „Partialseelen" unserer Seele. Die 
Familitis ist das Leiden der Ichsüchtigen. Ich komme auf den Vergleich 
mit dem „Ichspiegel" zurück. Die Familie ist wie ein Spiegelsaal, der uns 
unser Ich von allen Seiten in allen Beleuchtungen zeigt. Die Familitis, 
die so viel Anteil an Anderen, so viel verschwenderische Liebe, so viel 
Anteilnahme und Mitleben zeigt, ist nur eine Maske des Ichsüchtigen. 

Unter den kalten Frauen werden wir immer eine Unmenge von 
„Familiensklaven" finden, welche an die Vergangenheit gekettet sind, 
welche unfähig sind, die Gegenwart zu genießen. Dabei werden wir 
immer wieder zwei Triebkräften begegnen, die über die Gegenwart hin- 
wegtreiben. Es sind ' die zwei Hauptfaktoren neurotischen Fühlens : 
„Alte Lust" und „Unerfüllte Wünsche". 

„Alte Lust" und „Unerfüllte Wünsche" sind 
ewig und unzerstörbar im Menschen. Die alte (infan- 
tile) Lust drängt nach Wiederholung, die uner- 
füllten Wünsch'e verlangen nach Erfüllung. 

Gegenwärtige Lust kann außerordentlich stark werden, wenn es 
sich um die Erfüllung eines bisher unerfüllten Wunsches handelt. 



■■■■■■■■■ 



Infantile Fixationen. 



169 



Das „Unerfüllte" und „Unvergessene" sind die stärksten Trieb- 
kräfte im anästhetischen Weibe. Unvergessen kann aber auch die Lust des 
reifen Alters wirken. Frauen, die einen Mann nicht vergessen können, 
sind Frauen, die in den Armen dieses Mannes den stärksten Orgasmus 
empfunden haben. Das Erste und das Stärkste sind unvergeßlich. 
Wenn das Erste zugleich das Stärkste ist, so erscheint es unüberwindlich. 

Das erklärt uns das Phänomen der Regression, des Blickes nach 
rückwärts, der Einstellung auf das Vergangene. 

Fall Nr. 55. Jedesmal um Weihnachten herum erscheint die blasse, 
dunkelgekleidete 40jährige Frau H. W. und beklagt ihr Schicksal. Es ist, eino 
traurige Geschichte, die sie unter Tränenströmen erzählt. Ein verfehltes 
Leben, eine verfohlte Ehe! Eine der furchtbaren Enttäuschungen, wie sie 
Frauen mitmachen, die weltfremd und unselbständig erzogen, die ganze auf- 
gestapelte Sehnsucht nach Glück und Liebe dem ersten Manne geben, der ihnen 
zufällig in den Weg kommt. Das erstemal war ich zu Tränen gerührt und 
hätte am liebsten mit ihr geweint. Was ich ihr raten konnte, war die voll- 
ständige Trennung von ihrem Manne, die Überwindung der Vergangenheit 
und der Aufbau eines neuen Lebens. Das zweite Jahr war ich etwas un- 
angenehm überrascht, weil sich die Unglückliche noch nicht aufgerafft hatte 
und ihr Leben in dumpfem Brüten über das Unbegreifliche ihres. Schicksals 
vorsäumte. Sie versprach aber, diesmal ganz gewiß mit den ihr zur Verfügung 
stehenden Mitteln und Kräften die Lösung aus unfruchtbaren Kämpfen und 
nutzlosen Klagen durchzuführen. Jetzt sind schon zehn lange Jahre in den 
Schoß der Ewigkeit versunken ; sie aber steht noch immer auf den Trümmern 
ihrer Hoffnungen und beweint ihr verlorenes Leben. Die einst so schlanke und 
sehnige Gestalt erscheint wie in mehrere Teile gebrochen; das Antlitz zeigt 
die ersten Spuren des nahenden Verfalles. Nun hat sie einen weiteren Anlaß 
zum Jammern. Sie blickt in den Spiegel und ist unglücklich darüber, daß sie 
sich so verändert hat. „Was' ist aus mir, der schönen, vielbewunderten Frau 
geworden!" Vor ihrem geistigen Auge erstehen immer die Gestalten werbender 
Männer, die sie einst abgewiesen hatte. Jeder hätte sie vielleicht glücklicher 
machen können als der Erwählte! 

Sie steigert ihre Klagen und unterstreicht ihre Verzweiflung. Denn alle 
ihre Freunde und Verwandten, ihre Ärzte und Vertrauten, sie kennen ihr 
trauriges Los und haben keine neuen Worte, nur abgebrauchte Wendungen, 
nur stereotype Gesten des Trostes zur Verfügung. Sie wird mit ihren Klagen 
allen Menschen lästig. Ihr Schmerz hat jene gefährliche Linie erreicht, wo er 
vom Tragischen ins Lächerliche übergeht. Vergeblich versucht sie durch 
Steigerung der dramatischen Darstellung da6 Unabänderliche ihrer Situation 
zu erschüttern. Sie merkt es, daß die .Menschen nur frischen Konflikten 
gegenüber Teilnahme zeigen können und sich so rasch au das Unglück ge- 
wöhnen. Das gibt ihr natürlich Anlaß, sich wieder einsam, unverstanden 
und verlassen zu fühlen und diese neue Melodie der abgeleierten Walze hin- 
zuzufügen. Hatte sie früher ihr Schicksal mit den glücklicheren Schwestern 
verglichen, so gab ihr da6 Bewußtsein ihrer Schönheit und Jugend noch einen 
gewissen Rückhalt. Eino leise Hoffnung sprach ihr zu: „Du kannst es noch 
ändern! Du bist noch jung und begehrenswert! Du findest noch einen 
Menschen, der dich zu schätzen weiß und der dir das Glück reichlich ersetzt. 
das dir der andere zerstört hat!" 



170 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



Allmählich schlich sich der Neid auf die Schönheit und Jugend der 
anderen in ihr verbittertes Herz, um es noch mehr mit Gift und Schwermut 
zu durchtränken. Es gab keinen Ausweg mehr aus diesem Labyrinth der 
Schmerzen! Wohin ihr Blick sich richtete, alles war in grauen Nebel gehüllt, 
überall sah sie die Wege dunkel und verworren sich in die Nacht eines ver- 
lorenen Lebens verlieren. Man sollte nun annehmen, daß sie mit einem kühnen 
Entschlüsse der Qual ein Ende machen und sich aus einer Welt entfernen 
würde, welche ihr nichts mehr zu bieten hatte. 

Wer so einen Ausgang annehmen würde, der kennt eben diese Art 
Menschen nicht. Er hat noch nicht das Geheimnis der „süßen Schmerzen" 
entdeckt, die Wonnen des nach innen strömenden Mitleids nicht enträtselt. 
Auch diese Frau fand ihre Lust in der tragischen Rolle, welche das Leben 
ihr nur vorübergehend zugeteilt hatte und die sie jetzt mit allen ihren Kräften 
krampfhaft festhielt. Sie berauschte sich förmlich an dem Gedanken, daß sie 
die unglücklichste Frau der Welt wäre. Sie ließ alle die Ströme der Liebe, die 
ihrem heißen Herzen entsprangen, über die eigenen Wunden fluten. Sie riß 
diese Wunden immer wieder auf, um unglücklich zu bleiben und sich bemit- 
leiden zu können. Wenn es nicht so paradox klänge, ich würde behaupten, 
diese Frau würde unglücklich sein, wenn man sie- ihres Unglücks berauben 
würde. Spielte auch ein ihr unbewußtes religiöses Motiv in dieses selbstgewollte 
Leiden? Erhoffte sie sich eine Vergeltung im Jenseits für all das Glück, das 
sie auf der Welt verloren hatte? War ihr ewiger Blick nach rückwärts nur 
eine freiwillig festgehaltene Stellung, hinter der sich die Erwartung eines un- 
endlichen Blickes in eine strahlende Ewigkeit verbarg? 

Alle Versuche, sie dem tätigen Leben wiederzugeben, mißlangen. Das 
sicherste aller Heilmittel, die Arbeit, versagte, weil sie nie ernsthaft in Angriff 
genommen wurde. Sie erstarrte förmlich in dieser Geste des Blickes nach 
rückwärts, aus der sie keine Kraft der Erde reißen konnte. . . . 

Wer die Bibel als eine dichterische Darstellung ewiger Konflikte 
auffaßt und den Symbolwert der Legende sich zu eigen gemacht hat, der 
wird unschwer in der Erzählung von Sodom und Gomorrha die fixierte 
Kraft des Blickes nach rückwärts erkennen. Das Weib, das zur Salz- 
säule erstarrt, weil sie nach der brennenden Stadt zurücksieht — welche 
wunderbare Symbolisierung der Gefahr des sich in die Vergangenheit 
Versenkens ! Jeder hat sein geheimes Sodom, sein Gomorrha, s"eine 
Niederlagen, seine Enttäuschungen, sein furchtbares Strafgericht ! Wehe 
dem Menschen, der. in den gefährlichen Momenten seines Lebens zurück- 
blickt! Und die Legende vom Reiter über den Bodensee, die uns die 
dichterische Kraft von Schwab gestaltet hat, weist sie uns nicht auf die 
Gefahren der vergangenen Schrecken hin? Sagt sie uns nicht, daß wir 
über Abgründe dahinrasen, daß die Gefahren des Weges verhüllt sind, 
und daß es gefährlich ist, sich diese überwundenen Gefahren vorzu- 
malen? 

Man wird mich jetzt verstehen, wenn ich formuliert habe : Gesund 
sein heißt, seine Vergangenheit überwinden. Ich kenne kein besseres 
Merkmal, das den Neurotiker vom Gesunden unterscheidet. Der Gesunde 
erlebt auch Enttäuschungen — wem wären sie erspart? — er wird oft 



Infantile Fixationen. 



171 



zu Boden geworfen, wenn er siegreich zu stürmen wähnte, aber er wird 
die zerfetzten Fahnen der Hoffnung aufrichten und seinen Weg weiter — 
dem sicheren Ziele zu — fortsetzen. Der Neurotiker wird mit seiner 
Vergangenheit nicht fertig. Alle Ereignisse haben für ihn die zehnfache 
Schwere. Während der Gesunde die Last vergangener Enttäuschungen 
von sich wirft, sie sogar in der Erinnerung zu Lustmomenten umge- 
staltet, aus dem Gegensatz zwischen lustvoller Gegenwart und trauriger 
Vergangenheit neuen Ansporn zu Lebenslust erhält, trägt der Nervöse 
die Schwere des Vergangenen unverändert durch sein mühseliges Dasein 
Die Erinnerungen werden von Jahr zu Jahr drückender, weil sie sich wie 
die bekannten Schwämme des Esels mit Tränen vollsaugen. 

Es ist, als ob der Neurotiker die Seele mit einem gefährlichen 
Klebstoff überzogen hätte. Alles bleibt haften, kann sich nicht lösen, 
verwächst organisch mit seinem Sein, hüllt ihn ein, blendet seinen klären 
Blick, lähmt seine Bewegungsfreiheit. Dieses Nichtfertigwerden mit dem 
Vergangenen verrät sich auch in seinem Nichtverzeihenkönnen, in 
seinem Bedürfnis nach Rache, in seinen „Ressentiments". Ein Neurotiker 
kann geringfügige Demütigungen, die er erfahren, irgend ein unbedachtes 
Wort nach vielen Jahren vorwerfen. Und er legt eine Sammlung dieser 
Demütigungen und Niederlagen an. hält sie sich täglich vor Augen. Er 
spielt sozusagen fast täglich das ganze Repertoire der Vergangenheit. 
Wie oft staunen wir darüber, daß Menschen immer wieder die 
gleichen Fehler machen, daß sie trotz ihrer Erfahrungen unbelehrt 
bleiben. „Hat einer Charakter, - sagt Nietzsche - so hat er sein 
Erlebnis, das immer wiederkehrt." Eigentlich beruht alle Möglichkeit 
des Lebens auf dieser Fähigkeit, das Vergangene zu vergessen. Sicher- 
lich - einige Erlebnisse bleiben als Belehrung und Warnung und bilden 
jenen schwankenden Schatz, den wir Erfahrung nennen. Die wahre 
Größe zeigt sich aber darin, daß man trotz seiner Erfahrungen handielt, 
daß man das latente Mißtrauen überwindet. Wohin kämen wir. wenn 
wir alle bösen Erfahrungen als Hemmungen funktionieren ließen! Wir 
glichen einem Menschen, der jede Speise meidet, die ihm einmal nicht 
bekommen ist. Erfahrung ist vielleicht, das, was man nie lernen kann, 
wenn es nicht angeboren ist: Aus seinen Erlebnissen und seinen An- 
trieben die mittlere Kraft ausfindig zu machen. 

Unvergeßlich ist aber auch die alte Lust. Jede Lust verlangt nach 
Wiederholung — oder wie Nietzsche sich ausdrückte - - nach Ewigkeit 
Liegt die größte Lust rückwärts, so wird sich der Blick unwillkürlich 
nach rückwärts wenden ! 

• Kehren wir nach dieser Auseinandersetzung zu der unglücklichen Frau 
zurück. Ich habe angedeutet, daß sie Möglichkeiten hatte, ihr Schicksal zu 
ändern. Es boten ihr lebensstarke und gütig© Männer die Hand, um sie zu 
retten. Aber die eine böse Erfahrung ließ sie eine zweite Enttäus'rhuii" 



172 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



fürchten. Sie blieb lieber unglücklich, als daß sie sieh noch einmal der Gefahr 
aussetzte, wieder unglücklich zu werden. 

Diese Frau erzählt uns von den leichtsinnigen Streichen des Mannes. 
Erst allmählich erfahren wir, daß sie in seinen Armen überglücklich war, daß 
sie durch ihn den ersten Orgasmus kennen lernte, daß der hochpotente Mann 
ihr die' Erfüllung ihrer geheimen Sehnsucht geboten hat. 

Das ist eine Regel, die wir uns vor Augen halten müssen: 
Frauen, die mit ihrer unglücklichen Ehe nicht 
fertig werden können, sind Frauen, die von ihrem 
Manne befriedigt wurden! 

Ähnliche Verhältnisse bietet der nächste Fall: 

Fall Nr. 56. Frau L. K., 36 Jahre alt, lebt mit einem Trinker und 
Spieler zusammen, der sie schlägt und ihr immer zu wenig Geld gibt, um den 
Haushalt führen zu können. Sie ist hochgebildet, hatte künstlerische Anlagen 
(Malerin), schriftstellerte auch ein wenig. Ist jetzt Verkäuferin in seinem 
Geschäfte, auch Hausfrau und Wirtschafterin, arbeitet sich zu Tode. Wenn 
der Mann eine Untreue begeht, kommt sie mir immer wieder klagen und sucht 
Hilfe. Ich solle dem Manne ins Gewissen reden. „Wenn sie nicht materiell an 
ihn gebunden wäre, sie würde keinen Tag länger bei ihm bleiben." 
Sie hat eine Tochter aus erster Ehe, die jetzt sein Wohlgefallen erregt hat. 
Er beginnt, der Tochter Anträge zu machen, versuchte,, sie einmal im Rausche 
zu vergewaltigen. Die Frau kommt wieder zu mir. Ich rate ihr die Trennung 
von dem wüsten Gesellen an, da sie durch ihren Bruder materiell glänzend 
versorgt würde, wenn sie auf ihren Mann verzichten wollte. Der Bruder stellte 
ihr direkt eine größere Summe für diesen Zweck zur Verfügung (wenn sie ihren 
Mann, der ihn wiederholt gröblich beleidigt hatte, verlassen würde). Das war 
die Bedingung! Sie bricht in Weinen aus. „Ich kann nicht, .Herr Doktor! Ich 
kann nicht! Wenn er einmal in zwei Monaten mit mir lieb ist, so entschädigt 
mich das für alle Schmerzen und Demütigungen . . ." Das erklärt ihr Verhalten. 
Sie befindet sich in sexueller Hörigkeit des Mannes. Der Mann ist stärker als 
ihre Familie, selbst als der sonst sehr geliebte Bruder. 

Die meisten Frauen zeigen sonst eine sexuelle Hörigkeit an die Mit- 
glieder ihrer Familie. Die Erlösung durch den Fremden bedeutet die Be- 
freiung aus den Banden der Familie. Was enthüllt uns das Märchen vom 
Dornröschen? Die Erlösung einer anästhetischen (eingeschlafeoien, an 
die Kindheit fixierten) Frau durch einen Mann, der alle Hemmungen 
(Dornengestrüpp !) überwindet! Derböse Zauberer, der die Prinzessin 
gefangen hält, ist meistens eine Image- des Vaters oder des Infantilen. 

Wir kommen nun bei der Erforschung der Dyspareunie zu der 
Besprechung des Inzestes. Schon die vorher vorgeführten Fälle zeigten 
diese Einflüsse der infantilen Bindung. Was verstehen wir darunter? 
Das Verwirrende dieser neuen Funde stammt wohl daher, daß sie von 
der Schule Freuds maßlos übertrieben und zur Karikatur verzerrt 
wurden. Ich möchte hier versuchen, die mittlere Linie einzuhalten' und 
nur den sicheren Besitzstand als Gemeingut der analytischen Wissen- 
schaft anzunehmen. Ich werde mich daher nicht in die Mysterien der 







Iufautile Fixationen. ■, -jn 

Anal- und Exkretionserotik, der verschiedenen Wandlungen der Libido 
einlassen und nur die wichtigen, für unser Thema bedeutsamen Tat- 
sachen anführen, Tatsachen, deren Kenntnis notwendig ist, will man 
einen vollen therapeutischen Erfolg erzielen und eine richtige Einsicht 
in das Wesen der Dyspareunie erhalten. 

Ich wiederhole: das Kind wird also sexuell geboren. Seine ersten 
Sexualobjekte sind die Wartepersonen und die engere Familie. Die vor- 
schiedenen Reizungen bei der Kinderpflege, das Verhätscheln da« 
Wiegen und Lullen, das Streicheln und Küssen erzeugen eine erotische 
Atmosphäre, welche für das spätere Leben die verderblichsten Folgen 
zeitigen kann 1 ) 

Was geschieht aber durch die übertriebenen Zärtlichkeiten der 
Eltern? Die Kinder werden an sie fixiert und kommen von ihnen nicM 
los. Wir w erden bald ein Beispiel kennen lernen, wie eine Dyspareunie 

') Freud sagt darüber: „Die ganze Latentzeit über lernt das Kind andere 
Personen, die semer Hilflosigkeit abhelfen und seine Bedürfnisse befriedigen, lieben 
durchaus nach dem Muster und in Fortsetzung seines Säuglingsvorhältnißscs zur Am,, 
Man wird sich vielleicht sträuben wollen, die zärtlichen Gefühle und die Wertschätzung 
des Kindes für seine Pflegeporsonen mit der geschlechtlichen Liebe zu identifizieren 
allem ich meine, eine genauere psychologische Untersuchung wird diese Identität über 
jeden Zweifel hinaus feststellen können. Der Verkehr des Kindes mit seiner Pflege- 
person ist für dasselbe eine unaufhörlich fließende Quelle sexueller Erregung und B» 
friedigung von «jenen Zonen aus. zumal letztere - in der Regel doch die Mutter - 
das Kind selbst m,t Gefühlen bedenkt, die aus ihrem Sexualleben stammen, es streichelt, 

Di! ZteI V wL Un T "V'f f ZUm Ersate mr ci " ""W*« Sexunlobiekt nimmt 
2?ÄT . VÜF V! '•' n h0inI ' Ch Cr8chreckon ' ™» ■*» »t die Aufklärung gäbe, daß 
In H 7 ^ff't °\ ten d °" *™ tel * *- **«• weckt, und dessen spätere 

Intensität vorbereitet. S,e hält ihr Tun für asexuelle „reine" Liebe, da sie es doch 
sorgsam verme.det, den Genitalien des Kindes mehr Erregungen zuzuführen, als bei der 
Korperpflege unumgänglich nötig ist. Aber der Geschlechtstrieb wird nicht nur durch 
Erregung der Genitalzone geweckt, wie wir ja wissen; was wir Zärtlichkeit, heißen, wird 
unfehlbar eines fages seine Wirkung auch auf die Gcnitalzonen äußern. Verstünde die 
Mutter mehr von der hohen Bedeutung des Triebes für da* gesamte Seelenleben, für 

A L*M 7t ,w C " i8Ch °; 1 LcißtUneen ' 80 würdo *» «ich übrigens auch nach der 

Aufklärung alle Selbstvorwürfe ersparen. Sie erfüllt nur ihre Aufgabe, wenn sie das 
Kind heben lehrt; es soll ja ein tüchtiger Mensch mit energischen, Sexuulbedürfnis 
werden und : „ seinem Loben all das vollbring«,, wozu der Trieb den Menschen drängt 
Em Zuviel von elterlicher Zärtlichkeit wird freilich schädlich werden, indem es die' 
sexuelle Reifung beschleunigt, auch dadurch, daß es das Kind „verwohnt:', es unfähig 
macht, ,m späteren Leben auf Liebe zeitweilig zu verzichten oder sich mit einem ge- 
ringeren Maß davon zu begnügen. Es ist eines der besten Vorzeichen spaterer Nervosität 
wenn das Kind sich unersättlich in seinem Verlangen nach Zärtlichkeit der Eltern er' 
weist, und andererseits werden gerade neuropathischo Eltern, die ja meist zur maßlosen 
Zärtlichkeit ne.gen, durch ihre Liebkosungen die Disposition des Kindes zur neurotischen 
Erkrankung am ehesten erwecken. Man ersieht übrigens aus diesem Beispiel daß e«. 
für neurotische Eltern nähere Wego als den der Erblichkeit gibt, ihre Störung auf die 
Kinder zu übertragen." (Drei Abhandlungen zur Soxualtheorie. S. 64, 65.) 



174 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



X 



zustande gekommen ist, weil die Tochter die Loslösung vom Vater nicht 
vollziehen konnte. Es gibt auch Fälle, in denen die anästhetische Frau 
an ihre Mutter fixiert ist und wo im Mittelpunkte ihrer neurotischen 
Störung die unbefriedigte, unerledigte homosexuelle Liebe zur Mutter 
steht. Auch Fixierungen an Brüder, an den Vormund, an den Onkel, an 
die Schwestern und Großeltern spielen eine große Rolle. 

Wir sehen, daß die Erziehung der ersten Jahre oft über die Gesund- 
heit und das Lebensglück der Menschen entscheidet. Mütter, die ihren 
Kindern eine wunderschöne Jugend bereiten wollen, machen die Kinder 
für das Leben untauglich, weil sie ewig an die Eltern fixiert bleiben, weil 
sie sich ewig nach der Jugend zurücksehnen, weil sie das Paradies der 
Kindheit nicht vergessen können. Sie erwarten vom Leben, es solle auch 
eine Reihe von Zärtlichkeiten bringen, sie erwarten eine Steigerung 
dieser Lust. Deshalb werden wir unter unseren Kranken so häufig 
einzige Kinder finden, die natürlich besonders den übertriebenen 
Zärtlichkeiten der Familie exponiert sind. 

Die Kunst der Erziehung aber besteht darin, das Kind nicht an die 
Familie zu fixieren. Wie wenig diese Kunst getroffen wird, das zeigen 
die Krankengeschichten dieses Buches. Deshalb muß die selbständige 
Erziehung schon, in den ersten Lebensjahren einsetzen, wie wir ja über- 
haupt sehen werden, daß die ersten Eindrücke das ganze Sexualleben 
determinieren können. Daß diese Verhältnisse- auch beim Normalen eine ; 
Rolle spielen, wissen wir alle und betont Freud: 

„Auch wer die inzestuöse Fixierung seiner Libido glücklich ver- 
mieden hat, ist dem Einflüsse derselben nicht völlig entzogen. Es ist 
ein deutlicher Nachklang dieser Entwicklungsphase, wenn die erste ernst- 
hafte Verliebtheit des jungen Mannes, wie so häufig, einem reifen Weibe, 
die des Mädchens einem älteren, mit Autorität ausgestatteten Manne gilt, 
die ihnen das Bild der Mutter und des Vaters beleben können. In freierer 
Anlehnung an diese Vorbilder geht wohl die Objektwahl überhaupt vor 
sich. Vor allem sucht der Mann nach dem Erinnerungsbild der Mutter, 
wie es ihn seit den Anfängen der Kindheit beherrscht; im vollen Einklang 
steht es damit, wenn sich die noch lebende Mutter gegen diese ihre Er- 
neuerung sträubt und ihr mit Feindseligkeit entgegenkommt. Bei solcher 
Bedeutung der kindlichen Beziehungen zu den Eltern für die spatere 
Wahl des Sexualobjektes ist es leicht zu verstehen, daß jede Störung dieser 
Kindheitsbeziehungen die schwersten Folgen, für das Sexualleben nach der 
Reife zeitigt; auch die Eifersucht des Liebenden ermangelt nie der infan- 
tilen Wurzel oder wenigstens der infantilen Verstärkung. Zwistigkeiten 
zwischen den Eltern selbst, unglückliche Ehe derselben, bedingen die 
schwerste Prädisposition für gestörte Sexualentwicklung oder neurotische 
Erkrankung der Kinder." (Drei Jä&Bnäbmgpb ins SexaaWäaftona, S. 68.) 

Das normale Kind soll nach Freud sich in der Pubertät von seinen 
Eltern lösen können. Betrachten wir einige einfache Fälle von Dys- 
pareunie in denen dieser infantile Einfluß besonders deutlich zutage 



Infautilc Fixationen. , 7 - 

tritt. Damit will ich nicht sagen, daß alle anderen Mechanismen, wie ich 
sie in den früheren Kapiteln geschildert habe, in diesen Fällen gar nicht 
in Frage kommen. Aber es ist keine andere Darstellung möglich als 
diese ungeheure Materie vereinfacht und schematich darzustellen ' und 
nur Umrisse zu ziehen, in die sich dann die anderen Erkenntnisse mühe- 
los eintragen lassen. 

Sehr häufig finden wir in Fällen von Anaesthesia sexualis eine 
Fixierung der Frau oder des Mädchens an den Vater. Es ist der ein 
fachste und auch der häufigste Fall. Denn die Fixierung an die Mutter 
setzt schon den verpönten Umweg über die Homosexualität voraus Daß 
Töchter in- ihren Vater verliebt sind, ihm ihr Leben opfern, daß auch 
wirkliche Inzestverhältnisse vorkommen, ist eine so häufig zu beob- 
achtende Tatsache, daß ich hier gar nicht weiter davon sprechen will 
Solche Inzestwünsche sind allen Kindern eigen. Daß der Neurotiker 
sich von ihnen noch nicht befreit hat, zeigt, daß er noch ein Kind ge- 
blieben ist. Tatsächlich bleiben auch viele Frauen ewig Kinder. Wir 
können solche Kindweiber sehr häufig im Leben beobachten. Der Zu- 
stand hat manchmal eine organische Begründung, wenngleich er sie 
nicht haben muß. Es gibt Frauen mit ausgesprochenem infantilen Tvpus 
der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale. Der Uterus ist 
klein, schmal und elastisch wie der eines Kindes; der Busen ist kaum 
angedeutet, das Becken schmal, der Knochenbau grazil, das Gesicht 
kind ich, das Gehaben ausgesprochen kindlich. Solche Kindweiber zeigen 
allerlei perverse Neigungen, die ganze polymorph-perverse Neigung des 
Kindes, eine ausgesprochene Kriminalität, die sie in allen Kriminal- 
rSTtt? ™^hiedenen Sensationsdramen eine große Rolle 

Doch müssen die Kindweiber nicht den infantilen Typus körperlich 
ausdrücken. Ich kenne solche Kindweiber, die jeder, der sie nicht näher 
kennt für rassige Vollweiber halten würde. Sie leben nur in der Kind- 
heit, haben Kindergewohnheiten und möchten eigentlich ewig das ver- 
hätschelte Kind bleiben. 

Bevor ich mich der Schilderung eines solchen Typus zuwende will 
ich nur die einfachen Formen der Fixierung an den Vater besprechen 
Diese lalle äußern sich in sonderbarer Verstellung und sind manchmal 
nicht so leicht zu erkennen. So gibt es unter den sogenannten alten Jung- 
iern eine Menge, welche nicht, heiraten wollten und alle Bewerbung 
unter verschiedenen rationalisierenden Motiven abwiesen Manchmal 
sind sie scheinbar asexuell und wundern sich, daß man so viel Wesens 
von der Liebe machen könne. Im kritischen Alter jedoch kann diese 
zuruckgestaute Sexualität mächtig durchbrechen und es kommt zum 






Hirn 



17ß Die Geschlechtskiilte der Frau. 

1 <o / 

Liebeswahnsinn der alten Jungfern, von dem Havelock Ellis eine aus- 
führliche Beschreibung gibt. 

Sie gehören den verschiedenen Frauenverbänden an, sind emanzi- 
piert und kämpfen für Frauenrechte, gebärden sich asexuell als hatten 
sie jede Beziehung zum erotischen Problem verloren. Plötzlich bricht in 
dem britischen Alter" das" Bedürfnis mächtig durch. Es kommt zu einer 
schweren Neurose oder Psycho». Dieses kritische Alter möchte ich nicht 
auf Kückbildungsvorgänge, auf die Klimax zurückführen, sondern aut 
die selbstverständliche seelische Krise, die jedermann durchmachen muß, 
wenn er merkt, daß die Zeit der Liebe für ihn endgültig vorbei sein muß. 
Wir müssen uns vorstellen, daß in solchen alten Jungfern immer die 
geheime Hoffnung lebt, trotz aller Hindernisse den Frühling der Liebe 
zu erleben. Kein Mensch gibt die Hoffnung auf Liebe auf . . . und sei er 
noch so alt. Irgendwo im Hintergrunde des Bewußtseins lauert bei diesen 
Mädchen die Hoffnung, noch die Liebe kennen zu lernen, ehe sie sterben, 
Nun kommen die ersten Zeichen des Alters. Einige graue Haare, Un- 
regelmäßigkeiten der Periode als Ankündigung der Klimax, Runzeln, die 
Heirat einer älteren Freundin ... und die Krise ist da . . . Urplötz- 
lich drängt sich der lang zurückgestaute Strom der Sexualität vor und 

zerreißt alle Dämme. 

Sehr häufig aber sieht man, daß diese Krise ausbleibt. Es handelt 
sich um Mädchen, die mit ihrer ganzen Libido an ein Mitglied ihrer 
Familie fixiert sind. Heiraten solche Mädchen, so können sie unter Um- 
ständen vollkommen anästhetisch sein. 

Fall Nr 57 Frau H. J. klagt über vollständige Anästhesie in der Ehe ; 
Obwohl sie ihrem Manne sehr gut sei und ihm seelisch sehr nahe stehe sei 
sie nicht imstande, an den ehelichen Freuden Geschmack zu finden Der Ver- 
kehr sei für sie nur eine lästige Verpflichtung. Sie selbst fuhrt das Leiden 
auf den Umstand zurück, daß sie sehr spät -erst mit 36 Jahren - geratet 
hat. Sie glaubt, daß die Dyspareunie mit Erfahrungen ihrer Kindheit zu- 
sammenhängt, und erzählt folgende Anamnese. Sie war das emsige Kind ^on 
zwei geistig sehr hochstehenden Eltern. Frühzeitig schon merkte sie daß die 
Eltern unglücklich verheiratet waren. Es gab immer viel Streit zwischen Vater 
und Mutter. Sie stellte sich mit ihrem Herzen immer auf Seite des Vaters. Ult 
dachte sie, wenn ich die Mutter wäre, ich würde diesen Mann ganz anders 
behandeln Der Vater war ein bedeutender Gelehrter, der allseits Anerkennung 
fand Nur die Mutter hatte immer etwas an ihm zu tadeln. Als sie zwoll 
Jahre alt war, fand sie im Schlafzimmer der Mutter einen Brief von einem 
Leutnant der sehr entfernt verwandt war und hie und da in ihrem Hause 
vSrte Dieser Brief enthielt die Aufforderung, an einem bes tarnten Tage 
Z Rendezvous zu kommen. Sie ließ ihre Mutter beobachten und brachte bald 
n EiSmg, an welchem Tage die Zusammenkünfte sta tt W»» «*™J 
sie mit verstellter Schrift dem Vater einen Brief, der ihm die Tatsache und das 
T>,t rn d^s nächsten Rendezvous mitteilte. Die Folge dieses Briefes war, daß 
Sfe dÄlS "£3£q* überraschte und sich von der Mutter scheiden 
Meß. Die Tochter blieb beim Vater und leitete den Haushalt. Als sie altei 



Infantile Fixationen. 177 

wurde, meldeten sich viele Freier. Sie war auffallend schön und reich. Allein 
sie wies alle ab. Sie wollte den geliebten Vater nicht im Stiche lassen. Auch 
war der Vater mit allen Freiern unzufrieden, meinte immer, es wäre nicht dio 
echte Liebe, die Freier kämen wegen ihres Geldes und es müßte „ein ganz 
anderer Kerl" kommen, der sie glücklich machen könnte. Sie fand auch alle 
Bewerber viel zu jung und unterhielt sich am liebsten mit älteren Herren. 

Sie war schon 34 Jahre, als der Vater starb. Nach dem Trauerjahre ver- 
lobte sie sich mit einem gleichaltrigen Herrn, der sich schon lange um sie be- 
worben hatte und geduldig wartote. Sie glaubte ihm die Hand reichen zu 
müssen. Er war reich und unabhängig und sie wußte, daß er auf ihr Ver- 
mögen nicht angewiesen war. Allein sie war in der Brautnacht vollkommen 
anästhetisch und blieb es bis auf den heutigen Tag. 

Sie hatte angeblich nie onaniert. Es war ihr auch unangenehm, wenn 
ihr Mann es versuchte, sie von außen zu reizen. Nach einjähriger Ehe ver- 
liebte sie sich in einen schneeweißen Klavierlehrer, der mit ihr fa6t täglich 
■vierhändig spielte. Sie begann von ihm zu träumen, hatte Pollutionsträume, 
daß sie mit ihm den Verkehr ausführte und hatte bei diesen Träumen den 
vollen Orgasmus. Einer dieser Träume erschreckte 6ie 6ehr, weil 6ie merkte, 
daß der Klavierlehrer nur ein Ersatz des Vatere war. Sie träumte nämlich: 

Ich befinde mich in meinem Schlafzimmer, Herr N., der Klavierlehrer, 
kommt an mein Bett und streichelt mich zärtlich. Dann hebt er mich auf, 
trägt mich herum und sagt, ich wäre gar nicht so schwer. Er ist sehr 
zärtlich mit mir und wird sehr intim. Plötzlich verwandelt er 6ich in 
meinen Vater. Ich schreie: Das ist ja eine Sünde und wache mit Herz- 
klopfen auf . . . 

Sie gesteht, daß sie dem Klavierlehrer zu verstehen gab, daß er ihr 
sehr gefalle. Er habe ihr einen Kuß gegeben, der sie erregt habe, und 6 o f o r t 
einen vollen, bisher nicht gefühlten Orgasmus brachte. Der geliebte Lehrer 
aber habe ihr unter Tränen erklärt, daß er ihr nur ein guter Freund eein 
wolle und könne. Der Klavierlehrer hat denselben Vornamen wie der Vater. 
Es kam aber zu einem regelrechten Verhältnis, das eich auf Küssen und 
Streicheln beschränkte. Dabei empfand sie immer. 

Diese Arten von infantiler Verankerung sind außerordentlich oft 
anzutreffen, selten allein, ohne Kombination mit anderen Motiven. 
Dieser „Elektrakomplex" äußert sich in der bekannten Vorliebe junger 
Mädchen für ältere Herren, wie sie ja der vorhergehende Casus deutlich 
illustriert. 

Fall Nr. 58. Eine 28jährige Frau kommt wegen verschiedener hyste- 
rischer Symptome in meine Behandlung. Sie ist in der sechsjährigen Ehe voll- 
kommen anästhetisch. Sie onaniert aber zeitweise mit vollem Orgasmus. Aub 
der Behandlung ist die Erinnerung an ein Trauma hervorzuheben, das auf sie 
einen großen Eindruck gemacht hatte. Ihr Onkel hatte 6ie als fünfjähriges Kind 
an den Genitalien zu reizen begonnen und das viele Jahre fortgesetzt. In den 
den onanistischen Akt begleitenden Phantasien stellt sie 6ich einen älteren 
Herrn vor, der ihr verschiedene Manipulationen macht. Sie möchte schreien 
und traut sich aus Angst nicht. Sie werden gestört und im Momente der 
Störung tritt mit großem Angstaffekt der Orgasmus ein. Der Onkel ist einer- 
seits eine deutliche Vater-Imago, andererseits knüpft sich an dieses Erlebnis 

Stokel, Störungen des Trieb- unil AflVktlpbrn». IIJ. 2. Aufl. |2 



Ma 



l7 g • Die Geschlechtskälte der Frau. 

der erste Orgasmus. Es ist eine Lieblingsphantasie aller Menschen und 
b onders de:- Kinder, daß das Glück (Orgasmus ist der stärkste Ausdruck 
des Glückes) zu ihnen kommt. Eine Vergewaltigung durch den Vate ha 
vielleicht jedes Mädchen in irgend einer Periode des Lebens gewünscht und 
geträumt. Diesem Kinde ward eine Erfüllung zuteil, die seine weitere Ent- 
wicklung determinierte. Es wurde durch die Fixation an das erste Er ebms eine 
spezifische Liebesbedingung geschaffen. Ihre spezifische Phantasie beim Ona- 
nieren wiederholt eigentlich das erste Erlebnis mit dem Onkel, für den sie noch 
heute große Verehrung und Anhänglichkeit zeigt. 

Ein ähnlicher Fall ist der nächste, nur fand das Inzest-Trauma 
nach der Pubertät statt. 

Fall Nr 59 Frau N. V., 48 Jahre alt, leidet an Platzangst und kann 
ohne Begleitung nicht ausgehen. Sie ist Mutter eines 24jährigen Sohnes. Beim 
Koitus ist sie anästhetisch und muß den Orgasmus mit Onanie erzielen Label 
fällt ihr immer eine Szene ein, die sie im 17. Lebensjahr durchgemacht Hat. 
Sie lag etwas leidend im Bette, da kam ihr Lieblingsbruder an das Lager 
und wurde mit ihr zärtlich. Schließlich gab er die Hand unter die Decke und 
spielte mit ihr, was sie sich „aus Respekt vor dem älteren Bruder" gefallen 
ließ. Als er aber sich auf sie legte, schrie sie vor Angst auf: „Hast du den 
Verstand verloren?" Er ließ von ihr ab und stürzte aus dem Zimmer, b.e 
sprachen über den Vorfall nie mehr ein Wort Später liebte er sie außer- 
ordentlich und sie entschuldigte diesen Vorfall mit seiner hochgiadigen 
• Nervosität und liebte ihn noch mehr als vorher. In ihren Traumen spielen 
Inzestwünsche auf den Sohn, der dem nunmehr verstorbenen Bruder sehi 
ähnlich sein soll, eine große Rolle. Sie geht jede * acht an eem Bett und gibt 
ihm Umschläge auf die Herzgegend, weil er an Herzkrampfen leidet, bie hat 
die Identifizierung des .Sohnes mit dem Bruder vollzogen, so daß er nun zum 
Träger der verbotenen Lust wird. Die gestattete Lust bringt ihr keinen Olgas 
mus? Im Beginne der Ehe bestand die ersten Jahre voller Orgasmus, der sich 
aber bald gänzlich verlor. Die Liebe zu ^^lÄÄL^Ä 
eine Regression auf die ersten Liebesobjekte. Eigentlich raubte das Kind dem 
Manne die Liebe der Frau. 

Ähnliche Erscheinungen sind in anderen Variationen bei vielen 
anästhetischen Frauen zu beobachten. Die eheliche Pflicht verliert 
durch den Pflichtcharakter ihre lustvolle Betonung. Die Lust geht auch 
verloren oder kommt gar nicht zustande, weil der Phantasie eine ganz 
andere Szene vorschwebt und weil der Reichtum der Lustmöglichkeiten 
beim Neurotiker eigentlich außerordentlich beschränkt ist. Man schildert 
die Neurotiker in den Schriften der Analytiker als Menschen mit einer 
außerordentlichen Sexualität, einer polymorph-perversen Anlage^ Die 
nähere Prüfung aber zeigt, daß sich hinter diesem scheinbaren Reich- 
tum von Lustmöglichkeiten die Armut des monopolisierten Lusterwerbes 
beschränkt. Der Neurotiker und der Perverse rasseln nur mit den 
Ketten und benehmen sich so, als ob sie die furchtbarsten Orgien leiern 
könnten. Wie es damit aussieht, werden wir besonders bei der Be- 
sprechung des Fetischismus kennen lernen. Aber wir können schon heute» 



Infaulile Fixationen. i™ 

verraten, daß das, was wir Perversion oder nach Kraus* Parnphilie 
"nennen, eine Beschränkung und nicht eine Erweiterung der Liebes- 
möglichkeiten darstellt. 

Der n o r m al e Mensch allein ist i m s t a n d e. d e i. 
ganzen Reichtum seiner Sexualität zu genießen. 
Neurose und Paraphilio sind Eins c h r ä n k u n g e n 
auf gewisse spezifische Liebeebedingungen. 

Die Neurose trifft noch eine weitere Beschränkung der Liebesmög- 
lichkeiten. Sie schränkt, auch die Zahl der Objekte ein. Sie monopolisiert 
die Liebe. Alle diese Kranken, die uns jammernd aufsuchen, die aiu 
ästhetischen Frauen, die impotenten, angeblich perversen Männer, sind 
krank, weil sie in einer Art infantilem Trotze auf 
Erfüllung ihrer spezifischen infantilen Liebe s- 
b e d i n g u ai g bestehen. Sie lösen sich nicht von den Objekten und 
spezifischen Phantasien und wollen sich nicht gestehen, daß diese Phan- 
tasien nie zur Wirklichkeit, werden können. 

Fall Nr. 60. Eine 39jährige Frau, körperlich 'vollkommen gesund, an 
einen um zehn Jahre älteren Mann verheiratet, leidet an schwerer Depression, 
welche sich mit einer kompletten Dyspareunie vergesellschaftet, Sie war bei 
ihrem Manne der über eine sehr gute Potenz verfügt, beim normalen Koitus 
immer anasthetisch Dagegen hatte sie früher ausgesprochene Klitorisemp- 
findlichkeit und gelangte durch Friktion oder durch Kunnilingus immer zu 
lZ m ^7ümZl: rabekannt * n Ur6achen wurde sie ganz gefühllos, was sie 

Ihre Depression; steigert sich zur Melancholie. Sie macht ,,i,h Vorwürfe 

sie hebe ihren Mann n.cht wie er es verdiene, sie liehe auch ihr, K „dir n 1 ' 
sie sei eine entmenschte Mutter ... Die Vorwürfe beziehen sie be onder auf 
eine längere voreheliche Liaison mit ihren. Vormund, von der ihr Mann nichte 
weiß. Sie traute sich nicht, ihrem Manne die Wahrheit zu sagen, aus Angst, 
er werde sie dann nicht heiraten. Und sie liebe nur ältere Männer und nur gau/ 
junge Burschen, eigentlich noch Kinder. Doch wolle sie sich diese perverse 
Geschmacksrichtung nicht recht eingestehen, sie habe sie auch überwunden und 
hebe nur ihren Mann. An ihrem Manne hängt, sie mit einer schwärmerischen 
Liebe, die dem Kenner auf den ersten Blick das Unnatürliche und Forcierte 
verrät. Sie würde keine Sekunde länger leben, wenn er sterben würde sie 
könnte ihn nie überleben, sio hält seine Hand in der Nacht und ruft immer 
wieder: „Gustav? Bist du da?" Er darf nicht lange wegbleiben, sonst hat sie 
eine tödliche Angst. Kurz, sie spielt vor sich und der Welt die verliebte Frau, 
welche ihren Mann vergöttert. 

Sie sei eine böse Sünderin, welche alles Glück, das ihr ihr Mann gebracht 
habe, gar nicht verdiene. Wir erfahren, sie hätte von ihrem 16. bis zum 
21. Lebensjahre ein Verhältnis mit dem Vormund gehabt, wobei sie immer 
virgo intaeta bleiben konnte, da sich ihr Verkehr nur auf gegenseitige Rei- 
zungen oder sagen wir besser äußerliche Befriedigung erstreckte. Damals hatte 
sie immer Orgasmus. Sie hatte den Vormund so geliebt, weil er sie immer 
an den Vater erinnert habe, und der Vater sei ihr Ideal gewesen. Sie war 
vierzehn Jahre alt, als er starb. Aber sie war sein Liebling, mußte immer auf 

12* 



180 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



seinem Schoß sitzen, wurde unzählige Male geküßt und lag auch manchmal 
neben ihm im Bette, wenn ihm kalt war . . . Dann nannte er sie seinen 
Thermophor und erzählte ihr, daß der alternde David sich auch junge Mädchen 
ins Bett kommen ließ, um sich zu wärmen. Die Mutter war auf sie sehr eifer- 
süchtig und behauptete, der Mann liebe die Tochter mehr als 6ie. Nach seinem 
Tode wurde die Mutter schwermütig, machte sich Vorwürfe, sie hätte etwas 
versäumt und stürzte sich bald darnach aus dem Fenster. Der Vormund nahm 
6ich ihrer freilich so warm an, daß sie ihm schon aus Dankbarkeit nichts abge- 
schlagen hätte. Als dann ihr Mann sich. um sie beworben hatte, fragte sie den 
Vormund um seinen Rat. Hätte er nein gesagt, sie wäre ihm treu geblieben, 
obwohl der Vormund ein verheirateter Mann war ... Er aber sprach zu ihr: 
„Du bist ein armes Mädchen, mußt in einem Büro arbeiten. Er ist ein reicher 
Mann, Fabrikant, überdies ein guter Mensch, ich habe die besten Auskünfte 
über ihn erhalten. Du sollst ihn heiraten. Wir können uns ja auch fernerhin 
lieben. Das ist ja keine Sünde, denn ich habe Dich ja nicht angerührt." 

Sie aber zog sich nach der Verlobung zurück und wich den Gelegenheiten 
aus, wo sie mit dem Vormund allein sein konnte. Seine Einladungen zu 
Rendezvous wurden alle abschlägig beschieden. Sie machte ihn aufmerksam, 
daß ihr Charakter ihr die Fortsetzung des Verhältnisses verbiete. Sie könnte 
sonst ihrem Mann nicht in die Augen schauen und sie habe genug daran zu 
tragen, daß sie ihm nicht alles unbeschränkt mitteilen dürfe. Denn das hatte 
ihr der Vormund verboten und sie hätte nichts gegen seinen Willen getan, auch 
wenn sie ihm nicht mehr zu willen war. 

Die Defloration war ihr nur schmerzhaft, der Koitus auch später immer 
ohne Orgasmus. Erst die Friktion und die Manipulatio cum lingua brachten 
einen schwachen Orgasmus hervor. Aber auch dieser schwand jetzt voll- 
kommen. Trotz der anstrengenden Bemühungen ihres Mannes kam es nie zu 
einer Befriedigung, nicht einmal zur Erregung. Sie bat daher ihren Mann, sie 
lieber in Ruhe zu lassen. 

Die Analyse ergibt, daß ihr ganzes Sinnen und Trachten sich auf eine 
jüngere Schwester und einen Bruder bezieht. Während der Vater und sein 
Stellvertreter (Vormund; der ältere Mann, zu dem sie immer Vater! sagte) jetzt 
wirkungslos sind, hat sich infolge verschiedener Umstände die ganze Libido 
auf die Schwester fixiert. Der jüngere Bruder, den sie erzogen hatte (ihr Vor- 
bild der Knabenliebe), heiratete. Das war der erste Schlag, den sie aber noch 
ertragen konnte, weil sie täglich mit der Schwester zusammen kam, welche 
ihr die Familie, die unvergeßliche Familie repräsentierte. Sie lebte eigentlich 
nur für die Schwester. Alle Ersparnisse wurden der Erziehung der Schwester 
gewidmet. Sie ging mit der Schwester spazieren und war jedesmal stolz, wenn 
sie merkte, daß sie allen Männern gefiel. Das änderte sich erst, als sich ein 
ernster Bewerber um ihre Schwester meldete. Sie, die immer gesagt hatte, sie 
wäre glücklich, wenn sie die teure Schwester gut versorgt hätte, wurde un- 
ruhig, fand, die Partie wäre sehr schlecht und suchte allerlei Gründe für die 
Verweigerung der Zustimmung. Der Bräutigam hätte eine Geliebte gehabt, er 
habe vielleicht ein Kind, er habe ein unsicheres Geschäft, er habe einen falschen 
Blick . . ., kurz, sie wollte absolut nicht zugeben, daß die geliebte Schwester 
sich mit dem Manne verlobte, den sie liebte und den sie sich selbst gewählt 
hatte. Das ist eine Beobachtung, die wir immer wieder machen können : Ge- 
liebten Personen wird nur Widerstand gemacht gegen Verbindungen, wo die 
Liebe mitspricht. Die Erlaubnis zu einer Ehe mit einer ungeliebten Person 



Infantile Fixationen. i . , 

*tt &tfg£i Die Verwandten 8i " d nur auf die «*» ***** 

Sie hatte einen Bräutigam für die Schwester bestimmt, der ihr gefiel 
aber nicht nach dem Geschmacke der Schwester war. Zu dieser Heirat ?edote 
eie ihr immer wieder zu und stieß auf hartnäckigen Widerstand. 

V .. A1 Die r Heirat hätte ihr nichte von ^r Liebe der Schwester geraubt Sie 
hatte nach wie vor das ganze Herz der Schwester besessen. Darum handelte 
es sich allein . . . Aber die Schwester wollte nur den Mann ihrer Wahl heim- 
fuhren und kämpfte mit allen Mitteln um den geliebten Mann. Sie fand einen 
treuen Heiter in ihrem Schwager, der ihre Partei nahm und seine Frau fort- 
wahrend bearbeitete, sie möge doch den Widerstand gegen den Erwählten auf- 
geben Die kaufmännischen Auskünfte lauteten glänzend, was man sonst von 
dem Manne hörte sprach auch nur für ihn. Er setzte seinen ganzen Einfluß ein, 
um diese Verbindung durchzusetzen. 



Er setzte sie auch durch. Aber von diesem Moment an 
war seine Frau anästhetisch. Er hatte sich ihren er- 
bitterten Haß zugezogen, obgleich die Frau sich das 



nicht eingestan d. Ihn traf jetzt die ganze Schuld. Er mußte bestraft 
werden und er wurde es durch ihr schweres Leiden. So groß, ist die Behau- 
spielerische Natur der Neuroner, daß sie von diesem Hasse und von den 

daß die Schwester tag ich zu ihr kommen werde, um sich nach ihrem Befinden 
zu erkundigen und sie zu pflegen. Die Schwester aber grollte wegen der 

lautet: erbitterte Kampfe. Einer dieser typischen Traume 

Ich bin allein in meinem Bette und weine. Da naht eine weibliche 
Gestalt ich glaube, es war eine Fee. Sie beugt sieh über me^la nd 
große Tranen fließen wie glänzende Perlen auf mich herab. Dann St ie 
mich heiß und innig. Sie legt sich dann in mein Bett und da merke kh 
unter Tranen, daß es die Schwester ist, die ich umschlungen halte. 

hat*. S? dieSem Trau ™ ff üt sie *$ WÄB sie mir bisher verschwiegen 
hatte, daß sie vor einigen Wochen einen Selbstmordversuch machte. Sie ging 
in die Wohnung der Schwester, die im vierten Stock gelegen ist Dort forte 
mo einen Abschiedsbrief in das Briefkästchen. Er lautete: , Ich gehe in den 
Tod. Du bist daran Schuld. Die Welt soll wissen, wie du mich ge^üflt hast " 
Dann setzte sie sich auf die Stiege und weinte. Zufällig kam ein fremder 
Mann, der sie traf und ansprach. Sie redete ganz verwirrt. Aber soviel erfuhr 
er, daß sie sich das Leben nehmen wollte. Er rief eine Nachbarin, die um 
ihren Mann telephonierte, der sie dann nach Hause brachte 

Dieser Selbstmordversuch in honorem sororis sagt uns mehr als die lane- 
atmigsten Erklärungen. b 

Die weitere Analyse zeigt eine starke Homosexualität, die vollkommen 
au! die Schwester gerichtet war. Eine Reihe von Anzeichen sprechen dafür daß 
sie dieser homosexuellen Komponente in jeder Hinsicht Rechnung trug Sie 



182 



Die Geschlechlskiilte der Frau. 



hatte sich plötzlich ihre langen (schönen Haare abschneiden lassen und schaffte 
sich eine Männerbluse mit Stehkragen an. ,,.'■.« 

Ich halte dafür, daß die Homosexualität bei der Melancholie eine große 
Rolle spielt, die wir noch nicht genügend gewürdigt haben. Die Trauer heißt: 
Ich kann kein Mann sein und werde es nie sein. Ich bin nur ein Weib und 
leide unter diesem Zustande. 

Der erste Erfolg der seelischen Behandlung war ein sehr schöner. Er war 
auch dein Umstände zuzuschreiben, daß die Schwester sich mit ihr aussöhnte 
und mit ihrem Bräutigam Zwistigkeiten hatte. Die flüchtige Analyse hatte nur 
zur Genesung beigetragen, sie aber nicht von der Schwester befreit . . . 

Nach einigen Monaten kam es zu neuen Empfindlichkeiten zwischen ihr 
und der Schwester. Sie fand, daß die Schwester auf sie keine Rücksicht nehmen 
wolle und sich um sie nicht kümmere. Ihr liege nur ihre Hochzeit im Kopfe. 
Dir Kranke aber wollte sich um die Vorbereitungen zur Hochzeit nicht 
kümmern. Die mußte ihr Mann besorgen, der dann immer den ganzen Mißmut 
der gereizten und Verbitterten Frau über sich ergehen lassen mußte. Einige 
Wochen aber vor der Hochzeit machte sie ihrem Leben ein Ende: Sie hängte 
sich auf . . . in der Stellung, wie sie die Mutter gefunden hatte. Da liegt auch 
eine erschütternde Talion. Sie hatte die Mutter nie recht leiden können, lebte 
mit ihr immer im Streite. Sie hielt in den ehelichen Kämpfen immer die 
Partei des Vaters. Nach seinem Tode machte sie der Mutter Vorwürfe, sie hätte 
den Vater in den Tod getrieben, weil sie ihn nicht verstanden hätte. Der Vater 
hatte in den letzten Jahren der Ehe ein Verhältnis und verkehrte nicht mehr 
mit seiner Frau . • ■ 'Nun machte sie sich Vorwürfe, daß sie die Mutter zur 
Verzweiflung gebracht hatte und daß die Anklagen die Ursache ihres Selbst- 
mordes gewesen waren. Hinter dem Haß gegen die Mutter verbarg sich eine 
leidenschaftliche Liebe, deren Erbe die Schwester übernahm. Als sie die Liebe 
ihrer Schwester verloren hatte, die sie seinerzeit auch gegen die Mutter auf- 
gehetzt hatte und die ihr blind in allem folgte, faßte sie diese Ereignisse als 
die gerechte Strafe Gottes auf. Nun verurteilte sie sich zum Tode. Das Leben 
hatte für Sie den Wert verloren, seit die Liebe der Schwester einem anderen 
gehörte. 

Hier sehen wir eine außerordentlich starke Fixierung an die 
Schwester, die erst im Laufe der Jahre eine pathogene Bedeutung er- 
langt. So lange sie der seelischen Liebe der Schwester sicher ist, kann 
sie beim Manne fühlen. Wie aber diese Liebe zu entschwinden droht, 
flieht der Orgasmus, die Fixierung an die Schwester schafft neue neu- 
rotische Symptome und treibt sie. die Mutter von drei herrlichen Kindern, 
in den Tod Ein ähnlicher, nicht so tragischer Fall ist der nächste: 

Fall Nr. 61. Frau Z. R.. eine 28jährige Frau, leidet an allerlei Angst- 
zustünden, besonders an der Angst vor dem Selbstmorde und der Brückenangst. 
Sio kann über keine Brücke allein hinübergehen und zittert auch, wenn sie 
von einigen Menschen hin übergeführt wird. Sie war zeitweise relativ anästhe- 
tisch und verliert, jetzt das Gefühl vollkommen, so daß ihr Mann, darüber sehr 
gekrankt, sie die Frau aus Eis nennt. Die Anamnese zeigt uns aber, daß sie 
ein beiße*, leidenschaftliches Temperament aufweist, dem sie auch einigemal 
zum Opfer gefallen ist. Ihre Sinnlichkeit war früh wach. Sie belauschte die 
Eltern und empörte sich innerlich darüber, daß alte Leute noch so etwas machen 
können. Sie wünschte sich aber eine Tarnkappe, um sich einmal an Stelle der 



Infantile Fixationen. lSii 

Mutier in das Bett zu legen. Sie nahm immerfort Maß, ob sie nocli kleiner wäre 
als die Mutter und versuchte auf alle mögliche Weise diesen Plan auszuführen. 
Er gelang nicht und sie brannte darnach, die Sexualität kennen zu lernen. Sie 
war vierzehn Jahre alt. da kam sie in das Bett ihrer um drei Jahre älteren 
Schwester. Plötzlich nahm die Schwester ihre Hand und führte sie hinunter 
zu den Genitalien. Sic fühlte, wie die Schwester erregt wurde, und wurde bald 
manu sororis desselben Genusses teilhaftig. Diese Vergnügungen dauerten 



einige Monate. Da kam eines Tages die Mutter in das Zimmer und verbot 
ihnen, gemeinsam zu schlafen. Und nach einigen Monaten war es mit der 
ganzen Herrlichkeit vorbei, weil eine Gouvernante in das Haus kam. 

Kaum 16 Jahre alt, ttel sie in die Hände eines Vetters, der sie deflorierte 
und mehrmals benutzte. Sie gab sich ihm aus Neugierde hin, um die Liebe 
kennen zu lernen, und war erstaunt, daß der Orgasmus viel geringer war als 
bei der Onanie (die sie fleißig übte) und bei den Vergnügungen mit der 
Schwester. Sie onanierte dann leidenschaftlich einige Male täglich, bis sie 
sich in einen jungen .schönen Offizier verliebte, der aber vor der Hochzeit starb. 
Es war ein berühmter Flieger und fand bei einem verunglückten Fluge 
den Tod . . . Nach einem halben Jahre der Trauer lernte sie ihren jetzigen 
Mann kennen. Er verliebte sich sofort in sie. Sie trug noch Trauer um den 
toten Bräutigam und reichte ihm schon die Hand zum Bunde. Sie war voll- 
kommen anästhetisch. Sie war unglücklich, und obgleich ihr Mann jung, reich 
und schön war, hatte sie nur einen einzigen Gedanken : Sich scheiden zu lassen 
und zu den Eltern zurückzukehren. Sie trennte sich auch von ihrem Manne 
und ging mit der älteren Schwester, die das gleiche Schicksal gehallt hatte, 
auf Reisen. Diese drei Jahre des gemeinsamen Reißens waren ihre glücklichste 
Zeit. Es kam vor, daß die auffallend schöne Schwester zuerst einen Verehrer 
fand, sie suchte sich dann auch einen. Sie merkte bald, daß sie nur zum Or- 
gasmus kam. wenn die Schwester im Nebenzimmer ebenfalls einen Geliebten 
hatte. Zu homosexuellen Szenen kam es nie wieder. 

Bald aber lernte die Schwester einen russischen Millionär kennen, der 
sie heiratete. Sie liebte diesen Mann wahnsinnig und trennte sich von der 
Schwester. Diese war im tiefsten erschüttert und gab den nie aufhörenden Bitten 
ihres Mannes nach und ging zu ihm zurück ... als eine kalte Frau. Da be- 
gann ihr Mann ihrer Schwester den Hof zu machen. Sie überraschte die beiden 
einmal, als sie sich küßten. Sie war nicht böse, daß sie es getan, aber kränkte 
sich, daß sie sich hinter ihrem Rücken küßten. Sie hätte nichts dagegen, wenn 
sie sich gefielen. In dieser Nacht hatte sie bei ihrem Manne den ersten Or- 
gasmus, der eine Zeitlang immer schwächer wiederkehrte. An ihm haftete 
etwas von dem Dufte der Schwester. Als aber die Schwester mit ihr und ihrem 
Manne in Händel geriet und sie den Verkehr miteinander abbrachen, wurde 
sie schwer neurotisch und alle alten Selbstmordgedanken und Angstzustände 
kehrten wieder. Sie mußte ihrem Manne recht geben, nahm auch leidenschaftlich 
seine Partei. Ferner entwickelte sich eine hypertrophische Liebe, wie man sie 
so häufig bei Frauen trifft, die nicht sehen wollen, daß der Mann ihnen gleich- 
gültig ist. Sie hatte keinen anderen Gedanken als ihren Mann. Sie lebte nur 
für ihn und mit ihm. Sie hatte keinen eigenen Willen mehr. Er mußte ihr 
des Morgens aufschreiben, wie sie den Tag ausfüllen, was sie einkaufen, was 
sie besorgen solle. Das führte sie getreulich aus. Unterließ er dies, so saß sie 
untätig im Zimmer und träumte und sehnte sich nach ihrem Manne. Sie ließ 
ihn nirgends hingehen, wenn sie nicht mitging. Sie konnte nicht allein sein 
und hielt ihn am liebsten bei der Hand. Sie stritt mit ihrer Mutter, welche den 






184 



Die Ueschlechtskälte der Frau. 



Mann wegen des Streites mit der Schwester tadelte, und war nahe daran, sich 
mit ihr zu überwerfen. - "" ' . 

Nun sollte man glauben, eine.so große Liebe führe auch zu einem l ebenso 
eroßen Glück und einem entsprechenden Sinnentaumel. Nein, sie hebte und 
wurde ebenso leidenschaftlich geliebt. Aber alles blieb seelisch alles spielte 
sich in Worten ab. Beim Koitus war sie vollkommen unempfindlich! Und sie 
war unglücklich, weinte auch Stunden vor sich hin, zitterte um ihren Mann 
und wenn sie auch keine Gelegenheit hatte, zu zittern, sie schuf sich irgend 
eine Sie entdeckte eine Krankheit, ein beunruhigendes Symptom, sie schleppte 
ihn zu Ärzten ... Sie wurde schlaflos, die Angstzustände mehrten sich und sie 
kam in meine Behandlung. 

Wie oft sehe ich immer das gleiche Bild: Die glückliche Frau, 
welche nur infolge der Neurose unglücklich ist. Ich erinnere mich an 
eine Frau, welche sich bei mir heulend einführte: 

„Ich bin so glücklich! Ich bin so glücklich'! Ich liebe meinen 
Mann über alle Maßen !" Dabei rannen ihr die Tränen über die Wangen 
und sie litt unter Selbstmordimpulsen. 

„Wenn Sie so glücklich sind, warum weinen Sie darnn?" 

..Weil ich meinen Mann unglücklich mache. Weil ich nervös bin! 
Wenn ich nicht nervös wäre, ich könnte die glücklichste Frau der Welt 

sein." 

Natürlich steht die Sache umgekehrt. Die Frau ist unglücklich 
und deshalb nervös. Sie könnte glücklich sein, wenn sie einen anderen 
Mann hätte und dann wäre sie auch nicht nervös. Glückliche Menschen 
können nicht nervös sein. Nervosität ist Mangel an Glück, ist Mangel 
an Lebensfreude, ist das Zeichen eines Konfliktes. 

Unsere Patientin wollte auch die Stimmen des Hasses betäuben, welche 
Regen ihren Mann sprachen. Sie spielte sich in die Rolle der liebenden Frau 
hinein und täuschte alle Welt und nicht zum wenigsten ihren Manu damit. 
Die Analvse ergab aber, daß ihre ganze Liebe der Mutter und der Schwester 
«alt. Sie hatte nur einen Traum und immer wieder nur den gleichen : bie war 
,nit der Schwester beisammen. Sie hatte nur einen Wunsch: Die Schwester 
wieder zu sehen und wieder mit ihr zu leben. Gegen den Mann wüteten im 
Innern Todeswiinsche. welche sie durch eine zitternde Angst um sein Leben 
i.l.orkompensicrte. Und die Dyspareunie war das sicherste Zeichen, daß sie 

ihren Mann nicht liebte. _ . • '. • v 

Frauen, die ihre Männer wahrhaft und aufrichtig 
lieben die 'sich nicht die Komödie einer Liebe vor- 
spielen, die in Wahrheit gar ni cht exi stiert, sind 
niemals anästhetisch. Das ist die große Wahrheit die auch der 
nächste Fall bestätigt, der manche Analogien zu den eben geschilderten gibt. 
Es wäro noch zu erwähnen: Die Versöhnung mit der Schwester, von mit- 
geschickt durch einen leisen Druck auf den Mann (ohne ihr Wissen) herbeige- 
führt wirkte Wunder. Die neurotischen Symptome schwanden Was aber in 
der Analyse zutage trat, war die übermächtige homosexuelle Einstellung zur 
Schwester, deren Sublimierung nun die wichtigste Aufgabe der Genesenden 
darstellt. 






Infantile Fixationen. 



185 



Der nächste Fall zeigt uns die Fixierung eines einzigen Kindes an 
seine Mutter in einer furchtbaren Form. Es ist eine Tragödie, wie 
sie sich so oft abspielt, deren innere Motive der Allgemeinheit immer 
dunkel bleiben müssen. 

Fall Nr. 62. Fräulein K. H. wird von ihrem Hausarzte aus Rußland 
vorgestellt. Er begleitete die Schwerkranke nach Wien. Im Wartezimmer sah 
ich vier Personen: Den Vater, einen jungen, sehr intelligent aussehenden Mann, 
den Arzt und ein plumpes, unförmiges Mädchen, das wild, mit wirren Haaren, 
einem unsteten, flackernden Blick, einen ebenso unglücklichen als unheimlichen 
Eindruck machte. Der Hausarzt berichtet, das Mädchen leide schon 6eit zwei 
Jahren an Schlaflosigkeit und nehme jeden Abend Morphium, entweder inner- 
lich oder per injectionem. Überdies noch Pantopon, Luminal, Veronal, Adalin 
usw. . . . Außerdem leide sie an Erbrechen. Sie müsse alles erbrechen, was sie 
esse. Doch nicht ganz, sondern nur einen Teil. Sie leide, an Zornanfällen, 6ei 
im Hause unverträglich, wolle sich nicht ankleiden, vernachlässige sich in jeder 
Hinsicht, sie verweigere selbst, sich waschen zu lassen, 6ie nehme kein Bad. 
Sie habe die Gewohnheit angenommen, im Bette zu essen und sei nicht zu be- 
wegen, auszugehen. Sie bleibe im Zimmer, lese nichts, brüte nur vor sich hin 
und quäle die ganze Umgebung. Der einzige Mann, der 6ie beruhigen könne, 
6ei der Bräutigam. Doch lebe sie da auch in Konflikten, denn die Eltern hätten 
diese Verbindung nicht gerne gesehen, da sie ihr eine Verbindung änderer Art 
vorherbestimmt hätten. Sie aber hatte den Widerstand der Eltern gebrochen 
und die Verlobung durchgesetzt. Es handle sich darum, sie möglichst bald 
gesund zu machen, denn sie wolle heiraten, was doch in diesem Zustande nicht 
möglich sei. 

Ich konnte dem Kollegen versprechen, das Mädchen zu heilen. Aber ich 
machte eine Einschränkung: 

„Ich hoffe, sie wird gesund. Aber ich zweifle daran, ob sie ihren Bräuti- 
gam heiraten wird/' 

„Wie wäre das möglich, Herr Kollega!? Sie liebt ihn über alle Maßen. 
Sie spricht nur von der Hochzeit und dem künftigen Glücke. Sie telephoniert 
ihn jede halbe Stunde an, sie verlangt ihn immer stürmisch und ist erst ruhig, 
wenn er in der Nähe ist." 

„Sie liebt ihn nicht! Würde sie ihn so heiß lieben, wie sie es sich und 
uns vorspielt, so wäre sie nicht so schwer neurotisch. Die echte Liebe ist der 
beste Arzt und heilt alles. Sie wird ihn nicht heiraten." 

Am nächsten Tage macht mir das Mädchen ein Geständnis. Sie könne 
nicht in meiner Behandlung bleiben. Sie spiele ein gefährliches Vabanquespiel. 
Sie müsse mir ein Geheimnis anvertrauen. 

Und nun erzählt sie, wie leidenschaftlich sie ihren Bräutigam liebe. Sie 
liebe ihn so ohne alle Schranken, daß sie sich ihm hingegeben habe. Sie fürchte 
nun, er werde sich in eine andere verlieben und was sollte sie dann als an- 
ständiges defloriertes Mädclum beginnen, sie, die Tochter eines hohen richter- 
lichen Funktionärs. Sie könne ja jetzt keinen anderen Mann heiraten. Ich solle 
sie doch nach Hause fahren lassen. 

Ich halte prinzipiell keinen Patienten zurück. Ich war erschüttert von 60 
viel Aufrichtigkeit und von ihrer vornehmen Sprache. Ich riet ihr, nach Hause 
zu fahren und trotz der Krankheit zu heiraten. Oft beuge sich die Neurose 



186 



Die (fescbleclitskiilte der Frau. 



vor den Tatsachen, während sie vor den Möglichkeiten eines anderen Ausganges 
niemals weiche. , ~ memer großen Über- 

SSSBänS sä ksä': 

PraTO V Gesteht dann, daß sie beim Verkehre mit Otto ganz unemp- 
,•• ,, , iololön Das sei für sie eine peinliche Überraschung und 

...,,,., ,.,„.,. ei,,,,, Kk,i vor den feuchten unappetitlichen Kassen. Lcn sou« 

!l;:!; ;:,; „Um Kkol heilen. Sie glaube, das Brechen rühre daher, daß sie 

immer an seine Liebkosungen denken müsse ... faänfilMi«« 

Immer deutlicher wird das Bild. Wir merken ein ^ *ÄJÄ 

Wesen, das sich einem Manne ergeben hat den f t f*^S 

und vor dem sie sich durch Ekel schützt. Aber wie kam diese Liebe ™™f*> 

kdne Liebe ist? Wie kann ein Mädchen sich einem Manne hingeben, den 

',;. St mit allen Sinnen begehrt? überdies ein Mädchen aus feinem Hause, 

^ ^\:^^r^^^t Mutter. Bas heißt ausser .n 
,,.,B venvandelten Liebe. Sie suchte ihre Mutter am tie feto n_ und «^ m.ten 
zu treffen Die Mutter war zurückhaltend, keusch, unnahbar. Die Mu te r zeigte 

mmmmmm 

schweren Herzens in die Verbindung einwilligen. „i flll Kt P 

Wofür strafte sie die Mutter? Weil sie sich nicht genug geliebt glaubte 
Die Muttc ■ wa r kühl mit ihr, schickte sie sogar außer Haus in ein Pensiona 
wi stienge gegen das wilde unbändige Kind. Sie aber verzehrte sich 
Tal Liebt und nach einem freundlichen Worte Sie kannte nur ein He : 
Xi, Mutter. Und sie zeigte ihr nur ein trotziges Wesen, weil die Mutter sie 
„ioi^ »11 fnssen und zu behandeln verstand. 

m i Her in V-n hatte sie eine Angst: sie könnte noch eine Schwester oder 
i i Vknmmen obgleich die Mutter schon jenseits der Frauen stand, 
einen Bruder bekommen, 0, ^ ,e '™ g . raäWte daß sie immer im Schlaf- 

weiche »»ft^.SÄtSrÄffi £« -o eingeführt habe, 
zimmer der Litern ^ laIen n , fe wahren d sie mit der Mutter 

daß der Vater ^f^^S^£^ Schlaflosigkeit: Sie muß 
in einem Bette liegt, \\ lr er ™ n keine GegchwiBter 

^passen daß der \ l iter nicht £ .de Mutter »At ^ ^^ 

haben. Schon als kleines Kind ho ^ e ^^^ _ wie eine schon geschilderte 

^Ä-t^^^ Sfi" Bett der Mutter zu legen und vom 



Infantile Fixationen. J£- 

Vater für die Mutter gehalten zu werden. Ihr größtes Glück war aber, mit 
der Mutter gemeinsam zu baden . . . 

Und nun sollte sie heiraten und das Elternhaus verlassen, sollte das 
Schlafzimmer den Eltern ganz ungestört zur Verfügung stellen? Das war sie 
nicht imstande. Die Eltern waren ihr wichtiger als der Bräutigam. Sie flüchtete 
in die Krankheit und suchte mit allen Mitteln, sich den Bräutigam abspenstig 
zu machen. Er haßte die dicken Mädchen; sie wurde so dick, daß sie wie ein 
plumper Elefant aussah. Er haßte die faulen Wesen, die immer im Bette lagen; 
sie lag den ganzen Tag im Bette. Er hatte große geistige Interessen, eine 
schöne Bibliothek; sie rührte kein Buch an, ging in kein Theater. Sie kratzte 
ihre Hände im Schlafe so lange, bis sie rauh und blutig wurden, weil er für 
feine Hände schwärmte. Allein all das — unbewußt ausgeführt — nützte nichts. 
Otto hielt sich offenbar für verpflichtet, sie zu heiraten und ließ sich in seiner 
Milde und Güte nicht beirren. Sie beleidigte ihn, sie kränkte ihn, sie suchte 
ihn emphndlich zu treffen. Er war geduldig und ertrug alle Launen. 

Es gab für sie keinen anderen Ausweg als die Heirat. Ihre Mutter be- 
stand jetzt darauf und man machte alle Vorbereitungen. Sie war entsetzt, denn 
sie merkte, daß ihr Otto ganz gleichgültig war und daß die ganze Liebe nur 
ein Spiel war. Sie gestand mir: „Ich kann mir nicht denken, daß ich mich Otto 
wieder hingebe. Ich sterbe eher." Alle Beschwerden waren geschwunden. Sie 
konnte essen wie alle normalen Menschen, sie konnte ohne Morphium und 
Veronal schlafen, sie hörte auf zu brechen. Aber sie war unglücklich geworden 
und zitterte vor der Zukunft. Sie flehte die Mutter an: Sie möchte auf jede 
Möglichkeit einer Heirat verzichten, sie möchte wieder zu Hause bleiben, ewig 
zu Hause bleiben und ein Kind sein. 

Die Mutter bestand darauf, daß ihre Ehre durch eine Ehe rehabilitiert 
werde. Sie ging nun mit offenen Augen in ihr Unglück. Denn sie war nicht 
imstande, den Mann zu lieben — nicht einmal, ihm einen Kuß zu geben. Eine 
ungeheure krankhafte Liebe zur Mutter und erst in zweiter Linie zum Vater 
erfüllte sie und ertötete alle anderen Liebesmöglichkeiten. Eine Woche vor der 
Hochzeit fand man sie tot in ihrem Bette. Sie hatte sich mit dem Revolver 
erschossen . . . 

Nicht immer enden diese Fälle so tragisch. Oft gibt es Kompro- 
misse und Übergänge, oft gelingt die Loslösung. Wir merken aber, wie 
kompliziert die Frage der Dyspareunie ist. 

' Fall Nr. 63. Frau I. K., jetzt eine reife Frau von 46 Jahren, konsultiert 
mich wegen einer Leidenschaft, die ihr zum Verderben zu werden droht. Sie 
habe schon seit der Pubertät bemerkt, daß sie Knaben mehr anzögen, als reife 
Mjinner. Sie hoffte, daß diese Neigung für „unreifes Obst", wegen der sie oft 
gehänselt wurde, sich mit den Jahren verlieren würde. Sie hatte mit 22 Jahren 
aus Liebe geheiratet, war im Beginne der Ehe glücklich, hatte erst voll- 
kommenen Orgasmus, der aber bald abnahm und nur erzwungen werden konnte, 
wenn sie sich einen schönen Jüngling aus ihrer Bekanntschaft vorstellte. In 
einer Sommerfrische am Attersee hatte sie das erste Verhältnis mit einem 
Jungen, dem bald andere folgten. Der Orgasmus war jedesmal unbeschreiblich 
groß. Es macht ihr ein unbeschreibliches Vergnügen, über die feine Haut der 
Knaben hinwegzufahren, sie in die Geheimnisse der Liebe einzuweihen. Die 
erste Frau für einen Knaben zu sein, ist ihr eine „fixe Idee" geworden. Sie gibt 
zu, daß sie in ihren jüngeren Bruder verliebt war, der gewiß der schönste 



8g Die Geschlechtskalte der Frau. 

gefallG ?etzt hat sie einen Sohn von 16 Jahren und muß sich sehr zurückhalten, 

P6ychanalyse will sie nicht eingehen. 

Ich schließe diese Reihe, die sich noch durch zahlreiche Beispiele 
vermehren ließe. Ich habe nur einige prägnante *™B^™£ 
werden kaum eine Dyspareunie finden, in der wir diese Bindung an de 
Familie und an das Infantile vermissen. Allerdings wäre es ein 
Fehler, wollte man die Dyspareunie nur auf eine miantile 1-ixat.on 
zurückführen, sowie die Analytiker strenger Observanz in der Impotenz 
des Mannes nur den Ausdruck einer Fixation an die Mutter sehen und 
die verwirrende Fülle anderer Motive übersehen. 

Der Inzest ist nur eine der Kräfte, die bei der Entstehimg des 
Leidens mitwirken. In einzelnen Fällen drängt er sich in den Vorder- 
grund Man würde einen argen Fehler begehen, wollte 
man die Analyse nur auf die Erforschung de.; In- 
zeste s g r ü n d e n. 

Nie aber werden wir eine Dyspareunie verstehen, wenn wir in der 
fcialvse nicht auf die Kindheit eingehen. Damit die Kranke ihr „inneres 
Nein" aussprechen kann, muß sie sich in die Kindheit flüchten, muß sie 
die Regression auf das Infantile vollziehen. 

Ich habe betont, daß die Dyspareunie uns immer ein „Ich will 
nicht" entschleiert. Die Kräfte zu diesem „Nichtwollen- das sich dem 
Andrängen des Triebes entgegenstemmt und leicht erliegen wurde, 
liefert das Infantile, das automatisch bei jeder Enttäuschung des Lebens 
emportaucht. Sonst würde die Frau dem Ansturm des Mannes erliegen. 
Sie müßte dann gegen ihren Willen empfinden. Enttäuscht erbittert, 
-ekränkt, gedemütigt zieht sie sich in dasGehäuse des Infantilen zurück, 
wo sie in der alten Kinderlust reichen Ersatz für den Entgang an gegen- 
wärtiger Lust findet. War die gegenwärtige Lust stärker als die ver- 
gangene, so kommt diese Regression nie zustande oder sie wird nach 
Einigen Schwankungen leicht überwunden. Die Frau empfindet wieder. 
Das Studium der „paseageren Dyspareunien" zeigt uns immer den 
Sieg der Gegenwart über die Vergangenheit. Der Wille wird schwach. 

' i^DÜ gleiche Motiv wurde von Schnitzler ausgezeichnet behandelt in „Frau 

Beate und ihr Sohn". 



Infantile Fixationen, j^i) 

die Frau verzeiht, das „innere Nein" wird zum „inneren Ja" und die 
Frau empfindet wieder. Sic ist wieder Weib und genießt das Glück de6 
Weibes. 

Damit, aber das Weib empfinden kann, muß es aufhören, Kind zu 
sein. Es muß seinen Vater überwinden, sich von ihm lösen. Da6 alte 
Bibelwort: „Du sollst Vater und Mutter lassen und deinem Manne 
folgen!" hat für den modernen Menschen die gleiche Geltung wie vor 
Jahrtausenden. Die innere Freiheit erringt der Mensch erst, wenn es 
ihm gelungen ist. sich von seinen Eltern, besonders aber von seinem 
Vater zu lösen. 

Jeder Mensch formt sein Wesen nach dem Bilde des Vaters. Der 
Satz der Bibel „Gott hat den Menschen nach seinem Bilde und zu 
seinem Ebenbilde geschaffen" ist nur als Umkehrung zu verstehen. Der 
Mensch schafft sich nach dem Bilde Gottes, um zu dessen Ebenbilde zu 
werden. Der erste Gott, welcher dem Kinde die übernatürliche Macht 
repräsentiert, ist der Vater. Jeder Vater hat die sehr gefährliche Krise 
der Entgöttlichung zu überstehen, den Moment, in dem das Kind lernt, 
daß über dem Vater eine höhere Macht waltet, Hebbel hat in seiner 
Selbstbiographie diesen Moment packend beschrieben. „Das Kind hat", 
erzählt Hebbel in dem Fragment „Meine Kindheit", „eine Periode, und 
sie dauert ziemlich lange, wo es die ganze Welt von seinen Eltern, 
wenigstens von dem immer etwas geheimnisvoll im Hintergrund stehen- 
bleibenden Vater abhängig glaubt und wo es sie ebenso gut um schönes 
Wetter wie um ein Spielzeug bitten könnte. Diese Periode nimmt 
natürlich ein Ende, wenn es zu seinem Erstaunen die Erfahrung macht, 
daß Dinge geschehen, welche den Eltern so unwillkommen sind, wie 
ihm selbst die Schläge und mit ihr entweicht ein großer Teil des mysti- 
schen Zaubers, der das heilige Haupt der Erzeuger umfließt, ja, es 
beginnt, erst, wenn sie vorüber ist, die eigentliche menschliche Selb- 
ständigkeit." Ein furchtbares Gewitter belehrte den kleinen Hebbel, 
daß über seinem Vater noch eine höhere Macht thronte, und es kam 
bald so weit, „daß er sich über Vater und Mutter zu beklagen anfing, 
wenn er ein Unrecht von ihnen erfahren zu haben glaubte". 1 ) 

C. M. Jung hat in einem interessanten Aufsatze „Die Bedeutung 
des Vaters für das Schicksal des Einzelnen" (Verlag J. F. Deuticke) aus- 

l ) Hebbel klagt wiederholt über seinen strengen Vater. Er teilt dies Schicksal mit 
vielen Dichtern. Auch Grillparzer, Keller, Jean Paul, Reuter, Schiller und Goetho, Scheffel 
und Konrad Ferd. Meyer klagten über die Pedanterie und Strenge des Vaters.' Hebbel 
sagt sogar: „Mein Vater haßte mich und ich konnte ihn nicht lieben." Von dem über- 
ragenden Eindruck des Vaters hat sich Hebbel sein Leben lang nicht frei gemacht 
Wir finden den Vater in den strengen Gestalten seiner Dramen, im Holofernes, Herodes 
Herzog Ernst usw. Selbst seine Träume stehen noch lange unter dem Einfluß der \ngst 
vor dem Vater, wie ich in meinem Buche „Die Träume der Dichter" nachgewiesen habe 



190 



Die Geschlechtskalte der Frau. 



geführt wie oft der Vater noch die späteren Erlebnisse des Ehelebens 
(es handelt sich um Frauen!) beeinflußt. An dem Vaterkomplex geht 
manche Ehe und Liebe in Brüche, die sonst sehr tragfähig gewesen wäre. 
Der Vater ist immer der Stärkere. Väter, die ihre Kinder maßlos ver- 
zärteln, sie verhätscheln, mit Schmeicheleien auffüttern, sie verwohnen, 
sie an sich binden, sind eigentlich Egoisten, die sich der Liebe des Kindes 
für das ganze Leben versichern wollen. Sie machen sich vor, dem Kinde 
etwas Gutes zu tun, ihm seine Gegenwart zu verschönern, und verderben 

ihm die Zukunft, 1 ) 

Was ich aber erst allmählich im Leben durch meine Erfahrungen 
gelernt habe, ist der sonderbare Umstand, daß nicht der milde, zärtliche 
Vater allein das Kind an sich fesselt, sondern auch der strenge, unnach- 
sichtige, harte, der pathologische, leidenschaftliche, der Säufer, der 
Spieler, der Jähzornige, der unbarmherzig Strafende! Rätsel der 
menschlichen Seele ! Der gute Vater wird noch leichter überwunden wie 
der strenge. So geht es Söhnen und Töchtern. Ich kenne Söhne, die 
während des Lebens ihres Vaters ein Martyrium durchzumachen hatten. 
Der Vater haßte sie, verfolgte sie, war auf die Liebe der Mutter zu ihnen 
eifersüchtig, strafte sie unbarmherzig, während die Mutter sich 
schützend dazwischen warf, sie deckte, sie vor seinem Zorn behütete. 
Der Vater starb und die Söhne begannen die Mutter zu quälen und den 
toten Vater zu lieben. Die Strenge war bald vergessen, sein Bild wurde 
in der Erinnerung immer mehr idealisiert, man fand immer mehr Vor- 
züge, während die Mutter gequält wurde, ihr Vorwürfe über ein ver- 
fehltes Leben, über schlechte Erziehung gemacht wurden. 

Fall Nr. 64. Belehrend sind die Schicksale der Frau N. K., deren Vater 
ein Spieler, Trinker, Frauenjäger war, der sie in der Jugend durch seine Strenge 
maßlos gequält hatte. Sie lernte, erwachsen, einen Mann kennen, der, geistig 
«ehr hochstehend, sie zu seinen Höhen erhob, sie namenlos liebte, sie heim- 
führen wollte. Da der Vater gegen die Heirat war, wurde sie aus trotz gegen 
' den Vater die Geliebte ihres geliebten Freundes. Sie wollte heiraten, sobald sie 
ihre Großjährigkeit erreicht hatte. Da kam der Vater, der längere Zeit im 
Ausland weilte - die Hochzeit wurde mittlerweile aus allerlei Motiven ver- 
schoben - krank nach Hause. Die Mutter starb und der böse Mann war 
ganz auf sie angewiesen. Sie widmete sich seiner Pflege. Sie wollte ihm die 
letzten Monate seines Lebens - der Arzt gab ihm nicht mehr - verschönern. 
Da wurde der Vater milde und dankbar für ihre Güte. Und es geschah ein 
Wunder' Er erholte sich und konnte wieder seinem Berufe nachgehen. 

Aber sie kam von ihm nicht mehr los. Sie fühlte allmählich wie sie in 
den Armen des Geliebten kälter wurde, bis sie das Gefühl gänzlich verlor 
und ihn beschwor, sich bis zur Ehe mit den seelischen Banden zu begnügen. 
Die Hochzeit sollte endlich festgesetzt werden. Da erkrankte sie an einer 



-) In meinem Aufsatze „Zärtliche Eltern" meines Büchleins „Was im Grund der 
Seele ruht ." eingehend beschrieben 



Iufautile Fixationen. 191 

schweren Depression. Sie konnte doch nicht heiraten, ehe sie ganz gesund 
war! Diese Depression war eine Flucht in die Krankheit. Kommt einmal eine 
Nervöse oder ein Nervöser zu mir. und fleht, er möchte genesen, seine ner- 
vösen Zustände, seine Verstimmungen verlieren, um endlich heiraten zu können, 
sie müßten immer wieder wegen des Leidens die Hochzeit hinausschieben, 60 
weiß ich schon, daß innere Widerstände gegen die Verbindung bestehen, die 
leider meist unüberwindlich sind. Auch dieses Mädchen müßte den Vater ver- 
lassen und ihn einer Wirtschafterin anvertrauen. Dazu kann sie sich nicht 
entschließen, obgleich der Vater ihr das ganze Leben nie ein Vater gewesen, 
ihr nie ein freundliches Wort gesagt hatte, ehe er auf sie angewiesen war. 
Ihr Freund war der Gegensatz ihres Vaters: milde, geduldig, nachsichtig, 
liebevoll, zärtlich, aufmerksam, vornehm. Um das Rätsel dieses Falles zu er- 
höhen, möchte ich noch hervorheben, daß dieser Freund ein sehr schöner, wohl- 
gestalteter Mann war, dem die Frauen gerne huldigten und der auf jede 
Weiblichkeit großen Eindruck machte, so daß er sich der vielen Versuchungen 
kaum erwehren konnte. Und ihr Vater? Er war der Gegensatz: Unverläßlich, 
liederlich, grob, ungeschlacht, häßlich, jähzornig, gemein. War doch ihre 
Mutter eine ewige Dulderin gewesen, die sich in den letzten Jahren der Ehe 
entschlossen hatte, sich von ihrem Manne scheiden zu lassen, weil er es zu arg 
trieb. Ein plötzliches Leiden erlöste sie aus ihrer Hölle und ersparte ihr die 
Aufregungen eines Scheidungsprozesses, der ein furchtbarer Skandal geworden 
wäre . . . 

Trotzdem kam die Tochter von dem Vater nicht los ! Auch die seelischen 
Beziehungen zu ihrem Freunde, der ihr Führer, Lehrer und Erzieher in allen 
Künsten gewesen, litten unter der Eifersucht des Vaters. Von einer Heirat war 
jetzt keine Rede mehr. Sie flüchtete aus der Nähe der beiden Pole in eine 
fremde Stadt, um einen Ausweg aus diesem Konflikt zu suchen, der sich in 
die Formel auflösen soll: Vater oder Geliebter, Vergangenheit oder Gegen- 
wart, Sklaverei oder Freiheit, ein verlorenes Leben oder ein Leben in der Sonne. 

Wie es das Ideal der starken Männer bleibt, ein widerspenstiges 
Weib zu zähmen (ein Petruchio der Gegenwart) , so lebt in jedem Weibe 
der innerliche Vorsatz, der heimliche Wunsch, einen harten widerspensti- 
gen Mann zu beugen, ihn zu unterwerfen, ihn gefügig und sanft zu 
machen. Es ist dies der höchste Triumph in dem Kampf der Geschlechter. 
Aus diesem Grunde wird der Milde leicht vergessen, wenn der Harte in 
Erscheinung tritt. Die Güte des einen, die wie ein ewiger Sonnenschein 
ermüdet, so daß man sich nach Gewittern sehnt, hat nicht die elementare 
Gewalt, wie die flüchtige Milde des Strengen, die wie der Durchbruch der 
Sonne nach einem furchtbaren Gewitter überwältigend wirkt. Nie wird 
eine schöne Frau so bezaubernd wirken können wie eine häßliche, deren 
Antlitz sich plötzlich zu einer überirdischen Schönheit verklärt. Es ist 
dies das Gesetz der Kontrastwirkung, dem wir alle unterliegen. Die 
flüchtigen Augenblicke, in der unsere Kranke, deren Schicksal uns be- 
schäftigt hat, den Vater mild und gefügig sah, entschädigten sie für alle 
Unbill und alle Qualen. Es war die Erfüllung eines immer wieder- 
kehrenden Traumes, ihn einmal verändert, zärtlich, weich zu sehen, be- 
wältigt durch die Macht der Liebe. 



192 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



Die geheimnisvolle Anziehungskraft, welche die Grausamkeit auf 
alle Menschen ausübt, das Verlangen nach Schmerzen <^<«£«£ 
stand der Liebe, das Schwanken zwischen den Extremen der Gefühle und 
Empfindungen, von Haß zu Liebe, von Schmerz zu Lust, von Herrsch- 
sucht zu Demütigung, kurz die ganze Bipolarst aller Begeben fr 
scheinungen kommt in diesen Beziehungen zur Geltung. Lebt doch in 
jedem Menschen das Verlangen, alle Höhen und Treten zu durch«, 
das Leben nach allen Seiten hin auszukosten, dem Pendel seiner Gefühle 
die möglichst größte Schwingungsweite zu verleihen , 

Die Gottheit ist die Projektion unseres Ideals in die Unendlichkeit. 
Wo ist der milde himmlische Vater, der keine Strafe kennt, der nur ver- 
steht und verzeiht? 

Die Menschheit benötigt einen strengen, grollenden \ ater, den 
Blitze schleudernden Jupiter, den gewaltigen Jehova, den Strafer und 
Rächer Auch der Gott der Nächstenliebe hat die Strafe der Hölle bereit, 
um den Sünder der ewigen Qual auszuliefern. Fromm sein heißt sich 
dem strengen Vater unterordnen, ihn um Mitleid anflehen. Mitleid er- 
wartet der Schwache von dem Starken. Alle Qualen, die sich die Neu- 
rotiker so sinnreich erfinden, haben den Sinn: Mitleid! 

.Die Anwendung dieser Erkenntnisse auf das Leben der Volker 
gibt uns das Verständnis für alle Zeitkrankheiten. Der Vater wird das 
Symbol einer jeden Autorität. Die Anarchisten sind meist uneheliche 
Kinder die ihren unbekannten Vater hassen. Jede Empörung gegen die 
soziale Ordnung fängt eigentlich mit der Revolution gegen den Vater 
an Der Absolutismus baut sich auf der Familienordnung auf, die dem 
pater familias Rechte über Leben und Tod verleiht. Man überlege, wie 
viele Theaterstücke und Romane in jüngster Zeit dieses Thema be- 

^nd in wie vielen Menschen lebt die uneingestandene Sehnsucht 
nach der Reaktion, nach einer strengen Hand, die Ordnung macht und 
die man küßt, wenn sie züchtigt! 

Frei sein kann nur der Mensch, der innerlich frei ist. Vv le sieht 
aber dieses jammervolle Menschengeschlecht innen aus I Das Phänomen 
der Suggestion" beweist uns die Knechtsnatur der Menschen, ihren 
grenzenlosen Willen zur Unterwerfung. D a s W e i b s u ch t i m m e r 
nur den Mann, dem es sich unterwerfen muß. F. 
will zur Liebe gezwungen werden Das mag wohl 
Nietzsche mit seinem berühmten Ausspruche Sfjf^;* 
du zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht!" Alle Kampfe zwischen 
Mann und Weib, der ganze unglückselige „Kampf derGoschlech- 

^v7n hUk .Väter und Söhne" bis zu Hasendevers „Sohn" zieht sich 
eine Linie, die zum Bolschewismus führt. 



Der Wille zur Unlust. jq-j 

t © r" stammt aus dieser Sehnsucht nach dem starken Manne, quillt aus 
der Sehnsucht nach der Überwindung und aus den Wonnen der Nieder- 
lage. Jede Frau sucht ihren Siegfried, dem sie sich ergeben muß. Je 
stärker der Vater war, desto heftiger wird dieser Kampf toben. In dem 
geschlechtlichen Partner nimmt das Weib den nie ausgekämpften Streit 
mit dem Vater wieder auf. *Wer glücklich lieben will, sehe sich den Vater 
geiner Erwählten an. Er bedeutet sein Schicksal . . . 



VIII. 

Der Wille zur Unlust. 

Jeder Mensch steht seit seiner Geburt unter der Herrschaft eines 
Triebes, den man als den „Willen zur L u s t" bezeichnen kann. 
Sehr treffend sagt Marcinowslci in seiner gedankenreichen Arbeit „Zur 
Psychologie der Liebeswahl und des angeborenen Sexualcharakters" 
(Die neue Generation, 1917, Nr. 12) : 

„Angeboren ist vor allen Dingen der aller lebenden Kreatur inne- 
wohnende W i 1 1 e zur Lust, dieser Speck, mit dem Mütterchen Natur 
iure Mauslein lockt und ködert, um sie zu ihrem gefährlichen Liebesspiel 
zu verleiten zu Not und Gebären, und sie so allen Schopenhauerschm 
Willen zur Lebensverneinung und zum Nichtsein abtrünnig macht" 

„Das Kind zeigt am deutlichsten, was wir unter dem L u s t w i 1 1 e n 
zu verstehen haben. Es hat überhaupt kein anderes Begehren, als 
das unverschämte Verlangen an seine gesamte Umgebung: du hast 
mir als Lustquelle zu dienen. Aber wenn wir genauer hin- 
sehen, so zeigt das Kind zwei ganz verschiedene Arten, seiner 
Lust zuzustreben. Ich möchte sagen, es gibt da zwei verschiedene 
Charaktertypen für die gesamte Menschheit. Meine 
psychologischen Beobachtungen haben mich gelehrt, hierin die mehr 
aktiven und die mehr passiven Naturen von einander zu unter- 
scheiden und in ihrer ganz verschieden gearteten Entwicklung zu ver- 
folgen." 

„Es ist dabei ganz zweckmäßig, die aktiven Naturen als 
die mehr männlich, d. h. aggressiv gearteten, den weiblich- 
passiven gegenüberzustellen, die werbenden den umworbenen, die 
. fordernden den gewährenden. Ich habe dabei natürlich keine ge- 
schlechtlichen Merkmale im Auge. Die passiv gearteten Typen 
sind zu gleicher Zeit die Menschen, die ihr ganzes Leben hindurch die 
mehr kindlichen Naturen bleiben und immer wieder eine gewisse 
Hilflosigkeit an den Tag legen. Ja, man möchte öfter davon 
sprechen, daß diese Hilflosigkeit oft wie etwas Gewolltes festge- 
halten wird, eben um des Gewinnes an liebevoller, zärtlicher 
Fürsorge willen, die ihnen ihre Schwäche und Hilfsbedürftigkeit einträgt 
Sie haben also einen Lustgewinn zu buchen, den ihnen ihre Art ein- 
bringt. Und wir können das verstehen, wfenn wir bedenken, daß solcher 

Stekol, Störungen des Triob- und Affektlebxns. III. 2. Auri. 13 



1Q4 Die Geschlechtskälte der Frau. 

Lustgewinn ja nur dem Erfahrungsleben des kleinen Kindes ent- 

sprossen ist." : ." , 

Wer kleine Kinder zu beobachten versteht, wird wissen, mit welcher 
unglaublichen Schlauheit sie sich alle möglichen Arten von Lustgewinn 
gerade durch deutlich markierte Hilflosigkeit zu erzwingen wissen. 

Andere Kinder allerdings sind von vornherein mehr auf Trotz 
und Eigenwillen eingestellt. Sie sind es die sich mehr nn Sinne nta .männ- 
lich zupackenden Eroberertypus entwickeln. Sie suchen den Gegenstand 
ihrer Liebe zu bewältigen und durch Gewalt in ihren Besitz zu bringen; 
sie wollen ihre Umgebung so von sich abhängig machen. 

Das wollen die anderen Typen zwar auch, aber sie fallen dabei 
in die "eigene Grube und werden im Gegenteil von den andern abhangig. 
Ihr Streben geht nicht auf das zupackende Bewältigen, auf das aggressiv 
Männliche, sondern ihr Streben läuft auf ein Geliebt-werden-wollen hinaus. 
Ihr Wille zur Lust ist von vornherein zarter, schwächlicher gebaut und 
mehr ein Wille zur Unlustvermeidung." 

Wir hätten somit nach Marcinowski die aktiven und die passiven 
Naturen zu unterscheiden, die sich beim Lusterwerb verschieden ver- 
halten werden. Beiden ist der „Wille zur Lust" treibende Kraft. Aber 
die aktive wird sich die Lust im Kampfe des Lebens rauben, erwerben., 
erringen die passive wird sie erwarten, hinnehmen, dankbar quittieren. 
So sollte man annehmen, wenn das Schema von Marcinowski für alle 
Fälle seine Gültigkeit hätte. Es hat. aber mehr für den Mann als 
für die Frau Gültigkeit. Hier mengen sich die Probleme der 
Bisexualität mit denen der Charakterbildung. Männliche Frauen suchen 
die Lust in der Aktivität des Liebeslebens, weibliche in der Passivität. 
Es scheint aber, daß der Charakter der weiblichen Lust an das passive 
Verhalten geknüpft ist, also Liebesbedingung ist. Das Weib schöpft 
seinen stärksten Orgasmus aus dem „Willen zur Unterwerfung . 

Vergessen wir aber nicht, daß es auch einen „Willen zur ,V n- 
lttet" gibt, daß ein Verlangen nach Passivität und Erleiden die Ver- 
hältnisse umkehrt; daß Unlust eigentlich das Ziel des Sexualtriebes 
werden kann, wie uns die Paraphilie des Masochismus erweist. 

allein nicht von diesen Umkehrungen soll hier die Eede sein, die 
in einem der nächsten Bände dieses Werkes psychologisch ergründet 
Werden sollen. Ich möchte nur beweisen, ™e durch eine neurotische Un- 
lust, durch Schmerzen, die Lust zurückgedrängt werden kann. Hyste- 
rische Frauen benützenden bipolaren Charakter 
der Lust, um sich gegen die Empfindung -be.im Ge- 
schlechtsverkehr zu schützen. Ich habe ja ausgeführt, daß 
bei der Dvspareunie dem „Willen zur Lust" ein trotziges „Ich will 
nicht!" entgegengestemmt wird. Nun würde die Lustpramie des Or- 
gasmus .das Weib in diesem Kampfe zwischen „AVillen zur Lust und 
Willen zur Lustlosigkeit" unterliegen lassen, wenn sie nicht den Kunst, 



Der Wille zur Unlust. 195 

griff anwenden würde, die Lustprämie, wegzueskamotieren und sie im 
Gegenteil zur Unlust umzuwandeln. 

Wir sehen, der Unterschied zwischen passiven und aktiven Naturen 
wird hinfällig, wenn wir die inneren Motive mit in Rechnung stellen. 
Denn gerade die passiven Frauen sind es, die sich in einer unglücklichen 
Ehe durch Schmerzen vor dem Orgasmus schützen. Sie sind nicht aktiv 
genug, eine Änderung vorzunehmen, den Mann zu verlassen', ein Ver- 
hältnis anzuknüpfen. Sie setzen dem Willen zur Lust ihr inneres Nein, 
ihr inneres „Ich will nicht ! " ihre innere Aktivität entgegen. Die Lust- 
prämie des sexuellen Begehrens, die Steigerung der Lust zum Orgasmus 
• birgt die Gefahr der Niederlage in sich. Die nahe Verwandtschaft von 
Lust und Unlust gestattet eine Konversion von Lust in Unlust, vom 
Orgasmus in Schmerz. 

Die Schmerzen sind sehr verschieden. Sie lokalisieren sich ent- 
weder außen im Introitus vaginae oder im Kreuz, manchmal strahlen sie 
sogar ins Rectum aus und werden als unerträglich geschildert. Eine 
ähnliche Erscheinung kommt auch, bei Männern vor und wird in dem 
zweiten Teile dieses Buches besprochen werden. Beiden Konversionen 
ist das gemeinsam, daß sie durch seelische Einflüsse entstehen. Es 
handelt sich um einen Sieg der Psyche über die 
Physis, um einen Triumph des Gehirnes über das 
Rückenmark. 

Schmerzen beim Verkehre dienen auch häutig dazu, um vor sich 
selbst den inneren Widerstand zu maskieren und sich selbst eine Ent- 
schuldigung zu geben. Sie werden mitunter erst n a c h dem Koitus emp- 
funden. Es gibt Frauen, die nach einem Verkehr am nächsten Tag ihre 
Migräne bekommen, ihre Kreuzschmerzen, ihr Stechen im Bauche, ihre 
Blinddarmschmerzen, ihre Mattigkeit usw. . . . (Immer wenn der Koitus 
ohne entsprechenden Orgasmus verlaufen ist, melden sich neurotische 
Beschwerden, wie ich sie ausführlich in meinen „Nervösen Angstzu- 
ständen" beschrieben habe.) Mitunter werden diese Schmerzen als Vor- 
wand genommen, um sich der Verpflichtung des Koitus zu entziehen. 
Es gibt verheiratete Frauen, die angeblich bei jeder Kohabitation 
Schmerzen empfinden. Plötzlich geben sie sich einem anderen Manne hin 
und der Koitus verläuft ohne Schmerzen, mit starker Lustbetonung. 
Dabei haben die Schmerzen nichts mit der Größe des Phallus zu tun. 
Gewiß, es gibt auch Anästhesien, die auf ein körperliches Nichtzusam- 
menpassen zurückzuführen sind. Ein allzugroßer Phallus und eine zu 
enge Vagina können ein schlechtes Paar geben, wenn die seelische Liebe 
fehlt. Ich 'habe aber wiederholt konstatieren können, daß bei großer 
Neigung auch diese Hindemisse überwunden werden. 

13* 



mmm 



196 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



Es ist immer verdächtig, wenn Frauen klagen daß sie bei jeder 
Kohabitation nur Schmerzen und Unbehagen r^ÄÄSt 
gefi&l leugnen und dabei behaupten, sie seien „rasend dei walin 
S in ihren Mann verliebt, sie hätten den besten aller Manner, 
sie hätten gar keine bessere Wahl treffen können. Es sind W^^W, 
die sich sefbst belügen. Ihre Seele läßt sich freilich hinters Licht fuhren, 
aber ihr Körper sprieht ein beharrliches Nein. Der Orgasmus bktbt aus 
die Schmerzen und Beschwerden stellen sich em. Das Ausbleiben des 
Orgasmus bei einer Frau ist immer ein Alarmsignal und heißt: In meinem . 
Herzen ist etwas nicht in Ordnung. 

Fall Nr 65 Frau H. L. leidet an einer quälenden Zwangsvorstellung,', 
wegen der sie sich ganz vom allgemeinen Leben zurückgezogen hat, tiet un- 
glücklich ist und sich das Leben nehmen will. Sie muß jedem Manne 
SS auf die Hosen blicken, und zwar auf die Stelle wo sie den Penis v<£ 
mutet (..Sie sei eine stille, keusche Frau, jeder Leidenschaft abhold ^ habe 
ihren Mann aus Liebe geheiratet, sei mit der Wahl sehr zu fneden^onne ich 
keinen besseren vorstellen.") Die Zwangsvorstellung besteht seit .zehn Jahren, 
war anfangs nur flüchtig, verstärkte sich so sehr, daß sie m ihrer Her zens not 
Uu-em Manne davon Mitteilung machte, ihn um Hilfe anflehte un ^ beschwoi 
ihr keinen Mann in die Nähe zu bringen, keine Herren einzuladen, sie m kerne 
Gesellschaft zu führen. Sie sei es einfach nicht imstande. 

Sie leidet außerdem an dem peinlichen Gedanken daß die Herren diesen 
Blick erkennen und sich über sie lustig machen. Das erste Mal sei die Zwangs- 
vorstellung ihrem Hausarzte gegenüber aufgetaucht. Aus seinen Mienen glaubte 
Sie zu schließen, daß er ihren Blick aufgefangen und eigentümlich gelachel 
hätte. Sie habe bald darauf den Arzt gewechselt, wed es ihr peinlich war, 
ihm in die Augen zu sehen. 

Sie gibt an, beim Koitus nichts zu empfinden, nur Schmerzen und Unbe- . 
hagen. Wie es oft bei frigiden Frauen vorkommt, hat ihr Mann ein sehi 
großes Bedürfnis und würde gerne jeden Tag mit ihr verkehren. Sie schildert 
ihn als sinnlich und sehr potent. Ihr wäre es aber lieber, wenn er s e in 
äuh "ließ Er haL die Gewohnheit, des Abends vor dem Einschlafen langer 
fu llen s e schlafe vorher ein, dann wecke er sie zum Koitus, was sie als 
' nie Roheit und Rücksichtslosigkeit werte. Wie könne sie unter diesen .um- 
ständen empfinden? Allein sie bestätigt, daß sie auch am Mor g. en ™ * em ^ 
Orgasmus komme. Ein Orgasmus sei ihr überhaupt selten erinnerlich. Im 
BegTnTder Ehe, besonders nach dem zweiten Kinde, habe sie Orgasmus ge- 
mhlt wenn auch nie so stürmisch, daß sie ihn als besonderen Genuß gewartet 
hätte Nach dem dritten Kinde sei der Orgasmus für immer geschwunden Sie 
nafsechs KiXn das Leben geschenkt. Ihr Mann hätte gerne ein Dutzend. 
Der Frauenarzt habe aber ein entscheidendes Machtwort gesprochen und 
erMärt sie sei nicht mehr imstande, Kinder zur Welt zu bringen. Ihre 
Schnitzen beim Koitus steigern sich von Jahr zu Jahr. Es ist ein bohrender 
Schmerz im Kreuz, der bis in den Mastdarm ausstrahlt i-,r, . _ 

Sie gibt zu, daß sie außerordentlich eifersüchtig ist und darunter wahn 
sinnig leidet. Ihr Mann hat einige Damen, die er sehr hoch schätzt, die ahm 
SS bSen können, was ihr vollkommen fehle: Geist und Be^hkeit 
Liebenswürdigkeit, Anmut und Witz. Das wisse sie sehr gut und leide 



' Der Wille zur Unlust. 197 

darunter. Besonders quäle sie, daß er — freilich iu allen Ehren! — mit einer 
Frau verkehre, mit der er einmal verlobt gewesen. Es wäre eine schöne, auf- 
fallend liebliche, geistreiche Sängerin, die weltberühmt sei. Sie wisse 
eigentlich nicht, warum ihr Mann damals die Verlobung aufgelöst und sich 
mit ihr verlobt habe. Sie vermute wegen des Geldes. Sie wäre eine sehr gute 
Partie gewesen. Jetzt aber bringe ihn sein Beruf — er ist Frauenarzt — mit 
all diesen Frauen zusammen. Was könne sie dagegen machen? Er sei bei der 
Sängerin auch jede Woche eingeladen und besuche noch viele andere Frauen, 
womit sie sich nie und nimmer- abfinden könne. 

Wir finden diese Erscheinung sehr häufig, daß Frauen, die bei ihrem 
Manne nicht empfinden, den Gedanken nicht vertragen, daß andere Frauen in 
seinen Armen empfinden könnten! Sie quälen ihren Mann mit „Eifersucht 
aus Liebe", verfolgen ihn mit ihren Liebesbezeugungen, die sich aber mit einer 
sehr raffinierten neurotischen Belästigung kombinieren, so daß sich die Liebe 
mehr in den Worten" als in den Taten äußert. Auch diese Patientin macht 
ihrem Manne große Eifersuchtsszenen, quält ihn manchmal mit Vorwürfen, 
daß er sie nicht schätze, sie nicht achte. Wozu habe er sie geheiratet? Warum 
habe er sie unglücklich gemacht? Sie rast gegen seine Familie, findet, 
daß er zu häufig zu seinen» Brüdern, Schwestern und zu der Mutter ginge, daß 
er seinen Vater wie ein Idol vergöttere, daß er nur auf den Rat seiner Familie 
höre, während sie nur der „Schnudelputz" sei, 'gut genug, um Kinder zu 
gebären, sie zu pflegen usw. 

Zur Erziehung der Kinder sei sie absolut untauglich. Ein Kind leidet 
a " ei "°J" Hüftgelenksentzündung. Sie macht sich Vorwürfe, sie wäre daran 
schuld.») Sie quält sich überhaupt mit allerlei unberechtigten Vorwürfen und 
empfindet auch ihre Zwangsvorstellung als niedrig und gemein, kämpft mit 
N-lbstmordgeda.iken, besonders nach dem Erwachen aus wüsten Träumen. 
Der an die Traume sich anschließende Vormittag ist immer schlecht. Da ist 
sie arbeitsunfähig, deprimiert, gereizt, man darf ihr nicht in die Nähe kommen, 
sonst sprüht sie Funken. Erst gegen Abend fühlt sie sich wie viele Neurotiker 
wohler, die unter dem Eindrucke der Nachtträume stehen und eine geraume 
Zeit brauchen, um die aus dem Unbewußten vordrängenden Triebkräfte zu 
überwinden. Überdies hat sie ein sinnreiches System ausgeheckt, um ihre 
schlechte Laune zu motivieren. Bald ist der Barometerdruck, bald die Wind- 
richtung schuld an ihren Depressionen. Trübes Wetter macht sie' unglücklich, 
Schirokko macht sie wild, große Hitze und Kälte steigern die Zwangsvor- 
stellungen, so daß fast gar keine Bedingungen für Tage des Wohlbefindens 
zurückbleiben. Aber alle diese Umstände gestatten ihr, die schlechte Laune zu 
motivieren, ihre Unzufriedenheit zu „rationalisieren", sich mit allerlei Schutz- 
wänden gegen die sozialen Ansprüche zu umgeben. 

<- Die tiefere Erforschung zeigt, daß sie eine arge Tagträumerin ist, daß 
der Morgen zu Tagträumen ausgenützt wird, die aber bewußtseinsunfähig sind 
und sofort verdrängt werden! Die Zone der Unnahbarkeit, die sie am Vor- 
mittag um sich herum errichtet, dient dazu, die Tagträume vor fremden Ein- 
griffen zu schützen. Ebenso ist ihre Gereiztheit nur ein Vorwand, um sich die 
ungestörte Funktion der Tagträume zu sichern. Über den Inhalt dieser Tag- 

l ) Aiiästhetische Frauen, die den Kindersegen zumeist als etwas Ungewolltes 
empfinden, führen nicht selten etwaige bei den Kindern auftretende Erkrankungen auf 
eine Strafe des Himmels zurück, mit denen eigentlich ihr „schlechtes Verhalten" ge- 
straft werden sollte. rj r p jp. 



19g Die Geschlechtskälte der Frau. 

Murne weiß sie zuerst nichts *u berichten. Die Art der Zwangsvorstellung . 

mmmmm 

tT Älter hat sich der Zustand gebessert, aber er ist noch immei launennatt, 
ÄeleÄfSt ein Sonderling und scheint nach ihren Schüderungen 
an den Resten einer Zwangsneurose zu laborieren. 

Ihre Sexualität erwachte angeblich spät, sie weiß nicht viel über ihre 
infantile Sexualität zu berichten. Sie wurde mit 14 Jahren von einer Gouvei- 

nin+o aufgeklärt hat angeblich nie onaniert. :■'.'. n, 

nante au^Uar ^ „^^^ verliebte sie sü* in einen Mann, 

der sich um ihre Schwester bewarb, aber von der stolzen Rhenen abgelesen 
wurde. Dieser Mann hielt nach einem Jahre um ihre Hand an. Sie gab ihm 
einen Korb Sie konnte es sich nicht vorstellen, daß sie einem Manne ge- 
Sta könnte, der in ihre Schwester verliebt gewesen war. Sie wollte sich mdrt 
beglücken lassen. Dazu war sie zu stolz. J*erBch aber jar.^ "g^S 
über diesen Triumph und hat ihn wohl bis heute noch g^*«^g£*J 
damals stellte sich bei ihr eine Neigung ein, sich se hr ras h in Mai ne. zu 
verlieben und die Objekte ebenso rasch zu wechseln. Jeder Mann erweckte 
SÄS^nd wurde der Ausgangspunkt von Phantasien, die nur halb 

bGWUß Unter e L vielen Männern, die in ihrem Elternhause verkehrten, befand 

«sich auch ein herkulisch starker, aber auffallend häßlicher Mann, der auße i- 

ordentlic h viel Geist und Temperament zeigte, den sie vielleicht am meisten 

^ den Männern liebte, die ihr begegnet waren. Dieser Mann der ^ eine her 

vorragende Stellung bekleidete, hielt auch um ihre Hand an ^ Sie «bat ^ der 

Form halber einige Tage Bedenkzeit, war aber entschlossen, die WeiDung 

^ünehu en Da n achte sich ihre Schwester über diesen Mann lustig, auch 

•^Vate ließ eine Bemerkung über seine Gestalt fallen. Das bewog ; sie, dem 

geliebten Manne abzuschreiben. Sie fürchtete das Urteil der Umgebung und 

<nb immer sehr viel darauf, „was die Leute sagen • • • . . 

gab immer seh i ; ^ gie hatto ch mitt lerweile en 

Dutzend Mate verliebt Da leimte sie ihren Mann kennen, der kurz vorher seine 
vStalg nutzer Künstlerin gelöst hatte. Er warb um f* Hand erb* 
mr Jawort Für ihn sprach in erster Linie der Verstand. Die Liebe *ai 
nicht größer als bei anderen „Eintagsfliegen . 

Sie erkannte bald, daß sie maßlos eifersüchtig war Sie hatte «ch selbst 

StaM* mit ende,™ Frauen **m**£2?£?£32 
Tätigkeit beschränken, wegen welcher s>e ohned = mal o .«. «W™£ 
daß er gar keine Rücksicht nut ihre Nerven nahm. Tiotadom ging 

MCh rt*^i^-^£U Krankheit ein, die sie 
„oJangl Krankenbett fesselte und. sie dann für Monate ans dem 



Der Wille zur Uulust. 



199 



Hause verbannte. Sie mußte wegen ihrer schwachen Lunge nach dem Süden, 
wo sie auf Liegestühlen in der Sonne die Tage verträumte. Wie so oft nach 
eiijier langen Krankheit, gewannen auch hier die Phantasien die Übermacht 
über die Realität. Sie malte sich grausam' aus, wie ihr Mann in der Großstadt 
dem Vergnügen nachging, wie er sie betrog, während sie in der Ferne genesen 
sollte. Sie füllte sich langsam mit Groll und Rachegedanken. Ihre unbe- 
friedigte Sexualität, die nach dem verschmähten, starken (häßlichen) Manne 
schrie, der ihr der Typus der tierischen Sinnlichkeit wurde, vor der sie ver- 
geblich fliehen wollte, drang immer bewußter in ihre Gedanken. Sie kam 
genesen nach Hause und nahm eich vor, bei ihrem Manne kalt 
zu bleiben. Er sollte sie nie mehr in Erregung bringen, 
da er sie ja nicht achtete und nur als Note'rsatz m i ß- 
b r anchte ! 

Seit der Rückkehr war sie nun unästhetisch. Sie bediente sich erst 
kleiner Kunstgriffe, um nicht, in Erregung zu kommen. Sie stellte sich den 
Mann vor, wie er ihrer Freundin den Hof machte, wie. er seine frühere Braut 
besuchte, und brachte es zuwege, daß sie ganz kalt blieb. Bald aber traten 
Schmerzen statt des Orgasmus auf. Der Frauenarzt legte ihr Beschrän- 
kungen im Verkehre auf. die sie ihrem Manne sofort mitteilte. Vor und nach 
der Periode wurden Abstinenzwochen eingeschoben, sie war immer glücklich, 
wenn sie sich ihren Verpflichtungen entziehen konnte. 

Dafür trat in ihrem Leben ein Ereignis auf, das sie sehr erschreckte. 
öle merkte mit. einem Male, daß sie in ihren Hausarzt verliebt war und daß 
sie eine übermächtige Gewalt zwang, auf seine Hosen zu blicken. Sie trennte 
sich von dem liehgewordenen, tüchtigen Arzte und erlebte bald, daß sie sich 
in seinen Nachfolger verliebte. Sie liebte innerhalb dreier Jahre fast zehn 
Manner, immer einen nach dem andereil, nie zwei zugleich. Immer aus der 

uSSL SSE ,K>he, ' rscht *» der Zwangsvorstellung, auf die Hoseri ihres 
Ideales blicken zu müssen. 

Di«; Man«* dieses Blickes war nicht schwer. Sie liebte noch immer 
den häßlichen Mann dessen Membrum sie durch die dünnen Sommerhosen 
beim Tcnnisspiel hatte sehen können. Einmal glaubte sie sogar während 
des Rudern.* eine Erregung des Gliedes beobachtet zu haben. Schon als Kind 
hatte sie einmal das Glied eines Hengstes maßlos erschreckt und die Vorstel- 
lung, von einem großen Gliede aufgespießt zu werden, hatte für sie etwas 
Schauriges und zugleich etwas unsagbar Wonniges. Während einer Ko- 
habitation zu sterben, wäre ihr ein Hochgenuß! Schmerzen und Lust zu einer 
Einheit verbinden und für immer entschlafen. 

Die Heilung der Dyspareunie war leichter, als ich geglaubt hatte. Sie 
sah bald ein, daß sie ihrem Manne unrecht getan hatte, sie korrigierte ihre 
Wahnvorstellungen und lenkte sich während des Verkehres nicht mehr ab. Im 
Gegenteil ! Sie w o 1 1 1 e wieder empfinden und brachte es zuwege, wieder zu 
empfinden. Die verschiedenen Schmerzen beim Koitus klangen ab und ver- 
schwanden bald. Die Zwangsvorstellung verlor allmählich ihren quälenden 
Charakter. Es war ihr nur darum zu tun, daß sie nicht durchschaut werde, daß 
kein Mann diesen Blick merke. Sie konnte bald wieder in Gesellschaft gehen 
und Gesellschaften bei sich empfangen. Hie und da versuchte die Zwangs- 
vorstellung von ihr Besitz zu ergreifen, sie wehrte sich wacker und blieb 
gesund. 

Infantile Wurzeln dieser Neurose waren in der dreimonatlichen Analyse 
nicht zu finden. Der Heilerfolg trat allmählich ein und blieb bestehen. Es 



200 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



sind vier Jahre seit der Analyse vergangen. Die Schmerzen benr, i Koitus sind 
geschwunden, der Orgasmus fehlt fast nie, die Zwangsvorstellung hat sich m 
eine kommune Neugierde verwandelt, der jeder qualende, lastige, zwanghafte 

Charakter fehlt. , , . , , 

In diesem Falle hatte sich der Schmerz erst allmählich entwickelt, 
trat nach dem Koitus oder an Stelle des Orgasmus auf. Mitunter ver- 
hindert der Schmerz schon die Kohabitation und verhindert wie der 
Vaginismus die Ausführung des Kongressus. 

Einen sehr lehrreichen Fall veröffentlicht Dr. 8. A. Tannenbaum 
im „Zentralblatt für Psychoanalyse" („Über einen durch Psychoanalyse- 
geheilten Fall von Dyspareunie'"). 

Ich lasse ihn in gekürzter Form folgen: 

Fall Nr. 66. Frau S.S., 23 Jahre alt, Jüdin aus Rußland, verheiratet, 
kinderlos, sympathisches, anziehendes Äußeres, kräftig gebaut, von gesunder 
Konstitution, besuchte mich im April 1911 in Begleitung ihres Mannes und 
klagte über häufige Anfälle von Abdominalschmerz, über hartnackige Obsti- 
pation, Sehmerz im Rektum, große Reiz- und Erregbarkeit, unangenehme 
Träume, plötzliches Erwachen aus dem Schlafe, Furcht vor dem Alleinsein zu. 
Hause, Depression, Selbstmordideen, sowie über intensive Schmerzen von- 
bohrendem, stechendem Charakter beim Koitus. Vor 3 Monaten Abortus, 
nach welchem sie kurettiert wurde. Den Schmerz während des Koitus ver- 
spürte sie beim ersten Koitusversuch nach dem Kurettement, 

Sie ist in Rußland geboren und ist in ihrem 6. Lebensjahre nach den 
Vereinigten Staaten gekommen. Menses mit 11 Jahren. Aus der Volksschule 
im 14. Jahre entlassen, besuchte sie noch ein Jahr hindurch eine höhere Schule. 
Dann arbeitete sie in verschiedenen „Jobs"; heiratete im Sommer 1910. Drei 
Monate nachher Abortus. Einige Wochen nach dem Abortus wurde sie eines 
Nachts plötzlich sexuell erregt, und als sie einen Koitus ver- 
suchte, verspürte sie einen derartig -heftigen Schmerz, 
daß sie ohnmächtig wurde. Seit dieser Zeit litt sie an heftigen 
Schmerzen bei jedem Koitusversuche. , _ 

Bei der nächsten Sitzung fügte die Patientin hinzu, daß sie bereite vor 
zwei Jahren einen Ohnmachtsanfall erlitten hatte, als ihre Mutter anlaßlich 
einer Operation in ein Krankenhaus überführt werden mußte. Eine Woche 
später wurde sie mit ihrem jetzigen Manne bekannt; nach -einem Monat 
erfolgte die Verlobung. In der Folge mußte sie einige Monate hindurch 
sämtliche häusliche Arbeiten verrichten, sowie ihre kleinen Geschwister be- 
aufsichtigen. Im April 1910 war ihre Herzensfreundin gestorben. Sie erkrankte 
damals litt an Selbstmordideen und stieß zeitweise unverständliche Laute aus. 
Während des Spitalsaufenthaltes ihrer Mutter badete sie dreimal die Oe- 
schwister und hatte jedesmal einen Ohnmachtsanfall, während desselben gab 
sie mehrmals unverständliche, hysterische Laute von sich. Schließlich sei sie 
derart herabgekommen, daß sie im Juni für mehrere Wochen aufs Land ge- 
schickt werden mußte. Einige Monate später heiratete sie und fühlte sich wohl 
bis zur erwähnten Fehlgeburt. Während der Trauungszeremonie war sie ohn- 
mächtig geworden. Patientin leugnete, jemals Masturbation getrieben zu haben. 
Will auch keine Kenntnis von sexuellen Dingen vor der Hochzeit gehabt haben, 
hatte auch keine infantilen Erlebnisse. Sie behauptet auch weiterhin, nichts 
von sexuellen Dingen zu wissen, sowie männliche Geschlechtsteile weder früher 



Der Wille zur Unlust. 



201 



noch jetzt gesehen oder berührt zu haben, da schon der bloße Gedanke daran 
Ekel in ihr hervorrufe. Sie erklärte, beschlossen zu haben, keine Kinder zu 
gebaren; schon aus materiellen Gründen, da ihr Mann ein armer Arbeiter sei 
Jiner wurde sie sterben wollen, denn schwanger werden. Post coitum condo- 
matum macht sie immer Lysolspülungen, sogar nach einem mißglückten 
Versuche. 

Während der nächsten Sitzung erzählt Patientin folgenden Traum den 
sie angeblich einen Tag vor ihrem ersten Besuche bei mir geträumt hatte, und 
der einen tiefen Eindruck auf sie machte: 

Ich liege am Sofa und lese in einem Buche. Plötzlich erscheint 
vor mir Frau R. (meine verstorbene Freundin) im halbzerrissenen Leichen- 
tuch. Ihr Gesicht, ist zur Hälfte in Fäulnis übergegangen. Nase* und 
Augen fehlen. Ihr Äußeres hatte alle jene Kennzeichen der Veränderungen 
aufgewiesen die meiner Meinung nach entsprechend dem Zeiträume 
des Todes bei ihr stattfinden müßten. Ich war sehr erschrocken. Sie 
sah mich an und sagte mir zweimal „spring, spring", worauf ich zweimal 
sehr hoch gesprungen bin. Dann lief ich in mein Schlafzimmer hinein. 
Ich zerlegte den Traum in mehrere Teile und ersuchte sie, mir alle 
bedanken, die als Assoziation zu den einzelnen Bruchstücken auftauchen 
wurden mitzuteilen. Auf diese Weise förderte ich wichtiges Material zutage. 
FirnnJ fn » he8te n Erinnerungen reichen bis in das 3. Lebensjahr zurück. 

zwTvLi S1 M- T 1 kl6 i neQ Bl * uder an einem Seeufer und beobachtete 

4 1 \h<^ i T 1 ' deren Genitalien sie ungemein faszinierten. In ihrem 

ÄÄa ™t einem kleinen Mädchen „Doktor und Patientin", 
Rasen I tl , ^ dl6 Doktorrolle übernahm. Sie legte sich auf den 
un^ ieß ihn 1 r n "?? &"£"«*> der *™" Thermometer vorstellte, 
StS^ÄÄ 1 *^ ^J*«»* hinein. Die kleine Patientin sprang 

4-5 Se zu Be Z \ ^ Tl ***** blutend ZU ihrer Mutter - Sie »HS 

4 5 läge zu Bette liegen und hatte große Schmerzen, sowie auch Harn- 
beschwerden. Da das Klosett etwas entlegen war, so hatte sie ö ters aus 
Bequemlichkeit, um den Gang zu ersparen, den Urin zurückgehalten was Ihr 
Lustgefühle verursachte. Zu jener Zeit war sie sehr eitel und pflegte öfters, vor 
dem Spiegel stehend ihr schönes Haar zu bewundern und fühlte dabei jedesmal 
einen Beiz in der Vagina. Gleichzeitig hatte sie den Drang, an der Scheide 
zu manipulieren. Nach dem Harnlassen verschwanden diese Gefühle Sie 
pflegte beim Einschlafen die Hände wie zum Gebet gefaltet zwischen den 
Oberschenkeln zu halten. 

In der Schule war sie ein Wildfang im wahren Sinne des Wortes und 
spielte ihren Lehrern allerlei üble Streiche. In ihrem 8. Lebensjahre verlor sie 
das Interesse für Mädchengesellschaften. Nach Beendigung der Volksschule 
kam sie in eine höhere Schule, von der sie jedoch nach einem Jahre Abschied 
nehmen mußte, nachdem sie einem Lehrer einen mit Gummi bestrichenen 
Zettel auf seinen Kahlkopf geklebt hatte. Diesem consilium abeundi schreibt 
die Patientin ihr. Mißgeschick im Leben zu, da sie dadurch an ihrer weiteren 
Ausbildung und dem Ergreifen des Berufes einer Schauspielerin gehindert 
worden ist. Als sie 10 Jahre alt war und einmal vor einer Geschäftsanlage 
stand, trat an sie eines Tages ein italienischer Arbeiter heran, knöpfte schnell 
die Hose auf und zog dann einen „schrecklich langen" Penis hervor welchen 
er bis an ihr Gesicht führte und ihr „komm mit" zurief. Erschrocken rannte 
sie weg. Ungefähr 3 Monate später passierte ihr wieder etwas Ähnliches 



202 Die Geschlechtskälte der Frau. 

Unterricht. Hotz aes vviueibuai 14 Jahren wurde sie für 

Jahre ohne Wissen der Eltern fort befreundeten Madchen . 

s e daß das\bdomen einer Frau geöffnet werden müßte, um ein Kind auf 
dte AVe t br ngen zu können. Auf diesen Gedanken sei sie gekommen, wie* 
tlsmal nach einer Geburt Blut gesehen habe. Ungefähr um die» Z eit tenrte 
' sie C H kennen, den sie liebgewann und mit dem sie trotz großen Wider 
stondes Threr Eltern 4 Jahre zusammen gelebt hatte. H. war ein sympathische. 
eSer Men ch, .-hr gut und unschuldig". Er wurde später Advokat. Nachdem 
e die Bühnenkarriere aufgegeben hatte, ™^» m "™^%£^ 
Warengeschäfte. Nach kurzer Zeit aber verursachte ihr "*£***^ 
lebhaften Verdruß. Ihr Chef erlaubte sich ihr gegenüber „kleine *. ie » hei ™ 
aller Art und als er sie eines Tages verführen wollte, verließ sie ihm Bald 

2?5 der Folgezeit große Freundschaft verbunden hat, fiel ihr langes Au>- 
sie in der jjoigw s nachschauen, ob ihr nichts zuge- 

nti sei Ä^t'lperrt war, kletterte sie über den Quer- 
eine Hausdame benotigto hie wies aie & e ii « b • älteren 

sei, haben sie sie nicht im geringsten belastigt. 



Der Wille zur Unlust 



208 



Hier müssen wir etwas .zurückgreifen. Mit 17 Jahren, kurz bevor sie 
mit R.F. bekannt geworden sei, ging sie einmal in Begleitung eines älteren 
Herrn, mit welchem sie in ein Gespräch über Ibsen vertieft war, über eine 
Brücke. Plötzlich umarmte sie der Mann und gab ihr einen Kuß. „In dem 
Momente," erzählte sie, „entdeckte ich, was Liebe ist. Ich wurde ganz weiß und 
rot im Gesicht und fühlte ein Kitzeln in meinen Schamteilen, als hätte ich sie 
berührt.'" Sie wies die Zutraulichkeiten des Mannes empört zurück und ging 
nach Hause. Folgende Nacht habe sie sehr unruhig verbracht und konnte 
überhaupt nicht einschlafen. Endlich fiel sie in einen Halbschlaf, aus dem sie 
ein Gefühl von Nässe und Kitzeln in der Vagina, ähnlich, wie sie es bei Tag 
verspürt hatte, dreimal weckte. „Auf einmal verstand ich," sagte sie. 
„warum Frauen heiraten". Am nächsten Tage schilderte sie einer Frau ihre 
Empfindungen und wollte von ihr' erfahren, ob das dasselbe war, was man 
während des Koitus empfindet. In der Folgezeit masturbierte sie nachts öfters. 
Ihr Mißgeschick wollte es, daß diese verheiratete Frau sie auch über die Art 
und Weise aufgeklärt habe, wie man es erkennt, ob ein Mann leidenschaftlich 
sei oder nicht, und so begann sie in bezug auf diesen Punkt jeden Mann, mit 
dem sie zusammengetroffen sei, zu beobachten. Sie gestand, sie sei derart 
leidenschaftlich geworden, daß, sobald ein Mann sie' beruh rte oder sogar nur 
über Literatur oder Kunst mit ihr sprach, sie sogleich einen Orgasmus hatte. 
Wie vorauszusehen war, hat R. F., als Künstler von hohor Kultur, ein 
Weltmann und edel zugleich, der auch die Kunst des Lebens verstanden hat, 
ihre Leidenschaftlichkeit aufs höchste gesteigert, „er versetzte ihr Blut in helles 
-teuer Auch er wurde seinerseits seines Einflusses auf sie gewahr und „schien 
Beine Lust zu haben, mit ihr über Tennyson, Browning, Liebe etc. zu sprechen 
«nid zuzuschauen, wie sie errötete und ihre Augen wollüstig glänzten". Wäh- 
lenci solcher Gespräche hatte sie einen „Orgasmus" nach dem anderen, und 

S™ 2 S L Tf;"! 38 Wort g ab > ™ mehr- derartige Gespräche zu führen, 
wurden all ihre Entschluß zunichte, sobald sie mit ihm nur zusammenkam. 
KI pflegte sie ins Iheater, auf Automobilausflüge etc. mitzunehmen und 
durch seine Verm.ttlung hatte sie freien Eintritt in die Oper bekommen. Wäh- 
rend d.eser ganzen Zeit hing sie zärtlich am „unschuldigen" H„ der keine 
Ahnung von ihren \erbindungen hatte, auch davon nicht, auf welche Weise 
sie den Lebensunterhalt bestritt. Sogar ihrd Eltern waren der Meinung, sie sei 
in irgend einem Geschäfte angestellt. Sie manövrierte so, daß die beiden,' H. und 
R. F., nie zusammentrafen, obwohl letzterer sie öfters als „Freund" besuchte. 
Während der ganzen Zeit litt sie an Schlaflosigkeit und schrecklichen Träumen! 
Eines Tages sei H. auf einer Bank im Zentralpark gesessen, und als er vom 
Buche, das er gelesen, emporgeschaut hat, trafen sich ihre Blicke, als sie in 
Begleitung von R. F. im Auto gerade an ihm vorbeifuhr. Sie bat R. F., anzu- 
halten, er lehnte es aber ab. Einige Tage später besuchte sie H.. hat aber mit 
keinem Worte das Vorgefallene erwähnt; sie war auch zu „stolz", das Thema 
zu berühren; H. verabschiedete sich bald -— um nimmer wiederzukommen. 
Darüber brach ihr Herz und sie wurde krank. H. hat New-York verlassen, um 
nach dem Westen zu gehen. Sie hat zwar seine Adresse erfahren und an ihn 
geschrieben — ohne jedoch eine Antwort zu bekommen. 

Hier müssen wir den Faden der Erzählung, die wir oben unterbrochen 
haben, wieder aufnehmen. Nachdem sie eine Zeitlang Modell gesessen ist, wurde 
ihr von einem Akademiker, der sich ihrer annahm, nahegelegt, diesen Beruf 
aufzugeben. Wenn sie momentan auch nur für Kopf- und Händestudien saß, 
würde sie später gezwungen sein, zu immer größeren und schließlich zu vollen 



Die Geschlechtskälte der Frau. 
204 

Aktstudien ,u «L Ms ^ ££&££ f S— 

TÄSÄ^^ ein Kokamist; „er versuchte immer 

£ Hm inscLen in nfeine Bücher meine Brüste zu fassen *££*«*£** 
er seine Hand in meine Matrosenbluse hinein. Ich mußte "*2»^*£2 
gekniffen zu werden, bloß um meinen Posten nicht zu verlieren Eines läge» 
trieb er sein Spiel soweit, daß er mich roh ergriff, auf seinen Schoß war und 
an ml Genitale zu kommen versuchte. Ähnliche Szenen ™**ffi**% 
Laufe einiger Monate mehrmals und machten mich zum Wiack . Zu je mei 
Zeit verließ R F New-York, um nach Japan zu gehen Ein giausame, 
Geschck wollfe es daß er vor seiner Reise ein Abschiedsdiner für einige 
fener Freunde darunter unsere Patientin, gab. Nach dem Diner begleiteten 
ralleurBahn wobei sie neben ihm ging. Er nutzte die so .gute Gelegenhei 
ins und "ud sie ein den Zug nach Albany*) zu benützen und dort eine Krt* 
Teinem Hotel m^ihm zusammen zu verbringen. Diesen Antrag hatte sie mit 
Fntr s unV zurückgewiesen und ihn sofort verlassen, von dem unangenehmen 
g£taK daß er gleich allen Mä.nern war -™*£*Z£ 

W* & tTzu^Ä^ 

Sr SzeVentwickelte sich bei ihr eine typische ^^^^ 
mußte sich damals einer Gallensteinoperation unterziehen. Die ganze l^astaes 
HaushalS wu™e nun auf sie gewälzt. Damals auch kamen der »Ohnmach ts- 

*) Eine Stadt hei New-York. 



Der Wille zur Unlust. 205 

Zeremonie fiel sie in Ohnmacht, Beim dritten Koitus, ungefähr eine Woche 
nach der Verheiratung, fühlte sie plötzlich ein Sausen in den Ohren, ein 
• Schleier legte sich vor ihre Augen, sie bekam Herzklopfen, ein Gefühl von 
Wärme durchströmte ihren ganzen Körper und sie wurde ohnmächtig. Die 
ganze Zeit über hatte sie keine Beschwerden beim Koitus, bis wieder bei der 
ersten Kohabitation nach dem Abortus. Trotz aller Vorsichtsmaßregeln gegen 
eine Konzeption blieb bei ihr die Periode aus und sie begann über ihren Zu- 
stand vor sich hinzubrüten. Sie dachte über die Möglichkeiten, einen Abortus 
herbeizuführen, nach. Sie gestand zögernd, daß sie eines Morgens auf einem 
Klaviersessel gestanden und eifrig mit dem Abstauben eines Bildes, „Beet- 
hovens Mondscheinsonate", beschäftigt war. Auf diesem fiel ihr die Ähnlich- 
keit einer Person mit R. F. auf, als sie plötzlich impulsiv der Gedanke, 
„herunterzuspringen", ergriffen hatte. Gedacht, getan. Das Nachthemd, das 
sie damals an hatte, war ziemlich lang, und als sie einen „wirklich großen 
Sprung" machen wollte, fiel sie zu Boden. Einige. Tage später hatte sie zu 
bluten begonnen. Sie beschloß, nie mehr zu springen. Ein Arzt wurde geholt, 
konnte aber die Blutung nicht stillen. Am dritten Tage wurde ich gerufen und 
habe ein Kurettement vorgenommen. Es waren keine Zeichen einer Schwanger- 
schaft vorhanden. Vier Monate später verspürte sie plötzlich beim ersten 
Koitusversuche einen derartig heftigen Schmerz ad ostium vaginae, daß sie 
ihren Mann, trotz ihrer großen Libido, wobei sie ihn gezwickt und gebissen 
hatte, mit ihrer ganzen Kraft weggestoßen und zu schreien begonnen hatte. 

Während der acht Wochen, während welcher sie öfters in meine Kon- 
sultationsstunde gekommen war, habe ich noch folgendes erfahren: Eine ihrer 
liebsten Freundinnen (Frau R, vom Traume) hatte eine schmerzvolle Ent- 
täuschung in der Liebe erlebt und mußte später einen Grobschmied heiraten. 
Nach einem qualvollen, zerrütteten Leben in großer Armut ist sie an Kehl- 
kopfkrebs, zwei Kinder hinterlassend, gestorben. Eine andere Freundin hatte 
auch einen Mann, den sie nicht liebte, geheiratet, um ihn nach einem Jahre 
unerquicklichen Zusammenlebens zu verlassen, weil sie, wie sie sich aus- 
drückte „so glücklich war, noch nicht schwanger geworden zu sein". Die Leiden 
ihrer Mutter,' sowie anderer Verwandten im Wochenbett haben sich lebhaft in 
ihr Gedächtnis eingeprägt. Sie gestand, daß sie den im fernen Westen weilen- 
den H. weiter liebte, obschon er einen Fuß bei einem Eisenbahnunfall verloren 
hat, und würde er zurückkehren, dann glaubt sie, sie werde der Versuchung 
nicht widerstehen können, ihren Mann seinetwegen zu verlassen — selbst- 
verständlich, wenn sich der erste sie wieder aufzunehmen geneigt zeigen 
würde. Auch erinnert sich Patientin, wie peinlich es sie berührte, als sie 
beim Verbandwechsel der Mutter herabhängende schlaffe Brüste und deren 
Hängebauch, alles Folgen der vielen Geburten, gesehen hat. 

Jetzt war alles klar. Ihr intensiver Schmerz beim Koitus war der Aus- 
druck einer Art hysterischer Abwehr, die ßich folgendermaßen entwickelte: 
Sie heiratete einen ungeliebten Mann; ihr Geliebter hatte sie verlassen; 6ie 
hoffte (unbewußt), daß er zurückkommen werde; 6ie war zu arm, um 6ich 
die Ausgaben, die mit Mutterschaft und Kindererziehung verbunden sind, zu 
erlauben; sie war zu eitel, um ihre Schönheit durch das Nähren von Kindern 
auf das Spiel zu setzen; sie verlor noch immer nicht die Hoffnung, eines Tages 
wieder auf der Bühne auftreten zu können, und dann würde die Mutterschaft 
ihr den Weg zur Erfüllung dieser Sehnsucht verschließen. Schließlich würde 
die Erziehung eines Kindes soviel Geld verschlingen, daß es ihrem Manne 
dann unmöglich wäre, seine Studien zur Erlangung eines Rechtsanwaltstitek, 



-ii, ' Die üeschlechtskälte der Frau. 

di e e, ohnehin ^^^^tT^Ä^^ . 

nun hat sie zum erstenmal ef^^^^SS^d zeitweilig 
B^JBW^^ seitens einer 

V " 7U besinnen Mit Hilfe von anderen Träumen brachte ich noch fol- 

gek °TeH Bftte Verheiratung rief der Anblick de« Penis Ekel in ihr hervor 

lösten bei ihr Brechreiz aus. Jeder, der Sie so sprechen horte und ihr Mienen 
"abei sah, konnte absolut an der Intensität *£ ™*£%££ 
zweifeln. Über den Phallus sprechend, sagte sie: „Ei ist ^ einer bcn ang . 

sogar macht die Frau zur. Sklavm etc. etc. 

Während sie mir sonst nie gestehen sollte, daß sie u i üei ^ 
heit einen Phallus gesehen hatte und mir zornig zumL ^ ™ Q toL 
ich vor meiner Verheiratung nichte geseh « haba Wo » tag. ^ 
Tr-V. hahß Ihnen mein ganzes Leben mit scnranKeniubci ,y"^ r> QQT1 +_ 

«d Funken sprühenden Augen gmr « »my» ^TL diese Frage 
Schließlieh drohte sie, ihre Besuche bei ™" ^^Tbrobung nicht aus und 
nicht -»«assen werde. ^^^^Z^A U> Handeln 
besuchte noch werter AI ich *r g ^ e 

Ä S ni'cU Ä* *-» * ^^ * "^ *» 






Der Wille zur Unlust. 



207 



habe so. nur deswegen gehandelt, um zu sehen, ob sie mich hinter das Licht 
werde führen können 1 '. Ich habe sie aber solange und beharrlich ins Kreuz- 
verhör genommen, bis icli von ihr einige Andeutungen über ein unangenehmes 
Erlebnis mit einem Manne — einem Künstler, mit dem sie aus Anlaß eines 
Arbeitsangebotes zusammengekommen sei, herausbekommen habe. Eines 
Nachmittags ließ sie einige Worte ihrem Munde entschlüpfen, die mir den 
Schlüssel zur ganzen Situation gegeben haben. Sie behauptet«, unter keiner 
Bedingung mir das Geheimnis ihres Erlebnisses enthüllen zu wollen, auch 
wenn sie nicht geheilt würde, da ihre Erfahrung mit C. 6ehr schmerzlich 
gewesen sei. 

Sie ward nicht gewahr, daß ihr der Vorname des Mannes entschlüpft 
war. Da es kein alltäglicher Name war, habe ich mit Hilfe des Telephonbuches 
auch seinen Zunamen erfahren. Während des nächsten Besuches forderte ich 
sie auf, mir nähere Angaben über ihre Bekanntschaft mit M. C. zu machen. 
Sie äußerte nicht die geringste Verwunderung, als sie von mir den vollen 
Namen hörte, ein Zeichen dafür, daß die Erwähnung des Namens mit un- 
bewußter Absicht erfolgte. Sie weigerte sich, die Begebenheit zu erzählen 
und begann etwas zu summen, gleichzeitig mit den Fingern auf dem Tische 
dazu den Takt trommelnd. Als ich sie fragte, was es für eine Melodie sei, 
wurde sie sehr erzürnt. Schließlich, nach einer Weile leeren Schwatzens, wäh- 
rend dessen sie Mut schöpfte, sagte sie, daß es ein Musikstück sei, welches ihr 
von M. C. an einem Februarnachmittag 1910 vorgespielt würde. Nun habe ich 
von folgender Begebenheit erfahren. Als sie einmal eine Zeitlang postenlos 
war, habe sie eines 'Tages von einem Bildhauer einen Brief bekommen, worin 
er sie zum Besuche seines Ateliers behufs einer Arbeit eingeladen hat, Sie 
ergriff gerne die Gelegenheit, einige Dollars zu verdienen, und ging an den 
angegebenen Ort. Sie hörte früher bereits von diesem Manne und alle 
Modellmädchen lobten ihn sehr. Das Atelier befand sich am Gipfel einer dicht 
bewaldeten Anhöhe in einsamer Gegend, nahe der Stadt. Als sie das Atelier 
betreten hatte, empfing sie der Künstler sehr freundlich, erzählte ihr, er habe 
eine Skulptur gesehen, deren Arme seine Bewunderung hervorgerufen haben, 
und zu welcher sie als Modell gesessen sein sollte; er würde sich sehr freuen, 
wenn sie ihm einen Abdruck ihrer Hände erlaube, für welches Entgegenkommen 
er ihr einen guten Preis in Aussicht stellte. Sie fühlte, sich sehr geschmeichelt 
.ind war froh, „schnell und leicht" Geld verdienen zu können. Am nächsten 
Tage erschien sie pünktlich, wie sie versprochen hatte, im Atelier. Herr M. C. 
führt« sie im Hause herum, spielte ihr manches vor, und dann gingen sie 
ins Untergeschoß, um am Guß zu arbeiten. Als ihre beiden Arme, die Hände 
inbegriffen, eingegipst waren, schien M. C. plötzlich die Beherrschung über 
seine Sinne verloren zu haben. Hier schreibe ich wörtlich den ganzen Vorgang 
nieder, wie ich ihn von der Patientin zu hören bekommen habe: „Im Räume 
war es sehr warm — es brannte ein Feuer; M. C. trug einen langen Kittel; als 
der Gips zu erstarren begann, spürte ich allmählich ein Brennen in den Armen. 
Plötzlich knöpfte er seinen Kittel auf, dann auch seine Hosen. Ich schrie vor 
Angst auf, wollte aufspringen — konnte mich aber nicht bewegen. Ich be- 
schwor ihn, den Guß herunterzunehmen, mich loszulassen. Ich schrie:, Ich 
werde ohnmächtig, ich erbreche', er aber erwiderte ruhig, er wolle nichts 
Böses . . ., dann zog er seinen Penis hervor und begann mit ihm zu . . . spielen. 
Ich schloß meine Augen, er drohte aber, näher zu kommen, wenn ich ihn nicht 
anschauen würde; ich mußte aus Furcht die Augen wieder öffnen; er setzte 
sich dann auf einen Divan nieder und sprach fortwährend und grinste mich an. 









0f>0 . - Die Gcschlechtskälte der Frau. 

<£Uo 

^ äK£3?»2^i«* also ihren „Ohn^chteschrei^ 
woran ThWhNlr öfters zu leiden hatte, sowie ihren W» dem 
Koitus etc. Während der Trauungszeremonie tauchte in ihr plotelicu aer 
Gedanke an M C. auf und sie fiel in Ohnmacht. Dieses Erlebnis war auch 
mZH säum an ihren „Ohnmaehtsanfällen" während des Baden« , der Km- 
dcr. obzwar die Hauptschuld der Erinnerung an ^**Ä «f gS 
während ihrer Kindheit zugeschrieben werden muß. Gleichzeitig mit diesem 
jS£ der toten, längst begrabenen Erlebnisse" »t sie auch von 

* rer ÄSlÄt. *i#r haben ' teilc ich etaige 

1 Ich befinde mich in meinem Schlafzimmer und da wälzt sich rund 
um mich ein ganzer Knäuel von Schlangen. Mit einem Stocke, deniA« 
Z Hand halte jage ich ihnen nach und versuche sie am Kopfe zu treffen, 
sfe aler An mir höhnisch grinsend aus. Endlich treffe ich sie am 

onanistischen Manipulation. 
Nachtrag Patientin befindet sich seit der Zeit der Analyse, d. i. seit 
drei Art t ausgezeichnetem Gesundheitezustande und sieht in einigen 
Monaten Mutterfreuden entgegen. 

So weit die Analyse des amerikanischen Kollegen. Nun noch einige 
Bemerkungen zu den Träumen. Der erste Traum ist eme Warnung und 
enSt auch eine versteckte Syphilidophobie. Der «rate Traum 
(ScMangentraum) dürfte hauptsächlich die Schlangen als Symbole d 
Sunde und Erfahrung betonen. Auch als phallisches Symbol kommt die 

: S^^^ DaeistanchderShm 

^Dyspareunie. Alle die widrigen Erlebnisse ***&«£«» 

■ Regression ins Infantile durchzusetzen. Die Oname durfte mit sad- 



Der Wille zur Unlust. 



209 



stischen Phantasien verbunden sein, welche vieles verständlich machen 
müßten. Ich halte übrigens die Gipsszene i'ür eine Phantasie. Sie träumt 
offenbar immer von Szenen, bei denen sie eine Gewalt erlebt, die sie zu 
einer Lust zwingt. Ihre Liebesbedingung scheint Vergewaltigung zu sein. 

Einen sehr lehrreichen Beitrag zu dem Problem „Väter und 
Töchter" bietet der nächste Fall. Die Schilderung rührt von der 
Patientin selbst her, die sie in unpersönlichem Tone niederschrieb. Sir 
suchte mich wegen schwerer Depressionen, Lebensüberdruß und der Un- 
fähigkeit, bei der Kohabitation zu empfinden, auf. 

Dieser Fall zeigt uns wieder Schmerzen statt eines Orgasmus und 
klärt über lehrreiche Zusammenhänge zwischen Geld und Liebe auf. 

Fall Nr. 67. Frl. A. S., 34 Jahre alt, leidet seit 4 Jahren an Depressionen. 
Stammt aus ganz armen Verhältnissen, mußte seit frühester Jugend hart 
arbeiten. Vater war ein Despot und wollte ihr auch kein Vergnügen gönnen. 
Einen Hut, den sie. sich einmal selbständig gekauft hatte und der ihm nicht 
gefiel, wurde von ihm sofort in den Ofen gesteckt. Einmal zum Ball angeklebt, 
verbot er ihr hinzugehen, sie mußte sich ausziehen und sofort ins Bett legen. 
Ja, er scheute nicht davor zurück, sie in Gegenwart anderer zu schlagen und 
sie bei den Haaren zu ziehen, wenn sie etwas durchsetzen wollte. Mutter und 
Bruder mußten es büßen, wenn sie ihre Partei ergriffen. Der Vater erklärte, 
ein Recht über seine Kinder zu haben und sie bis zu 30 Jahren prügeln zu 
dürfen. Da sie die Quälereien nicht mehr aushielt, floh sie als löjähriges 
Mädchen zu Verwandten, die sie in Stellung brachten, nach 3 Monaten mußte 
sie aber wogen schwerem Gelenksrheumatismus nach Hause, wo sie wochenlang 
lag. Nun tat zu ihrer freudigen Überraschung der Vater alles,, damit sie 
gesund werde. Kaum gesund, ging der Tanz wieder von neuem los. Was sie 
nicht ahnte, war, daß der Vater sie liebte und alle diese Quälereien nur auf 
seine pathologische Eifersucht zurückzuführen waren. Sie ging deshalb wieder 
als Kinderfräulein in Stellung, blieb aber dort nicht, weil ihr der Herr des 
Hauses nachstellte. Auch als Kellnerin versuchte sie ihr Glück, hielt es aber 
nicht aus, da sie die Zutraulichkeiten und Frechheiten der Herren nicht ver- 
trug.Zu Hause aber wollte sie nicht bleiben, sie beschloß, sich vor der Gewalt 
des Vaters in eine Ehe zu flüchten. Weil sie aber dieUntreue der 
Männer fürchtete, wollte sie nur einen alten Mann 
nehmen. Nun interessierte sich ein 56jähriger reicher Witwer für sie, die 
19jährige, und wollte sie zur Frau; er versprach, sie „wie sein Kind" zu 
halten, nur müsse er erst wissen, ob sie auch physisch zusammenpassen. Nach 
inehrmonatlichem Zureden entschloß sie sich zu einem Versuch mit der Ent- 
schuldigung vor sich, daß so viele Ehen unglücklich seien, weil die Leute eben 
physisch nicht zueinander paßten. Bei dem ersten und einmaligen Verkehr 
empfand sie nurEkel und Widerwillen (und starke Schmerzen) 
und verschob die Heirat. Sie ging wieder in Stellung; inzwischen starb der 
Witwer und sie war glücklieh, vor einer unglücklichen Ehe bewahrt worden zu 
sein. Ein Freund ihres Brotgebers bewarb sich nun um sie; er war Jurist. Da 
er als solcher sie nicht heiraten konnte, ging er als Beamter zur Post. Es 
wurde aber nichts aus dieser Geschichte. Wegen Erkrankung der Mutter mußte 
sie nach Hause und lernte dort auf einem Ball einen 27jährigen Bahnassi- 
stenten kennen, sie verliebten sich sofort leidenschaftlich ineinander, mußten 
sich aber gefaßt machen, da beide arm waren, 4—6 Jahre zu warten. I h r 

Stakel, Störungen des Trieb- und Affektlebens. OT. 5. Aufl. 

14 



Die GesctalechtskÜte der Frau. 



210 

Vater aber verbot ^tfflÄÄ'S 
mit ihm. Sie reiste nun nach 19 m J u «™£ lassen , da sie, obwohl arm, 
Abschied erklärte er ihr, er werde nid,t von £ g-g^ft und Unschuld, 
doch den größten Schatz, d» ein Woib J» ab , Bewußt8 ein, daß sie 

mit in die Ehe brächte. *™^ " lh ^° d £ C Bekannten war sie nur kurz und 
ja ihre Jungfrauschaft «^ **^2j3S Stellen, konnte aber nirgends 
von da versuchte sie es wieder ^ e ™^ c J en ^ re „' sie immer ver.-, 
lange bleiben, „weil die] e we ■ " fc . dem gie inzwisc hen 

E o 1 g t e n". Sie lernte einen Freund des W»J dieser Sollte sie heiraten, 
aus irgend einem Grund f^™^.^'^ ? wahre Grund ihrer Absage 
aber sie erklärte, ihn nicht ^«£^£35 mehr war. Sie nahm 
aber war. auch jetzt wieder ™>^™* ^-sie unmöglich zu bleiben war, 
nun einen Posten ^^^^SweÄne; Sm war Weißnäherin, 
, begann für sie eine Zeit des ™W™?JJ bald war es die Arbeit, die sie 
Schneiderin und überall T«flo3gfcMi **"£££ von Seite der Herren. Sie 
nicht leisten konnte, dann ^^J^Äff^rtuÄ «S» Massage, wofür 
wurde krank und kam in ein Naturheüin Jg^ft "" auch ihr Wunsch, in 
sie sich immer sehr interOssi ert JA nn^damrt ging : ^^ ^ 
Sonne und Luft zu sein, in ErfuU nag. Sie kam ^nun überhaupt noch nie 

eine anno Familie, wo sie sich abei so *oU iuiiite, ^^ 

zuvor. (Die einzige Stelle, wo ^^X^Sert," aber nur für 
brauchte.) Sie hatte sich immer im ^ankenmiege gen , wei l ihr 

diese Art von ^^£!%£g£X die sÄ wo sie sich 
davor graute. Ging ^"/H^wtehrte dann wieder au der ihr so heben 
3 Jahre recht kümmerlich *^ÄSÄiSSrte ■* Massage bekäme. 
Familie zurück Sie *ff^2ÄÄÄ die Schlechtigkeit der Men- 
Sie hatte aber kein Gluck to£*£ffi^ %***. schaffensmüde und 

sehen kennen, * to *™ ^^„««i sitz en ohne auszugehen, nur um 
konnte tagelang in der Wohnung untätig ^ o ^ fuhr 

nicht unter Menschen zu ko mmen . H p f^/^ e 7 W i kungskreis, betrieb Heil- 
in die Heimat, dort ^ «V 1 * ^lk SlXig für ihren häuslichen 
.ymnastik, Massage, sie fand ^ ™^^ behandelte, sehr. aus- 
Kummer. Sie wurde, weil « eigoito ch m^ ^ und t 
genützt, kam dahinter, daß sich reiche Leute Schwestern eine 
behandeln ließen. Nahm deshalb ton £«£*&* gefunden zu haben, 
feste Stelle an, war ganz roh endlich i wicoe h kam . Die eine 
pflegte die Kranke auf opfernd b s dann du > ^ ^ & . % w ^ ^ d ß 
^7o 8 VeU^ g wLe am und C \icht g einen Sklaven wie sie 

machen müßte eigentlich ihre Krankheit, sie hatte an 

Von diesem Jörnen an ^ G1 | hel . ausbri ngen, sie konnte nicht 
nichts mehr Freude, konnte kein ^ e y ut gie Beobachtungen an und 

essen, so daß sie total *«^£e S Ä rU Frau wegen eines ehe- 
sah, daß im Hause ein Millionär JWM« J* . Prall mac hte. Obwohl sie 
maiigen Modells ^spn-hatte^M^u «• Mmionarst , au rait deJ 

einen schlechten Ruf ■ ^ oß 'J^JX<*te sie: Nur das Geld werde im 
größten Hochachtung entgegen. D * ™^ bl werden nicht anerkannt, so daß 
Leben geschätzt, Anfopferung nn^enntowe^er hab 

sie nach den Begriffen der M ^ ch ^ r ^Xhetenliebe erfüllt und kannte 
W eil sie arm geblieben sei. S « ^ 1 ^ r ^.^ in ihr alles erschüttert worden, 
nichts. Schöneres, als andern zu heuen, 



Der Wille zur Unlust. 



211 



sie wurde verbittert, Ihre hohe Auffassung von der Liebe schwand auch, weil 
sie sich sagte, daß die Männer nicht in das Herz einer Frau sehen, sondern 
einfach durch das Äußere verführt würden, und je koketter und gefallsüchtiger 
eine Frau sei, desto mehr fliegen ihr die Männer zu. Der Geschlechtstrieb der 
Menschen ist es, dem sie unterworfen sind und der ihren Geist verwirre. Sie 
dachte, mit ihrer großen Aufopferung für ihre Kranken, mit ihrer reinen 
Gesinnung habe sie es nicht weiter gebracht, als daß man sie nur wie einen 
bezahlten Sklaven behandle, und man also ganz anders sein müsse, falscher 
and gefallsüchtiger, um sich ein Glück in dieser Welt zu erringen. Empörend 
fand sie es, daß eine Pflegerin, die sich mit einem Mann einläßt, verachtet 
wird, wenn es bekannt wird, während eine reiche Frau offenkundig Verhält- 
nisse haben könne und man ihr weiter mit der größten Hochachtung entgegen- 
käme, daß sich alles vor der Macht des M a m m o n s beuge. Sie wurde 
in ihrem Glauben nur bestärkt, als sie hintereinander in mehreren Kriegs- 
gewinnerhäusern tätig war, sie findet es furchtbar demütigend, daß sie den 
auf solche Weise reich gewordenen Menschen den bezahlten Sklaven abgeben 
müsse. Bei der geringsten Handlung ihr oder den Dienstboten gegenüber, die 
von Herzlosigkeit zeigt, bekommt sie Herzweh und ist nur mit größter An- 
strengung imstande, ihren Pflichten nachzukommen. Ihre Angst vor einer 
neuen Stelle ist eine derartige, daß sie oft nicht imstande ist, sie anzutreten 
und dann von ihrem mühsam ersparten Geld zehrt. Um der Sklaverei 
zu entrinnen, knüpfte sie vor zwei Jahren mit einem 
60 ja lirigen, sehr gut erhaltenen, rüstigen Ingenieur 
ein Verhältnis an, der ihr versprach, ein guter Gatte 
zu sein. Sie konnte denMann ganz gut leiden, aberbeim 
Verkehr hatte sie nie eineEmpfindung, nur Schmerzen. 
Als sie entdeckte, daß er auch mit andern Frauen Verhältnisse hatte, löste sie 
die Beziehungen. Sie hatte nun wieder eine Enttäuschung erlebt, weil sie 
jahrelang allem entsagt hatte, um eines Mannes würdig zu sein und nun einem 
Lügner in die Hände gefallen war. Fürchtet sich vor der Heirat, weil sie nicht 
mehr imstande wäre, eine Enttäuschung in der Ehe mitzumachen. Ihr Glaube 
an die Menschheit ist so zerstört worden, daß sie an allem zweifelt und nur 
überall Lüge und Verstellung sieht. Sie war früher sehr fromm und gläubig, 
wurde aber durch die Schlechtigkeiten der Menschen auch an Gott irre, worüber 
sie furchtbar unglücklich ist. Sie kann heute durch nichts mehr aufgeheitert 
werden, kein gutes Wort erfreut sie und bei der besten Verpflegung kommt sie 
körperlich herunter. Sieht sie auf der Gasse alte Bettler, so ist sie namenlos 
traurig und bringt keinen Bissen hinunter. 

Alles dreht sich bei ihr um die Vorstellung: Ist der Mensch reich oder 
arm? Warum bin ich arm? Warum haben es die reichen Leute besser auf der 
Welt. 

Hat nie onaniert und weiß nicht, wie die Glücksempfindung ist, welche 
die Menschen als Liebe bezeichnen, da sie bei den geschlechtlichen Akten nur 
Ekel und Schmerzen empfunden hatte. Der .Ingenieur war sehr potent und sehr 
bedürftig. Er wollte immer mehr von ihr, als sie ihm geben konnte. Warum 
hatte sie nie eine Empfindung dabei? 

Hier schließt ihre interessante Lebensbeichte. Der Kundige er- 
kennt sofort die starke Fixation an den Vater. Zweimal wühlte sie 
ältere Männer, imagines des Vaters, bei denen sie infolge der inneren 

14* 



Die Geschlechtskälte der Frau. 

Hemmung ästhetisch blieb. War doch jeder dieser Männer für sie der 
Vater war doch jeder Koitus ein Inzest! 1 ) 

Der Fall ist deshalb besonders interessant, weil er uns die Zusan,- 

menhange zwischen Geld nnd Liebe zeigt. Geld bedeutet .m den 

T änmen häufig Liebe und spielt in den Symbolhandlungen der Neo- 

"L gLche Rolle, unsere Kranke beneidet alle Menschen um dm 

mbe Sic ist am Leben verzweifelt, weil es ungerecht den ernennt 

Liebe überhäuft, den anderen liebesarm durchs Leben lauf« laßt Ihre 

Anästhesie hängt auch mit dem Umstände zusammen daß «c als 

frommes, hockmoraliselies Mädchen sich zu emem i^MteM 

verleiten ließ. In der Ehe wäre s.e wahrscheinlich zum ü.gasmu. 

Sek0 'Terner ersehen wir aus den, Fall, daß der strenge, harte Vater 
die Kinder ebenso bindet, wie der allzu zärtliche. Sie fühlte offenbar 
hinter seiner Strenge seine Liebe, hinter seinen Maßregeln »J^ 
sucht, die das Maß des Elterlichen weit überschritt . . Die ^Sch, ne zen 
beim Koitus sind als der Ausdruck einer selbstdiktmrten Strafe aufzu- 

' Die Schmerzen dienen als Schutzwall der Tugend ! Als wollte eine 
innere Stimme sagen: Wegen dieser Schmerzen steht ^ d ochmcht 
dafür, die Sünde der Lust auf sich zu nehmen! Denn alle diese an 
schmerzhafter Dyspareunie leidenden Frauen sind innerlich moralisch. 
Nonne und Dirne zugleich., zerrissene Naturen, unfähig zur Liebe und 
unfähig zur Tugend. Das führt uns der nächste Fall deutlich vor Augen 
Fall Nr 68 Frl. Z. P., 28 Jahre alt, will wegen ihrer sexuellen Zwangs- 

SSÄSSÄjrtS: Seit cemj, Jahre beim Onanieren nie ein 

«Mechteverkehr sah, not ^ ™*"^ ». J'^dit. Bei dem ersten Akte 

diesem Falle Heilung gebracht oder eine gründliche Analyse. 



Der Wille zur Unlust. •>].; 

Scheide in beide Beine bis- in die Fußspitzen zog. Durch drei Monate weitere 
Versuche, immer mit dem gleichen Resultate : S c h o n bei der Annähe-' 
rung des Mannes Brennen und viele andere unangenehme 
Sensationen. Das Brennen hielt dann stundenlange an. Sie gab daher das 
Verhältnis nach einem halben Jahre auf. Da das Brennen auch nach der Onanie 
auftrat, überwand sie den Drang zur Onanie. Seither war der Zustand noch 
quälender. Sie leidet auch an „perversen Vorstellungen". Sie träumt von einem 
Verkehr mit Frauen („obgleich ihr so etwas nie in den Sinn kommt"), möchte 
einem Akte zusehen, obwohl sie diese Erregung nicht überstehen würde. 

Die Analyse ergibt unüberwindliche moralische Heinnnmgsvorstellungen, 
starke Fixationen an die Schwester und als weitere determinierende Kraft 
ihres Sexuallebens Erfahrungen aus dem Schlafzimmer ihrer Eltern, welche sie 
jahrelang belauscht hatte. Im 7. Lebensjahre bei der Onanie ertappt, wurde 
ihr gedroht, sie werde eine schwarze, brandige Hand erhalten, die Hand werde 
abfaulen. Sie hatte eine Puppe, mit der sie auch Mutter und Kind spielte. Sio 
stellte die Puppe in eine Ecke und sagte: „Wenn du noch einmal die Hand an 
das Wi-Wi gibst, so werde ich dich durchhauen." Das hörte ihre Mutter und 
strich — wie sie später erfahren hatte — die Hand der Puppe schwarz an. Am 
nächsten Tage erschrak die Kleine furchtbar. Gott hatte in der Nacht die 
weiße Hand der Puppe schwarz gemacht! Sie hörte vorübergehend zu ona- 
nieren auf, mußte aber bald wieder dem Drange nachgeben. So war ihr ganzes 
Leben ein ewiger Kampf gegen die Onanie, bis sich die Lust verminderte, von 
Orgasmus zu drei leise klopfenden Schlägen degenerierte und sich schließlich 
Lust in Schmerz verwandelte. Nun konnte sie körperlich keusch bleiben, aber 
die vergewaltigten Gedanken überfluteten ihr Bewußtsein und nahmen Rache 
für den Verzicht auf Lust. 

Während der Menstruation starke Steigerung der erotischen Ideen, Auf- 
treten von sexuellen Träumen mit starker Lu6tbetonung. 

Eine alte, oi't wiederholte Streitfrage ist bisher noch nicht ent- 
schieden. Es ist die Frage, ob die Frauen während der Menstruation 
sexuell mehr erregt sind als in den Zwischenzeiten. 1 ) 

Rohleder bestätigt diese Steigerung: 

„Es ist auch im Volk bekannt, daß ein Coitus inter menstruationoni 
' eher zur Befruchtung führt. 2 ) Was mich aber dazu bringt, den schon aus 
Gründen der Reinlichkeit perhorreszierten intermenstruellen Koitus bei 
Anaosthesia partial. resp. Frigidität zu empfehlen, ist der Umstand, daß 
im allgemeinen, selbst bei Frigiden, während der Menstruation die Libido 
erhöht ist. Auch Kossinann macht in .Krankheiten und Ehe' darauf 
(Bd. I) aufmerksam, daß in gewissen Fällen die Libido nur während der 



') Viele Frauen onanieren während der Menses, wenn sie auch sonst diesor 
Selbstbefriedigung nicht huldigen, und bei sehr vielen menstruierenden Frauen» muß 
die erregte Sinnlichkeit durch den Ehemann auf andere Weise, durch Zungenküsse oder 
durch Liebkosung anderer erogener Zonen befriedigt werden; ich kenne etliche Frauen, 
die von ihren Ehemännern während der Menses den Coitus analis verhingen und <1 i- 
durch bei gleichzeitiger. Berührung ihrer Klitoris einen Orgasmus erzielen, indes sie in 
den Intervallen vor derartigen sexuellen Spieleu zurückschrecken.* Dr. F. II. 

2 ) Hier glaube ich erneut auf die Wahrscheinlichkeit einer Wirkung der inter- 
menstruellen Ruhepause (Abstinenz) verweisen zu sollen. 



2 iA Die Geschlechtskälte der Frau. 

Periode vorhanden ist und daß man in diesen Fällen gegen Schluß der 
Menstruation den Koitus gestatten soll." (Loc. cit. pag.31.) 

Dagegen nimmt der erfahrene Fürbringer energisch Stellung 
gegen diese Annahme. In seinem Aufsatze „Zur Frage der Sexualperio- 
dizität beim weiblichen Geschlechte" (Monatsschrift f. Geburtshilfe und 
Gyn., 1918, Heftl) erzählt er von den Resultaten -einer kleinen Statistik: 

Sie umfassen 60 teils gesunde, teils mit nervösen oder leichten orga- 
nischen Störungen behaftete, vorwiegend der höheren Gesellschaftsklasse 
• angehörende Ehefrauen nebst einigen wenigen „Verhältnissen" im Alter 
von 26 bis 56 Jahren. Von diesen haben — mit Einschluß einiger durch 
' den wohlerfahrenen Ehemann gegebener Auskünfte — 52, also 87%, jede 
Regung des Geschlechtstriebes um die Zeit der Menstruation glatt und 
bestimmt abgelehnt, meist unter Hervorhebung einer Abneigung gegen den 
ehelichen Verkehr in dieser Frist. In dieser Gruppe hat es weder an sinn- 
lich veranlagten noch frigiden Naturen gefehlt. In den übrigen 8 Fällen 
wurde zweimal gesteigerte Libido während der Menses (von einer 34jäh- 
rigen Nervengesunden und einer Hystero-Neurasthenica), je einmal kurz 
vor derselben und „vielleicht einige Tage vorher" gemeldet, endlich vier- 
mal eine stärkere Neigung zum Verkehr am Ende der Periode, bald und. 
einige Tage nach ihrem Abschluß. Obwohl um möglichste Meidung einer 
einseitigen Beeinflussung durch die Fragestellung bemüht, bin ich nicht 
ganz sicher, ob nicht in dem oder jenem der letztgenannten 8 Fälle eine 
Suggestion im Spiel gewesen. Jedenfalls geht — und darauf kommt es 
an — aus dieser Statistik, so bescheiden die Zahl der Befragten ist, hervor, 
daß von einer fast ausnahmslosen intramenstruellen 
Steigerung des Geschlechtstriebes beim normalen, 
bzw. von ausgesprochen psychischen Störungen 
freien menschlichen Weibe als endogener Eigen- 
schaft keine Rede sein kann. Vielmehr trifft das Gegenteil 
— die ausnahmsweise Sexualperiodizität — zu, gleichgültig, wie sich 
andere Erfahrungen gestalten werden. In letzterer Beziehung erwähne ich 
mit Nachdruck, daß keiner der von mir befragten Kollegen — Frauen- 
ärzte Sexologen und Neurologen - den Eindruck einer Sexualperio- 
dizität von der Hysterie und gewissen Psychosen abgesehen, erhalten 
hat Ich nenne u. a. den Gynäkologen, dessen 70. Geburtstag diese Ab- 
handlung gewidmet, Paul Rüge, ferner Martin, Nagel, A. Leppmann, 
Alter und Juliusburger. Endlich führe ich wichtige Aufschlüsse Molls ms 
Feld. Er schreibt mir, er könne bei Einsicht einer Reihe von Notizen 
beim besten Willen nicht finden, daß eine allgemeine Steigerung der 
Libido während der Menses stattfinde. Eine oder die andere Frau gebe 
sie wohl an; bei sehr vielen anderen sei davon gar nicht die Rede; ins- 
besondere bestehe etwaige sexuelle Anästhesie ganz ebenso wahrend der 
Periode wie außerhalb derselben. Es sei gar nicht ausgeschlossen, daß 
gegenteilige Auskünfte durch die Fragestellung (Suggestion) bewirkt 
würden. Gerade bei Frauen, denen gute Selbstbeobachtung zuzutrauen ist, 
zeige sich jene Steigerung nicht. 

Eine befriedigendere Uebereinstimmung mit den Ergebnissen der 
eigenen Umfrage kann wohl kaum verlangt werden. Sie dürfte auch ange- 



Der Wille zur Unlust. . ->[» 

• 
sichte der erwähnten Campbellschon Proklamation ') genügsam die Ab- 
lehnung der Irrlehre von der Sexualperiodizität, wie sie noch immer auch 
für das normale Weib ihren lehrbuchmäßigen Ausdruck findet, begründen 
und nicht minder, allenfalls von seltenen Ausnahmefällen abgesehen, die 
Unzulässigkeit der aus ihr folgenden, mit Hygiene und Ästhetik in 
Widerspruch stehenden ärztlichen Empfehlung eines intramenstruellen ehe- 
lichen Verkehrs dartun." 

Das entspricht, nicht meiner Erfahrung. Die scheinbare Kälte der 
Frau während der Periode ist ein Produkt der neurotischen Verdrän- 
gung. Viele Frauen empfinden Ekel während dieser Zeit, können und 
wollen an die sexuellen Vorgänge nicht denken. Das kommt wohl nur 
daher, daß sich vor, während und nach der Menstruation alle Sexual- 
regungen verstärken! Die Triebe werden stärker betont, es melden sich 
infantile, verdrängte Wünsche, es werden Begierden, die hewußtsoins- 
unfähig sind, wach oder drohen wach au weiden. Sofort werden sie 
durch die Gegenmaßregeln — Angst, Scham, Ekel — zurückgewiesen 
und umgewandelt. Eine gewöhnliche Umfrage ergibt wohl kein sicheres 
Resultat. Es könnte eben nur das Ergebnis einer längeren analytischen 
Forschung verwendet werden. Ich habe den sicheren Eindruck, daß alle 
neurotischen Abwehrerscheinungen zur Zeit der Menses stärker werden.. 
Auch habe ich oft Auftreten von Libido während eines intermenst luelh-n 
Verkehres gesehen (den ich übrigens nie empfehle). Das hängt wohl 
mit geheimen sadistischen Vorstellungen zusammen. 

Ein lehrreiches Beispiel bietet der nächste Fall. 

Fall Nr. 69. Frau G. N., 28 Jahre alt, hat mit 19 Jahren geheiratet, war 
in der Ehe immer anästhetisch. Vom Beginn der Ehe nach dem Koitus große 
Schmerzen, die oft zwei bis drei Tage dauern. In letzter Zeit I raten die 
Schmerzen am Schlüsse des Koitus auf, hatten einen krampfartigen Charakter. 
daß sie laut stöhnen mußte und es ihr den Atem benahm. Ilir Mann hätte 
erfreut geglaubt, daß sie endlich die große Lust der Liebe empfunden habe, 
und wäre sehr enttäuscht gewesen, als er hörte, es wären unerträgliche 
Schmerzen. Sie hat ohne Liebe geheiratet, bloß auf den Rat der Mutter, um 
sich gut zu versorgen. Sie hat nichts gegen ihren Mann, findet nur, daß er 
alles zu geschäftsmäßig mache. Es ginge die ganze Poesie verloren. Sie 
-wünschte sich sehnlichst ein Kind, um endlich wieder etwas lieben zu können. 
Von ihrer Familie habe sie nur Enttäuschungen erlebt und ihre Mutter habe 
nun zum dritten Male geheiratet. Ein berühmter Frauenarzt habe ihr nach 
•«jähriger, unfruchtbarer Ehe empfohlen, einen Koitus während der Menses /.u 
versuchen. Das sei ein bewährtes Mittel, um zu Kindersegen zu gelangen. So 
-widerwärtig und unappetitlich ihr der Gedanke an einen Verkehr in dieser Zeit 
auch war, das Verlangen nach einem Kinde war doch stärker. Sie teilte ihrem 
Manne den Vorschlag "des Arztes mit. Gleich beim ersten Verkehre während der 
Menses empfand sie einen starken Orgasmus. Das erstemal in ihrer Ehe! Der 



') Harry Campbell hat bei Londoner Arbeiterfrauen in zwei Dritteln der FälU 1 
die Neigung des Geschlechtsverkehres während der Menstruation beobachtet. 

\ 



ojg Die Geschlechtskälte der Frau. 

versprochene Kindersegen stellt sich nicht ein aber ##M^^£ 
hei dieser Art des **»^*ÖL^£ ££**?£ 
SnS'eÄS ÄÄiSÄi *W« Verkehr verzichte, 
Der Fall zeigt uns ganz deutlich, wie der „Wille zur Unlust" 
während des gesteigerten Trieblebens der Menstruation dem „Willen 
zur Lust" unterliegt. Er zeigt uns aber auch die gewaltige Macht der 
seelischen Faktoren. Eine Zeitlang konnte das Rückenmark über das 
Gehirn triumphieren. Das ..Ich will nicht" des Intellektes kapitulierte 
vor dem übermächtigen „Ich will!" des Triebes. Erst die Erniedrigung 
und Herabsetzung der Frau durch die Untreue des Mannes machte die 
Gegenaffekte frei, welche den „Willen zur Lust" zurückdrängten und 
die Schmerzen hervorriefen, welche als Wächter ihres Gegenwillens 
funktionierten. 



IX. 
Eingebildete Liebe. 

Je tiefer wir in das Wesen der Neurosen eindringen, desto mehr 
lernen wir die Macht der Schauspielkunst verstehen, mit der die meisten 
Menschen sich vor sich selbst verstecken, und sich gegen ihr inneres 
Gefühl in bestimmte Bahnen zwingen. 1 ) Von der Kunst der Menschen, 
sich etwas vorzumachen, haben wir uns vorher kaum einen Begriff 
machen können. Nietzsche hat darauf hingewiesen, daß unser Ge- 
dächtnis versagt, wenn es unser Stolz nicht verträgt. Stolz ist nur der 
sichtbare Ausdruck eines Persönlichkeitsgefühles. Alles Leben ist ein 
Kämpfen um die Geltung unseres Ich. Die Schauspielkunst des Neu- 
rotikers dient nur dazu, das Persönlichkeitsgefühl zu erhalten, dem Ich 
den Rang zu sichern, den man ihm in der Illusion eingeräumt hat. 

Es kommt häufig vor, daß sich Menschen eine Liebe ausreden, 
wenn sie mit den Forderungen des Ich dissoniert. Ja, es gibt Menschen, 
die schon in der Liebe eine Unterwerfung sehen und sich die Liebe 
ausreden, ehe sie begonnen hat. Sie laufen vor der Liebe davon, machen 
sich über ihre Gefühle lustig; oder meiden die gefährliche Nahe des 
Partners, um sich vor dem ..Verlieben" zu schützen. Ich habe solche 
Unglückliche gesehen - denn innerlich verzehren sie sich m Sehnsucht 
nach der Erfüllung '-, welche behaupten, nie geliebt zu haben; bei 
tieferer Analyse zeigte es sich stets, daß es sich um das Phänomen „der 
Flucht vor der Liebe" handelte. Viel schwerer ist es schon, sich eine 



i) Vgl. „Der Neurotiker als Schauspieler". Zentral«, f. V. A. 1911, Band I 



Eingebildete Liebe. .> , - 

• eil 

bestehende Liebe auszureden. Es zeugt für die Macht des mensch- 
lichen Willen?, daß dieser Kampf des Intellektes gegen das Gefühl mit 
einem scheinbaren Siege des Verstandes endet, ein Sieg, der durch den 
Ausbruch einer Neurose einer Niederlage gleichkommt. Diese Schau- 
spieler des Lebens siegen sich oft zu Tode. Einige Beispiele solcher 
..Liebesblinder" habe ich in meiner Broschüre „Das nervöse Herz" / 
ausführlich beschrieben. Ich konnte den Nachweis erbringen daß 
manche eingebildete Herzkrankheit der symbolische Ausdruck einer 
vom Bewußtsein abgelehnten unglücklichen Liebe ist. 

Viel häufiger als die verleugnete, verdrängte Liebe ist die einge- 
bildete Liebe. Sie spielt im Liebesleben der Menschen eine überragende 
Rolle, ist die Quelle zahlloser Irrungen und Wirrungen, trübt das Bild 
der echten Liebe, täuscht mit der Verstellungskunst der seelischen 
Mimikry alle Ausdrucksförmen der wahren Liebe vor. um eines Tages 
mit dem Katzenjammer einer schrecklichen Ernüchterung zu enden 
wenn die Verstellung durch die Macht der Tatsachen aufgehoben werden 
muß. Am häufigsten kommt diese eingebildete Liebe aus Trotz zustande 
Diese Form der Liebe hat nämlich immer eine Tendenz gegen gewiss 
Personen. Das ist eben das Merkwürdige! Sie dient nicht dazu, das 
eigene Liebesbedürfnis zu stillen, sondern einem anderen weh zu tun 
sich eine Niederlage zu ersparen, oder sich einen billigen Triumph zu 
verschaffen. 

Am häufigsten ist die Form der eingebildeten Liebe Im-, Menschen 
die von einem bestimmten andern, von ihrem „Ideal" abgewiesen oder 
verraten wurden. Sie zeigen dann aller Welt, daß sie .ich aus dem 
andern nichts machen, und verlieben sich wie auf Kommando 
raschesten» in einen Zweiten. Diese eingebildete Lieb,, »rügt oft durch 
die Wahl die Zeichen der Herabsetzung des Vorgängers. Ein Heispiel: 
Jemand bewirbt sich um eine feingebildete Witwe, deren Entgegen- 
kommen den Erfolg der Werbung gewährleistet. Sie ist aus vornehmem 
Hause, reich, unabhängig, schön und geistreich. Eine glänzende Partiel 
Es kommt zu einer Verlobung. Aber nach einer kurzen Zeit dee 
Glückes glaubt die Witwe, daß die seelischen Unterschiede sich in der 
Khe als große Hindernisse für Verständnis und Glück erweisen würden 
und löst mit einem kühlen Schreiben die Verlobung auf. 

- Der ehrgeizige Bewerber läßt nichts von seiner inneren Erregung 
merken. Alle Welt glaubt, daß er auf diese Lösung hingearbeitet hat. so 
fröhlich ist sein Gehaben. Bald erfährt man, daß er schon vorher ein 
Madchen aus dem Volke geliebt hatte, daß diese Liebe die Ursache 
seiner Trennung gewesen. (Das ist alles Täuschung.) Er verliebte sich 
m ein Dienstmadehen und führte sie gegen den Willen seiner Eltern and 
gegen den Rat seiner Freunde heim. Er erklärte, er werde sich das 



lg 



Die Geschlecht^kälte der Frau. 

scm uib" , d hauptsächlich 

Alles nur ein Spiel vor tf***lg£ ^\, Wahl seiner 

v„, seine,- ehemaligen Braut. Er ?""^ J*»- Dienst- 

O* demütigen. Was n™Bt ein wert ->£»£ £, ^^ 

f nla Vibrieren das Lebensgefühl erscheint so unendlich ge 
Man benötigt dann ein neues Objekt "&*£^5i eine 

mmmm 

üebesenttäuschung sofort wieder verhebt und habe st g*dM 

aas äs r Sfl-Bit 

die Illusion festhalten zu können. 

Anspmchen auf L lebe Sie sind e benachteiligt, so 

Glaubt sich ein Kind durch Bevoi zugung e ™* ben Meistens . 

sind die Bedingungen für eine >jf*%H^ ie ~ ß g die Eltern üb er 
aber nicht immer wird der Partner ^ g- ahlt daß ah £ ^ 

diese Wahl recht kränken - *^*« *£ ^iebe gefunden habe 
Eltern zu demonstrieren, daß man jetzt eine neue liieo 



Eingebildete Liebe. -)|«i 

und ohne ihre Liebe leben könne. Junge Männer aus vornehmen Häusern 
verlieben sieh in eine Dirne, ein Kammermädchen, eine Chansonette, 
eine ältere Frau, erzwingen durch Drohungen mit Selbstmord die Zu- 
sicherung der Eltern zur Ehe. Das innere Motiv ist immer das gleiche: 
den Eltern weh zu tun. Junge Mädchen aus Fornehmen Häusern teilen 
ihren Eltern mit, daß sie einen Musiker. Kntscher oder Kellner, einen 
kleinen Beamten, einen unreifen Studenten wahnsinnig lieben. Der 
Trotz der Eltern gegen die Verbindung entfacht alle Feueregluten einer 
brennenden Seele. Finden sich vernünftige Eltern, die gleich zustimmen 
so kann die scheinbare Liebe ein rasches Ende nehmen, während sonst 
erst die Ernüchterung durch die Realität eintreten muß. 

Ich habe nur die Extreme genannt, es gibt natürlich viele Über- 
gänge und Abarten der eingebildeten Liebe. Es kann das Objekt einer 
Liebe würdig sein, aber die Liebe ist trotzdem nicht echt, sie ist nur 
eine Trotzliebe. Töchter, deren Mütter früh verwitwet und noch jung 
sind, spielen sich gerne eine Liebe vor. wenn sie merken, daß die Mutter 
.noch Ansprüche auf Liebe und Leben stellt, AYie überhaupt alle Kinder 
eine sonderbare Einstellung zum Liebesleben ihrer Eltern haben. Sie 
betrachten es als unnatürlich, daß ältere Menschen noch Ansprüche an 
das Leben und die Liebe stellen. (In diesem Alter solle man schon 
darüber hinaus und beherrscht sein!) Sie verschleiern geschickt das 
Motiv der Eifersucht. Sie wollen die ganze Liebe der Eltern in Form 
von Zärtlichkeit absorbieren,* fürchten, sie gehe ihnen durch ..Sinnlich- 
keit verloren. 

In den seltensten Fällen geht eine solche Trotzliebo in ein« hh 

Liebe über. Meistens kämpft das Herz einen heldenhaften Kampf um 
die Illusion aufrecht zu erhalten, den Schein der Liebe zu wahren; 
je stärker die Wahrheit vordringen will, desto leidenschaftlicher drücken 
sich die Zeichen des ..Verliebtseins*' aus. Wer wollte sieh gerne ge- 
stehen, daß er ein gewagtes Spiel verloren habe? Eines Tages stürzt 
die Herrlichkeit zusammen. Der Liebestempel war nur aus Pappe alle* 
war nur Dekoration und Kulisse. Nicht einmal der Haß gegen -den 
Partner bleibt bestehen. Demi der wirkliche Haß ist ja bloß da« 
Negativ der Liebe. Nur die völlige Gleichgültigkeit erfüllt das Theater 
der Leidenschaften, in dem das Spiel zu Ende geht, wenn der Vorhan- 
aufgezogen wird . . . 

Ein einfaches Beispiel einer solchen ..eingebildeten Liebe" bietet 
uns der nächste Fall. 

Fall Nr. 70. Patientin E. W. schreibt mir: Ich lernte in meinem 
Ib. Lebensjahre einen jungen Mann aus erster Familie kennen und e e 
Mar kam Jahre alter als ich, doch glich er meinem Ideale. Unsere Bezie- 
. -hangen blieben rem freundschaftlicher Natur. Dieser Junge entsprach allen 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



220 

a« in r^pspllschaft verwöhnt, weshalb ich 
Idealen einer Mädchenseele; er. wurde m Gesellschalt 

furchtbar eifersüchtig auf ihn war. _ begründet waren, und er war 

Ich machte ihm ^^^SWetoas Unausgesprochenes 

viel zu stob, sich zu ^^rügen.^o b heb ™™ m ^ b id und 

^ÄfiSÄ Menschen zu. 

-^^ =?!= 

^^^te^ÄSSÄÄ - -meicheln, verfügte) 

Ld ihn unter allen g***-^^^ Moment an aufgehört habe, 
Mein Vater sagte mir, daß ich von m Herzcn d e 

ÄÄÄ SS«& - Verhältnis rein freund- 

^wollte alles ^ÄÄ 

tauschen. Ich war 6 o vollendet daß ach güe g ^ Vereinigung sah . 

schaft zu machen, eifrig ^$£%££ Kämpfen zwischen meiner gesell- > 
Dieser Kampf, denn es war em enrucu * rend dieser Zei t waren 

schaftlichen Stellung J*^JSj& Kellner, zurückgekehrt. Unterdessen 
beide im Felde). Nun ist m ein F reund, ^ e ^hnte jede Verantwortung 

erreichte ich mein 24. ^bensjah und mem ^ g ^ ganze s ae he 

ab; er ließ mir B?r^ÄWe^eSS, dachte realer und als ich den 
verlor für mich allen ^^JJ^LTSÄ 4 Jahre lang gekämpft habe 
Freund wiedersah, ^Äf^^^St ist an ihren Platz gerückt. 
- Ä«SÄ Seele atmet auf - doch Ver- 
trauen oder gar Liebe - das habe ich verlernt. 

TJL Le m nun vor, ^ «^^1 

. gegen den Vater ^^ M tB^egangen. Deshalb 

ästhetisch gewesen, de Ehe »a. oaic Pat .i e ntmnen 

darf man nicht alWs Liebe •**»^ e ™" Dy6pareunie verfangt 

Ms Liebe vorgemacht und gepriesen wird. Jeue ujbj» 

• t Frage nach dem Grade der Neigung, die zischen den Ehegatte» 

besteht oder bestanden hat. Vertiefung in den seelieehen 

,ÄÄ ut ^^chAiobe unterscheiden 

" Tta interessantesten Fällen von Schauspielerei, von Sich- 
belügen, gehört der nachfolgende. 

Fah Nr. 71. Frau S. W- «"«^fS AI &££ 

3S SSÄSÄ SP»P» M nimmt dies. 



Eingebildete Liebe. 2'- , l 

Mittel teils aus Angst vor der Schlaflosigkeit, teils aus Angst vor der Angst. 
Setzt sie die narkotischen Mittel aus, so überfällt sie eine sinnlose Angst, sie 
glaubt, sio müsse sterben, sie telephoniert um mehrere Ärzte, sie beginnt sich 
zu berauschen, um zu vergessen. 

Sie hat eine drei Jahre dauernde Psychanalyse durchgemacht, die ihr 
gar nichts geholfen hätte. Freud habe ihr einen Assistenten empfohlen, zu 
dem sie durch drei Jahre fast täglich hingegangen sei. Sie schildert ihre Leiden 
im analytischen Jargon. Sie sei eine Analerotikerin. Ihr Unglück sei ihre Anal- 
erotik. Sie könne kein Geld halten. Sie sei eine Verschwenderin. Der Analy- 
tiker habe ihr erklärt, das sei auch nur ein Zeichen ihrer Analerotik. Ich solle 
sie um Gotteswillen von der Analerotik befreien. Ich -solle sie retten, sie sei 
noch jung und wolle noch leben. Sie habe noch gar nicht gelebt. Sie habe 
einen Anspruch auf das Leben und auf Schönheit. Sie habe ihr Loben lang 
nichts Böses verbrochen, nur Gutes getan, und man quäle sie so. Wenn ich ihr 
nicht helfen könne, so solle ich ihr ein Gift geben, daß alles zu Ende sei. Rasch 
und schmerzlos! 

Eine Analyse in diesem Zustande war unmöglich. Ich kenne diese Art 
von Kranken, die sich in die Narkose flüchten, wenn eine unangenehme Wahr- 
heit ihnen zum Bewußtsein kommen will. Sie sind ständig auf der Flucht vor 
dem Ich, fürchten jede freie Minute, die sie nicht narkotisiert allein verbringen 
sollen. Sie haben etwas Peinliches zu vergessen, wollen die Stimme des Ge- 
wissens übertönen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ein solcher Zustand 
nach einer Psychanalyse von Sjähriger Dauer auftreten konnte. In der Ana- 
lyse soll der Mensch zur Wahrheit erzogen werden und lernen, das grauenhafte, 
das ungeschminkte lasterhafte Ich, das Bild der Medusa, zu sehen. Entweder 
die Analyse hatte versagt oder es war nach der Analyse ein Ereignis ein- 
getreten, das gewaltsam verdrängt werden sollte. 

Ich lasse zuerst alle Narkotika aussetzen. Mit narkotisierten Menschen 
kann man keine Analyse treiben. Wie sollte ich auch eine Kranke ana- 
lysieren, die drei Jahre durch die Hölle der Analerotik und Exkretionserotik 
gegangen war, die mit dem Suchen nach dem infantilen Trauma gequält worden 
war. In meinem Aufsatze „Die Ausgänge der psychanalytischen Kuren" 1 ) 
habe ich mich prinzipiell gegen solche endlose Behandlungen ausgesprochen. 
Eine gute Analyse muß auch rasch durchgeführt werden. Ein halbes Jahr ist 
schon das Maximum täglicher Behandlung, das man sich leisten kann. Geht 
es nicht, so muß man schon in den ersten Wochen den Mut haben und dem 
Kranken mitteilen: „Bei Ihnen komme ich nicht weiter! Die Analyse, oder 
meine Analyse paßt für Ihren Fall nicht. Denn Arzt und Patient müssen zu- 
sammenpassen!" 

Ich wehre also bei meiner neuen Kranken zuerst alle ihre analvtischen 
Erklärungen, die Mitteilung ihrer alten Träume, die profunden Erkenntnisse, 
mit denen sie mir täglich kommt, ab. Ich beschränke mich darauf, die Schlaf- 
mittel plötzlich auszusetzen und die Kranke durch Zuspruch zu beruhigen. 

Sie teilt mir ihre Lebensgeschichte mit. Die Jugend in einem vornehmen 
Hause. Keine besonderen Erlebnisse. Starke Fixation an den Vater, der früh 
starb. Leidenschaftliche Liebe zu einer auffallend schönen S'chwester. Lebt 
mit der Mutter stets im Streite, weil sie angeblich an ihrem Unglücke und an 
ihrer Krankheit schuld ist. Hat mit 20 Jahren einen Mann geheiratet, den sie 
wahnsinnig liebte, weil er ihr so leid tat. Hat in der Ehe nie eine Empfindung 

l ) Zentralblatt f. Psychoanalyse. Band III. 



222 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



gehabt. Dann ein Verhältnis mit einem reichen Freunde der inta .Am- 
an einem BlutetW» starb. Seit damals schwer " e r ^f ' .„^^k ,ge 

mmmmm 

g habt Ihr sei der Koitus ekelhaft, die Männer seien alle , Schweif Fühl cl 
SSbdg und unrein. Möchte sich täglich mehrere Male baden. Leichtei 
Waschwang ^ ein . gen ^^ ^.^ wah chdnl i ch in- 

folge de dbtzUchen Abstinenz, eine hysterische Psychose aus. In der Ansta* 
4aubt sie sie wäre in der Hölle oder in der Vorhölle. Alles >Bt verzaubert 
Ädert alle Namen und findet wunderbare Zusammenhange. Der Doktoi 
heiße so wie ihr Freund geheißen; er sehe ihm ähnlich. Der Name der Gasse 
eritere reine Gasse de? Jugend Ich wäre Mephisto, Ich *** «g ™ 
Teufel geschickt, um sie zu verführen. Oder sei ich der leufel selbst. Uie 
Hö" e seTganz gemütlich. Alles sei so lieb mit ihr. Sie habe es »nicht verdient 
Nach drei Wochen trifft meine Prognose . ein : Die .Halluzinationen 
klingen ab, sie wird täglich geordneter, sie spricht nicht mehr verworren sie 
b2nt £ ^sen und etwas zu arbeiten, verlangt stürmisch meinen täglichen 
Besuch und verläßt die Anstalt ganz beruhigt. , 

Bald erfahre ich ihren Konflikt, der ein aktueller im regsten Smne des 
Wortes war. Sie war immer sehr habgierig, wollt* um jeden Preis reich sein 
und eine gute Partie machen. Nach der Scheidung starb ihr Mann sein bald 
Sie machte sich Vorwürfe, er sei gestorben weil sie seinen Tod P"^*«* 
um wieder heiraten zu können, da sie katholisch verheiratet war. Damals habe. 
1 r ein vornehmer Aristokrat den Hof gemacht. Um diese Zeit machte ihr auch 
• Jugendfreund, der sehr reiche Herr G., den Vorschlag, mit ihm nach 
Italientii fahren. Sie willigte ein. weil sie hoffte, daß er sie heiraten werde. 
•Beim Koitus keine Empfindung, obwohl er ein aufMlen -hon- Mann war. 
Er erkrankte im Süden, so daß sie seine Krankenpflegerin *uide Das war, 
£^£4? Sfihön zwei Jahre das Verhältnis hatten. Sie wartete damals au 
Ä toes Mannes. Da starb ihr Mann sie ^ he^ kminen * .«m 
S gesund gewesen wäre. In der Zwischenzeit war sie einige Wochen zu Hause 
„ und hatte sich einem anderen Jugendfreund ^fc™**** £ 
G hingegeben Ein einziges Mal. Diesen Jugendfreund liebte sie heiß, bie 
hatte auch in seinen Armen einen leichten Orgasmus gefühlt Zu G. zurück- 
kehrt teilte der ihr mit. daß er sie kaum heiraten könne. Es gehe mit ihm 
ÄÄo bald sterben. Er wollte ihr aber sein ganzes Vermögen 
hmterlässen, wenn sie ihm schwören könne, daß sie ihm die Zeit des Verhalt- 

nisses treu geblieben ser. 

„Kannst Du mir das feierlich beschworen? 

&*»£££*£ W» IW» Siesten Ich weiß, daß sie das 

^ÄtÄÄ* -» den Todkranken nicht auf- 



Eingebildete Liebe. 223 

stadt. ein schönes Grabmal aus Marmor errichten werde. Auch dieses Ver- 
sprechen leistete sie. 

Bald darauf starb er, sie wurde die Erbin seine- groften Vermögens, 
erbte auch eine prachtvolle Villa mit großem Garten in der Nähe von Wien. 

Nun quälten sie die Vorwürfe, sie habe sich das Vermögen durch einen 
falschen Eid erschlichen, sie habe ihm den Tod gewünscht, damit sie rascher 
erben könne. Sie bringe allen Leuten Unglück. Es sterbe jeder, dem sie den Tod 
wünsche. So sei ihr Mann gestorben, so sei G. zugrunde gegangen. .Ici/t 
werde die Schwester sterben und sie werde schuld an ihrem Unglück sein. Sic 
sorgte auch nicht für die Überführung der Leiche, sie errichtete nicht da6 
Grabmal. Sie ließ sich von der Familie vormachen, das wäre im Kriege /u 
teuer, sie solle warten, bis normale Verhältnisse eingetreten seien. Aber das 
ererbte Geld brannte sie. Sie warf es zum Fenster hinaus, besonders für Ärzte 
und Sanatorien, für ihre Reisen, sie schenkte es der Mutter und ihrem Bruder. 
Es litt sie nicht in der schönen Villa. Sie hatte überhaupt keine Kühe. 

Alle diese wichtigen Tatsachen hatte sie dem ersten Analytiker nicht 
erzählt, ihn täglich mit Träumen gefüttert, ihm ihre verschiedenen Kinder- 
pbantasien berichtet. 

Warum sie diese schweren Konflikte nicht während einer Behandlung 
von 3 Jahren mitgeteilt habe? 

Sie habe sich geschämt und nicht daran gedacht. Sie sei auch nicht in 
den Arzt verliebt gewesen, wie die anderen Kranken in der Analyse. Sie habe 
immer den Analytiker ausgelacht, wenn er von einer „Übertragungeliebe" 
gesprochen habe. Im Gegenteil! Am Ende der Analyse habe sie sich in einen 
Chirurgen wahnsinnig verliebt. Die Verschlimmerung sei erst aufgetreten, als 
der Chirurg sich mit einer Dame der Gesellschaft verlobt hatte. Da habe sie 
zu toben angefangen und mußte die Schlafmittel steigern., 

Wir sehen, sie hatte allen Grund, sich zu betäuben. Sie wollte an die 
häßliche Geschichte mit dem Meineid, mit der Erbschaft, an den Bruch des 
feierlichen Versprechens nicht denken. Sie wollte um jeden Preis vergessen, 

Nun war es auch klar, weshalb die Analyse mißglückt war. Sie hatte 
den Arzt geliebt und sich diese Liebe nicht gestanden! Sie hatte vor dem 
Arzte und vor sich Theater gespielt! Ihr war seine Achtung wichtiger als die 
Genesung. Die Liebe zum Chirurgen war eine Trotzliebe, die sie sich aus Stolz 
eingeredet hatte, um den Analytiker für seine vermeintliche Lieblosigkeit zu 
bestrafen.- 

Das stellte sich auch als die Wahrheit heraus. War sie aber 60 geartet. 
so mußte ihr ganzes Leben eine Kette von solchen Vergewaltigungen dar- 
stellen. Ihre wahren Liebesobjekto waren verborgen, während eis vorgab. 
Menschen zu lieben, die ihr gleichgültig waren. 

Sie liebte ihre Mutter leidenschaftlich, wie die Ausbrüche von Haß täg- 
lich neu bewiesen, hatte sich in der Kindheit so verstellt, als ob sie die Mutter 
nicht liebe und in den Vater verliebt sei. Ihre Neigung zu ihrer Schwester 
war ihre stärkste Leidenschaft. Sie hatte die Schwester vergöttert, verhätschelt. 
Die Schwester war in ihren Augen das schönste und klügste Mädchen der AVeit, 
ein Wunderkind. Ihre Einstellung war natürlich bipolar und schwankte zwischen 
Haß, Eifersucht, Todesgedanken und Liebe, Bewunderung, zärtlichem Bangen 
um ihr Leben. Als die Schwester sich mit einem reichen Baron verlobte, fand 
sie die Partie nicht gut genug. Die Schwester hätte mindestens einen Fürsten 
oder Prinzen heiraten müssen. 



224 Die üeschlechtskältc der Frau. 

Selbstverständlich verliebte sie sich sofort in ihren zukünftigen Schwager, 
den sie entzückend, elegant, vornehm und gewinnend fand Er reizte ihre Sinn- 
lichkeit außerordentlich. Sie hatte schon seit der Jugend onaniert und hatte 
nun einen Grund mehr, fleißig zu onanieren, weil sie die Zärtlichkeiten zwischen 
dem jungen Paare aufregten. (Ihre homosexuellen Regungen für die Schwester 
wurden auf den Schwager übertragen, ein Mechanismus, den ich m „Onanie 
und Homosexualität" des Näheren ausgeführt habe.) 

Als aber die Neigung zum Schwager, die Todesgedanken auf ihn und 
ihre Schwester offen ins Bewußtsein brechen wollten, da fühlte sie daß sie 
auch eine Liebe haben müsse. Es kam die Zeit, in der sie zur Liebe reif 
wurde Sio verliebte sich erst in einen auffallend schönen Auslander dem sie 
zärtliche Briefe schrieb und so lange nachstellte, bis ihr die Gattin des Aus- 
länders einen Skandal auf der Gasse machte, mit dem Schirm auf sie losschlug, 
sie Dirne" beschimpfte. Diese Szene spielte in ihrem hysterischen üehr eine 
große Rolle, kehrte regelmäßig in ihren Träumen wieder. Sie war im Grunde 
genommen ein zartbesaitetes Wesen, das sich nach Liebe und Reinheit sehnte, 
feine lyrische Gedichte machen konnte, auch mit künstlerischem Geschmack zu 
spielen und singen wußte. Der Ausländer war nur „Schwager-Ersatz . Die 
öffentliche Szene, der Vorwurf „Hure" waren für ewig wie ein Kainszeichen 
auf ihrer Stime eingegraben. Die empfangene Demütigung gehorte zu den 
Szenen die ihr weiteres Leben determinierten, als wollte sie sich sagen: „Was 
kannst' du noch machen, um deine Ehre reinzuwaschen. Du bist der Tiefe ver- 
fallen! Du wirst schon eine Dirne werden!" 

• Sie verliebte sich bald darauf in ihren Mann, d. h. sie benötigte diese 
Liebe um sich vor der Welt zu rehabilitieren, sich reinzuwaschen, dem Dirnen- 
tum zu entgehen, der Liebe zum Schwager und zu der Schwester zu entlaufen, 
ihr und der Mutter zu zeigen, daß sie auch „Fremde" lieben könne. Denn in 
Wahrheit hing ihr Herz nur an der Familie und an der Vergangenheit, bie 
redete sich also in eine große Liebe, in ein „heiliges Mitleid" hinein. 

Über Geld konnte sie mit ihrem Manne nicht sprechen. In der drei- 
jährigen Analyse wurde ihr erzählt, das wäre die Angst vor der Analerotik 
gewesen. Wir wissen es jetzt besser. Geld bedeutet Liebe ! über die Liebe konnte 
sie mit ihrem Manne nicht sprechen, weil sie ihn eben nicht liebte. Sie gab ihm 
so viel Geld, als er wollte, als sie eben hatte. 

In der Brautnacht war sie vollkommen gefühllos und blieb es auch die 
ganze Ehe hindurch. Ein einziges Mal empfand sie einen Orgasmus. Sie war im 
Bade. Ihr Mann kam ins Badezimmer, zwang sie, das Bad zu verlassen und 
sich rittlings mit abgewandtem Gesichte so auf ihn zu setzen, daß er den Koitus 
more bestiarum vollziehen konnte und sie zugleich von vorne durch Friktion 
des Kitzlers reizte. 

An diese Szene muß sie oft denken, sie kehrt auch in ihren Onanie- 
phantasien wieder. Sie entspricht einer infantilen f ^^^^^ 
handelt von einer Irrigation und wurde von ihr streng getmtet. Sie hatte sie 
Stm Analytiker in der dreijährigen Analyse nicht **^***><& 
bei dieser Gelegenheit, daß alle Neurotiker diese von Freud treffend „üi 
nhantasten" genannten Geheimnisse sehr ungern mitteilen. Eine Heilung ohne 
• KÄng ÄW. ist kaum möglich. Schon **%gjWfe 
tasie wegen deren kindischen Charakters man sich schämt, wrkt bald auf die 
SB2 JX2 Ihre Phantasie lautete: Ich lasse mir eine doppelte 
Irrigation machen. Hinten besorgt das ein Mann, vorne eine Frau. 



Eingebildete Liebe. 



225 

An d ' e f P ^ntasie tangierte der Mann, als er die oben bo.sproH.on, Bade- 

3ft£ ü li ^ S WUlde Gil ! inf 1 anÜler WunSCh erfüllt Der oU« mußte 
sich trotz aller Hemmungen durchsetzen. 

Sie wehrte sich nach dem Orgasmus gegen ihren Mann, schalt ihn ein 

"77 Ä '°, te ' 6ie WÜI ' de i,m Verlasseu ' wenn er nochnmls ihre Frauon- 
wurde derart demutigen würde. Sie empfand den Orgasmus bei dem ungeliebten 
Manne als Niederlage. (Dabei glaubte sie damals noch an ihre große Liebe 

Das Weib unterwirft sich nur dem geliebten Manne ! Bei dem ungeliebten 
will es nicht empiinden. Auch diese Patientin gibt zu, daß sie sich beim Koitus 
abgelenkt und an ßomane, Konzerte, den Küchenzettel, das große Einmaleins 
gedacht habe, um nicht zu empfinden. Bloß bei der Badeszene konnte sie sich 
der Empfindung nicht erwehren. 

Es kam, wie es bei einer solchen eingebildeten Liebe, die fast immer 
böse endet, kommen mußte. Der Mann begann sich auswärte zu vergnügen 
brachte eine schwere Infektion heim. Sie ließ sich scheiden. Ihr weiteres' 
Schicksal kennen wir. Es bleibt noch die Tatsache übrig, daß sie einmal bei dem 
Treubruch empfand. 

Der Mann, in dessen Armen sie ungestört zum Orgasmus kam. war ein 
Jugendgespiele und Freund ihres Bruders. Er gehörte zur Familie, an die sie 
unlöslich fixiert war. Er hatte einerseits das ganze Infantile für sich, andrer- 
seits hatte sie immer eine aufrichtige Neigung für ihn gehabt. Vielleicht war 
er der- einzige Mann, den sie wirklich geliebt hatte. Im stillen hoffte sie, er 
werde .Sie nach dies er Nacht nicht mehr fortlassen. Ein schweres Minder- 
wertigkeitsgefühl daß sie die Männer nicht fesseln könne, bemächtigte eich 
ihrer. Sie wurde dem kranken Geliebten förmlich in die Arme getrieben. 

Nach dem Tode des Geliebten war sie entsetzlich verzweifelt. Sie zeigte 
eine solche pathologische Trauer, die ihrer bipolaren Einstellung entsprach. 
tiTu % Ve ^d drehtet« und sie in ein Sanatorium transportieren 

mußte In diesen Wochen tat sie ei n G elübd e, n i e mehr zu 
empfinden! 

f a Si6 AH g ^ l StVa I e fÜr u ihreQ Meineid ihre Fähigkeit, Lust zu empfinden, 
auf den Altar Gottes. Sie schwor, nie mehr zu onanieren und auch bei keinem 
Manne zu empfinden. Sie wollte das Leben dem Andenken von G. widmen 
Diesen Schwur hielt sie auch. Das Aufgeben der Onanie war die Ursache einor 
immer schwerer werdenden „Abstinenzneurose". 

Nach zwei Jahren lernte sie in einem Sanatorium einen jungen Arzt 
kennen der sich leidenschaftlich in sie verliebte und sie heiraten wollte. Sie 
wurde lieber seine Geliebte, weil sie Angst vor einer zweiten Ehe hatte. Er 
war ein bedeutender Mensch, widmete ihr schöne Gedichte, verehrte sie wie ein 
überirdisches Wesen. Sie kam nie zum Orgasmus. Sie brauchte diese Liebe, um 
ihr geknicktes Personhchkeitegefühl aufzurichten, aber sie liebte diesen Mann 
nicht. Sie spielte nur mit ihm, wie man mit einer Puppe spielt. Sie gab sich 
ihm aus „Mitleid bin um ihn zu beruhigen und weil er in den Krieg zog und sie 
fürchtete daß er fallen konnte. Sie würde sich dann immer einen Vorwarf 
machen, daß sie sich ihm nicht hingegeben habe 

a q li ÜÄft Be ! andlUng ü di6 ÜUr ZWei Monate dauerte < entwöhnte ich sie 
der Schlafmittel und versuchte, sie zur Arbeit zu erziehen. Ihr Tae verein* 

mit lauter Phantasien. Sie war unglücklich 'über ihre verlorene Schönheit saß 

immer auf den Trümmern ihres Königreiches und klagte wie eine Unglückliche 

die auf das Leben verzichtet hatte, aber es war deutlich zu erkennen, daß si 8 

Stolcel, SWrun&en dos Tri üb- und Aflektlebeiis. 111. 2.AuH. 



« 
Die Geschlechtskälte der Frau. 



Bi ch häßlich gemacht hatte, um mcht » gefall ^ ** £ ^ tote °' •» ' 
die alte Schuld (den Meine, «« ^*gj~£*£ 5 'der Segen der 

Entlang. Der Segen der Arbei .kam hm» .0 J-d-Äg^ ^ ^ 

Volksbildungsverein als Bibliothekarin, was im ■ 

schien, daß sie sieh an. dem Wege „ _ *^ im ,„ er 

?T In, S Iht L k oten Zug n nachweisen, wie sie sich an mich hangen 

Leben war cm Kämpfen S e ^iejvratte *, ihre g chwester , 

SchönheTunmÄt E ihre Stimme verliebt. Sie buchte immer weder 

?, V ^entclÄetr STTÄ^ 

wohnen. Die Schwester schlug das ab »«^ eures ^.^ ^ ^ ^ 
konnte diese Niederlage nicht "* vertrage n mm pha „ to6iew(;lt . 

kosen der Schlafmittel und in u« «kennen Lest m ^ ße6|ind . 

Sie wandte sich von der Arbeit aK Nach ^ Schmste ,. 

heit warf sie sich wieder aufs K ^f^'J^ Forderung aufgestellt: 
• ME^TO^lÄ -Ute sie nicht nachkommen. 



Eingebildete Liebe. .,.,_ 

möglich 1110 Arb(,it " mi 0l " U> Tm,,,u " K vun der MuU *r *■* ^ H*ü«ag Dicht 
Überblicken wir die ganze Krankengeschichte. Welch eine Fülle 
von Vergewaltigungen gegen das eigene Ich, welche Summe von Be- 
lastung für das ursprünglich hoclimoralische Gewissen! Ihre Heirat auf 
einer eingebildeten Lüge aufgebaut, gegen den Willen der Mutter mn 
sich zu rächen, um aus dem Hause zu fliehen, um der Schulter zu 
zeigen, daß auch sie einen Mann finden könnte, um der Hochflut der 
anstürmenden Triebe durch eine Ehe einen Wall zu bieten. Die Lüge 
mußte sich rächen, sie war anästhetisch und blieb es auch, die Zwist ig- 
keilen mußton zum Bruch der Ehe führen. 

Dann schloß sie gegen den Willen ihres Herzens, das dem Jugend- 
freund gehörte, in dessen Armen sie empfunden hatte, ein Verhältnis 
ließ ihrer Habgier die* Zügel schießen, leistete den falschen Ind. Wie" 
hatte ihr Gewissen diese Belastung ertragen können! Sie flüchtete in 
die Neurose. In der Psychanalyse wußte sie den Arzt hinters Licht zu 
l uhren, ihm das furchtbare Erlebnis zu verschweigen, ihm und sich die 
Übertragung .zu eskamotieren, versuchte das gleiche Spiel mir gegen- 
über, machte sich eine.Liebe zu einem Chirurgen vor. der ihr im Grunde 
gleichgültig war, konnte über ihn unglücklich sein, ohne Liebe empfun- 
den zu haben. 

Ihr Körper aber sprach die Wahrheit. Zweimal hatte sie im Leben 
empfunden. Bei der Szene, bei der das Infantile einen starken Libido- 
beitrag leistete, und in den Armen des Jugendfreunde.. Ihre sonstige 
Anästhesie war ein deutliches Nichtwollen, ein Sichempören gegen die 
ungeliebten Männer, denen sie sich nicht unterwerfen wollte. Denn sie 
kämpfte in erster Linie um ihr Persönlichkeitsgefühl. Sie wollte im 
Kämpfe mit dem Manne nicht unterliegen, sie durfte nicht wirklich 
lieben, denn wahrhafte Liebe hätte sie dem Manne Untertan gemacht Sie 
kannte ihre sinnliche Natur und wußte, daß sie, einmal geweckt Bie zun, 
Sklaven ihrer Leidenschaft machen würde. Sie brauchte eine Liehe die 
keine Liebe, sondern nur ein Spiel ihrer Einbildungskraft war 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich ein paar Worte über die eigen- 
artige Rolle sprechen, welche der Irrigator in der Phantasie und im 
Leben des Menschen spielt. Es gibt in der Tat Menschen, welche sich in 
ihren Irrigator verlieben, welche ohne einen Irrigator- nicht leben 
können.^ (Dr. Sigg hat in der „Zeitschrift für Sexualwissenschaft" einen 
Fall von Irrigator-Fetischismus beschrieben.) Ich habe viele Frauen 
kennen gelernt, bei denen die Irrigation zur Onanie benützt wurde 
Wiederholt hörte ich von Frauen, sie hätten bei einer von der Hebamme 
applizierten Irrigation die stärkste Lustempfindung durchgemacht 

Diese Verhältnisse beweisen uns die Macht der infantilen' Fixie- 
rungen. Der Irrigator spielt im Leben des Kindes eine große Rolle. Die 

15» 



' Q Die (ieschlechtskälte der Frau. 

Kinder werden leider in ganz überflüssiger Weise immer wieder klisliert 

sie werden im After gemessen, dazu kommen noch die Regungen durch 

dfeWürmer (Oxvuren), so daß der Anus künstlich zur erogenen Zone 

e zogen wird. Die Vorliebe vieler Männer zur täglichen Irrigation, ihre 

Unfähigkeit, ohne Irrigation einen Stuhl zu erzielen ist eine Form der 

Liefen Onanie, wie ich sie als erster in Oname und Homo exua- 

Htät" beschrieben habe. *> Besonders in den Phantasien kehrt ^der i- 

gator häufig wieder und bietet oft den anästhetischen Frauen das btuek 

Realität, das sie zur Anknüpfung an die verlorene Lust der Kmdheit 

benötigen und das ihnen die Pforten zumParadies derKmdheit eröffnet. 



Der Kampf der Geschlechter. 



Nie werden wir das Problem der kalten Frau verstehen, wenn wir 
nicht berücksichtigen, daß zwischen beiden Geschlechtern em per- 
manenter Kampf tobt, den Philipp Frey ausgezeichnet in einem Buch- 
lein geschildert hat, das sich der „Kampf der Geschlechter betitelt . 
In dLem Bache habe ich die ersten Anregungen für das Verstandm 
dieses Problems gefunden, das mir dann durch dieLektüre von Nietzsch, 
und Strindberg und durch die Erfahrungen der Psychanalyse w seinei 
ganzen Bedeutung und Größe vertraut wurde. 

Um dies Problem hier zu erörtern, muß ichauf das von mir gefun- 
dene Gesetz der Bipolarität aller Erscheinungen zurückgehen. ) - fce 

* den E «'^f" »^': tech ^ i f \» neai betrachte» „.!„. Arbeiten al, 

nennen und sich nicht mit seinen Ideen « bere.chern. 

I! SeJSÄ in «eine» Buche „Die Sprache des Trau.es" (Verla, 
V? ' V^SSU** einer neuen Diifetfk der Seele. Berlin W. 57. Ver- 
laß von Otto Salle, II. Aufl., 1920. 



Der Kampf dei Geschlechter. .,.><, 

Gegenaffekt, keinen Trieb, der nicht durch eisten Gegeritrieb gebunden 

und im Gleichgewicht gehalten wird. Am schönsten läßt sich diese Kr- 
scheinung an einem Beispiele aus der organischen Well erklären. l T nsere 
Gesundheit wird garantiert durch ein System von Blutdrüsen, von denen 
mehrere die Rolle von Antagonisten spielen. Die eine Drüse sönderl 
einen Stoff ab, der zum Gift würde, könnte er nicht durch den Stoff 
einer anderen Drüse unschädlich gemacht «Verden. Entfernt man eine der 
Drüsen, so entsteht infolge der übermäßigen Absonderung des einen 
Stoffes ausnahmslos eine Erkrankung, es sei denn, daß eine dritte Drüse 
hilfreich beispringt und die Rolle des Antagonisten übernininii. Ähnlich 
ergeht es uns auch mit unseren Trieben. Wie in einem Uhrwerk greifen 
die verschiedenen Triebe ineinander. Jedem Trieb entspricht ein Gfgen- 
trieb, der ihn hemmt. Es ist ein ewiges Auf- und Xiederwogen, wobei 
bald die einen, bald die anderen Triebe die Oberhand erhalten. Alles im 
menschlichen Leben ist „bipolar". 

Es gibt also keine Liebe ohne Haß, und es gibt keinen Baß ohne 
Liebe. Der Gegensatz von Liebe ist nicht Haß. sondern Gleichgültig- 
keit; der Gegensatz eines Gefühls kann nur die Gefühllosigkeit sein. Die 
Abneigung, die affektiv gefärbt ist, dient häufig nur dazu, eine Neigung 
zu verbergen und gegen eine Neigung zu schützen. Liebe und Haß 
müssen Hand in Hand gehen und wir müssen den Menschen, den wir 
lieben, zugleich hassen, weil dieser Haß schon in der Natur der Liebe 
begründet ist. „Plus on aime une maitresse, plus on est pres de la luiir" 
— sagt Rochefoucauld. 

Freilich ist dabei eines zu bedenken. Dieser Haß wird sieh nie 
offen zeigen. Er wird unterirdisch sein Wesen treiben, sieh anstauen. 
sich in Träumen austoben, bis er bei irgend einer Gelegenheit riesengroß 
und übermächtig hervorbricht, so daß wir fassungslos und überwältigt 
diesem Phänomen gegenüberstehen und alle unsere intellektuellen Er- 
kenntnisse der tosenden Urgewalt des Affektes gegenüber vollkommen 
versagen. 

Zwischen Mann und Weib tobt ein urewiger Kampf, der nie zu 
Ende gehen wird. Man denke an das merkwürdige Bibelwort: Und ich 
will Feindschaft setzen zwischen dir und deinem Weibe, und zwischen 
deinem Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir den Kopf zertreten 
und du wirst ihn in die Ferse stechen." x ) 

Wir müssen uns dazu bekennen, daß zwei bipolare Kräfte in der 
Seele des Menschen um die Herrschaft ringen : „Der Wille zur 
Macht" und „der Wille zur Unterwerfung.--) luden 

*) Die Schlange ist als phänisches Symbol juifeufaseen. 

■) Von mir zuerst formuliert in dem Kapitel „Der Wille zur Unterwerfung" 
meines Buches „Unser Seelenleben im Kriege". Verlag Otto Salle. Berlin 1J115. 



/ 



230 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



verschiedenen Formen der Liebesekstase kommen diese Kräfte deutlich 
zum Ausdruck. In ihren extremsten Formen als Sadismus der den 
Willen zur Macht sogar symbolisch zum Ausdruck bringt und als Maso- 
chismus, der den Willen zur Unterwerfung oft zum Lächerlichen kari- 
kiert Was aber so in den extremen Formen fast krankhaft auftritt, 
zeigt sich dem aufmerksamen Psychologen in unzähligen feinen Über- 
gängen und Rudimenten, verschleiert und versteckt, oft durch das 
Gegenteil maskiert. Das Problem der Dyspareunie fordert aber immer 
dazu heraus, eine solche Untersuchung vorzunehmen 

Es ist eine geheime (uneingestandene) Vorstellung aller Lieben- 
den- Einen anderen „fühlen" lassen, heißt, ihn be- 
siegen. Sich einem hingeben, so daß man empfin- 
det heißt, seinen Willen aufgeben. Symbolisch druck, 
sich 'schon in der Stellung durch das Untenliegen des Weibes die Unter- 
werfung aus. Alfred Adler legt auf diese Symbolismen von oben und 
unton mit Recht großen Wert. Es gibt eben Frauen, die nur oben 
empfinden, d. h. mit der Vorstellung, daß sie ein Mann sind und den 
Partner als Weib, als Unterlegenen empfinden lassen. Bei einem Manne 
empfinden, heißt ' sich für besiegt erklären. Messalina hieß die Un- 
besiegte, „Invicta", weil sie aus den Umarmungen von Dutzenden von 
Männern immer noch begehrend hervorging. Eine Frau muß sagen: 
„Mache mit mir, was du willst", und dann: „Ich kann nicht mehr Ich 
bin am Ende meiner Kräfte und meines Begehrens." 1 ) Dann erklart sie 
sich im Kampfe und Spiele der Liebe ah besiegt. Sie muß zu Nichts zer- 
schmelzen. Dafür kann sie auch nach der Niederlage den Wunsch hegen 
.sich zu rächen. 2 ) Sie kann diese Hingabe als Niederlage empfinden, hu 
kann der Wiederholung des Liebesaktes ausweichen, ^otz.oder ^egen 
des großen Orgasmus, um nicht wieder zu fallen und sich als Nichts z 
fühlen Die Herrschsucht kann ihr wichtiger werden 
lu die Genußfreudigkeit, das Gefühl d ; rW 
Henkelt von größerer Bedeutung als die Starke 

■ l) Auch der Wunsch zu starben bezeugt die höchste Stufe des Orgasmus, die 
vKIHsn Vernichtung, die gedankliche Auflösung in dem anderen. 

< TftW d« große Dichter und tief schürfende Psychologe, hat das ,u seinem 

Erstling!:!:!: ..Tudith" trefflich ^gedrückt. Judith, die Holofernes ebenso bebte, aU 

.te ihn haCte, sagt zu M.rza: - > ^ ^ ^ ^ gliche, 

. Daß er im« > ff* ^W . mMdetcst du? Und nun ich mich bezahlt 

ttflllÄtÄ ich in seinen Armen empfand, nun ich mich rächen 
machen will für die \ ermuuuufe. „einem Herzblut die ent- 

w» für rohen Griff in meine Menschheit h.nein, ^J^^X^^t da 
ehrenden Küsse, die noch auf meinen L.ppen brennen, J***gffi™ JV, Sie 
Zu, mit fortzuziehen- Sie ^ W ^"^Ä Ä * 



Der Kampf der tieschlcchter. n»i 

der sexuellen Empfindung, und es häng! immer davon ab, 

wie sich die beiden Geschlechter zu einander gestellt haben. Nehmen sie 
eine Kampfesstellung ein, ist der Haß bewußt oder anbewußt Stark 
genug, so wird der Eintritt des Orgasmus als Niederlage gewortet und 
nicht zugelassen. Wir wissen schon, daß fast alle Frauen imstande sind, 
den Orgasmus auszuschalten. Die Dirnen haben darin die größte Er- 
fahrung. Sie sind alle relativ anästhetisch, häufig homosexuell, aber 
immer imstande, bei ihrem Geliebten den Orgasmus zu erzielen, wenn 
das Herz mitspricht und der Wille zur Unterwerfung den Willen zur 
Macht besiegt, Viele Frauen wollen nicht empfinden. Aber es gibt auch 
Frauen, die ihre Empfindung nicht eingestehen wollen. Sie belügen den 
Mann, den Arzt und auch manchmal sich selbst. Sie verschweigen den 
Orgasmus oder haben es dazu gebracht, den Orgasmus zu verteilen und 
durch viele kleine Vor- und Nachorgasmen zu ersetzen. In den Formen 
der tarierten Onanie habe ich diese Art der Verschleierung eingehend 
beschrieben. 

Diese Erfahrung heißt uns etwas vorsichtiger sein bei der Auf- 
stellung einer Statistik. Wir müssen auch die lügend e Frau hinzu- 
rechnen, die das Geständnis ihres Orgasmus als Niederlage wertet. Sie 
hat auch für diese Lüge eine Lustprämie. 8 ) Der Mann wird immer 
wieder zu neuen sexuellen Taten angespornt, um den Orgasmus trotz 
ihrer scheinbaren Kälte hervorzurufen. Deshalb nehmen diese Frauen 
sich verschiedene Liebhaber und alle lassen sie angeblich kalt. Sie 
belügen sich auch selbst, indem sie den Orgasmus als Vorlast werten 
und sich sagen, es müsse sich noch steigern lassen, es sei noch nicht das 
Richtige, es müsse noch schöner sein. 

Jedes Weib spielt ein bißchen Komödie. „Der Typus der kalten 
Frau, die sie vor sich und ihrem Mannt spielt, ist gar nicht so selten. 
Etwas unglaublich klingt es, wenn man erfährt, daß es auch Damen tun. 
die es mit der Tugend gar nicht genau nehmen. Sie wechseln die Lieb- 
haber. mit unheimlicher Schnelligkeit und betonen jedem gegenüber, daß 
sie kalt wären und nur aus Freude an der Freude des anderen die Tugend 
und die Zeit verlören. Dieser Typus darf nicht mit der Liebessuchcrin 
verwechselt werden, die in der Tat kalt ist und sich nach Liebe sehnt 
und verzehrt. Sie sucht ewig, ohne finden zu können, eine Messalina 
ohne Erlösung, die von Enttäuschung zu Enttäuschung liebt, sich durch- 
liebt, immer in Brand, immer in Erwartung der großen Ekstasen, die 



3 ) Kiseh (Das Geschlechtsleben des Weibes) sagt.: „Allerdings darf man dabei 
nicht vergessen, daß eine gewisse Zahl von Frauen ganz ungerechtfertigt. Dyspareunie 
heuchelt, um, als lustlos auf dem ehelichen Altare Liebcsopfer darbringend, l n t,. ri .„,.,. 
zu erregen; der Frauenarzt wird solche Irreführung leicht erkennen und hat ja eine 
Kontrolle in den Aussagen des Gatten." 



2B2 



Die Geschleclitskälte der Frau. 



ihr verschlossen sind, weil die nüchterne Realität durch den Vorgenuß 
der üppigsten Phantasien entwertet wurde . . . Nein, unsere kalte Frau 
erwartet gar nichts. Sie ist gar nicht kalt. Sie gefällt sich nur in der 
Rolle der „Unbesiegten", sie hält ßich für interessanter und glaubt sich 
in ihrer Würde etwas zu vergeben, wenn sie nur ein Quentchen dieser 
immer wieder betonten Kälte verleugnet. 

Wir haben ein klassisches Beispiel für diese Art von kalten Frauen 
welche ihre Leidenschaftlichkeit so glänzend zu verbergen wissen, dal* sie bald 
selbst an die Komödie glauben, in der von Jean Jaques Rousseau so vor- 
trefflich geschilderten Frau von Warrens. Sie war die mütterliche 
Freundin des berühmten Philosophen, die auch seine erste Geliebte wurde, bie 
machte nicht viel Umstände und weihte ihn nach einer (raffiniert vorher 
bestimmten) Woche der Erwartung in die Mysterien der Liebe ein. Um so 
wunderbarer ist die Tatsache, daß sie ihrem Schützling, der sie immer als eine 
Art höheren Wesens betrachtete, gestand, daß „sie nicht begreifen konnte, daß 
man der Liebe so viel Bedeutung beilegte, die für sie gar keine hatte Sie 
beehrte eine Enthaltsamkeit, die sie so wenig kostete, nie mit dem »amen 
„Tugend". Und Otto Adler (1. c), dem wir ein so gründliches wissenschaftliches 
Werk über Dyspareunie verdanken, nimmt ihre Geständnisse ernst und bemuht 
sich zu beweisen, daß diese merkwürdige Dame unter seelischen Hemmungen 
gelitten habe, zu deren Sprengung das „pathologische Sexualempfinden eines 
Rousseau nicht ausreichte. Nun, es wird mir nicht schwer werden, zu beweisen, 
daß dies nicht der Fall war, und daß Frau Warrens aus bestimmten, spater 
zu erörternden Motiven die unempfindliche Frau gespielt hat. 

Ihre Lebensgeschichte klingt so unwahrscheinlich, daß man sie am 
liebsten als Erfindung eines überhitzten, phantastischen Gehirnes auffassen 
möchte. 'Aber wir rechnen immer mit den Möglichkeiten unserer Zeit und ver- 
gessen gar zu leicht, daß in längst versunkenen Jahrhunderten andere Sitten 
geherrscht haben . . . 

Frau Warrens, ein intelligentes, liebreizendes Mädchen aus einer adeligen 
Familie im Kanton Waadt, heiratete sehr jung einen Herrn von Villardin. Die 
Ehe war kinderlos und - nach dem Ausspruche des Biographen - „nicht allzu 
glücklich" Also bloß eine nicht allzu glückliche Ehe! Diese Frau schildert der 
Dichterbiograph folgendermaßen: „Ihre Schönheit gehörte zu jenen die lange 
Dauer haben, weil sie sich weniger in den Zügen als im Gesichtsausdrucke 
ausprägt Sie hatte eine angenehm berührende und zärtliche Miene, einen sehr 
sanften Blick, ein engelgleiches Lächeln, einen dem meinigen ähnlichen Mund 
und aschfarbiges Haar von ungewöhnlicher Schönheit, auf dessen Ordnung sie 
wenie Sorgfalt verwandte, was ihr etwas ungemein Reizendes verlieh. Sie war 
nur klein sogar untersetzt und hatte eine starke, wenn auch nicht unschöne 
Taille. Aber es war unmöglich, einen schöneren Kopf, schönere Hände, einen 
schöneren Busen und schönere Arme zu sehen . . ." 

1 lese Frau lernte in der Ehe einen Philosophen, Herrn von Tavel, können, 
der ihr lange Vorträge über das Unnatürliche und Lächerliche der ehelichen 
Treue hielt, bis er sein Ziel erreichte und sie seine Geliebte wurde Rousseau 
verteidigt die Frau und meint, Herr von Tavel habe ihre Vernunft, nicht ihr 
Herz erobert. Aber der Philosoph Tavel, der die Treue so lächerlich darstellte, 
erlebte die Anwendung der gepredigten Grundsätze am eigenen Ich. Frau von 



Der Kampf der Geschlechter •»;;;; 

Warrens machte den Betrüger zum Betrogenen und schenkte ihre Gunst dem 
Prediger Perret. Wohlgemerkt ... die kalte Frau, die .sich unglücklich fühlte. 
Sie war noch nicht 21 Jahre alt, da hörte sie, daß der König Victor 
Amadeus in der Nähe war. Sie war Protestantin und er ein eifriger Katholik. 
Sie suchte ihn auf und warf sich zu seinen Füßen, ihm ihr traurigi* Schicksal 
erzählend, mit der Bitte, sie aus der Hölle dieser Ehe zu erlösen. I Hess Erlösung 
scheint sehr gründlich vor sich gegangen zu sein. Denn der sonst wenig frei- 
gebige Fürst setzte ihr eine Pension von 1500 piemontesischen Livree aus Und 
sandte sie zur Aufnahme in die katholische Kirche in ein Kloster, als er wahr- 
nahm, daß man ihn für verliebt erklärte, da man sich seine Freigebigkeit nicht 
anders deuten konnte. Sie schwor dort den protestantischen (ilaul.cn ab und 
lebte dann in Chamberry mit einem Haushälter Claude Anet, mit dem sie auch 
intime Beziehungen pflegte. Sie wußte dies intime Verhältnis geschickt zu 
verbergen, bis ihr eine schwere Erkrankung Anete das Geständnis entriß. Bei 
ihr suchte und fand der Knabe Rousseau Schutz und ein friedliches Asyl, lud 
als er heranwuchs, spielte sich jene bekannte, in der Literatur berühmte Ver- 
führungsszene ab, die der geniale Dichter so trefflich in seinen „Confeaaionß" 
schildert. Die Warrens aber charakterisiert er in den kritischen Momenten als 
„weder traurig noch leidenschaftlich, zärtlich und ruhig". Nach zehnjährigem 
Zusammensein mit dieser Frau reist Rousseau wegen einer Neumse ' I nach 
Montpellier, wird auf der Reise durch die Bekanntschaft mit der Frau von 
Larnage vollkommen geheilt, ehe er zu dem berühmten Arzte in Montpellier 
kommt, den er aufsuchen wollte, und kommt nun genesen nach Hausa Aber, 
o Mißgeschick! Er findet sein warmes Plätzchen besetzt durch einen simplen 
Friseurgehilfen. Frau von Warrens, die kalte Frau, verlang von Jean Jaques, 
er solle seine Rechte mit dem anderen teilen. Rousseau aber ßueht nach edlen 
Motiven, um zu beweisen, daß eine kalte Frau auch so llatterhati sein l önriß, 
und meint: „Dieser junge Mann kam ihr wie ein Schatz für ihre Angelegen- 
heiten vor. In dem Wunsche, ihn an sich zu fesseln, wandte sie alle Mittel an, 
welche sie für geeignet hielt, und vergaß auf das Dicht, auf welches Bie sich 
am meisten verließ." Ein Meisterwerk der Rationalisierung und Entschuldigung. 
Rousseau aber kann nicht mit einem Barbier teilen. Er verzichtet lieber, «ras 
jedoch den Erfolg hat, daß die kalte Frau immer kälter und fremder gegen 
ihren einstigen „Sohn" und Geliebten wird. .. Rousseau meint mit bv.ht. daß 
keine Frau verzeihen kann, wenn man auf ihren Besitz verziehtet. ..Das Leben 
wurde mir in kurzer Zeit unerträglich. Ich fühlte, daß die persönliche Gegen- 
wart und zugleich die innere Entfremdung einer Frau, die mir so teuer war. 
meinen Schmerz nur erneuerte." 

Hier eröffnet sich uns unvermutet ein tiefer Blick in die I'suh. 
dieser kalten Frau. Wir sehen die Frau als eifersüchtige und auf ihren 
erotischen Besitzstand beharrende Kokette! Sie hält sieh einen Harem 
von jungen Leuten, die sie beglückt, ohne sich dabei selbst zu beglücken. 
Welche lächerliche Farce, zu plump und ungeschickt, um ernst genommen 
zu werden! Wir erfahren aber auch die Motive dieses unglaublichen 
Spieles. Ein kleines Detail verrät uns das innere Räderwerk dieser 
Schauspielerei. Sie konnte nur Unglückliche lieben! 

*) Die Geschichte dieser Neurose siehe in „Nervöse Angstzustände", III. Auf- 
lage, Seite 48. 



9jj4 ' Die Geschlechtskälte der Frau. 

Männer in glänzenden Verhältnissen bemühten sich vergeblich um ihre 
Gunst. Sie war auch nicht käuflich, und obgleich sie immer in Geldnöten 
war/ vei schenkte sie sich lieber, als daß sie sich erwerben 
ließ. 

Das zeigt uns eine stolze Frau, welche im Kampfe der Geschlechter 
immer die führende Rolle haben will. Sie will herrschen, sie will sich 
herablassen, sie will beglücken. Deshalb diese Liebe zu Dienern, 
Gärtnern, Friseurgehilfen, Unglücklichen, Knaben, kurzum zu Männern 
und Halbmännern, denen sie i m p" o n i e r e n konnte. Sie mußte sich 
• dem Manne gegenüber als Persönlichkeit fühlen, das war ihre Liebes- 
bedingung. Deshalb durfte sie auch nicht die Empfindung und den Genuß 
eingestehen. Sie wollte sich nichts schenken lassen. Sie wollte nur die 
Schenkende sein. Einen wirklich lieben, heißt, sich ihm hingeben, heißt, 
sich ihm unterwerfen. Sie aber wollte immer herrschen und regieren. An 
dieser Herrschsucht ging ihre Ehe in Brüche. Sie kannte nur einen 
Mann, vor dem sie sich beugen konnte: den König. Vor diesem fiel sie 
auf die Knie und demütigte sich. Da war sie die niedere Magd. Aber 
dieser Fußfall, war er nicht das geschickte Spiel einer gefährlichen 
Kokette, die nach dem höchsten Preise schielte und sich den goldenen 
Karpfen aus dem Liebesteich angeln wollte? Grillparzer hat uns in 
seiner psychologischen Meisterarbeit „Die Jüdin von Toledo" den 
seelischen Mechanismus eines solchen Fußfalles analysiert. Die schlaue 
Jüdin ergreift bei diesem Fußfall das Bein des Königs, um seine Sinn- 
lichkeit zu reizen. Sie demütigt sich, um dann mit Hilfe ihrer Reize um 
so sicherer zu herrschen und über ihn zu triumphieren. Auch Frau von 
Warrens wollte ihre Eigenliebe durch diesen Triumph zu einer berech- 
tigten gestalten, sie wolltesich sagen: Wie schön bist du, wenn selbst 
ein König dir nicht widerstehen kann! Sie brauchte jede Untreue, um 
ihren Verehrern ad oculos zu demonstrieren, daß sie frei sei, daß es 
keinem noch gelungen, sie an seinen Triumphwagen zu spannen, sie sich 
Untertan zu machen. Das 1 Geständnis ihrer Leidenschaftlichkeit hätte 
sie in diesem Kampfe um einen wertvollen Trumpf gebracht. Man gab 
ihr nichts, - was sie brauchte oder gar ersehnte. Was waren ihr die 
Männer? Wozu brauchte sie die Männer? Nur um ihr die Zeit zu ver- 
' treiben, sie zu zerstreuen, sei es durch philosophische Gespräche wie bei 
Tavel 'durch Vorlesungen wie bei Rousseau, oder sie benötigte die 
kleinen Dienste im Haushalt und im Garten. Aber sie brauchte keine 
Liebe. Sie konnte schenken, aber sich nie schenken lassen. Sie haßte 
offenbar die Männer, die sich einbildeten,' etwas zu sein, die Reichen, die 
Berühmten, die Adeligen. 

Es gibt solche Frauen, die sich in Häßliche, Bucklige, Hinkende, 
Schielende, in Krüppel verlieben; die einen Kranken, ans Bett Gefesselten 



Der Kampf der Geschlechter. »23f> 

und ihrer Großmut Ausgelieferten dem stolzesten Recken vorziehen. Sie 
wollen eben das köstliche Differenzgefühl der Persönlichkeit auskosten. 
Je weniger er ist, desto mehr sind sie dann. Das erklärt uns eine Reihe 
sonst unerklärlicher Vorgänge im Liebesleben der Frauen. Natürlich! 
Sie verschleiern diese Tendenzen mit Mütterlichkeit, mit der ganzen 
erhabenen Mission der Nächstenliebe und der Wohltätigkeit. Unsere 
seelischen Mechanismen sind alle bipolar. Wo sich der schöne Instinkt 
regt, den Schwachen beizustehen, dort herrscht in den dunklen l'rwalds- 
gründen der Seele der grausame Trieb, der sein Schicksal am fremden 
Leide mißt und sich erhebt, weil der andere darniederliegt. Das gibt uns 
auch den Schlüssel zum Verständnis der kalten Frauen, die keine kalten 
sind und sie nur spielen . . . 

Die Frauen wie Frau Warrens sind glücklicherweise in diesem 
extremen Typus sehr selten zu finden. Aber Übergänge zu dieser Frau, 
die im Grunde genommen gar keine Frau ist, trotz aller mütterlichen 
Rollen und mitleidigen Posen, findet man häufig genug im Leben. Die 
Prinzessin Chimay, die sich zu einem Zigeuner erniedrigt, und die Else 
Siegel, die heimlich das schmutzige Negerviertel aufsucht, zeigen den 
gleichen Zug der Frau, das Differenzgefühl der sozialen Überlegenheit 
im Kampfe der Geschlechter auszunützen. Sie mögen vielleicht in ihrem 
Kreise als kalte Frauen oder kalte Mädchen gegolten haben. Es gibt 
Menschen, die erst warm werden, wenn sie die ethische Höhe verlassen 
können, welche sie mühsam erklommen haben. Sie begehren auch das 
Differenzgefühl zwischen Höhe und Tiefe an sich selbst auszukosten. 
„Höhen und Tiefen der menschlichen Brust" — wie Goethe so wunder- 
voll in seiner schönsten Ballade „Der Gott und die Bajadere" sagt 
Götter müssen in die Tiefen stürzen und Gesunkene sich von „feurigen 
Armen" gegen den Himmel heben lassen: Das macht den ganzen Reich- 
tum des Lebens aus. Die kalten Frauen aber von dem Genre der Frau 
von Warrens schweben immer gleichmäßig in gleicher Höhe. Sie glauben, 
es wären Höhen ... Sie gleichen den Luftschiffern, welche sich in dichten 
Wolken fortbewegen, Sie haben keine Schätzung der Höhe mehr. Sie 
wähnen sich dem reinen Äther nahe und schon hat sie der nächste Wind- 
stoß an einen Baum getrieben, der ihnen die Gesetze der Erdenschwere 
in unangenehme Erinnerung bringt. Auch diese falschen kalten Frauen 
möchten uns glauben machen, daß sie im weißen Flügelkleide der Musik 
himmlischer Sphären lauschen. Sie kommen sich dadurch viel inter- 
essanter vor und berühren als Extrem einen Typus, den ich eingehend 
schildern werde: Die heiße Frau, die es nicht ist. Den unschuldigen 
Engel, der uns an eine raffinierte Verderbtheit glauben lassen möchte. 
Und es gibt so viele Männer, welche diesen großen Schauspielerinnen 
glauben und die nicht erkennen, daß es sich nur um Rollen handelt und 



23(5 Die Geschleclitskälte der Frau. 

daß die Kleider Kostüme sind. In diesem Betrüge liegt schon ein großer 
Reiz, der diesen raffinierten Komödiantinnen immer wieder die eigene 
Überlegenheit beweist. Sie unterhalten sich herrlich in diesem Theater, 
in dem ihre eingelernten Rollen für echtes Leben gehalten werden, und 
in dem ihr Leben nur eine mehr oder minder gut ausgeführte Rolle ist. 
Sie lachen dann innerlich über alle Opfer, die ihnen die Rolle geglaubt 
haben, und fühlen sich dünn gehoben und erhaben. 

Vielen Menschen gewährt es den größten Triumph, "nicht erkannt 
zu werden und durch die große Redoute des Lebens zu tanzen, ohne sich 
demaskieren zu müssen. Die kalte Frau, die es nicht ist, trägt die Maske 
einer Keuschheit, die sich wohlfeil preisgibt, weil der Wert der Keusch- 
heit in der Überwindung der inneren Hemmungen liegt. Die Keuschheit 
hat einen ethischen Sinn nur bei stark sinnlichen Naturen. Dann ist sie 
ein Sieg oder eine Niederlage, aber das Zeichen eines schweren Kampfes. 
Die Keuschheit der kalten Frau wäre schon kein Verdienst, weil sie eine 
Notwendigkeit und keine Errungenschaft ist. Aber Frauen wie die 
Warrens bieten das traurige Beispiel einer Keuschheit, die die Kleider 
einer Vestalin und das Herz einer Messalina trägt. Sie vertreten die 
Komödie in der Reihe der Tragödien, in denen die Herzen der wirklich 
kalten Frauen verbluten. Dichter und auch die Philosophen sind Kinder. 
Man muß schon die Naivität eines Jean Jaques Rousseau haben, um der 
Frau von Warrens die edlen Motive zu glauben, mit denen sie ihre 
geheimen sexuellen Instinkte bemäntelt. In Liebessachen werden die 
meisten Menschen zu Dichtern und zu Kindern. So wird es immer Opfer 
der Berechnung und der Kunst geben und der Typus der Frau von War- 
rens wird ebensowenig aussterben wie die von ihr- Auserwählten, welche 
sie ernst nehmen und sich demütig bedanken, wenn sie aus einem vollen 
Herzen heraus reichlich gegeben haben. Bettler der Liebe und ein Krösus 
wechseln zuweilen die Rollen. Der Krösus kommt sich arm vor und der 
Bettler glaubt zu verschenken, wenn er von fremdem Almosen lebt. Es 
gibt Menschen, die seelisch nicht lieben können. Solche falsche kalte 
Frauen gehören den innerlich zerrissenen Naturen an, die ihren Körper 
verleugnen, weil sie nur mit dem Körper lieben können und ihre Seele 
eine Laute' iet, deren Saiten längst gesprungen sind, deren Wirbel sich 
im Leeren drehen. Was wissen sie von den süßen Melodien, welche da 
erklingen und alle Sinne betören? Was wissen sie von den Wundern 
einer echten, großen Liebe, in der alle Saiten tönen, alle Menschlichkeit 
lebendig wird, sich alles Göttliche regt und die Natur ihre größten 
Triumphe feiert? Ihr Leben verläuft in kleinen Episoden und 
Histörchen, in einem Hin und Her von verschiedenen Menschen in den 
gleichen Rollen. Es ist kein Erleben, das sie durchmachen, nur ein Unter- 
halten, kein Rausch, nur ein Angeheitertsein, keine Ekstase, nur eine 



Der Kampf der Geschlechter. 



237 



Aufregung. Über ihre Seelen braust nie der verheerende Sturm einer 
großen Leidenschaft. Ein Mensch wiegt den anderen auf. Ist es nicht 
Jean Jaques Rousseau, so ist es ein Friseurgehilfe, Der Wert der In- 
dividualität versinkt in einem Meere von Alltäglichkeit und Gott Amor 
schleicht sich errötend über so viel Verstellung und Schminke zu ein- 
fachen Menschen, die noch die Schmerzen fühlen,' welche seine Heile 
bringen. 

Wir sehen, wie bipolar die Psychogenese des Orgasmus zu werten 
ist,< Es gibt Frauen, die nur bei großen, starken Männern empfinden, 
denen gegenüber sie sich klein vorkommen. (Allerdings werden sie dann 
durch seine Liebe erhöht und fühlen sich ein Teil von der großen Persön- 
lichkeit.) Andere aber können nur dann empfinden, wenn sie sich stärker, 
größer und reicher fühlen als der Mann, der sie besitzt. Das heißt: Der 
Mann besitzt sie niemals. Er wird von ihnen besessen. Sie herrschen und 
dies Gefühl der Macht, des Besitzens, des Herrschens ist die Brücke, 
über die der Orgasmus von ihrer Physis Besitz ergreift. 1 ) 

Da ist eine Erscheinung, die uns in der Psychogenese der sexuellen 
Anästhesie immer wieder begegnen wird: Der Orgasmus tritt !>ei vielen 
Frauen nur ein, wenn zugleich bei der Frau das Gefühl der persönlichen 
Überlegenheit über den sekuellen Partner vorherrscht. Das erklärt uns 
— wie schon erwähnt — eine Reihe von Erscheinungen, über die ich spe- 
ziell beim Fetischismus noch sprechen werde: Die Liebe zu Blinden. 
Lahmen, Häßlichen, Hilflosen, vom Leben Gedrückten, Verlassenen. Knt- 
gleisten, wo das Weib sich als die Retterin und Herrscherin fühlen kann. 
Es gibt eine Menge von Frauen, die nur bei Personen empfinden, die 
ihnen gegenüber schwächer sind. Das zeigt uns auch die merkwürdige 
Erscheinung der Knabenliebe bei den Frauen. Sie ist' zum Teil auf 
gewichtige infantile Einflüsse im Sinne Freuds zurückzuführen. Aber in 
jedem Falle konnte ich jene Erscheinung konstatieren, auf die Alfred 
Adler als „F u r c h t vor dem geschlechtlichen P ar t n e r" 
so viel Wert legt. Es treffen hier viele Motive zusammen : I >ie Arigsi vor 
Gravidität fällt weg. das erhebende Gefühl der mütterlichen Überlegen 
heit 2 ) sichert den eigenen Wert, die Unerfahrenheit des Partners v,r 
schieiert die eigene Unzulänglichkeit (Impotenz!); die satanische 



') In dem anonym erschienenen Roman „L'anmur c'est mon Pwhc" wird mit 
psychologischer Meisterschaft die Anästhesie einer Frau geschildert die rieh auf 
der Flucht vor einem heißblütigen. Don Juan, der auch ihre Sinne durch einen gewaltsam 
geraubten Kuß entzündet hatte, eine Liebe zu einem charaktervollen feinen Oflizi.i 
einbildet. Sie heiratet und ist in der Ehe eine kalte Frau. Erst in den Armen des 
Don Juans, dem sie doch erliegt, empfindet sie die Wonnen der Liebe. 

*) Sehr fein beobachtet in der Meisternovelle von Arthur Schnitzler „Frau Beate 
und ihr Sohn". Ein ähnliches Erlebnis findet sieh in den wunderschönen Novell« von 
Stefan Ziceig „Erstes Erlebnis". 



238 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



Freude an der Zerstörung der Reinheit wirkt als starkes Stimulans. Ich 
konnte bei meinen Analysen keuscher Frauen dieses Verlangen, Knaben 
zu verführen, außerordentlich häufig finden. Meistens sind es Frauen, ' 
welche sich auch darnach sehnen, einen Kranken zu heilen und zu 
pflegen. 3 ) Solche Frauen sind relativ anästhetisch bei potenten, hoch- 
stehenden Männern und hyperästhetisch bei- schwach potenten, leidenden 
Gefährten. 

Fall Nr. 72. Fräulein R. H. wurde mit 17 Jahren von einem starken 
Manne verführt. Nach ihrer Aussage sei sie vergewaltigt worden. Sie 
empfand nichts als Schmerz und Empörung. Trotzdem setzte sie das Verhältnis 
durch zwei Jahre fort, Den Mann brachte ihre Kälte zur Raserei. Er versuchte 
alle möglichen Prozeduren, selbst den Kunnilingus . . . ohne den geringsten 
Erfolg. Sie war immer glücklich, wenn er zu ihr kam, weil sie sonst unter der 
Eifersucht litt und ihn anderen Frauen nicht gönnte. Er war ein auffallend 
schöner, herknlisch gebauter Mann, dem alle Weiber auf der Straße nachsahen. 
Die größte Lust empfand sie, wenn sie mit ihm sich öffentlich zeigen konnte. 
Deswegen gab sie sich ihm hin. Schließlich wurde er ihrer müde und nahm sich ^ 
eine andere, weil sie zu kalt war, obwohl sie in der letzten Zeit schon aus " 
Angst, ihn zu verlieren, ein Gefühl beim Koitus geheuchelt hatte. Sie verlobte 
sich dann mit einem schwerkranken Menschen, der auf dem Sterbebette lag. 
Bei seinen Küssen soll sie angeblich viel mehr empfunden haben. Nach seinem 
Tode kam ein Mann an die Reihe, der ihr seine Impotenz gestand. Bei seinem 
Kunnilingus hatte sie den ersten starken Orgasmus. Sie verliebte sich dann in 
einen Ujährigen Knaben, dessen große Schönheit ihr auffiel. Sie fing an, mit 
Phantasien an. den Knaben zu onanieren, und gab alle anderen Verhältnisse 
auf. Schließlich gelang es ihr, mit dem Knaben bekannt zu werden und ihn zu 
verführen. Hier erreichte ihr Orgasmus den Höhepunkt. Das Verhältnis daueno 
einige Monate. Nachher wurde sie von heftiger Reue erfaßt und widmete sich 
der Krankenpflege. 

Hier sehen wir ganz deutlich das Spiel der ehrgeizigen Tendenzen. 
Sie haßt den ersten Geliebten, weil er sie vergewaltigt hatte, und .ver- 
weigert ihm deshalb den Orgasmus. Zumindestens verbirgt sie ihn vor 
ihm, um ihn nicht über sie triumphieren zu lassen. Sie heuchelt dann 
Empfindung, um ihn an sich zu fesseln und sich die Demütigung zu er- 
sparen, von ihm verlassen zu werden. Die größte Genugtuung hat sie, 
wenn sie der Welt zeigen kann, daß der schöne Mann ihr gehört. Hier 
genießt sie wieder die Triumphe über ihre Rivalinnen, als die alle 
anderen Frauen gewertet werden. Deshalb ist sie eifersüchtig. Nicht 
weil sie den Mann liebt, sondern weil sie ihn keiner anderen gönnt. Für 
viele Frauen, die anästhetisch sind, ist der wichtigste Anreiz zur Viel- 
männerei, anderen Frauen den Mann wegzunehmen. Sie triumphieren 
dann über alle anderen Frauen. Sie bleiben bei dem Manne kalt und 






l ) Diese Liebe zu einem Kranken schildert Lilly Braun in den „Memoiren einer 
Sozialistin". Die Heldin hat vorher eine Enttäuschung mitgemacht. . . 



i. 



Der Kampf der Geschlechter. 5J39 

triumphieren dann über den Mann. So gehen sie als Siegerinnen ÖLber 
Frauen und Männer aus diesem Kampfe hervor. ') 

Die sexuelle Anästhesie ist ein wichtiges Hilfsmittel im Kampfe 
der Geschlechter. Schon die anästhetische Dirne zeigt, daß Frauen öko- 
nomische Vorteile am leichtesten erlangen, wenn sie kalt bleiben. Di" 
Frau, welche empfindet, verliert die Berechnung und die Überlegung. 
Dieselbe Dirne, welche ihre Opfer schamlos ausbeutet, gibt den letzten 
Groschen ihrem Zuhälter, wenn er sie liebt, und schon aii6 dem Grund.', 
weil er sich ihrer nicht schämt. So können anästhetieche Dirnen für 
Kunden empfinden, wenn sie sie ausführen und sich mit ihnen öffentlich 
zeigen. (Einen lehrreichen Fall erzählt Havel ok Ellis.) 

Andrerseits gibt es einen Typus von koketten Frauen, die nichts 
bezwecken, als die Männer heranzulocken, zu demütigen und sich und ihr 
Geschlecht zu rächen. Sie benehmen sich fast me Dirnen. Sic sind so 
herausfordernd und kokett, daß man der Meinung ist, es wäre ein 
Leichtes, sie zu erobern. Nähert man sich ihnen, so weisen sie ein 
kühl ab oder ziehen die Hingabe in die Länge, so daß der Liebhaber 
ermüdet wird und die Hoffnung aufgibt. Oder sie geben sich hin und 
brechen sofort das Verhältnis wieder ab, nehmen einen anderen Geliebten 
und machen den Mann rasend eifersüchtig. Viele- Verbrechen entst.-h.-n 
gerade durch solche Frauen, welche im Grunde genommen anästhetisi h 
sind, weil der Wille zur Macht den Willen zur Unterwerfung vernichtet 
hat und die Wonnen des Triumphes die der sexuellen Lust weif ttber- 
steigen. 

Fall Nr. 73. Frau G. H. ist in der Ehe anästhetisch. Sie begreift es eicht, 
wie man um so etwas stehen könne. Allerdings bereite es ihr ein großes 
Vergnügen, wenn ihr die Männer den Hof machen. Sie hat eine merkwürdige 
Art herausgefunden, täglich ihre Triumphe zu feiern. Sic geht» ziemlich auf- 
fallend gekleidet, durch die Kärntnerstraße. 2 ) Hier beginnt sie mit allen Herren 

*) Die Kälte der Frau als Mittel zur Macht behandelt das tiefsinnige Märchen 
„Fitchers Vogel". Ein Mann lernt drei Schwestern können. Er nimmt die erste and vor- 
bietet ihr, in die verbotene Kummer zu gehen. Sie tut es im!/, des Verbotes, Hin Ei, 
das sie in den Händen halten muß, fällt zu Boden und wird blutig, sie sie bemerkt, 
daß die ganze Kammer mit blutigen, zerstückelten Frauenleiden angefüllt ist. Ihr Mann 
kommt nach Hau6e, sieht das blutige Ei und tötot sie, weil sie das Gebot übortreton. 
Der zweiten Schwester geht es ebenso. Die dritte aber läßt das Ei draußen, oho sie 111 
die Kammer geht. Nun hat sie alle Macht über den Mann gewonnen. Sie rächt ihre 
Schwestern und der Mann verbrennt jammervoll, während sio ihre. Lust daran findet, 
sich allein in einem Bette zu wälzen und den mit. Leim beschmierten Körper mit. Federn 
zu schmücken, so daß sie Fitchers Vogel wird. Der Sinn: Sio ist Onanistin und gehl 
nicht .in die verbotene Kammer. Sio orliogt nicht ihrer Lu6t, sie läßt sich nicht 
deflorieren, 6ie rächt ihre Schwestern und der Mann verbrennt aus Leidenschaft und 
Verlangen, das sie nicht stillen will . . . 

2 ) Eine bekannte Promenade in Wien, auf der sich viele Prostituierte in die 
elegante Welt mengen. 



■040 ^' e Geschlechtskälte der Frau. 

zu kokettieren, bis sie merkt, daß ein Herr ihr nachsteigt. Sie geht dann, ohne 
sich umzudrehen, in eine Nebenstraße. Plötzlich ist der Herr an ihrer Seite und 
richtet an si© die obligate Frage: Darf ich Sie begleiten, mein schönes Fräulein? 
Oder: darf ich mit Ihnen gehen, schöne Frau? Sie sieht ihn dann mit einem 
durchbohrenden, verächtlichen Blick an und geht, ohne ein Wort zu sagen, 
weiter. Wird er zudringlicher, so sagt sie: „Sie scheinen sich in der Adresse 
geirrt zu haben. Wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen, so wende ich mich an 
einen Schutzmann' - . Dies Spiel wiederholt sie oft mehrere Male an einem 
Nachmittage . . . 

Der nächste Fall zeigt uns den Typus der anästhetischen Frau, 
welche die Dirne spielt, einerseits um über die Männer zu triumphieren, 
andrerseits um sich den Schein einer modernen Frau zu geben. Über 
diesen psychischen Mechanismus müßte man eine eigene Untersuchung 
anstellen. Ich nenne diese Erscheinung den „unmoralischen Imperativ". 
Junge Männer, welche gegen ihre Überzeugung den Don Juan und 
Schwerenöter posieren, Frauen, die eine Untreue brauchen, um sich vor- 
zumachen, sie wären große Sünderinnen oder außerordentlich verderbte 
Wesen. In Paris sollen eine Menge Frauen der vornehmen Gesellschaft 
sich Liebhaber nehmen, weil der unmoralische Imperativ es verlangt. x ) 
Solche Frauen können auch die Umkehrung des gewöhnlichen Vorkomm- 
nisses zeigen. Sie sind in der Ehe befriedigt und kommen zum Orgasmus, 
während der Geliebte sie kalt läßt. (Das Umgekehrte ist die Regel.) 
Diese Frauen, die doch immer herrschen wollen und deshalb schon 
bei der Hochzeit dem Bräutigam auf den Fuß treten, was sehr verbreitet 
sein soll 2 ) , bleiben bei ihrem Manne vollkommen anästhetisch. Die Ehe 
ist die Herausforderung zum Zweikampf um die Herrschaft. Ist der 
Mann so ungeschickt, seine Herrschergelüste offen zu zeigen, so kann 
sogar schon in den ersten Monaten der Ehe der Vaginismus als erstes 
Symptom ein starres Nein der Frau bedeuten, während der Mann sich in 
Verlangen verzehrt. Die Anästhesie folgt dann nach. Zum Überdruß 
entdeckt die Frau, daß der Mann aus dem Munde schlecht rieche, daß er 
unrein sei, daß sein Körpergeruch unerträglich wird. Kurz, er wird in 
jeder möglichen und unmöglichen Weise entwertet'. 

Diese Frauen gewähren dem Liebhaber dann alles, was sie dem 
Manne verweigern. Dem Liebhaber gegenüber fällt der Trotz weg, der in 
der Ehe eine so große Rolle spielt. Machen doch die Ehegatten unbewußt 
einander für die Fessel der Monogamie verantwortlich. Ferner kommt 
die unangenehme Verquickung von ökonomischen und erotischen Fragen 



') In einem Romane der pikanten Schriftstellerin Gyp wird dargestellt, wie die 
Frau nur eines bedauert: Daß ihr Mann nicht ihr Geliebter ist, er würde ihr am besten 
gefallen. Leider ist er aber nur ihr Mann. 

2 ) Besonders bei slawischen Völkern. Die Frau, welche bei der Trauung ihrem 
Manne auf den Fuß tritt, wird ihn in der Ehe beherrschen! 



Der Kampf dm- Geschlechter. 



241 



in Betracht, die Abstumpfung der Gewohnheit. Überdies sind Männer 
ihren Ehefrauen gegenüber sehr zurückhaltend und erlauben sich viele 
Praktiken nicht, welche sie bei ihren Maitressen oder den Frauen der 
anderen ausführen. Die Frauen rächen sich dann' für diese keusche 
Zurückhaltung dadurch, daß sie sich einen Geliebten nelunen und sieh 
bei diesem wie eine Dirne benehmen. Sie sind dann glücklieh, daß der 
lästige Firnis der Kultur und Moral wegfallen kann. Ks kommt aber vor. 
daß Frauen vor ihrem Manne heucheln und ihm Perversitäten ver- 
weigern - mit der Motivierung, es wäre ekelhaft und er wäre ein 
Schwein-, welche sie dem Geliebten gestatten, ja, welche sie von .lern 
Geliebten geradezu fordern. So kannte ich eine Frau, welche dem Ge- 
liebten immer die Fellatio ausführte. Ihrem Manne, der ihr dies Ansinnen 
stellte, machte sie eine große Szene und drohte sogar mit Scheidung. 

Fall Nr. 74. Frau Z. T., eine Frau, die nie empfunden hat, ist an einen 
geistig sehr hochstehenden Mann verheiratet. Seine Überlegenheit jedoch kann 
sie nicht vertragen. Sie versuchte zuerst, mit ihm gleichen Schritt zu halten 
und sein Fach- zu studieren. Das war ihr zu mühevoll und wurde schon in der 
Brautzeit aufgegeben. Der Mann ist sehr geleiert und hat zahlreiche Sünde- 
rinnen, die ihm nachlaufen und den Hör machen. Sie aber nahm sieh vor 
„nicht" in diesen lächerlichen Kultus zu verfallen. Sie war in der Ehe vom An- 
beginne anästhetisch und blieb es auch. Sie konnte den Orgasmus nur durch 
Onanie erzielen, was sie immer tat, wenn ihr Mann sie gesättigt verließ und 
wovon sie ihm auch Mitteilung machte. Seine Versuche, sie durch Friktion zu 
erregen und den Orgasmus zu erzielen, wurden als schmerzhaft und unge- 
schickt zurückgewiesen. -Sie begann aber bald Ober die Tätigkeit de< M-inii.« 
zu lächeln und sie herabzusetzen. Sie begreife die dummen Gänse nicht die 
hinter ihm so her seien. Sie sehe hinter die Kulissen des großen Mannes. 1« 
den Streitigkeiten, die an der Tagesordnung waren, kamen Ausrufe vor wie- 
„Mir imponiert deine Schreiberei nicht!" Oder: „Du glaubst, weil du das zu- 
sammenschmierst, daß du mit mir machen kannst, was du tffllst" Der Mann 
begann sich immer mehr mit den Schülerinnen abzugeben. Die Frau aber um- 
gab sich mit einem Stabe von jungen Leuten. Jeder hätte glauben müssen sie 
wäre eme leichtfertige Frau. Aber keiner der jungen Leute konnte sieh trotz 
aller Schmeicheleien der kleinsten Gunst rühmen. Sie war eine petite bourgoise 
mit den Allüren einer demi-mondaine . . . Das trieb sie vi.de Jahre bis sie 
.merkte, daß ihr Mann sich ernstlich in eine andere Frau verliebte' Kieme 
Liaisons hatte sie stillschweigend geduldet und immer wieder triumphiert wenn 
die „armen dummen Mädchen'- verlassen wurden und sich die Wen rot 
weinten Ja sie wurde dann ihre Freundin und mütterliche Trösterin und nahm 
sie in ihren Liebeshof auf, wohl um ihren Mann damit zu ärgern und ihm ÖDp 
gelegenheiten zu machen. Nun verliebte sich ihr Mann in eine Dame der Ge- 
sellschaft. Das brach ihre bisherige Haltung. Sie gab sich dem ersten bestell 
Junghng einmal hin ... und empfand keinen Orgasmus. Der wiegte sich in der 
stolzen Hoffnung eine solche Geliebte erobert zu haben. Aber er war nur ein 
Mittel ^m Zweck, eine Schachfigur im Kampfe der Ehe. Sie gestand nun ihrem 
Manne daß sie ihn betrogen habe, und erwartete eine große Szene. Sie wollte 
sich ja für seine erste eigentliche Untreue empfindlich rächen. Ihre 1 »em.it imm» 
war grenzenlos, als der Mann ihr sagte, daß er diese Untreue verstehe und 

Stekol, Störungen dos Trieb- und Affektlebens. m. 2 \ufl 

Mi 



242 Die Geschlechtskälte der Frau. 

begreife. Sie könnten ja ruhig auseinandergehen. Nun zeigte sich erst un- 
wahrer Charakter. Diese Frau, die behauptete, ihren Mann nicht zu lieben und 
die Fessel der Ehe widerwillig zu ertragen, diese Frau, welche Vorträge hielt, 
welche das Recht der Frau auf freie Liebe propagierten, weigerte sich, sich von 
ihrem Manne scheiden zu lassen, um ihrer Rivalin nicht den Triumph zu 
gönnen. Es kam zu einer großen Aussprache und zu einer großen Ver- 
söhnungsszene. Dann kam es wieder nach langer Zeit zu einer Kohabitation. 
Die Frau gab sich unter Tränen hin und empfand den ersten großen Orgasmus. 
Der Mann hatte sie besiegt. Sie gab den Kampf auf . . . 

Wie viele solche anästhetische Frauen lassen sich auf diesen Typus - 
zurückführen! Wie. klug sind die Männer, die den Frauen den Schein 
einer Herrschaft lassen und alles " durchsetzen, indem sie ihre Frau so 
führen, daß es den Anschein hat, sie vollzögen ihren Willen! 

Der nächste Fall bietet uns mehr Erkenntnisse als viele andere, 
weil er mehrere Motive der Anästhesie vorbringt. Er zeigt uns die Macht 
der Raohetendenzen und die Flucht vor einer Sexualität, welche die Per- 
sönlichkeit vernichten könnte. 

Fall Nr. 75. Frau E. W., die 29jährige Frau eines hohen Beamten, hat 
eine lange Leidensgeschichte zu klagen. Sie kommt zu mir, weil sie von einem 
rezenten Erlebnis im Tiefsten aufgewühlt wurde. Sie war in der Ehe voll- 
kommen anästhetisch und begann zu kränkeln. (Die Reichhaltigkeit ihrer 
nervösen Symptome kann hier übergangen werden.) Sie suchte bei zahllosen 
Ärzten Heilung und kam in zahlreiche Sanatorien. Sie verschwendete ein Ver- 
mögen für ihre Wiederherstellung. Mutter von zwei Kindern, war sie nicht 
imstande, ihrem Manne den Haushalt, zu führen. Im letzten Sanatoriuni lernte 
sie einen Assistenten, einen wohlgefälligen, sehr intelligenten jungen Mann 
kennen, der sie einer psychanalytischen Kur unterzog. Im Verlaufe der Be- 
handlung verliebten sie sich ineinander. Der Arzt verlangte von ihr die völlige 
Hingabe. Obgleich sie glaubte, daß sie hei ihm sicher empfinden würde, sagte 
sie immer wieder nein und fuhr unberührt wieder in ihre Heimat. Hier setzten 
aber die Phantasien ein: Sie machte sich Vorwürfe, daß sie das große Glück 
ihres Lebens versäumt hatte. Von dem geliebten Manne kamen Briefe, die 
immer stürmischer um ihre Liebe warben. Schließlich überwand sie alle inneren 
Hemmungen und kam zu ihm: Jetzt kannst du mich nehmen. Ich gehöre nur 
dir! Sei es, daß der Mann vor der Größe ihrer Leidenschaft zurückschreckte, 
sei es, daß er sich der großen Verantwortung bewußt wurde, einen Menschen 
an sich zu fesseln und der Familie zu entreißen, oder sei es, daß er inzwischen 
sich anderweitig vergeben und gebunden hatte — er wies sie kalt und zynisch 
zurück. Was sie sich vorstelle? Er könne ihr nur ein Arzt und vielleicht ein 
Freund sein, wenn sie alle sexuellen Gefühle unterdrücken könnte ... Die Frau 
brach in sich zusammen und war dem Wahnsinn nahe. 

Es gelang mir, sie bald zu beruhigen, und ich erfuhr bei dieser Gelegen- 
heit ihre außerordentlich lehrreiche Lebensgeschichte. Sie stammte aus einer 
kinderreichen Familie und lernte schon früh die groben Tatsachen der Liebe 
kennen. Das heißt, sie onanierte und hatte sich durch Lektüre und durch 
Freundinnen alle Kenntnisse verschafft. Der Anfang der Onanie soll in das 
14 Jahr fallen. Ihr erstes sexuelles Erlebnis hatte sie mit 16. Sie war in den 




Der Kampf der Geschlechter, 243 

Sommerferien bei einer Freundin auf Besuch, deren Vater, ein ernster, schöner 
Mann, ihr sehr gefiel, so daß sie mit ihm ein wenig kokettierte. Eines Abends 
stand sie im Hemd vor dem Spiegel und betrachtete sich wohlgefällig Plötzlich 
öffnete sich die Türe und der Vater der Freundin trat, in ihr Zimmer Sie 
schreckte zusammen und beruhigte sich bald, als er ihr sagte, er wollte ihr 
nichts machen und sich nur an ihrer Schönheit freuen. ..Zeige dich mir wie dich 
Gott geschaffen hat", bat und flehte er. Sie ließ eich nicht lange bitten und ließ 
ihr Hemd lallen. Da geriet er in Entzücken und Raserei, sagte, wie schade 
es sei, daß er sie nicht besitzen könne und verschwand. Am nächsten \bend 
kam er zu ihr ins Bett. Es kam nie zu einem Koitus. Er spielte mit ihr und 
gab ihr den Phallus in die Hand, so daß es zur Ejakulation kam. Sie geriet in 
hochgradige Erregung und hatte ebenfalls einen starken Orgasmus wenn es 
bei ihm zur Ejakulation kam. Nach vier Wochen verließ sie das Haus der 
Freundin. Die Briefe des Mannes erwiderte sie kühl und brach bald die Korre- 
spondenz ab. Sie hatte nämlich kurz darnach einen Mann keimen geleral der 
Marhtt: Groß, blond, mit blauen Augen, ein deutscher Recke mit dem 
obligaten weichen, schön gewellten Vollbarte. In diesen Mann verliebte frie 
sich über beide Ohren und hatte das Glück, daß diese Liebe von ihm ebenso 
heiß erwidert wurde. Das Verhältnis dauerte zwei Jahre. Er küßte sie wieder- 
holt und schon bei seinen Küssen empfand sie den stärksten Orgasmus. Sie 
dachte oft: Wie wird es erst sein, wenn er dich ganz besitzen wird'' Eine 
Berührung semer Hand ließ sie erschauen» und sie fühlte, daß sie ihm nicht 
AViderstand leisten könnte, wenn er von ihr alles verlangen würdo Ja sie 
erwartete sogar diese Aufforderung und war eigentlich enttäuscht weil sie 
nicht erfolgte. Der Mann hatte aber seine guten Gründe, wenn er nicht zu weit 
gehen wollte. Er wollte sich offenbar nicht definitiv binden Ihre Truier 
war groß, als der Geliebte in eine andere Stadt versetzt, wurde Er war Beamter 
und hatte nur ein kleines Einkommen. Er avancierte bei der VersetzuM and 
sie freuten sich, so dem Ziele näher zu kommen. Nun begann eine rege Korre- 
spondenz, erfüllt von Liebesbeteuerungen und Liehosschwüren \bcr allmäh- 
lich wurden seine Briefe seltener. Er hätte so viel zu tun, er käme kaum" wieder 
zum Schreiben. Und eines Tages kam ein Brief, in dem er ihr für die Liebe 
dankte, er werde sie nie vergessen, er werde nie eino andere so wie <ie lieben 
können. Allein er sei ein kleiner Beamter und ohne jegliche Mittel, er müsse eine 
Geldheirat machen. Sie solle es ihm verzeihen und es auf das Konto eine, 
grausamen Schicksales setzen. 

Die Verzweiflung des Mädchens war ungeheuer. Erst dachte sie nur an 
Selbstmord und wollte ms Wasser gehen. Dann wollte sie sich der Kranken- 
pflege widmen und barmherzige Schwester werden. Sie bekam einen Zorn aul 
alle Männer" und nahm sich vor, keinen Mann mehr zu lieben" 

In dieser Zeit der größten Verzweiflung und Trauer wurde sie in eine 
Gesellschaft geladen. Sie saß neben einem Herrn, der gleich ihr .ehr nieder- 
gedrückt und traurig war. Dieser Mann hatte das gleiche Mißgeschick erfahren 
Em Mann, dem er als Freund vertraute, hatte ihm seine Geliebte absperrte 
gemacht und geheiratet. Da der Freund reicher war als er. so war d.s nicht 
schwer. Sie wurden bald miteinander vertraut und klagten einander ihr UM 
Sie tröstete ihn so gut sie konnte, er versuchte, sie über ihr Leid himve^,,- 
brmgen. Seit diesem Abend trafen sie sich fast jeden Tag auf den. Friedhofe "wo 
sehr wenige Menschen waren, gingen miteinander spazieren „ml klagten 
einander gegenseitig ihren Kummer. Der Mann war ihr aber ganz gleichgültig 

16» 



IM 



*) Vergleiche meine Broschüre „Keuschheit und Gesundheit", Verlag Paul 
Knepler, Wien. Hygienische Zeitiragen Nr. IV. 









244 Die (ieschlechtskälte der Fran. 

und es kam, wie eg in solchen Fällen kommen muß. Nach einem halben 
Jahre gaben sie sich einen Kgß, bei dem sie nichts empfand. Es war ein 
reiner Bruderkuß, wie sie es nannten. Diese Bruderküsse wurden wiederholt 
und nie konnte sie etwas bei diesen Küssen empfinden. Nach einigen Monaten 
machte ihr der Freund und Bruder einen Heiratsantrag. Sie wies ihn prompt 
ab und sagte: „Ich mag Sie sehr gut leiden. Ich bin Ihnen eine gute Freundin-. 
Allein ich kann Sie nicht heiraten, weil ich Sie nicht liebe" ... Er war darüber 
unglücklich und bat sie, ihm wenigstens nicht alle Hoffnung zu rauben. Er 
wolle geduldig warten, bis seine Zeit gekommen sei. 

Ich möchte an dieser Stelle eine wichtige psychologische Bemer- 
kung machen. Wir hören so häufig von Frauen, die in der Ehe anästhe- 
tisch sind, daß sie die erste Werbung des Mannes mit einem entschie- 
denen Nein beantwortet haben. Dieses erste Nein spricht der Instinkt. 
Dann aber kommt der Intellekt und beginnt den Instinkt zu vergewal- 
tigen. Es kommen die sogenannten vernünftigen Überlegungen. Jetzt 
wird einer zweiten Werbung schon weniger Widerstand entgegen- 
gebracht und die dritte wird aus Vernunftgründen angenommen. Und 
• fast in allen Fällen hat der Instinkt recht gehabt und das Resultat ist 
eine unglückliche Ehe. J ) So war auch in diesem Falle das erste Nein von 
einschneidender Bedeutung. Sie kannte das gute Herz des Mannes, 
seinen vortrefflichen Charakter, und trotzdem sträubte sich in ihr ein 
unbekanntes Etwas (der Gesclüechtsinstinkt) gegen diese Verbindung. 
Wir werden in einem anderen Falle wieder auf die Wichtigkeit dieses 
ersten Neins aufmerksam machen. Fahren wir in der Erzählung 
der Begebenheiten fort. 

Der brüderliche Freund ließ nicht locker. Sogar nachdem er gleich dem 
ersten Geliebten versetzt wurde, richtete er einen regen Briefwechsel ein und 
schrieb ihr fast täglich die heißesten Briefe. Der Tag, da sie ihm ihr Jawort 
geben werde, werde der glücklichste Tag seines Lebens sein. Sie aber blieb bei' 
ihrem Nein. Mittlerweile erlebte sie wieder eine neue Liebesaffäre. Sie war auf 
einem Kränzchen und ein Referendar, der zufällig in dem Städtchen anwesend 
war, machte ihr viel den Hof, tanzte fast nur mit ihr und begleitete sie schließ- 
lich nach Hause. Es war eine Mondnacht. Sie schmiegte sich weich an seinen 
Arm. Vor der Haustür aber umarmte er sie und küßte sie. Sie war ganz 
willenlos und weich in seine Arme gesunken. Sein Kuß erregte sie wie der des 
ersten Geliebten, vielleicht noch mehr. Es ging ihr heiß durch den ganzen 
Körper. Sie bebte und zitterte und riß sich gewaltsam aus seinen Armen. Sie 
machte die Nacht kein Auge zu und mußte immer an diesen Kuß denken. Sie 
hatte sich nicht gedacht, daß es etwas so Süßes geben könne . . . 

Am nächsten Tage erhielt sie einen Brief von dem Referendar, der int- 
erne Liebeserklärung machte. Er mußte wegfahren, aber er werde sie nicht 
Vergessen. Er sei wohl verlobt, er wolle aber die Verlobung lösen. Sie schrieb 
ihm wieder und sie kamen überein, sich an einem Orte noch einmal zu treffen. 
Sie trafen auf einem Bahnhofe zusammen, wo sie nur karge Zeit für sich übrig 










Der Kampf der (^«schlechter. .>4f, 

hatten Zwischen zwei Zügen ging er mit ihr spazieren und sie küßten siel, 
innig. Wieder fühlte sie den gleichen heißen Wirbelsturm. Dann aber machte 
er ihr einen Heirateantrag. .Nun kam das Merkwürdige. Sie hat aich Bedenkzeit 
aus bie hatte schon einmal eine traurige Erfahrung gemacht. Sie müsse die 
Sache überschlafen Sie kam ganz glückselig und aufgeregt nach Hause und 
fand einen Brief des brüderlichen Freundes vor. Er könne mm „ich. l;i„,„, 
warten. Es wäre der letzte Brief, den er schriebe. Sie solle sich entscheiden 
Wenn sie nein sage, so werde er nicht mehr schreiben und sieh bemühen sie m 
vergessen. Er sei jetzt wieder avanciert und könne das Jimggeselleiüeben nicht 
weiterfuhren. 

Nun stand sie am Scheidewege. Sie liebte den Referendar und war -lern 
treunde gegenüber gleichgültig. Die materiellen Chancen standen etwas gün- 
stiger beim Freunde . . . Aber sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie mit ihm 
in der Ehe zusammenleben könnte. Und trotzdem schrieb , j e d e m 
Referendar ab_ und teilte dem brüderlichen Freunde 
das definitive Ja mit. 

Dieser Vorgang wäre schwer zu verstehen, wenn man die Psycho- 
logie des Liebeskampfes nicht kennt. Diese Frau hatte ein trauriges Er- 
lebnis mit einem Manne, der sie schmählich verraten und verlassen hatte 
Von hier aus riß sie eine Welle des Hasses gegen alle Männer mit sich 
willenlos fort. Sie konnte nicht mehr lieben. Sie konnte nur noch hassen. 
Sie kämpfte gegen ihre eigene Leidenschaft und mehr als Genuß und 
Liebe war ihr die Herrschsucht. Bei dem Referendar wäre sie das Opfer 
ihrer eigenen Leidenschaft geworden. Er hätte mit ihr tun können, was 
er wollte. Bei dem anderen wußte sie, daß sie immer den Kopf behalten, 
und daß eie in der Ehe herrschen werde. Außerdem kam noch eine 
starke asketische Tendenz in Betracht. In dieser Frau kämpften zwei 
mächtige Tendenzen. Die Dirne und die Nonne. Heide wollten sieh durch- 
setzen. Sie fürchtete die Größe der Leidenschaft, weil das dann der \\ eg 
zur Dirne würde. Sie wollte sich mit der kleinen Flamme begnügen und 
als keusche Frau durchs Leben gehen. Sie fürchtete den Freibrief der 
Ehe. Sie kannte ihre polygamen Instinkte und hatte oft Gedanken wie: 
„Ich möchte alle Männer küssen. Jeder muß es doch anders inaehen!" 

Noch ein Moment! Es gibt einen Typus von Menschen, die Angst 
vor der „großen Freude" haben. Ein geheimes Schuldbewußtsein läßt sie 
nicht unbeeinflußt wählen. Es ist, als ob eine innere Stimme ihnen sagen 
würde: „Das verdienst du ja nicht. Das Glück wäre für dich zu groß." l ) 
Kurz, alle diese Tendenzen wirkten zusammen und sie wählte den unge- 
liebten Mann. «• 

Fahren wir jetzt in der Schilderung ihrer Ehe fort. Die Brautnacht war 
für sie eine ungeheure Enttäuschung. Sie hatte sich vorgestellt jetzt die 
größten Wonnen zu erleben, und blieb ganz kalt. Sie wurde nur ungeheuer 
erregt und ganz erschöpft. Immer von dem Verlangen nach dem Orgasmus 

') Vergleiche das Kapitel „Die Angst vor der Freude'* in „Dal liebe Ich". 



■ 



246 



Die Geschleebtskälte der Frau. 



gefoltert, der nicht eintreten wollte. Und es wurde nicht besser. Sie schob 
dann dio Schuld auf den Mann, obwohl er außerordentlich potent war. Nach 
ihren Schilderungen sollen seine Akte eine Stunde und eineinhalb Stunden 
gedauert haben, weil er ihren Orgasmus erzwingen wollte. Seine Küsse wurden 
ihr fürchterlich, weil sie entdeckte, daß er aus dem Munde roch. Manch- 
mal schien es ihr. als ob der Orgasmus kommen wollte, sie ahnte ein ganz 
außerordentlich süßes Gefühl, . . . und es verschwand, so daß sie, erschöpft und 
unglücklich, jede Bemühung aufgab. Sie hatte nun die fixe Idee, bei einem 
anderen Manne könnte sie zum Orgasmus kommen, was ja auch sehr wahr- 
scheinlich war, da sie ja diesen Mann ohne Liebe geheiratet hatte. 

Da sie diesen Gedanken verdrängte, mußte es zu verschiedenen nervösen 
Störungen kommen, die sie in die Sanatorien brachten und trotz Kaltwasser 
und Elektrizität nicht besser wurden. Die Stimmung zwischen ihr und ihrem 
Manne wurde immer gereizter. 

In diesem Stadium lernte sie den Arzt kennen, machte die geschilderte 
Enttäuschung mit und kam dann zu mir. Hier enthüllten sich die Wurzeln 
ihrer Dyspareunie, Sie wollte bei keinem Manne mehr empfinden, weil sie 
stärker sein wollte als die Männer und weil sie die Männer haßte. Von der 
ersten Enttäuschung an hatte sich der Gedanke der Rache in ihrem Hirne fest- 
gesetzt. Deshalb wählte sie auch nicht den geliebten Referendar. Sie rächte 
6ich an ihm und ließ ihn im Stich, weil sie von ihrem heißgeliebten Bräutigam 
im Stich gelassen wurde. Dazu kamen noch die Sicherungen gegen neue Irr- 
wege und vieles andere, das ich nur andeuten kann. Die Liebesaffäre mit dem 
Vater der Freundin zeigt uns, daß eine Fixierung an den Vater mit im Spiele 
ist. Ferner ist die nie fehlende homosexuelle Komponente zu berücksichtigen. 

Tmmer wieder müssen wir bei jeder Dyspareunie uns die Frage 
vorlegen: Hat die Frau nicht einen bestimmten Grund, ihren Mann zu 
hassen? Und wenn sie tausendmal versichert, sie liebe nur iltren Mann, 
sie sei glücklich, daß sie diesen Mann gefunden habe, irgendwo schlum- 
mert dor Haß und läßt den Orgasmus nicht aufkommen. 

Über das sexuelle Trauma der Brautnacht habe ich schon im V. Ka- 
pitel gesprochen. Frauen vergessen sehr schwer eine ihnen in der Braut- 
nacht zugefügte Beleidigung. Sie rächen sich ilir ganzes Leben an dem 
Manne dadurch, daß sie ihm den Orgasmus verweigern. 

Einige solcher Fälle seien hier in flüchtigen Strichen gezeichnet : 

Fall Nr. 76. Frau G. B. lebt schon seit zehn Jahren mit ihrem Manne in 
einer merkwürdigen Ehe. Sie verkehren nur einmal im Monate und selbst dieses 
eine Mal ist sie vollkommen anästhetisch. Sie erzählt, daß ihr Mann sie in der 
Brautnacht tief gekränkt habe. Er hätte sie aufgedeckt und gerufen : „Ach, du 
lieber Himmel! Hast du einen mageren Körper!..." Dann hätte er sich zur 
Zärtlichkeit bequemt. Für sie alier war dieser Moment furchtbar und unver- 
geßlich. Man denke an diese Roheit! Eine Frau wird das erste Mal entblößt 
und muß in dieser für sie so bedeutsamen Minute, da sie erwartet, der Mann 
werde Von den gesehenen Reizen wonnetrunken in ihre Arme stürzen, eine 
solche Behandlung erfahren. Der Mann bemühte sich dann vergeblich, die Liebe 
seiner Frau zu erringen. Sie blieb kalt und gestattete ihm nur einmal im 
Monate einen Verkehr, obgleich er ihr wiederholt versicherte, daß ihm der 
Ausruf unwillkürlich entschlüpft sei . . . 



Der Kampf der Geschlechter. 247 

Fall Nr. 77. Frau Z. W. ist ebenfalls vollkommen anästhetisch. Sie war 
sieben Jahre verheiratet und wußte nicht, daß es einen Orgasmus geben kann. 
Sie wunderte sich, daß die Menschen sich wegen der physischen Liebe solchen 
Gefahren aussetzen und sogar ihr Leben riskieren. Ihr großes Trauma in der 
Brautnacht war, daß ihr Mann ihr nach dem ersten Koitus 6agte: „Du hast 
ein großes Loch! Du hast mich betrogen!' - Sie begann zu weinen und wollte 
sofort zu ihren Eltern zurück. Denn sie war vollkommen unschuldig und sogar 
nicht ordentlich aufgeklärt. Da verlegte sich der Manu aufs Bitten und nahm 
seine Worte zurück. Später aber glaubte sie zu bemerken, daß er doch an ihrer 
Jungfrauschaft gezweifelt hatte, obwohl sie es bei dem Leben der Mutter 
beschworen hatte. In ihr starb alle Liebe und alle seine Bemühungen, .inen 
Orgasmus zu erzielen, waren vergeblich. Was dem Manne nicht gelang, «las er- 
zielte ein junger Angestellter von ihm. Sie gab sich ihm hin. weil ihr Manu sich 
immer über den Jungen, den er den „kloinen grünen Dreck" nannte, lustig 
machte. Sie wollte sich für die Schmach rächen, die er ihr angetan hatte. In 
den Armen des Jünglings löste sich ihre Kälte und sie fühlte das erste Mal 
einen Orgasmus. Der Mann wurde durch anonyme Briefe auf das V 'erhältnis 
seiner Frau mit dem „kleinen, grünen Dreck'" aufmerksam gemacht. Er lachte 
nur und machte sich über die Leute lustig, die seiner Frau einen solchen 
Geschmack zumuteten. 

Wir unterschätzen noch immer den kindlichen Trotz der meisten 
Frauen, ihre Veranlagung zu „ressentinicnt'" und Rache, ihre Unfähig- 
keit, eine ihnen zugefügte Beleidigung zu vergessen, ihre Sehauspiele- 
rinnennatur, die es ihnen gestattet, sich über die inneren Motive ihrer 
Gefühlskälte hinwegzutäuschen. Manche Frauen wollen nicht beglückt 
und erhoben sein, nicht das Gefühl haben, daß sie sich nur durch den 
Mann vor dem Schiffbruch gerettet haben, daß sie ihm alles verdanken. 

Fall Nr. 78. Frau G. L., 34 Jahre alt, ist in der Ehe vollkommen unästhe- 
tisch. Das Merkwürdige ist der Umstand, daß sie vor der Ehe bei ihrem 
Manne sehr stark empfunden hatte. Sie hatte als 17jähriges Mädel mit ihm 
ein Verhältnis begonnen, ohne daß er ihr die Ehe versprochen hatte. Sie war 
leichtsinnig und wollte „dio Freuden der Liebe kennen lernen". Sie hatte da- 
mals großen Orgasmus. Mit 19 Jahren wurde sie trotz der Vorsichtsmaßregeln 
ihres Geliebten gravid. Sie war ein Mädchen aus guter bürgerlicher Familie 
von sehr strenger Moral. Ihr Geliebter hatte an eine Ehe nicht gedacht, seine 
materiellen Verhältnisse waren auch nicht sehr günstige. Er schwankte eine 
Zeitlang und wollte, daß sie sich einen Abortus machen lassen solle. Das ging 
ihr aber wider den Strich. Sie weigerte sich und nieinte, sie. wolle lieber 
sterben, ehe sie einen Kindesmord begehen würde. Nach drei Wochen des 
Schwankens erklärte er sich bereit, sie zu heiraten. Sie wurde seine Frau. 
Aber diese drei Wochen der Qual konnte sie ihm nicht 
vergessen. Dieses Motiv war ihr unbewußt. Sie klagte über ihre Gefühls- 
kalte und lernte erst bei mir, daß sie erst ihrem Manne, der sie sehr gut behan- 
delte und mit dem sie eine glückliche Ehe führte, verzeihen müsse, um wieder 
zu empfinden. Sie sprach sich mit ihrem Manne aus und der Orgasmus kehrte 
zu ihrer Freude wieder, d.h. sie wollte und konnte wieder in seinen Armen 
empfinden. 

Fall Nr. 79. Frl. G. S. unterhält seit 10 Jahren mit einem Manne ein 
Liebesverhältnis. Sie ist jetzt 28 Jahre alt, sieht schon etwas verblüh! aus. Sic 



248 Pie GeScblechtskälte der Frau. 

bittet um Rat, wie sie sich helfen könne. Ihr Geliebter wolle sie heiraten. Aber 
sie empfinde seit zwei Jahren keinen Orgasmus mehr. Wie könne sie einen 
Mann heiraten, der ihr und dem sie nichts bieten könne? Die Analyse dieses 
Falles ergibt folgende Tatsachen. Sie hatte sich dem Manne hingegeben und 
erwartet, er werde sie bald heiraten, obgleich sie immer wieder betonte: 
„Sie denke nicht ans Heiraten, sie wolle sich nicht 
binden!" Sie wollte nur ihre Sehnsucht nach der bürgerlichen Deckung ihres 
unmoralischen Verhältnisses verbergen. Denn sie spielte die Freie, die Vor- 
urteilslose, die Unabhängige, die über alle Menschen Erhabene. In Wahrheit 
war sie eine Moralsklavin wie ihre ganze Familie, deren- Wertung sie ins- 
geheim zu der ihren machte. Der Geliebte aber glaubte ihren Worten und 
sprach kein Wort von Heirat. Ihr innerlicher Trotz wurde immer stärker, bis 
sie gefühllos wurde. Als er nun den Heiratsantrag machte, rächte sie eich und 
gestand ihm ihre Gefühllosigkeit und wollte von der Hochzeit nichts wissen. 
Sie wollte sich nicht beglücken lassen. Sie hatte sich über wartet. Überdies 
war sie maßlos eifersüchtig auf alle seine Eroberungen und auf seine Familie, 
die er immer wieder lobte. Besonders das Lob seiner Mutter machte sie ganz 
rasend. Sie sagte ihm immer: „Ich bin nicht eifersüchtig! Du kannst Dir täglich 
eine andere Geliebte nehmen! Ich halte Dich auch nicht, ich binde Dich nicht! 
Du bist frei! Du kannst auch eine andere heiraten, ich werde nicht böse sein!" 
Das alles war nur Heuchelei. Innerlich verzehrte sie sich in Eifersucht, kränkte 
sich maßlos über seine „Charakterlosigkeit", wartete mit gespannter Erwar- 
tung auf den Tag des Heiratsantrages, um ihn mit stolzer Pose zurückzuweisen. 
Dann wollte sie noch einen Selbstmord begehen, was nur eine raffinierte Strafe 
für den Geliebten bedeutet hätte. 

Wie hätte sie empfinden können, da sie nur von Haß, Eifersucht und 
gekränktem Stolz erfüllt war? Ihr Geliebter kannte das Rätsel hysterischer 
Frauen nicht: daß sie innerlich immer das Gegenteil von dem verlangen, was 
sie aussprechen. 

Das Nichtvergessenkönnen zeigt auch die nachstehende Beobach- 
tung. Die Analyse wurde von meiner Assistentin Frau. Hilda Milko 
durchgeführt. Sie zeigt uns eine in das Extremste gesteigerte Haß- 
einstellung zwischen Weib und Mann. 

Fall Nr. 80. Frau K.S., 31 Jahre alt, seit sieben Jahren verheiratet, 
leidet an quälenden Zwangsvorstellungen, die ihr das Leben unerträglich 
machen. Vor ungefähr vier Jahren ist das Leiden bei ihr ausgebrochen und hat 
jetzt den Höhepunkt erreicht, so daß sie sich endlich entschloß, die Hilfe eines 
Arztes in Anspruch zu nehmen. Ihre Ehe war eine Liebesheirat gewesen. Sie 
stammt aus ganz einfachen Verhältnissen, war Bankbeamtin und der Mann, der 
aus besserer Familie ist, heiratete sie gegen den Willen seiner Eltern, 
die mit ihm deshalb brachen. Sie behauptet, ihren Mann sehr zu lieben. Qrgas- 
mus hat sie nie beim Verkehr, kommt überhaupt in keine Erregung und ist ganz 
kalt. Behauptet, daß anfänglich der Ma.nn' gar nicht wußte, wie ein Verkehr 
auszuführen sei, und sie darum befragte; sie hatte ebensowenig eine Ahnung 
wie er. Als es dann endlich gelang, war sie sehr enttäuscht, denn sie hatte 
nur Schmerzen und kein Lustgefühl. Da sie Angst vor Kindersegen hatten, 
pflegten sie den Coitus interruptus, aber meistens spielte der Mann nur mit dem 
Finger und machte den Kunnilingus. Sie hatte dabei ein leises Wollustgefühl, 
aber sie glaubte, es sei gesundheitsschädlich und schämte sich auch, auf diese 



Der Kampf der Geschlechter. 



l>49 



Weise zu empfinden. Sie ließ es daher dem Manne merken, daß ihr diese Lieb- 
kosungen unangenehm wären, und er führte nur mehr den gewöhnlichen Koitus 
aus. Sie hat nun seit Jahren keine Empfindung und will sie aber nur auf dem 
„normalen'.' Weg erzwingen. Auch wünscht sie sich sehnlichst ein Kind \m 
Beginne ihrer Ehe war ihr Mann sehr leidenschaftlich, sie stieß ihn aber zurück 
und war immer kalt und abweisend. Oft zwar kommt ihr der Wunsch, etwas 
zärtlich mit ihm zu sein, aber aus Scham unterdrückt sie diese Regung. Sie hat 
Angst vor ihm, weil er sie i m m er erziehen will; schon als H: ; ,ui 
fürchtete sie ihn aus diesem Grunde. Konnte nicht verstehen, wenn er sie liehe 
wieso er so viel an ihr auszusetzen habe. Zu ihrem Entsetzen verspüre sie 
häufigem Haßgefühl gegen ihren Mann. Begonnen hat es damit, daß sie schon 
als ganz junge Frau immer fürchtete, die oder jene Frau werde ihren, Manne 
besser gefallen; sie litt namenlos unter dieser grundlosen Eifersucht 

Besonders eine Nachbarin, Frau X., hatte sie im Verdachte, nnt ihrem 
Manne zu kokettieren, und sie haßte diese Frau glühend. Glaubte, sie tue es 
absichtlich, weil sie bemerkt habe, daß es ihr unangenehm sei. Auch nachdem 
sie sich von der Grundlosigkeit ihres Verdachtes überzeugt hatte, blieb der Haß 
gegen diese Frau, obwohl sie selbst zugibt, daß sie eine ..lieb.', gute Frau" 
wäre. Gelang es ihr, ein freundliches Gefühl für sie aufzubringen, war sie sehr 
froh darüber. Sie kam mit der Frau gar nicht mehr in Berührung, da sie weg- 
gezogen war, und trotzdem sind die meisten ihrer Zwangsvorstellungen mit 
dieser Person verknüpft. Ihre Zwangsvorstellungen sind sehr verschiedene; am 
häufigsten ist es folgender Gedanke: Man werde der Frau X erzählen sie Bei 
krank und die würde ihr etwas „zu Fleiß" antun, damit sie wahnsinnig werde, 
Oder sie kann keinem Bettler etwas schenken oder au essen geben, weil sie 
fürchtet, der könnte zu Frau X. gehen und ihr sagen, sie haße sieh viel Geld 
dafür zahlen lassen. Immer hat sie aber die Angst, daß man ih, ans Trotz etwas 
antun werde, um sie wahnsinnig zu machen. Sie fürchtet das auch bei Ihren 
Geschwistern, an denen sie sehr hängt Ist gegen alle Menschen mißtrauisch 
und vermutet, immer, daß man sich an ihr rächen wolle. Das lieh! s pi<lt in 
ihren Zwangsvorstellungen eine große Rolle, so glaubt sie. ,1er Bedienerin 
nicht das Geld gegeben zu haben, und durchsucht Zwiebelschalen und Kar- 
toffelschalen, ob es sich nicht darunter befände. Seit Monaten aber isl die 
quälendste Zwangsvorstellung mit einem Brief verknüpft. Sie glaubl überall 
einen Brief zu finden, von dem sie annimmt, daß er verloren sei. alles, wa« 
sie hergibt, wie Geld, wird für sie zum Brief. Sie kann keine Wüsche waschen 
lassen, weil sie fürchtet, in der Putzerei könne man den Brief in der Wäsche 
finden. Sie kann sich nicht anziehen, keine Wasche wechseln, denn immer hat 
sie Angst, der Brief sei irgendwo versteckt und würde dann von ihr verstreut 
werden. Geht sie fort, muß sie die Schuhsohlen einer peinlichen Untersuchung 
unterziehen, ob nicht der Brief an ihnen klebe. Ihr Weggehen vom Haus 
dauert deshalb stundenlang. Kurz und gut, sie ist ttberhaupl nieht mehr 
fähig, die kleinsten Verrichtungen auszuführen, weil hinter allem immer die 
Angst mit dem Briefe steht. 

Diese Zwangsvorstellung will sie darauf zurückführen, «laß sie vor 
Jahren ihrem Manne einen Brief geschrieben habe, worin sie sich mit ihm aus 
sprach, was sie mündlich nicht imstande war. Sie schrieb ihm von ihrer Eifer- 
sucht daß sie so unglücklich wäre, und schüttete ihm eben ihr «anze< Her/ aus. 
Sie weiß nun bestimmt, sie habe den Brief, nachdem er ihn gelesen, verbrannt 
und doch komme ihr immer die Angst, sie habe es unterlassen und der Brief 
käme irgendwo zum Vorschein. 



2f)0 Die Geschlechtskälte der Frau. 

Ihre Ehe war damals ganz zerrüttet. Das Verhältnis aber besserte sich 
etwas durch die schriftliche Aussprache. Sie sei nur so furchtbar trotzig und 
eigensinnig ihrem Manne gegenüber. Obwohl er Wert darauf lege, sie gut 
gekleidet zu sehen, würde sie ihm nie diese Freude bereiten. Oft, wenn er etwas 
an ihrer Kleidung richtet, spürt sie bei dieser Berührung ein Haßgefühl gegen 
ihn aufsteigen. 

Als junges Mädchen, bevor sie die Bekanntschaft ihres Mannes gemacht 
hatte', liebte sie einen älteren Menschen, der sie auch heiraten wollte. Die 
Eltern waren aber sehr dagegen, weil er Jude war und auch nicht in der Lage 
gewesen wäre, sie zu erhalten. Ihre Liebe zu diesem Manne war sehr groß, 
denn er war sehr zärtlich mit ihr und sie fühlte sich von ihm verstanden. Er 
wollte sie absolut heiraten und hatte alle möglichen Pläne, wie sie zu ent- 
führen, nur um die Eltern zu zwingen, sie ihm zur Frau zu geben. Sic war aber 
der ewigen Kämpfe, die sie zu Hause seinetwegen auszustehen hatte, müde und 
brach schweren Herzens die Beziehungen ab. Hauptsächlich bewog sie das Mit- 
kid mit ihrer Mutter, weil der Vater, der ein sehr harter Mensch war, dieser 
die heftigsten Szenen machte, daß sie die Tochter gewähren ließ. 

Als sie die Beziehungen löste, machte sie sehr viel mit, weil der 
Mann nicht von ihr lassen wollte und ihr erklärte, er würde sie töten, wenn sie 
ihn verlasse. Er lauerte ihr auf und bedrohte sie mit dem Revolver, so daß sie 
ihn schließlich bei der Polizei anzeigte, um Ruhe von ihm zu haben. 

Ihren Mann kannte sie damals nur ganz flüchtig, aber sie verliebte sich 
blitzartig in ihn, stürzte sich in diese Liebe, um den anderen zu vergessen. Sie 
bedauert nicht, daß sie sich damals vom ersten Geliebten getrennt hatte, weil 
sie selbst der Meinung ist, es wäre ihr Unglück gewesen, wenn sie ihn geheiratet 
hätte. Bei der Trennung hatte sie doch eigentlich erst seinen gewalttätigen 
Charakter kennen gelernt. Trotzdem habe sie sich im Anfang ihrer Ehe sehr 
nach ihm gesehnt, weil sie in ihrer Ehe sehr enttäuscht wurde. Sie vermißte 
Zärtlichkeit und Anerkennung bei ihrem Manne und war schon die erste Zeit 
unglücklich. 

Ein unangenehmes Erlebnis in ihrer Mädchenzeit hatte nachhaltige 
Folgen. Ein junger Kollege, der ihr den Hof machte, versuchte, sie in einer 
Garderobe zu vergewaltigen. Nur weil eine Kollegin im letzten Moment dazu 
kam, wurde sie davor bewahrt. Sie erinnert sich, damals nur grenzenlose Angst 
empfunden zu haben, als er sie so packte und ihren Mund mit seinem ver- 
schloß, um sie am Schreien zu verhindern. 

Sie litt als Mädchen an einem krankhaften Erröten, das so arg war, daß 
sie sogar ein Jahr lang ihr Gesicht mit einem Tuch verbunden trug und allen 
Leuten sagte, sie habe Zahnschmerzen. Dieses Erröten blieb ihr auch als Frau 
und sie vermied es aus diesem Grunde, mit ihrem Manne bei Tage auszugehen, 
damit er es nicht merke. Kann deshalb auch mit ihm in kein öffentliches Lokal 
gehen. 

Erzählt, daß sie als Kind immer lügen mußte, aber von der Wahrheit 
ihrer Erzählungen überzeugt war; auch heute ergeht es ihr noch oft so. Sie 
onanierte durch Zusammenpressen der Schenkel, gab es dann später auf, weil 
sie es für schädlich und sündhaft hielt. Wundert sich sehr, daß bei Zwangs- 
vorstellungen, wenn sie in Aufregung gerät, sie nachher ein Gefühl der Müdig- 
keit überkommt, das lustbetont ist. 

Die Analyse, die ich nun mit Hilfe Dr. Stekels machte, brachte 
folgendes zutage. Sie war stark homosexuell, an die Mutter und an die 




Der Kampf der Geschlechter. •>,-}} 

Schwester fixiert, den Vater haßte sie, weil er mit der Mutter nicht put 
war. Träumte öfters vom Verkehr mit Frauen. Ihre Homosexualität, die 
sie nicht sehen wollte, war der Grund ihrer Haßeinstellung gegen die 
bewußte Frau und auch gegen andere, die sie alle im Laufe der Zeit ver- 
dächtigt hatte, ihr ihren Mann abspenetig zu machen. Schon als Kind 
von 12 Jahren hatte sie einen sehr stark entwickelten Husen. dessen sie 
sich schämte, weil die Kameradinnen sie deshalb neckten und ihr Puppen 
zum Säugen brachten. Sie fing an, sich mit Tüchern einzuschnüren und 
gebückt einherzugehen, damit man ihre Fülle nicht bemerke. Als später 
der Bräutigam sie einmal wegen ihres sonderbaren Gehabens fragte, 
schämte sie sich, ihm den Grund einzugestehen. Sie schrieb ihm aber 
einen Brief, worin sie ihm mitteilte, sie schäme sich, ein Weib EU sein. 
Nachdem sie über ihre Homosexualität aufgeklärt worden war, fielen ihr 
Sonderlichkeiten ihres Mannes ein, die sie bisher nicht begriffen. So 
pflegte er Sonntags immer zu kochen oder die Wohnung zu räumen. Br 
wünschte, sie solle allen anderen Männern gefallen, und hatte sie auch 
im Sommer längere Zeit mit seinem Freund allein gelassen. Seinem 
Wunsche, beim Verkehr sich auf ihn zu legen, hat sie nie nachgegeben. 
Die Angst, sie könne wahnsinnig werden, drückt doch nur die Furcht 
aus, daß die Homosexualität zum Durchbruch käme. Andreiseils hatte 
sie den Wunsch, wahnsinnig zu werden, weil sie dann heinmuiiLrslns alles 
'daß aueführen hätte können, wozu es sie drängte. 

Das Geld stand in ihren Zwangsvorstellungen nur für Liebe. Sie 
zweifelte, ob der Mann sie noch liebe, weil er ihr gegenüber sehr gleich- 
gültig geworden war. Sie wollte alles tun. nur um wieder seine Liebe zu 
gewinnen. 

In der Analyse kam eine starke Ilaßeinstellung gegen den Manu 
zum Vorschein. Sie fülüte sich von ihm betrogen und nannte ihn innerlich 
einen Schuft. Sie machte ihn für ihre Krankheit verantwortlich, durch die 
sie verhindert wäre, das Leben zu genießen. Sie war ein lebenslustiges, 
kokettes Mädchen gewesen, und nun habe der Mann alles in ihr ertütei. 
Ganz unrecht hatte sie mit ihren Vorwürfen nicht, denn ihr Mann ist ein 
kranker Mensch und sie hat durch seine Eigenarten zu leiden. Vor allem 
fühlte sie sich lim den Genuß der Liebe betrogen und das verzeiht keine 
Frau dem Manne. Während der Behandlung erwachte ein ungeheurer 
Lebenshunger in der Frau, die vorher sich immer mit Selbstmord- 
gedanken getragen hat. Sie sah auch ein, daß sie doch die Hauptschuld 
an ihrer Empfindungslosigkeit trüge. Erinnert sich, daß sie 
e s a 1 s Sünde betrachtet hätte, als sie bei den 
Küssen des Freundes empfunden hatte. Sie ging 
in die Kirche und legte ein Gelübde ab, sie wolle 
rein und keusch sein, sich von dem Freunde nicht 



252 Die (ieschlechtskälte der Frau. 

1) o r ü h r e n lassen. Sie verstand darunter, sie wolle sich bei den 
Küssen nicht an ihn drücken lassen, wobei es zum Orgasmus kam. Was 
litt sie darunter, daß sie schwach wurde und sich doch küssen ließ! Sie 
machte sich die heftigsten Vorwürfe und lief immer in die Kirche, um 
sich von der Sünde zu reinigen. Ja, noch als junge Frau, wie sie so un- 
glücklich in ihrer Ehe war, ging sie in ihrer yerzweiflung beichten. Ob- 
wohl sie doch gar kein Empfinden hatte,. lebte noch immer der Begriff 
der fleischlichen Sünde in ihr. 

In ihrer Ehe tobte der böse Kampf der Geschlechter. Sie maßen 
immer wieder ihre Kräfte, wer von ihnen der stärkere sei. Der Mann 
unterdrückte sie vollständig, er ließ ihr selbst in der Hauswirtschaft 
nicht den geringsten freien Willen. Alle ihre Versuche in der letzten 
Zeit, sich mit ihm zu verständigen, blieben erfolglos. Er erklärte immer, 
sie würden sich nicht eher verständigen, bis sie nicht aufhören würde,' 
ihren Trotz gegen ihn auszuspielen. Es hat sie maßlos erbittert, als sie 
einmal hörte, wie er sich bei ihrer Mutter über sie beklagte und erklärte: 
„Biegen oder breche n". In der Analyse besserte sich ihr Ver- 
hältnis zum Manne, da sie ihre Fehler einsehen lernte. 

Es gelang auch, die Zwangsvorstellungen, die mit einem Lust- 
gefühl verbunden waren, aufzulösen. Wenn sie sieh nämlich 
sehr aufregte und ängstigte, man könne z. B. den Brief findeji, „kam es- 
ihr" durch diese Aufregung. Erklärt, nie ein solches Gefühl beim Manne 
gehabt zu haben. Hinter diesen Zwangsvorstellungen steckte eine Ver- 
gewaltigungsphantasie. Sie erlebte in Gedanken immer wieder jene 
Szene, die sich zwischen ihr und dem Kollegen abgespielt hatte. In der 
Phantasie erlebte sie aber die Vergewaltigung und erzielte damit einen 
Orgasmus, allerdings keinen starken. Sie erinnert sich nun, auch ein 
ähnliches Gefühl gehabt zu haben, wenn sie von Vergewaltigungen in 
Büchern las. Gesteht nun, daß sie immer den Wunsch gehabt habe, der 
Mann möge sehr leidenschaftlich sein und sie vergewaltigen. „Ein so 
faderVerkehr" reize sie gar nicht. Sie gibt zu, ihn oft 
bös gemacht zu haben, in der Erwartung, er werde sie schlagen. Sie 
fürchte sich aber sehr davor und würde es nicht ertragen. S i e w o 1 1 1 e 
eben mit Gewalt zum Weibe gemacht werden, um 
das Männliche in sich zu besiegen. Als ihr die Phantasie 
bewußt gemacht wurde, wurde sie dem Manne gegenüber leidenschaft- 
licher, sie sehnte sich nach dem Verkehr und hatte etwas Empfindung. 

Die vollständige. Befreiung von ihren Zwangsvorstellungen 
brachte die Auflösung der Zwangsgedanken mit dem Briefe. Dr. Stekel 
kam auf die Vermutung, der Brief, den sie immer zu verlieren fürchtete, 
stehe für einen „Zettel". Die Patientin müsse ihrem Manne etwas nicht 
verzeihen können und hätte beschlossen, ihm einen „Denkzettel" zu 



Der Kampf der Geschlechter. 05« 

geben. Sie gab dies zu, denn plötzlich erinnerte sie sich an folgendes: Ee 
hätte einmal eine furchtbare Szene zwischen ihnen gegeben Der Manu 
sei wegen einer Nachlässigkeit ihrerseits so in Erregung gerate, daß 
er mit dem Messer auf sie losgegangen war. Blitzschnell war ihr damals 
der Gedanke gekommen, ihn mit der Hacke zu erschlagen. Auch später 
einmal dachte sie sich, der Mann hätte einen so leichten Schlaf, aber 
weiter hatte sie den Gedanken nicht ausgedacht. Einen Tag, bevor i.-h 
ihr den Zwangsgedanken auflöste, kam sie ganz verzweifelt zu mir Sie 
sei so unglücklich über sich, sie verachte sich so, sie könne nicht einmal 
in den Spiegel schauen, weil sie sich anspucken müsse, am besten wäre 
es, sie würde sich erschießen. Der Mann, der eine bessere Frau verdiene 
wäre dann frei. In ihr regte sich nämlich jetzt das Gewissen und weil 
der Mann wieder gut mit ihr war, empfand sie Reue über ihre bösen 
Rachegedanken, die ins Bewußtsein zu kommen drohten. Sich das Lehm 
nehmen, hieß nur die poena talionis an sich vollziehen. Nachdem sie 
schon wußte, was dieser Brief zu bedeuten habe, erzählte sie, daß sie die 
letzten zwei Tage überall einen' Zettel suchte. Sie konnte das nicht ver- 
stehen, um so mehr, da es eine „Verrechnung" von ihr sei,» sollte. Sie 
hätte doch niemals im Leben jemandem eine Rechnung überreicht. Nim 
wußte sie es; es war die Abrechnung mii ihrem Manne. 

Bei der Patientin drückte sich das „Nicht Sehen wollen", das in 
ihrer Seele vorging, sehr schön auf symbolische Weise aus. Sie kennte 
während der ganzen Zeit ihrer Krankheit nie in den Spiegel sehen. 

Sie wurde ganz genesen aus der Behandlung entlassen. Die Analyse 
hat hier Wunder gewirkt. Sie hat eine unglückliche Ehe zu einer glück- 
lichen umgewandelt, zwei Menschen, die vor dem Auseinandergehen 
standen, zusammengebracht. Die Frau ist überglücklich, heim Verkehr 
Orgasmus zu empfinden, und aus der kalten Frau ist eine Leidenschaft- 
liehe Frau geworden. Seit der Mann bei ihr das Gefühl hervorbrechen 
sah, ist auch er verändert, sie hat sich nie mehr über Gleichgültigkeit zu 
beklagen, ist sogar mit seiner Leidenschaftlichkeit zufrieden, die bei ihm 
zum Vorschein kommt. So ist beiden geholfen worden. Der Kampf der 
Geschlechter ist jetzt scheinbar zur Ruhe gekommen. Allerdings wurde 
der Mann belehrt, die überflüssigen Erziehungsversuche zu unterlassen 
seine vornehme Familie nicht gegen ihre einfache auszuspielen, ihr mehr 
Vertrauen zu schenken, ihre Geldgebarung nicht mehr so Kleinlich zu 
überwachen. Viele Mißverständnisse, die zwischen ihnen standen, wurden 
aufgeklärt, Schranken fielen, weiche unüberwindlich schienen, das Gefühl 
der Sünde beim Orgasmus schwand, sie fand den Mut zu sich selbst. 

Fall Nr 81 Frau N. Ai erfährt, daß ihr Mann schon am /.weiten Tag 
nach der Hochzeit eine alte .Geliebte aufgesucht hat. Der vorher vorhandene 
Orgasmus verschwindet, um nie mehr wiederzukehren. Sie führt ihre Kult- 



254 £)' e Geschlechtskalte der Frau. 

darauf zurück, daß sie fest glaube, daß sie ihrem Manne nicht gefalle und er 
enttäuscht sei. Er habe ihr später das Gegenteil bewiesen, aber ihr Stolz sei 
so empfindlich verletzt, daß der Fehler nicht mehr gut zu machen sei. Auch diese 
Frau hat einen Mann ausgeschlagen, den sie leidenschaftlich liebte. Aber sie 
fürchtete sich vor der ungeheuren Größe ihrer Leidenschaft und nahm einen 
ungeliebten Mann, mit dem sie sehr unglücklich wurde. 

In dem Kampfe der Geschlechter spielt der Mechanismus, wie ich 
ihn jetzt geschildert habe, eine große Rolle. Frauen fliehen gerade den 
Mann, den sie am meisten lieben und den sie besonders sinnlich begehren. 
Die Angst vor der eigenen Leidenschaft, die Angst, sich zu verlieren, die 
Angst, sich zu unterwerfen, wird stärker als der Trieb und sie nehmen 
dann blindlings irgend einen ungeliebten Mann, reden sich eine Liebe ein, 
spielen diese Scheinliebe mit großer Virtuosität. Hier triumphiert die 
Herrschsucht über die Liebe. Der Wille zur Macht beugt den Willen zur 
Unterwerfung. Diese Frauen laufen vor ihrer Liebe davon und flüchten 
sich in eine halbe oder eine Viertelliebe, die ihnen weniger Gluten, aber 
auch weniger Gefahren und Niederlagen in Aussicht stellt. 

Fall Nr. 82. Fräulein L. A. lernt einen jungen Mann kennen, in den sie 
sich blitzschnell verliebt. Sie war bisher stolz, unnahbar, kühl, keusch und 
lachte über alle Bewerbungen der Männer. Vor allen Dingen war sie trotzig 
und setzte immer ihren Willen durch. Aber Alfred — so hieß der junge 
Mann — gegenüber war sie vollkommen willenlos. Er brauchte nur zu winken 
und sie folgte wie ein Hündchen. Er küßte sie und sie sank willenlos in seine 
Arme. Alfred liebte sie leidenschaftlich, wie er nie vorher eine Frau geliebt 
hatte. Es machte ihm manchmal ein Vergnügen, sie zu reizen. Einmal unter- 
hielt er sich mit einer anderen Dame, um sie eifersüchtig zu machen. Sie 
benützte dies, um mit ihm zu brechen und sich mit einem gleichgültigen 
Menschen zu verloben. Triumphierend teilte sie Alfred die Tatsache der Ver- 
lobung mit und schilderte in glühenden Farben, wie sie den Bräutigam liebe 
und wie glücklich sie sei . . . Diese Verlobung löste sie später auf. Gegen Alfred 
blieb sie in starker Haß- und Trotzeinstellung, welche ihr allein ihre Freiheit 
und Unabhängigkeit gewährleistete. 

Dies Phänomen, „Die Flucht vor der Liebe", ist die Ursache zahl- 
loser Liebestragödien und Konflikte. Es ist ein hartnäckiger Kampf um 
seelische Werte, die gegen physische ausgespielt werden. Es ist dies ein 
soziales Problem und an keinem zweiten läßt sich schöner die Wandlung 
beschreiben, welche die Liebe im Laufe der Jahrtausende durchgemacht. 

Es läßt sich nicht leugnen, daß dieLiebe imLaufe der Jahrtausende 
— das heißt so weit wir ihre Entwicklung überblicken können — sich 
immer mehr kompliziert hat. Emil Lucka x ) hat in einem sehr anregen- 
den Buche „Die drei Stufen der Erotik" den Nachweis zu liefern ver- 
sucht, daß ursprünglich die rein geschlechtliche Liebe allein geherrscht 
habe. Später — besonders im Mittelalter — habe dann unter dem Ein- 



l ) Schuster und Löffler, 1913. 




Der Kampf der Geschlechter. •>;,;, 

fluß der katholischen Kirche die rein geistige, metaphysische Liebe ein- 
gesetzt. Der Kulturmann jedoch verlange eine Vereinigung beider 
Formen: von körperlicher Sexualität und geistiger Erotik. Das sei «las 
moderne Liebesideal. Ich glaube nicht an diese historische Aufeinander- 
folge. Aber sicher ist es, daß alle diese Tendenzen in e i n e in Menschen 
leben und daß der höher organisierte Mensch in sein,.,- Lieheswahl 
neben den körperlichen Werten die seelischen immer höher einschätzt. 
Unbegreiflich ist mir, daß Lucka diese Entwicklungsstadien fü r ,j as 
Weib nicht gelten läßt und sie nur dem Manne zuschreibt Er meint, das 
Weib hätte immer seelisch un d körperlich geliebt und kenne diese Spal- 
tung nicht. Bei ihm gehe alles aufs Ganze. Doch lassen wir dein Autor 
das Wort: 

„Den Generationen, die aus dem namenlosen Dunkel der Zeiten 
langsam zum Dämmerlicht des Mythos aufsteigen, hat sich von allen 
Bedürfnissen und Trieben der Geschlechtstrieb am leichtesten erfüllt. 
Daß eine jähe und gleich vergessene Umarmung in irgend einem Zu- 
sammenhange damit stehen konnte, wenn eine Frau der Horde nach 
unermeßlich langer Zeit ein Kind ans Licht brachte — solch über- 
schauender Gedanke hat ganz andere, reichere Voraussetzungen. al> 
beim primitiven Menschen erfüllt gewesen sind. Jeder Versuch die 
Sexualität einzuschränken, mußte in diesem Stadium als verbrecherisch 
und irreligiös empfunden werden. Der Geschlechtstrieb bestand als 
solcher, er war noch nicht oder sehr wenig individualisiert. Aber wo auch 
Ansätze der Individualität vorhanden sind, handelt es sich immer um 
Begehren und nie um Liebe." Sie ist in der alten Welt nichl vorhanden, 
und wenn auch die Mythe von Orpheus ein Gefühl birgt, .las an die 
moderne Liebe anklingt, so ist dieser Fall im griechischen Altert um ver- 
einzelt. Erst Plato stellt dem „niedrigen" und „gemeinen Eros" einen 
himmlischen Eros, eine seelische Liebe entgegen. Aber die platonische 
Liebe wendet sich einem Reingeistigen zu, nämlich Ideen des Schönen. 
Wahren und Guten, sie begehrt Überirdisches und erkennt sich als Weg 
zu ihm." Diese metaphysische Liebe Piatons besteht also in der Liebe 
zu etwas Allgemeinem, nicht in der Liebe zu einem Menschen: letztere 
erscheint Lucka als das eigentliche Charakteristikum der wahren oder, 
wie er bescheidener sagen möchte, europäischen Liebe. Es mußte erst 
eine Religion kommen, in der der Akzent auf die Seele, auf die Persön- 
lichkeit fällt. „Durch das Christentum wird dem neuen Weltgefühl 
dem die menschliche Seele der selbstverständlichste und höchste Wert 
ist, Mittelpunkt des Lebens und des Glaubens, eine Position, die auch 
Piaton noch nicht erreicht hat." Man muß es bei Lucka nachlesen, der 
wunderbar und plastisch die Geburt Europas schildert, wie nach der 
Sinnlichkeit und ästhetischen Anschauung der Antike, nach dem 



256 Die tiescblechtskälte der Frau. 

abstrakten Denken und historischen Glauben des Mittelalters das Gefühl 
sich die Seelen der Menschen eroberte. 

Die seelische Liebe zum Göttlichen ist im Christentum Mittel- 
punkt des Fühlens und höchster Wert geworden. Allmählich überträgt, 
sich diese Fähigkeit seelischen Versenkens auf die erotischen Bezie- 
hungen. Es wird ein neues, bis dahin unbekanntes Gefühl geboren: Die 
seelische Liebe eines Mannes zu einer Frau. Drei Elemente lassen sich in 
ihr unterscheiden: Der platonische Grundgedanke, daß das Streben nach 
•einem absolut Vollkommenen den höchsten Wert verleiht; das ist die 
Liebe als Weg zur eigenen Vervollkommnung. Zweitens: die im 
Christentum ausgebildete, völlig unsinnliche Liebe zum Göttlichen, die' 
sich selbst genügt und letzter Zweck des Daseins ist; endlich das Ver- 
ständnis für den Wert der einzelnen Persönlichkeit, das. nun aufgeht. 
Also die Antike, das Christentum und der Geist der neuen Zeit haben 
vereint diese zweite Stufe der Erotik geschaffen, die seelische Liebe zur 
Frau, welche die Frau vergöttlicht und auf ein Piedestal erhebt, dieselbe 
Frau, die bis dahin nur Dienerin, Gebärmaschine oder gar das Symbol 
der Sünde, die schöne Teufelin gewesen ist. So sangen die verschiedenen 
Troubadours: „Ich bin kein Liebhaber, ich bin ein Anbeter." Ein 
anderer: „Die Schönheit, die Gott selber birgt, wollt er all' in ein einzig 
Wesen legen." Diese seelische Liebe hat eine deutliche religiöse Fär- 
bung und findet ihre höchste Ausbildung im Madonnenkult. Es ist die 
Zeit der Überschätzung der rein geistigen Liebe. Es ist eine zarte, 
blasse Liebe, die nicht nach dem Besitze strebt. Sie bildet die Erotik 
auf das feinste aus, vernachlässigt aber vollkommen die Sexualität. 

Nun vollzieht sich eine Spaltung zwischen Sexualität und Erotik, 
die zur brennenden und wichtigsten Frage der neuen Zeit wird. Richard 
Wagner hat diese Spaltung im Tannhäuser plastisch, in den zwei Figuren 
der Venus und der Elisabeth zum Ausdruck gebracht. Es ist dies ein 
Konflikt gewesen, mit dessen Bewältigung er sich so lange bemühen 
mußte. Er mußte so lange suchen, bis er Venus und Elisabeth in einer 
Person vereinigt finden konnte. 

Und dies nennt Lucka die dritte Stufe der Erotik: Lust und Liebe 
suchen sich zu vereinigen. Wir erleben jetzt eine höhere Form der Liebe, 
welche am Irdischen haftet und doch den Flug in die Höhe unternehmen 
kann. Wir suchen eine Vereinigung der Seelen, welche Bedingung unserer • 
Liebe wird. Lucka hat damit einem allgemein Bekannten die richtigen 
Worte verliehen. Ich sage allgemein Bekannten und kann doch nicht ver- 
hehlen, daß es viele Menschen gibt, welche diese Wahrheit nicht sehen 
wollen . . . Ich habe aber immer wieder beobachten können, daß diese 
Vereinigung von Sexualität und Erotik im Geistesleben der Kultur- 
menschen die größte Rolle spielt. Es ist die Ursache, warum glückliche 



Der Kampf der Geschlechter. ;>;> i 

Ehen so selten sind und warum unsere Zeit an Liebestragödien reicher 
ist als jede andere. Denn wie schwer ist diese Übereinstimmung von 
Seele und Körper zu finden! . . . 

Man ist in materialistischer AVeise gewohnt, diesen Einfluß zu 
unterschätzen und den seelischen Faktor zu vernachlässigen. Wer aber 
einen tiefen Blick ins wirkliche Leben wirft, muß Lucka unbedingt recht 
geben. Es gibt eben höher differenzierte Menschen, bei denen die Liebe 
den Umweg über das Geistige machen muß. Wo dieser Umweg felüt oder 
wo dieser Umweg dann zu Dissonanzen in der Physis der Liebe führt, 
da sind die Ansätze zu unglücklichen Ehen schon gegeben. Nur der Arzt 
weiß es, wie viele Menschen jetzt an diesen Konflikten leiden und wie 
viele Menschen daran zugrunde gehen. Die Geschichte dieser Liebes- 
tragödien ist die Geschichte des modernen Menschen überhaupt. Ansätze 
zur Darstellung dieser Konflikte finden sich bei Ibsen (Nora, die Frau 
vom Meere, Hedda Gabler), bei Hauptmann (Einsame Menschen, Gri- 
seldis) und besonders in feiner Weise bei Schnitzler, dessen beide Werke 
„Reigen" und „Zwischenspiel" die Grenzen von Lust und Liebe darstellen. 

In der Liebe des seelisch höher organisierten Weibes hat sich eben 
eine große Wandlung vollzogen. Früher führte der Weg zum Herzen und 
zur Seele über die Sinne. Heute ist der umgekehrte Weg der einzig gang- 
bare. Der Mann muß erst seelisch auf die Frau wirken, dann gibt sie sich 
mit dem ganzen Körper. Die Psychanalyse der Anaesthesia sexualis 
feminarum beweist uns diesen Satz immer wieder aufs neue. (Dabei 
soll ja nicht geleugnet werden, daß umgekehrte Typen noch heute vor- 
kommen und sehr verbreitet sind.) Ich weiß, daß ich mich damit in 
direkten Widerspruch zur Freud&ohen Schule stelle, die nur eine Form 
der Liebe kennt ... die sexuelle. Zugegeben, daß es so wäre, so hat 
sich' der Sublimierungsprozeß der Liebe so weit vollzogen, daß diese 
Prozesse heute trotz der gleichen Abstammung nicht als identisch auf- 
gefaßt werden können. Das Ideal des modernen Kulturmenschen ist 
die Vereinigung dieser beiden Komponenten, der seelischen und der 
körperlichen. Das kompliziert natürlich die Liebeswahl außerordentlich 
und macht die Ehe zu dem schwersten Problem unserer Zeit. Denn in 
der Ehe verwirrt der Kampf der. Geschlechter das Phänomen der Liebe, 
ökonomische und praktische Fragen lösen Entscheidungen aus. Aber 
den seelischen Faktor der Liebe leugnen zu wollen, hieße den Verhält- 
nissen Gewalt antun. Es gibt Fälle von Dyspareunie, die sich nur auf 
die Weise erklären lassen, daß der Mann den Zugang zu der Seele der 
Frau nicht gesucht oder zumindesten nicht gefunden hat. 

Bei manchen Frauen und Mädchen kann es zu einer Überschätzung 
der geistigen Faktoren kommen. Sie verdrängen die körperliche Liebe 
und scheinen ganz Seele zu sein. Sie treiben dann einen krankhaften 

St«kel, Störungen des Trieb- und Afloktloboun. 111. 2.Aufl. 17 



258 Die Geschlechtskälte der Frau. 

Kultus mit dieser Seele, stehen vor den Geheimnissen ihres Innern wie 
vor einem Wunderbrunnen und lauschen verzückt den dunklen Klängen, 
die aus der Tiefe tönen. Sie suchen dann eine Bruderseele, die sie ver- 
steht, verlangen nach geistigen Ehen, versinken in geistige Ekstasen. 

Als Gegensatz das moderne Mädchen, welches die seelische Liebe 
leugnet und nur den körperlichen Rausch sucht. Und beide Typen 
leiden an der Angst, ihr Ich zu verlieren und sich ganz zu geben! 

In der Ehe kommt es zu grotesken Verschiebungen und Um- 
kehrungen, zu raffinierten Kunstgriffen, zu einer Schauspielerei vor sich 
und vor dem Partner, die alle Grenzen zwischen Realität und Schein zu 
vernichten droht. Die Angst zu unterliegen und sein seelisches Ich zu ver- 
lieren, führt zum Aufbau von seelischen Barrikaden, die nur die echte Liebe 
überwinden kann. Die moderne Frau ist ein Dornröschen und harrt ihres 
Erlösers. Aber die Erlösung soll nicht über den Körper allein gehen. 

Der Umweg über das Geistige ist Trumpf! So können auch die 
Frauen die Männer am sichersten in sich verliebt machen. Goethe hat 
uns in seinem Leben an zwei Beispielen die beiden Wege gezeigt: Die 
rein physische Liebe zur Vulpius und die den Weg über das Geistige 
gehende zur Frau von Stein. 

Ich habe lange Zeit immer geglaubt, die unverstandene Frau wäre 
die unbefriedigte Frau. Sicher ist ein großer Teil der unverstandenen 
Frauen sexuell bedürftig. Aber das gilt nur in dem Sinne, daß sie die 
ihnen oft reichlich dargebotene sexuelle Befriedigung nicht annehmen, 
daß sie in den Armen des Mannes kalt bleiben, weil er sie in der Tat 
• seelisch nicht versteht. Es gibt also auch hier zwei Typen. Die nach der 
physischen Liebe- hungrige Frau, welche einen impotenten oder nur 
schwach potenten Mann hat, welche ihren Liebeshunger auf das See- 
lische verschiebt und die Unverstandene spielt, weil sie sich schämt, die 
Unbefriedigte zuzugeben; und die physisch übersättigte oder scheinbar 
nicht begehrende Frau, welche sich nach dem Verständnis sehnt, welche 
die Anerkennung ihrer eigenen Persönlichkeit verlangt, welche sich in 
einem männlichen Spiegelbilde finden und lieben will. Zwischen diesen 
zwei extremen Typen schwanken zahllose Übergänge, so daß jeder für 
seine Thesen an Frauen alles beweisen kann, weil ja tatsächlich alle 
Formen vorkommen. 

Die moderne Frau verlangt das Verständnis ihrer geistigen Eigen- 
art, sie will als Persönlichkeit gelten, sie will ihr Wort in die Wagschale 
männlicher Entscheidungen werfen, sie will nicht bloß Spielzeug und 
Werkzeug der Lust sein (das Noraproblem Ibsens !) ; Ist diese Bedin- 
gung erfüllt, so wird jene Hemmung frei gemacht, die sonst vor ihrer 
Sexualität liegt. Dabei kommt es gar nicht auf die Potenz an. Es gibt 
sexuelle Athleten, die ihre Frau nicht befriedigen können, was schwach 



Der Kampf der Geschlechter. 259 

potenten Männern mühelos gelingt, wenn die Frauen sie lieben. Die 
Legende Weiningers, daß alle Frauen vor dem großen Phallus in An- 
betung niedersinken, gilt für eine große Reihe von Frauen und gerade 
für die Blüte ihres Geschlechtes nicht. 

Fall Nr. 83. Frau P. H. ißt seit acht Jahren an einen Mann verheiratet, 
der Mitglied eines Athletenklubs ist. Sie sucht wegen einer leichten Oophoritis 
die Frauenklinik auf. Dort beklagt sie -sich, daß ihr Mann ihr koino Ruhe 
lasse und sie stundenlang quäle. Sie empfinde nichts als Schmerzen und wisse 
nicht, was ein Lustgefühl sei. Der Mann ist roh und gewalttätig. Die Frau 
fürchtet sich vor ihm und trachtet, sich den ehelichen Pflichten zu entziehen. 
Mit Berufung auf die Ärzte erzwingt sie Pausen bis zu vier und sechs Wochen, 
•^80 daß der Mann ihr mit Untreue droht. Er nimmt sich schließlich eine Ge- 
liebte, was sie gar nicht eifersüchtig macht. Im Gegenteil! Sie ist glücklich, 
daß sie Ruhe hat, und betrachtet diese Monate als die glücklichsten in ihrer 
Ehe. Da ihr Mann sie sehr quält, einmal sogar mißhandelte, will sie sich 
scheiden lassen und sucht einen Advokaten auf. Dort lernt sie einen Kon- 
zipienten kennen, der das Gegenteil ihres Mannes ist. Er ist schmächtig, zart, 
schwächlich. Aber sehr liebenswürdig und zärtlich. Sie werden immer intimer, 
der Mann wirbt um ihre Liebe. Er schreibt ihr zärtliche Briefe, er rührt 6ie 
durch kleine Aufmerksamkeiten. Ihr Mann spielte immer den Pascha. Er ging 
immer zuerst durch die Türe und hielt ihr nie eine Jacke oder einen Mantel. 
Solehe kleine Züge kränkten sio tief. Ihr Mann küßte ihr nie die Hand. Der 
Konzipiont küßt ihr unzählige Male die Hand, er öffnet ihr höflich die Türe, 
er überbietet sich in Aufmerksamkeiten. Er wirbt um sie. Sie finden, daß sie 
die gleichen geistigen Interessen haben. Sie schwärmen beide für Theater und 
beginnen gemeinsam auszugehen. Eine intensive Schwärmerei für Natur ist 
beiden eigen. Schon beini ersten Kusse weicht ihre Anästhesie. Der Konzipient 
konsultiert mich, weil er an Ejaculatio praecox leidet, sehr schwach gebaut ist 
und sich fürchtet, die Frau nicht zu befriedigen. Ich beruhige ihn diesbezüglich 
mit dem Hinweis auf die Verschiedenheit des Frauengcschniackos und meine, 
die Liebe werde der Frau schon über diese Schwierigkeiten hinweghelfen. 
Denn man sieht in der Praxis häufig, daß seelische Bande das Zustande- 
kommen des Orgasmus begünstigen. Übrigens wird er auf die Ars amandi ver- 
wiesen . . . Nach einigen Wochen habe ich Gelegenheit, mit beiden zu sprechen. 
Die relativ schwache Potenz dieses Mannes hatte bei der Frau die höchsten 
Orgasmen ausgelöst. Sie war glücklich, als hätte sie eine neue Welt kennen 
gelernt. Seine Potenz besserte sich im Laufe des Verhältnisses immer mehr. 
Nach der Scheidung heiraten sie und leben in sehr zufriedener Ehe. Er 
gesteht, daß seine Potenz noch immer viel zu wünschen übrig lasse. Aber er 
sei immer vorher mit der Frau sehr lange zärtlich und so gelinge es ihm 
immer gleichzeitigen Orgasmus zu erzielen. Er erkenne da6 aus den krampf- 
haften Bewegungen der Scheidenmuskulatur. Er werde so stark umschlossen, 
daß dadurch die Erektion verlängert werde. Doch schon durch Küsse und 
andere Zärtlichkeiten könne er bei dieser Frau den Orgasmus auslösen. Es. 
war dieselbe Frau, bei der ein hochpotenter Mann über ihre Kälte klagte und 
sich eine Geliebte nehmen mußte! 

Gegen den ersten Mann hatte sie sich mit Haß eingestellt. Sein 
tyrannisches Wesen hatte ihre Persönlichkeit verletzt: der zweite konnte 
alle in ihr angesammelte Sexualität erlösen. Er stellte sie als Mensch 

17* 



260 . Die Geschlechtskälte der Frau. 

höher, so konnte sie sich ergeben. Er hatte es verstanden, beide Ten- 
denzen, die psychische und physische, in seinen Dienst zu stellen. 

Merkwürdig sind aber die Fälle, in denen die Vereinigung dieser 
Tendenzen nicht gelingt. Solche Frauen spielen eine Doppelrolle und 
kennen zweierlei Arten von Liebe, deren Vereinigung sie erstreben, aber 
nie erzielen können. Sie empfinden die große Sexualität als Sturz, als 
Niederlage, als Entwürdigung der Weiblichkeit und versagen gerade 
dem geliebten Manne, was sie jedem Fremden gerne gewähren. Sie wollen 
sich vor dem Geliebten nicht als Tiere oder als Dirnen zeigen. Sie 
wollen in der stolzen Pose der seelischen Liebe bleiben. Sonderbar ist es, 
daß sie sich dem Manne, den sie seelisch lieben, hingeben können, ohne 
etwas körperlich zu empfinden. Das Übermaß einer seelischen Neigung 
ertötet bei ihnen die Möglichkeit des Orgasmus. Als ob sich diese 
Frauen vor dem Geliebten schämen würden, zum Tiere zu werden . . . 
Das Merkwürdigste an komplizierter Liebespsyehologie leistet sich der 
nächste Fall: 

Fall Nr. 84. Frau D. S. ist jetzt 40 Jahre alt und Witwe eines sehr 
großen Künstlers. Obwohl sie ihren Mann außerordentlich verehrte und liebte, 
war sie bei ihm vollkommen anästhetisch. Er war ein Schwärmer, der seine 
Sinnlichkeit überwinden wollte und oft viele Monate keine Kohabitation voll- 
zog. Ja, es kamen Jahre vor, in denen er auf jeden Liebesgenuß verzichtete. 
Er zog so in seiner Frau einen Gefühlsüberschwang groß, der sie nach seinem 
Tode noch mächtig beeinflussen sollte. Sie zog sich in ein stilles Dorf zurück, 
wo sie eine Art Erholungsheim für kranke Kinder gründete. Sie fühlte sich 
vereinsamt, die seelische Anregung, die sie bei ihrem Manne in vollem Maße 
genossen, fehlte ihr. Da trat ein junger Mensch in ihr Leben, der eine große 
Rolle spielen sollte. Er kam als Patient in das Erholungsheim, in dem auch 
Erwachsene aufgenommen wurden. Auch er war Künstler, und zwar ein 
wunderbarer Musiker. Für die Frau begannen schöne Tage reicher Anregung. 
Sie verliebten sich sehr bald und sie wurde 6eine Geliebte. Ihre Liebe war 
und ist noch heute so maßlos, daß sie nur in 6einer Nähe glücklich ist. Ist 
er abwesend, 60 hat sie das Gefühl, es wäre alles nur eine Erwartung für 
sein Kommen. All ihr Leben beschäftigt sich nur mit Lothar, der ihr eine 
Erfüllung bedeutet. Aber trotzdem sie ihn so liebte, blieb sie in seinen Armen 
kalt. Sie konnte nichts empfinden, als ein mütterliches Gefühl der Zufrieden- 
heit, daß er an ihr Gefallen finde und eine Freude an ihrem Besitze zeige. 
Sie aber wurde nur heiß ohne Befriedigung, war nach solchen Akten schlaflos 
und so erregt, daß oft nur die Onanie Erleichterung und Schlaf bringen konnte. 
Es kreuzte auch ein anderer Mann ihren Weg. Es war ein Förster, ein 
kräftiger, brutaler Mensch, der einmal, wie er mit ihr allein war, ohne viel 
• zu fragen, sie ergriff und von ihr Besitz nahm. Sie war so starr, daß 6ie 
kein Wort erwiderte, 6ich alles gefallen ließ. Allein in seinen Armen empfand 
sie den heftigsten Orgasmus. Er kam am nächsten Tage wieder, in der Hoff- 
nung, die heiße Frau nun als seine Geliebte zu finden. Sie verweigerte eich 
ihm und es dauerte ungefähr einen Monat, bis sie sich wieder ergab. „In seinen 
Armen" — sagt 6ie — „bade ich mich für Monate gesund. Es ist wie ein 
wilder Rausch, dem aber dann ein unbeschreiblicher Ekel folgt, wenn ich an 



Der Kampf der Geschlechter. gfi] 

Lothar denke. So schwanke ich zwischen Paul und Lothar. Paul hasse ich und 
Lothar liebe ich. Trotzdem befriedigt mich Paul. Seine brutale, ordinäre Art 
stößt mich ab und lockt mich doch an. Bei Lothar zieht mich alles an. Aber 
es scheint, ich muß Dirne werden, um etwas zu empfinden. Ich kann als Dame 
nie empfinden." 

Paul verliebte sich rasend in die kluge, goistreiche Frau. Er machte ihr 
einen Heiratsantrag. Sie wies ihn hohnlächelrid ab. Was er sich einbilde. Zum 
Heiraten gehöre ein anderer. Zum Genüsse sei er gerade gut genug. Trotz 
dieser Demütigungen läuft ihr dieser Mann wie ein Hündchen nach. Sie will 
von ihm nichts wissen, bis die schwache Stundo kommt, wo sie ihm ganz und 
gar gehört. Da wird sie ein anderer Mensch, und ihrem Munde entschlüpfen 
rohe Worte, welche sie sonst nie gebrauchen würde. 

Wir sehen den Orgasmus an eine spezifische Bedingung des Sinkens 
von dem geistigen Niveau geknüpft. Sie muß nach ihrem Ausspruche von 
einem Engel zum Schweine werden, dann hat sie an den „Schweinereien" 
Gefallen. 

Hier ist die Anästhesie, die sich bei Lothar produziert, auf eine 
falsche Wertung der Sexualität zurückzuführen. Sie glaubt sich etwas 
zu vergeben, wenn sie bei Lothar empfindet. Lothar darf sie nicht als 
Dirne sehen. So hat sie die Trennung in die „hohe" Liebe und die 
„niedere" vorgenommen und fröhnt beiden. Bei Männern werden wir 
häufig einen ähnlichen Mechanismus beobachten können. Sie können nur 
bei Dirnen oder niederen Personen potent sein, ihre seelische Liebe ist 
immer an ein Wesen geknüpft, bei dem sie impotent sind. Es setzen die 
wichtigen Freudechen Mechanismen infantiler Verankerung und infan- 
tiler Einflüsse ein, die Spaltung zwischen „Zärtliclikeit" und „Sinnlich- 
keit", über die wir bereits ausführlich gesprochen haben. 

Ich möchte hier nur noch einige Beispiele zu der bemerkenswerten 
Erscheinung besprechen, daß Frauen ihre Erotik und Sexualität zu 
trennen imstande sind und daß vielen Frauen das Sinken in das Tierische 
Bedingung des Orgasmus ist. Kein Beispiel zeigt uns schöner die Bipola- 
rität aller seelischen und körperlichen Phänomene. Denn wir haben von 
der Frau gesprochen (und werden diesen Typus noch erörtern) , die den 
Umweg über das Geistige nehmen muß. Sie muß erst steigen, um das 
Natürliche al6 natürlich nehmen zu können. Der bipolare Gegensatz 
ist der Fall der Frau, die sinken muß, um einen Orgasmus auszulösen. 
Bei Amerikanerinnen soll dieser Typus häufig vorkommen. Man erinnert 
sich an den Fall der Millionärin, die in einem Chinesenviertel ermordet 
wurde. Bei einem solchen Chinesen wurden Tausende von Liebesbriefen 
.von vornehmen Mädchen gefunden. Ich kenne zahlreiche Beispiele, in 
denen die Rückkehr zur Natur, zum Volke imstande war, das Triebleben 
mit kaum geahnter Intensität frei zu machen. Die bekannte Tatsache, 
daß Frauen Kellner, Chauffeure, Dienstmänner, Arbeiter, Diener lieben, 
illustriert dieses Kapitel. Ich habe schon die wunderbar beobachteto 
Szene in „Travail" von Zola erwähnt, in der die Frau des Fabrikanten 



262 Die Geschlechtskälte der Frau. 

von einem schmutzigen Arbeiter auf einem Bündel russiger Fetzen ver- 
gewaltigt wird und so leidenschaftlich dabei empfindet, daß sie diesen 
Orgasmus nicht vergessen kann und Tag und Nacht von diesem Akte 
träumt. Ein ähnliches Motiv: „Fräulein Julie" von Strindberg, der eine 
Komtesse die Geliebte eines brutalen Kammerdieners werden läßt! 

Die feinste Darstellung hat dieser Konflikt in dem Drama eines 
nordischen Dichters gefunden. Es ist dies „Samson und Delila" von Sven 
Lange. Ein großer Dichter liebt seine Frau, die erste Tragödin des 
Theaters, leidenschaftlich. Sie ist neben seinem Schaffen der. Inhalt 
seines Lebens. Er schafft nur für sie allein. Sie aber haßt ihn, weil er ihr 
zu groß ist, weil sie in ihm die stärkere geistige Kraft erkennt. Ihr ist 
der Umweg über das Geistige zu mühevoll, zu kompliziert. Sie will nicht 
immer die Dramen des Dichters anhören, seine großen Tiraden; seine 
komplizierte Psyche drückt sie. Sie nimmt sich einen Geliebten, den ein- 
fältigen, rohen, ungebildeten Möbelhändler „Mayer". Wie könnte der 
große Dichter auf diesen kleinen Mayer eifersüchtig sein? Doch sein 
Leben geht an diesem Mayer zugrunde. Bei Mayer benötigt die Frau 
nicht den weiten Umweg über das Geistige, der ihr lästig ist, sie kann 
mit ihm ordinär sein und die Liebe ist bei ihm das, was sie auch bei ihr 
ist: die Erfüllung eines physischen Bedürfnisses. Und sie rächt sich an 
dem geistigen Samson, der es nun grauenhaft fühlen muß, was es heißt, 
wenn die Philister über den Künstler triumphieren. Delila siegt und 
Samson hört das furchtbare „Philister über dir". 

In Wirklichkeit vollziehen sich diese Prozesse mit Kompromissen 
wie Lothar und Paul. Ich erinnere mich an einen Vorgang, der wie kein 
zweiter einen tiefen Blick in die weibliche Psyche gestattet. 

Fall Nr. 85. Ich war noch Student, da machte ich die Bekanntschaft eines 
typischen, süßen Wiener Mädchens. Einer meiner Freunde behauptete, er werde 
noch am Tage der Bekanntschaft mit ihr intim bekannt werden. Ein anderer, 
den wir den Idealisten nennen wollen, leugnete diese Möglichkeit. Ernst — 60 
hieß der erste Freund — begleitete Mizzi nach Hause und stellte ihr den 
Antrag, den Abend mit ihm zu verbringen. Er merke, sie sei ein kluges 
Mädel und werde doch nicht „so fad sein und Geschichten machen". Mizzi 
sträubte sich ein wenig, aber nicht allzu stark und meinte, er müsse 6ie 
zuerst zu ihrer Wohnung begleiten, sie müsse sich umkleiden und der Mutter 
sagen, daß sie länger ausbleibe, weil sie zu einer Freundin gehe. Wie sie aber 
vor das Haustor kamen, stand ein älterer Herr davor. Mizzi stieß einen leisen 
Ruf aus : „ Jessas, der Onkel ! . . ." ließ den Studenten stehen, verschwand im 
Hause und kam nicht wieder, so daß Ernst nach einer Stunde vergeblichen 
Wartens abziehen mußte. Am nächsten Tage bekam er vom Idealisten heftige 
Vorwürfe zu hören. Obwohl Ernst meinte, der Onkel werde ein älterer, reicher 
Verehrer sein, der das Mädchen aushalte, ließ er sich doch von den Erzählungen 
des Idealisten erschüttern. Dieser berichtete, Mizzi habe die ganze Nacht ge- 
weint. Was Ernst denn von ihr glaube. Sie sei ein hochanständiges Mädchen 
und so eine Gemeinheit sei ihr im Leben noch nicht vorgekommen. Der Idealist 



Der Kampf der Geschlechter. 268 

meinte ferner, solchen Mädchen müsse man von der Gemütsseite kommen, und 
begann ihre Belagerung in Form einer echten Liebschaft. Schließlich begann 
er das Mädchen zu lieben, machte ihr allerlei kleine Geschenke. Sie gingen 
zusammen ins Theater, machten Ausflüge in den Wienerwald. Er überraschte 
6ie zeitweise mit schönen Gedichten, denn er war auch Lyriker und hatte nun 
Gelegenheit, den Gegenstand seiner Neigung zu besingen und sich den Lohn 
in Gestalt eines keuschen Kusses zu holen. Dies Verhältnis dauerte schon ein 
halbes Jahr und der Idealist kam nicht vorwärts. Er war nun überzeugt, daß 
es eich um ein außerordentlich keusches Mädchen handelte, denn 6ie duldete 
nicht einmal eine Anspielung auf sexuelle Dinge. 

Er holte sie wiederholt ab und begleitete sie auf ihren Wegen. Einmal 
ließ sie sich zu einer Tante begleiten, die in der Nähe des Cafes wohnte, wo 
er und seine Kollegen Stammgäste waren. Er wartete nun im Cafö. Sie sollte 
unauffällig vorbeigehen. Er plauderte dort mit seinen Freunden. Plötzlich kam 
ein Kollege, Herr B., zu ihrem Tische. Zugleich ging Mizzi beim Cafö vorüber. 
„Das ist meine Geliebte", sagte B. zu seinen Kollegen und rühmte die 
Schönheit seines Wiener Mädel6. „Und ihr Bräutigam, ein dummer Kerl, hat 
sie bis zu meiner Wohnung begleitet und wartet irgendwo in der Nähe auf 
sie." Er hatte keine Ahnung, daß der Idealist dieser Bräutigam war. Dieser 
aber wurde bleich und verließ unauffällig den Kreis. Er wollte erst Mizzi 
heftige Vorwürfe machen. Dann aber fürchtete er, 6ie könnte mit ihm brechen 
und bös werden. Er wollte sie aber nicht verabschieden, ohne 6ie besessen zu 
haben. Er schob die platonische Art seines Verhältnisses auf seine Ungeschick- 
lichkeit und Unerfahrenheit in Liebessachen. Für den nächsten Tag lud er sio 
in seine Wohnung. Ein Meines Souper war vorbereitet, 6ie speisten, tranken, 
küßten und waren bester Laune. Plötzlich wurde der Idealist kühner und 
immer kühner. Mizzi aber war entrüstet, leistete energischen Wideretand, 
schwur, sofort seine „Bude" zu verlassen, wenn er nicht Ruhe gebe. Er wäro 
heute entsetzlich ordinär. 

Jetzt riß dem Idealisten die Geduld. Er wurde wild, sagte ihr die Wahr- 
heit ins Gesicht. Er wisse ganz genau, daß die famose Tante der Kollege B. 
wäre und wie sie sich mit der Tante unterhalten habe. 

Die Wirkung war ungeheuer. Mizzi bekam oinen hysterischen Anfall, 
begann zu schluchzen und zu heulen, so daß er sie nicht beruhigen konnte. 
Sie mußte schließlich mit einem Wagen nach Hause gebracht werden. 

Als Abschluß bekam er ein erregtes Schreiben : Sie habe geglaubt, er sei 
besser als die anderen, er sei ein wirklicher Idealist. Sie hätte nicht vermutet, 
daß er so ein Schwein wäre wie B. und wie Ernst ... Sie hätte geglaubt, or 
habe sie wirklich lieb. Sie hätte sein Gemüt geschätzt und diese „reine" Liebe 
wäre das Schönste in ihrem Leben gewesen. 

Und sie verschwand aus seinem Gesichtskreis, ohne daß er sie besessen 
hatte. 1 ) 



*) Goncourt schildert in der Novelle „La fillo Elise" einen ähnlichen W.rgang. 
Ein Soldat verliebt sich in eine Dirne, die ßeino Liebe erwidert. Sie machen elBOfl 
Ausflug und lagern sich im Grase. Der Soldat will zärtlich werden, dio Dirne aber, dio 
eine geistige Liebe spielen will, weigert sich, auf seine Anträge einzugehen. Wie or 
Gewalt anwenden will, ersticht sie ihn. Ein wunderbares Beispiel, wie nahe Liebe und 
Haß liegen. 



264 Die Geschlechtskälte der Frau. 

Dieser Dualismus der Liebe kommt eigentlich gar nicht so selten 
vor. Die Wienerin hat manchmal einen Geliebten für das „Gefühl" und 
einen für die Sinne und weiß beide Verhältnisse sehr scharf zu scheiden. 
Für das Gefühl wählt sie häufig eine Distanzliebe. Sie liebt Künstler, be- 
sonders Sänger und Schauspieler, aber auch Schriftsteller, denen sie 
zärtliche Briefe schreibt, ohne mit ihnen näher bekannt zu werden. 

Die Neigung der Frauen für Künstler hängt oft mit ihrer Eitelkeit 
und ihrem Ehrgeiz zusammen, mit dem Wunsche, von den anderen be- 
neidet zu werden. Wie sie die schönsten Toiletten eigentlich nur für die 
Rivalinnen anziehen und selten für den Mann, so freut sie der Besitz 
eines berühmten Mannes nur, weil sie von den anderen beneidet und den 
anderen vorgezogen wurden. Auch steigt die Selbstschätzung ungeheuer, 
wenn. sie sich von einem bedeutenden Menschen geschätzt wissen. Ich 
kenne Frauen, die bei den Künstlern, welche mit ihnen ein Verhältnis 
hatten, immer anästhetisch waren und trotzdem dieses Verhältnis fort- 
■ setzten. Es schmeichelte ihrer Eitelkeit und erhöhte den Wert ihrer 
Persönlichkeit. Ja, sie klammerten sich an diese oft flatterhaften Lieb- 
haber und wollten sie um keinen Preis verlieren. Sie zeigten förmliche 
Liebesraserei, ließen sich jede Demütigung gefallen, gaben sich zu jeder 
Art der sexuellen Lustgewinnung her, nur um nicht die Niederlage emp- 
finden zu müssen, beiseite geschoben zu werden. Ich kenne Künstler, die 
einen ganzen Harem solcher Frauen besitzen, welche sie nicht mehr los 
werden können. 

Andrerseits müssen wir in der Liebe der Kulturfrau zum Künstler 
ein Symptom des Höhendranges der Frau sehen. Sie will mit einer 
höheren Spezies Mensch zu tun haben, sie will geistige Interessen teilen 
können, sie will einen Teil ihrer sexuellen Triebkräfte sublimierenkönnen. 
Sie will mit dem Manne zu den -höchsten Gipfeln der Menschlichkeit 
steigen, um die Tiefen als Gegensatz voller genießen zu können. 1 ) 

Es gibt anästhetische Frauen, die in der Ehe verkümmern und sich 
ewig nach dem Künstler sehnen, der ihrem prosaischen Leben den 
Schimmer seiner Kunst leiht. Die Kunst ist die größte aller Kupple- 
rinnen. Ist sie doch selbst umgewertete Erotik! Sie verlangt eben auch 
die Rückwandlung zu ihren Urformen. Oft ist das gleiche Verständnis 
einer Kunstform das einzige Bindeglied, das die Ehegatten vor völliger 
Trennung bewahrt. Die moderne Kulturfrau selmt sich nach der ver- 
feinerten Psyche des Künstlers, der ihre Empfindsamkeit versteht und 
achtet, noch mehr, auf sie Rücksicht nimmt, ohne daß sie es verlangen 
muß, und der es ihr ermöglicht, ihre eigenen Hemmungen zu überwinden. 
Darum handelt es sich in erster Linie. Die anästhetische Frau empfindet 

*) In der Kreulzersonate von Tolstoi wird diese Bedeutung der Kunst ganz aus- 
gezeichnet geschildert. 



Der Kampf der Geschlechter. ;>ß5 

ihre Hemmungen als naturwidrig. Sie ist vom Lebensgenüsse aus- 
geschlossen und empfindet das ganze Leben als sinnlos. Wozu lebe ich 
denn. Das ist die ewige Frage dieser Frauen. Diese Frage hat nur den 
Sinn: Ein Leben ohne Liebe hat keinen Zweck! Frauen, die glücklich 
lieben, fragen das nie. Nur die Unbefriedigten, Hungrigen wiederholen 
immer wieder diese eine Frage. Der Künstler soll sie den Sinn des 
Lebens lehren, er soll sie liebesfähig machen. Denn sie sehnen sich wie 
jeder Mensch nach Liebe und wollen eine Persönlichkeit lieben, die es 
selbstverständlich macht, daß nlan sich ihr unterwirft, der zuliebe man 
alles macht und selbstverständlich findet, was man bei anderen als ekel- 
haft, unmoralisch und schmutzig wertet. Der Künstler steht in allen 
Zeiten immer etwas außerhalb der bürgerlichen Moral. 

Aber auch die starke Bisexualifät aller Künstler lockt die Frauen. 
-Sie suchen nicht allein die geistige Blüte des Typus Mann in ihm. Das 
stark Weibliche seiner Psyche, das sich so häufig auch physisch aus- 
drückt, lockt sie an. Auch ihr Stück Mann will auf seine Rechnung 
kommen. Denn beim Künstler gibt es immer so viel Weibliches und so 
viel Kindliches, das bemuttert sein will, und seiner Geliebten eine 1h - 
deutung für sein Leben gibt, da sie ihm sein Schaffen erleichtert. 

Fall Nr. 86. Frau E. Qu. wurde 40 Jahre alt, war Mutter von M-ch.< 
Kindern und wußte nicht, daß es eine Libido geben könne, daß man in den 
Armen eines Mannes etwas empfinden könnte. Die Geschichte ihres Lebens 
ist die Geschichte menschlicher Irrtümer und falscher Anschauungen! Sie 
wuchs als Tochter eines sehr berühmten Chemikers auf. Sie hat nur dunkle 
Erinnerungen an ihren Vater. Weiß, daß er ein sehr strenger und gewalt- 
tätiger Mann war, vor dem das ganze Haus zitterte. Sie allein trotzte ihm 
zuweilen und lernte schon als Kind, daß der Trotz stärker sein kann als die 
Liebe ... Sie kam früh aus dem Hause, was sie unglücklich machte. Ihre Wild- 
heit sollte in der Zucht eines strengen Pensionates gebändigt worden. Sie litt, 
aber fürchterlich in der Fremde. Das Heimweh verzehrte sie. Es scheint, daß 
die Liebe zur auffallend schönen Mutter die stärkste Kraft ihrer Kindheit 
war. Denn sie erinnert sich an eine charakteristische Szene aus ihrer Kindheit. 
Die Mutter sollte zu einem Balle gehen und trug eine wundcrluire rote Kose 
im Haar. Sie fing zu weinen an und bat, die Mutter möge diese Rose nicht 
mitnehmen. Sie war eifersüchtig auf alle Menschen, die die Mutter mit der 
Rose sehen könnten. Sie fand die Mutter unwiderstehlich. Nun sehnte sie sich 
in dem Pensionate nach der Mutter und dem Elternhause und wurde noch 
trotziger und eigensinniger. Da starb ihr Vater unvermutet und sie kam nach 
Hause. Dieser Todesfall spielt die größte Rolle in ihrem Leben. Denn ihr 
war ein Gedanke gekommen, der ungefähr so lautete: Wenn der Vater stirbt, 
dann kommst du wieder nach Hause. Denn sie wurde seinetwegen aus dem 
Hause gegeben, weil er sich immer mit ihr aufregte. Sie erinnert sich eines 
Momentes an dem Tage, an dem der Vater begraben wurde. Sie war im Klavier- 
zimmer, öffnete das Klavier und klimperte eine fröhliche Weise. „Jetzt habe 
ich gesiegt! Ich komme wieder nach Hause und der Vater wird mich nicht mehr 
quälen können, ich werde vor ihm nicht mehr zittern müssen." 



266 Die Geschlechtskälte der Frau.' 

Sie war damals 13 Jahre alt. Offenen Auges betrachtete sie nun das 
Leben, das sich vor ihr abspielte. Die Mutter war noch jung, schön und be- 
gehrenswert. Dazu außerordentlich reich! Viele Männer kamen in das gast- 
freundliche Haus. Sie hatte nun eine einzige Angst: Die Mutter könnte wieder 
heiraten. Sie fühlte sich auch in der Liebe benachteiligt. Es begann sich da- 
mals schon die Idee bei ihr festzusetzen, sie wäre eine Art Aschenbrödel, keiner 
liebe sie usw. Überflüssigerweise wurde sie in den Sommerferien zu einem 
verwandten Pastor geschickt, der sie mit Moral und Religion bändigen wollte. 
Sie stellte sich zu ihm mit Trotz ein. Aber die Wirkungen des Pensionates 
blieben nicht aus, ebensowenig wie die Folgen einer Erziehung, welche den 
Trotz durch Angst vor den Strafen Gottes und vor der Hölle bändigen wollte. 
Sie lachte über diese Bemühungen und nahm sie doch innerlich an. Sie wurde 
fromm und wehrte sich gegen diese Frömmigkeit mit allen Kräften ihres 
reichen Intellektes. Aber ihre innere Freiheit wurde langsam vernichtet und 
ihr starrer Wille gebeugt. Ein Schuldgefühl wurde groß gezogen, das später 
beim Ausbruche der Neurose die mächtigste Kraft ihres Lebens wurde. Offen 
lachte sie über die Bemühungen des Pastors und lehnte sich gegen ihn auf. 
Aber von seinen Lehren hafteten die meisten. Denn das Erlebnis mit dem 
Vater, ihre sündhafte Befriedigung über seinen Tod, sagten ihr, daß sie eine 
Sünderin sei, und weckten zugleich in ihr das Bestreben, sich über sich hinaus- 
zuentwiekeln und ein höherer, besserer Mensch zu werden. 

Sie erinnert sich nicht an sexuelle Regungen in der Kindheit, sie sind 
so verdrängt, daß deren Bewußtmachung unmöglich ist. Sie hat auch nie im 
Leben onaniert. Es ist ihr wenigstens nicht erinnerlich. Sie hatte keine Ahnung, 
daß es andere Kräfte gebe als die seelische Liebe, und wurde auch nicht auf- 
geklärt. Dunkel standen alle sexuellen Probleme vor ihr. Sie zählte 17 Jahre, 
als Männer anfingen, sich mit ihr zu beschäftigen. Sie war auffallend schön, 
ihre großen, dunkeln Augen strahlten in einem seltenen Feuer, sie versprach 
Leidenschaft und Temperament. Sie wurde von verschiedenen älteren und 
Jüngeren Herren umworben. Darunter befand sich ein Landedelmann aus 
guter Familie und von einnehmendem Wesen. Dieser verliebte sich in das 
schöne Mädchen und machte ihr, da er merkte, sie hätte für ihn Sympathie, 
einen Heiratsantrag. Sie wies ihn erst ab. Wieder ein Fall, der uns die Be- 
deutung des ersten Nein illustriert. Der Mann aber wurde nicht müde, sich 
um sie zu bewerben. Nach einiger Zeit fand er die Konstellation viel günstiger. 
Um diese Zeit verkehrte in ihrem Hause ein Professor, der der Mutter den 
Hof machte. Sie nahm an, daß die Mutter den Professor heiraten wollte, und 
daß sie der Mutter im Wege war. Besonders weil die Mutter sie über Sommer 
zu Freunden gab und allein ins Bad fuhr. Das konnte sie der Mutter nicht 
verzeihen. 

Sie fühlte sich zurückgesetzt und überflüssig im Hause. Sie glaubte, daß 
sie der Mutter im Wege stehe. Aus Trotz wählte sie gerade den 
Mann, gegen den die Mutter feindlich eingestellt war. 
Andere Männer, welche die Mutter bevorzugte, verloren in ihren Augen jeden 
Wert. Sie verliebte sich nun in den Landedolmann. Es war eine Scheinliebe, 
die sie sich vorspielte, um sich an der Mutter zu rächen. Denn ihre stärkste 
Liebe war die homosexuelle Einstellung zur Mutter. Ihr Mann bewarb sich 
ein zweites Mal und diesmal erhielt er das Jawort. Wie oft hatte sie später 
bereut, daß sie das erste Nein nicht wiederholt hatte! Dir Leben ging an 
diesem Jawort in Brüche. Sie verlobte sich geheim mit dem Manne ihrer Wahl. 
Auch dies ein Zeichen ihrer Trotzeinstellung zur Mutter. Diese aber fügte sich 



Der Kampf der Geschlechter. gJÄ"* 

dem Willen und der großen Liebe ihrer Tochter. Diese Liebe war der Mutter 
unbegreiflich und sie- konnte sie nur auf den Geschlechtsinstinkt zurückführen. 
Denn der Bräutigam war ein schöner, stattlicher Mann. Die Muttor aber 
fühlte, daß ihre Tochter aus anderem Holze war. Sie waren Menschen mit 
verfeinerten Instinkten. Alle nervös, überempfindlich, höchste Blüten am 
Baume der Kulturmenschheit. Der Erwählte ein gesunder, überkräftiger 
Mensch mit rustikalen Gewohnheiten, einfach, langsam im Denken und 
Handeln, auch eigensinnig und rechthaberisch mit dem ganzen Stolze des Poin- 
merischen Landadeligen, der etwas verächtlich auf die Gelehrtentradition 
herabsah. Da aber die Tochter erklärte, sie liebe den Mann und müsse ihn 
heiraten, so willigte die Mutter schweren Herzens in die Verbindung. 

Der Brautstand verlief anfangs ganz friedlich und die Braut war tradi- 
tionell glücklich. Sie hatte ein ungeheueres Bedürfnis nach Liebe und nun 
lebte ein Mensch, der sie mit Liebe überschüttete, der ihr täglich mehrere 
Liebesbriefe schrieb und nur für sie auf der Welt war. Allerdings begannen 
hier Störungen einzusetzen, die ihre Schatten auf ihr ganzes Leben werfen 
sollten. Sie empfand bei seinen Küssen gar nichts. Sie wertete ihn mehr als 
guten Freund und Kameraden und da sie die Liebe nicht kannte, glaubte sie, 
das sei die Liebe. Was sollte sie auch bei einem Kusse anderes empfinden, 
als die Berührung zweier Lippen? Hier setzte schon die Anästhesie und der 
erste Widerwille ein. Sie fand, daß er nach Rauch rieche. Sie entdeckte den 
Nachgeschmack von Gewürzen, gegen die sie eine Idiosynkrasie hatte. 

Der Mann hatte damals ihr Schicksal in seiner Hand. Sie wollte frei 
sein und als Mensch geachtet werden. Sie wollte sich als Persönlichkeit fühlen 
und hoffte, in dem Manne den Schützer ihrer Persönlichkeit zu finden. Sie 
wollte ihr Ich bewahren. Er aber wollte sie erziehen. Ihr ganzes Leben WM 
bisher ein Kampf gegen jede Erzichimg gewesen. Alle Erziehungskunstetücko 
hatten ihr bisher nur Kummer gebracht. Pflicht war ihr ein häßliches Wort. 
Sie gehörte zu den Menschen, die aus Liebe alles leisten können, während sie 
bei den Pflichten verengen. Nun fand ihr Bräutigam, daß 6ie aus einer kranken 
Familie stamme und falsche Ansichten habe. Sie müsse einmal 6eine Familie 
kennen lernen. Er begann von seiner Mutter und 6einen Schwestern zu 
schwärmen. Ihre stärkste Eigenschaft war die Eifersucht. Sie wollte alles für 
sich allein haben. Und wenn es noch so wenig war, es sollte ihr allein gehören. 
Deshalb hatte sie sich mit dem Manne verlobt. Nun merkte sie, daß sie seino 
Liebe mit der Mutter und den Schwestern teilen mußte. Sie war schon von 
Hause aus feindlich eingestellt, ehe sie die Schwiegermutter kannte. Sie sollte 
nun für ein halbes Jahr zu dieser Schwiegermutter, um sie kennen und lieben 
zu lernen. 

In der Verlobung und auch später machen die Männer häufig die Er- 
fahrung, daß die Frauen es nicht vertragen, wenn sie von ihrer Mutter 
schwärmen. Sie fassen die Hervorhebung der mütterlichen Vorzüge als einen 
Tadel ihrer Fehler auf. So kommt es leicht zu feindlichen Einstellungen, 
die das Verhältnis im vorhinein konstellieren. In diesem Falle kam noch die 
schwärmerische Liebe der Mutter für den einzigen Sohn hinzu, die in der Braut 
unwillkürlich die Rivalin sah und an 6ie die höchste Anforderung stellte. 
Welches Mädchen ist einer auf ihren einzigen Sohn stolzen Mutter gut genug? 
Sie begann nun mit der Erziehung, und die Folge war . . . daß die beiden 
Frauen ihr ganzes Leben erbitterte Gegnerinnen wurden, ohne es sich je ein- 
zugestehen. So deckte auch diesen Aufenthalt die freundliche Konvention und 
Haß und Eifersucht und der unbändige Trotz wurden aus dem geistigen Blick- 



268 Die Geschlechtskälte der Frau. 

felde beiseite geschoben. Es begann die Spaltung der Persönlichkeit. In dem 
Mädchen aber schrie der unbändige Trotz: „Du wirst mich nicht unterkriegen! 
Du wirst mich nicht ändern! Ich werde keine Landedelfrau ! Ich bleibe die 
Tochter des Gelehrten, ich bleibe Künstlerin!" Das war alles nebenbewußt. Im 
Bewußtsein war sie gehorsam und nahm sich vor, ihrem Manne ganz zu Willen 
zu sein und in jeder Hinsicht ihre Pflichten zu erfüllen. 

Unter diesen Auspizien kam es zur Ehe. Jeder prophezeite dem glück- 
lichen Paare eine wunderbare Ehe. Allein schon in der Brautnacht zeigten 
sich /die ersten Folgen des falschen Spieles, das dieses Mädchen mit sich ge- 
trieben. Ihre Liebe quoll nicht aus einem Geschlechtsinstinkte heraus, nicht 
aus der völligen geistigen Übereinstimmung. Weder seelische, noch körperliche 
Kräfte waren tätig gewesen, um sie hervorzurufen, bloß der Trotz gegen die 
Mutter. Jetzt kam aber noch der innere Trotz gegen den Mann hinzu. Er war 
nicht imstande, eine Defloration zu vollziehen. Der Körper wiederholte sein 
erstes Nein in dem Symptom eines unüberwindlichen Vaginismus. Dieser Vagi- 
nismus brachte den sehr potenten und bedürftigen Mann zur Verzweiflung. 
Er dauerte sehr lange und mußte schließlich mit roher Gewalt überwunden 
werden. Sie empfand beim Koitus nichts anderes als Schmerzen und hatte 
keinen anderen Wunsch, als den einen : „Oh — ginge diese abscheuliche Proze- 
dur schon vorüber." Sie war die gleichgültige Zuschauerin fremder Ekstasen. 
Seine Küsse wurden ihr widerlich, weil sie entdeckte, daß er aus dem Munde 
roch. Diese Entdeckung war auch nur ein Symptom, das den inneren Wider- 
stand ausdrückte. Wie alle Frauen, die bei ihren Männern einen Geruch aus 
dem Munde entdecken, wollte auch sie damit eine starke Abneigung motivieren 
und verbergen. Sie wollen sich vor sich selbst entschuldigen. Die Liebe über? 
windet alles, selbst den üblen Geruch. Sie fühlt ihn gar nicht. Ja, sie macht 
ihn sogar zu einem spezifischen Stimulans! Der Ekel aber konstruiert solche 
Gerüche, übertreibt und unterstreicht, den jedem Menschen spezifischen Geruch 
und stellt ihn in seinen Dienst. Kurz, der Mann mag gar nicht aus dem Munde 
gerochen haben . . . 

Er hätte noch immer den Weg zu ihrem Herzen und ihren Sinnen finden 
können, wenn er kein Gewaltmensch gewesen wäre. In der Ehe herrschte nur 
ein Wille und das war der seine. Ja, er war liebenswürdig, galant, zuvor- 
kommend, aber unbeugsam, Wenn es galt, Entscheidungen zu treffen. Sie war 
ihm Geliebte, Kind, Spielzeug, aber er verstand nicht, in ihr wenigstens den 
Schein zu erwecken, daß auch sie herrsche. Sie herrschte nur über seine Sinne 
und an dieser Herrschaft war ihr gar nichts gelegen, weil sie absolut nichts 
empfand . . . Außerdem war er in seiner Toilette nachlässig, zeigte nicht 
jene verfeinerte Lebensgewohnheit, die sie in ihrem Hause kennen gelernt 
hatte. Solche Kleinigkeiten spielten bei ihr eine große Rolle, um so mehr, als 
ihre Brüder in dieser Hinsicht vollkommen tadellose Menschen waren. Ihr 
Innenleben war damals noch nicht entwickelt und sollte erst durch eine Schule 
der Leiden ausgebildet werden. Aber, daß ein Mensch fertige Krawatten tragen 
konnte oder Manschetten, die nicht zu dem Hemde gehörten,- das konnte sie 
abstoßen und den Menschen lächerlich machen. Sie -gab viel auf Äußerlich- 
keiten, weil sie damals die Kultur der Seele nicht kannte. So hatte sie viel an 
dem Manne zu tadeln. Sie schämte sich- oft seiner, wenn er in ihrem Kreise 
erschien, und versuchte, ihn in diesem Sinne zu erziehen. Er aber war ein 
Kraftmensch, dessen ganze Interessen in der Landwirtschaft, im Berufe und 
in der Politik aufgingen, für die sie nun schon gar kein Interesse hatte. Sie 
saß am liebsten am Klaviere und spielte in Dämmerungen Präludien von 






Der Kampf der Geschlechter. 



2i\\) 



Chopin, begann sich mit Dichtern zu beschäftigen und auch ein wenig zu 
zeichnen Sie hatte reiche Talente, die sie brach liegen ließ. Der Künstler 
in ihr schrie nach Betätigung und verlangte zu schaffen, aber sie verstand 
diese" Stimme nicht und die ihr anerzogene Bescheidenheit ließ sie alle eigenen 
Leistungen unterschätzen. Sie versuchte erst gemeinsame Interessen und Be- 
tätigungen - mit ihrem Manne. Sie ritten stundenlange zusammen über die 
fruchtbare» Felder und durch die weiten Wälder, die ihren Herrensitz uni- 
gaben. Und sie waren selten allein. Ein fröhliches, geselliges Leben herrschte 
in ihrem Hause. Da kamen Nachbarn, man musizierte zusammen, veranstaltete 
Jagden; immer mehr Herren nahmen an den Spazierritten teil so daß es 
manchmal sehr lustig und übermütig zuging. Und wenn ihre Mutter sie fragt« 
wie es ihr gehe antwortete sie: „Ich bin so glücklich, wie es nur eine Frau 
sein kann So hielt man sie auch für eine glückliche Frau und ihre Ehe galt 
als eine der glücklichsten im weiten Umkreise. 

Trotzdem schrie der Körper sein beharrliches Nein. Dw Ktfintemufl war 
geschwunden. Aber die Gefühllosigkeit und der Ekel blieben und ließen sie 
immer vor der Nacht fürchten. Sie war glücklich, wenn die eheliche Pflicht 
vorüber war . . . Bald fühlte sie sich Mutter und hatte jene schwere Schwanger- 
schaft der Frauen welche ohne Liebe empfangen.») Sie pflegen sich zu er- 
brechen und allerlei Beschwerden zu haben, sie werten die Schwangerschaft 
nicht , als Gluck, sondern als lästige Verpflichtung, sie sind voller Angst vor 
den Folgen . Und ein wichtiges Symptom vieler anästhetischor Frauen: 
Sie lieben das Kind nicht, das sie ohne Liebesgenuß empfangen haben ! ) 

Die Erkenntnis daß sie ihr eigenes Kind nicht lieben konnte, wirkte 
auf sie niederdruckend. Wieder verstärkten sich die Schuldgefühle und sie 
kam zur Erkenntnis, sie müsse von Haus aus böse sein. Dazu kam, daß sie 
unbefriedigt war. In der Ehe stellten sich die ersten Zwistigkeiten ein. wenn 
sie ihren Willen durchsetzen wollte. Überdies kam ihr Mann mit ihrer Familie 
ganz auseinander. Er hatte Streit mit der Mutter, mit ihren Brüdern. Be- 
sonders drückten sie Auseinandersetzungen über materielle Angelegenheiten 
Sie war wie viele reiche Mädchen aufgewachsen, ohne sich über den Wert 
des Geldes zu orientieren. Sie konnte mit Geld nicht umgehen. Dir Mann hatte 
ebenfalls von der Verwaltung eines Vermögens keinen Dunst. Er konnte 
sein Gut bewirtschaften, aber er war ein Kind in finanziellen Angelegen- 
heiten. Das brachte ihn in Verlegenheiten und in Konflikte mit ihrer Mutter 
Sie stellte sich offen auf die Seite des Mannes, war aber mit ihrem Herzen bei" 
ihrer Familie. 

Unter den Männern, die auf ihrem Gute verkehrten war auch ein 
schneidiger ehemaliger Offizier, der quittiert hatte, um ßich der Verwaltung 
seines Gutes zu widmen. Er war hochelegant, ein gewandter Sporteniann und 
ein vollendeter Salonmensch. Sie waren gute Freunde, wie sie glaubte, voll- 
kommen harmlos. Aber im Innern setzte die erste Liebe ein. Sie liebte' ohne 
sich darüber Rechenschaft zu geben. Und als sie in den Wochen lag. kränkte 
es sie am meisten, daß sie ihren Kameraden nicht sehen konnte Ihr Mann 
wurde eifersüchtig und erlaubte den intimen Verkehr nicht weiter Sie war nun 
von aller Welt isoliert und hatte viel Zeit, nachzudenken. Ihr kam die Er- 
kenntnis, daß sie und ihr Mann nicht zusammenpaßten. Sie ging zu ihrer 

v *) Vergleiche das Kapitel IX in dorn ersten Bande dieses Werkes „Nervus \ngst- 
zuständo und ihre Behandlung": „Der Ekel und die Hyperemosis gravidarum." 
-) Vergleiche den „Traum vom eisigen Kinde", Seit« 103. 



270 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



Mutter mit dem Vorsatz, ihr das Elend ihrer unglücklichen Ehe einzuge- 
stehen . . . aber sie brachte kein Wort heraus und ließ die Mutter in dem 
Glauben, daß sie die glücklichste aller Ehen führte. Die unbefriedigte Sexua- 
lität jedoch begann ihr Leben zu beeinflussen, ohne daß sie es wußte. Sie wurde 
rot, wenn ein junger Mensch vorbeiging oder ein Mann sie ansah. Sie hatte 
Angstgefühle und plötzlich konnte sie nicht reiten. Sie hatte Angst, daß das 
Pferd mit ihr durchgehen könnte. Diese Angst bedeutet die Angst vor der 
eigenen Leidenschaft. Sie hatte Angst, daß ihre Leidenschaft, ihr Tempera- 
ment mit ihr durchgehen könnten. • 

In Gesellschaft kam ihr plötzlich der Wunsch, laut aufzuschreien oder 
laut aufzulachen. Sie hätte am liebsten ihr Unglück in alle Welt geschrien. 
Die Jahre vergingen. Sie bekam Kind um Kind und wurde immer kränker. 
Eßstörungen setzten ein, allerhand Krämpfe, Sehstörungen, Neuralgien und es 
begann das Martyrium der Neurose, die nicht verstanden wird. Der eine Arzt 
entdeckte, sie hätte einen Fremdkörper im Magen, der zweite fand eine Stenose, 
der dritte fand Fehler der Verdauungstätigkeit. Sie begann zu medizinieren, 
Schlafmittel zu nehmen, Sanatorien aufzusuchen, sich massieren zu lassen usw. . . 
Mittlerweile reifte ihr Geist und sie wurde immer einsamer. Sie isolierte 6ich 
von den Menschen und fand reichen Ersatz in guten Büchern, guter Musik 
und in der Natur. Aber immer war sie auf der Jagd nach Liebe und wählte 
sich Objekte, die ungefährlich waren. Einen Sänger, den sie nur auf der Bühne 
6ah, einen Schriftsteller, der krank war, unglücklich verheiratet und bald im 
Süden an Tuberkulose starb. Aber gerade diese unschuldigen Neigungen ver- 
größerten ihr Schuldbewußtsein. Solche unglückliche Frauen spielen mit dem 
Tode als Befreier. Sie mußte diese Fessel einer unglücklichen Ehe tragen und 
hatte nicht die Kraft, sich zu befreien. Sie machte ihrem Manne wohl den Vor- 
schlag, sich von ihr zu trennen. Er aber hatte zu ihr jene heiße Liebe der 
Männer, denen es nicht gelingt, ihre Frau zu befriedigen. Er ließ sie nicht 
frei. Wer konnte sie schneller befreien als sein Tod? Doch einen solchen Ge- 
danken wagen sich diese edlen Frauen nicht einzugestehen. Sie „verdrängen" . 
ihn und die Folge ist, daß er in einer Umkehrung erscheint als Angst, es 
könnte dem Manne etwas geschehen. Ritt er aufs Feld und kam später als 
gewöhnlich heim, so begann ihr Herz aus Angst heftig zu schlagen, es könnte 
ihm etwas zugestoßen sein. Einmal begleitete sie ihn zum Rechtsanwalt und 
er blieb etwas länger oben, weil wichtige Dinge zu ordnen waren. Sie wartete 
unten im Wagen. Plötzlich überfiel sie eine wahnsinnige Angst, es könnte ihm 
schlecht geworden sein und sie stürzte in höchster Erregung in das Zimmer, 
wo er sich befand. 

So ging das Leben weiter mit Schmerzen, Beschwerden, inneren und 
äußeren Kämpfen. Da lernte sie einen Musiker kennen, der ihr empfohlen 
wurde, um mit ihr vierhändig zu spielen. Sie waren mittlerweile in die Groß- 
stadt gezogen, ihr Mann hatte sich der Politik gewidmet. Allein sie lebte 
ganz abgesondert für sich und war unfähig, eine Gesellschaft zu empfangen 
oder Besuche zu machen. 

Der Musiker verliebte sich bald in die damals schon 44jährige Frau. 
Sie erwiderte seine Liebe und eines Tages lagen sie sich in den Armen. Sie 
fühlte das erste. Mal, daß eine Frau bei einem Kusse etwas empfinden konnte. 
Zum Entsetzen ihrer Bekannten und der ganzen Familie ließ sie sich von 
ihrem Manne scheiden und heiratete den Musiker. Er konnte ihr nur ein be- 
scheidenes Leben bieten, aber sie war an seiner Seite glücklich und zufrieden. 



Der Kampf der Geschlechter. ->-i 

Alle Krankheitesymptome schwanden. Auch die Anästhesie, die einer großen 
Leidenschaftlichkeit Platz machte. 

Die Geschichte dieser Anästhesie ist deshalb interessant, weil der 
Musiker sich an körperlichen Reizen mit ihrem Manne nicht messen 
konnte. Auch verfügte er nur über eine bescheidene Potenz. Aber er 
wußte den Zugang zur Seele dieser Frau zu gewinnen und die Ehe war 
auf der Basis gleicher Interessen aufgebaut'. Jeder hatte sich in dem 
anderen gefunden. Wir sehen eine Dyspareunie, die fast 25 Jahre bestan- 
den hat, spurlos verschwinden. Das beweist uns, wie bedeutsam der 
Faktor des Psychischen im Geschlechtsleben ist. Wäre die Liebe nur 
eine Rückkehr zum infantilen Ideal, ließe sich mit dem Faktor einer 
infantilen sexuellen Zielsetzung die Liebe restlos erklären, dam, wären 
solche Beobachtungen unmöglich. Sie zeigen uns aber die höchste und 
die am meisten verfeinerte Form der Liebe. Nach ihr lechzen alle höher 
organisierten Frauen. Der Weg zu ihren Sinnen führt über ihre Persön- 
lichkeit. Sie unterwerfen sich freudig, wenn sie merken, daß der.Paxtner 
sie nicht unterwerfen will. Sie wagen es dann, sich Weib zu fühlen, ohne 
sich gedemütigt zu fühlen. Es kommt dann über sie der ganze Segen der 
Erfüllung. Denn in ihrem Innern sehnt sich jede Frau nach Liebe 
und Liebesgenuß und nach der Erfüllung ihrer Mission als Weib. Je 
männlicher und asexueller sie sich gebärdet, desto mehr weibliche Posi- 
tionenhat sie zu verbergen und zu schützen. Aus meinen Ausführungen 
geht hervor, wie kompliziert sich das Problem der Liebeswahl gestaltet. 
Zu den spezifisch sexuellen Forderungen physischer Nadir gesellen sich 
die seelischen. In der. echten, großen Liebe müssen beide Partner ihre 
körperliche und seelische Ergänzung gefunden haben. 

Oberflächliche Beobachter könnten der Meinung sein, daß jetzt 
nach dem Weltkriege eine Pause in dem Kampf der Geschlechter ein- 
treten wird. Die Frauen haben mühelos über das ausgeblutete und ent- 
nervte Männervolk gesiegt, haben alle ihre Forderungen durchgesetzt, 
bekleiden öffentliche Funktionen, sitzen in den Gemeindestuben und 
Parlamenten, organisieren sich, stecken ihre Ziele immer höher und 
höher. Trotzdem ist es nicht schwer zu erkennen, daß der Kampf stärker 
denn je toben wird. Denn das Weib fühlt sich als Persönlichkeit und sein 
entfesselter „Wille zur Macht" wird bald keine Schranke kennen. 

Es wäre ein Irrtum zu glauben, daß die Weiber jetzt männlicher 
geworden sind. Wie ich in meinem Buche „Onanie und Homosexualität" 
ausgeführt habe, verweiblicht sich das Weib immer mehr, im gleichen 
Maße, wie sich der Mann vermännlicht. Das heißt: Die sekun- 
dären Geschlechtsmerkmale treten mil; fortschrei- 
tender Kultur immer mehr hervor. Bei den Naturvölkern 
sind die Unterschiede zwischen Mann und Weib lange nicht so aus- 



272 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



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gesprochen wie bei den Kulturvölkern. Es bedarf immer größerer Reize, 
um den instinktiven Haß der Geschlechter zu überwinden. Diepolare 
Spannung zwischen Mann und Weib wird auch im 
Physischen immer stärker. Infolge dessen werden immer 
mehr Ausweichungen und Abbiegungen von uem Normalen vorkommen 
müssen. Die Zahl der Paraphilien wird steigen; mit Sicherheit ist das 
für die Homosexualität vorauszusagen, die ja nur eine Flucht vor dem 
fremden Geschlechte in das eigene darstellt. Der Homosexuelle haßt das 
Gegengesehlecht bis zur Vernichtung, weil er eine unüberwindliche Angst 
vor der Liebe und der Unterwerfung zu verbergen und zu überdecken, hat. 

Der mächtige Ausbau, den die seelische Liebe mit dem Fort- 
schreiten der Kultur erfahren hat, dient nur dazu,, die Gegensätze 
zwischen den Geschlechtern zu überbrücken und jenseits des Körper- 
lichen ein gemeinsames Zwischenreich zu schaffen, in dem sich die Liebe 
vor den Gefahren des Kampfes sicher fühlt. Denn die Beobachtung des 
Lebens zeigt uns immer wieder, daß in 'der Größe und Stärke der Liebe 
ihre größte Gefahr liegt. Eine kleine Liebe ist viel haltbarer als eine 
große, die sich den Menschen ganz unterwirft und zum Spielball 
der Leidenschaften macht. Je stärker die anziehende 
Kraft wird, welche die heiß entflammten Partner 
ine inander schweißen will, destogew altiger müs- 
sen sich die Abwehrkräfte äußern, welche die 
Trennung durchsetzen wollen! Jede neue Kette, die sich 
um ein Liebespaar schlingt, erzeugt neue Wunden durch das Bestreben, 
diese Ketten zu sprengen. Liebe ist eben der völlige Wille zur Unter- 
werfung, der Wunsch, in einem anderen aufzugehen, sich in ihn zu ver- 
senken, mit ihm nach Aufgeben der Individualität zu einem neuen Ganzen 
zu verschmelzen. Der Liebende muß immer einen Teil seines Ich, seiner 
Gewohnheiten, seiner Bedürfnisse, seiner ursprünglichen Neigungen auf- 
geben. Die bekannte rührende Übereinstimmung der Liebenden, der 
gleiche Geschmack, die Freude an gleichen Genüssen, die gleichen Sym- 
pathien und Antipathien rühren zum Teile von Opfern her, sind nur durch 
gegenseitige Einfühlung zu erzielen. Schließlich kommt der Moment, in 
dem der Liebende merkt, daß sein Ich ganz aufgezehrt ist oder im Be- 
griffe steht, sich in ein anderes aufzulösen. Das ist der Zeitpunkt, in dem 
die gefährliche Reaktion der Liebe einsetzt. Es werden plötzlich Diffe- 
renzen entdeckt, die bisher nicht fühlbar und sichtbar waren. Es kommt 
zu Verstimmungen, zu Störungen der Empfindung, der Orgasmus tritt 
seltener auf oder bleibt ganz aus, es kommt zu ganz kleinen Dissonanzen, 
• bis eines Tages die Katastrophe hereinbricht und der Haß sich mit 
elementarer Gewalt entladen muß. Jeder Haß geht auf die Vernichtung 
des Gehaßten. Jeder Haß ist tödlich — sagt Swoboda mit Recht. Es 



Der Kampf der Geschlechter. 273 

wird jedem Liebenden aufgefallen sein, wie oft er vom Tode der geliebton 
Person geträumt hat. Beseitigungswünsche treten auf, die sich in ihrer 
Überkompensation als Angst, der Partner könnte sterben, es könnte ihm 
etwas geschehen, äußern. Gewöhnlich assoziiert sich mit diesen Beseiti- 
gungsideen der heuchlerische Gedanke, man könnte eine solche Kata- 
strophe nicht überleben, man müßte dem geliebten zweiten Ich in den 
Tod folgen. Der Tod funktioniert als Befreier und Löser von unlöslichen 
Banden. Es gibt in der Tat Liebesverhältnisse, die so stark sind, daß 
ihre Bande nur der Tod zerreißen kann. Die Menschen fangen an, 
einander zu quälen, sich Szenen zu machen, sich zu hassen, Abschied zu 
nehmen, für immer auseinanderzugehen, um sich am nächsten Tage wie- 
der zu lieben, zu vereinen, für inuner aneinanderzufesseln. das Hand noch 
enger zu ziehen. *) 

Der Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit erweist sich stärker 
als die unterjochende Macht der Liebe. Deshalb weichen viele Menschen 
— wie wir ja an einigen Beispielen nachgewiesen haben — instinktiv 
der Liebe aus. Ihr Persönlichkeitsgefühl erträgt diese Belastung nicht. 
£s ist ihnen wichtiger als ihr Bedürfnis nach Ergänzung. 

Die Mittel, welche Liebende anwenden, um sich von ihrer Liebe zu 
befreien, sind sehr verschieden. Am häufigsten kommt wohl eine Rück- 
kehr zur Familie vor. Jede Liebe isoliert den Menschen von Beiner 
Familie, umgibt ihn mit einem neuen Milieu. Familie und wahre, große 
Liebe vertragen sich nicht. Die Liebe will den Menschen für sich ganz 
allein, sie entwurzelt ihn, uin ihn in neues Erdreich zu pflanzen. Die 
Rückkehr zur Familie bedeutet in jeder Liebe 
einen kritischen Moment. In jedem Menschen lebt der 
geheime Stolz auf seine Familie. Kommt es einmal zu Differenzen wegen 
der beiderseitigen Familien, so ist eigentlich der Kampf schon eröffnet. 
Besonders Frauen vertragen es nicht, daß sie von geringer Herkunft 
sind, dulden nicht, daß der Mann die Vorzüge seiner Familie preist. 

Ferner gibt es einen zweiten kritischen Moment : Wenn der eine 
oder der. andere das Bedürfnis nach einem gleichgeschlechtlichen Freund 
empfindet. So lange die Liebe groß ist, genügt man sich immer und 
wertet jeden Dritten'als lästige Störung. Sucht der Mann einen Freund, 
die Frau eine Freundin, mit der sie sich aussprechen kann, so heißt das: 
Ein Entgegengeschlechtlicher genügt mir nicht! Es ist ein Ausweichen in 
die Homosexualität. Deshalb kann auch nach dem Niederbruch einer 
großen Liebe der Haß auf das ganze Geschlecht überspringen und die 



1 ) Gabriele D'Aniiunzio hat in seinem Liebesroman „Der Triumph des Todep" 
die Pcripathie einer solchen Liebe mit unheimlichem Realismus geschildert. Der Mann 
erliegt dem Ansturm des Hasses und tötet seino Geliebte, der er so unendliche 
"Wonnen verdankt. 

Stekel, Störuufron dos Trieb- nnd Affektlobons. HI. 2. Aufl. \$ 



274 



Die GeschLechtskälte der Frau. 



homosexuelle Tendenz stärker ausgebaut werden, ja, es kann zu einem 
homosexuellen Verhältnis, zu einer neuen gleichgeschlechtlichen Liebe 
kommen. Weitere Mittel zur Befreiung sind die Regression auf infantile 
Lustquellen, die plötzliche Flucht vor dem Partner. l ) Oder es kommt zu 
einer überraschenden neuen Liebe, die sich aber bald als „eingebildete 
Liebe" demaskiert. Doch sie hat ihren Zweck erfüllt: Der Mensch hat 
sich von den Fesseln seiner Liebe frei gemacht. 

Ein weiteres Mittel im Kampf der Geschlechter zum Zwecke der 
Befreiung ist das unvermutete Auftreten einer Gefühllosigkeit. Zwi- 
schen Liebe und Haß gibt es auch eine indiffe- 
rente Zone derGleichgültigkeit, dieübersch ritten 
werdenmuß, Sie wird von den Liebenden unter unsäglichen Martern 
begangen. Denn nichts ist dem Verliebten schwerer zu ertragen als 
Gefühllosigkeit. Die Liebe bringt ein ständiges Auf- und Niederwogen. 
Liebende verlangen das Unmögliche, fortwährend von der Siedellitze 
ihrer Gefühle verbrannt zu werden. Die Liebe ist wie das Meer. Sie hat 
Ebbe und Flut. Die Gefühle branden heute stürmisch um den Fels des 
Denkens, um morgen zu verebben und noch stürmischer wiederzukommen. 
Die Periode der Gefühllosigkeit hat mit dieser Ebbe und Flut, die sich 
in regelmäßigen Intervallen wiederholen, nichts zu tun. Sie ist eine 
pathologische Ebbe. Eines Tages verläuft sich die ganze Flut. Mit 
Schrecken merkt der Liebende die grenzenlose Gleichgültigkeit, das 
Fehlen der Leidenschaften, er begehrt nicht, er empfindet bei den Küssen 
nicht, die Libido scheint erloschen, er ist unverletzlich, er empfindet 
keine Eifersucht, er liebt nicht und haßt nicht. Er ist gleichgültig. 

Eine kluge Frau hat diesen Zustand das „s e e 1 i s c h e K o k a i n" 
genannt. Die Seele erscheint anästhesiert, um sich die Operation der 
Trennung schmerzlos zu ermöglichen. Wehe, wenn diese Operation vor- 
über ist! Dann stürzt die Flut wieder herein, die Reue ist grenzenlos, 
die Verzweiflung über den ewigen Verlust des Liebesobjektes kann den 
Befreiten sogar zum Selbstmord bringen. Es ist dies die traurigste 
Spezies der -Liebenden: Menschen, die auseinander müssen und ohne 
einander lebensunfähig sind, Siamesische Zwillinge — Ineinander- 
verwachsene — , die durch diese mit seelischem Kokain vollzogene Opera- 
tion zu Krüppeln gemacht werden, die ihre Freiheit mit ihrer Gesund- 
heit und ihrem Lebensglücke bezahlen. 

Wie traurig ist das Bild, welches der Mensch darbietet! Wie ängst- 
lich ist jedermann auf Wahrung seiner oft jämmerlichen Persönlichkeit 



J ) Ein klassisches Beispiel: Goethes Flucht vor Frau von Stein nach Italien. Da-, 
selbst ein Ausleben der Freundschaft mit Künstlern. Nachher aber Entwertung des 
geistigen Ideals durch Wahl eines rein physisch wirkenden Partners, der Vulpius. 
Konnte es für die Stein eine raffiniertere Folter geben? 



Der Kampf der Geschlechter. 375 

bedacht! Wie eine Festung verteidigt der Mensch sein Ich mit seinen 
Anlagen und Gewohnheiten, kämpft um seine Selbständigkeit, ringt um 
Geltung, trachtet sich durchzusetzen — und wenn er auch nur eine 
lebensunfähige Ruine verteidigt! 

Unter den modernen Mädchen und Frauen findet man hie und da 
sonderbare Gestalten, welche von der krankhaften Angst befallen sind, 
ihr Ich zu verlieren. Oft handelt es sich um ein jammervolles, neuro- 
tisches Ich, von dem man annehmen sollte, es würde sich mit Freuden in 
einem anderen Ich auflösen. Aber gerade diese Jammergestalten halten 
mit unglaublicher Zähigkeit an ihren neurotischen Einstellungen fest.') 
Sie zittern vor der Liebe, weil ihr Ich im Schmelztiegel der Leiden- 
schaften umgegossen werden könnte. Sie wählen daher ungeliebt« 
Partner, verankern sich in eine trügerische Distanzliebe, sind Opfer 
einer eingebildeten Liebe und sind dazu ausersehen, als kalte Frauen 
durchs Leben zu wandeln. Die Angst vor dem Verlust der eigenen 
Persönlichkeit kann geradezu zur Zwangsidee werden, die ihr ganzes 
Denken und Fühlen beherrscht. 

Ehemänner haben oft die Gewohnheit und den Vorsatz, sich ihre 
Frau zu erziehen, sie umzumodeln, sie nach ihrem Geschmack zu wan- 
deln, umzugestalten, herzurichten. Auch Liebende versuchen diese An- 
passung auf das „Selbst". Die echte Liebe ist aber ein gegenseitiges An- 
passen, ein Verzichten und Lernen zu Gunsten des Geliebten. Nur revol- 
tiert das „Selbst" gegen diese Umformung und zeigt ein Beharrungs- 
vermögen, das allen fremden Einwirkungen widerspenstig bleibt. So viele 
Menschen träumen von einem neuen Leben, von einer inneren Revolution, 
die sie in eine andere Richtung bringt, — und nur wenige erreichen 
dieses Ziel. Sie scheitern an der inneren Trägheit, an dem „Gesetz 
des Bestehende n". Ibsen hat von einem „Gesetz der U 111- 
Wandlung" gesprochen. Er sollte eher von einem „Gesetz der 
Rück Verwandlung in das alte Ich" sprechen. Diese er- 
wähnten Ehemänner, die an ihrer Frau nörgeln, sie kritisieren, sie 
belehren, sie mit ihrer Weisheit und Lebenserfahrung, mit ihrer Welt- 
anschauung belästigen, erleben eines Tages eine Revolte, die sich lang- 
sam aber sicher vorbereitet hat. 

Im Kampf der Geschlechter spielt dieses Zurückströmen der Ge- 
fühle auf das alte Ich eine große Rolle. Die Persönlichkeit sträubt sich 
gegen ihren Untergang. So viel Selbstliebe hat jedermann, um sich jeder- 
zeit befreien zu können. Dann sinkt die Liebe in sich zusammen, der 
„Wille zur Unterwerfung" erlahmt und der „Wille zur Macht" hebt die 
alte Persönlichkeit auf den Thron. Der Egoismus triumphiert über den 

*•) Vgl. „Der Wille zur Krankheit" in „Masken der Sexualität". Wien, Walha- 
ll ausser, 1920. 

18* 



276 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



Altruismus, die Selbstliebe über die Nächstenliebe, der Kampf um die 
Macht und Geltung der eigenen Persönlichkeit wird die treibende Kraft 
im Liebesspiele. 

Nur wenn der Liebe das große Wunder gelungen ist, aus zwei Per- 
sönlichkeiten eine einzige zu schaffen, bleibt dieser Kampf ohne Wirkung 
auf das Blühen der Liebe. Mit der Entgöttlichung des Liebesobjektes 
beginnt leider der unheilvolle Prozeß der Entwertung, der meist das 
Ende der Liebe bedeutet. Wer diese Krise überstanden hat, der hat das 
Schifflein der Liebe siegreich durch schwerste Stürme an sicheren Strand 

gebracht. 

Tritt bei Verliebten eine Änderung der Empfindung ein, bleibt der 
Frau plötzlich der Orgasmus aus (vermindert er sich beim Manne oder 
läßt seine Potenz nach), dann hat der Kampf der Geschlechter ein- 
gesetzt. Und dieser Kampf bedeutet meistens das baldige Ende der 
Liebe. . . 

Ich habe wiederholt betont, daß die Dyspareunie ein „Ich will 
nicht'!" bedeutet. Dieses „Ich will nicht" quillt aus dem inneren Trotze, 
der sich aber sein- geschickt dem Bewußtsein verbirgt. Es ist die Kunst 
der Analyse, daß sie diesen Trotz bloßlegt, ihn entschleiert und die 
Motive dieses Trotzes erkennen läßt. Dann allerdings öffnet sich wieder 
die ganze Kleinlichkeit der Menschen und speziell die Frauen zeigen sich 
nicht von ihrer schönsten Seite. Sie rächen sich für kleine Demütigungen, 
für Bemerkungen, die scheinbar vergessen wurden, für Mangel an Rück- 
sicht, für die Qualen der Eifersucht. Aber dieser Kampf ist kein ehr- 
licher, offener, bewußter. Er ist heimtückisch. Die Fiktion der großen 
Liebe wird festgehalten, während schon längst der Trotz den Willen 
zur Unterwerfung aufgehoben und den Kampf um die eigene Persönlich- 
keit eröffnet hat. 

Erst die Kenntnis dieser Phänomene ermöglicht dem Psychologen 
das Verständnis einer jeden Dyspareunie. Hier entschleiert sich auch die 
soziale Seite des Problems. Wir erkennen deutlich, daß die Dyspareunie 
eine soziale Krankheit ist, daß sie eine Waffe des Weibes im Kampf der 
Geschlechter bedeutet. Hier berührt sieh das Problem der Dyspareunie 
mit dem der Homosexualität und dem aller anderen Paraphilien. 



XI. 
Lebensbeiehten. 

Eine sehr wichtige Frage ist, ob alle Frauen, die an Dyspareunie 
leiden, zu den Menschen gehören, die sich über alle Vorgänge während 
eines Koitus klare Rechenschaft geben können. Denn es gibt Frauen, für 
die der ganze Akt in einer ungeheuren Erregung verläuft, andere, die in 



Lclicusbuii-litPn. 211 

eine Art Trancezustand geraten ... In diesem Trancezustand empfinden 
sie heiß, während sie angeben, nichts empfunden zu haben. Das sind jene 
gar nicht seltenen Fälle, in denen die Angaben von Mann und Frau 
einander widersprechen. Der Mann sagt: „Die Frau empfindet." „Das 
muß ich doch besser wissen!" erwidert die Frau. „Nein, das muß ich 
besser wissen", meint der Mann. 

'Es gibt Frauen, die jeden Koitus in einem hysterischen Anfall 
durchmachen und dann absolute Amnesie für alle Vorgänge während des 
Aktes zeigen. Und gerade solche Frauen können den Arzt aufsuchen und 
über Kälte klagen. Sie quälen ihren Mann mit Vorwürfen, sie wiederholen 
diese Vorwürfe vor dem Arzte, sie betonen und unterstreichen Ihre 
Anästhesie so oft, daß es dem kundigen Psychologen auffällig wird. 
Alles, was so offen und sozusagen hypertrophisch vor uns liegt, bedarf 
eingehender psychologischer Analyse. 

Ich habe schon auf die Erscheinung hingewiesen, daß viele Frauen 
und Mädchen nicht empfinden wollen, weil sie sich sonst unsicher und 
dem Manne ausgeliefert fühlen. Sie drücken sich um den Orgasmus und 
verleugnen ihn vor sich selbst. Es sind Frauen und besonders Mädchen, 
welche sich fürchten, der Sinnenlust zu erliegen und dann zur Dirne zu 
werden. Solche Frauen träumen dann immer, daß sie fallen, tief in einen 
Abgrund sinken, daß sie auf dem Eise ausgleiten usw 

Fall Nr. 87. Fräulein E. K. hat beim Koitus nie Orgasmus erzielt, 
während sie bei der Onanie immer zum höchsten Orgasmus kommt. Sie hat 
daher die Onanie aufgegeben, um den normalen Orgasmus zu erzwingen. Sie 
leidet an verschiedenen Angstgefühlen, die schwinden, wenn sie onaniert. Da 
fühlt sie sich sicher, als wenn ihr nichts geschehen könnte. Beim Koitus mit 
ihrem Geliebten kommt sie nie zu einem Gefühl, obwohl sie ihn 6ehr liebt. 
Sie denkt immer an etwas anderes. Sogleich setzt bei ihr eine Art. Tdoentlucht 
ein: Wenn uns jemand sieht! Oder: Wenn es meine Mutter erfährt! Oder: Was 
habe ich heute noch zu machen. Kurz, es kommen die Gedanken, welche sie 
ablenken und zwingen, an etwas anderes zu denken. Ihr Geliebter gibt aber 
an, daß sie zeitweilig einen heftigen Orgasmus hat, was er an ihren Bewegun- 
gen konstatiert. Aber sie betrügt sich um den Orgasmus, indem sie ihn in 
einer Art Absence genießt, so daß das Bewußtsein davon keine Kenntnis 
nimmt. Sie schließt die Augen und weiß dann gar nichts. Sie erwacht und 
erwartet den Orgasmus, der schon vorüber ist. Auch in diesem Falle scheint 
eß-sich außer den Sicherungstendenzen um eine Art Selbstbestrafung für sündige 
Gedanken zu handeln. 

Als Gegensatz gibt es Frauen, die mit Hilfsvorstellungen den 
Orgasmus erzielen können. Sie stellen sich dann jene Situation oder 
jenen Mann vor, der bei ihnen den Orgasmus auslösen könnte. 

Fall Nr. 88. Frau I. 0., Mutter von 2 Kindern. 31 Jahre, kommt beim 
Koitus nie zum Orgasmus und muß nach dem Koitus durch kurze Onanie 
den Orgasmus herbeiführen. Sie erzählt, daß sie auf ein anderes Mittel ge- 
kommen sei, um volle Befriedigung zu erlangen. Sie habe immer geträumt, 



278 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



daß sie mit ihrem Manne verkehre und daß jemand im Zimmer war. Sie 
schämten sich und mußten sich sehr beeilen; dann sei es ihr immer gekommen. 
Auch träume sie, es seien Leute da und sie gingen ins Nebenzimmer und 
kodierten stehend oder a posteriori, worauf immer Orgasmus eintritt. Stelle 
sie sich vor, daß jemand zusehe und daß sich ihr Mann beeilen müsse, weil sie 
sonst ertappt würden, so tritt Orgasmus ein. Sie hat diese Positionen nie 
ausgeführt und weiß nicht, woher die Kenntnis zu ihr kommt. Auf Befragen 
gibt sie zu, daß sie in der Kindheit wiederholt den Koitus der Eltern belauscht 
habe und sehr erregt gewesen sei. Sie mußte dann sofort oder später mit 
dieser Vorstellung onanieren. Solche Situationen schafft sie sich im Traume. 
Auch die verschiedenen Positionen sind Erinnerungen an Szenen, welche der 
Vater mit einer Magd ausführte, welche sie hie und da belauschte. Ich riet 
ihr, mir den Mann zu schicken, welchem ich empfahl, diese Traumsituation 
einigermaßen zu imitieren. Er versuchte am nächsten Tage, ohne sie auszu- 
ziehen, in einer etwas gefährlichen Situation einen Koitus stehend ... Sie 
geriet in hochgradige Erregung und kam zu Orgasmus. 

Ich kenne solche männliche Gegenstücke. Männer, welche nur 
potent sind, wenn sie nicht ins Bett steigen und sich sehr beeilen müssen. 
Die Angst als Hilfsmittel geschlechtlicher Erregung wird oft aus- 
genützt. Darüber wird noch an anderer Stelle zu reden sein. 

Viel komplizierter werden diese Verhältnisse, wenn die Frauen die 
spezifische Liebesszene im Unbewußten mitmachen, wenn sie ihnen 
immer vorschwebt, während der Mann eine andere Szene aufführt. Es ist 
ja sicher, daß der berühmte Reichtum der Liebeskunst sieh bei den Neu- 
rotikern als Armut erweißt und daß sie immer eine Szene spielen und 
eine Szene wiederholen. Häufig kann die Dyspareunie dadurch ent- 
stehen, daß die Frauen auf eine bestimmte Szene eingestellt sind. 

Wohlgemerkt! Es handelt sich nicht um erogene Zonen, die der 
Mann nicht zu finden versteht, es handelt sich nicht um die fehlenden 
seelischen Bedingungen. Es handelt sich nur darum, daß eine bestimmte 
Reihenfolge der Erlebnisse nicht so eintritt, wie es sich die Partnerin 
wünscht. Es sind dies Menschen, deren ganze Libido an eine infantile 
Szene gebunden ist, die den Charakter einer Zwangsvorstellung hat und 
als solche behandelt und geheilt werden kann. Nie durch Suggestion 
allein oder durch Überredung. Nur durch eine analytische Behandlung 
oder durch eine echte Liebe. Denn die wahre Liebe überwindet alles, 
auch die infantilen Einstellungen und Imperative. 

Wer Hysterische analysiert hat, weiß, wie kompliziert diese Szenen 
•sind und wie schwer das Leben diese Erfüllungen bringen kann. Leichter 
ist der letzterwähnte Fall. Diese Frau spielt nur mit dem Gedanken, 
überrascht zu werden. Da verbirgt sich ein Wunsch: Ich möchte einmal 
vor einem anderen einen* Koitus ausführen. Ich möchte überrascht wer- 
den. Schon die Situation, welche nur die Möglichkeiten näherrückt, 
bringt ihr den Orgasmus. Die meisten dieser Szenen dienen auch dazu, 
um die starke Paraphilie des Pluralismus zu verbergen. Viele dieser 



Lebensbeiehtei). -_>7<) 

Szenen sind Orgien. Es spielen noch dritte, vierte und fünfte Personen 
hinein. 

Es gibt Sexualitäten, die starker Resonanz von anderen bedürfen, 
um sich zu steigern, während andere in stolzer autoerotischer Isolierung 
den höchsten Grad erreichen. Überlegt man die mannigfachen Ursachen 
der Dyspareunie, so wird man auch begreifen, wie schwierig die Bewälti- 
gung der Aufgabe ist, diese Verhältnisse erschöpfend darzustellen. Ich 
konnte nur immer einige kleine Ausschnitte au6 einer großen Lebens- 
geschichte geben. 

Für das Studium der Dyspareunie geben die besten Anhaltspunkte 
jene Störungen, welche bei sonst normal empfindenden Frauen flüchtig 
auftreten, bald behoben sind, oder dauernd als Störung bestehen. Die 
sogenannte „passagere Dyspareunie" wird uns alle jene Kräfte zeigen, 
welche zu einer dauernden Störung führen. 

Fast bei jedem Liebespaare, in joder Ehe kommen solche vorüber- 
gehende Störungen vor, welche die Krisen der Liebe begleiten. Das Stu- 
dium dieser Störungen ist schwer möglich, da sie dem Arzte kaum 
bekannt werden. Wir benötigen recht viele Lebensbeichten von intel- 
ligenten Frauen, um uns ein Bild von der wahren Psyche der Frau 
machen zu können. In dieser Hinsicht war die Analyse des „Wiener 
süßen Mädels" ein Musterbeispiel, weil sie uns die Lebensgeschichte 
einer ganzen Schichte enthüllt hat. 

Dieses Buch bemüht sich, eine Reihe solcher Lebensbeichten vor- 
zuführen und jedesmal nachzuweisen, welche seelische Kräfte störend 
in die Liebe eingegriffen haben. Was sollen uns diese kärglichen Berichte 
der Sexualforscher, die uns nichts von Jugend, Phantasien, Enttäuschun- 
gen und Erfüllungen erzählen? Wir benötigen Klarheit über das wirk- 
liche Leben der Frauen. Die Welt der Romane, welche durchaus falsch 
und retuschiert ist, mag für Träumereien gut sein. Der Arzt und der 
Psychologe sollen die wahre Welt der Frauen, ihr Denken und Sinnen, 
ihre Wünsche und Hoffnungen, ihre Stellung zur Umwelt, kennen lernen. 
Das müssen uns die Frauen selbst erzählen. Denn unsere Wiedergabe 
wird unwillkürlich Spuren der Fälschung tragen. Wir verändern, wenn 
wir in unsere Sprache übersetzen. 

Ich entnehme dem trefflichen Buche von Liepmann, „Die Psycho- 
logie der Frau" (Verlag Urban & Schwarzenberg 1920) , zwei sehr inter- 
essante Lebensbeichten, welche uns tiefe Einblicke in die Wirklich- 
keiten des Lebens gewähren. 

Fall Nr. 89. (Psychogenese einer Frigidität.) 1. Aufklärung durch das 
Dienstpersonal: Als ungefähr 9jähriges Mädchen erhielt ich meine erste Auf- 
klärung von einem Dienstmädchen übelster Sorte, die die Liebe in starken 
Dosen genossen hatte und sich somit ein Kind und einige Krankheiten ge- 
holt hatte und sich dadurch bewogen fühlte, mich, ihren Schützling, vor diesem 



I 



280 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



Elend zu bewahren. Sie klärte mich also auf Einzelheiten sind mir n cht 
mehr gegenwärtig. Ich weiß nur noch, daß sie die Frau stets als ünsdmld^ 
lamm hinstellte und den Mann als ein raubtierartiges Ungeheuer, das stete 
nur darauf ausginge, seine Wollust zu befriedigen und dadurch das Weib , 
Unglück zu stürzen. Sie faßte ihre Aufklärung zusammen mit den ^ Worten . 
Also ich sag' dir, nimm dich vor den Männern in acht, du brauchst sie bloß 
schief anzusehen, hast du schon ein Kind." Da sie sich nun von diesen Un- 
geheuern losgesagt hatte, aber ihren starken Sexualtrieb befriedigen mußte 
versuchte sie es bei den weniger gefährlichen Geschlechtsgenossinnen und 
bei den ihr anvertrauten Zöglingen. So versuchte sie auch mit mir selbst ge- 
schlechtliche Manipulationen. All dieses wirkte aber nur abstoßend und ekel- 
erregend auf mich und löste in mir einen unbeschreiblichen Ekel vor allem 
Geschlechtlichen aus. Außerdem hatte ich eine Freundin, die durch eine uber- 
strenge und lieblose Erziehung mit 14 Jahren den Entschluß gefaßt hatte, 
Prostituierte zu werden, da ihr das als das Einzige erschien, das eine Garantie 
für ein genußreiches Leben böte. Um Studien für diesen Beruf zu machen, 
ging sie abends, wenn die Eltern schliefen, mit den dafür stets so geeigneten 
Gouvernanten in die Friedrichstraße, wohin sie auch mich mit Gewalt mit- 
nehmen wollte, was ihr aber niemals gelang, da meine Veranlagung mich 
hiervon zurückhielt. Sie wurde von den Eltern mit 16 Jahren in eine Er- 
ziehungsanstalt geschickt, kam dann mit 18 Jahren tatsächlich » e r zo ^ n 
zurück, wurde ein solides Mädchen und eine solide Gattin. Ich glaube, daii 
hierzu 'die gute Veranlagung beigetragen, die nur durch die falsche Erziehimg 

unterdrückt worden ist. 

* 2. Erotik der Frau: Von Natur aus zum Nachdenken veranlagt, trugen 
diese Jugendeindrücke dazu bei, daß ich mich von frühester Jugend auf sehr 
viel mit dem sexuellen Problem beschäftigte, und so zimmerte ich mir einen 
Moralbegriff, der dahin ging, daß eine Frau die geringste Zärtlichkeit eines 
Mannes nicht dulden dürfte, wenn er sich ihr nicht fürs Lehen versprochen 
hatte und dieses Versprechen durch eine legitime Verbindung einlösen wollte. 
Diese Zurückhaltung fiel mir bei meiner an und für sich kalten Veranlagung 
nicht schwer und so war ich stets fähig, mit Männern in reiner Freundschaft 

zu verkehren. . ..', . , 

In unserem Hause verkehrten durch meine jüngeren Bruder sehr ^iel 
junge Leute, und schon als 16jähriges Mädchen unterhielt ich mich viel 
- aber rein sachlich - über sexuelle Dinge mit ihnen. Da ich durch jene 
Aufklärung jeden Mann für den geborenen Wüstling hielt, hatte ich stets 
das Bedürfnis, in denen, die mich durch Intelligenz interessierten, Achtung 
und Ehrfurcht vor der Heiligkeit des reinen, keuschen Weibes (wofür ich die 
meisten Mädchen hielt) einzuflößen. Ich wurde dann bald ihre Freundin und 
Beraterin zu der sie einige Jahre später gern mit allen Liebesschmerzen 
kamen Sie fingen nun an, durch mich beeinflußt, dieses keusche Weib, diese 
reine Freundschaft zu suchen, fanden es aber nie, und was ich da horte war 
meistens dasselbe. Welcher Art Mädchen ihnen auch begegneten, vom kleinen 
Ladenmädchen bis hinauf zur „wohlerzogenen" Tochter, enttäuschten sie sie 
alle. Entweder war es das Mädchen selbst, das nach kurzer Zeit durch ihr 
Benehmen die vom Manne gewollte Freundschaft auf eine erotische Basis 
brachte, oder aber sie leistete den Versuchen des Mannes hierfür keinen Wider- 
stand. Ich will nur damit sagen, daß nach meiner Auffassung der Naturtrieb 
der Frau in den meisten Fällen den Seelentrieb überwiegt. Em junger Mann 
sagte mir einmal: „Herrgott! Ich will mir doch eine Frau erobern und will 



Lelipiisbcichten. 281 

nicht, daß sie mir immer gleich an den Hals fliegt." Ich stehe auch auf dem 
Standpunkt, daß. wenn ein Mann mit einem Mädchen allein ist, sei es in der 
mit Recht so beliebten Jasminlaube oder im dämmrigen Zimmer, oder im 
Walde, so wird sie in vielen Fällen genau so sexuell erregt wie der Mann, 
ohne oft die Spur wahrer Liebe zu empfinden. Und wenn das kleine Laden- 
mädchen oder sonst ein Mädchen aus dem Volke auf der Straße von einem 
Manne angesprochen wird und ihm gleich in das Hotel folgt, um ihm anzuge- 
hören, so kann man doch wohl auch hierbei nicht von einem stärkeren Seelen- 
trieb sprechen. Sollten diese häufigen Fälle alle Ausnahmen sein? Besonders 
bei den niederen Volksschichten glaube ich dieses ebenso häufig bemerkt zu 
haben wie bei den überspannten, sogenannt guterzogenen Töchtern aus gutem 
Hause. Bei der geistig gerichteten Frau mag dies weniger der Fall sein, denn 
je verfeinerter die Interessen des Menschen sind, je verfeinerter ist wühl auch 
das Sexualempfinden? Bei dieser Art Mädchen habe ich es oft sagen hören. 
daß sie nur einem Manne angehören könnten, mit dem sie auch eine BOelische 
Gemeinschaft hätten. Liepmann (1. c. p. 269—270). 

Aus dieser Lebensbeichte ersehen wir, wie eine ebenßo falsche als 
gewissenlose Aufklärung eines Dienstmädchens das ganze Leben beein- 
flußt und zu einer geschickten, verdeckten Kampfesstellung gegen den 
Mann führt. Rasche Hingabe führt zur Verachtung der Frau von seiton 
des Mannes. Es läßt sich nicht leugnen, daß viele Männer so denken 
und Frauen für sie den Wert verlieren, wenn sie einmal erobert sind. 
Aber es gibt auch einen anderen Typus: Männer, die sieh um eine Frau 
nicht bemühen, wenn sie allzu großen Widerstand finden. Passive. 
Naturen — ■ auch Männer wollen erobert werden. 

Den Einfluß schwerer Traumen schildert die nächste Lebens- 
beichte: 

Fall Nr. 90. Als ich das erste Mal von geschlechtlichen Beziehungen 
von Mann zu Frau hörte, erklärte ich dies für unmöglich, da ja meine Eltern 
das auch tun müßten, und die standen doch hoch erhaben darüber. Ich er- 
klärte dies für widerwärtig, das ich nie tun würde. Leider sollte ich bald 
eines anderen belehrt werden, da ich einmal Ohrenzeuge eines Aktes meiner 
Eltern wurde, leider infolge der sozialen Verhältnisse, da wir nur eine Stube 
und Küche besaßen. Dieser Augenblick war mir entsetzlich; ich zog mir eine 
Decke über das Gesicht und hielt mir die Ohren zu, ich wünschte mich 
10 Meilen davon. Eine erste Versuchung, die etwas vordem fällt, war eine 
Ferienreise zu meinen Großeltern. Der jüngste Sohn dieser, eigentlich mein 
Stiefonkel, ein derber Naturbursche von ungefähr 13 Jahren, veranlaßte mich 
einmal, ihm meine Geschlechtsteile zu zeigen, er selbst wollte dasselbe tun. 
Er hatte solche Gewalt über mich, daß ich es wirklich tat, allerdings blieb 
es dabei. Ein anderes Mal wollte er in mein Bett kommen. Wir schliefen mit 
meinem Bruder in einem Zimmer allein; aber instinktiv fühlte ich wohl das 
Unrechte und sagte ihm, ich würde so schreien, daß ich das ganze Haus alar- 
mieren würde, und so blieb dann die Sache. 

Nach meiner Einsegnung kam ich in das Haus zu Verwandten, die in 
gutsituierten Verhältnissen lebten, um dort den Haushalt zu lernen. Es war 
dort eine ganz reine sittliche Umgebung. Da keine Kinder vorhanden waren. 



232 



Die Gesclilechtskälte der Frau. 



übertrug meine Tante ihre ganze Liebe auf mich, und ich gewann nach und nach 
ihr Vertrauen Es ist bis jetzt in meinem Leben die einzige der ich Zaitlich 
t ten"enbringen konnte, was sonst nie der **J»Jtf*^ » 
Hause nicht kannte. Meine Tante gewann dann großen Einfluß aut mich, so 
Smeinf Mutter dabei ins Hintertreffen geriet. .^^Ä^f^ 
nicht entschließen, für immer dort zu bleiben, da mir die Selb ^^eit feUte, 
die ich zu Hause hatte. - Mein Stiefvater starb, als ich 15 Jahie alt war, 
2 Alter von 37 Jahren an Blutkrankheit. Am Tage vor der Beerdigung des- 
selben war mein Großvater gekommen und hatte bei uns übernachtet Am 
folgenden Morgen fragte er mich, als meine Mutter schon aufgestanden war 
ob er nicht in mein Bett kommen dürfte um mit mir zu spielen; *h stend 
sofort auf und gab ihm keine Antwort. Seit dieser Zeit hasse ich den Mann 
der angesichts des Todes seines Sohnes mir solch ein Anerbieten machte. Von 
nun an wurde ich männerscheu, und da ich doch nicht heiraten wollte, be- 
kümmerte ich mich auch um niemand. Mir hatte das solchen Abscheu ein- 
geflößt, daß in meinen Augen alle egal waren. 

Da ich nun Geld verdienen mußte, wurde ich Näherin. In dem Geschäft 
wurden mir sämtliche Aufklärungen zuteil, die mir noch fehlten um das Leben 
kennen zu lernen. Doch meine Abscheu für Männer blieb, da ich mit 18 Jahren 
neuerdings eine schwere seelische Erschütterung erlebte. Es war wirklich 
mein eigener Bruder von 21 Jahren, der mir solch ein Anerbieten machte, da 
meine Mutter verreist war. Doch durch alles Vorherige war ich schon ge- 
wappnet. Ich schrie ihn buchstäblich an, er solle zu einem Straßenmädchen 
gehen ich wäre ein anständiges Mädchen und ob er sich wohl überlegt hatte, 
was er damit tun würde! Im Augenblick war er wie umgewandelt; er sagte 
mir ich möchte ihm doch verzeihen, er würde es auch nie wieder tun. Ich 
sagte ihm auch Verzeihung zu.- Heute habe ich nun ihm auch verziehen aber 
vergessen kann ich es nie; und meine Achtung hatte er von dort an verloren. 
Trost und Erholung in freien Stunden suchte ich in Theater und Konzerten 
möglichst ernster, edler Art. 

Inzwischen kam der Krieg und schaffte in meinem Beruf eine Wandlung 
die mir sehr erwünscht war. Ich wurde Stenotypistin und habe als solche mit 
viel Liebe gearbeitet. In dieser Position kam ich nun mit vielen Mannern 
zusammen und lernte nun diese von einer besseren Art kennen. Vor allein 
wurde ich im Umgang mit solchen freier. Besonderen Einfluß gewann 
Herr auf mich, mit dem ich persönlich gearbeitet habe. Und dessen Einfluli 
schreibe ich es zu, daß ich keine Männerfeindin mehr bin. Liepmann (1. c. 
p. 282—283). 

Großväter sind nach meinen Erfahrungen mitunter sehr gefähr- 
lich. Ich führe an -dieser Stelle noch eine Beobachtung von Magnus- 
Hirschfeld an. 

Fall Nr 91 Ein Mädchen von 25 Jahren steht in meiner Behandlung. 
Auf Drängen ihrer Angehörigen hat sie sich mit einem sehr *™™«%*™ 
ihr wenig sympathischen Manne verlobt. Wenige Tage nach der Verlobung 
hat sich bei ihr eine starke seelische Depression eingestellt. Sie kann keinen 
Schlaf finden, ist äußerst unruhig, verängstigt, sieht sehr schlecht aus fühlt 
sich ungemein schwach und bekommt Anfälle in denen sie schreit und mit 
, den Glfedmaßen um sich schlägt. Vor den Zärtlichkeiten d es Bräutigams 
fürchtet sie sich und denkt mit Entsetzen an die Möglichkeit des Beischlafes. 



Lebciisbeichteu. 283 

Dieses Mädchen hat bisher, abgesehen von einigen kurzen Perioden im 13. 
und 15. Lebensjahre, weder onaniert, noch zeigt ihr Trieb Abweichungen nach 
irgendwelcher Richtung. Das Mädchen gibt jedoch au, daß sie eine schwere 
seelische Erschütterung dadurch erlitten habe, daß ihr Großvater, ein 
TOjähriger Mann, in ihrem 8. — 10. Jahre sich häufig au ihren Genitalien zu 
schaffen gemacht habe. Er hatte 6ie auf den Schoß genommen, seine Finger 
in ihre Vagina gebohrt. Das Kind empfand eine namenlose Angst, wagte aber 
niemals, darüber zu sprechen. Seit dieser Zeit hat sie vor allem, was mit dem 
Geschlechtsleben zusammenhängt, eine große Furcht empl'uudou. Auch glaubt 
6ie, daß ihre natürliche Lebensfreudigkeit durch diese Insulte eine schwere 
Einbuße erfahren hatte. Von Zeit zu Zeit hat sie an Angstträumen gelitten, 
in denen stets die Betastung des Großvaters wiederkehrte. Der Gedanko an 
die Berührung durch einen Mann, vor allem die Vorstellung einer Betastung 
ihrer Geschlechtsteile, hat bei ihr seit jenen Insulten bis zum heutigen Tage 
stets schwere Beklemmung ausgelöst. Die Verlobung mußte wegon schwerer 
Hysterie der Patientin aufgehoben werden. Die Entlobuug bewirkte relative 
Heilung- [,.Sexualpathologie'' von Dr. med. Mafinua-IIirschfeld. III. Teil, 
Bonn 19, A. Marcus und E. Webers Verlag (p. 288).] 

In diesen drei Fällen zeigen sich traumatische Ereignisse von 
außerordentlicher Schwere. Solche Frauen müssen dann in ihrer Ein- 
stellung zum Mann eine Kampfesstellung einnehmen. Sie kleben an 
ihren Erlebnissen und kommen von ihnen nicht los. 

Aber es wäre verfehlt zu glauben, daß nur schwere Traumen von 
Einfluß sind. Es gibt Schicksale, die ohne Traumen verlaufen und doch 
voll von innerer Tragik sind. 

In tiefe psychologische Probleme der Liebe führt uns der nächste 
Fall. Es handelt sich um eine 28jährige Frau, die eine Analyse durch- 
gemacht hat und mit den Kenntnissen der Analyse ausgestattet, auf ihr 
Leben zurückblickt. Es ist ein tiefer Einblick in eine Frauensoelo, ein 
Stück warmen, wahren Lebens, das sich vor uns — schlicht und ehrlh-h 
geschildert — abspielt. Die wissenschaftliche Bedeutung dieser Lebens- 
beichte ist außerordentlich groß. Im Gegensatze zur Lebensbeichte des 
„Wiener süßen Mädels" handelt es sich um ein Mädchen aus vornelunem 
Hause, das mitten in einem feinen Kulturmilieu aufgewachsen ist. 

Bevor ich auf die Störung eingehe, die sie in meine Behandlung 
brachte, will ich die Lebensbeichte der Patientin vorbringen: 

Fall Nr. 92. Ich war ein sehr trotziges, eigensinniges und besondere 
scheues Kind. Für die Zärtlichkeiten meiner Umgebung war ich nur empfäng- 
lich, wenn ich ein Bedürfnis danach hatte, sonst stieß ich sie zurück. Schon 
als ganz kleines Kind hing ich sehr an dein jüngsten Bruder meiner Mutter, 
eine Liebe, die sich eigentlich bis in mein 15. Jahr, bis zu seiner Verlobung 
erhalten hat. Eines Tages, ich mochte 4 Jahre alt gewesen sei, verweigerte 
ich meiner Mutter einen Kuß mit dem Bemerken, nur eben dieser von mir ge- 
liebte Onkel bekäme von mir einen Kuß. Ungefähr um dieselbe Zeit warf 
ich mich einmal auf den Boden und schrie und strampelte dabei vor Erregung: 
„Ich habe den Herrn N. N. so gern." Er war der sehr Hübsche Mann einer 



284 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



Kusine, der mir eigentlich vollständig fremd war und sich überhaupt mit mir 

""•"ict konnte mich absolut nicht beschäftigen Puppen ^ i ^n mir zu lang- 
weilig und meine stereotype Frage war immer: Was soll ich machen? A 
11 iS die Schule kam, war ich. als Musterkind bekannt. Gewissenhaftigkeit 
war mein hervorstechendster Zug und mußte meine mangelnde Begabung er- 
setzen. Meine Schüchternheit blieb mir und ich befreundete mich auch mit gar 
keiner meiner Kameradinnen. Vor Lehrpersonen hatte ich einen glichen 
Respekt, der schon fast an Furcht grenzte. Am liebsten verkehrte ich mit 
Buben, Weil ich mich zu ihnen sehr hingezogen fühlte, nie aber • spielter L wir 
Knabenspiele; auch für Herren hatte ich damals schon -Uhfa M«£ 
Bald nach der Geburt meines Bruders, ich war damals 8 Jahie alt hatte 
meine Mutter einen Lungenspitzenkatarrh und mußte sich über ein Jato -m 
Süden aufhalten. Dieser Umstand, daß meine Mutter fern ™m Hause 
war, machte mich frühreif. Ich fühlte mich als die Beschützerin memer 
jüngeren Geschwister, die mich spottweise den „Friedensengel nannten, weil 
ich immer bemüht war, Streitigkeiten zu schlichten. Ich war fast immer grund- 
los schlecht gelaunt" und meine Mutter, die wieder bei uns war machte 
mir darüber heftige Vorwürfe, die nichts fruchteten, denn ich konnte gegen 
mein schlechtes Naturell nicht ankämpfen. Sie weckte nur ein starkes Schuld- 
gefühl in mir, weil sie mir vorwarf, sie zu kränken, und immer betonte, ich 
sei ganz anders als andere Kinder. So begann eigentlich mein 
Unglück Ein Übel, das mich plagte, waren heftige Kopfschmerzen mit 
Erbrechen. Besonders nach der Turnstunde trat es arg auf, daß ich dann 
schließlich von ihr befreit wurde. Blut konnte ich nicht sehen, ebensowenig 
konnte ich von Operationen oder dgl. hören, bekam dann ein eigentümliches 
kribbelndes Gefühl in den Gliedern, das ganz unerträglich war. Ich hatte ein 
übertrieben ausgeprägtes Schamgefühl, selbst in bezug auf die natürlichen 
Verrichtungen, weil das offenbar für mich sexuelle Vorgänge waren. Wenn 
ich krank war, kostete es immer große Überredung von seiten des Arztes, 
mich untersuchen zu lassen. Der Schrecken aller Schrecken war ab er ur 
mich, wenn mir meine Mutter eine Irrigation machte. Bei ,ed ^Krankheit war 
imm r der erste Gedanke: „Jetzt wird wieder das für mich S^reclch he kom- 
men." Ich erinnere mich, daß ich zufällig einmal horte, wie meine Kusine £ 
Erstaunen ausdrückte, weil mein jüngerer Bruder sich so ^«*™}*P** *™ 
machen ließ. Meine Mutter antwortete darauf: meine Kinder beßen sieh 
auch einen Degen von mir in den Leib stoßen." In *»•"* M °*°** 
fühlte ich einen wilden Haß gegen die Mutter mm 
aufsteigen, vermutlich weil sie sich der Gewalt 
biüstete de sie über uns h a 1 1 e, und dann regte mich ja auch 
d e Gedank; an die Irrigation auf, außerdem ärgerte ich £»*. meinen 
Bruder, daß er alles so über sich ergehen ließ. Damals mochte ich 8 Jahre 

alt ^ se ^ n frühzeitig ein echtes , kleines Weib, sehr eitel, beobachtete 

Äußer htkXn und trachte gerne mit V*^*££SS^y£Z 
es mir daß ich einmal heiraten werde. Ich bekam Schafblattern und kratzte 
S Besicht eine Pustel auf. Als mir nun der Arzt sagte, ich behielte nun 
dne Narbe und scherzweise versicherte, ich würde deswegen keinen Mann 
bekommen, weinte ich erbärmlich und war lange nicht zu ^^- ™ ™ 
eehr furchtsam und wollte nie in ein dunkles Zimmer gehen «och alsj er 
wachsenes Mädchen litt ich sehr stark unter Angst vor Einbrechern, Mordern 



Lcbeusbeifhten. 285 

und Dieben. Ja, selbst als Frau wurde ich furchtbar davon gequält. An das 
Storchmärchen glaubte ich eigentlich nie so recht, machte mir aber weiter 
darüber keine Gedanken, nicht einmal als mein kleiner Bruder geboren wurde. 
Ich dürfte alle diese Gedanken verdrängt haben. Ich erinnere mich, daß ich 
Dienstboten von einem Mann erzählen hörte, der in den Haustoren den Frauen 
und Mädchen auflauere und ihnen die Röcke aufhebe. Warum, das konnte ich 
mir nicht erklären, aber ein banges Gefühl der Furcht beschlich mich "und 
dieses erlauschte und nicht verstandene Gespräch verfolgte mich noch lange als 
Schreckgespenst! 

Gezüchtigt wurde ich nie, als ganz kleines Kind hat mich wohl meine 
Mutter geschlagen, aber später setzte es nur hie und da einmal eine Ohrfeige 
ah; auf mich wirkten solche Strafen sehr schlecht. Ich vertrug diese körper- 
liche Berührung nicht! Haß und Empörung regten sich in mir, daß Kinder so 
der Gewalt Erwachsener ausgeliefert wären, mein ganzes Ehrgefühl bäumte 
sich in mir bei dieser für mich peinlichen körperlichen Berührung. Ich konnte 
ebensowenig vom Züchtigen anderer Kinder hören. Ich konnte nicht zusehen, 
wenn manchmal meine Geschwister geschlagen wurden. Iminer regte 6ich dann 
ein eigentümliches Gefühl in mir, ich ärgerte mich auch, daß sie sich nicht 
empörten! Viel später erst, als Frau und als ich eigene Kinder hatte, 
konnte ich mir meine rätselhaften kindlichen Gefühle erklären. Die wenigen 
Male, die ich meinen kleinen Buben schlug, mußte ich mich dazu zwingen, weil 
ich glaubte, es gehöre zur Erziehung ; eine Scheu hielt mich davon ab, es zu tun. 
Ich fühlte, wennich mich nicht beherrschen würde, käme 
etwas Grausames, mit Wollust gemengt, in mir zum 
Vorschein, auch fand ich es brutal, die Macht so aus- 
zunützen. Im Alter von 12 Jahren faßte ich eine tiefe Liebe zu einem 
gleichalterigen Kusin, und 6ein Versprechen, mich dereinst zu heiraten, war 
ein Traum, den ich viele Jahre hegte. Ungefähr um dieselbe Zeit verliebte 
ich mich in eine bildhübsche Schwedin, die aber bald durch ihre Heimkehr 
von mir getrennt wurde. Merkwürdigerweise schloß ich mich damals mehr 
an meine Kameradinnen an als in späteren Jahren; ich war dann nie mehr so 
unbefangen ihnen gegenüber. Bald darauf kam ich ins Lyzeum. Hier war ich 
sehr einsam und wurde mit keinem Mädchen intimer. Ich lernte schwer, fühlte, 
daß ich nicht mit dem Kopfe begriff, weil ich nicht bei der Sache war, sondern 
einfach mnemotechnisch lernte und allerdings für Zahlen und Vokabeln ein 
ganz hervorragendes Gedächtnis hatte. Ich schwärrate für die meisten meiner 
Lehrer! Aber im Geheimen schämte ich mich deshalb, außerdem war ich in 
alle möglichen Leute verliebt; aber das große Gefühl gehörte meinem Kusin, 
der leider in einer anderen Stadt lebte. 

Wir hatten eine Menge junger Kusins und eine Zeitlang, ich mochte 
14—15 Jahre alt gewesen sein, herrschte ein besonders reger Verkehr zwischen 
uns. Es waren immer Festtage für mich, wenn wir zu meiner Tante gingen, 
wo 4 Burschen im Hause waren und noch oft Freunde dazukamen, da fühlte 
ich mich dann in meinem Element. Wir spielten immer Pfänderspiele und 
unser beliebtestes Spiel war das sogenannte Tagezählen, bei welchem man 
sich mit Küssen loskaufen mußte. Zu meinem großen Vergnügen mußte ich 
gewöhnlich allein die Kosten dieser Unterhaltung bestreiten, denn meine 
Schwester und Kusine sträubten sich oft dagegen und so fanden die Bursclu-n 
das geeignetste Objekt in meiner Person. Die Freunde durften mir nur Hand- 
küsse geben, aber auch die Kusins küßten mich nie auf den Mund. Ich war 
gewöhnlich so erhitzt und abgebusselt, daß ich mir vor dem Weggehen immer 



286 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



das Gesicht wusch (auch symbolisch ak Reinigung abfassen), we 1 d och die 
Eltern nichts davon merken durften. Die ganze Woche zehrte ich on d esen 
Stunden und meine Kusins schrieben mir oft inzwischen, wann ich wieder 

kommen J^ diesen Träuraereien den Schulgegenständen kein Interesse 
abgewinnen konnte, ist wohl begreiflich. Mit 15 Jahren erfuhr ich meinen 
ersten Liebesschmerz, mein jüngster Onkel verlobte si ch m* *em« K sine 
Ängstlich hatte ich diese Neigung zwischen ihnen verfolgt und als ei mir nun 
genommen werden sollte, erwachte in mir die alte Liebe aufs neue. Ich litt 
Qualen der Eifersucht und schrieb ihm einen leidenschaftlichen Brief, worin 
ich ihn beschwor, doch von meiner Kusine abzulassen; jede andere könne er 
heiraten, nur gerade sie, meine Kusine, möge er nicht zur Firn i nehmen Wahr- 
scheinlich aus Trotz, weil ich ihn nicht haben konnte schloß ich mich dann 
noch mehr an meinen Kusin an. Endlich fand ich auch eine Freundin blieb 
aber auch ihr gegenüber sehr verschlossen. Zärtlichkeiten, wie es unter bchul- 
freundinnen oft üblich ist, gab es nie; das wußten schon die Mädchen dali 
ich jeder Umarmung, jedem Kuß scheu auswich. Die Freundin war hübsch 
ich bewunderte und beneidete sie im stillen, verglich mich namheh immer mit 
anderen und kam mir dann furchtbar plump und häßlich vor. Wenn sie mir 
ihre körperlichen Vorzüge pries, mich auf ihre hübschen Füße oder Waden 
aufmerksam machte, war ich außer mir, hatte ein, furchtbar peinliches Gefühl 
der Scham und des Neides. Ich litt an einem sehr starken körperlichen Minder- 
wertigkeitsgefühl, das man durch ewiges Nörgeln im Elternhaus gefordert 
hatte es gab bald keinen körperlichen Schönheitsfehler, den ich angeblich 
nicht' besessen hatte. Meine Mutter mit ihrer übertriebenen Eitelkeit wollte 
mich immer besonders vorteilhaft aussehend haben und es gab immer eine 
Menge worauf sie die Schneiderin aufmerksam machte, welche starke Mangel 
sie zu 'verdecken hätte, z.B.: Abfallende Schultern! Zu starke Hüften! Rück- 
wärts zu flach! Einen zu üppigen Busen! usw. Ich hatte emen Blahhals und 
durfte jahrelang nicht halsfrei gehen. Da war es wieder mein Vater der er- 
klärte, ich könne unmöglich ausgeschnitten gehen; natürlich im Ballkleid 
wurde eine Ausnahme gemacht, denn das Decollete stand mir angeblich sehr 
gut. Am meisten kränkte ich mich über meine Füße, die wie ich in der Ent- 
wicklung war, besonders häßlich waren, und man sekkierte mich wegen 
meines Ganges.' Seit damals bin ich eigentlich eine Fußfetischistm geworden 
und ich sehe immer auf die Füße der Frauen; ich beneidete jede um emen 
hübschen Fuß und hätte eine unmögliche Nase vorgezogen. Es war ja an allem 
etwas Wahres daran, aber unglücklich hatte man mich damit gemacht, be- 
sonders als Backfisch war ich manchmal so befangen, daß ich überhaupt nicht 
wußte wie ich mich bewegen solle; kam mir jemand entgegen, war mein erster 
Gedanke: „Wenn ich nur meine Füße verstecken konnte. 

Wie ich erwachsen war, hatte sich manches gebessert, aber es ist mir 
ein Rätsel daß ich trotz aller erdichteten und wahren Mängel eine solche 
K^okftSentwickeln konnte! Vermutlich wäre ich noch viel koketter gewesen 
wenn nicht diese Hemmungen gewesen wären! Andrerseits half mir die 
Koketterie über meine Befangenheit hinweg wie es heute auch noch oft dei 
Fall ist. Das einzige, womit ich ganz zufrieden war wa ren namheh Gesicht 
und Hände. Das anerzogene körperliche Minderwertigkeitsgefühl war abei em 
so starkes, daß auch noch jetzt einiges davon n nur lebt ^ '*£**"' 
ganz los werden kann. Dazu kam noch, daß ich an meinen geistigen Fähig 
keiten zweifelte, weil ich so schwer lernte und durch meine jüngere, sehr be- 



Lelii-nslieichtem 9g7 

gabte Schwester sehr gedrückt wurde. Sie, war rasend eifersüchtig, daß ich 
die Ältere war, obwohl ich in keiner Weise deshalb vorgezogen wurde, im 
Gegenteil, durch ihre Talente war sie es, die die allgemeine Aufmerksamkeit 
auf sich' zog. Das Einzige, was ich ihr voraus hatte, war, daß ich hübscher war 
als sie. Wir stritten ungeheuer viel. Es war ihr ein Vergnügen, ihren Geist 
zu zeigen und mir zu beweisen, wie dumm ich sei. Mein Eigensinn aus der 
Kinderzeit war mir geblieben, hingegen war ich nie frech oder ungehorsam. 
Ich unterwarf mich anscheinend bedingungslos der Autorität der Eltern; war 
ich irgendwo eingeladen und kam man mich abholen, so riß ich mich von der 
besten Unterhaltung los, weil ich die Eltern nicht auf mich warten lassen 
wollte. Ich war ein furchtbares Gewohnheitstier und jede neue Ein- 
führung oder Änderung machte mich unglücklich, ebenso mußte ich etwas 
auch ausführen können, wenn ich es mir vorgenommen und wenn es sich auch 
nur um das Belangloseste handelte. Meine Friedfertigkeit hatte inzwischen 
bedeutend nachgelassen und ich war mit meinen Geschwistern sehr streit- 
süchtig. Besonders gerne hetzte ich sie auf, um sie dann später beruhigen 
zu können. Sonst war ich aber sehr gut mit ihnon und sie konnton alles von 
mir haben. Im Bekanntenkreis war ich als das verträglichste Geschöpf be- 
kannt, da ging ich so wenig aus mir heraus, daß es nie zu einem Streit kommen 
konnte, wahrscheinlich weil der Affekt fehlte. Das übertriebene Schamgefühl 
war mir noch immer eigen, ich wollte deshalb nie mit meinen Kameradinnen 
in ein Schwimmbad mitgehen. Im Sommer waren wir meistens an einem See, 
da konnte ich dem nicht ausweichen, aber am liebsten wäre ich immer gleich 
von der Kabine ins Wasser gestürzt. Es war mir, als ob ich Spießruten laufen 
müßte, ich beneidete die anderen Mädels, die sicher und selbstbewußt ihre 
Reize im Schwimmkostüm zur Schau trugen und mit den Herren herausfordernd 
kokettierten. Mein Schamgefühl erstreckte sieh aber nicht nur auf den Körper, 
ich empfand bei allem Scham. So hütete ich mich ängstlich, meine Gefühle zu 
zeigen. Konnte schon als kleines Schulmädel keinen Ton in der Gesangstundo 
hervorbringen und bettelte so lange, bis mir das Singen erlassen wurde. 

Mit Sprachen erging es mir ebenso. Obwohl ich französisch ganz gut 
sprach, hätte ich mich nie damit herausgewagt, ich konnte überhaupt so wenig 
aus mir machen und von meinen Kenntnissen Gebrauch machen. Ich glaube, 
ich war sehr ehrgeizig und wollte ganz Besonderes leisten. Meine Geschwister 
hatten alle ein gutes „Mundstück" und ich dünkte mich um so vieles dümmer 
als sie. Oft, wenn sie mich neckten und ich es über mich ergehen ließ, sagte 
mein Vater: „Geh, Du bist wirklich eine Gans!" Es war aber so gesagt, daß 
ich es schon fast als eine Liebkosung auffaßte. 

Mit 18 Jahren trat ich aus der Schule aus und wurde in Gesellschaft 
eingeführt, war herzlich froh, daß ich die Schuljahre hinter mir hatte. Die 
Schule hatte immer wie ein Druck auf mir gelastet. Trotz meiner enormen 
Sinnlichkeit hatte ich ein so kindliches und unberührtes Aussehen, daß, als ich 
mit 17 Jahren meinen ersten Hausball mitmachte, ein Herr ganz entsetzt zu 
meiner Mutter sagte: „Das ist ein Verbrechen, das Kind gehört noch in die 
Kinderstube!" Ich war ja auch furchtbar befangen, weil ich an den Verkehr 
mit jungen Leuten gar nicht gewöhnt war, war wirklich wie ein Gänschen 
vom Land. Aber bald hatte ich den nötigen Schliff bekommen und war ein 
sonderbares Gemisch von Naivität und Verdorbenheit; die Herren wußteil 
eigentlich nie, woran sie mit mir 6eien. Ich sprach mit Vorliebe Zweideutig- 
keiten, oft ohne mir dessen bewußt zu sein, und erst das Gelächtor machte 
mich darauf aufmerksam. Ich war wegen diesor Schwäche allgemein bekannt. 



288 Die Geschlechtskälte der Frau. 

ich wollte wahrscheinlich nichts sehen und nichts von Sexualität fcoren, gm§ 

t i h Xr St verstand, wahrscheinlich nicht verstehen wollte Ich war so 
üie len düer muu , Männer etwas wie Unwohlsein hatten. 

»iSä , ~.Ä^ 1 ST-^ Erregbarkeit überhaupt bei dem 

T ebens Mein Kusin provozierte einen Bruch, er vernachlässigte mich begann 
ÄttTwl. zu befassen, war -unausstehlich so daß ihm mein 
Vater das Haus verwies. Ich litt nun furchtbar unter der Trennung hatte ihn 
so Heb daß ich alle seine Launen ertragen hätte, und kam nie auf den Ge- 
danken, er k mite mich weniger lieb haben. Er war rasend ei ersuchüg .auf 
mich erklärte mir auch einmal bei einer Hochzeit, „ausgeschnitten hatte ich 
Seht komm n dürfen; wenn ich eine etwas mehr durchbrochene Batistbluse 
anhatte, war ihm das schon nicht recht. Es war ^^a^^^ 
über mich hinwegzugehen und uns zu trennen denn ^ er ?^ r f^ ^ 
eich unsere Beziehungen von selbst gelöst und mir ™"*™?i* Ä 
im Leben erspart geblieben. Dazu kam noch daß ich eigentlich memer 
Schwester grollen hätte sollen, weil meine Mutter ihr vorwarf sie hatte den 
InsTan sich gezogen, dadurch wurde mir so viel Glaube -\Unbefangenhei 
genommen und oft später, wenn wir darüber sprachen, behauptete meine 
Schwester, der Gedanke sei ihr gänzlich ferne gelegen und diese Vorwurfe 
hätten auch in ihr die Unbefangenheit zerstört. Nun war es sp ater ^hlige 
Male der Fall, daß einer meiner Hofmacher zur Schwester überging es kam 
auch vor, daß er wieder zu mir zurückkehrte. Ob sie mit Absicht dieses Ziel 
verfolgte mir meine Bekannten abspenstig zu machen, ich weiß es ^nicnt lat 
lache war^ur daß sie mir sehr neidisch war, .daß ich schon in Gesellschaft 
Jng und erklarte, sie wolle nicht die „zweite Geige" spielen. Sie ließ mich 
auf diese Weise ihre Stärke fühlen. Das Merkwürdige m unserem Verhältnis 
SS meinem Kusin war wohl, daß wir ^£***g& 
küssen in Gegenwart anderer, uns nur ganz selten auf den Mund gekum 
ha tten- eine eigene Scheu hielt uns ab, zärtlich miteinander zu sem, wir 
w ai S -beTwieKinder, die sich lieb hatten, in mir «1«^^ 
j- t „-.^T,c n i.af+ Rn pah er mir kurz vor unserer irennung zu vei 

SÄÄÄ -hfef Leid^chaft fürchte. Nachdem ich von ihm 
^trennt war entstand eine furchtbare Leere und Sehnsucht in mir ich mußte 
getrennt war enKL Erleichtert wurde mir die 

S&ÄÄ daß lc" damals eben anfing, in Gesellschaft zu gehem 



Lcbcnsbcichti-u. -_'S'.i 

konnte ich so tanzen, daß es mir ein Vergnügen machte. Beim Tanzen kam 
etwas von Exhibitionismus bei mir zum Ausdrucke, da überwand nämlich 
die Sinnlichkeit das Schamgefühl und ich hätte vor einer großen Menge von 
Menschen tanzen können; im Gegenteil, es bereitete mir Genuß, wenn man mir 
zusah. Das erste Jahr tanzte ich leidenschaftlich gerne, aber bald konnte mich 
das über eine Leer© nicht hinwegtäuschen und das ungeheuere Sehnsuchts- 
gefühl und Liebesbedürfnis, das -mit den Jahren zugenommen, ließen mich 
meiner Jugend nicht froh weiden. Damals kam es mir erst zum Bewußtsein, 
daß ich eigentlich nur in Träumen lebte. Ich konnte stundenlang untätig sitzen 
und vor mich hinträumen; oder war mit einer Näharbeit beschäftigt, da träumte 
es sich am besten. Ich träumte von Liebe und Zärtlichkeit; meine Phantasien 
knüpften an den „Fetzen Realität" an. Es war aber nicht immer Schönes oder 
Freudiges, das ich erdichtete, sehr oft waren es auch unangenehme Erlebnisse, 
es machte mir ein Vergnügen, mir Schmerzen auszumalen. Da drangen eben 
meine masochistischen Phantasien durch. Ich sah mich zum Beispiel unglück- 
lich und dgl. Ich schlief viel und gerne, onanierte täglich und oft bis zu einer 
Stunde, aber nie bei Tag, nur vor dem Einschlafen oder nachts, wenn ich 
plötzlich aufwachte. Ich onanierte, indem ich die Hand auf die Scheide preßte, 
ich hatte ein permanentes Lustgefühl, aber zu einem richtigen Orgasmus kam 
es doch nie; da mir die Befriedigung ausblieb, onanierte ich oft, bis ich in 
Schweiß gebadet war und vor Müdigkeit nicht mehr weiter konnte und ein- 
schlief. Meistens onanierte ich mit der Phantasie, ich bekäme eine Irrigation 
von einem jungen Arzt, selten, daß ich mir einen jungen Mann, für den ich 
gerade schwärmte, vorstellte, wie er mit mir zärtlich war. Seltsamerweise 
wußte ich nichts von Onanie, noch viel weniger, daß ich sie betrieb. Ver- 
mutlich habe ich schon als Kind onaniert, nur ist es meinem Gedächtnis ganz 
entschwunden. Meine Mutter war sehr moralisch und erzog mich sehr streng, 
erklärte mir, daß ein Mädel sich nicht küssen lassen dürfe, die sei schon er- 
ledigt, die sich so etwas zu schulden kommen lasse. Damit hat sie mir mein© 
Unbefangenheit genommen und mir viel Vergnügen zerstört. Ich hatte doch 
immer Angst vor dieser Gefahr, war mit allen Hemmungen meines Minder- 
wertigkeitsgefühles ausgerastet und lebte in ständigem Kampf mit meiner 
Leidenschaft. Einmal umarmte mich ein verheirateter Mann, ein entfernter 
Verwandter, der mir sehr gut gefiel, und griff mir dabei an den Busen. Ich 
stieß ihn sofort zurück. Ich empfand wohl ein 6üßes Gefühl bei dieser Be- 
rührung, aber reagierte sofort mit Ang6t, so daß mir schlecht wurde. Ich hatte 
aber sehr wenigen Versuchungen zu widerstehen. Die jungen Leute hatten 
sich vor meiner Leidenschaft gefürchtet, wie ich später einmal hörte. Eigent- 
lich hatte ich am meisten Angst vor mir selber. 

Meine Eltern waren sehr unzufrieden mit mir. Von Mädchen zog ich 
mich noch immer zurück, wohl hatte ich statt der Schulfreundin ein anderes 
Mädchen gefunden, mit dem ich viel beisammen war, aber man warf mir vor, 
daß ich nur auf junge Leute fliege, mein Vater machte mir den Vorwurf, ich 
hätte keinen Stolz. Meine Launenhaftigkeit hatte 6ich wenig geändert. Ich 
hatte für gar nichts Interesse, ich las wohl viel, doch Vater beklagte den Mangel 
an Phantasie. Daß ich zu viel Phantasie habe und sie nur sexuell und erotisch 
gebunden sei, wußten sie nicht. Ich selbst glaubte mich phantasiearm. Be- 
neidete die anderen Mädchen immer, die so in den Tag hineinlebten, ich sagte 
immer, ich könne als Mädchen nicht glücklich sein. Außer meiner unbefriedigten 
Leidenschaft machte mir mein unglückseliges Naturell viel zu schaffen. Ich 
konnte mich über nichts herzlich freuen. Ich litt unter häufigen Migränen 

Stekol, Störungen dfls Trieb- und Affoktlobeus. IJI. 2. Aufl. jg 






290 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



und unser Hausarzt meinte, ich sei sehr blutarm, und verschrieb mir trotz 
meiner rotblühenden Wangen Eisen, das ich in allen Formen in Unmengen 

2 Ich dürfte wohl kaum unter Blutarmut zu leiden gehabt haben, eher 
war ich zu vollblütig. Unerklärlich war mir eine absolute Gefühllosigkeit, 
die sich dann bei mir einstellte, wenn ich eigentlich Besorgnis hätte fühlen 
sollen. Ich erinnere mich, es einige Male erlebt zu haben, als meine Mutter 
die immer leidend war, mich anjammerte. Befremdend wirkte es aber auf 
mich, als mein Bruder an Gehirnhautentzündung lebensgefährlich erkrankt war 
und ich in der allgemeinen Aufregung herumging, als ob es mich gar nichts 
anginge. Meine Eltern, die dies bemerkten, denn schauspielern konnte ich 
nie, waren entsetzt überwiese Herzlosigkeit. Ich war ja sonst ein sehr weicher 
Mensch Ich selbst klagte: ich fühle statt des Herzens nur einen Stern! Trotz- 
dem hätte ich nie etwas allein genießen können, mußte das Gefühl haben, auch 
meine Familie sei glücklich. Nach dem Bruch mit meinem Kusm reiste meine 
Mutter im Sommer mit mir auf ein paar Tage nach Tirol. Ich war sehr gluck- 
lich, weg vom Haus und mit ihr allein, damals sah ich den Himmel voller 
Geigen ließ mir mit Vergnügen von einigen Herren den Hof machen, darunter 
war auch ein junger Advokat aus der Provinz, der sich in mich verliebte, 
ihn hat wohl meine Jugend und Frische angezogen. Ich war nicht so ver- 
wöhnt in bezug auf Eroberungen und es schmeichelte mir, daß sich ein richtiger 
ausgewachsener Herr für mich junges Ding interessierte, zudem war er sehr 
belesen und gebildet, das hob mein Selbstbewußtsein. Er machte einige Male 
die Bemerkung, daß er leider nur reich oder gar nicht heiraten könne, weil 
er nicht in der Lage sei, eine Frau standesgemäß zu erhalten. Ich war selten 
mit ihm allein, aber von Mama gewarnt, hatte ich immer Angst, daß er mich 
küssen wolle, einmal probierte er es auch, aber mir wurde so bange zumute 
und so schwach, daß ich meinte, umfallen zu müssen und ihn bat, mich doch 
in Ruhe zu lassen. Nachdem die Zeit abgelaufen war, trennten wir uns und 
blieben in Kartenkorrespondenz. Zu Hause angelangt, machte sich mein ge- 
hobenes Selbstbewußtsein sofort geltend und ein Ingenieur, der sich sehr um 
mich bemühte, bekam es sofort zu fühlen; es machte mir ein Vergnügen, ihn 
abblitzen zu lassen. Merkwürdigerweise hätte mein Vater scheinbar gar nichts 
dagegen gehabt, wenn ich ihn -genommen hätte, denn er war ganz besonders 
nett zu ihm, obwohl er ein sehr simpler Mensch mit einer ganz unbedeutenden 
Stellung war Er sagte mir rund heraus, daß er mich heiraten wolle. Mit 
dieser trockenen Art - ohne mich vorerst erobern zu wollen -.verdarb er 
sich alles; auch war ich damals noch nicht aufs Heiraten so erpicht. Unser 
Familienleben war ein sehr unglückliches, es war ständig eine schwule 
Atmosphäre, wie mit Elektrizität geladen, wo jeden Moment die Funken ein- 
schlagen Schuld daran war, daß meine Eltern gar nicht zusammenpaßten, 
was ich erst viel später begriff; sie hatten sich sehr lieb waren aber einer 
durch den anderen unglücklich geworden. Mein Vater «Ma^A^ 
schwer glücklich zu machen gewesen, da er eine unglückselige Natui hatte, 
im Gegensätze zu meiner Mutter, die von Haus aus ein heiterer impulsiver 
Mensch war. Oft, wenn sie meinen Vater vor uns küssen ^.wehrte .er 
ab- auch wir waren daher nie zärtlich mit ihm, wagten ihm nur einen Handkuß 
zu geben; er schämte sich auch, seine Gefühle zu «eigen Die ganze Familie 
litt unter ihrer übermäßigen Sexualität, am wemgsten die .Schwester du es 
verstand, ihre Triebe in künstlerische Interessen zu subl.mieren Mein Vater 
war immer schlecht gelaunt, sehr wortkarg, so daß kein fröhlicher Ton ent- 



Lebensbeichten. 29 1 

Btehen konnte. Er war ungeheuer hochmütig und ehrgeizig, von so strengen 
Ehr- und Moralbegriffen, daß er nur mit wenigen Menschen verkehrte, denn 
Keine Anschauungen waren nicht für die Welt geschaffen. Am meisten impo- 
nierten ihm Geist und Strebsamkeit. Ich hatte schon als Kind große Scheu 
vor ihm, obwohl er fast nie mit mir zankte, aber ich konnte mit ihm nicht 
sprechen, nie wäre ich aus mir herausgegangen. Er auch nicht! Seinen Auf- 
forderungen, mit ihm spazieren zu gehen, wich ich immer aus. Ich führte gerne 
6eichte Gespräche und dafür war er nicht zu haben, dann schämte ich mich 
auch, vor ihm dumm zu erscheinen, und traute mich gar nicht heraus. Wenn 
eines von uns krank war, war er unglaublich fürsorglich und besorgt. Er 
gönnte sich selbst nichts, aber für seine Töchter sparte er nicht, er wollte 
uns immer sehr gut gekleidet sehen und schlug uns auch sonst nichts ab, aller- 
dings als wir schon große Mädchen waren, denn bis zu ca. 14 Jahren hat er 
sich um uns nicht gekümmert; er liebte leidenschaftlich ganz kleine Kinder, 
die er sehr verwöhnte, aber mit großen Kindern verstand er nicht umzugehen. 
Er konnte sich nicht leicht in die Seele eines Kindes versetzen, daß man ihm 
auch Freude machen müsse, nicht nur auf das Zweckmäßige und Vernünftige 
bedacht sein solle. Er liebte meine Schwester leidenschaftlich, diese Liebe 
war eigentlich erst zum Ausbruche gekommen, als sie die lebensgefährliche 
Krankheit durchgemacht hatte; er lag ihr buchstäblich zu Füßen und sie ließ 
sich huldigen. Er war bei ihr empfindlich wie ein unglücklich Verliebter, jedes 
Wort von ihr verletzte ihn; sie hatte es in der Beziehung nicht leicht mit 
ihm. Sie war sein Lieblingskind und sie konnten stundenlang geistreiche Ge- 
spräche führen. Einmal abends fand ich ihn weinend, weil sie ihn gekränkt 
hatte, und da bat er mich, doch ja nicht zu glauben, daß er mich weniger 
lieb habe als meine Schwester. Auf mich machte diese Szene, als ich meinen 
Vater in einer solchen Verfassung gesehen, einen tiefen Eindruck. Meine 
Schwester sagte oft, etwas weniger Liebe aber eine gleichmäßigere wäre ihr 
lieber, denn er sprach wochenlang kein Wort mit ihr, wenn sie mit einem der 
Brüder sehr nett war. Ebenso grollte er lange, weil ein junger Mann sich sehr 
für sie interessierte (dem er schließlich das Haus verekelte, so daß er ausblieb). 
Hatten wir Gesellschaft, so war er zufällig immer verreist. Er muß Qualen 
der Eifersucht ausgestanden haben, als meine Schwester, ohne viel Widerstand 
bei den Eltern zu finden, Tänzerin wurde. Später allerdings war sein 
Stolz größer als seine Eifersucht. Er fragte sie zwar immer wieder, ob sie 
auch nur als Dame behandelt werde. Wie groß seine Liebe zur Tochter ge- 
wesen ist, mag daraus hervorgehen : Als sie ihn auf seinem Krankenlager, von 
dem er nicht mehr aufstehen sollte, fragte, ob er sie denn überhaupt noch 
heb habe (sie war auf mich eifersüchtig), sagte er: „Du warst der comble", 
also das Höchste, was er im Leben hatte. Diese unnatürliche Liebe meines 
Vaters trug hauptsächlich zur Zerstörung des Familienlebens bei, denn meine 
Mutter litt namenlos darunter, er war ja oft so zärtlich mit meiner Schwester, 
daß sie sich seiner Zärtlichkeiten gar nicht erwehren konnte, natürlich nie 
vor den anderen. Dazu stand im krassen Gegensatz sein Verhalten zu meinen 
drei Brüdern, die er, ich möchte fast sagen, haßte; sie waren minderwertige 
Burschen, die gerade eine andere Erziehung gebraucht hätten. Die Ehe meiner 
Eltern wäre nie so unglücklich gewesen, wenn nicht immer wegen der Buben 
Zerwürfnisse gewesen wären, denn meine Mutter suchte immer gut zu machen, 
was mein Vater durch übergroße Härte geschadet hatte. 

Merkwürdigerweise wußten aber meine Brüder meiner Mutter keinen 
Dank dafür, daß sie sie immer in Schutz nahm; der mittlere, der ein krank- 

19* 



" 



292 



Die Geschlechtskiilte der Frau. 



halt erregbarer und unmöglicher Bursche war, konnte mit ihr nicht auskommen 
und bedrohte sie in seinem Jähzorn oft, kam auch deshalb aus dem Hau& 
Alle drei erklärten, wenn sie allein mit dem strengen Vater wären, sei es viel 
besser und er sei viel netter mit ihnen. (Offenbar war er auf die Liebe der 
Mutter zu den Söhnen eifersüchtig und je mehr sie sie verteidigte, desto ge- 
reizter wurde er.) 

In dieser Familie war einer auf die Liebe des anderen eifersüchtig, ich 
kann sagen, alle waren von einer krankhaften Eifersucht befallen. Obwohl ich 
eine sehr eifersüchtige Natur bin, war ich anscheinend in der lamilie nie 
eifersüchtig. Zwischen mir und der Mutter bestand ein sehr gutes Verhältnis 
und weil wir immer zusammen waren, nannten uns meine Geschwister „die 
Zwillinge". Sie waren auch neidisch auf mich, obwohl die Mutter streng mit 
mir war Sie hing so an mir, weil ich die einzige war, die sehr zusprunglich 
war und weil sie bei mir immer Gehör fand, wenn sie klagte. Sie war nämlich 
immer leidend. Alle möglichen nervösen Leiden wechselten bei ihr ab. Was 
das für einen deprimierenden Eindruck auf ein junges Geschöpf macht, eine 
immer kranke Mutter zu sehen und nie zu wissen, was einem durch ihre Ner- 
vosität bevorsteht! Mein Vater drückte sich ganz richtig aus, wenn er sagte, 
er lebe immer am „Qui vive". (Erst später in meiner Ehe erfuhr ich, daß 
meine Mutter eine „Unbefriedigte Frau" war.) Besonders im Frühjahr litt ich 
Qualen, ich selbst hatte an meiner eigenen Leidenschaft genug zu tragen und 
ihr Zustand wurde im Frühjahr immer unerträglich. Ich wußte manchmal 
nicht aus noch ein. Wenn alles so blühte, wollte ich das Schöne in der Natur 
gar nicht sehen, weil mir das Herz weh tat und ich mich immer fragte: „Wozu 
bist du denn eigentlich auf der Welt?" Natürlich fand man, ich hätte keinen 
Sinn für Natur; aber eben weil ich ihn hatte, konnte ich sie allein nicht ge- 
nießen. Trotz der großen Liebe verstand mich eigentlich meine Mutter wenig, 
sprach ich mich nicht mit ihr aus, mein Zartgefühl hat sie öfters, als sie es 
ahnte verletzt. Das war nämlich etwas, was ihr vollständig abging, und ich 
war übertrieben empfindlich. Ich glaube heute zu verstehen, daß gerade 
Menschen, die mit ihren bösen Trieben zu kämpfen haben, so empfindlich smd. 
Ich war es damals hauptsächlich in bezug auf meine Gefühle. Eine Mutter 
glaubt ja immer, dem Kind nur Gutes zu erweisen, aber durch Unverständnis 
tut sie oft das Gegenteil. Nun muß ich sagen, ich war sehr schwer zu er- 
ziehen, und es hätte psychologischen Verständnisses bedurft, um es glücklicher 
durchzuführen. Die Mutter war eine viel zu einfache Natur, um ihre Kinder 
erziehen zu können, die alle mehr dem Vater nachgerieten. Alle waren namen-, 
los trotzig. 

Der Advokat, mit dem ich noch immer in loser Korrespondenz war, be- 
suchte uns auf meine Aufforderung in Linz. Als er kam, wollte ich mich 
zwingen, daß er mir gefalle, denn ich hatte ihn anders in der Erinnerung; 
seine Stimme, die etwas Mißtönendes hatte, mißfiel mir, die auf Stimme so 
viel gab Auch konnte ich mir nur vorstellen, jemanden zu lieben, dessen 
Hände ich schön fand. Zumindest mußten sie sympathisch auf mich wirken 
Ebenso erging es mir mit der Stimme. Es konnte auch vorkommen, daß mich 
wider Willen die Hände eines Menschen anzogen, der mir sonst gar nicht zu- 
sagte, so daß mich nur die Hände faszinierten. Ich verband mit Händen 
wahrscheinlich unbewußt die Vorstellung, daß sie mich streicheln. Bei einem 
Alleinsein gelang es ihm, mich trotz meines heftigen Straubene « .küssen 
. und zwar gab er mir einige Zungenküsse. Ich empfand in dem Moment einen 



Lebeusbeicbten. -jm;; 

wilden Haß gegen ihn, weil er mir Gewalt angetan, aber gleichzeitig durch- 
rieselte mich ein angenehmes Gefühl. 

Ich grollte ihm und war sehr zornig; allerdings hielt es nicht lang an. 
aber mein Zutrauen war etwas erschüttert. Er hatte schon vorher davon ge- 
sprochen, daß er mich heiraten möchte. Ich war damit einverstanden und 
wollte mit den Eltern darüber sprechen und mich auch nach den materiellen 
Verhältnissen erkundigen. Er reiste noch denselben Tag ab. ohne daß ex 
irgendwie versucht hätte, zärtlich zu werden. Ich hatte so keine Ahnung, 
was das heißt, eine Ehe einzugehen und daß ich ein Verbrechen an mir be- 
gangen hätte! Ohne Liebe für ihn zu fühlen, hätte ich ihn genommen, wenn 
es nicht anders gekommen wäre. 

Ich war nicht verliebt, ich vermutete nur bei ihm Raffinement und hatte 
das Gefühl, daß er viel gelebt hatte. Das zog mich an. Gleicherzeit empfand 
ich etwas wie Unbehagen in seiner Gegenwart, fast Furcht. Dieser unglück- 
selige Kuß wurde mein Schicksal. Er hatte die ganze in mir schlummernde 
Leidenschaft geweckt, ich war zum erstenmal mit einem Mann in nähere Be- 
rührung gekommen und von da an brannte ich, hätte jeden, der mich heiraten 
wollte, genommen; ich suchte gar nicht den Menschen, nur den Mann. Ich fühlte, 
daß es über meine Kräfte ging, länger das Leben so einsam zu leben und dachte, 
daß ich nur in der Ehe die Möglichkeit hatte, mich auszuleben. Ich korrespon- 
dierte mit dem Advokaten, aber die Briefe ließ ich mir „poste restante" kom- 
men, denn unsinnigerweise hätten meine Eltern nicht erlaubt, daß ich mit 
einem Herrn korrespondiere. Dieses Heimlichtun erhöhte noch für mich den 
Reiz; zudem wären meine Eltern gar nicht für diese Heirat gewesen, weil sie, 
abgesehen von allem anderen, kein Zutrauen zu ihm gehabt haben; aber großen 
Widerstand setzten sie mir nicht entgegen. Mein Vater zog Erkundigungen ein 
und tat alles mögliche, mir dauerte aber alles zu lange. Wenn ich heute zurück- 
denke, schaudere ich, wie dumm ich damals war! Nach einigen Monaten schrieb 
er mir, es täte ihm sehr leid, aber er müsse darauf verzichten, mich zu heiraten, 
weil er zur Einsicht gekommen, er sei sehr flatterhaft und tauge nicht für 
eine Ehe usw. Ich war über die Absage furchtbar unglücklich. Sehr gemischte 
Empfindungen regten sich in mir. 

Der Brief traf mich damals tief; mein Stolz und meine Eitelkeit waren 
furchtbar verletzt. Vor allem war ich aber empört über ihn, denn er hatte 
mir ganz gewöhnlich den Kopf verdreht, er war es, der vom Heiraten sprach; 
denn mir wäre es gar nicht eingefallen, bei ihm daran zu denken. Nun hatte 
sich einmal der Gedanke bei mir festgesetzt, und auf etwas, das ich mir vor- 
genommen, konnte ich Trotzkopf immer schwer verzichten. Ich schämte mich 
sehr vor meinen Eltern. Als Mutter mich trösten wollte, erklärte ich ihr, ich 
müsse heiraten, ich könne nicht mehr warten. Was galt mir meine Jugend? 
Es war rein, als ob ich etwas versäumen würde! Diese Ungeduld war schuld 
an meinem späteren Unglück. Bisher hatte ich nur mit jungen Leuten ver- 
kehrt, ganz ohne Nebengedanken. Es war schon bekannt, daß ich mich nur 
hoffnungslos „grün" verliebe. Jetzt wurde das anders, ich suchte den ,,Epou- 
6eur". Mutter und ich reisten damals zum Besuche von Verwandten nach Prag. 
Ich war glücklich, von Linz wegzukommen und war ganz in der Stimmung, 
mich für die erlebte Enttäuschung zu entschädigen. Wir hatten dort auch einen 
bekannten jungen Arzt, der seinerzeit viel bei uns verkehrt hatte. Um mich 
kümmerte er sich damals nicht viel, hingegen interessierte er sich für meine 
Schwester. Hatte jemand großes Interesse für sie, dann war es ausgeschlossen, 
daß ich ihn interessierte. So grundverschieden waren wir sowohl dem Wesen 



294 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



als dem Äußern nach. Ich verlebte nun eine nach meinen damaligen Begriffen 
herrliche Woche in Prag. Der Bekannte hatte sich zu unserer Verfügung ge- 
stellt und ließ es sich angelegen sein, uns; die Schönheiten von Prag zu zeigen 
und wir waren jeden Tag irgendwo anders. Abends immer Theater oder sonst 
irgend ein Vergnügen. Nun war ich ja daran gar nicht gewöhnt und ich fand 
das alles herrlich, denn blasiert war ich gar nicht, von Linz wollte ich nichts 
wissen. Der Arzt hatte uns gleich auch mit seinem Bruder bekannt gemacht, 
als er mir einmal von diesem erzählte, meinte er: „Der wäre etwas für Sie." 
Das war ein Jahr, bevor ich seine Bekanntschaft machte. Der Arzt 
hatte mir immer ganz gut gefallen aber mein Kokettieren verfing bei ihm 
nicht. Der Bruder erschien mir auf den ersten Blick sympathisch; hübsch war 
er gar nicht, sprach auch schlecht deutsch. Ich taxierte ihn auf "den ersten 
Blick eigentlich ganz richtig: sehr gutmütig, nicht intelligent und leicht zu 

erobern. 

Ich dachte mir, den andern kannst du nicht haben, fängst halt mit 
seinem Bruder an. Ich kokettierte nun heftig und er fing Feuer, überdies 
widmete mir nun der Arzt auch mehr Aufmerksamkeit. Mehr brauchte ich 
nicht, als zu sehen, daß ich einem Manne gefallen kann. Kusins hatte ich 
auch eine Menge, die sich alle um die fesche Kusine rissen, und ich war nun 
berauscht und in Siegerstimmung. Mein Minderwertigkeitsgefühl schlug in 
Größenwahn um. Ich fühlte mich als Herrscherin. In dem Bruder dachte 
ich mir das geeignete Objekt zum Heiraten gefunden zu haben. Er war, wie 
ich wußte, aus sehr guter Familie und hatte eine ganz schöne Stellung. Als 
ich ihn so weit gebracht hatte, daß er in mich verliebt war, fragte er mich 
vor meiner Abreise, ob ich seine Frau werden wolle. Er wagt es gar nicht, um 
meine Hand anzuhalten, weil er ein sehr bescheidener Mensch und ich in seinen 
Augen etwas ganz Besonderes war. Er fürchtete den großen Altersunterschied, 
er war 14 Jahre älter als ich, die mir unbekannte Sprache, daß seine Familie 
zu einfach für mich sei und noch verschiedenes anderes. Er sollte leider später 
recht behalten. Aber für mich gab es damals keine Hindernisse, ich meinte 
ihn zu lieben, glaubte, es wäre eine Liebe auf den ersten Blick gewesen, und 
malte mir ein künftiges Leben an seiner Seite herrlich aus. Die paar schönen 
Tage hatten es mir angetan, ich vergaß, daß es auch einen Alltag gibt. Die 
Übersiedlung in eine andere Stadt und die damit verbundene Trennung von 
meinen Eltern war mir gerade recht, Ich wollte fern von allem sein und ein 
ruhiges Leben führen, für mich allein einen Menschen haben. Ich wußte damals 
noch nicht, daß es körperliehe und seelische Liebe gibt, mich zog die reife 
Männlichkeit bei ihm an und meine Sinnlichkeit hielt ich für Liebe. Ich bildete 
mir ein, er sei ein großer Lebemann und habe mit Frauen eine große Er- 
fahrung. Alles das reizte mich. Wir waren einmal zusammen in der Oper 
und als ich neben ihm saß, wurde ich furchtbar aufgeregt; die Nähe eines 
Mannes und die sinnliche Musik wirkten so erregend auf meine Sinne, daß ich 
eigentlich wie in einem Rausch war. An jenem Abend hatten wir die schick- 
salsschwere Aussprache. Als ich wegfuhr, gab er mir sechs Wochen Bedenk- 
zeit, dann wollte er nach Linz kommen und bei meinen Eltern um mich an- 
halten. In der Zwischenzeit schrieb er mir nur einige Karten, da er mir wegen 
der Eltern nicht zu schreiben getraute. Meine Mutter, die furchtbar unruhig 
war, schien etwas zu ahnen, denn um vorzubeugen, hatte sie mir gleich am 
ersten Tage gesagt: „Schade um Herrn N., daß er nicht geheiratet, denn jetzt 
ist er eigentlich zu alt." Er war 36 Jahre alt. Oder: „Armer Kerl! Er ist 
kurzsichtig und das wird mit der Zeit immer ärger." Er hatte kein scharfes 



Lebensbeichten. 29. r > 

Gehör und verstand mich damals schlecht, weil ich ganz besonders leise sprach 
und er nicht an die deutsche Sprache gewöhnt war. Ich verlebte die Wochen 
der Bedenkzeit in großer Aufregung, obwohl ich fest entschlossen war, ihn zu 
nehmen, weil ich ihn zu lieben glaubte, andrerseits wußte ich, daß mir eine 
schicksalsschwere Entscheidung bevorstand. Ich dachte damals nicht daran, 
mich gut zu verheiraten, ich wollte nur einen Mann, dem ich Liebe und Zärt- 
lichkeit gehen konnte ; es war ja nicht allein das grob Sinnliche, das mich zum 
Heiraten drängte. Ich sehnte mich nach den Zärtlichkeiten eines Mannes, für ihn 
sorgen zu können, mit ihm das Leben zu teilen. Nun bestärkten mich noch 
Gespräche mit meiner Schwester in dem Entschlüsse, seine Werbung anzu- 
nehmen, sie erzählte mir, mein Vater habe Angst um mich, ich werde wie in 
einem Sumpf versinken, wenn ich mir so nachgebe. Nun hatte ich doch ohne- 
hin vor meiner Leidenschaft diese entsetzliche Angst, wußte nicht, daß meine 
moralischen Hemmungen stärker als alles waren. Ich sah also nur die eine 
Rettung und Erlösung für mich, Herrn N. zu heiraten. Er kam und ich gab 
ihm mein Jawort. Meine Eltern waren nicht sehr erfreut, weil ich sie so über- 
rumpelte, besonders meine Mutter kränkte 6ich furchtbar, daß ich gar nichts 
vorher gesagt. Ich hätte es aber nicht zuwege gebracht. Obwohl ich keine 
Anzeichen dafür hatte, daß sie gegen eine Heirat mit N. gewesen wären, hatte 
ich nicht mehr das gleiche Gefühl ihnen gegenüber wie sonst, sondern ein 
mehr feindliches. Meine Eltern willigten ein, obwohl sie mit der Wahl nicht 
einverstanden waren, wenngleich sie nichts gegen seine Person einzuwenden 
gehabt haben und sogar die Familie sehr schätzten, aber sie fanden, daß er 
als Mann für mich nicht passe. Ihre Gründe waren ganz berechtigte. Mein 
Vater wünschte, wir sollten uns wenigstens besser kennen lernen, bevor wir 
uns verloben, aber auch dafür war ich nicht zu haben. Ich erklärte, ich kenne 
ihn sehr gut, was ja gar nicht der Fall war, und ich wolle nur ihn heiraten 
und keinen andern, da ich ihn sehr liebe. Ich vergaß ganz in dem Moment, 
daß es eigentlich meine Eltern nur gut mit mir meinten, jeder weitere Wider- 
stand hätte nur meinen Trotz wachgerufen. Nach der Verlobung lagen meine 
Mutter und meine Schwester an heftiger Migräne im Bette und mein Vater 
mußte mit Umschlägen von einem Bett zum andern laufen. Der nervöse Zu- 
stand der Mutter verschlimmerte sich natürlich während meiner Brautzeit 
sehr. Als die Hochzeit kam, war sie am Ende ihrer Kräfte angelangt. Sie mußte 
sogar auf einige Tage sich erholen fahren, und ich kränkte mich darüber, weil 
es knapp vor meiner Hochzeit war. Ich war eine glückliche Braut, endlich 
hatte ich ein Gefühl des Geborgenseins, plötzlich war ich jemand und hatte 
die Aufmerksamkeit auf mich gelenkt. Ich wurde verwöhnt und imponierte 
meinem Bräutigam, das war ich ja alles nicht gewöhnt. Den Eltern gegenüber 
war ich nicht nett, kümmerte mich gar nicht um sie, hatte eigentlich überhaupt 
für nichts Interesse und war rücksichtslos, war wie im Fieber und hatte nur 
den einen Gedanken, so bald als möglich zu heiraten, die Hochzeit sollte in 
6 Wochen stattfinden. Der Gedanke, daß der Advokat meine Verlobung in 
der Zeitung lesen werde, hat mich sehr gefreut. Er sollte sehen, wie schnell 
ich mich über ihn getröstet. Ich zeigte mich nicht sehr gerne mit meinem 
Bräutigam bei Bekannten oder Verwandten, weil er die Sprache schlecht be- 
herrschte und einen ungeschickten Eindruck machte. Er tat mir in solchen 
Momenten leid. Besonders vor meiner Familie schämte ich mich seiner manch- 
mal, weil ich ja eine sehr hohe Meinung von ihr hatte (darunter verstehe ich 
eigentlich nur die Eltern und die Schwester). Und er war ja alles eher als 
gescheit, aber eine Bemerkung über ihn hätte ich von keiner Seite ertragen. 



.. — , — i_ — „ — ^_ — _ 



296 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



mich hP^l^ if 7 lle n ganz «*". weil « ^hr gutmütig war, offenbar hat 
^1™ lh ™. auch der Gegensatz zu meiner Familie und somit auch zu mir 
3f3f™5 t 16 K f* lkl0si S keit . ^s Gutmütige und Natürliche. Ich sagte 
hllJ A n St l'ff aDdern Mann b ^nspruchen ; du bist ein oberfläch- 

£&£Sf%£f ^ mußt . fr0h , sein ' so e ™n gefunden zu haben. 
Auch sein Beruf (Kaufmann) war mir nicht sehr recht, denn ich stammte aus 
anderen Kreisen und hätte einen Intelligenzberuf vorgezogen. Ich wa eine 
ei" Ftrf * IT 6 ^ ^ 6mpfand bd den Küssen" Bildete mir ZI 
Ste mlh d, h n UD f Tu fif unglücklich **■&*. Mein Bräutigam 
klarte mich darüber auf. Ich hatte eine merkwürdige Gewohnheit- wenn 
mein Bräutigam zu Besuch kam, er lebte ja nicht in Linz, kam ich TS 
nie zum Empfang entgegen, ich ließ ihn mich immer suchen und wen 
er auch die ganze Wohnung nach mir durchsuchte, ich rührte mich nicht aus 
dem Zimmer Er konnte dies nicht begreifen, eine Art, die ich auch als Frau 
beibehalten habe ein gewisser Stolz hielt mich davon ab, zur Begrüßung 
hmauszueilen. Nach langem Kämpfen gestand ich ihm meinen furchtbar 

ItlTUh W T "*J Smn i iCh ' Und machte ihn darauf aufmerksam, daß icS 
™tf- ih f W T d \ mit emem M anne nicht genug haben. Ich war sehr 
enttauscht daß er darüber nicht entsetzt war, und mich beruhigte und meinte 
es werde nicht so arg sein, und es also nicht sehr ernst nahm ' 

Durch die Küssereien (andere Liebkosungen hatte mein Bräutigam nie 
bei mir versucht) war ich so entzündet, daß ich den Tag der Hochzeit nicht 
mehr erwarten konnte. Meine Mutter setzte voraus, daß ich schon alles wisse 
und sagte mir nur sehr verschämt, ich solle meinen Mann nicht zu mir lassen' 
iSntiZ ^^ Dies * Be ™ rku »S ™ mir ganz unverständlich/wußte 

£ v P tlr W A gen nT d f n Temm d6r Hodlzeit we ^ meine * Unwohl- 
seins verschob. Am Hochzeitsmorgen war ich in derartiger Aufregung, daß 

ich ein Hemd im Moment, als ich es anzog, total verschwitzt hatte Auf- 
regend wirkte nur der Gedanke, daß ich heute dieses Unbekannte, so Ersehnte 
endlich erleben werde. Ich hatte die infantile Vorstellung, daß der Mann 
der Frau in die Scheide uriniere. Womit ich mich auch marterte, war der Ge- 
danke, wie man das verhüten kann, daß ich nicht vielleicht 8 Kinder bekomme, 
diese Anzahl stand mir als Schreckgespenst vor Augen. Während der Trauung 
konnte ich mich vor Aufregung kaum aufrecht halten. Meine Eltern waren 
sehr traurig. Beim Essen, als eine Rede auf das Brautpaar gehalten wurde, 
warf sich mein Vater schluchzend in die Arme seines Onkels. Bei diesem An- 
blick, meinen beherrschten Vater' in solcher Verfassung zu sehen, war mir 
weh zu Mute und ich hatte Mühe, den traurigen Eindruck zu verwischen. leb 
atmete auf, als ich endlich mit meinem Manne in der Bahn saß; die Trennung 
von den Eltern war mir nicht schwer gefallen. Komischerweise sprachen wir 
zuerst ganz gleichgültige Dinge und sagten uns kein liebes Wort, offenbar 
waren wir beide sehr befangen. Meine Aufregung war schon aufs höchste ge- 
stiegen, als wir abends an unserem Ziel ankamen. Auf dem Zimmer ange- 
langt, war es für mich schon eine kleine Enttäuschung, daß mein Mann mich 
fragte, ob er sich entfernen solle. Ich bat darum, da ich mich ja tatsächlich 
vor ihm schämte. In meiner Phantasie hat nämlich die Entkleidungsszene 
eine große Rolle gespielt. Er kam dann, als ich schon im Bette lag, und war 
sehr verlegen; wie er mir später einmal gestand, hatte ihn mein Anblick so 
befangen gemacht. Ich war die Verkörperung von erwartungsvoller strahlender 
Jugend. Kaum ausgezogen, löschte er sofort aus, und ich harrte nun ängstlich 
der Dinge, die da kommen sollten. Er küßte mich ganz flüchtig, und versuchte 



Lebenslicichteu. •)\)~ 

gleich zu mir zu kommen, mir wurde ganz bange zu Mute, ich weinte und 
hat ihn, mich doch in Ruhe zu lassen, wünschte mich viele Meilen fort. Mich 
berührte es entsetzlich, daß er gar nicht zärtlich mit mir war, sondern gleich 
mich nehmen wollte. Ich fand es brutal und machte ihm oft später deshalb 
Vorwürfe; bei ihm war es allerdings nicht Roheit, nur große Ungeschicklich- 
keit und Mangel an Zartgefühl. Wie oft sagte ich später nicht scherzweise: 
„Wenn ich noch einmal heiraten sollte, werde ich es bestimmt anders machen." 
Seine sämtlichen Versuche, einen Verkehr auszuführen, mißlangen in dieser 
Nacht; ich war zuerst furchtbar unglücklich, schämte mich und in meiner 
Dummheit meinte ich, ich sei schuld daran, wäre schlecht gebaut. Nun be- 
ruhigte er mich darüber und erklärte mir, das käme sehr oft anfangs bei 
jungen Eheleuten vor. Mein erster Gedanke war: wenn das so ist, wozu hast 
du geheiratet, das beste ist, du gehst zu den Eltern zurück. Schließlich fand 
ich mich damit ab und mir genügten seine Küsse. Aber daß er auf eine andere 
Weise versucht hätte, mich zum Genuß zu bringen, das verstand er nicht. Ich 
war nun die folgenden Tage auch ganz glücklich, obwohl er auch ferner nichts 
machen konnte. Ich blühte sogar auf, mir genügten eben anfangs schon allein 
die Atmosphäre und die Zärtlichkeit eines Mannes. Ich schrieb meinen Eltern 
glückliche Briefe. Was mich sehr froh machte, war der Umstand, daß er 
auch eigentlich mehr als Kind behandelte, er kam sich so viel älter vor und 
ich war ja unglaublich naiv, er nannte mich Baby, und das war mir sehr recht. 
Nach 10 Tagen gelang es ihm endlich, mich zu deflorieren, der Koitus dauerte 
ein paar Sekunden und ich empfand außer einem leisen Schmerz gar nichts. 
Meine Enttäuschung war groß, aber er beruhigte mich, die Empfindung werde 
später kommen. Das war meine Brautnacht; nichts als der kurze Verkehr, 
von dem ich ja gar keinen Genuß hatte. Mein Mann mußte die Hochzeitsreise 
Geschäfte halber unterbrechen und brachte mich zu den Eltern, die auf dem 
Land waren. Dort fühlte ich mich nicht sehr behaglich, weil ich in großer 
Erregung und vom Manne nicht befriedigt war, jetzt auch seine Anwesenheit 
entbehrte. Ich schämte mich vor meinen Eltern, konnte den Gedanken nicht 
vertragen, daß sie sich Vorstellungen über das machten, was zwischen mir 
und meinem Mann vorgehe, ich vertrug nicht einmal, daß sie gesehen hätten, 
wenn wir uns küßten, so unglaublich schamhaft war ich. 

Es war mir auch unter all den Bekannten nicht wohl, fühlte mich 
nicht mehr am Platze und glaubte immer, sie wären neugierig. Weil ich 
keine anderen Gedanken im Kopfe hatte und mich auch jetzt noch die Sexua- 
lität eines jeden Mensehen interessierte, übertrug ich das auch auf die andern. 
Zu meiner Mutter war ich in dieser Zeit sehr unausstehlich und ich ließ sie 
meine schlechte Laune fühlen, dem Vater gegenüber nahm ich mich zusammen, 
es fehlte auch der Affekt, der mich der Mutter gegenüber so gereizt 6ein ließ. 
Mein Mann kam mich dann holen und blieb mit mir noch einige Tage, wir 
wohnten nicht bei den Eltern, was ich schon vorher abgelehnt hatte, mit dem 
Hinweis auf Platzmangel. (Der Grund war aber nur mein Schamgefühl.) Beim 
Verkehr empfand ich schon etwas mehr, aber es war so etwas mühsam Zu- 
standegekommenes, mein Mann plagte sich noch immer, bis er den Koitus aus- 
führen konnte. Ich reiste dann mit ihm in meine neue Heimat ab. Vorher hatte 
ich noch eine Aussprache mit meiner Mutter, die mir mein häßliches Benehmen 
vorhielt. Ich bat sie um Verzeihung, schon unterwegs machte ich mir furcht- 
bare Vorwürfe über die Kränkung, die ich ihr zugefügt hatte, und ich ver- 
gällte mir damit einige Wochen meiner jungen Ehe. Ich schrieb ihr, kaum 
angekommen, einen reuigen Brief. Sie hat mir wohl verziehen, aber die Ver- 



"W 



298 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



Schummerung ihres Zustandes schob sie hauptsächlich auf die Kränkung, die 
ich ihr zugefügt. In Prag konnten wir unsere Wohnung nicht gleich beziehen 
und meine Schwiegereltern machten den Vorschlag, wir sollten einstweilen in 
•der Junggesellenwohnung des Schwagers absteigen, der verreist war. Ich 
sträubte mich zuerst sehr dagegen und war böse, daß mein Mann darauf ein- 
gegangen war. Ich fürchtete, der Schwager würde sich darüber aufhalten, daß 
wir ohne seine Erlaubnis bei ihm eindrangen. Der erste Gedanke in der 
Wohnung war : was hat sich hier schon alles zugetragen? Dann dachte ich mir, 
was für ein Gefühl wohl mein Schwager haben werde, wenn er hören werde, 
daß ich in seinem Bette geschlafen. Damals hatte ich zum ersten Male einen 
Orgasmus und war sehr glücklich; diesem Gefühl lief ich während der ganzen 
Zeit meiner Ehe nach, immer hoffte ich : wird es wieder so werden wie damals? 
Vielleicht war auch mein Mann potenter, er hing mit großer Liebe an seinem 
Bruder und bewunderte ihn sehr. Wahrscheinlich trug der Gedanke an seinen 
Bruder zu seiner Potenz bei. Ob mir der Gedanke an den ärztlichen Schwager 
ein stärkeres Gefühl verschaffte, weiß ich nicht, ich glaube überhaupt, die 
Junggesellenwohnung übte einen eigentümlichen Reiz auf mich aus. Mein Mann 
verkehrte in den ersten Wochen täglich mit mir, wir waren inzwischen in 
unsere Wohnung eingezogen. Ich hatte immer etwas Orgasmus, war aber 
. nicht befriedigt, weil es zu kurz war und ich durch das eine Mal erst in Er- 
regung kam. Ich weinte öfters vor Erregung, aber mein Mann konnte nie ein 
zweites Mal zu mir kommen, erklärte mir auch, daß man nie ein zweites Mal 
verkehre,, es sei gesundheitsschädlich. Was blieb mir anderes übrig, ich 
onanierte, es ging mir aber genau so wie in meiner Mädchenzeit, ich konnte 
zu keinem Orgasmus gelangen, war auch mit der Phantasie, die ich dabei 
zu Hilfe nehmen mußte, in Konflikt, weil ich mich schämte, mit meiner alten 
Vorstellung vom Irrigator zu onanieren. Wie ich schließlich dann aus diesem 
Konflikt herauskam, kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Ein paar 
Wochen nach meiner Verheiratung hekam eine meiner Schwägerinnen das 
erste Kind. Wir besuchten sie und die Mutter erzählte, wie schwer die Geburt 
der Tochter gewesen sei. Ich versetzte mich nun so in ihre Lage, daß ich sehr 
aufgeregt wurde. Ich dachte mir, es müsse ein herrliches Gefühl sein zu leiden, 
wenn man den Mann besorgt wisse. Ich wollte zuerst gar nicht in das Zimmer 
zu meiner Schwägerin und weinte fast, als man mich wegen meines Sträubens 
auslachte. Ich weiß nur, daß' ich ein ungeheures Schamgefühl empfand. Auch 
später versetzten mich schwangere Frauen immer iri Erregung, natürlich mag 
wohl immer der Gedanke an verschiedene erotische Szenen mitgespielt haben. 
Verhältnismäßig sehr schnell lebte ich mich in die neuen Verhältnisse 
ein. Ich hatte große Freude mit meinem neuen Heim und verstand meine 
Sache als Hausfrau ganz gut. Meine Schwiegereltern sowie auch die anderen 
Verwandten kamen mir ganz besonders lieb entgegen, ich freute mich sehr 
darüber, aber herzlich war ich eigentlich nie zu ihnen. Ich machte mich als 
junge Hausfrau ganz selbständig und fragte nicht einmal meine Schwieger- 
mutter um Rat, nur um in kein Abhängigkeitsverhältnis zu ihr zu kommen, 
was sie als anerkannt tüchtige Hausfrau sehr kränkte. Lieber wandte ich mich 
an eine Schwägerin, die wegen ihrer Heirat in einem etwas kühleren Ver- 
hältnis zu ihrer Familie stand. Wenn ich es verstanden hätte, die Liebe 
meines Schwiegervaters auszunützen, so hätte er mich vergöttert. Aber es 
lag so gar nicht in meiner Natur zu schmeicheln, nur ein Wort zu sagen, das 
ich nicht wirklich gefühlt habe. Ebenso erging es mir mit Geschenken; ich 
ließ mich furchtbar ungern beschenken, ich fühlte mich dann verpflichtet und 



Lebeusbcichtcu. J'.i'.i 

das konnte ich nur, wenn ich jemandem Liebe geben konnte, aus dem Grunde 
wäre es mir nie eingefallen, um dies oder jenes meine Schwiegermutter zu 
bitten, Avie es mir mein Mann oft sagte. 

Dank war für mich überhaupt seit jeher etwas Gräßliches, deshalb 
fürchtete ich mich vor den Festen, wo man beschenkt wird, wie mir Feste 
überhaupt unangenehm waren, ich meine darunter das Gefeiertwerden. Eben- 
sowenig konnte ich das Abholen vom Bahnhof ertragen, weil ich es als eine 
Schaustellung der Gefühle betrachtete. Mein Vater hatte dieselbe Gewohnheit; 
wenn er von der Reise kam, verschwand er gewöhnlich sofort, um sich uns 
erst nach einiger Zeit zu zeigen. Ich war ein so schönes Familienleben, wie 
es in der neuen Familie herrschte, gar nicht gewöhnt. Die Menschen waren 
sehr einfach und leicht zu behandeln, das war mir etwas ganz Ungewohntes. 
Es gab keine Überraschungen und Aufregungen. Anfangs fühlte ich mich 
nach der Hochspannung, die im Elternhaus geherrscht hatte, sehr wohl. 

Ich war froh, entronnen zu sein, wenn ich aus den Briefen erfuhr, daß 
die Verhältnisse seit meinem Weggang noch ärger geworden waren. Ich war 
sehr sparsam, weil ich wußte, daß mein Mann erst das Geld verdienen müsse, 
wovon wir lebten, und der Gedanke, daß er sich deshalb plagen müsse, war 
mir unerträglich. 

Wenn meine Eltern abwechselnd zu Besuch kamen, freute ich mich un- 
sagbar darüber; besonders glücklich war ich über den Besuch des Vaters. 
Er war nämlich so ganz anders, als ich ihn kannte, heiter, zärtlich und auf- 
merksam. Ich empfand plötzlich ein so zärtliches Gefühl für ihn, wie ich 
es nie gekannt hatte. Ich hielt mich für so glücklich, daß er mir leid tat, weil 
er es nicht war. Vorläufig war ich es. Ich hatte ja keine Angst mehr vor 
meiner Leidenschaft, kam mir in der Ehe geborgen vor. Der Mann war gut' 
zu mir und ich hatte einen Menschen, der sich nur mit mir abgab. Ich konnte 
nun für jemanden sorgen und ihm Gutes erweisen, 60 wie ich es mir ge- 
wünscht hatte. 

Einmal, als ich Vaters Wäsche auspackte und ein zerrissenes Hemd sah, 
überkam mich ein so wehes Gefühl, daß ich in Tränen ausbrach, ich konnte 
meine Mutter nicht verstehen, daß sie meinen Vater vernachlässige und gar 
als er eine Bemerkung wegen der Wäsche machte, war es mir für ihn pein- 
lich. Ich verglich, wie gut es eigentlich mein Mann habe, weil ich ihn so gut 
versorgte, und kränkte mich, daß mein Vater sich nichts gönne und nur alles 
seinen Kindern zukommen lasse. Seiner Sparsamkeit verdankte ich meine Mit- 
gift, die mir die Heirat ermöglicht hatte. Die Besuche aus Linz waren Feste, 
mein Vater dachte sich immer besondere Leckerbissen aus, die er mir mit- 
brachte. Mit meinem Mann standen die Eltern sehr gut, es gab ja keinen Grund 
zu Unzufriedenheiten. Beide fühlten sich bei mir sehr wohl, sie waren aus 
ihrer Misere für einige Zeit herausgerissen. Ich fuhr öfters nach Linz zu ihnen 
und jetzt, wo ich nur auf Besuch kam, gefiel es mir sehr gut, auch das Eltern- 
haus machte auf mich einen andern Eindruck. Ich war Gast und wurde sehr 
verwöhnt, mein Selbstbewußtsein war seit meiner Heirat ein gehobeneres, ich 
war nicht mehr so gedrückt. Alles ging in meiner Ehe ganz gut, bis nach 
einem Jahr mein Bub auf die Welt kam. Da begannen die ersten Zwistigkeiten. 
Ich war sehr nervös. Wegen eines Arztes gab es Meinungsverschiedenheiten; 
mein Mann wurde von seinem Bruder gehetzt und fand, daß meine Mutter mich 
aufrege, und dergleichen. Damals überkam mich plötzlich ein Gefühl der 
■Traurigkeit und ich dachte mir, jetzt hast du ein Kind und bist nicht glücklich. 
Schon bei der Geburt hatte ich mich von meinem Mann isoliert, ich war ganz 



300 



Die Geschlechtskulte der Frau. 



allein, denn meine Mutter kam erst später und ihn ließ ich unter keiner Be- 
dingung ins Zimmer, bis nicht alles vorüber war. Ich hatte ihm sogar Komödie 
vorgespielt und er ging ganz ruhig schlafen. Ich konnte nämlich nicht ver- 
tragen, daß jemand Nahestehender bei mir war, wenn ich Schmerzen hatte, 
ich mußte meinen Schmerzgefühlen freien Lauf lassen können. Es ist Rück- 
sicht für den andern und Schamhaftigkeit. Ich glaube, nach der Geburt spürte 
ich ein schwaches Haßgefühl ihm gegenüber, weil er so gar nicht verstand, 
was ich gelitten. Es war mehr ein Gefühl des Fremdseins. Ich nährte den 
Buben, aber ohne Freude daran zu haben, denn er gedieh gar nicht und wir 
kamen beide immer mehr herunter. Es war für mich etwas Sexuelles, ich 
empfand beim Nähren ein Schamgefühl. Das Kind war sehr schlimm, schlief 
im Schlafzimmer und ich schlief monatelang nicht, weil er gerade während der 
Nacht Spektakel machte, ununterbrochen das Bett näßte. Ich nahm ihn leider 
zu mir ins Bett, um wenigstens etwas Ruhe zu haben, aber da war es auch 
nicht besser, nur wenigstens mußte ich nicht immer nachsehen gehen. Abge- 
sehen von der Schlafstörung, war es für mich ein herrliches Gefühl, den 
warmen, kleinen Körper an mich geschmiegt zu fühlen, denn gewöhnlich blieb 
er nicht dort liegen, wo ich ihn hingelegt, und er kam zu mir gekrabbelt. Ich 
genoß, wenn ich die kleinen Kinderhände mich berühren fühlte. Ich hatte erst 
bessere Zeiten, als das Kind ein Kindermädchen bekam und aus dem Schlaf- 
zimmer entfernt wurde, auch er schlief dann besser. Ich war sicher nicht 
dümmer als viele andere Mütter, instinktiv vermied ich ja Verschiedenes, aber 
bei mir konnte ich sehen, was für schwere Schädigungen durch Eltern Kindern 
zugefügt werden können. Mein kleiner Bub war ein sehr aufgeregtes Kind, das 
viel knaufte und nicht schlafen konnte, erst später hat sich diese Nervosität 
bei ihm gelegt. Schuld war wohl das Schlafen im Schlafzimmer und daß ich 
ihn zu mir ins Bett nahm. Er hatte eine entsetzliche Gewohnheit, pflegte sich 
sehr oft im Bett zu beschmutzen und dann sich und alles, was in der Nähe 
war, zu beschmieren, so daß man nicht wußte, wo man anpacken sollte. Diese 
Unart zeigte sich bei ihm auch noch hie und da, als er schon über ein Jahr 
war. Meine ganze Liebe strömte ganz zum Buben und ich entzog sie 
meinem Manne, mir war der Bub plötzlich mehr, was ich nie für möglieh 
gehalten, denn ich sagte ihm früher immer, ich könne nicht begreifen, wie 
man ein Kind mehr lieben könne als einen Mann. Dazu kamen nun auch Störun- 
gen in unserem Eheleben, wir gebrauchten Präventivmittel und das vertrug 
ich nicht. Ich empfand Ekel und hatte gar kein Gefühl, wenn er ein Kondom 
benützte, keimtötende Tabletten vertrug ich auch nicht, da bekam ich Brech- 
reiz ; potenter war der Mann doch auch nicht geworden, ich weiß, ich fürchtete 
mich immer, er hört auf, bevor es mir noch gekommen, so war es nämlich sehr 
häufig. Die traurigen Aussichten deprimierten mich furchtbar. Ich fühlte mich 
auch immer mehr in meiner Bewegungsfreiheit gehemmt, ich konnte nicht 
mehr so häufig zu meinen Eltern fahren, seit ich das Kind hatte, und die 
Reisen dorthin waren mir ein Lichtblick, denn es zog mich jetzt, seit ich selbst 
Mutter war, viel mehr zu ihnen, ich genoß an ihrer Freude mit dem Enkel, 
fand, daß ich ihnen eigentlich durch meine Heirat viel entzogen hatte, und 
fing an, Pläne für eine Übersiedlung zu machen. Meine Mutter sprach viel 
davon, wie sich durch meine Anwesenheit die Familienverhältnisse bessern 
würden, da ich doch immer der vermittelnde Teil im' Hause war. Sie klagte 
mir, daß ich ihr so abginge, meine Schwester war inzwischen auch aus dem 
Hause gegangen. Die Besuche im Elternhaus waren mir auch eine geistige 
Anregung; ich kam in Prag fast gar nicht aus meinem Heim heraus, viel aus 



Lcbeusbcicktcn. ;5()l 

Zeitmangel, teilweise aus Unlust. Ich hatte gar keinen Verkehr; wir hatten 
wohl im Anfang einige Besuche gemacht, aber die Leute gefielen mir nicht 
und dann — ich gestehe es — ich ging nicht gerne mit meinem Mann, ich 
schämte mich seiner, sogar komischerweise vor seinen Bekannten. Ich meinte, 
die Leute müßten eigentlich glauben, ich sei so wie er, wenn ich ihn geheiratet 
habe. Als Mädchen hatte mir das Theatergehen große Freude verursacht, das 
hatte ich jetzt auch nicht, weil ich die Sprache nicht genug beherrschte. Von 
der Familie meines Mannes kam mir keine Anregung, denn obwohl die jungen 
Leute sehr intelligent waren, so hatten auch sie keinen Verkehr und waren 
am liebsten zu Hause. Ich sträubte mich oft, zu meinen Schwiegereltern zu 
gehen, und es entstand eine Spannung zwischen mir und seinen Leuten. Mich 
erbitterte ihre absolute Bedürfnislosigkeit und Anspruchslosigkeit, ihre über- 
triebene Sparsamkeit konnte ich schon gar nicht verstehen, weil 6ie reiche 
Leute waren. Ich war gewiß sehr bescheiden erzogen, aber bei diesen Leuten 
war ich noch anspruchsvoll. 

Ich sehnte mich nach Hause, die Zufriedenheit der Familie vertrug ich 
mit Unrecht nicht, das war ja die Krankheit meiner Familie, daß ihr die 
Zufriedenheit fehlte, aber ich war gewöhnt, daß man alles kritisiere, und 
meinem Mann war alles recht. Mit einem Wort, alles, was mich im Anfang 
angezogen, stieß mich ab. Ich umgab mich mit einem Panzer von Unnahbar- 
keit, so daß seine Verwandten mir ein unglaubliches Phlegma andichteten. 
Allerdings wurde ich später, wenn man an einem wunden Punkte rührte, eo 
erregt, daß ich nur schwer sprechen konnte. Wie ich heute über die damaligen 
Verhältnisse urteile, war ich nur insoferne schuld, als ich mich so ganz gehen 
ließ und mich gar nicht ein bißchen bemühte, den Leuten entgegenzukommen, 
und meinen Mann viel wegen seiner Familie sekkierte. Ich habe aber gar nicht 
zu ihnen gepaßt und weil ich so ganz auf sie angewiesen war, verschlechterte 
sich das Verhältnis. In meinem Fall haben die gegenseitigen Familienverhält- 
nisse dazu beigetragen, eine Ehe zu stören, natürlich waren die Verschieden- 
heiten unserer Wesen die Hauptursache. Meine Ehe wurde nicht plötzlich un- 
glücklich, das kam im Laufe der Zeit. Es fing eigentlich mit der Sehnsucht 
nach meinen Eltern an, ich bedauerte sie und zerbrach mir den Kopf, wie ich 
6ie nur glücklich machen könne, kam mir egoistisch in meinem Glück vor. 
Ich hatte vorher gar nicht gewußt, daß ich mit solcher Liebe an meinen Eltern 
hänge. Ich neidete meinen Schwiegereltern das ruhige Leben, wenn ich dabei 
an meine Eltern dachte. Meine Eltern machten den Fehler, den so viele Eltern 
begehen: sie werden der verheirateten Tochter gegenüber furchtbar zärtlich 
und verwöhnen sie. Dadurch schaden sie dem Manne ungemein, denn er kann 
damit nicht Schritt halten und die Frau findet plötzlich, die Liebe eines Mannes 
sei viel egoistischer. Meine Mutter beging den großen Fehler, mich an allen 
Sorgen und Zerwürfnissen teilnehmen zu lassen; ihre Briefe versetzten mich 
oft in hochgradige Erregung, weil ich schon allein durch die Entfernung 
eigentlich ganz machtlos war zu helfen. Mein Mann war mit Rechi unge- 
halten über diese Briefe. Ich konnte abends oft nicht einschlafen und schüttete 
ihm mein Herz aus. Natürlich war ich böse, wenn er es wagte, etwas über 
meine Mutter zu sagen. Das kam alles erst später. 

Mein Mann war entsetzlich eifersüchtig, natürlich grundlos, denn ich 
kam mit niemandem zusammen. Selbst auf seinen geliebten Bruder war er 
es anfangs und hätte mich nicht von ihm nach Hause begleiten lassen, wenn 
er verreist war; ich durfte nicht einmal mit einem meiner Ku6ins ausgehen. 
Ich kam mir wie eine Gefangene in einem Käfig vor. Seinem Bruder gab ich 



302 Die Geschlechtskältc der Frau. 

oft die Schuld an Zwistigkeiten in unserer Ehe, gewiß war es ohne seine Ab- 
sicht. Das Unglück war, daß mein Mann alles mit seiner Familie besprach und 
besonders den Rat des Bruders, der Arzt war, einholte; ich fühlte mich da- 
durch bevormundet. Das rief meinen Trotz hervor, so daß ich es dann 
justament anders wollte. Ich verübelte es meinem Schwager sehr, daß er mir 
nicht etwas den Hof machte, weil er mir ganz gut gefiel; deshalb war ich so 
gereizt gegen ihn. Meine Eitelkeit vertrug es nicht, wenn ich sah, daß ich 
auf einen Mann keinen Eindruck machte, mit dem ich oft in Berührung kam. 
Ich hatte ihm wohl ganz gut gefallen, denn er machte einmal die Bemerkung^ 
daß er mich beinahe geheiratet hätte. Es verstimmte meinen Stolz, das mein 
Mann. hinter seinen Geschwistern an Begabung und auch was seine Stellung 
anbetraf, zurückstand. Seine beste Eigenschaft war nur die Güte, auch war 
er verträglich und wich mir in späteren Jahren aus, als ich immer Streit suchte; 
hingegen war er sehr eigensinnig, weil er eben beschränkt war. Es war mir 
peinlich, wenn er leicht zu schreien anfing, sobald er sich über etwas erregte; 
allerdings wagte er es nie mir gegenüber. 

Ich war nach kurzer Zeit wieder in andere Umstände gekommen und 
war furchtbar unglücklich über die neue Schwangerschaft, weil ich mich noch 
nicht vom ersten Kind erholt hatte. Mein Unglück begann erst beim zweiten 
Kind. Auffallend war bei mir, daß ich während der Schwangerschaft immer 
schöner wurde, so daß mein Mann die Bemerkung machte, ich sollte eigentlich 
immer in anderen Umständen sein. Bis zum letzten Monat war ich wegen 
des zu erwartenden Kindes unglücklich. 

Ich bin ein solcher Sexualmensch, daß sogar die Geburt einen sexuellen 
Akt für mich bedeutet. Beim zweiten Kind entband ich auch im Sanatorium 
und machte es wie beim ersten, daß ich den Mann nur weg haben wollte. Ich 
hatte eine sehr schöne „Madame". Sie badete mich und gab mir eine Irriga- 
tion; mehr brauchte ich nicht, ich war in hochgradiger sexueller Erregung, 
hatte Schüttelfröste. Den Arzt, der gerufen wurde, wollte ich überhaupt nicht 
loslassen. Merkwürdigerweise hoffte ich, daß man meinen Schwager, der in 
diesem Sanatorium Chirurg war, verständigen werde und er mich während 
der Geburt aufsuchen werde; nur von meinem Manne wollte ich nichts wissen; 
ich war erst ruhig, als er aus dem Hause weg war, weil es ihm zu lange 
dauerte. Mein Frauenarzt war ein junger Mensch, der mir sehr gut gefiel, und 
als die Geburt vorüber war, hatte ich ein unwiderstehliches Verlangen, ihn 
zu küssen, aber bestimmt nicht nur aus dem Gefühl der Dankbarkeit. Denn 
ich betonto ja ausdrücklich, daß die Geburt sexuell erregend auf mich wirkte 
und ich wahrscheinlich trotz der Schmerzen genoß. Mich hatte das heiße Bad 
(und noch dazu wusch mich ja die Madame) so in Aufregung gebracht, daß 
ich einen Moment sogar vergessen hatte, was mir bevorstand. Damals kam 
überhaupt meino homosexuelle Einstellung zum Durchbruch und die Phantasie 
mit dem Irrigator erhielt neue Nahrung. Bei der Geburt kamen wohl auch 
meine masochistischen Phantasien hervor, da war ich einem Arzt ausge- 
liefert. Mein Ideal! Nun hatte ich Mann und Arzt in einer Person vereint. 
Während des Wochenbettes verliebte ich mich in meine Pflegeschwester und 
obwohl ich mich immer vor einer Irrigation fürchtete, hatte ich dabei Genuß, 
was ich mir damals zwar nicht eingestand, denn mir war nur die Angst davor 
bewußt und daß ich mich furchtbar vor ihr schämte. Während der Pflege 
hatte ich immer ein gemischtes Gefühl von Scham und Wohlgefühl. 

Mein zweites Kind verursachte mir noch mehr Sorgen als der Bub, weil 
es sehr schwach war. Ich nährte es aber nur ganz kurze Zeit und überließ es 



LebeuSbcicbtcn. 



303 

dann einer Amme. Von diesem Zeitpunkt an gab ich mich keinen Moment der 
Illusion mehr hin, ich wäre eine glückliche Frau. Ich gestand auch meiner 
Mutter, daß ich unbefriedigt sei. Das war doch das Leiden meiner Mutter 
gewesen und ich fand volles Verständnis dafür. Ich erfuhr nun die Leiden ihrer 
eigenen Ehe, was für mich nicht von Vorteil war; ich hatte um- mehr eine 
Angst, mir werde es genau so ergehen. Mit dem Verkehr wurde es immer 
schlechter. Ich kam selten zu einem Orgasmus, er war immer früher fertig und 
ängstlich verfolgte ich jeden Stoß. („Wie lange wird es noch dauern?'") Wenn 
er zum Genüsse gekommen und ich mit meiner Aufregung zurückgeblieben war 
haßte ich ihn, sagte ihm oft, mir wäre lieber, er würde mich schlagen, ich wolle 
sogar Schmerzen erdulden, nur um irgend ein Gefühl zu haben. Manchmal 
stellte ich mir beim Koitus meinen Kusin vor, auch den Arzt, der mich ent- 
bunden. 

Aber offenbar kam ich auch damit zu keinem richtigen Orgasmus, denn 
sonst wäre ich ja befriedigt gewesen. Mein Mann versuchte, wahrscheinlich auf 
Anraten des Arztes, dem ich mein Leid geklagt, mich mit dem Finger zu reizen 
Er machte es aber so ungeschickt, er steckte einfach den Finger in die Scheide 
ich fühlte, daß mich das sehr errege, aber gleicherzeit hatte ich ein Scham- 
gefühl, ich fand es auch unnatürlich und so kam ich zu keinem Genuß. Durch 
die Manipulation mit dem Finger war ich aufgeregt und die Befriedigung, 
wenn er nachher zu mir kam, blieb nun aus und er hätte mir dann wenigstens 
mit dem Finger nachhelfen sollen, das verstand er aber nicht. Er hat die ganzen 
Jahre meiner Ehe nie irgend eine Stelle meines Körpers liebkost; wie er mir 
einmal zu verstehen gab, traute er sich nicht, bei mir irgend etwas' zu machen ; 
woher diese Scheu kam, weiß ich nicht. Er hat mich auch nie nackt gesehen', 
da wir immer die Nachthemden'anbehielten und er fast immer nur im Finstern 
den Koitus ausübte. 

Ich onanierte sehr viel, und zwar mit einer ganz anderen Phantasie. Ich 
stellte mir immer vor: ich bin in einem Spital und dort kündigt man mir an, ich 
werde eine Irrigation bekommen. Ich weine und schreie, schäme mich entsetz- 
lieh, aber es nützt nichts, ich werde gehalten oder gebunden. Nun variierte 
das, entweder stellte ich mir vor, daß mich junge Mediziner halten, oder ich 
wurde einfach gebunden und der Arzt gab mir eine Irrigation. Gewöhnlich 
aber war es eine Krankenschwester, die mich hielt und zu gleicher Zeit, wäh- 
rend mich der Arzt irrigierte, machte sie mir vorne eine Ausspülung, mit einem 
Worte, ich wurde gemartert, hatte Schmerzen und mir wurde Gewalt angetan. 

Es war eine Erinnerung an die Kinderzeit, denn ich stellte mir sogar vor. 
daß man mich nachher verhindere, sofort den Stuhl abzusetzen, so wie es bei 
kleinen Kindern oft gemacht wird, daß man das Wasser nicht gleich heraus- 
läßt und den Finger auf die Afteröffnung drückt; auch das Einfetten des 
Rohres spielte eine große Rolle; die Phantasie war so ausgearbeitet, daß ich 
keine Details dabei außer acht ließ. Meistens machte ich es auch noch so, daß 
andere Kranke im Zimmer waren und das regte mich sehr auf; oder ich sah 
zuerst, wie es anderen gemacht wurde, und erlebte es also doppelt. Wie man 
sieht, spielte der Pluralismus bei mir eine große Rolle. Vielleicht mag das 
dahergekommen sein, daß wir als kleine Kinder oft alle krank waren und oll 
alle nacheinander Irrigationen bekamen. Das Infantile hatte sich mit den Vor- 
gängen während des Wochenbettes zu einer Einheit verschmolzen. Den größten 
Genuß beim Onanieren hatte ich durch meine Phantasie, kann aber heute 
nicht aussagen, ob nicht auch dabei der Orgasmus ausgeblieben ist und ich viel- 
leicht nur öfters naß wurde. Die Personen, die ich mir dabei vorstellte, waren 



304 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



ganz willkürliche, das Äußere von ihnen spielte da gar keine Rolle, die Haupt- 
sache war das Geschlecht. Manchmal war es die Person meines Frauenarztes 
aus dem Sanatorium, später auch manchmal ein anderer behandelnder Arzt 
bogar meinen Schwager stellte ich mir vor, aber ich schämte mich ihn mit 
dieser Phantasie zu verknüpfen, und gab es auf, an ihn dabei zu denken (Ver- 
drängung). Ich glaube, ich phantasierte auch einige Male, ich wäre krank, und 
mein Mann müsse mir eine Irrigation geben. Mein vergewaltigtes Schamgefühl 
spielte bei der Onaniephantasie eine große Rolle. Mit diesen Irrigatorphanta- 
sien ging das so weit, daß ich oft in dieser Situation auch andere sah wie z B 
eine Schwägerin, die ich nicht gern hatte. Heute kann ich auch 'verstehen 
warum ich meinem Buben, als er klein war, nie eine Irrigation geben wollte' 
Das war für mich eine Strafe und ich hätte ich weiß nicht was getan, um es 
zu vermeiden. Ich war damals 3 Jahre verheiratet und da wurde ich erst durch 
ein Buch von Ford aufgeklärt, daß ich Onanie betrieb. Ich weiß nun nicht mehr 
S ru % 1 ' ,gond welchen Eindruck auf mich machte oder mich damals beein- 
flußte. Wenn ich mir beim Onanieren nur Männer vorstellte, was sehr selten 
der l all war, dann war es nie der Verkehr, der mir vorschwebte, nur immer 
Liebkosungen und Zärtlichkeiten. 

Ich hing mit großer Liebe an meinem Buben, sah den kleinen Mann in 
ihm und ergötzte mich an seinem Temperament. Ich sah, er war mein Kind 
und hatte nicht das Fischblut seines Vaters geerbt. Das Kind trieb es furchtbar 
mit mir und wich nicht von meiner Seite. Es kostete mich Mühe, ihn von mir 
mehr fern zu halten, da er ja anfangs zu niemandem gehen wollte. Wenn er 
mich im Bette sah, kroch er sofort zu mir herauf, er war damals 2 Jahre alt. 
und versuchte, sich auf mich zu legen. Dabei fuhr er mir mit den Händchen 
über den Busen, wollte auch mit dem Finger hinunterfahren, was mir Lust ver- 
ursachte, und es kostete mich Überwindung, das Kind fortzuschicken. Ich hatte 
oft gegen die Versuchung, mit seinem Glied zu spielen, anzukämpfen. Er war 
jedesmal ganz wild, wenn er von mir heruntergehen mußte, denn auch ihm 
dürfte das Spiel großes Vergnügen bereitet haben. (Zu einem „Spiel" kam es 
ja eigentlich nie, es war nur der Anfang.) 

Die sexuellen Störungen hätten vielleicht nicht so deprimierend auf mich 
gewirkt, wenn ich nicht auch sonst eine entsetzliche Leere gefühlt hätte. Ich 
sah mit Schrecken, daß es zwischen mir und meinem Manne kein geistiges 
Band gab, wir hatten auch sonst gar keine gemeinsamen Interessen, um seinen 
Beruf kümmerte ich mich gar nicht. Ich hätte einen Mann gebraucht, der mir 
Führer und Erzieher gewesen wäre und mich meinem Traumleben entrissen 
hätte, so aber versumpfte ich immer mehr. Ich konnte nicht einmal über ein 
gemeinsam gelesenes Buch sprechen, denn er hatte während der ganzen Ehe 
außer der Zeitung nie etwas Gedrucktes in die Hand genommen. Ich sah mit 
Schrecken, daß ich mit einem fremden Manne lebte, von dem mich eine große 
Scheidewand trennte. Zu meiner Seele hat er nie den Zugang gefunden Ich 
muß aber auch sagen, daß ich mich nie bemühte, sein Seelenleben zu erforschen, 
es interessierte mich nicht, wahrscheinlich deshalb, weil ich ihn nicht liebte! 
Ich fühlte schon im 2. Jahr meiner Ehe, daß ich eigentlich keine richtige Liebe 
empfand. Ich umgab mich aber mit einem Wall von Pflichten, weil ich ja noch 
nicht sehen wollte. Ich bildete mir ein, übeYhaupt keine seelische Liebe zu 
einem Mann empfinden zu können, und ich wäre verurteilt, ohne Liebe durchs 
Loben zu gehen. Glaubte, daß es bei mir nur sexuelle Bande gebe. Über meine 
große Sinnlichkeit war ich unglücklich, schämte mich ihrer als eines Fehlers. 
Das Leben erschien mir Grau in Grau, spielerisch erwog ich auch den Ge- 



Lebensbcichten. ;-J05 

danken einer Scheidung, als das. zweite Kind schon da war. .Merkwürdigerweise 
noch als ganz junge Frau, wenn ich zu Besuch in Linz weilte, wollte ich ihm 
nie schreiben, ich tat es nur aus Pflicht. Ihm aber fiel auf, daß ich nach jeder 
Trennung fremd zu ihm war. Es war ein solches Gefühl, daß ich mich schämte, 
vor ihm die Bluse auezuziehen. Ein paar Tage nur der Trennung und es ent- 
stand so ein Gefühl. Unser Band" war also die Gewohnheit. Ich wußte, ich 
gefiel dem Mann, aber ich bemühte mich nie, nach seinem Geschmack gekleidet, 
zu gehen, er durfte sogar nie seine Meinung äußern, weil ich einfach erklärte, 
er verstehe davon nichts. Er bemühte sich einige Male, mich eifersüchtig zu 
machen, und erzählte mir Verschiedenes, aber es gelang ihm nicht, auch nur 
die kleinste Kegung von Eifersucht, zu wecken. 

War ich schon als Mädchen furchtsam, so litt ich als Frau noch viel mehr 
unter der Furcht vor Einbrechern. Er war oft verreist, und wenn ich dann 
allein schlief, regte mich jedes Geräusch und Geknister so auf, daß ich mit 
Herzklopfen oft im Bette saß und nicht einschlafen konnte. 

Der Sommer brachte immer Streitigkeiten, da mein Mann nie dafür war. 
daß ich wegging, und ich aber der Kinder wegen darauf bestand. Er war wahr- 
scheinlich eifersüchtig und fand es deshalb unnötig. Ich war das 3. Jahr ver- 
heiratet, als ich mit meinen Kindern in die Nähe von Linz aufs Land ging, auf 
das Gut eines Verwandten, wo ich als Kind und als Mädchen die Sommermonate 
gerne verbracht hatte. Ich war eigentlich dort zu Hause. Meine Liebe für Prag 
war schon erloschen und- ich fühlte mich jetzt im Kreise meiner Verwandten 
sehr wohl, meine Geschwister und Eltern waren oft meine Gäste, etwas, was 
ja durch die Entfernung von Prag für mich eine Seltenheit war. Dieser Sommer 
war eigentlich der Anfang vom Endo meiner Ehe. Ich war sehr unglücklich und 
gesundheitlich heruntergekommen eingetroffen, litt auch stark an Migräne 
und war immer müde. Mein Kind war durch einen, schlechten Arzt halb zu- 

SSJSySSSf n° rC r n ", nd S \ hatte ,nir von meinera alten HaU6arzt in Li»* 

Rettung eihofit. Das kind gedieh, nur war also eine schwere Sorge genommen. 
Und da war nun der große Gegensatz, in Prag waren die Befürchtungen und 
die Sorge ums Kind nnmor als Übertrieben von der Familie und auch mehr oder 
weniger von meinem Mann aufgenommen worden. Er wollte eben Ruhe haben 
und ich gab ihm keine. Nun bei meinen Leuten tat man alles mögliche für das 
Kind, ich fühlte, wie man mir Recht gab und daß man sich vor allem bemühte, 
das Beste herauszufinden. Dazu kam meine angeborene Faulheit; die Mutter 
sorgte für mich, ich hatte nicht nötig, mir Kopfzerbrechen zu machen. Geistig 
faul war ich von jeher, und nun verursachte mir das geringste Denken in der 
Wirtschaft. Schwierigkeiten. Ich konnte meine Gedanken nicht konzentrieren 
und bekam sofort Üblichkeiten. Selbst das „Speiszettelmachen" oder die 
kleinen Verrechnungen bereiteten mir Schwierigkeiten. Da e6 mir in der Nähe 
der Eltern so gut ging, faßte ich den Plan, mit aller Macht daran zu arbeiten, 
daß wir ganz nach Linz übersiedelten, bestärkt wurde ich noch dadurch, weil 
ich unter den wirtschaftlichen Verhältnissen in Prag sehr zu leiden hatte. — 
Mein Mann kam einige Male auf Besuch, aber ich freute mich nicht an seinem 
Kommen. In verstärktem Maße schämte ich mich seiner, verglich ihn mit 
meinen Verwandten und fand, daß jeder von ihnen intelligenter sei als er, war 
aber jedem einzelnen dankbar, weil sie alle nett zu ihm waren. Mein ganzes 
Selbstgefühl war dahin, weil ich ja doch den Mann mit ganz nüchternen Augen 
sah. Manchmal kribbelte es mir, wenn er irgend eine ungeschickte Bemerkung 
machte. Er war ein Optimist, mehr als das, er sah nie klar und das machte mich 
rasend. Mein Mann schien wenig von meinem Innern zu wissen, denn er war 

Stokel, Störungen des Trieb und Aflektlebens. IH. 2. Aufl. 20 



306 



Die Geschlechtskälte der Frau. 



eehr glucklich und die Streitigkeiten störten ihn nicht. Meine seltsame Art ihn 
manchmal zu behandeln, schob er auf mein Wesen. In Prag war ich immer mit 
gesetzten Menschen zusammen, die sehr nüchtern waren. Jetzt war ich aber 
mit meinen Geschwistern zusammen und auch sonst mit Verwandten und das 

?M n J Ue f ^ mir , wohl - Ich S jn g nich * mehr ganz in meinen Hausfrauen- 
und Mutterpflichten auf. 

Meine Schwester, die das erste Mal aufgetreten war, verbrachte einen Teil 
des Sommers bei mir. Ich zog nun Vergleiche zwischen ihr und mir und die 
Helen für mich sehr ungünstig aus. Ich beneidete sie, weil ihr das Leben noch 
bevorstand, zudem war sie frei und genoß die Freiheit in ihrem Berufe doppelt 
Auch hatte sie eine unglückliche, vielmehr damals noch glückliche Liebes- 
geschichte und dieses Erleben neidete ich ihr. Ich war doch gebunden, und 
konnte dieses Spiel von Kokettieren und Erobern nicht mehr erleben ich kam 
mir so alt und armselig vor. - Sie imponierte mir. auch äußerlich gefiel sie 
mir und übte großen Reiz auf mich aus. Unser Verhältnis hatte sich seit 
meiner Verheiratung ganz geändert, wir stritten nie mehr, wenn wir zusammen 
waren. Ich bewunderte sie und unterwarf mich ihr ganz und sie war mir 
„armen Hascherl" gegenüber sehr gönnerhaft. Im Gegenteil, ich kannte kein 
größeres Vergnugen, als mit ihr zu sprechen, ich empfand dabei einen großen " 
Genuß. Ich hatte nachher immer das Gefühl wie nach einem Bade. Ihr Wesen 
und ihr Geist wirkten so auf mich und ich hatte bei niemandem vorher etwas 
Ähnliches empfunden, als dann später, als ich meinem Vater nähertrat. Meine 
Mutter war eifersüchtig und behauptete immer, wir vertrügen uns nur so gut 
weil wir über sie sprächen. Nun war dies äußerst selten der Fall, daß wir über 
das Verhältnis unserer Eltern sprachen. Meine Schwester stand nämlich auf der 
Seite des Vaters. Tatsache war, daß ich. wenn ich mit meiner Schwester gut 
stand, ein fremdes Gefühl für meine Mutter hatte; es war dann eine Störung 
zwischen uns, die vielleicht ihre maßlose Eifersucht und meinen Trotz hervor- 
rief. Ich fühlte, daß meine Schwester meinen Mann nicht schätzte, obwohl wir 
nie darüber sprachen, und das blieb nicht ohne Eindruck auf mich. Da wir ja* 
nicht zusammen waren, kam es selten zu einem Verkehr, aber ich hatte jedesmal 
vor Aufregung Anfälle, in denen ich glaubte, das Herz bleibe stehen. Ich mußte 
weinen, um mir Luft zu machen, denn sonst glaubte ich zu ersticken. In meiner 
Wut, denn es waren ganz schreckliche Zustände, hätte ich ihm am liebsten 
etwas angetan. Ich haßte ihn in solchen Momenten, vergaß dann ganz das 
Peinliche seiner Situation, aber die Aufregung benahm mir jede Beherrschung. 
Manchmal tat er mir leid und ich war nachher gut zu ihm . . . 

Damals brach der Krieg aus und mein Mann erklärte, er sei in solcher 
Aufregung, daß er deshalb nichts machen könne, denn er brachte kein steifes 
Glied zusammen. Ich war unglücklich und konnte nicht verstehen, was der 
Krieg mit seiner Potenz zu tun habe und warum ich den Krieg entgelten 
müsse. Ich entdeckte jetzt eine neue Eigenschaft an ihm: er war feig! Das 
konnte ich nicht begreifen, weil damals jeder vom Patriotismus fortgerissen 
wurde. Der Gedanke, er würde einrücken müssen, war mir ein angenehmer. 
Mein Wunsch hätte sich erfüllt; ich wäre mit meinen Kindern zu den Eltern 
gezogen. 

Wir kehrten im Herbst nach Prag zurück, schweren Herzens trennte ich 
mich von meinen Leuten. Ich war so mit meinen inneren Kämpfen beschäftigt, 
daß mich eigentlich der Krieg wenig berührte, obwohl auch ich unter den Miß- 
ständen des Krieges zu leiden hatte. Mein Mann, der in einer Kanzlei Dienst 
versah, hatte die ständige Angst, er werde wegmüssen, und kündigte mir 



Lebensheichten. 307 

einige Male an, er müsse bereit sein, denn er würde an die Front geschickt. Da 
ich ihm die ersten Male aufgesessen war, ließen mich nachher seine Befürch- 
tungen ganz gleichgültig; ich bemühte mich nicht einmal, es vor ihm zu ver- 
bergen. Er wunderte sieh nur über mein „Phlegma". In letzter Zeit wußte er 
sogar, daß mir sein Portgehen nicht unerwünscht wäre, weil es mir die Mög- 
lichkeit gab, nach Linz zu gehen. Mein Mann begann sich, glaube ich, vor jedem 
ehelichen Verkehr zu fürchten, weil er vor mir Angßt hatte. So wurde es immer 
ärger. Ich hatte bei zufälligen Berührungen durch das Hemd durchgefühlt, daß 
mein ganzer Körper eine große erogene Zone war. Ich war überall erregbar, 
aber ich hätte ihn nie gebeten, mich zu streicheln. Mein Stolz und mein Scham- 
gefühl ließen es nicht zu. Seine Potenz besserte sich, aber ich hatte diese 
kolossalen Aufregungen vor dem Verkehr und nachher verloren; außer einer 
kleinen unmerklichen Erregung am Beginne, blieb ich ganz kalt und er machte 
einige Male die Bemerkung, so etwas von Kälte sei ihm bei einer Frau nicht 
vorgekommen, ich sei wie ein Stück Holz. Ich hatte damals selbst keine 
Ahnung von meiner Leidenschaftlichkeit und glaubte, es sei bei mir alles aus. 
Ich pflegte ihm immer zu sagen, ich sei nur mehr ein ausgebrannter Vulkan. 
Ich war vorher eine Zeitlang sehr unglücklich; durch mein ewiges Nicht- 
befriedigtsein hielt ich mich für abnormal, maß wieder mir die Schuld an den 
Störungen in unseren sexuellen Beziehungen bei. 

In irgend einem Buche las ich über Perversionen und da auch ich dunkle 
Wünsche verspürte, hielt ich mich für pervers. Meinen Buben, der sehr sexuell 
war, hielt ich immer meinem Mann als- Beispiel vor und meinte, seine zukünf- 
tige Frau sei zu beneiden, er werde kein kalter Fisch sein, er zeige schon heute 
tausendmal mehr Temperament und Verständnis für die Liebe al6 sein Vater. 

Die Besuche meiner Mutter regten mich immer sehr auf. Ich meinte 
immer weinen zu müssen, sie hatte immer soviel Ideen, die sie natürlich nicht 
ausführte, aber ich konnte ihr nicht folgen, da ich gar nicht mehr denken 
konnte. Sie meinte es wirklich sehr gut mit mir, aber ich vertrug ihre Ruhe- 
losigkeit nicht, auch nicht ihre Natur, sich aufzuopfern, weil ich mich ver- 
pflichtet fühlte. Es war immer etwas Quälendes für mich- zu wissen, daß man 
mir Opfer bringe. Nun brachten es die Verhältnisse und auch meine Krankheit 
mit sich, daß ich sie während meiner Ehe sehr ausgenützt habe. Meine Liebe zu 
ihr war eine sehr egoistische, ich brauchte sie nämlich. Während ihres Aufent- 
haltes in Prag war ich von einer derartigen Hast erfüllt, glaubte immer, ich 
werde mit all den. an sie zu stellenden Fragen nicht fertig werden. Im Gegen- 
satz zu meiner Selbständigkeit in der ersten Zeit besprach ich nun die kleinste 
Kleinigkeit mit ihr und mein Mann ärgerte sich oft über diese Unselbständig- 
keit. Kaum war 6ie weg, schrieb ich ihr zärtliche Briefe, hatte immer das 
Gefühl, ich wäre nicht genug lieb mit ihr gewesen. Ich liebte sie, aber etwas 
Unbestimmbares an ihr reizte mich immer und ich mußte mir Gewalt antun, 
um mich zu beherrschen. Vielleicht war es das Schwankende, leicht Beeinfluß- 
bare ihres Wesens *), das die Herrschsucht in mir wachrief. Da ich wußte, daß 
sie mir innerlich beistimmte, war ich zur Zeit ihrer Besuche immer sehr wider- 
spenstig gegen meinen Mann, schrie ihn an, quälte ihn, er wußte das schon 
und sagte : „Wenn die Mama da ist, dann wirst du frech !" Ich suchte Streit mit 
ihm, weil ich mich um etwas betrogen fühlte. Hätte ich nur einmal den Mann 



*) Was sie reizte, war die später zutage tretende homosexuelle Einstellung zur 
Mutter! 

20* 



30^ Die Gcschlechtskälte der Frau. 

in ihm gefühlt, gewußt, sein Wille sei vernünftig und unabänderlich! Aber er 
war ein sehr schwacher Mensch, so daß meine Herrschsucht zum Vorschein 
kam. Gerade Herrschernaturen haben das Bedürfnis nach einer starken Hand, 
denn 6onst meldet sich die ganze Tyrannei in ihnen. 

Mit meinem Vater war das ganz anders, seine Besuche regten mich nicht 
auf, icli genoß seine Anwesenheit ohne diese verzehrende Unruhe. Meine Liebe 
zu ihm wurde immer größer, ich fühlte eine Wesensverwandtschaft und wir 
verstanden uns, ohne daß wir uns je aussprachen. Die kleinsten und nichtigsten 
seiner Worte prägte ich mir ein. Wir waren nie körperlich zärtlich miteinander. 
Ich fühlte mich schon durch seine Stimme geschmeichelt, er sprach sehr leise 
und das tat meinem Ohr so wohl. Ein Streichern seiner Hand war für mich die 
größte Liebkosung. Ich konnte manchmal nicht begreifen, daß es derselbe 
Vater war, vor dem ich als Mädchen nur Scheu empfunden. Es waren glückliche 
Tage, die er in meinem Heim verbrachte! Zu meinen Kindern war er ein beson- 
ders guter Großvater. Mein Mann war nie auf